Impressum

Wolfgang Schreyer

Endzeit der Sieger

Roman

ISBN 978-3-86394-115-4 (E-Book)

 

Die Druckausgabe erschien erstmals 1989 beim Mitteldeutschen Verlag Halle - Leipzig

Gestaltung des Titelbildes: Ernst Franta

 

© 2012 EDITION digital®
Pekrul & Sohn GbR
Alte Dorfstraße 2 b
19065 Godern
Tel.: 03860-505 788
E-Mail: verlag@edition-digital.com
Internet: http://www.ddrautoren.de

 

Für meinen Freund Hubert von Blücher, ohne den dieses Buch nicht entstanden wäre; es ist voller Ideen und Fragmente aus dem Speicher seines Lebens, zumal der Jahre in Nordamerika, das selbst zu bereisen er mich hilfreich angespornt hat.

W.S.

 

Das Thema der Kunst ist, dass die Welt aus den Fugen ist.

Bertolt Brecht

DER NACHTFLUG

Eine Philosophie, in der man zwischen den Seiten nicht die Tränen, das Heulen und Zähneklappern und das furchtbare Getöse des gegenseitigen Mordens hört, ist keine Philosophie.

Arthur Schopenhauer

I

De Luca spürte den Druck im Rücken, er sah die Lichter der Startbahn wegflitzen und den Wasserfilm am Außenglas des Fensters. Tröpfchen, vom Luftstrom in vibrierende Muster gepresst. Im Singen der Triebwerke versank Los Angeles International Airport hinter Güssen. Das Wasser schien dazu bestimmt, die Stadt von ihren Sünden reinzuwaschen oder sie noch vor Sonnenaufgang ins Meer zu spülen. Aber den Flugplan halten sie ein, dachte er auf seinem Fensterplatz in Reihe dreizehn. Vorbei die schönen Tage von Nevada, jetzt ging es wieder nach der Uhr.

Als das Flugzeug dem Unwetter entronnen war, machte De Luca es sich bequem. Der freie Nachbarsitz half ihm, die Beine zu platzieren. Fünf Minuten nach zwölf, keine glückliche Stunde, er flog lieber bei Tageslicht. Das hatte nichts mit dem Blick auf die Wolken, den Ozean oder das wenige Land zu tun, das man auf dieser Route zu sehen bekam. Nur war die Aussicht auf ein Gespräch nachts doch viel geringer. Fremde Menschen öffneten sich ihm sonst auf Reisen. Weil man einander gewiss nie wieder sah, teilten sie sich auch ohne Ermunterung mit. Er hörte bloß höflich zu, das genügte ihnen; und ihm half es manchmal, die Welt ein bisschen besser zu verstehen.

In diesem Jumbo aber würde er nur lesen und etwas trinken, dann leicht alkoholisiert dösen, wobei die Zeit ja auch verstrich. Selber hätte er den Flug – Korean Airlines 015 – nie gebucht. Zwar würde er, so hieß es in der Einladung, schon kurz nach sechs in Seoul sein und den ganzen Tag vor sich haben. Das klang vorteilhaft, tatsächlich jedoch war man, über sieben Zeitzonen hinweg, mit der Zwischenlandung in Alaska bis dahin vierzehn Stunden gereist, durch die künstlich verlängerte Nacht; die Abfertigungs- und Fahrtzeiten von und zu den Flughäfen gar nicht gerechnet. Da aber das Arrangement zum Vorzugspreis an diese Billiglinie gebunden war, hatte er keine Wahl gehabt. Die KAL flog dreimal wöchentlich, immer nachts.

Ringsum gähnende Müdigkeit auf allen Polstern. Im Mittelfeld Leute aus Fernost, Familien, die Kinder zugedeckt, fötal gekrümmt auf freien Plätzen. Die economy class hinter ihm auch voller Asiaten, zappelig wie zu Beginn einer Vorlesung daheim. In Berkeley hielten sie Disziplin, hingen an seinem Mund, schrieben meistens mit. Gewöhnlich eignete sich nur jeder achte Abiturient für eine Top-Universität, bei den asiatisch-amerikanischen Schülern aber fast jeder zweite. Sie waren halt wendiger und fleißiger als der Rest. Ihr Lernverhalten ähnelte dem der europäischen Juden, die von der Jahrhundertwende an nach Amerika geströmt waren – bis in die dreißiger Jahre, wie sein eigener Vater. Ganz klein fing man an, nähte, bügelte, reinigte: die Bekleidungsbranche als Sprungbrett. "Du musst in der Schule besser sein und bei der Arbeit geschickter", das hatte er zu Hause oft gehört.

Genauso die Asiaten. Sie stachen hervor, als Absolventen der High School drängten sie ins Physik-, Elektronik- oder Ingenieurfach und brachten die Statistik der Fakultäten durcheinander. Für ihn, De Luca, kein Problem, sein Fach war weniger gefragt. Es gab nur zwölf Prozent asiatischer Studenten an seinem Institut, exakt der Chinesenanteil der Bevölkerung San Franciscos. Aber die meisten Universitäten fühlten sich doch überschwemmt, bauten Hürden. Ihre Zulassungsbestimmungen waren sowieso auf weiße Bewerber zugeschnitten, und Kinder von Yale-, Havard- oder Princeton-Absolventen hatten stets bessere Chancen gehabt. Nur bei Hochbegabten spielte die Hautfarbe keine Rolle mehr.

