Mitfühlen, mitdenken
»Wer mitfühlen, mitdenken will, braucht Deutungen des Geschehens. Das Geschehen allein genügt nicht.« So formuliert es Ruth Klüger, lakonisch wie immer, in »Weiter leben« (Klüger 1997: 128). Zweifellos besteht einer der größten Irrtümer historischer Vermittlung in der Annahme, irgendein Historisches spreche für sich; am wenigsten gilt das wahrscheinlich für jenes historische Geschehen, das die deutsche Erinnerungs- und Gedenkkultur in Bann hält: den Holocaust. Seine Rezeptions- und Wirkungsgeschichte ist das eindrücklichste Beispiel dafür, welchen Deutungswandlungen historische Geschehenszusammenhänge unterworfen sind. Schließlich hat es Jahrzehnte gedauert, bis das Leiden der getöteten und überlebenden Opfer anerkannt wurde und die Massenvernichtung zum zentralen Bestandteil der deutschen Erinnerungskultur geworden ist. Dabei wird heute, in der Situation einer bis zur Erstarrung stabilen Gedenk- und Erinnerungslandschaft, oft vergessen, dass eben dies – die Verweigerung der Anerkennung der Leiden der Opfer – der erinnerungspolitisch größte Skandal der Nachkriegsgeschichte war.
Dieser besteht heute nicht mehr. Seit Ende der 1970er Jahre hat die Erinnerungskultur sukzessive jene Gestalt angenommen, die sie bis heute prägt: Zentriert um signifikante historische Orte und Daten wird heute regelmäßig der Gewalt und der Opfer gedacht, und dies nicht nur im Rahmen von Gedenkstunden und -veranstaltungen vor Ort, sondern auch im Rahmen historischer Ausstellungen, in Fernsehdokumentationen, bei Diskussionsveranstaltungen etc.
Dabei werden nicht selten Gedenken und historische Bildung in eins gesetzt, und folgerichtig entstehen Kollateralschäden der Geschichtsaufklärung, die der historischen Bildung zuwiderlaufen – etwa die Fortschreibung eines Geschichtsbewusstseins, in dem die Rollen von Tätern (»Nazis«), Zuschauern (»Volk«) und Opfern (»Juden und andere Verfolgte«) säuberlich getrennt werden, als lägen solche Rollenverteilungen in modernen arbeitsteiligen Gesellschaften schon fest, bevor sich die Gruppen im Ausgrenzungs- und schließlich im genozidalen Prozess zu differenzieren beginnen.
Oder es wird beständig der Fehler wiederholt, diesen Prozess vom Ergebnis, also von der millionenfachen Vernichtung her, verstehen und erklären zu wollen. Das absolute Grauen, das der Nationalsozialismus erzeugt hat, muss auf diese Weise opak und erratisch erscheinen, denn die industrielle Produktion von Leichen ist als factum brutum notwendigerweise völlig unerklärlich. Genau deshalb genügt das Geschehen an sich nicht zum Mitfühlen und Mitdenken. Ein deutendes Verstehen und Erklären, wie in der Mitte der europäischen Kultur sich eine moderne Gesellschaft in eine Kultur der Gegenmenschlichkeit verwandeln konnte, erfordert zunächst kein moralisches Bekenntnis, dass man gegen Massenmord ist, sondern ein Bewusstsein erstens darüber, dass Geschichte ein Prozess ist, wenn sie geschieht, und dass Menschen als Akteure in diesem Prozess nicht das Wissen späterer Generationen über ihn haben.
Genau deswegen ist es wichtig, zeitgenössische Quellen zur historischen Bildung heranzuziehen und nicht Zeitzeugenberichte, die immer vor dem Hintergrund des Wissens verfertigt werden, wie die Geschichte ausgegangen ist. Und deswegen ist es wichtig, die Geschichte des Holocaust vom Anfang her zu erzählen und nicht von seinem Ende – weil er dann aus dem Status eines unvorstellbaren Ereignisses in jenen eines historisch jederzeit Möglichen transformiert wird. Und das begreiflich zu machen: Darauf kommt es ja heute mehr denn je an.
Die Zeitzeuginnen und Zeitzeugen schwinden; eine vierte und fünfte Generation nach dem Holocaust besucht die Gedenkstätten und lernt Geschichte. Man wird ihnen nicht gerecht, wenn man sich weiterhin nur jenes historisch-moralischen Pathos befleißigt, das im Kampf um die Erinnerung seine Berechtigung hatte, nun aber abgestanden und muffig geworden ist. Nicht vergessen zu sollen ist ein sinnloser Appell, wenn niemand vergessen will. Sich aber nicht den Anforderungen stellen zu wollen, die eine Historisierung von Nationalsozialismus, Holocaust und Zweitem Weltkrieg genauso mit sich bringt wie der Übergang von der generationell heißen zur kalten Erinnerung: Das wäre ein aufklärerisches Versäumnis, eine erinnerungspolitische Bankrotterklärung.
Wie eine Erinnerungskultur in Zeiten aussehen könnte, in denen der Holocaust vom kommunikativen zum kulturellen Gedächtnis wird, das fragen wir in diesem Buch – und zwar aus zwei Perspektiven: Erstens aus einer sozialpsychologischen Sicht, der es im Kern um die Frage geht, was man aus Geschichte lernen kann, wenn man eine Zukunft meistern will, und zweitens aus einer kultursoziologischen Sicht, die einen ganz anderen Typ von historischem Lernort entwirft, als ihn die Gedenkstätte repräsentiert. Es fügte sich ganz wunderbar, dass Dana Giesecke am Szenario eines Hauses der menschlichen Möglichkeiten arbeitete und bereit war, ihre diesbezüglichen Gedanken in dieses Buch einzubringen, als Harald Welzer von der Körber-Stiftung gebeten wurde, Überlegungen zur Modernisierung der Erinnerungskultur anzustellen. Vor diesem Hintergrund sind die inhaltlichen Verantwortlichkeiten klar verteilt: Für die – zuweilen auch polemische – Auseinandersetzung mit der deutschen Erinnerungs- und Gedenkkultur steht der Autor gerade, für die Skizze des bürgerschaftlichen Lernortes neuen Typs die Autorin. Unter beiden Gesichtspunkten geht es, um auf Ruth Klüger zurückzukommen, um ein aufgeklärtes, nicht um ein pseudologisches Mitfühlen und Mitdenken.
Wir danken der Körber-Stiftung, namentlich Bernd Martin und Sven Tetzlaff, für ihr großes Engagement um dieses Buch im Besonderen und um eine moderne, gegenwartstaugliche Erinnerungskultur im Allgemeinen, und hoffen, dass die Vorschläge, die hier gemacht werden, fruchtbare Debatten nach sich ziehen werden.
Dana Giesecke / Harald Welzer
im März 2012