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ÜBER DIE AUTORIN

Elif Batuman, 1977 in New York City geboren, lebt zurzeit in Istanbul. Sie schreibt regelmäßig für The New Yorker, The New York Times, Harper’s Magazine und n+1. Die Besessenen ist ihr erstes Buch, mit dem sie in den USA und inzwischen auch in Europa zur Kultautorin wurde.

ÜBER DAS BUCH

Warum bloß bleibt Hans Castorp in Thomas Manns Zauberberg sieben Jahre im Sanatorium, obwohl er selbst keine Tuberkulose hat? Natürlich geht es um die Liebe. Und um die Liebe dreht sich auch alles in Die Besessenen.

Elif Batuman erzählt von ihrer großen Bewunderung für die klassischen – insbesondere russischen – Autoren und tut dies auf eine so kluge und berührende Weise, dass man bald selbst vor Begeisterung sprüht. Dabei liest sie niemals, ohne gleichzeitig mit einem Auge auf ihr Leben und die Menschen um sie herum zu schielen. Wie Don Quijote zieht sie aus, um in der Welt etwas über die Literatur zu erfahren und in den Büchern etwas über die Welt. Batuman schreibt dabei mit so viel schillernder Raffinesse, dass am Ende keine Literaturwissenschaft entsteht, sondern Literatur.

»Ein bewundernswertes Buch: genial, klug und gut gelaunt.«

FAS

»Batuman zählt mit 34 Jahren zu den witzigsten amerikanischen Essayistinnnen. Eine bessere Einladung, sich mit Literatur zu beschäftigen, wird man lange suchen.«

FAZ

INHALTSVERZEICHNIS

Einleitung

Babel in Kalifornien

Sommer in Samarkand

Wer hat Tolstoi umgebracht?

Sommer in Samarkand (Fortsetzung)

Das Eishaus

Sommer in Samarkand (Ende)

Die Besessenen

Literaturverzeichnis

EINLEITUNG

In Thomas Manns Zauberberg kommt ein junger Mann namens Hans Castorp in ein Schweizer Sanatorium, um seinem schwindsüchtigen Cousin drei Wochen Gesellschaft zu leisten. Obwohl Castorp selbst gar keine Tuberkulose hat, werden aus dem Besuch am Ende sieben Jahre. Die Handlung des Zauberbergs spiegelt die Geschichte seiner Entstehung: Mann wollte ursprünglich eine Erzählung schreiben – heraus kam ein Roman von 1200 Seiten. So komplex das Buch auch ist – seine zentrale Fragestellung ist sehr einfach: Wie kommt es, dass jemand, der nicht selbst die Schwindsucht hat, sieben Jahre in einer Lungenheilanstalt verbringt? Ich stelle mir häufig eine ähnliche Frage: Wie kommt es, dass jemand ohne wirkliche akademische Ambitionen sieben Jahre in Kaliforniens Suburbia verbringt, um sich mit der Form des russischen Romans zu beschäftigen?

Im Zauberberg geschieht all das aus Liebe. Bei seinem Besuch verfällt Castorp einer Patientin, die von ihrem Mann, einem russischen Offizier, getrennt lebt. Ihre hohen Wangenknochen und ihre graublauen »Kirgisenaugen« erinnern ihn an seine kindliche Leidenschaft fürs Slawische – besonders an einen von ihm bewunderten älteren Schüler, von dem der Held sich einmal, in dem glücklichsten Augenblick seines Lebens, einen Bleistift geliehen hatte. Zumal die Augen der Russin »auf erstaunliche und erschreckende Weise« denen des Mitschülers ähneln. Das heißt, verbesserte sich Mann, »ähneln ist nicht das richtige Wort – es waren dieselben Augen«. Unter ihrem hypnotisierenden Einfluss regt sich in Castorp der dringende Wunsch, etwas über Samoware, Kosaken und die russische Sprache zu erfahren, von Mann anschaulich als »dies verwaschene, wildfremde, knochenlose östliche Idiom« bezeichnet. Eines Nachmittags hört Castorp einen Vortrag über Liebe als pathogene Macht, in dem der Psychoanalytiker des Sanatoriums seinen Zuhörern samt und sonders die Diagnose »Opfer der Liebe« stellt. Das Krankheitssympton sei verkappte Liebesbetätigung und jede Krankheit verwandelte Liebe. Castorp erkennt die Wahrheit dieser Worte. Er verliebt sich so wahnwitzig in die verheiratete Russin, dass er Fieber bekommt und auf einem seiner Lungenflügel eine feuchte Stelle auftaucht. Diese wirkliche oder eingebildete feuchte Stelle und die Hoffnung, bei den Mahlzeiten die geliebte Frau zu sehen, halten ihn auf dem Zauberberg fest.

Natürlich gibt es viele Unterschiede zwischen meiner Geschichte und der von Hans Castorp. Aber es gibt auch Parallelen. Meine sieben Jahre am Fachbereich Vergleichende Literaturwissenschaften in Stanford waren auch eine Geschichte der Liebe und der Begeisterung für alles Russische. Bei mir kündigte sich diese Liebe ebenfalls in der Schulzeit an, durch eine zufällige Begegnung mit einem Russen, und entwickelte sich vor einem institutionellen Hintergrund.

Der erste Russe, den ich kennenlernte, war mein Geigenlehrer an der Manhattan School of Music, wo ich samstags zum Unterricht ging. Maxim trug schwarze Rollkragenpullis, spielte auf einer orangefarbenen Geige mit schmelzendem Klang und schien ständig in gedankliche Operationen vertieft zu sein, die weit über das durchschnittlich-menschliche Denkvermögen hinausgingen. So erzählte er mir einmal gegen Ende einer Stunde, er müsse zehn Minuten früher gehen, und verbrachte dann eben diese zehn Minuten damit, mir mit gewundener Logik auseinanderzusetzen, warum sein vorzeitiger Aufbruch mich nicht um meinen Unterricht bringe.

»Sag mir eins, Elif«, rief er, nachdem er sich in eine schier unglaubliche Erregung hineingesteigert hatte, »wenn du dir ein Kleid kaufst, kaufst du das schönste oder dasjenige, das am meisten Stoff hat?«

Ein anderes Mal sollte ich mir eine bestimmte sowjetische Aufnahme der Mozart-Violinkonzerte anhören. Auf einem hölzernen Bücherkarren sitzend spielte ich alle fünf Konzerte nacheinander ab – eine elegant fließende Darbietung mit Passagen flirrender Intensität, in der sich das allumfassende Drama von Mozarts Erdenweg widerspiegelte. Allerdings lenkte mich das Bild auf der CD-Hülle ein wenig ab – das etwas unscharfe Foto des Solisten, der meinem Geigenlehrer glich wie ein Ei dem anderen. Die steife Haltung, die nach unten weisenden Mundwinkel, die konzentriert zusammengezogenen schwermütigen Augenbrauen – alles war genau wie bei ihm. Er hieß sogar Maxim, hatte aber einen anderen Nachnamen.

In der Woche darauf fragte Maxim, ob mir etwas Ungewöhnliches an dem Geiger aufgefallen sei.

»Zum Beispiel?«, fragte ich.