Vorn, beiderseits der Kinoleinwand, erklärten zierliche Damen synchron zu einer Tonbandstimme den Gebrauch der Schwimmwesten, ein Lächeln aus Marzipan um die Lippen. Sie trugen den weiß-rot-grün-blauen Traditionsdress der Koreanerin. Nach dem Begrüßungsschluck schoben sie Servierwagen zwischen die Reihen und gaben Kopfhörer aus. Ein paar Fluggäste stellten die Lehnen hoch in Erwartung des Dinners, andere stöpselten die Hörer ein... De Luca stand auf, weder hungrig noch interessiert an dem Film "Kramer gegen Kramer", wahlweise in vier Sprachen zu hören. Eheleute im Streit um das Kind, geschieden, diese Art Filme nervte ihn. Er war, mit fünfunddreißig, unverheiratet und wollte sein Leben in der Hand behalten. Mit etwas Glück sich in Fachkreisen einen Namen machen. Trotz des Gefühls für Jill Lasky, eines ganz ernsthaften Gefühls, das sich gegen schwere Hemmungen in ihm entwickelt hatte. Es würde nicht gut gehen, nach jeder Erfahrung. Jill war lieb und reizend, sie sah zu ihm auf. Doch auch dies, so sagte er sich, brannte eines Tages herunter bei einer Frau von knapp fünfundzwanzig, aus derart selbstbewusstem Haus. Hatte es sie nicht geprägt, ein Elternhaus, das ihre Wahl deutlich missbilligte?

Sie war einfach zu reich. Dass sie seine Assistentin war und in der Arbeit aufging, ihre Familie nicht brauchte und schon gar nicht deren Geld – sie hatte eigenes –, machte es kaum besser. Vermutlich hatten ihre Leute die Macht, ihn aus Berkeley zu vertreiben. Während er nach vorn ging, vorbei an der Leinwand, fiel ihm der Brief Howard Laskys ein, Jills älterem Bruder. Zufällig hatte er den entdeckt, gestern in Las Vegas, als sie im Tropicana die Koffer packten. "Sandro de Luca", stand da sarkastisch, "zugegeben, das klingt! Dem Namen nach Italiener mit einem Schuss jüdischen und auch afrikanischen Blutes, das wirkt doch reichlich gemischt."

Vielleicht hatte Lasky junior mit seinem Naserümpfen sogar recht vom Standpunkt einer Familie, die seit drei Generationen im Lande saß und seit dem Zweiten Weltkrieg die Universität finanziell unterstützte. Womöglich war an dieser Bewertung wahrhaftig etwas dran, De Luca verschloss davor die Augen nicht. An manchen Tagen hatte er das Gefühl, ein lebender Widerspruch zu sein. Wie oft lenkten ihn Stimmungen, seinem analytischen Talent und jeder Logik zum Trotz. War er nicht aus einer Laune heraus mit Jill nach Las Vegas geflogen: Flucht in die Wüste, Hochzeitsreise ohne Eheschließung? Und ebenso intuitiv hatte er gebilligt, dass Jill ihn bis L. A. begleitete, obschon sie dadurch eine Vorlesung schmiss. Nach dem Abendessen wäre sie ihm in ihrer Begeisterung noch bis an den Flugschalter gefolgt, hätte nicht das Unwetter getobt... Abschiedsszenen in der Öffentlichkeit waren ihm zuwider, die überließ er gern dem Film.

Rotlicht an beiden Waschräumen der business class. Dort stand schon jemand, ein wuchtiger Herr, dessen Profil ihn an irgendwen erinnerte. Dezent gekleidet wie ein Bankier oder Beamter, in dunkles Tuch, zu kostbar, um zu knittern. Stirnglatze und Brille über solider Eleganz, jetzt glaubte De Luca, das Gesicht zu kennen, vom Fernsehen oder aus der Presse. Dann würde dies ein First-class-Passagier sein. "O weh", hörte er ihn da sagen, "das dauert."

"Kein Waschraum in der ersten Klasse?"

Der Mann wies mit dem Kinn auf die Wendeltreppe zum Oberdeck. "Den haben sie eingespart, wegen ihrer Bar, diese Brüder." In seiner Stimme lag Freundlichkeit, der Hauch von Schicksalsgemeinschaft über dem nachtschwarzen Meer.

"Man zahlt doch dort nicht für die Drinks?"

"Für die meisten schon, ihre so genannten Spitzenweine. Champagner ist gratis, Pol Pot heißt die Marke und schmeckt danach. Die Weine kann man auch vergessen, egal ob sie sich St. Emilion oder Château Talbot nennen."

"Mir genügt ein schlichter Rosé."

"Ja, da kann Ihnen nichts passieren."

"Falls man bei einer Flasche bleibt."

"Kein Jahrhundertwein verträgt das Geschüttel, und das wissen die genau; Schlitzohren sind sie."

"Sie mögen Koreaner nicht so sehr?"

"Ich hab überhaupt nichts gegen Asiaten. Es sind bloß zuviel davon an Bord."

"In Seoul trifft man vermutlich noch mehr."

"Ist zu befürchten. Sie meinen, ich will da hin?"

