Dina Nayeri
Ein Teelöffel Land und Meer
Roman
Aus dem Amerikanischen
von Ulrike Wasel
und Klaus Timmermann
Dina Nayeri
Ein Teelöffel Land und Meer
Roman
Aus dem Amerikanischen von Ulrike Wasel und Klaus Timmermann
Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet
diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie;
detaillierte bibliografische Daten sind im Internet
unter http://dnb.ddb.de abrufbar.
Die Originalausgabe erschien 2013 unter dem Titel
A Teaspoon of Earth and Sea
bei Riverhead Books/Penguin Group (USA) Inc., New York.
Copyright © 2013 by Dina Nayeri
© 2013 by mareverlag, Hamburg
Covergestaltung: mareverlag, Hamburg
Abbildung: © Perfect Laughter
Typografie: Farnschläder & Mahlstedt, Hamburg
Datenkonvertierung eBook: Farnschläder & Mahlstedt, Hamburg
ISBN eBook: 978-3-86648-300-2
ISBN Hardcover-Ausgabe: 978-3-86648-013-1
www.mare.de
Für Philip und für Baba Hajji,
von denen ich mir einst sehnlichst erhoffte,
sie zusammen in ein und demselben
Raum zu sehen.
You and I have memories
Longer than the road that stretches out ahead.
The Beatles
Dorf Cheshmeh (Provinz Gilan), Iran
Sommer 1981
Das Folgende ist alles, was Saba Hafezi von dem Tag in Erinnerung hat, an dem ihre Mutter und ihre Zwillingsschwester für immer fortflogen, vielleicht nach Amerika, vielleicht in ein noch ferneres, noch unerreichbareres Land. Wenn man sie bitten würde, zu erzählen, woran sie sich erinnert, würde sie die vielen Teile aus einem Wust von Erinnerungen zusammenstückeln, zwei laue Tage in Gilan, die irgendwo in ihrem elften Sommer schweben:
»Wo ist Mahtab?«, fragt Saba wieder und rutscht unruhig auf der Rückbank des Autos hin und her. Ihr Vater fährt, während ihre Mutter auf dem Beifahrersitz in ihrer Handtasche herumkramt und Pässe und Flugscheine und all die Papiere zusammensucht, die erforderlich sind, um aus dem Iran rauszukommen. Saba ist schwindelig. Seit dem Abend am Strand tut ihr der Kopf weh, aber sie kann sich an kaum etwas erinnern. Sie weiß nur eines, nämlich dass ihre Zwillingsschwester Mahtab nicht da ist. Wo ist sie? Wieso ist sie nicht hier bei ihnen im Auto, wo sie doch wegfliegen und nie wiederkommen wollen?
»Hast du die Geburtsurkunden?«, fragt ihr Vater. Seine Stimme klingt schneidend und schnell, und Saba bleibt davon die Luft weg. Was ist los? Sie war noch nie so lange von Mahtab getrennt – seit elf Jahren sind die Hafezi-Zwillinge eine Einheit. Keine Saba ohne Mahtab. Aber jetzt sind Tage vergangen – oder schon Wochen? Saba hat krank im Bett gelegen, und sie kann sich nicht erinnern. Sie hat nicht mit ihrer Schwester sprechen dürfen, und nun ist die Familie ohne Mahtab im Auto auf dem Weg zum Flughafen. Was ist los?
»Wenn ihr in Kalifornien ankommt«, sagt ihr Vater, »fahrt direkt zu Behruz. Dann ruf mich an. Ich schicke Geld.«
»Wo ist Mahtab?«, fragt Saba wieder. »Warum ist Mahtab nicht hier?«
»Sie trifft uns dort«, sagt ihre Mutter. »Khanom Basir fährt sie.«
»Wieso?«, fragt Saba. Sie drückt die Stopptaste an ihrem Walkman. Es ist alles so verwirrend.