»Sagen wir … sein Aussehen. Am Moskauer Konservatorium hieß es, wir sähen uns ähnlich … sehr ähnlich. Fast wie Brüder.«

»Ja, doch, das ist mir tatsächlich aufgefallen.«

Nach dieser harmlosen Bemerkung wurde sein Gesicht jählings so düster, als habe ihm jemand ein schwarzes Tuch über den Kopf gestülpt. »Es ist nichts, gar nichts«, sagte er fast zornig.

Das wohl sonderbarste Erlebnis mit Maxim hatte ich beim jährlichen Vorspielen vor der Musikschuljury. In den Wochen vor der Prüfung brachte er mir ständig neue Etüden und Tonleitern zum Vorbereiten und rief mich einmal sogar mitten in der Nacht an, um mir mitzuteilen, dass er seine Pläne geändert habe. »Wir müssen auf alles gefasst sein, weil wir nicht wissen, wer in der Jury sitzen wird«, sagte er immer wieder. »Wir wissen nicht, was sie von dir verlangen. Einiges können wir uns natürlich denken, aber wissen können wir es nicht.«

Als der besagte Tag gekommen war, rief man mich ins Prüfungszimmer mit seinem Flügel und dem langen Tisch, an dessen Kopfende, flankiert von zwei jüngeren Mitgliedern des Lehrkörpers, nicht etwa ein unbekannter Preisrichter saß, sondern Maxim höchstpersönlich.

»Hallo, Elif«, sagte er freundlich.

Unerklärliche Ereignisse dieser Art prägen junge Menschen gewöhnlich stark. Bei mir kam hinzu, dass ich gerade Eugen Onegin gelesen und mich besonders Tatjanas Traum ergriffen hatte, die berühmte Stelle, an der Puschkins Heldin über eine schneebedeckte Ebene geht, »von trauriger Finsternis umgeben«, während sie von einem Bären verfolgt wird. Der Bär packt sie, Tatjana verliert weitgehend das Bewusstsein. Als der Bär sie im Hausflur absetzt, hört sie laute Stimmen und Gläserklirren »wie bei einer großen Beerdigung«. Durch einen Spalt in der Tür sieht sie einen langen Tisch, an dem zechende Ungeheuer sitzen – eine tanzende Windmühle etwa und eines, das halb Kranich und halb Katze ist –, und, wie sie mit schierem Grauen begreift, an dessen Kopfende kein anderer als Eugen Onegin.

Tatjanas Traum bewahrheitet sich im wachen Leben bei ihrer Namenstagsfeier, einer unseligen Begebenheit, bei der Onegin, anscheinend aus purer Langeweile, Tatjana das Herz bricht und mit seinem jungen Freund Lenski einen verhängnisvollen Streit anfängt. (Als Onegin Jahre später in Moskau seine Liebe zu Tatjana entdeckt, ist es zu spät. Sie liebt ihn immer noch, ist aber mit einem alten General verheiratet.) Ich las Onegin in der englischen Ausgabe von Nabokov und war sehr beeindruckt von seiner Anmerkung, dass die Sprache des Traums nicht nur »Traumechos von Rhythmen und Begriffen« aus Tatjanas weiter vorn geschilderten Erfahrungen enthält, sondern auch die Zukunft erahnen lässt: »Eine bestimmte traumgleiche Beschaffenheit setzt sich fort bis zu der Namenstagsfeier und später zum Duell.« »Die Gäste, die bei Tatjanas Fest und später bei den Bällen in Moskau zugegen sind«, schreibt Nabokov, »werden in alptraumhafter Weise durch die Märchenungeheuer und hybriden Monster ihres Traums angekündigt.« Mir schien, dass auch die Musikschuljury in alptraumhafter Weise durch Tatjanas Traum angekündigt worden war und dass sie mit Maxim als Vorsitzendem unter keinem guten Stern stand.

Nun war es nicht so, dass dieser Vorfall mich sofort dazu veranlasst hätte, in Maxims Nationalliteratur nach Antworten zu suchen, aber ich hatte ihn im Hinterkopf, als ich in jenem Sommer in der Wohnung meiner Großmutter in Ankara eine Penguin-Ausgabe der Anna Karenina von 1970 entdeckte. Die englischen Bücher hatte ich alle ausgelesen, und dass dieses so dick war, freute mich besonders. Tolstoi musste eine Ewigkeit gebraucht haben, es zu schreiben! Er hatte sich nicht geniert, seine Zeit damit zu verbringen, statt beim Frisbeespielen oder beim Barbecue zu relaxen. Niemand in Anna Karenina litt – wie ich es tat – unter der Tyrannei der Muße, sie wurde nur zuweilen kritisch hinterfragt. Die Freizeitaktivitäten – Eislaufen, Bälle, Pferderennen – waren schön, gediegen und bedeutsam für die Handlung.

Zwei Wochen lang lag ich auf dem superbourgeoisen dunkelrosa Samtsofa meiner Großmutter, verzehrte Unmengen an Weintrauben und las wie eine Besessene. Anna Karenina machte – so mein Eindruck – da weiter, wo Onegin aufgehört hatte, in der gleichen Welt, als wären auch die Menschen im Opernhaus von Tatjanas Traum, dessen Atmosphäre schon in Annas Erlebnisse beim Pferderennen und in den eingeschneiten Zug eingesickert war, auf alptraumhafte Weise berührt. Es war die gleiche Welt, das gleiche Flair, nur war alles größer – als hätte sich ein bis in alle Einzelheiten der Wirklichkeit nachgebautes Puppenhaus in ein richtiges Haus mit langen Fluren, auf Hochglanz polierten Möbeln und einem weitläufigen Garten verwandelt. Versatzstücke aus Onegin tauchten wieder auf: ein verschneiter Traum, ein fataler Ball, ein Revolver, ein Bär. Es war, als hätte Anna den ganzen Onegin geträumt, Anna, in deren Leben sich Tatjanas ungelöstes Schicksal erfüllte.1

Anna Karenina war ein Buch von geradezu unirdischer Vollkommenheit – unfassbar, monolithisch, changierend zwischen den beiden Polen Natur und Kultur. Wie war es möglich, dass ein Mensch jemals etwas hatte schreiben können, das gleichzeitig so groß und so klein war, so ernsthaft und so leicht, so absonderlich und so natürlich? Die Heldin tritt erst im 18. Kapitel auf, der Roman geht nach ihrem Tod noch ganze 19 Kapitel weiter, und Annas Liebhaber und ihr Ehemann haben den gleichen Vornamen (Alexej). Ihre Zofe und ihre Tochter heißen beide Anna und Annas Sohn und Levins Halbbruder beide Sergej. Die Wiederholung der Namen fand ich so bemerkenswert wie lebensnah.

