Kapitel II

Die Beerdigung von Lissy und ihrer kleinen Tochter in den Katakomben der Breidenburg war für Gero an Grausamkeit kaum zu überbieten. Nachdem er den Sarg mit Mutter und Kind höchstpersönlich zum Stammsitz seiner Eltern überführt hatte, war Lissys Leichnam noch einen Tag in der Kapelle aufgebahrt worden, damit sich die Burgbewohner von der Tochter des Hausherrn verabschieden konnten. Um Gerede zu vermeiden, hatte man den Leichnam des Kindes ans Fußende des geöffneten Sargs gelegt und unter einer seidenen Decke versteckt. Offiziell sollte den Bewohnern der Breidenburg verschwiegen werden, dass Elisabeth schwanger gewesen und daran gestorben war. Da sie schon vor der Hochzeit mit Gero eine von Breydenbach gewesen war, blieb der Name ohnehin gleich.
Danach wurde der Sarg geschlossen und von sechs starken Männern hinunter in die Katakomben getragen, wo schon die sterblichen Überreste einiger anderer Burgbewohner ihre letzte Ruhe gefunden hatten. Auf dem Weg dorthin hatten Knechte mehrere Fackeln entzündet und in die dafür vorgesehenen Halterungen gesteckt. Die lodernden Flammen verstärkten in Gero indes nur noch das Gefühl, einer Hölle entgegenzugehen.
Jeder Stein in diesem Hades erinnerte ihn daran, wie sehr Lissy diesen Ort gefürchtet hatte.
Zu allem Übel las der ungeliebte Bruder Rezzo die Totenmesse und sprach in seiner Predigt auffällig oft von Schuld und Sühne und dass es immer einen Grund gebe, wenn Gott der Allmächtige ein so junges Leben zu sich nehmen würde. Während der ganzen Zeit stand Geros Vater auf der anderen Seite der Gruft und durchbohrte ihn regelrecht mit seinen eisblauen Augen.
Gero erwiderte den Blick des Alten beinahe gleichgültig. Sein Vater konnte ihm nichts mehr anhaben, das ihn noch tiefer verletzen würde. Er hatte genug gelitten und so viel geweint, dass er für den Rest seines Lebens keine Tränen mehr haben würde. Sein Innerstes glich einer verdorrten Landschaft, die weder durch Wasser noch durch Feuer je wieder zum Erblühen gebracht werden konnte. Stumm beobachtete er, wie der Sarg in die Gruft hinabgelassen wurde, und ebenso stumm vernahm er das Wehklagen der Frauen, das diesen Vorgang begleitete. Gero blieb noch einen Moment lang mutterseelenallein vor der verschlossenen Grabplatte stehen, nachdem auch der Letzte die Katakombe verlassen hatte, als er mit einem Mal Schritte hinter sich hörte. Diesmal drehte er sich um und sah Roland, der etwas in der Hand hielt, das ihm Trost spenden sollte.
„Hier, mein Junge“, sagte sein alter Waffenmeister und bester Freund leise und drückte Gero eine sorgfältig getrocknete rote Rose in die Hand. „Margaretha wollte sie dir nicht in Anwesenheit deines Vaters geben. Sie meinte, Elisabeth würde sich vielleicht freuen, wenn du sie ihr aufs Grab legst. Denn wo immer sie auch nun sein mag, kannst du sicher sein, dass sie dich von oben beobachtet und stolz auf dich ist, egal, was du tust.“
Schweigend nahm Gero die Rose entgegen, und dann brach seine innere Barriere mit einem Mal zusammen, und er musste einsehen, dass seine Tränen doch nicht auf immer versiegt waren. Schluchzend fiel er dem Recken um den Hals und ließ seiner Trauer freien Lauf. Roland hielt ihn fest in seinen Armen und klopfte ihm verständnisvoll auf den Rücken. „Lass es raus, mein Junge“, raunte er. „Es wird dir helfen, den Schmerz besser zu ertragen.“ Gero nahm die Einladung gerne an und lud all sein Leid auf Rolands breiten Schultern ab. Es tat so unendlich gut, wenigstens einen Freund zu haben, dem man vollkommen vertrauen konnte. Vor dem man sich nicht schämen und nichts zurückhalten musste. Dass es ausgerechnet der Mann war, der sein Leben gerettet hatte, machte es für ihn umso wertvoller.
„Vergib mir, dass ich mich so gehenlasse“, krächzte Gero, als er sich von dem bärbeißigen Burgvogt löste, in dessen dunklen Augen ebenso Tränen schimmerten. „Und danke für alles.“
„Da gibt es nichts zu danken, Junge“, brummte Roland dunkel. „Ich möchte dir nur noch mal sagen, wie sehr deine Tante und ich mit dir leiden und dass du uns immer willkommen bist. Falls du es dir überlegen solltest, zu den Templern zu gehen.“
„Da ist nichts zu überlegen, Roland. Elisabeths Tod hat den Orden zu meiner Bestimmung erhoben. Ich spüre es tief in mir.“
„Und du gehst nicht, weil dein Vater es wollte und du dich nun in seiner Schuld fühlst?“ Roland sah ihn aus schmalen Lidern an.
„Nein“, entgegnete Gero im Brustton der Überzeugung. „Ich tue es für mein Seelenheil und die Chance, Lissy im Jenseits wiedersehen zu dürfen. Ob mein Vater mir verzeiht oder mir wohlgesinnt ist, interessiert mich nicht.“
Als Gero später am Tag das Arbeitszimmer seines Vaters aufsuchte, saß dieser an seinem Schreibpult und diktierte einem jungen Klosterschreiber aus Hemmenrode einige Briefe, die er allem Anschein nach an den Erzbischof übersenden wollte.