"Es soll immerhin das Flugziel sein."

"Also auch meines?", fragte der Erster-Klasse-Mann. "Ich kann ja in Anchorage umsteigen."

"Schon, nur würden Sie dann die Konferenz verpassen."

"Von welcher Konferenz reden Sie denn?"

"Von der des 'Asiatischen Forschungszentrums'."

"Wer sagt Ihnen, dass ich daran teilnehme?"

"Es steht in der Zeitung, Sir. Ich spreche doch mit Senator Jesse Helms?"

"Sind Sie von der Presse? Auch nach Seoul geladen?"

"Nicht als Journalist."

"Wen vertreten Sie, bitte?"

"Die Universität von Kalifornien, Senator. Das Institut für Konfliktforschung."

Helms verzog den Mund, als befremde ihn dies. Er sah geradezu unwirsch aus; vielleicht aber nur, weil der Pol Pot auf seine Blase drückte. Wie der schwere eiserne Vorhang eines Theaters senkte sich Schweigen auf sie herab. Ein mächtiger Mann, unter der dicken Haut des Südstaatlers empfindlich. In Washington, das wusste De Luca, stand der Senator ganz weit rechts. Gegner schlug er oft mit Bibelsprüchen nieder, daheim in North Carolina wie im Capitol. Sein Denken lief in der alten Spur des amerikanischen Geistes, wie zur Pionierzeit teilte sich ihm die Welt in Weiß und Schwarz, in wir und sie. Ein Holzschnitt, in dem das Gute gut und das Böse böse war und man leicht zwischen beiden unterscheiden konnte.

Helms fragte: "Leiten Sie das Institut?"

"Allenfalls ersatzweise. Der Direktor hat zwei Stellvertreter."

"So, aha... Und einer davon sind Sie?"

De Luca nickte, er sah dem Senator das Bemühen an, sich zu erinnern – ihn entweder den politischen Freunden oder seinen Widersachern zuzuordnen. Gewiss war etwas nach Washington gedrungen von der Linie, die er am Institut vertrat; doch solange er seinen Namen verschwieg, würde sich Helms nicht über ihn klar werden.

"Und wie verkraftet Berkeley den Ansturm Asiens? Besser als dieses Flugzeug?"

Für einen Moment war De Luca sprachlos. Ein ziemlicher Gedankensprung. Die Leute um Helms wünschten im Fernen Osten ein perfektes Militärbündnis gegen die Russen, wie passte dazu der Ansturm Asiens? – "Ach, es geht schon. Zwölf Prozent Chinesen bei mir, das tut doch keinem weh."

"Denken alle so in Kalifornien?"

"Nein. Mancher Rektor blockt ab, mit Quoten."

"Und das gefällt Ihnen nicht."

"Es ist ebenso ungerecht wie dumm, auf lange Sicht."

"Wissen Sie was? Die Gelben sollten mehr Sport treiben."

"Mehr Sport, Senator?"

"Eben. Wer da etwas zeigt, dem öffnen sich die Tore jeder Universität. Champions sind überall willkommen, nicht wahr? Geben Sie denen doch mal das Rezept."

De Luca begriff, er hatte sich wider Willen als Gegner des Senators enttarnt. "Sport ist kaum deren Stärke, Sir."

"Man muss trainieren; ohne Fleiß kein Preis."

"Aber der Körperbau. Die sind ja leicht und klein, kaum athletisch, mehr geistig begabt. Und das nützt ihnen bei der Aufnahme wenig."

Helms fasste ihn ins Auge, als gewahre er erst jetzt De Lucas krauses Haar und die braune Haut – wohl infolge der Beleuchtung. "Ich bin kein Rassist", bemerkte er nach einem Atemzug, wie um eine lästige Konversation zu beenden.

"Danke, Senator. Es freut mich, dass Sie das sagen."

"Ich sage Ihnen noch mehr. Ein gelber Mitbürger, der hier seinen Weg macht, ist mir lieber als jene Schwarzen, die in unseren Städten herumlungern, um zu betteln."

"Ist das einzig ihre Schuld?"

"Nein. Ich gebe zu, deren Vorfahren wurden aus Afrika verschleppt. Nur, seit gut hundert Jahren sind sie frei, und wie haben sie die Zeit genutzt? Ein Vietnamese, der auch aus dem Dreck kommt, fasst in hundert Wochen bei uns Fuß."

De Luca spürte, es stieg gallig in ihm hoch. Doch bevor er antworten konnte, klappte die Tür, das Licht wurde grün und Helms verschwand im WC. Jähes Ende einer absurden Unterhaltung. Zurück blieb der Eindruck von Schlagkraft und Streitlust dieses führenden Parlamentariers. Ein starker Mann und gefährlicher Feind in Seoul! Hätte Helms geahnt, was er, De Luca, dort äußern würde, er hätte kaum das Wort an ihn gerichtet. Mehr noch, er würde versucht haben, ihn von der Konferenz fernzuhalten. Die Seilschaft des Senators hätte De Lucas Teilnahme zu verhindern gewusst. Es hätte genügt, ihn zur selben Zeit nach Washington zu zitieren... Aber – so sagte er sich – ein Historiker sollte nicht spekulieren, sondern nur das prüfen, was tatsächlich geschehen war.