Meine Mutter freute sich, als sie sah, dass ich ihr Exemplar von Anna Karenina las. »Jetzt kannst du mir erklären, was es wirklich bedeutet«, sagte sie. Meine Mutter bat mich oft, ihr zu erklären, was irgendetwas wirklich bedeutete – Bücher, Filme, Dinge, die Leute auf der Arbeit zu ihr sagten. (Sie arbeitete im SUNY Downstate Medical Centre, wo man offenbar zu besonders obskuren Bemerkungen neigte.) Vorwand für diese Fragen war, dass Englisch meine, aber nicht ihre Muttersprache sei. Dabei hat meine Mutter von klein auf eine amerikanische Schule in Ankara besucht und spricht ein wunderbares Englisch, und ich erinnere mich nur an eine Frage, die ich ihr mehr oder weniger konkret beantworten konnte, nämlich die nach der wörtlichen Bedeutung einer englischen Redensart. (Es ging um die Redensart »knock yourself out«, tu dir keinen Zwang an.) In allen anderen Fällen – so auch diesmal – bedeutete »Was bedeutet das wirklich?« in Wirklichkeit: »Welche Einstellung zu mir oder Menschen wie mir liegt in diesen Worten?« Meine Mutter glaubte, dass die Grundeinstellung der Menschen anderen Menschen gegenüber von Sympathie oder Antipathie geprägt ist und sich diese Haltung in ihren Worten und Handlungen verrät. War man auf einem Foto unvorteilhaft getroffen, war das für sie ein Zeichen dafür, dass der oder die Fotografierende einen nicht wirklich mochte.

»Und was bedeutet das alles nun?«, fragte meine Mutter, als ich Anna Karenina ausgelesen hatte. »Was will Tolstoi damit sagen? Hat Wronski Anna nicht wirklich geliebt?«

Wir waren in der Küche in Ankara, einer Stadt mit einer anagrammatischen Beziehung zu Anna Karenina, und tranken das, was Türken »Türkischen Tee« nennen – also sehr starken, gezuckerten Lipton in kleinen tulpenförmigen Gläsern.

Meiner Meinung nach, sagte ich, hatte Wronski Anna wirklich geliebt.

»Aber nicht genug, sonst hätte sie sich bestimmt nicht umgebracht.« Nach der Theorie meiner Mutter steht die Doppelhandlung in Anna Karenina für die beiden Männertypen in der Welt: diejenigen, die Frauen mögen, und die anderen, die sie nicht mögen. Wronski, ein Mann, der Frauen eindeutig mochte, überwältigte Anna und war von ihr überwältigt, aber mit einem Teil seines Wesens nie so an sie gebunden, wie Levin, ein Mann, der die Frauen eigentlich nicht mochte, an Kitty gebunden war.

»Irgendwie stimmt das schon«, räumte ich ein.

»Sagt Tolstoi, dass es für Frauen besser ist, mit Männern wie Levin zusammen zu sein? Dass Kitty die richtige Wahl getroffen hat und Anna die falsche?«

Ich wusste es nicht – und sagte das auch. Im Rückblick begreife ich, dass ich damals schon bestimmte Vorstellungen darüber hatte, was Literatur ausmacht. Ich war der Meinung, dass sie wirklich »etwas bedeutete« und dass diese Bedeutung gebunden war an die Sprachkompetenz, das eherne Gesetz Chomskys: »die Intuition der Muttersprachler«. (»Du sprichst wirklich Englisch«, pflegte meine Mutter bewundernd zu sagen, wenn wir uns über Bücher unterhielten.) Deshalb wohl hatte ich mich im College für das Fach Linguistik entschieden, es wäre mir nicht im Traum eingefallen, Literatur zu studieren. Ich glaubte fest daran, dass die besten Romane ihr Material und ihre Inspiration einzig dem Leben und nicht anderen Romanen entnahmen und dass ich als aufstrebende Romanschriftstellerin mich deshalb davor hüten müsse, zu viele Romane zu lesen.

Auch Literaturtheorie und Literaturgeschichte – oder das, was ich davon wusste – interessierten mich nicht sonderlich. Damals war die allgemeine Meinung, dass »Theorie« schlecht für Schriftsteller sei, weil sie eine Abneigung gegen die Sprache wecke und angehende Autoren der Postmoderne in die Arme treibe. Und was hatte sie schon zu bieten außer der Reduzierung eines Romans auf eine Sammlung unerfreulicher Fakten über Machtstrukturen oder den oberflächlichen Reiz, Stolz und Vorurteil der Unschärferelation gegenüberzustellen? Literaturgeschichte fand ich pedantisch und zu anspruchslos. Wozu all die Mühe, etwas zu beweisen, was kein vernünftiger Mensch bestreiten würde – zum Beispiel, dass ein früherer Autor einen späteren beeinflusst hatte?

Damals hatte ich nicht die Spur von Geschichtsbewusstsein und strebte es auch nicht an. Ich fand es engstirnig, historische Ereignisse nur deshalb zu bevorzugen, weil sich die Dinge zufällig so ergeben hatten. Warum sich unter das Joch der willkürlichen Wahrheit beugen? Die Wahrheit war mir egal, mir ging es um Schönheit. Ich brauchte viele Jahre – und eine ganze Menge mehr Lebenserfahrung, um zu begreifen, dass es ein und dasselbe ist.

Unterdessen begann ich mein Linguistikstudium. Ich wollte begreifen, wie Sprache funktioniert, die reine Form verstehen. Weil auch ein Nachweis von Fremdsprachenkenntnissen gefordert wurde, schrieb ich mich für einen Anfängerkurs Russisch ein. Vielleicht konnte ich ja dann irgendwann meiner Mutter erklären, was Tolstoi wirklich gemeint hatte.

Was meine kurze linguistische Laufbahn ein für alle Mal beendete, war ein Seminar über die Philosophie der Sprache, das ich in jenem Winter belegte. Ziel des Seminars war es, eine Theorie zu formulieren, die einem Marsmenschen verständlich machen sollte, »dass zu sprechen mehr als sprechen zu können ist«. Dies schien mir ein über alle Maßen sinnloses und trübsinniges Unterfangen. Die Antwort bestand aus einer Reihe von Aussagen nach dem Muster »Schnee ist weiß, wenn Schnee weiß ist«. Der Professor, ein hagerer Logiker mit wilder roter Mähne und großer Sorge um die Marsmenschen, schrieb den Satz in fast jeder Stunde an die Tafel, und wir mussten diskutieren, warum er nicht trivial war. Vor dem Fenster türmte sich der Schnee höher und höher. Ihr Marsmenschen, die ihr die Form und die Logik so liebt – was tut ihr hier, so fern der Heimat?

Verglichen mit der Philosophie der Sprache und meinen Veranstaltungen in Psycholinguistik, Syntax und Phonetik fand ich den Anfängerkurs Russisch zutiefst menschlich. Ich hatte mir die Linguistik (die allgemeine Sprachwissenschaft) so ähnlich wie eine Geschichte vorgestellt und Russisch für Anfänger (die Beschäftigung mit einer bestimmten Sprache) wie ein Regelwerk, aber in Wirklichkeit war es genau umgekehrt. In den ersten Monaten arbeiteten wir im Russischkurs einen pfiffigen Text durch, der Die Geschichte von Vera hieß. Sie begann damit, dass Vera, eine Physikstudentin, ihren Freund und Studienkollegen Iwan besuchen will. Iwan ist nicht zu Hause, er hat eine Nachricht hinterlassen: »Vergesst mich.« »Warum haben wir ihn nie verstanden?«, seufzt Iwans Vater und knallt Vera die Tür vor der Nase zu. Die ersten Fortsetzungen kamen mit erstaunlich wenigen Vokabeln und grammatischen Regeln aus. Im weiteren Verlauf erschlossen sich uns Details der Handlung sowie die fehlenden Fälle und Zeiten, sodass der Wissensgewinn mit der Möglichkeit einherging, ihm auch Ausdruck zu verleihen. Auf diese Weise manifestierte sich das Russische als eine perfekte Sprache, in der die Form eine ideale Spiegelung des Inhalts war.

