Wilhelm Genazino
Eine Frau,
eine Wohnung,
ein Roman
Carl Hanser Verlag
ISBN: 978-3-446-24232-6
© 2003/2012 Carl Hanser Verlag München Wien
Satz: Fotosatz Reinhard Amann, Aichstetten
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Eine Frau, eine Wohnung, ein Roman
1
Mit siebzehn trudelte ich ohne besondere Absicht in ein Doppelleben hinein. Kurz zuvor war ich vom Gymnasium geflogen und sollte, auf Drängen meiner Eltern, eine Lehrstelle annehmen. Ich selbst wußte damals nicht, welchen Beruf ich »ergreifen« könnte. Ich war ratlos, wollte aber meine erschrockenen Eltern beschwichtigen. Eine Lehre wollte ich nicht beginnen, aber schließlich gab ich dem Druck nach und ließ mich von der Mutter in verschiedenen Personalbüros vorstellen. Die Bewerbungsgespräche verliefen in einer gedrückten und peinigenden Atmosphäre. Jedesmal, wenn ich hinter meiner Mutter ein Chefzimmer betrat, fühlte ich mich von neuem eingeschüchtert. Anstatt einen guten Eindruck zu machen, hörte ich bloß zu und schaute mich um. Die Chefs gefielen mir nicht, ich gefiel den Chefs nicht. An diesem Morgen lief es besonders schlecht. Wir saßen dem Chef einer Großgärtnerei gegenüber. Er hielt mein Abschlußzeugnis in Händen und unterdrückte seine Bedenken nicht. Auch die Allgemeinbildung eines Gärtners muß überdurchschnittlich sein, sagte der Chef und sah mir direkt ins Gesicht. Ich traute mich nicht zu sprechen, meine Mutter gab die Antworten für mich. Sie suchte nach immer neuen Erklärungen für meine schlechten Noten. Eben sagte sie, daß auch der Chirurg Ferdinand Sauerbruch ein sehr schlechter Schüler war und dann doch ein weltberühmter Chirurg geworden ist. Der Chef und ich waren verblüfft. Beide betrachteten wir meine Mutter. Wie kam sie nur dazu, mein elendes kleines Schülerleben mit Ferdinand Sauerbruch in Verbindung zu bringen? Der Geschäftsführer wollte wahrscheinlich hören, ob ich überhaupt sprechen und ob ich zusammenhängende Sätze bilden konnte. Ich blieb verstockt, ich brachte die Lippen nicht auseinander. Ich sah dem Chef ins Gesicht und doch an seinem Gesicht vorbei nach draußen. Hinter ihm gab es ein großes Fenster, das den Blick auf eine belebte Straße freigab. In diesen Augenblicken begann draußen ein Mann, ein neues Plakat auf eine Werbewand zu kleben. Es war ein riesiges buntes Plakat für eine neue Halbbitter-Schokolade. Es dauerte keine halbe Minute, dann war ich in das Wort halbbitter vertieft. Ich begriff, daß ich mich selbst in einer halbbitteren Situation befand und daß mir das Plakat half, meine Lage zu verstehen. Über diese unerwartete Hilfe empfand ich plötzlich Dankbarkeit. Ich wollte mir das Wort am liebsten aufschreiben, aber das ging im Augenblick nicht, also merkte ich mir das Wort. Die Wahrheit ist, daß ich seit meinem fünfzehnten Lebensjahr fast täglich mit Literatur beschäftigt war. Ich las und schrieb und schrieb und las. Ich brachte kleine Skizzen und Kurzgeschichten hervor, die ich wahllos an Redaktionen von Zeitungen und Zeitschriften schickte. Das Spektrum reichte von einer Wochenschrift mit dem Titel Lukullus, einer sogenannten Kundenzeitschrift, die damals in der Metzgerei auslag, in der wir einkauften, bis hin zum Münchner Simplicissimus, einer Satire-Zeitschrift mit berühmter Vergangenheit, von der ich damals freilich nichts wußte. Nach weiteren zwei Minuten signalisierte uns der Chef, daß das halbbittere Vorstellungsgespräch, kurz bevor es ganz bitter wurde, beendet war und daß wir gehen sollten. Mutter schob mein letztes Schulzeugnis zurück in ihre Handtasche. Es war klar, daß ich kein Gärtner werden mußte, und ich war nicht böse drum. Es tat mir leid, daß Mutter meinetwegen betrübt war. Auch in der Straßenbahn, während der Heimfahrt, löste sich die Beklemmung nicht. Ich hoffte, daß mir Mutter keine Vorwürfe machen würde. Tatsächlich blieb sie still. Wenigstens dafür wollte ich ihr danken, aber ich brachte auch jetzt den Mund nicht auf. Draußen schnippte ein junger Mann seine Kippe gegen die Straßenbahn, in der wir saßen. Dummerweise mußte ich darüber kurz lachen. Sofort sah Mutter zu mir herüber. Sie verstand nicht, wie ich nach diesem enttäuschenden Tag kichern konnte, wenn auch nur kurz. Ich verstand es selbst nicht. Aus Verärgerung schaute Mutter mit absichtlicher und größtmöglicher Fremdheit an mir vorbei. Ich behielt für mich, daß ich diesen aufgespaltenen Blick (nicht angeschaut werden, aber doch gemeint sein) noch weniger verstand als mein Lachen.