 

Nach der halben Flasche Wein dämmerte De Luca vor sich hin. War nichts Besseres zu tun, gehörte es zu seiner Reisetechnik, zu entschweben, durch das Haus seiner Jugend zu streifen und bei den Lichtpunkten zu verweilen. Er schloss die Augen und sah sich auf dem illuminierten Wohnschiff am Kai von Sausalito im Bannkreis eines Mädchens, das ihn sofort verhext hatte. Lange Zeit war sie für ihn der Gipfel strahlender Weiblichkeit gewesen, lockend und unzugänglich. Er hatte sich endlos mit ihr beschäftigt, sie niemals ganz vergessen.

Damals, im dritten Semester, war er bitter arm gewesen, abhängig vom Zufall und dem Erbarmen einer kirchlichen Stiftung, die mittellosen Studenten unter die Arme griff. Sein Vater nämlich, ein dünner Mann mit dem argwöhnischen Blick eines gescheiterten Ladenpächters, schlug sich als Reiseführer italienischer Touristen durch. Trotz der Trinkgelder, bis zu vier Dollar pro Person in der Woche, brachte er nie die achttausend Dollar Studiengebühr für Berkeley zusammen. Gelegenheitsjobs hielten De Luca über Wasser.

Es geschah zu Beginn der Party, als er Drinks servierte, auf einer der schwimmenden Villen des Künstlerstädtchens am Golden Gate. Jemand gab Vietnam-Heimkehrern der Universität Stanford ein Dinner. Und im Musiksalon sah er jene Schönheit – groß, dominierend, atemberaubend, von jungen Männern umringt, die ihr applaudierten. Ihr straff hochgekämmtes Haar ließ die Nackenlinie frei, sie hatte türkisfarbenen Stoff (sein ungeschultes Auge hielt ihn für Gaze oder Tüll) teils verschwenderisch, teils sparsam um sich drapiert und genoss die Blicke, die ihren halbentblößten Brüsten galten. Ein mexikanischer Goldschmuck hielt das Kleid zusammen. De Luca blieb geblendet stehen, unfähig, sich loszureißen. Ein bezauberndes Weib! Aufreizend leise führte sie das große Wort. Er hörte kaum hin, starrte weltvergessen, krank vor Bewunderung auf die glatte Haut einer Schulter, von der langsam das Trägerband glitt.

Ein Lachen nach dem anderen stieg von der Gruppe auf. Den Bourbon in der Hand, bogen sich die Veteranen vor Begeisterung. Sie hatten dem Land gedient, es hinter sich gebracht, dankbar tauchten sie wieder ein in den Zauber der Zivilisation. Nach einer Pointe blickte die Erzählerin im Kreis umher, war sie verstanden worden? Da entdeckte sie De Luca, sah ihn prüfend an. Ihm zog sich die Gurgel zusammen, er fühlte sich bei etwas ertappt, das ihm keineswegs zukam. Ein Wandel ging mit ihr vor, sie verschloss sich wie eine Blume, die bei Frost ihre Blütenblätter einrollt. Hatte sie an ihm das Tablett bemerkt? Ihre Augen verengten sich, und während ihr klar war, im Zentrum aller Aufmerksamkeit zu sein, schob sie geringschätzig das Trägerband hoch und wandte sich von ihm weg.

De Luca rutschten beinah die Gläser aus der Hand. Galt die Abfuhr seiner Hautfarbe oder dem Kellner, der es gewagt hatte, zu starren wie die anderen auch? Einerlei, es hinderte ihn nicht, sich nach ihr zu erkundigen. Sie hieß Tanja Cory und studierte in Stanford, dem teuersten Platz in Kalifornien. Ohne staatlichen Zuschuss erhielt sich Stanford durch die sagenhafte Gebühr von 17 000 Dollar pro Student und Jahr. Tanja war der Star dieser Party, jeder verzehrte sich nach ihr. Sie fuhr einen weißen Porsche; als weiteres Zeichen ihres Ranges lag ein Bündel Golfschläger darin. Ihre Eltern scheuten sichtlich keinen Aufwand, um sie zu verwöhnen.

Ein prägendes Erlebnis. Es bestimmte das Bild, das er von solchen Mädchen hatte. Da lag wohl der Ursprung seiner Hemmung gegenüber Jill... Tanja war nie aus seinem Kopf verschwunden. Den Klatschspalten nach hatte sie einen Filmschauspieler geheiratet, der voller Anekdoten steckte, jedoch kein ernsthaftes Gespräch führen konnte. Und kürzlich war De Luca ihr nach fünfzehn Jahren in Jills Umgebung wiederbegegnet. Tanja war seriös geworden, womöglich noch anziehender mit ihrem damenhaften Charme und dem vollen Mund. Der ließ ihn das Wort Niederlage denken, wenn sie die Lippen verzog – stets bereit, die schönen Zähne zu zeigen. Aus ihr war eine Karrierefrau geworden, ein As in Sachen Vertragsrecht. Angeblich beriet sie kleinere Firmen, die juristischen Beistand brauchten, ohne sich eigene Rechtsabteilungen zu leisten.