Wie sich herausstellte, hat sich Iwan nach Sibirien abgesetzt, um im Labor seines Onkels, der sich mit der Familie zerstritten hatte, zu arbeiten und hat dort geheiratet. Vera reist ihm nach und verliebt sich in einen Mann, der auch Physiker ist und den sie in einem Taxi am Flughafen von Nowosibirsk kennengelernt hat. Im letzten Semester nimmt sie an einer Physikertagung teil und hält einen Vortrag, der als »Quantensprung der Forschung« begeistert. Iwan, der auch an der Tagung teilnimmt, gratuliert ihr, offenbar bereit, eine Erklärung für sein Verhalten zu geben, aber Vera ist nicht mehr interessiert.

Tatjana und Onegin, Anna und Wronski, Iwan und Vera – wo man hinsah, schien das Rätsel menschlichen Verhaltens und das Wesen der Liebe mit dem Russischen verbunden zu sein. Dieser Eindruck verstärkte sich noch, als ich mich in einen meiner Kommilitonen aus dem Russischkurs verliebte, einen Mathematikstudenten, der als Kind hinter dem Eisernen Vorhang eine Zeit lang Russisch gelernt hatte. Sein russischer Name war Walja, was seinem ungarischen Namen sehr ähnlich war. Er stand kurz vor seinem Abschluss und wollte den Sommer in Budapest verbringen, ehe er zum Graduiertenstudium nach Berkeley ging. Ich hatte gerade erst am College angefangen, es sah also danach aus, als ob wir uns nach dem Sommer nicht wiedersehen würden, aber dann verschaffte er mir einen Ferienjob bei einer philanthropischen Gesellschaft, die amerikanische Collegestudenten zum Englischunterricht in ungarische Dörfer schickte.

Walja hatte etwas Geheimnisvolles, Ungreifbares an sich. Tatsächlich stellte sich heraus, dass er wie Iwan in der Geschichte aus meinem Russischkurs auch eine Freundin hatte, eine Frau, von der ich nichts wusste und die er später geheiratet hat. Als mir dieses Geheimnis offenbart wurde, war es zu spät, die Sache mit den ungarischen Dörfern abzublasen, also fuhr ich hin. Aber wie Tatjana beim Lesen des Traumbuchs spürte ich schon, dass sich irgendwo irgendetwas abzeichnete, das »viele traurige Erlebnisse« ahnen ließ.

Im Dorf Kál kam ich zu einer besonders netten Gastfamilie, die mit mir zu allen historischen Sehenswürdigkeiten der Umgebung fuhr, von denen die meisten Siege über die osmanischen Eindringlinge feierten. Ich gab sieben Stunden am Tag Englischunterricht, was interessant, aber auch ziemlich anstrengend war. In den ersten beiden Wochen meldete ich mich nicht bei Walja. In der dritten Woche schickte mich das Dorf zu einem Kinderfreizeitlager in einer wunderschönen historischen Stadt an der Donau. Die Betreuerinnen schliefen alle zusammen in einer Hütte: ich, eine junge Englischlehrerin und fünf Turnlehrerinnen. Irgendjemand hatte der Lagerleitung weisgemacht, dass ich mich, als Amerikanerin, nur von Mais und Wassermelonen ernährte. Täglich schleppten sie zahllose Dosen mit Mais und fast eine ganze Wassermelone an. Beides verzehrte ich allein in unserer Hütte. Da ich keine offiziellen Aufgaben hatte, plagten mich mehrere winzig kleine, unermüdliche Ungarmädchen in jeder ihrer freien Minuten, und verlangten freundlich, aber bestimmt, ich solle mit ihnen Federball spielen und ihnen Zöpfe flechten.

Das alles überstand ich einigermaßen unbeschadet, doch für den Samstagabend hatten sich die Turnlehrerinnen eine besondere Belustigung ausgedacht – einen Schönheitswettbewerb für Jungenbeine.

»Die Amerikanerin wird die Preisrichterin spielen«, verkündeten sie. Ich hoffte immer noch, ich hätte sie missverstanden, als schon deutsche Technomusik durchs Lager dröhnte und alle Jungen von acht bis vierzehn hinter einem Wandschirm aufmarschierten, der ihre Oberkörper verdeckte. An ihren Shorts steckten Startnummern. Mir wurde ein Klemmbrett mit einem Formular in die Hand gedrückt, auf dem ich die Beine auf einer Skala von eins bis zehn beurteilen sollte. Fassungslos starrte ich auf das Klemmbrett. Weder Leben noch Studium hatten mich darauf vorbereitet, bei einem Schöne-Beine-Wettbewerb halbwüchsiger Jungen das Urteil zu fällen. Schließlich flüsterte mir die Englischlehrerin, die offenbar Verständnis für meine Nöte hatte, ein paar Bewertungen zu, die sie sich ausgedacht hatte, und ich trug sie in die Tabelle ein.

Am nächsten Tag, einem Sonntag, saß ich allein in der Hütte und las, als jemand durch die Tür gepoltert kam – es war der Gewinner des Schöne-Beine-Wettbewerbs, ein vierzehnjähriger Lausebengel namens Gábor. Sein preisgekröntes linkes Bein war voller Blut.

»Können Sie mir helfen?«, fragte er und reichte mir einen Verbandskasten.

Die nähere Untersuchung ergab, dass er eine lange, klaffende Wunde am Knie hatte. Ich hatte gerade den Verbandskasten aufgemacht und den Inhalt einer Flasche erfolgreich als Jod identifiziert, als zwei der Turnlehrerinnen dazukamen.

»Dass du die Amerikanerin in Ruhe lässt, Lukács Gábor«, fuhren sie den Jungen an, zogen ihn zur Seite und desinfizierten und verbanden die Wunde sichtlich geübt. Neben mir tauchte die Englischlehrerin auf. »Der will was von dir«, flüsterte sie.

In der Mittagspause schlich ich mich, nachdem ich meine Wassermelone in Empfang genommen hatte, zur Station der Vorortbahn, kaufte eine Telefonkarte und rief in der Wohnung von Waljas Eltern in Budapest an. Wo ich sei, wollte er wissen. Zwei Stunden später kamen er und seine Mutter in deren Opel angefahren. Auf dem Autodach war ein Kanu festgezurrt. Wir hätten bestimmt Spaß daran, auf der Donau zu paddeln, meinte seine Mutter. Sie fuhr in ihrem Auto weg, und wir paddelten tatsächlich – über sieben Stunden! – mit dem Kanu bis Budapest. Um uns herum zogen auf Schleppkähnen hoch aufragende Trucks mit Doppelreifen vorüber, die offenbar am Sonntag Fahrverbot hatten.

In Budapest verpassten wir die Anlegestelle und landeten in einem Sumpf. Walja zog das Kanu an Land, half mir heraus und machte sich auf die Suche nach einem Münzfernsprecher. Ich sollte bei unserem Boot bleiben.

»In fünfzehn bis zwanzig Minuten bin ich wieder da«, sagte er.