»Saba! Hör auf!«, zischt ihre Mutter und wendet sich wieder ihrem Vater zu. Trägt sie ein grünes Kopftuch? Über diesem Teil der Erinnerung liegt ein schwarzer Fleck, aber Saba weiß noch, dass da ein grünes Kopftuch war. Ihre Mutter spricht weiter. »Was ist mit den Kontrollen? Was sag ich den pasdars?«
Die Erwähnung der Sittenpolizei macht Saba Angst. Seit zwei Jahren ist es im Iran strafbar, ein konvertierter Christ zu sein – oder irgendeine andere Form von Exmuslim –, wie die Hafezis es sind. Und es ist furchterregend, in der Welt brutaler pasdars mit ihren strengen Uniformen und der Mullahs mit ihren Turbanen und Gewändern ein Verbrecher zu sein.
»Sind da pasdars?«, fragt sie mit bebender Stimme.
»Sei still«, sagt ihre Mutter. »Hör wieder deine Musik. Die können wir nicht mitnehmen.«
Saba singt ein amerikanisches Lied, das sie und Mahtab von einer illegal importierten Musikkassette gelernt haben, und geht im Kopf englische Vokabeln durch. Sie wird ihr Englisch vervollkommnen und keine Angst haben. Abalone. Abattoir. Abbreviate.
Ihr Vater wischt sich die Stirn. »Meinst du, dass das wirklich nötig ist?«
»Wir haben das doch oft genug durchgekaut, Ehsan!«, blafft ihre Mutter. »Ich werde nicht zulassen, dass sie hier aufwächst … dass sie mit Dorfkindern ihre Zeit vertut, Kopftuch trägt und Arabisch lernt und darauf wartet, dass die sie verhaften. Nein, danke.«
»Ich weiß, es ist wichtig« – die Stimme ihres Vaters klingt flehend –, »aber müssen wir es so offensichtlich machen? Wäre es denn so schlimm, wenn wir einfach so tun als ob … ich meine … es lässt sich doch ganz leicht verbergen.«
»Nur wenn du ein Feigling bist«, flüstert ihre Mutter. Sie fängt an zu weinen. »Und denk dran, was passiert ist …«, sagt sie. »Die werden mich verhaften.« Saba fragt sich, was ihre Mutter damit meint.
»Was bedeutet abalone?« Saba versucht, ihre Mutter abzulenken, kriegt aber keine Antwort. Der Streit macht ihr Angst, doch es gibt jetzt wichtigere Dinge zu klären. Sie tippt ihrem Vater auf die Schulter. »Wieso fährt Mahtab mit Khanom Basir? In unserem Auto ist doch genug Platz.« Es ist seltsam, dass Rezas Mutter überhaupt Auto fährt. Aber vielleicht heißt das ja, dass Reza auch mitkommt, und Saba liebt ihn fast genauso sehr, wie sie Mahtab liebt. Ja, sie erzählt sogar freimütig jedem, der fragt, dass sie Reza eines Tages heiraten wird.
»In ein paar Jahren wirst du froh über diesen Tag sein, Saba-dschan«, sagt ihre Mutter, die beschlossen hat, eine unausgesprochene Frage zu beantworten. »Ich weiß, die Nachbarn sagen, ich bin eine schlechte Mutter, weil ich deine Sicherheit unnötig aufs Spiel setze. Aber es ist nicht unnötig! Ich gebe dir viel mehr, als sie ihren Kindern geben.«
Schon bald sind sie im hektischen Flughafen von Teheran. Ihr Vater geht mit raschen, wütenden Schritten voraus. »Sieh dir bloß an, was du aus unserer Familie gemacht hast, die reinste Katastrophe«, sagt er barsch. »Meine Töchter –« Er bleibt stehen, räuspert sich und lenkt ein. Ja, so ist es am besten, am sichersten. Ja, ja. Er geht mit dem Gepäck weiter. Saba spürt, wie ihre Mutter ihre Hand drückt.