Seit einiger Zeit geschieden. Ihm fielen ein paar von den Sätzen ein, die ihrem Exmann entschlüpft waren, dem Leinwandhelden aus Frankreich. Hatte es der Schwachkopf doch fertig gebracht, Privatdinge auszubreiten, als bewegte sein Leben die ganze Nation. Nun, Tanja hatte das verdient. Da ihr das Äußere über alles ging, fiel sie auf einen Schönling herein. De Luca lernte sie unter ihrem alten Namen bei Jerome Lasky kennen, Jills anderem Bruder, einem Charmeur, der vorgab, Wirtschaftsjournalist zu sein. Tanja erinnerte sich nicht, wie denn auch, sie hatten ja nie miteinander gesprochen. Sie war mit Jerome liiert. Ein rauchiger Ton schwang in ihrer Stimme, manchmal zeigte ein Lächeln den harten Schmelz ihrer Zähne – wie damals.

Der Jet verließ seine Gipfelhöhe, De Luca spürte es in den Ohren. Matt säuselten die Triebwerke, schluckte man, wurden sie lauter. Halb fünf Uhr früh, 31. August, ein Mittwoch, der pechschwarz begann. Müsste nicht auf Nordwestkurs an Steuerbord schon eine Spur Morgenröte sein? Nein, halb drei erst war es nach der Alaska-Hawaii-Zeit; die einzige Gemeinsamkeit zwischen dem 49. und dem 50. Bundesstaat der USA.

Er stellte die Uhr um zwei Stunden zurück. Längst lief kein Film mehr, das Licht war gedämpft, die Kabine glich in ihrer Unordnung dem Zwischendeck eines Auswandererschiffs. Achtzig Minuten Aufenthalt in Anchorage, dem Ankerplatz von James Cook. Anno 1778 hatte der Weltumsegler dort verzweifelt nach dem Heimweg gesucht, der Nordwestpassage, 20 000 Pfund Sterling waren ihm vom Londoner Parlament dafür versprochen worden. Doch er fand nur Sackgassen wie Cook Inlet, den tiefen Einschnitt in Südalaska, an dessen Ende jetzt der Flugplatz lag. Zur Umkehr genötigt, war Cook auf Hawaii von Eingeborenen erschlagen worden; denen hatten seine Leute ein Boot geraubt... Für Konfliktforscher ein fesselnder Stoff.

Hinten im Touristenpferch stieg eine Stewardess über Beine, weit in den Gang gereckt. Ihre Zwitscherstimme weckte Menschen mit der Mahnung, sich anzuschnallen. Der Jumbo schien zu bremsen, fiel durch Luftlöcher, die Köpfe der Passagiere nickten simultan. Ein Quietschen, die Räder setzten auf, es war, als rumpele ein Bus über Bahngleise. Dann pfeifendes Rollen, Manövrieren zum Flugsteig.

Ringsum nervöse Erlösung. Gegen das Flehen des Personals drängte man vorzeitig zum Ausstieg, in immer gleicher Unvernunft. Mit einem Schwall von Asiaten spülte es De Luca durch den Gang, den der Airport ihnen rüsselhaft entgegenschob. Gutgekleidete Männer, vielleicht das Orchester der chinesischen Oper. Oder Mitglieder der Mun-Sekte, die weltweit zwei Millionen Jünger hatte? Ihr Oberhaupt, ein Mann der äußersten Rechten nutzte die Steuerfreiheit, die Amerika jedem Kirchenführer bot. Reverend Mun – so nannte er sich – steckte im Ginseng-Geschäft, mischte im Waffenhandel und in der Bauindustrie mit.

Auch hinter dem Asiatischen Forschungszentrum sollte Mun stehen. Gemeinsam mit dem Institut für politische Studien in Tokio lud das Forschungszentrum zu der Konferenz ein, die das fernöstliche Bündnis stärken sollte... Noch mehr Widersacher! De Luca glaubte sich plötzlich von Leuten umringt, die ihn in Seoul befehden würden, wenn er seine Thesen vortrug. Falls man ihn überhaupt reden ließ. Und dann? Alles war offen. Viel hing ab von seiner Taktik. Er wusste zwar, was er sagen wollte – aber nicht, wie. Noch fehlte ihm die passende Eröffnung. Da hoffte er auf Inspiration. Oft kam ihm der beste Einfall erst unterwegs.

II

Die endlosen Transithallen amerikanischer Flughäfen, selbst hier am Rande der Welt. Wie eine Geisterbahn erwacht zu neonfahlem Leben. Man wär verloren darin, dachte De Luca, hätten nicht die Fluggesellschaften sie in Scheiben zerlegt. Der Flugsteig N-3 führte in den Sektor der Korean Airlines. Und dort, über den Andenkenshops, zollfreien Läden, Wechselschaltern und Imbissbars, hob sich aus Schmusemusik – geeignet, einen zu besänftigen – manchmal eine Frauenstimme, die Namen nannte und Passagiere zur Abfertigung rief. Gewimmel in den Sitzreihen aus Plastik; Hunderte von Nachtwandlern füllten den Raum mit Handgepäck und Rastlosigkeit.