Die Sonne sank hinter einer vorzeitlich anmutenden Pflanzenwelt, und ein lichtes Blau legte sich über die Erde. Walja blieb zwei Stunden weg, während ich die Stellung hielt, um das Kanu zu verteidigen. Gegen wen? Womit? Ich überlegte, ob ich das Kanu unter Zweigen verstecken sollte – in der Nähe stand eine Weide –, kam aber von dem Plan wieder ab. Die einzigen Lebewesen, die ich in dieser Zeit sah, waren ein Mann mit vier Ziegen – keiner der fünf schenkte mir oder dem Kanu auch nur einen Blick – und zwei Polizisten. Die Polizisten hielten ihre Mopeds an, als sie mich sahen, und versuchten, mich auf Ungarisch zu verhören. Ich verstand nur so viel, dass sie wissen wollten, ob ich obdachlos sei. »Haben Sie ein Haus?«, sagten sie laut, und der eine hielt die Hände wie ein Dach über seinem Kopf.

»Mein Freund ist telefonieren gegangen«, sagte ich. Zu meiner Überraschung schien diese Erklärung sie zufriedenzustellen. »Gut, gut«, sagten sie, schwangen sich auf ihre Mopeds und fuhren davon.

Ich hatte gerade einen Stift und ein Notizbuch aus der Tasche genommen und versuchte, im Dunkeln aufzuschreiben, dass ich das Kanu nicht mehr länger bewachen könne, als sich stampfende Schritte näherten. Sie wurden immer lauter, und dann ließ sich Walja, außer Atem und mit schmutzigem, zerrissenem Hemd, neben mir zu Boden fallen. Ein verwilderter Hund hatte ihn mehrere Kilometer querfeldein gejagt. Walja muss wohl der Typ von Mann sein, der Frauen mag, dachte ich.

Am nächsten Nachmittag fuhr er mich zurück. Unterwegs hielt er noch an der thailändischen Botschaft, um sein Visum abzuholen – er wollte am Tag darauf zu einer Mathematikertagung fliegen. Nachdem wir uns verabschiedet hatten, lief ich ein paar Stunden durch die historische Stadt mit ihren serbischen Friedhöfen und Kirchen. Schließlich musste ich doch zurück ins Ferienlager. Am Tor begrüßte mich die Englischlehrerin, im Schlepptau den verarzteten Schöne-Beine-Sieger.

»Du hast dich … herumgetrieben«, sagte die Englischlehrerin vorwurfsvoll.

»Deine Haare sehen cool aus«, sagte Gábor.

»Red kein dummes Zeug«, fuhr die Englischlehrerin ihn an.

Heute bin ich klüger und weiß, dass der Versuch, dem Lauf des Leben zu folgen, meist so endet. Ereignisse und Orte folgen aufeinander wie Posten auf einer Einkaufsliste. Es mögen interessante und anrührende Ereignisse sein, aber eins steht fest: Sie werden nicht von selbst zu einem wunderbaren Buch.

Als ich im Herbst ins College zurückkam, war die Linguistik für mich erledigt. Sie hatte mich enttäuscht, hatte mir keinerlei Aufschluss über die Sprache und ihre Bedeutung gegeben. Dem Russischen aber blieb ich treu. Ich hatte das Gefühl, dass ich nur hier eine Erklärung für all das finden würde, was mir widerfahren war. Ich schrieb mich sogar für einen Intensivkurs ein. Zwei Jahre später – ohne übrigens mehr als sieben oder acht Romane gelesen zu haben – stand ich kurz vor einem Abschluss in Literaturwissenschaft, nach Folklore und Mythologie dem Fach mit den wenigsten Anforderungen.

Von den nicht sehr zahlreichen theoretischen Texten, die ich als Literaturstudentin las, machte Foucaults kurzer Essay über Don Quijote in Die Ordnung der Dinge besonderen Eindruck auf mich. Über den großen, hageren, wunderlich aussehenden Hidalgo heißt es da: »Als langer, magerer Graphismus, wie ein Buchstabe, ist er gerade den offenklaffenden Büchern entkommen.« Ich identifizierte mich sofort mit dieser Beschreibung, weil elif, das türkische Wort für alif oder aleph – der erste Buchstabe des arabischen und hebräischen Alphabets – als gerade Linie wiedergegeben wird. Meine Eltern hatten diesen Namen für mich ausgesucht, weil ich ein ungewöhnlich langes und mageres Baby war (ich kam einen Monat zu früh zur Welt).

Vor kurzem musste ich wieder an Foucaults Essay denken, als ich in einer psychologischen Studie las, dass Amerikaner gern Berufe wählen, deren Bezeichnung Ähnlichkeit mit ihrem Namen hat. So ist der Name Dennis statistisch unter Dentisten überrepräsentiert, und bei den Geowissenschaftlern gibt es unverhältnismäßig viele Georges und Geoffreys. Die Studie erklärt dieses Phänomen mit dem Begriff des »impliziten Egoismus«, den normalerweise positiven Gefühlen, mit denen man den eigenen Namen betrachtet. Ich frage mich, ob der eine oder andere Dennis aus einem weiteren Grund bei der Zahnmedizin landete, nämlich aus dem geheimen Wunsch heraus, willkürliche Sprache mit physischer Realität in Einklang zu bringen. Vielleicht war es das, was mich zu Don Quijote hinzog: dass ich dadurch einen Weg sah, der Wahrheit meines Namens – so wie die Welt ihn sah – gerecht zu werden. Das wäre angemessen, denn darauf wollte Foucault hinaus: Don Quijote macht sich auf, um zu beweisen, dass er ebenso sehr Ritter ist wie die Ritter in den höfischen Romanen und die Welt, in der er lebt, daher der Ort, um sich als Held zu bewähren. Also zieht er los, Ähnlichkeiten zwischen Wort und Welt zu finden – oder zu erzeugen. »Die Herden, die Dienerinnen, die Herbergen werden erneut zur Sprache der Bücher in dem unwahrnehmbaren Maße, in dem sie den Schlössern, den Damen und den Armeen ähneln«, schreibt Foucault.

Ich begriff, dass Don Quijote die Dualität von Leben und Literatur aufgehoben hatte. Er hatte das Leben gelebt und Bücher gelesen. Er lebte das Leben durch Bücher und schuf dadurch ein noch besseres Buch. Foucault wiederum hatte meine Vorstellung von Literaturtheorie aufgehoben. Statt die Komplexität und die Schönheit zu verringern, hatte er sie hervorgebracht. Für die Wahrheit sollte ich mich erst später interessieren, die Schönheit jedoch war es, die mich schon damals zum Studium der Literatur hinzog.

Ich hatte noch immer vor, nach meinem Abschluss einen Roman zu schreiben – aber das kostet Zeit, und Zeit ist Geld. Vorsichtshalber bewarb ich mich für einige literaturwissenschaftliche Doktorandenprogramme. Ein Master in kreativem Schreiben kam nicht infrage, denn dort verlangte man Studiengebühren und hätte mich in Workshops geschickt. Wenn ich schon meine Zweifel daran hatte, wie sinnvoll es war, berühmte Romane zu lesen und zu analysieren, galt das ungleich mehr für die Lektüre und Analyse von Texten, die ein Haufen junger Leute wie ich verfertigt hatte. Eine Bewerbung schickte ich aber doch ab – an eine Künstlerkolonie auf Cape Cod. Zu meiner Überraschung boten sie mir aufgrund der von mir eingesandten Fünfundsiebzig-Seiten-Story, von einem Ich-Erzähler aus der Perspektive eines Hundes geschrieben, ein Stipendium zum Schreiben von Prosa an.