„Gott sei mit Euch, Vater“, sagte Gero anstandshalber, wobei er sich nicht wunderte, als der Alte noch nicht einmal aufschaute. Richard von Breydenbach sprach ohnehin kein Wort mehr mit ihm, seit er vor Monaten die Burg fluchtartig mit Lissy verlassen hatte. Im Grunde war es also kein Wunder, dass sein Vater ihn nach seiner erzwungenen Rückkehr kaum mit Blicken bedachte, zumal er ihm bereits vor seinem Verschwinden unerbittliche Rache geschworen hatte. Dass nun das Schicksal diesen Part übernommen hatte, konnte seinem Vater nur recht sein. Jedoch gebot es der Respekt, dass Gero sich wenigstens von ihm verabschiedete, selbst wenn der Alte ihm den obligatorischen Segen verweigerte.
Da machte es wohl auch nichts aus, dass Gero über der schwarzen Lederhose, dem wattierten Unterwams und dem Kettenhemd den Wappenrock der Breydenbacher trug. Den ganzen Morgen hatte er überlegt, ob er Margaretha zuliebe eher den Wappenrock der Waldensteiner anlegen sollte, wenn er zur Beisetzung ging, und auch, wenn er sich bald darauf bei den Templern in Troyes vorstellte. Schließlich hatte seine Tante ihn noch vor wenigen Tagen zu ihrem gräflichen Erben ernennen wollen und ihm immer vorbehaltlos zur Seite gestanden, während sein Vater ihn wegen der Heirat mit Lissy am liebsten ins Jenseits befördert hätte.
Doch dann hatte er sein Wappenbuch in Händen gehalten, und ihm war bewusst geworden, mit wie viel Stolz er seit jeher seine Familie vertreten hatte. Schließlich waren seine Ahnen nicht schuld daran, dass sein Vater ihn im Herzen verstoßen hatte.
Während Gero noch über den Grund seiner tief empfundenen Loyalität grübelte, hatte sein Vater überraschend den Schreiber hinausgeschickt.
„Und nun zu dir“, sagte er düster und lehnte sich in seinem Scherenstuhl zurück, die stechenden Augen wie ein Falke auf seine Beute gerichtet. Gero nahm mehr aus Gewohnheit Haltung an, worüber er sich augenblicklich ärgerte. Der Alte hatte also selbst nach allem, was an Unfassbarem geschehen war, immer noch eine unterschwellige Macht über ihn.
„Ich wollte mich nur verabschieden, weil ich morgen in aller Frühe nach Franzien aufbreche“, sagte Gero tonlos und hoffte dabei im Stillen, dass sein Vater ihn ohne Kommentar ziehen ließ. Doch das war ein frommer Wunsch.
„Falls du denkst, dass du mit deinem Beitritt zu den Templern alles vergessen machen könntest“, zischte sein Vater mit unübersehbarem Zorn, „so lass dir gesagt sein, dass dies nicht möglich ist. Du hattest die Chance und hast sie vertan. Gott der Herr gibt einem in den seltensten Fällen eine zweite Gelegenheit, und ich tue es auch nicht. Deshalb lass dir gesagt sein: Die einzige Möglichkeit, deine Verfehlungen wiedergutzumachen, liegt darin, dass du eines nicht fernen Tages ins Heilige Land ziehen wirst und dein Leben gibst, um Jerusalem für die Christenheit zurückzuerobern. Denk nicht einmal daran, dass du jemals hierher zurückkommen wirst. Selbst dann nicht, wenn dein Beitritt zum Orden von besagtem Erfolg gekrönt sein sollte. Ich will dich hier nicht mehr sehen.“
„Nichts anderes hatte ich vor“, bemerkte Gero mit einer gewissen Resignation in der Stimme. „War das alles, was Ihr mir zu sagen habt, Vater?“ Plötzlich war er ganz ruhig, ja sogar erleichtert, dass sein alter Herr genau das ausgesprochen hatte, was er sich selbst fest vorgenommen hatte.
Richard von Breydenbach kniff die Lippen zusammen und nickte stumm, dann wandte er den Blick ab, als könne er den Anblick seines jüngsten Sohnes nicht länger ertragen.
Beiläufig sortierte er eine Fülle von Papieren und überreichte sie Gero mit einer knappen Erklärung.
„Das sind die notwendigen Geleitbriefe und Empfehlungen, die dir auf deiner Reise nach Franzien und Zypern helfen werden. Ich will, dass du mir unter keinen Umständen Schande bereitest. Haben wir uns verstanden?“
„Euer Wunsch sei mir Befehl, Seigneur“, erwiderte Gero und lächelte beinahe, als er die Papiere, wenn auch ein wenig überrascht, entgegennahm. Der Plan, ihn ins Hauptquartier der Templer nach Zypern zu schicken, bestand ja schon seit geraumer Zeit, und so, wie es aussah, hatte der Alte bereits vor Geros Flucht alles bestens vorbereitet, um ihn zumindest unbehelligt ins Ordenshaus von Troyes gelangen zu lassen. Von dort aus würde sich der Orden um eine ungehinderte Reise übers mittelländische Meer kümmern.
„Lebt wohl, Vater“, fügte er leise hinzu und wandte sich zum Gehen.
„Gott sei mit dir“, brummte der Alte hinter ihm her. „Und vergiss nicht, dich von seiner Mutter zu verabschieden.“
Gero unterdrückte sein Staunen und eine damit verbundene Bemerkung. Unbeirrt setzte er seinen Weg nach draußen auf den langen Flur fort und schloss dann leise hinter sich die Tür.
Sein Vater schien durch die Ereignisse ebenso verwirrt zu sein wie er selbst, tröstete er sich und begab sich zur Kemenate seiner Mutter.