Saba ist seit Monaten nicht mehr in Teheran gewesen. Als die Islamische Republik anfing, Veränderungen durchzusetzen, ist Sabas Familie in ihr großes Haus auf dem Land gezogen – in Cheshmeh, einem friedlichen Dorf, wo die Menschen vom Reisanbau leben, wo es keine Proteste gibt, wo keine wütenden Horden durch die Straßen toben und die Menschen den großzügigen Hafezis trauen, weil die Familie in der Gegend tief verwurzelt ist. Obwohl es in einigen Dörfern mit ihrer schreckenerregenden Mullah-Justiz für eine christliche Familie gefährlicher ist als in den großen Städten, hat sie in Cheshmeh niemand behelligt, weil die konservativen, schwer arbeitenden Bauern und Fischer des Nordens bei den pasdars kein großes Interesse erregen und weil Sabas Vater ein guter Lügner ist und neugierige Nachbarn beschwichtigt, indem er Mullahs und Leute aus der Stadt in sein Haus einlädt. Saba versteht nicht, was sie alle so faszinierend an ihrer Familie finden. Schon allein Reza ist interessanter als alle Hafezis zusammen, und er hat seine ganzen elf Jahre in Cheshmeh gelebt. Er ist größer als die anderen Kinder, spricht den dörflichen Dialekt, hat große runde Augen und warme Haut, die sie zweimal berührt hat. Wenn sie mal heiraten und dann mit Mahtab und ihrem gelbhaarigen amerikanischen Mann in ein Schloss in Kalifornien ziehen, wird sie Rezas Gesicht jeden Tag berühren. Er hat olivenfarbene Haut wie die Jungen in alten iranischen Filmen, und er mag die Beatles.
Am Flughafen entdeckt Saba Mahtab in der Ferne. »Da ist sie!«, ruft sie, reißt sich von ihrem Vater los und läuft auf ihre Schwester zu. »Mahtab, hier sind wir!«
An dieser Stelle verschwimmt die Erinnerung zu einem traumartigen Flickwerk aus Bildern. Als allgemein anerkannte Tatsache gilt, dass ihre Mutter irgendwann an diesem Tag verschwindet. Aber Saba erinnert sich nicht, wann das in dem ganzen Durcheinander aus Warteschlangen vor Sicherheitskontrollen und Gepäckabfertigung und pasdar-Befragungen passiert. Sie weiß nur noch, dass sie ihre Schwester ein paar Minuten später auf der anderen Seite der Halle sieht – wie das verschwundene Spiegelbild in einem gruseligen alten Märchenbuch –, an der Hand einer eleganten Frau in einem blauen Manteau, einem schweren, langen Mantel, genau wie der, den ihre Mutter anhat. Saba winkt. Mahtab winkt zurück und wendet sich ab, als wäre das das Natürlichste von der Welt.
Als Saba zu ihnen laufen will, hält ihr Vater sie fest. Schreit. Lass das! Lass das! Was verbirgt er? Ist er böse, weil Saba diese Entdeckung gemacht hat? »Lass das, Saba. Du bist nur müde und durcheinander«, sagt er. In letzter Zeit haben viele Leute versucht, Dinge zu vertuschen, indem sie ihr einredeten, sie wäre durcheinander.
Das Gedächtnis kann dem Verstand so manchen bösen Streich spielen – wie wenn man bei einem Videofilm das Band abwickelt und wieder aufwickelt, sodass es bloß noch ein paar verzerrte Bilder zeigt. Der nächste Teil der Erinnerung ist irgendwie ganz wirr. Irgendwann später ist ihre Mutter wieder da – obwohl sie doch eben noch Mahtab an der Hand hatte. Sie nimmt Sabas Gesicht zwischen zwei Finger und verspricht ihr wundervolle Tage in Amerika. »Bitte sei jetzt einfach still«, sagt sie.