Zu Hause warteten angenehmere Überraschungen auf mich. Zwei Zeitschriften, eine Tierschutz-Illustrierte und das Mitteilungsblatt des Apotheker-Verbandes, hatten kurze Texte von mir gedruckt und mir Belegexemplare geschickt. Ich setzte mich in die Küche, las meine Beiträge und freute mich. Mutter hatte sich in das Schlafzimmer zurückgezogen. Ich glaube, es verblüffte mich nicht, daß meine Texte gedruckt wurden. Schon als Siebzehnjähriger hätte ich mich Schriftsteller nennen dürfen, was ich mich jedoch nicht traute. Es war klar, die Lehre, in die ich früher oder später eintreten würde, war nichts weiter als eine Übergangslösung. In Wahrheit wollte ich schreiben, hauptberuflich, und zwar sofort. Wie ich das anstellen sollte, wußte ich freilich nicht, und ich war deswegen bekümmert. Ich verstaute die beiden Belegexemplare und öffnete die anderen Briefumschläge. Es handelte sich um Rücksendungen von Manuskripten, die nicht angenommen worden waren. Ich las auch sie noch einmal durch und fragte mich, warum sie abgelehnt worden waren. Die noch Ansehnlichen unter den Manuskripten steckte ich in neue Briefumschläge und adressierte sie an die Redaktionen anderer Zeitschriften. Ich horchte in die Stille der Wohnung, es rührte sich nichts. Es war nicht gut, nach einer fehlgeschlagenen Bewerbung allzu lange allein in der Küche sitzen zu bleiben. Der Rauswurf aus dem Gymnasium lag jetzt drei Wochen zurück. Bis zum kommenden Frühjahr, wenn ich die dann hoffentlich gefundene Lehrstelle antreten würde, hatte ich noch ein paar Monate freie Zeit, die ich mit Schreiben, Umhergehen und Nachdenken verbringen wollte. Mutter verließ das Schlafzimmer nicht. Sie redete schon lange nicht mehr über ihre Angelegenheiten. Als ich vierzehn war, riet ich ihr, sich scheiden zu lassen. Ich hatte mir damals vorgestellt, sie würde mich dann an der Hand nehmen und wir würden zusammen ein anderes Leben beginnen. Aber Mutter fand nicht die Kraft zu einer Flucht, im Gegenteil, sie wurde von Jahr zu Jahr stummer und schwächer. Sie merkte nicht einmal, daß ich mit ihr am Tisch saß und sie immerzu aufbruchsbereit anschaute. Jetzt sah ich auf meine nichtfrankierten Briefumschläge. Erwünschte und unerwünschte Einsamkeiten flossen ineinander. Je stiller es wurde, desto mehr staute sich hinter der Ärmlichkeit des Tages die Vermutung von der Ärmlichkeit des ganzen Lebens. Diese Vermischungen durfte ich nicht zulassen. Ich nahm die Briefumschläge und verließ die Wohnung.