An einem ganz besonders windigen und regnerischen Tag in jenem März mietete ich ein Auto und fuhr nach Cape Cod, weil ich zumindest sehen wollte, was für ein Laden das war. Die Kolonie befand sich auf dem Gelände eines früheren Sägewerks, das aus der Zeit vor dem Bürgerkrieg stammte. Ich balancierte über einen glitschigen Plankenweg zu einem Gebäude, das von außen aussah wie ein Boot und in dem ein Mann Videoaufnahmen von einer Maschine machte, die Beton aus einem Bottich auf den Boden kippen sollte. Als ich nach den Schriftstellern fragte, deutete der Künstler auf das Fenster und den strömenden Regen.

Die Schriftsteller – in karierten Hemden, Brillen mit Plastikfassung auf der Nase – fand ich in einem Wohnwagen um einen Heizlüfter geschart. Der Kursleiter, ein zerzauster Provinzautor mit grauen Augen und romantischer Anmutung, war erstaunlich nett zu mir, wenn man bedenkt, dass ich nur die einundzwanzigjährige Verfasserin einer in der ersten Person geschriebenen Hundestory war. Allerdings sprachen wir nicht die gleiche Sprache. Unsere Prioritäten und unsere Weltsicht deckten sich nicht.

»Was haben Sie vor, wenn Sie nicht hierherkommen?«, fragte er. Ich hätte mich an mehreren Hochschulen für ein Graduiertenstudium beworben, sagte ich. »Wenn Sie Akademikerin werden wollen«, sagte er nach einer langen Pause, »machen Sie ein Graduiertenstudium. Wenn Sie Schriftstellerin werden wollen, kommen Sie zu uns.«

Ich wollte Schriftstellerin werden, keine Wissenschaftlerin. Aber als ich an jenem Nachmittag unter einem klappernden Blechdach auf einem Parkplatz mit Blick aufs Meer stand und das Erdnussbutter-Sandwich aß, das ich mir zum Frühstück in der Cafeteria gemacht hatte, kamen mir ein für alle Mal sämtliche Illusionen über die transzendentale Neuengland-Kultur des kreativen Schreibens abhanden. In dieser Kultur, zu der auch jener Schriftsteller-Workshop gehörte, galt die akademische Beschäftigung mit der Literatur als schlecht für die Entwicklung zum Schriftsteller. Doch, das fragte ich mich, was genau machte sie schlecht? Und warum sollte es umgekehrt automatisch gut für einen Schriftsteller sein, in einer Scheune zu hausen und Short Storys von Short-Story-Autoren zu lesen, die offenbar ausschließlich von schreibenden Studenten gelesen wurden?

Ich schlug das Stipendium aus. Der Direktor der Schriftstellerkolonie schickte mir eine Postkarte mit einem Bild von einem Segelboot und wünschte mir alles Gute. Mein damaliger Freund Eric hatte einen Job in Silicon Valley in Aussicht, wo er intelligente Radardetektoren entwickeln sollte, und die Stanford University bot mir eine Fünfjahresstelle am Institut für Vergleichende Literaturwissenschaft an. Wir zogen nach Kalifornien, wo ich noch nie gewesen war. Unter grünen Hügeln rasten Positronen durch den längsten Teilchenbeschleuniger der Welt; in Türmen hoch über Palmwipfeln lagerten die vollständigen Pariser Akten der zaristischen Geheimpolizei. Stanford und das koloniale Sägewerk in Neu-England – nichts hätte weiter auseinanderliegen können.

Lange Jahre verschwendete ich kaum einen Gedanken daran, warum ich mich gegen das kreative Schreiben und für die Literaturkritik entschieden hatte. 2006 bat mich die Zeitschrift n+1 um einen Beitrag über den Zustand der amerikanischen Short Story, zugrunde legen sollte ich die Anthologie Best American Short Stories, Jahrgang 2004 und 2005. Erst als ich im Namen der Wissenschaft Seite um Seite las, erinnerte ich mich an die Leere, die ich an jenem Regentag auf Cape Cod empfunden hatte.

Ich erinnerte mich an die puritanische Kultur des kreativen Schreibens, verkörpert von Kolonien und Workshops und dem Ideal des »Handwerks«. Ich begriff, dass ich die Literatur eher als Berufung sah, als Kunst, als Wissenschaft – als so gut wie alles andere, aber nicht als Handwerk. Was hat handwerkliches Können jemals über die Welt, die menschliche Existenz oder die Suche nach Sinn ausgesagt? Vorschriften und Verbote, mehr hatte es nicht zu bieten: »Zeigen, nicht erzählen!« »Ermorde deine Lieblinge.« »Lass überflüssige Worte weg.« Als ginge es beim Schreiben darum, schlechte Gewohnheiten abzulegen wie Wortballast.

Es war wohl das Diktat des Handwerks, das die besten Geschichten der Anthologie auf einen fast unlesbaren Kern flotter Verben und anschaulicher Substantive reduziert hatte – als wetteiferten sie darum, mit möglichst wenigen Worten möglichst viel Konkretes festzuhalten. Die ersten Sätze waren vollgestopft mit so vielen Besonderheiten, Ausnahmen, bewussten Regelwidrigkeiten und kleineren Widersprüchen, dass man sie für Akrosticha hätte halten oder meinen können, beim Schreiben wäre absichtlich der Buchstabe e ausgelassen worden. Sie begannen alle mitten im Geschehen, häufig hielten sie sich an die Forderung der fünf »W« (Wer, Was, Wo, Wann, Wie).

Da so viel Wert auf genaue und detaillierte Beschreibung gelegt wurde, waren Eigennamen besonders wichtig. Sie flogen einem um die Ohren wie Bälle aus einer Wurf-maschine: Julia, Juliet, Viola, Violet, Rusty, Lefty, Carl, Carla, Carleton, Mamie; Sharee, Sharon, Rose of Sharon (eine amerikanische Ureinwohnerin), Hassan.2 Jeder Name entsprang einem heimlichen Kalkül, dem Abwägen von Plausibilität kontra Präzision: Auf der einen Seite John Briggs und John Hillman, auf der anderen Sybil Mildred Clemm Legrand Pascal, die ihre Leser auffordert, sie Miss Sibby zu nennen. Auf der einen Seite die Katze, die King Spanky heißt, auf der anderen die Katze Cat. So oder so wirkte das Ergebnis verlogen und künstlich – anders als Tolstois doppelter Alexej und anders als die Figuren bei Tschechow, von denen viele überhaupt keine Namen haben. In Die Dame mit dem Hündchen sind Gurows Frau, Annas Ehemann, Gurows Partner aus dem Klub, ja sogar der Schoßhund alle namenlos. Kein zeitgenössischer amerikanischer Short-Story-Autor hätte den Mumm gehabt, dem Hündchen keinen Namen zu geben. Sie waren alle zu sehr mit dem Versuch beschäftigt, aus einem Eigennamen eine individuelle Persönlichkeit herauszuformen – wie die »mitfühlende« Fernsehärztin, die ihre Kollegen informiert: »Sie hat einen Namen.«