Dann stellt ein pasdar an einem Kontrollposten ihren Eltern ganz viele Fragen. Wohin reisen Sie? Warum? Für wie lange? Verreist die ganze Familie? Wo wohnen Sie?
»Nur meine Frau und meine Tochter verreisen«, sagt Agha Hafezi – eine bestürzende Lüge. »Und nur für kurze Zeit, um Ferien bei Verwandten zu machen. Ich bleibe hier.«
»Mahtab kommt auch mit!«, platzt Saba heraus. Trägt der pasdar einen braunen Hut? Das kann nicht sein. Pasdars tragen keine Hüte mit richtiger Krempe. Und doch taucht in ihrer Erinnerung immer wieder dieser braune Hut auf.
»Wer ist Mahtab?«, schnauzt der pasdar, und das macht einem Angst, ganz gleich, wie alt man ist.
Ihre Mutter stößt ein unechtes Lachen aus und sagt etwas ganz Schreckliches. »So heißt ihre Puppe.« Plötzlich begreift Saba. Nur eine Tochter wird verreisen. Haben sie vor, Mahtab mitzunehmen und sie nicht? Haben sie sie deshalb die ganze Zeit auseinandergehalten?
Als sie anfängt zu weinen, beugt ihre Mutter sich zu ihr herunter. »Saba-dschan, weißt du noch, was ich dir erzählt habe? Dass man, wenn man leidet, ein Riese sein soll? Würde ein Riese vor den vielen Fremden hier weinen?« Saba schüttelt den Kopf. Dann legt ihre Mutter ihr eine Hand an die Wange und sagt etwas Heldenhaftes, das ihr guttut: »Du bist Saba Hafezi, ein Glückskind, das Englisch liest. Weine nicht wie eine Bäuerin, denn du bist nicht das Mädchen mit den Schwefelhölzern.«
Ihre Mutter hasst dieses Märchen – ein hilfloses, obdachloses Mädchen, das Streichhölzer vergeudet, um sich Tagträumen hinzugeben, anstatt ein richtiges Feuer zu machen, an dem es sich wärmen kann.
Du bist nicht das Mädchen mit den Schwefelhölzern. An diesen Satz erinnert sich Saba noch genau. Dann ist ihre Mutter plötzlich verschwunden, und es folgt ein neues Wirrwarr von Bildern, die Saba sich nicht erklären kann. Sie erinnert sich an ein grünes Kopftuch. Einen Mann mit braunem Hut. Ihre Mutter in Warteschlangen und vor Fluggates. Saba, die von ihrem Vater wegläuft, Mahtab verfolgt, bis zu dem großen Fenster mit Blick auf die Flugzeuge. All diese Bilder sind mit einer diesigen Schicht Unsicherheit überzogen, mit der sie sich mittlerweile abgefunden hat. Die Erinnerung ist trügerisch. Doch ein Bild ist klar und sicher, und nichts und niemand wird sie je vom Gegenteil überzeugen. Nämlich dieses: ihre Mutter in einem blauen Manteau – nachdem ihr Vater behauptet hat, er hätte sie in dem Gedränge vor den Sicherheitskontrollen verloren –, wie sie in ein Flugzeug nach Amerika steigt und Mahtab an der Hand hält, die glückliche Zwillingsschwester.