Anchorage Airport, Drehscheibe im Irgendwo zwischen den Kontinenten. Das chinesische Orchester oder die Truppe von Hochwürden Mun stieß zu dem Heer der Schlaf- und Mondsüchtigen. Angeblich hatte dieser Mun einst eine Christusvision gehabt, seitdem fühlte er sich berufen zum Messias. Sein Sprachrohr, die Washington Times, warb für den Zusammenschluss der alten Feinde Japan und Südkorea unter amerikanischer Führung. Ein Militärpakt gegen die Sowjetunion schwebte ihm vor. Denn seine religiöse Lehre gipfelte in heftigem Antikommunismus, beflügelt durch Größenwahn. "In der geistigen Welt gilt San Myun Mun als Sieger des Universums und Herr der Schöpfung", hieß es in einer Schrift der Sekte – eher komisch als bedrohlich, hätte der Machtanspruch sich auf die geistige Welt beschränkt, was auch immer das sein mochte.

Die Hände auf dem Rücken, ging De Luca umher, in Gedanken schon am Ziel. Wie seine Rede eröffnen, mit dem Mann in Las Vegas, der einen orientalisch roten Fes getragen und ihn belästigt hatte mit seinem Rededrang und der bizarren Idee, ähnlich dem Autoverleih von Hertz ein Geschäft zu gründen, das Waffen und Söldner an alle Welt auslieh? So dass künftige Kriege nicht mehr von schwach motivierten, flüchtig gedrillten Zivilisten ausgefochten würden, die stümperhaft und widerwillig ihre Heimat oder das Nachbarland verwüsteten, sondern von Vollprofis in der Sahara. Hochspezialisierte Söldner an modernsten Leihwaffen auf dem gemieteten Schlachtfeld!

Die unvermeidliche Anekdote. Ein witziger Anfang, der aufhorchen ließ, den Boden lockerte für die Saat. Den Mann im Fes und seinen Vorschlag gab es wirklich, doch das nahm ihm ja kein Mensch ab in Seoul. Hinter denen, die dort zusammenkamen, vermutete De Luca in erster Linie konservative Wirtschaftskreise der USA, Kanadas und von Fernost, gewiss auch aus Westeuropa, das Rüstungsgeschäft im Blick. Vertreter solcher Interessen würde die Story bloß verprellen. Er musste seriös sein, von A bis Z, glaubwürdig noch im Scherz. Und jene andere Gruppierung aus Japan, Südkorea und Taiwan erreichen, die ein Stück weiterdachte und nicht auf Rüstung setzte. Zwar lenkten diese Leute genauso gern Verteidigungsgelder auf ihre Konten; aber eher, um unter militärischem Vorwand eine Grundlagenforschung zu treiben, der dann, staatlich finanziert, neue Konsumgüter entsprossen... Diese Gruppe galt es anzusprechen, ihr wollte er Argumente liefern.

Das hatte er übrigens schon einmal versucht, auf der Konferenz in Los Angeles, und war gleich eingangs gescheitert durch einen dummen Fehler. Bereits seine ersten Sätze waren von den japanischen Managern missdeutet worden. In Los Angeles hatte er gesagt, Amerikas Betriebsleiter und Arbeiter könnten getrost etwas lernen von der Firmentreue und Disziplin fernöstlicher Arbeitnehmer, die bekanntlich zu Beginn jedes Werktags vereint ein fröhliches Lied sangen: Ausdruck sozialer Hygiene, des Leistungswillens und Friedens in der Gesellschaft, der Abwendung vom Klassenkampf. In seinen Augen ein Kompliment an die Adresse der japanischen Zuhörer. Die freilich hatten Hohn gewittert, sie glaubten sich bloßgestellt, standen wie ein Mann auf und verließen gekränkt den Saal! Peinlicher Abgang im Silentium.

Ein Eklat, er hatte abbrechen müssen; das durfte ihm nicht noch mal passieren. Wie aber, wenn er nun in Seoul freimütig von dem Vorfall sprach und klarstellte, was er eigentlich hatte sagen wollen? dass es nämlich entschieden besser sei für die Belegschaft, gemeinsam ein Morgenlied zu singen, als in Uniform, unter der Aufsicht kriegerisch gesinnter Offiziere, Soldatenlieder und patriotische Hymnen zu schmettern – was seltsamerweise in demokratischen, zivilisierten Ländern noch allgemein gebilligt werde. Obgleich es doch dazu diene, friedfertige Menschen auf militärischen Drill, Waffengebrauch und Völkermord einzustimmen. Das könne man weiß Gott von den Fabrikliedern nicht behaupten! Manch einer im Westen, der die komisch finde, sie arrogant belächele, habe gar nichts gegen nationalistische Marsch- und Hassgesänge, aus Gründen der Tradition. Heute aber sei zu fragen, von welchen Traditionen man Abschied nehmen müsse im Zeichen der Atombombe und des drohenden Weltuntergangs. Womit er schon beim Thema war. Ein hübscher Eröffnungszug. Glückte ihm der, kam auch das übrige an.

De Luca merkte auf, fiel da eben nicht sein Name im Lautsprecher? Einen Augenblick war er im Zweifel. In drei Sprachen hallte es über ihn weg, erst die Wiederholung verstand er: "Wir bitten Herrn De Luca vom Flug null-eins-fünf zum Informationsschalter der Korean Airlines." Wer wusste denn, dass er um diese Zeit hier sein würde? Am Stand hieß es, ein Gespräch für ihn aus Los Angeles. Er nahm den Hörer und hatte Jills Stimme im Ohr, über 2500 Meilen so klar, als wäre sie im selben Raum. – "Schläfst du noch immer nicht?", fragte er sie.