Aber so funktioniert das mit den Namen nicht. Die Einmaligkeit des Eigennamens ist, wie Derrida einmal schrieb, von seiner Allgemeingültigkeit nicht zu trennen: Es muss immer möglich sein, einen Gegenstand nach einem anderen bereits benannten Gegenstand zu nennen und verschiedenen Menschen, wie den Personen in Anna Karenina, den gleichen Namen zu geben. Die Grundspannung des Namens besteht darin, dass er das einzigartige Individuum zugleich bezeichnet und nicht bezeichnet. Obwohl ich meine Besuche auf dem Planeten Derrida auf ein Minimum beschränkte – jenes Land, in dem alle scheinbar sekundären in Wirklichkeit primäre Erscheinungen sind und alles, was man anfängt, praktisch ein Gewaltakt ist, weil man in Gedanken dabei Worte benutzt hat, die schon Aristoteles kannte –, musste ich feststellen, dass Derrida in der Frage der Namen recht hatte. Wichtiger noch, er hatte sich eingehend Gedanken über Namen gemacht, und obschon sich seine Grammatologie quälender las als die Best American Short Stories, gehörte sie eben doch zu einem Diskurs, der etwas über die Bedeutung der Dinge zu sagen versuchte. Außerdem hat der Diskurs der Literaturkritik, auch wenn er nicht weniger anfällig ist für den Vorwurf der Selbstgenügsamkeit und Hermetik, einen entscheidenden Vorteil – dass er Zusammenarbeit grundlegend voraussetzt. Jedes kritische Werk baut notwendig auf dem bestehenden Korpus auf mit dem Ziel, die Gesamtheit des menschlichen Wissens zu mehren. Es geht nicht darum, sich das Haus mit immer mehr schönen Dingen vollzustellen, sondern darum, etwas sinnvoll hinzuzufügen, um Kritik im Sinne des Fortschritts.

Der Workshop für kreatives Schreiben dagegen setzt nur scheinbar einen produktiven Austausch voraus, tatsächlich findet sogar eine Form von Zusammenarbeit statt, aber die Spuren dieses Prozesses werden systematisch aus dem Endprodukt entfernt. Zeitgenössische Short Storys enthalten praktisch keine Hinweise auf interessante Arbeiten aus den letzten zwanzig, fünfzig oder hundert Jahren; stattdessen kämpfen Frauen der Mittelschicht mit Kleptomanie, schwierige Kinder kommen ins Heim oder wieder heraus, es gibt Aufregungen um Stromausfälle und Naturkatastrophen, und klägliche Schreiberlinge hadern mit Gott und der Welt.

Ich weiß nicht, ob ich mich auf die Seite der Akademiker geschlagen habe, weil ich zufällig in einem Graduiertenstudium gelandet war, oder ob ich ein Graduiertenstudium aufgenommen habe, weil ich mich insgeheim schon auf die Seite der Akademiker geschlagen hatte. In jedem Fall glaubte ich nun nicht mehr daran, dass »die Theorie« es vermag, irgendjemandem die Literatur zu verleiden, oder dass man etwas gefährdet, was man liebt, wenn man es studiert. Ist Liebe wirklich so schwach? Ist es nicht der Sinn der Liebe, immer noch mehr zu erfahren, immer tiefer einzutauchen – bis zur Besessenheit?

Damit will ich nicht sagen, dass das Graduiertenstudium ein Spaziergang war, vor allem anfangs nicht. Das Schicksal meinte es jedoch gut mit mir und ließ mich in Luba, einer russischen Emigrantin, die in Taschkent aufgewachsen war, gleich eine gute Freundin finden. Ich schätze mich sehr glücklich, dass ich an diesem entscheidenden Punkt meiner Ausbildung einem so wunderbaren Menschen begegnet bin. Zwischen den Sitzungen eines Seminars über eine obskure Schule von Filmemachern aus den 1920er Jahren, die wegen ihres »exzentrischen« Gebrauchs von Zirkusgerätschaften und lebensgroßen Gummipuppen bekannt geworden war, streiften wir lange durch die Studentensiedlung, wo wir uns unweigerlich verirrten und einmal sogar in einen Graben fielen. Wie der Held von Thomas Mann in seinen ersten Wochen auf dem Zauberberg dachte ich: Das kann nicht mehr lange so gehen.

Während ich Seminare, Tagungen, Unterrichtsübungen und endlose offizielle Essen absolvierte, wurde mir allmählich klar, dass ich in Stanford außer den Scheinen zum Ende des Semesters nichts zustande bringen würde. Zum Jahresende ließ ich mich beurlauben und zog nach San Francisco, wo ich, soweit mir Gelegenheitsjobs Zeit dazu ließen, fleißig schrieb – nur war das, was dabei herauskam, kein Roman. Es hatte keinen Anfang und kein Ende, es erzählte keine bestimmte Geschichte. Das war überraschend und schwer zu verstehen für mich. Ich hatte erwogen, ob ich mir Sorgen wegen einer Schreibblockade machen müsste, bevor ich eine hätte, aber die Fertigstellung eines umfangreichen Nicht-Romans war etwas, womit ich nicht gerechnet hatte.

Auch am Abend des 13. September 2001 schlug ich mich beim Joggen Richtung Golden Gate Bridge mit diesem Problem herum und fiel prompt über eine Plastikabsperrung, die, wie ich später erfuhr, als Schutz der Brücke vor Terroristen errichtet worden war. Andere Jogger halfen mir hoch. Mein Arm fühlte sich sehr sonderbar an. Ich ging zu Fuß zum nächstgelegenen Krankenhaus und verbrachte mehrere Stunden im Warteraum, wo über einen Wandfernseher endlose Filmmeter mit Leichen aus dem World Trade Centre flimmerten. Schließlich kam ich in die Notaufnahme, wo Ärzte den Kies aus meinem Knie kratzten, eine Röntgenaufnahme von meinem Arm machten, mir eröffneten, dass ich mir den Ellbogen gebrochen hatte, und mich mit einem Gips und einer Schlinge versorgten. Die Rechnung belief sich auf 1 700 Dollar. Dieser Vorfall war für mich der Anlass, mein damaliges Leben einer schonungslosen Prüfung zu unterziehen. Was dachte ich mir eigentlich dabei, in dieser Welt – von der ich eindeutig nichts verstand – ohne Krankenversicherung und ohne einen richtigen Job herumzulaufen und an einem endlosen Roman über Gottweißwas zu schreiben? Eine Woche später rief der Institutsleiter an und fragte, ob ich nach Stanford zurückkommen wolle. Ich sagte Ja.

Und da packte es mich – heftiger, als ich je erwartet hätte. Der Titel des vorliegenden Buches verdankt sich Dostojewskis eigenartigstem Roman. Böse Geister (früher auch als Die Dämonen oder eben Die Besessenen übersetzt) erzählt, wie ein Kreis von Intellektuellen in einer fernen russischen Provinz in den Wahnsinn verfällt – eine Situation, die in gewisser Weise mit meinen eigenen Erfahrungen im Graduiertenstudium vergleichbar ist.

Nach meiner Rückkehr in die reale Welt sah ich vieles anders. Ich glaubte nicht mehr, dass Romane sich nur vom Leben inspirieren lassen sollten oder könnten und nicht von anderen Romanen. Ich hatte diese Ansicht inzwischen als novellistischen Kunstgriff erkannt, begriff, dass es die europäische Romantradition nach Don Quijote war, die dazu geführt hatte, dass Literatur als verlogen und steril galt, als abgekoppelt vom echten Leben und echter Bildung.