Die Schalterhalle der Post war um diese Zeit angenehm leer. Während ich Briefmarken aufklebte, sah ich an einem Schalter ganz links einen offenbar liegengebliebenen Bund mit hellroten Rosen. Niemand kümmerte sich um den mit feinem Papier eingewickelten Strauß. Mir fiel Gudrun ein, die ich später vom Büro abholen würde. Sie würde sich freuen, wenn ich sie mit Rosen überraschte. Ich ging zu dem Schalter ganz links und kaufte erneut zehn Sondermarken für den bestimmt nicht nachlassenden Versand meiner Manuskripte. Beim Abgang vom Schalter nahm ich den Rosenstrauß an mich und kam damit fast bis zur Drehtür. Doch dann hörte ich hinter mir eine Stimme. Es war die Stimme des Schalterbeamten, der sich für seinen Zuruf sogar erhoben hatte. Gehören Ihnen die Blumen? fragte er quer durch den Raum. Nein, antwortete ich und ging schon zum Schalter zurück, ich dachte, sie sind vergessen worden, ich meine verloren, also übriggeblieben, wenn ich sie nicht mitnehme, werden sie vielleicht sogar weggeworfen. Ach! sagte der Schalterbeamte. Die Blumen können Sie doch nicht einfach mitnehmen! Bestimmt kommt gleich jemand zurück, dem die Rosen wirklich gehören, also! Der Mann nahm mir die Blumen ohne weiteres aus der Hand, beziehungsweise ich streckte sie ihm über den Tresen entgegen. Ich nahm mir nicht mehr die Zeit, den Mann beim Kopfschütteln zu betrachten, sondern drehte mich rasch um und verließ schnellstens die Post.
Zum zweiten Mal an diesem Tag traf mich, freilich in einem minder schweren Fall, die Tücke des Scheiterns. Im Grunde war ich weder dem ersten noch dem zweiten Fall gewachsen. Ich ging sprachlos umher und schaute danach, was auf den Rücksitzen geparkter Autos herumlag. Nach einiger Zeit fing ich an, die von mir gesehenen Gegenstände beim Namen zu nennen. Zeitschrift. Straßenkarte. Einkaufsnetz. Pelzmütze. Orangen. Wolldecke. Handschuhe. Babyschnuller. Pfeife. Sonderbarerweise verlor ich durch die Aufzählung der Dinge das Gefühl des Ausgeliefertseins. Ich ging durch etwa drei Straßen, sah am Straßenrand in die Autos und sagte halblaut vielleicht zweihundert Wörter auf. Dann kippte meine Stimmung, ich fühlte mich wieder obenauf. Noch vor zwei Jahren hatte ich, als ich mich hier herumtrieb, nach einem sogenannten Literaten-Café gesucht. In Büchern hatte ich immer wieder gelesen, daß sich Schriftsteller in Cafés treffen und dort sogar schreiben. Leider war meine Suche ohne jedes Ergebnis geblieben. Es gab in meiner Stadt weder Literaten-Cafés noch Schriftsteller. Immerhin hatte ich bei der Suche ein paar Cafés kennengelernt, zum Beispiel das Café Hilde, das ich jetzt wieder betrat. Es war ein großer, düsterer Raum mit dunkelbraunen Tapeten und ein paar tiefhängenden Kugellampen. Das Café Hilde (und ein erheblicher Teil seiner Besucher) war aus der Nachkriegszeit übriggeblieben. Es roch nach geronnener Milch, nach Kakaopulver, nach Holz und Kuchenresten. Die einzige Bedienung war eine ältere, stark überschminkte Frau. Sie trug schwarze Wollsocken über den Nylonstrümpfen und Schuhe aus Goldlamé. Über ihre Hüften spannte sich ein knapper Rock und ein langer, ebenfalls zu enger Pullover. Von Zeit zu Zeit ging sie hinter die Theke und zog sich die Lidschatten nach. Ich setzte mich in den hinteren Teil des Cafés, wo ich die Theke und den Eingang im Blick hatte. Außerdem lag rechts von mir die sogenannte Lese-Ecke. Ich suchte vage nach neuen Zeitschriften, denen ich meine Texte schicken wollte. Wenn ich eine gefunden hatte, die mir vielversprechend erschien, notierte ich mir die Redaktionsadresse. Auf der Theke drehte sich eine Runde, verglaste Kühlbox, in der, verteilt auf drei Etagen, vier angeschnittene Torten untergebracht waren. Zwei kleine Neonröhren drehten sich mit und tauchten alle Torten in ein einheitliches Bahnhofslicht. Oft, wenn sie wenig zu tun hatte, stellte sich die Bedienung neben die Kühlbox und blickte den sich drehenden Torten nach. Ich sah immer wieder hin und konnte doch nicht klären, warum