"Nicht mehr. Ich hab mich eben wecken lassen, um das Frühflugzeug zu erwischen. Damit die Vorlesung nicht ausfällt."

Ihm zuliebe! Sie flirtete nie, doch auch am Telefon hatte ihre Stimme etwas, das ihn sexuell ansprach. "Jill, du willst mir doch was sagen?"

"Sicher. Du, ich liebe dich."

"Ich dich auch. Ist das alles?"

"Ist das nicht genug?"

Er stellte sich ihr Gesicht vor, fein, blütenzart, so war es ihm schon vor Jahren in Berkeley aufgefallen. Sie war dunkelblond, einen Kopf kleiner als er und hatte manchmal die braunen, hoffnungslosen Augen eines italienischen Waisenkinds (oder eines polnischen, das lag bei ihr näher). "Du hast wirklich nichts weiter auf dem Herzen?"

"Nein. Ich fliege gleich nach San Francisco, ohne dich."

"Regnet es noch bei dir?"

"Nein, warum fragst du?"

"Dann wird es ein netter Flug. Knapp eine Stunde über dem Meer und den rotgrauen Bergen."

"Es wird mir keinen Spaß machen. Ich werde den oder die, wer immer da zufällig neben mir sitzt, gehörig hassen, weil du es nicht bist. Ich hatte mir so gewünscht, das Semester gemeinsam mit dir zu beginnen. Und nun bist du weit weg, zu einer albernen Tagung."

"So unnütz ist sie gar nicht. Ich halte die Fahne von Berkeley hoch."

"Vor zweitrangigen, belanglosen Narren!"

"Die sind weder zweitrangig noch harmlos."

"Eben, das kommt noch hinzu. Sei vorsichtig, hörst du?"

"Aber ja. Danach sehe ich mir nur noch ein Archiv an."

"Sandro, wenn's irgend geht, kürz es doch ab!"

"Das will ich gern versuchen."

"Du bist also nicht erst in einer Woche zurück?"

"Vielleicht schon in vier Tagen, Jill."

Er hörte sie aufatmen und beschloss das Gespräch mit zärtlichen Worten. Ihre Besorgnis rührte und ärgerte ihn. Nie mehr würde er in seinen Schritten so frei wie vorher sein. Dafür nun der Gewinn an Intensität und Lebendigkeit. Sein starkes Gefühl überstrahlte die Schatten der Partnerschaft; ein Amtssiegel darauf aber hätte es wohl erstickt.

De Luca fing an, die Umgebung wieder wahrzunehmen. Das Getümmel ringsum entstand dadurch, dass in dichter Folge weitere Jets einschwebten, Jumbos auf dem Weg nach Japan, Taiwan, Stockholm oder Paris; die Leuchtschrift dort zeigte es an. Sie gaben sich draußen ein Stelldichein, er sah es durch das Glas, Schwinge an Schwinge umdrängten sie den Terminal und spien Menschen aus. Zwischenstopp zum Auftanken und Wechsel der Crew, Pause vor dem zweiten großen Sprung. Auch war dies ein Knoten im Flugnetz des Staates Alaska. Vierzehn Inlandsrouten trafen sich hier, eine Wandkarte zeigte es.

In diesem Moment glaubte er Tanja Cory zu sehen. Wirklich, sie war es! Sie hat ihn eher entdeckt, vermutlich dank des Aufrufs, von ihrem Platz aus blickte sie in seine Richtung. Er winkte ihr zu, sie lächelte nicht zurück, sondern lud ihn mit einer knappen Geste zu sich ein. Sie nahm ihr Gepäck vom Nebenplatz, damit er sich setzen konnte... "Welch ein Zufall", sagte er.

"Ich bin genauso überrascht."

In dem vagen Gefühl, ihre Überraschung sei nicht echt, sah er sie aufmerksam an. Ein kaum geschminkter Mund, samtiger Hauch auf der Oberlippe, kunstvoll frisiertes Haar, Modeschmuck von Ciro; wenn sie die lange Zigarette hob, klirrten Armbänder. Sie rauchte, ohne zu inhalieren. Trotz ihrer lässigen Haltung wirkte sie sehr damenhaft – brünett, reserviert, eingeweiht. Das Flanellkostüm und die weißen Handschuhe schienen das zu unterstreichen. Den kalifornischen Akzent, ihm von damals noch im Ohr, hatte sie abgelegt und sich dem Sprachklang Neuenglands genähert. Ihre Figur war ideal, durch Diät getrimmt, zweifellos. Er war überzeugt, dass sie zweimal die Woche zur Hautpflege ging und Gymnastik trieb, um die Waffen blankzuhalten. Würde sie heute noch auf einer Party das große Wort führen? Schwerlich. Soviel Schick und Schliff... Doch er durchschaute das. Komödiantin! Gewechselt hatte bloß das Stück. Sie inszenierte ihren Aufstieg, nicht mehr nur die Unwiderstehlichkeit ihrer Person.