Khanom Basir
Sabas Erinnerung mag unscharf sein, meine ist es nicht. Und ja, ja, zu gegebener Zeit werde ich Ihnen alles erzählen. Geschichtenerzähler soll man nicht drängen. Wir Frauen aus dem Norden haben Geduld gelernt, weil wir den lieben langen Tag durch sumpfige Reisfelder waten und es gewohnt sind, nicht drauf zu achten, wenn es uns irgendwo juckt. Im ganzen Iran reden die Leute über uns, müssen Sie wissen … über uns shomali, die Frauen im Norden. Sie haben allerhand gute und schlechte Bezeichnungen für uns: Fischkopfesser, leichte Frauen mit zu viel Begehren, dehati. Ihnen fallen unsere weiße Haut auf und die hellen Augen, die Art, wie wir ihre städtischen Moden ablehnen und trotzdem die Schönsten sein können. Jedermann weiß, dass wir vieles können, was anderen Frauen nicht gelänge – Reifen wechseln, schwere Körbe durch Regengüsse tragen, Reis in gefluteten Feldern setzen und uns den ganzen Tag lang durch einen blättrigen Ozean aus Teesträuchern kämpfen – wir sind die Einzigen, die wirklich hart arbeiten. Die kaspische Luft macht uns stark. Diese Frische – grüner Shomal, sagen sie, nebliger, regnerischer Shomal. Und ja, manchmal verstehen wir es auch, uns langsam zu bewegen. Manchmal werden wir wie das Meer von unsichtbaren Lasten niedergedrückt. Wir tragen Körbe mit Kräutern auf dem Kopf, schwanken unter Koriander, Minze, Bockshornklee und Schnittlauch, und wir hetzen uns nicht. Wir warten, bis die Ernte die Luft durchdringt, unsere verstreut liegenden Häuser im Sommer mit dem warmen, feuchten Duft des Reises erfüllt und im Frühling mit dem Duft der Orangenblüte. Die besten Dinge brauchen Zeit, wie einen guten Eintopf kochen, wie Knoblauch einlegen oder Fisch räuchern. Wir sind geduldige Menschen, und wir versuchen, freundlich und anständig zu sein.
Und wenn ich nicht will, dass Saba Hafezi meinen Sohn Reza mit hoffnungsvollen Augen betrachtet, dann nicht, weil ich ein schwarzes Herz habe. Auch wenn Saba glaubt, ich hasse sie, auch wenn sie all ihre aufgestaute Mutterliebe der alten Khanom Omidi schenkt, sorge ich für dieses Mädchen, seit es die Mutter verlor. Trotzdem, bloß weil du einem Mädchen dienstags etwas zu essen kochst, heißt das noch lange nicht, dass du ihm deinen liebsten Sohn gibst. Saba Hafezi ist nicht die Richtige für meinen Reza, und es versalzt mir den Magen, wenn ich daran denke, dass sie an dieser Hoffnung festhält. Ja, ihr Vater hat Geld. Gott weiß, dieses Haus hat alles zu bieten, von Hühnermilch bis Menschenseelen – also alles, was es gibt, und manches, was es nicht gibt. Alles, was du anfassen kannst, und manches Unberührbare. Ich weiß, dass sie weit über uns stehen. Aber ich gebe nichts auf Geld oder Schulbücher. Meine Bildung ist nützlicher als alles, was die Frauen in diesem großen Haus je gelernt haben, und ich weiß, ein größeres Dach bedeutet nur mehr Schnee.
Ich möchte, dass mein Sohn eine vernünftige Frau bekommt und nicht eine, die sich in Büchern verliert und in Teheraner Allüren und vagen Dingen, die nichts mit den heutigen alltäglichen Bedürfnissen zu tun haben. Und was soll das, mit dieser ganzen fremdländischen Musik, die sie ihm gegeben hat? Welcher andere Junge hört sich diesen Unsinn an, schließt die Augen und schüttelt den Kopf, als wäre er besessen? Gott, steh mir bei. Die anderen Jungen wissen kaum, dass es ein Land namens Amerika gibt … Sehen Sie, ich möchte, dass Reza vernünftige Freunde hat. Aber Saba wird von tausend Dschinn geplagt. Das arme Kind. Ihre Zwillingsschwester Mahtab ist verschwunden, und ihre Mutter ist verschwunden, und ich sage ungeniert, dass tief in der Seele dieses Mädchens etwas Beängstigendes vor sich geht. Sie fertigt hundert Messer, aber keins hat einen Griff – sie hat einfach ein bisschen zu gut gelernt zu lügen, selbst für meinen Geschmack. Sie stellt wilde Behauptungen über Mahtab auf. Und natürlich leidet sie. Zwillinge sind wie Hexen, sie können aus weiter Ferne die Gedanken des anderen lesen. In hundert schwarzen Jahren hätte ich ihre Trennung oder den Schmerz, den sie verursachen würde, niemals vorhergesehen.