mich dieses Arrangement fesselte. Eine Frau mit Kind erschien im Café und suchte in meiner Nähe einen Tisch. Die Frau trug eine Einkaufstasche, aus der oben zwei Fische herausschauten. Die Fische, zwei Heringe, waren in Zeitungspapier eingewickelt, aber das Papier war, von der Frau offenbar unbemerkt, zur Seite gerutscht. Deswegen schimmerten jetzt zwei goldgelb geräucherte Heringe unter dem Tisch der Frau hervor. Das Kind sagte zu der Frau: Du bist die allerbeste Mutter, die es gibt. Die Frau war gerührt und schaute zu mir. Ich gab ihr ein Zeichen, daß ich den Satz des Kindes mitgehört hatte und daß ich ihre Rührung verstand. Keine halbe Minute später wollte ich schreiben. Ich nahm einen Briefumschlag aus meiner Jackentasche und beschrieb das sich hier ereignende Szenario. Mit der Mutter und dem Kind fing ich an. Das Kind sagte zu der Frau: Du bist die allerbeste Mutter, die es gibt. Die Frau war gerührt und schaute zu mir. Das Kind sprach, schrieb ich, als hätte es Erfahrungen mit vielen Müttern gesammelt und als sei die eigene Mutter aus vielen Prüfungen als die beste hervorgegangen. Plötzlich befremdete mich mein Text. Es gefiel mir nicht, daß ich das Kind kritisierte. Hatte ich die kleine Szene beschreiben wollen, um das Denken eines Fünfjährigen zu beanstanden? Ich begann, jeden weiteren Satz, bevor ich ihn niederschrieb, danach zu befragen, ob er schön war oder nur aufrichtig, oder vielleicht nur schön, aber nicht aufrichtig; oder intelligent, dafür aber traurig; oder vielleicht schön und traurig, aber leider nicht wahr; oder nur wahr, aber nicht schön; oder nur eindrucksvoll, aber weder schön noch wahr; oder nur interessant, aber nicht eindrucksvoll und nicht wahr und nicht einmal schön. Kurz darauf beendete ich das Schreiben im Café. Ich schaute ein wenig erschöpft in die Runde. Die Einzelheiten gefielen mir, je länger ich sie betrachtete (die braunen Tapeten, die gelben Kugellampen, die sich drehenden Torten, die schwarzen Wollsocken, die goldglänzenden Fischköpfe), aber es war mir vorerst nicht möglich, den wundersamen Frieden, der von ihrem grotesken Nebeneinander ausging, in ein paar beiläufigen Sätzen einzufangen.
Vier Stunden später wartete ich an einer Tankstelle im Industriegebiet auf den Feierabend von Gudrun. Sie war drei Jahre älter als ich und arbeitete als Sekretärin in einem Ingenieurbüro. Ihr Vater war aus dem Krieg nicht nach Hause gekommen, sie wohnte zusammen mit ihrer Mutter in einer kleinen Souterrainwohnung. Obwohl wir uns noch nicht lange kannten, hatten wir bereits ein gemeinsames Sparbuch, in das jeder von uns jeden Monat fünfzehn Mark einzahlte, wofür wir von Gudruns Mutter gelobt wurden. Obwohl wir noch nicht zusammen geschlafen hatten, waren wir uns schon einig, daß wir zwei Kinder haben wollten, einen Jungen und ein Mädchen. Wir wollten kein Risiko eingehen. Erst vor einem Vierteljahr hatte Gudruns Schwester Karin heiraten müssen. Zu einer solchen »Bauchhochzeit« (das war Gudruns Wort) waren wir nicht bereit. Es war uns nicht unheimlich, daß wir uns schon jetzt über das Möbelhaus einig waren, in dem wir in einigen Jahren unsere Einrichtung kaufen würden. Vorerst aber, das sagte Gudrun immer wieder, mußte ich eine Lehrstelle finden, und zwar so schnell wie möglich. Da öffnete sich die Tür des Ingenieurbüros, Gudrun trat heraus. Ich sah ihr dabei zu, wie sie auf mich zuging und dabei ein wenig verlegen wurde. Sie war brünett und zierlich gebaut. Kaum war sie an meiner Seite, fragte sie, was ich heute gemacht hatte. Ich verschwieg, daß ich zwei Stunden im Café Hilde war, weil ich nicht den Eindruck eines Herumtreibers hervorrufen wollte. Stattdessen lieferte ich die neueste Fortsetzung eines wirren Großvortrags, der an diesem Nachmittag mit der riesigen Holzkiste begann, in der Thomas Wolfe das Manuskript seines Romans »Von Zeit und Strom« untergebracht hatte. Ich erklärte weitschweifig, welche Arbeit es für Wolfes Lektor Maxwell Evarts Perkins war, aus diesem uferlosen