Tanja Cory war mit dem Flug KAL 007 aus New York gekommen. Ihr Jumbo hatte, auch im Regen, nach Ostküstenzeit kurz vor Mitternacht vom Kennedy-Airport abgehoben, war sieben Stunden unterwegs gewesen, ehe er hier niederging; zwanzig Minuten vor De Lucas Jet. Da saßen sie nun beide mit demselben Ziel, Seoul, in zwei Maschinen, deren Kurs sich schnitt. Von der Dreiviertelstunde gemeinsamen Aufenthalts war die Hälfte schon herum. Wozu Tanja nach Korea flog – sie behielt es für sich. Mühelos wich sie seinen Fragen aus, das machte ihr sogar Spaß.

"Stimmt es", fragte er, "Sie sind unter anderem auch für die Malcolm Aircraft tätig?"

"Wer hat Ihnen denn das erzählt?"

"Na, die Tochter des Präsidenten."

"Sie meinen Jill, Ihre Verlobte?"

"Verlobt? Ich hab noch nie wem die Ehe versprochen."

"Manche Leute behaupten das Gegenteil, Sandro."

"Manche Leute behaupten auch, die Erde wäre flach." Dass sie sich seinen Vornamen gemerkt hatte, berührte ihn angenehm, trotzdem gab es keinen Grund, ihr zu erklären, wie er zu Jill stand. Fing sie doch jeden Versuch, von ihr selber etwas zu erfahren, leicht amüsiert mit einer Gegenfrage auf. Mehr hören als sagen, eine der Regeln auf dem Weg nach oben. Dennoch saß De Luca gern bei ihr. Welch schöne Stimme, schwingend im unteren Bereich; etwa das, was Literaten verheißungsvoll nannten. Freilich nahm er auch Spuren von Hochmut wahr; wem bekam es schon, so begünstigt und begabt zu sein?

Während das Gespräch ihm dennoch die Zeit vertrieb, sah er sich wieder auf dem Wohnschiff ihr gegenüber: sein ehrliches Entflammtsein und ihre instinktsichere Abwendung. Zwar war der Abstand kleiner geworden, er hatte inzwischen aufgeholt, doch sie lag immer noch vorn und ließ es ihn fühlen. Falls ihr Umgang mit Jerome Lasky so eng war wie seiner mit Jill, waren sie beide Anhängsel der Familie; kein sympathischer Gedanke.

"Sehen Sie den Senator Helms?", hörte er sie da fragen. "Neben dem Kahlkopf mit der Hornbrille! Das ist Symms, sein Amtsbruder aus Idaho."

"Helms fliegt bei mir mit. Zufällig haben wir ein paar Worte gewechselt."

"Das würde ich auch gern einmal tun."

"Ist mir klar, Tanja. Ein charismatischer Mann."

"Sie wissen doch gar nicht, worum es mir geht."

"Na, bestimmt um ein Denkmal für knorrige Männlichkeit und Vaterlandsliebe."

"Machen Sie sich nur lustig, Sandro. Sie haben doch auch sehr ausgeprägte Überzeugungen."

"Nicht so feste wie er. Ich bin kein Kreuzfahrer, wissen Sie, weder für Gott noch für Marx."

"Jill Lasky ist da anderer Meinung."

"Hat sie Ihnen das gesagt?"

"Allerdings. Ihre Worte waren: 'Ohne ein Bild von der Welt und davon, wie sie eigentlich sein sollte, kann man gar nicht richtig leben'."

"Das ist nicht von mir. Sie macht sich manchmal eigene Gedanken." Er merkte, Tanja hörte ihm nicht zu, sie sah dem Senator nach. Der verschwand im VIP-Raum, dem Salon der Privilegierten.

"Sandro, darf ich Sie um einen Gefallen bitten?"

"Was immer es auch sei."

"Wenn Ihnen an Helms nichts liegt, hätten Sie wohl Lust, in meinen Jet zu steigen? Wir müssten nur die Bordkarten tauschen."

"Dazu sollten Sie wissen, ich sitze in Reihe dreizehn."

"Aberglauben kann ich mir nicht leisten. Sie kämen hinauf aufs Oberdeck: bequemer reisen und eher am Ziel."

"Wer säße da neben mir, ein schnarchender Greis?"

"Lawrence McDonald, Kongressmann aus Georgia."

"Ich hoffe doch, er hat Sie nicht belästigt?"

"Können wir mal ernsthaft reden?"

"Sie wollen mich also zu einem Südstaatler setzen."

"Ach Gott, das ist wohl eine Zumutung für Sie."

De Luca ließ sie ein bisschen zappeln, im Stillen schon bereit, ihr den Wunsch zu erfüllen. Obgleich Tanja es unterließ, die Tauschabsicht zu erläutern. Er vermutete ihr Motiv auf dem weiten, verschwiegenen Feld des Lobbyismus. Eine der Firmen, die sie beriet, erwartete offenbar von ihr, dass sie Kontakte zu Männern von Rang und Einfluss knüpfte... Durch das Glas schimmerte der Umriss ihres Jets, den roten Fantasievogel der Korean Airlines am Leitwerk. – "Geht in Ordnung, Tanja."

"Wie dankbar ich Ihnen bin." Zu ihrer Bordkarte reichte sie ihm eine gelbe Marke des Airports. Die hatte ihr ein Angestellter gegeben, damit sie vom Warteraum des Fluges 015 unbehindert zu den Passagieren der KAL 007 zurückkehren konnte.

Er sagte: "Es ist ein Genuss, Ihnen behilflich zu sein."