Allerdings war diese Idee in Don Quijote nicht eben unzweideutig. Man denke an die berühmte Episode der Bücherverbrennung, in der Pfarrer und Barbier versuchen, den Wahnsinn des Ritters zu kurieren, indem sie seine Bibliothek säubern. Nach der landläufigen Version dieser Episode verbrennen Quijotes Freunde den Großteil seiner Bücher, was der landläufigen Botschaft von Don Quijote entspricht, dass Ritterromane dumm und gefährlich sind. Wenn man aber nachzählt, stellt sich heraus, dass von dreißig in der Inquisition erwähnten Büchern nur vierzehn den Flammen überantwortet wurden, während weitere vierzehn offiziell begnadigt werden. Dieses Gleichgewicht spiegelt die Balance zwischen Leben und Literatur in der Handlung wider – die, wie Foucault bemerkte, »eine Entzifferung der Welt« ist, »ein minuziöser Weg, um an der ganzen Oberfläche der Erde Gestalten aufzulesen, die zeigen, dass die Bücher die Wahrheit sagen«. Quijotes Abenteuer in der Welt, seine Freundschaft mit Sancho Pansa, die von ihm betriebene Versöhnung zerstrittener Liebender, die Unterhaltung, die er zahllosen gelangweilten Spaniern verschafft – all das rührt nicht weniger als der Schaden, den er anrichtet, von seiner Entschlossenheit her, das Leben so zu leben wie in seinen Lieblingsbüchern, die Bücher also ins Spiel zu bringen. Don Quijote konnte nur von einem wahren Verehrer von Ritterromanen geschrieben werden, der alles daransetzte, sein Leben ihnen ähnlich zu machen, wohl wissend, dass der Preis dafür hoch wäre.

Beim Nachdenken über Don Quijote begann ich mich zu fragen, wie man sein Leben seinen Lieblingsbüchern sonst noch annähern könnte. Beginnend mit Cervantes, bedient sich der Roman typischerweise der Imitation: Die Personen versuchen, den Personen jener Bücher zu ähneln, die für sie eine Bedeutung haben. Was aber wäre, wenn man einen anderen Ansatz ausprobierte, wenn man es statt mit der Imitation mit genauer Beobachtung versuchte und mit der Metonymie statt mit der Metapher? Was wäre, wenn man, statt herumzulaufen und den Helden aus Amadis von Gallien zu spielen, sein Leben dem Rätsel seines Autors widmete, Spanisch und Portugiesisch lernte, alle Wissenschaftler auf diesem Gebiet aufspürte, herausfände, wo Gallien liegt (die meisten Wissenschaftler tippen auf Wales oder die Bretagne) – wenn man das alles selbst täte, statt eine fiktive Figur zu erfinden? Wenn man ein Buch schriebe, in dem alles wahr wäre?

Was wäre, wenn man Verlorene Illusionen lesen und – statt nach New York zu ziehen, in einer Mansarde zu wohnen, seine Gedichte im Selbstverlag herauszugeben, Rezensionen zu schreiben und Liebschaften zu haben, kurz, die eigene Version der Verlorenen Illusionen zu leben, um irgendwann den gleichen Roman für das Amerika des 21. Jahrhunderts zu schreiben –, was wäre, wenn man stattdessen zu Balzacs Haus und auf Madame Hanskas Güter gehen, jedes Wort lesen würde, das er je geschrieben hat, jedes noch so kleine Detail seines Lebens zutage fördern – und dann mit dem Schreiben beginnen würde?

Das ist der Gedanke hinter diesem Buch.

BABEL IN KALIFORNIEN

Wenn die russische Akademie der Wissenschaften die Gesamtausgabe eines Autors veröffentlicht, kann man das, was dabei herauskommt, nicht einfach in einen Koffer packen und wegtragen. Die Tolstoi-»Milleniumsausgabe« umfasst hundert Bände und wiegt so viel wie ein neugeborener Belugawal. (Ich trug meine Badezimmerwaage in die Bibliothek und habe die Edition – jeweils zehn Bände auf einmal – abgewogen.) Dostojewski hat dreißig Bände, Turgenjew achtundzwanzig, Puschkin siebzehn. Selbst Lermontow, ein Lyriker, der mit sechsundzwanzig Jahren in einem Duell starb, hat vier Bände. In Frankreich, wo Ausgaben letzter Hand auf »Bibelpapier« gedruckt werden, sieht das anders aus. Die Bibliothèque de la Pléiade schafft es, Balzacs komplette Comédie Humaine in zwölf und seine übrigen Schriften in zwei Bänden unterzubringen – mit einem Gesamtgewicht von achtzehn Pfund.

Die Gesamtausgabe von Isaak Babel umfasst nur zwei kleine Bände. Hält man Tolstois Gesammelte Werke daneben, ist dies wie der Vergleich zwischen einer langen Straße und einer Taschenuhr. Babels beliebteste Werke haben alle im ersten Band Platz – die Geschichten aus Odessa, die Kindheits- sowie die Petersburg-Erzählungen, die Reiterarmee und das Tagebuch 1920, Vorläufer der Reiterarmee. Diese Kompaktheit beeindruckt umso mehr, weil man weiß, dass sein Œuvre unvollständig ist. Als das NKWD 1939 vor der Tür seiner Datscha stand, waren Babels erste Worte: »Man ließ mir keine Zeit, fertig zu werden.« Die Geheimpolizei beschlagnahmte neun Mappen mit Manuskripten in der Datscha und fünfzehn in Babels Moskauer Wohnung. Er wurde verhaftet und angeklagt, Spionage für Frankreich, ja sogar Österreich betrieben zu haben. Weder die Manuskripte noch den Autor hat man je wieder gesehen.

In den folgenden Jahren verschwanden seine veröffentlichte Werke vom Markt. Sein Name wurde aus Nachschlagewerken und aus dem Vor- und Nachspann von Filmen getilgt. Es kursierten Gerüchte – Babel sei in einem Sonderlager für Schriftsteller, schreibe für die Lagerzeitung –, doch niemand wusste mit Sicherheit, ob er tot war oder noch lebte. 1954, im Jahr nach Stalins Tod, wurde Babel offiziell rehabilitiert und das Dossier seines Strafverfahrens veröffentlicht. Es bestand nur aus einer Seite – einer Urkunde, die seinen Tod unter unbekannten Umständen am 17. März 1941 attestierte. Wie Sherlock Holmes in Das letzte Problem war Babel verschwunden und hatte nur ein einziges Blatt Papier hinterlassen.

Niemand weiß wirklich, warum Babel gerade damals verhaftet wurde. Zu Beginn seiner Karriere hatte er sich mächtige Feinde gemacht mit der Veröffentlichung der Reiterarmee, die dem verpfuschten russisch-polnischen Krieg von 1920 ein Denkmal setzt. 1924 warf Marschall Semjon Budjonny von der Ersten Kavallerie Babel öffentlich »konterrevolutionäre Lügen« und Rufmord vor. Als später Budjonny in der Partei vom Marschall der Sowjetunion zum ersten stellvertretenden Kommissar für Verteidigung und Held der Sowjetunion aufstieg, wurde das Eis unter Babel immer dünner – besonders nachdem 1936 sein Beschüüößä   ü