Manuskript einen lesbaren Roman zu machen. Von Thomas Wolfe ging ich über zu Kurt Tucholskys vier Pseudonymen und zu Tucholskys Selbstmord in Schweden. Von Schweden aus war es nicht weit zu dem norwegischen Dichter Knut Hamsun und dessen Hungerleben in Kristiania, das Hamsun mit einer Flucht nach Chicago beendete. Als letzten Dichter behandelte ich heute Franz Kafka. Ich redete über seine Heimatstadt Prag, die ich selbst nur aus Büchern kannte. Meine Ahnungslosigkeit steigerte meine Leidenschaft. Ich redete über Franz Kafka, als würde ich ihn persönlich kennen und als würde ich jeden Tag etwas Neues aus seinem Leben erfahren. Ein bißchen war es auch so. Ich las in dieser Zeit alles, was ich von ihm und über ihn kaufen konnte, und ich gab jedes neue Detail sofort an Gudrun weiter. Manchmal sah ich während des Gehens zu ihr hinüber und lächelte ihr zu, nein, ich kontrollierte ein bißchen, ob sie mir zuhörte oder ob ich sie langweilte. Erst kurz vor der Haustür der Souterrainwohnung endete mein heutiger Vortrag. Ich ging mit Gudrun in den Hausflur und küßte sie mit einer Erregung, von der wir glaubten, sie sei ein Zeichen unserer Liebe und unserer Zukunft. In Wahrheit ahnte ich, daß ich durch Gudrun hindurchküßte und im Hintergrund Franz Kafka dafür dankte, weil er mich wieder so lebendig gemacht hatte.
Schon eine Woche später stellte mich Mutter erneut in Personalbüros vor. Am Dienstag gingen wir in eine Süßwarenhandlung, am Mittwoch in eine Reifenfabrik und am Donnerstag in eine Brauerei. Es war ganz offenkundig gleichgültig, welchen Beruf ich ergriff und welche Firma mich einstellte. Weihnachten rückte näher, und ich hatte noch immer keine Aussicht auf eine Lehrstelle. Damals malte und zeichnete ich auch gerne. Deswegen präsentierte mich Mutter auch in ein paar grafischen Betrieben und kleinen Werbeateliers. Sie glaubte, ich würde dort irgendwie zum Künstler ausgebildet werden können. Diese Naivität rührt mich heute sehr. Obwohl Mutter fast immer mit ihren eigenen Lebenskränkungen beschäftigt war, erkannte ich in dieser Einfühlung doch ihre Zärtlichkeit für mich. Leider machte ich auch in den Grafikbetrieben und Werbeateliers keine gute Figur. Dabei wäre es in dem Werbeatelier SIGNUM beinahe zu einer Einstellung gekommen. Der Chef hatte sich überraschend für meine Zeichnungen interessiert, und ich war ebenso überraschend bereit, über die Verwendbarkeit dieser Zeichnungen als Werbevorlagen ein paar Sätze zu sagen, die den Chef aufmerken ließen. Aber dann machte der Chef einen schrecklichen Fehler. Er öffnete, während er meine Zeichnungen betrachtete, eine Flasche Kakao, trank sie halbleer und stellte sie auf seinem Arbeitstisch ab. Sofort ekelte ich mich vor der halbleeren Flasche. Immerzu liefen neue braune Schlieren an der Innenseite der Flasche hinab. Es gelang mir nicht, die Flasche zu ignorieren. Stattdessen beobachtete ich, wie Kakaotropfen zu kleinen Rinnsalen zusammenflossen, und verstummte dabei. Ich merkte nicht einmal mehr, daß der Chef weitere Fragen an mich richtete. Es war klar, daß ich nach diesem Einbruch auch in diesem Atelier leer ausging. Dennoch kam es während der Heimfahrt zwischen Mutter und mir zu einer sanften Begegnung. Ich hatte Mutter schon vor zwei Monaten Kafkas Brief an den Vater zu lesen gegeben. Wochenlang hatte sie geschwiegen, aber jetzt, in der Straßenbahn, sagte sie plötzlich: Alles, was der junge Herr Kafka schreibt, ist wahr, wortwörtlich. Danach redete sie eine Weile über ihren Vater, ihre Brüder und zuletzt über ihren Mann. Am meisten nahm mich ihre Formulierung »der junge Herr Kafka« für sie ein. Das klang, als sei Kafka gar nicht tot, im Gegenteil, als hätten wir ihn schon öfter gesehen, weil er als junger Herr mit uns im gleichen Haus wohnte. Und jetzt saßen wir zusammen in der Straßenbahn, fuhren nach Hause und begegneten im Treppenhaus vielleicht wieder unserem vortrefflichen Nachbarn Kafka. Mutter ging sogar auf das Spiel ein, das ich kurz darauf erfand.
Würdest du Herrn Kafka, wenn wir ihn im Treppenhaus zufällig sehen, mal zum Mittagessen einladen?
Hat er denn Hunger? fragte sie.
Vermutlich, sagte ich, er arbeitet bei einer Versicherung und verdient wenig.
Und du meinst, er würde sich mit ein paar Pfannkuchen zufriedengeben?
Warum nicht? fragte ich.
Von mir aus gern, sagte sie und lachte.
Erst Mitte Februar gelang es ihr, mich in einer Spedition als kaufmännischen Lehrling unterzubringen. Eineinhalb Monate später, zum 1. April, trat ich in die sogenannte Lehrfirma ein. Ich mußte jetzt täglich von 8.00 bis 17.00 Uhr arbeiten, samstags von 8.00 bis 13.00 Uhr. Mit sechs Angestellten saß ich in einem Raum, der Lagerabteilung genannt wurde. Eine etwa dreißigjährige Kollegin, Frau Siebenhaar, sagte mir, was ich zu tun hatte. Wenn das Telefon klingelte, bestellte jemand entweder einen Fernsehapparat, eine Musiktruhe oder einen Kühlschrank. Danach schrieb ich einen Lieferschein, damit die Ware ausgeliefert werden konnte. Nach der Auslieferung schaute ich in die Gebührentabelle und tippte die Rechnung. Die Einweisung dauerte etwa zehn Minuten, dann wußte ich über die Arbeitsvorgänge in der Lagerabteilung Bescheid. Am unangenehmsten war, daß es um mich herum immer ein halbes Dutzend Zuschauer gab. Ich nahm an, daß ich ihnen nichts vormachen konnte. Dabei empfand ich nicht viel. Ich erledigte meine Arbeit und lebte abwechselnd in den Bildern des Gelingens und des Nichtgelingens. Immer wieder mußte ich mir klarmachen, daß ich vorerst keine Möglichkeit hatte, den Zustand Lagerabteilung zu beenden. Manchmal fiel mir ein Satz ein, den ich mir sofort notierte. Ich setzte mich an meinen Tisch und schrieb: Was uns zustößt, enthält kein Urteil über uns. Der Satz beeindruckte mich, aber nach einer Weile bemerkte ich, daß ich wieder nicht wußte, ob der Satz schön, wahr oder nur interessant war. Als es Abend wurde, hatte ich immerhin erkannt, daß der Satz das Denken über meine Lage in zwei Hälften spaltete. Einerseits steckte in ihm die Anerkennung der Situation, aus der es vorerst kein Entrinnen gab; andererseits war der Satz bereits ein Triumph über das Nicht-entrinnen-Können. Auf dem Heimweg empfand ich das Wohlgefühl der Innerlichkeit, das aus dem Denken hervorging. Ich ging dazu über, mich in der Mittagspause an einen Tisch mit nicht abgeräumtem Geschirr zu setzen, damit ich ungestörter auf neue Sätze warten konnte. Dennoch war immer zuviel Lärm und Bewegung um mich herum. Außer mir waren noch fünf weitere Lehrlinge eingestellt worden, darunter ein Mädchen. Sie geisterten mit ihren Tabletts zwischen den Tischen umher und trauten sich nicht, sich neben Frau Siebenhaar oder Herrn Bremeier zu setzen. Leider gab es nicht viel, was ich mit den anderen Lehrlingen besprechen konnte. Sie waren bloß jung und hatten keine geheimen Pläne. Mit einer Ausnahme: Anselm Marquard. Er war schon fast zwanzig Jahre alt und fiel mir durch seine nervösen, fliehenden Bewegungen auf. Er war der einzige, der die Idee meines Selbstschutzes in der Kantine (das Sitzen an unaufgeräumten Tischen) zuerst durchschaute und dann ignorierte. Auf einmal saß er neben mir an einem Tisch mit besonders viel stehengebliebenem Geschirr. Wir lachten über die Worte STAMMESSEN I und STAMMESSEN II auf der Speisekarte. Stammessen I war in der Regel ein Schnitzel mit Bratkartoffel und Salat, Stammessen II war entweder ein Gemüseeintopf, eine Linsensuppe oder ein Eiersalat. Wir fragten uns gegenseitig, ob wir auch eine Stammfrau, eine Stammunterhose oder eine Stammseife hätten. Ich erfuhr, daß Anselm an zwei Abenden der Woche eine Schauspielschule besuchte. Bis zu seiner Abschlußprüfung brauchte er noch mindestens zwei Jahre Unterricht. Auch er war, genau wie ich, nur aus Verlegenheit ein Lehrling. Unser Gelächter zog den Lehrling Peter Sömmering an. Vermutlich glaubte er, daß wir uns Witze erzählten. Er begann, das schmutzige Geschirr auf unserem Tisch zur Essensausgabe zurückzubringen. Anselm und ich überlegten, ob wir ihn daran hindern sollten, aber wir wollten auch nicht unverständlich erscheinen. So schauten wir nur verdutzt dabei zu, wie Sömmering unsere Tarnung Stück für Stück abräumte. Dann beugte er sich über sein Stammessen I und sah uns an. Aber Peter Sömmering erzählte keine Witze, sondern beschwerte sich über die stumpfen Messer.
In dieser Zeit gelang es mir, zur Lokalredaktion des nun schon lange nicht mehr existierenden Tagesanzeigers einen Kontakt herzustellen. Ich drücke das so vage aus, weil ich die Art meiner Annäherung nicht mehr erinnere. Wahrscheinlich habe ich die Zeitung aufgesucht und den Redakteuren ein paar meiner Sachen gezeigt. Vielleicht habe ich ihnen auch einige Texte geschickt und sie nach einiger Zeit angerufen. Dann kommen fünf Minuten, an die ich mich sehr gut erinnere. Sie gelten einem Lokalredakteur, der sich tatsächlich mit mir einließ. Er war ein gehetzter junger Mann mit bleichem Gesicht und raschen Bewegungen. Ich sagte ihm nicht, daß ich Lehrling war, er interessierte sich auch nicht dafür. Während er mit mir redete, tippte er zwischendurch ein paar Sätze in seine Schreibmaschine, was mich stark beeindruckte. Er wollte nicht einmal wissen, ob ich je im Journalismus gearbeitet hatte. Vermutlich erkannte er, daß ich ahnungslos war. Ich hielt meinen Besuch schon fast für mißlungen, dann stellte mir der Redakteur doch noch eine Frage. Er deutete auf eine kleine Satire, die ich im Simplicissimus veröffentlicht hatte, und wollte wissen, wieviel Zeit ich für einen solchen Text brauche.
Wenn mir klar ist, wie der Anfang und wie der Schluß aussehen soll, sagte ich, sitze ich daran etwa zwei Stunden.
Vermutlich steckte in dieser Antwort die entscheidende Information. Herrdegen (so hieß der Redakteur) brauchte jemanden, der schnell arbeitete. Nach weiteren drei Minuten gab er mir einen »Termin«, das heißt, er beauftragte mich, für seine Zeitung eine Veranstaltung zu besuchen und über sie einen knappen Bericht zu schreiben. Eineinhalb Schreibmaschinenseiten, mehr nicht. Der fertige Artikel sollte ihm am Mittag des folgenden Tages vorliegen.