Ich erinnere mich an die beiden in glücklicheren Zeiten, wie sie auf dem Balkon unter dem Moskitonetz lagen, das ihr Vater aufgehängt hatte, damit sie in heißen Nächten draußen schlafen konnten. Sie tuschelten miteinander, stupsten mit ihren rosa bemalten Zehen gegen das Netz und kramten in den Taschen ihrer unanständig kurzen Hosen nach versteckten, halb aufgebrauchten Lippenstiften ihrer Mutter. Das war natürlich vor der Revolution, also auch viele Monate bevor die Familie ganz nach Cheshmeh zog. Es war im Sommer, wenn sie Ferien von ihrer feinen Schule in Teheran machten – wenn die Mädchen aus der Stadt so tun konnten, als führten sie ein dörfliches Leben, mit Dorfkindern spielen, gottesfürchtigen Dorfjungen den Kopf verdrehen, als sie noch jung waren und solche Dinge noch erlaubt waren. Auf dem Balkon pflückten die Mädchen oft büschelweise Geißblatt, das an den Hauswänden rankte, und saugten die Blüten aus wie Bienen, lasen ihre fremdländischen Bücher und heckten Streiche aus. Sie trugen ihre lila Teheraner Sonnenbrillen, ließen ihr langes schwarzes Haar lose über nackte, sonnengebräunte Schultern fallen und aßen ausländische Schokolade, die es jetzt längst nicht mehr gibt. Dann stellte Mahtab meist irgendwelchen Unfug an, dieser kleine Teufel. Manchmal ließ ich Reza zu ihnen unter das Moskitonetz. Es schien ein so süßes Leben zu sein, von dem großen Hafezi-Haus auf die schmalen, gewundenen Wege hinabzublicken, die baumbedeckten Berge dahinter zu sehen und ringsherum unsere vielen kleineren Dächer aus Lehmziegeln und Reisstroh, wie Sabas offene Bücher mit dem Rücken nach oben um die Felder verteilt. Offen gestanden war der Blick aus unserem Fenster sogar besser, weil wir nachts das Hafezi-Haus auf dem Berg sehen konnten, mit seinem hübschen, leuchtend weißen Anstrich, einem Dutzend Fenstern, hohen Mauern und vielen Lichtern, die für Freunde entzündet wurden. Heutzutage ist von diesem Anblick nicht mehr viel übrig – nächtliche Vergnügungen finden ja jetzt nur noch hinter dicken, Musik dämpfenden Vorhängen statt.
Einige Jahre nach der Revolution bekamen Saba und Mahtab Kopftücher verpasst, und wir konnten die kleinen Unterschiede in ihren Frisuren oder ihren heiß geliebten westlichen T-Shirts nicht mehr sehen, um sie auf der Straße auseinanderzuhalten – fragen Sie mich nicht, warum die T-Shirts verboten wurden. Ich glaube, es lag an irgendeinem ausländischen chert-o-pert, das vorne draufstand. Also fingen die Mädchen prompt an, die Rollen zu tauschen, um uns zu narren. Ich denke, das ist heute eines von Sabas Problemen – dieser Rollentausch. Sie verbringt zu viel Zeit damit, über Mahtab nachzudenken und sich ihre Lebensgeschichte auszumalen, sich vorzustellen, sie nähme Mahtabs Platz ein. Ihre Mutter hat immer gesagt, das ganze Leben wird vom Blut bestimmt. All deine Fähigkeiten und Neigungen und zukünftigen Schritte. Saba meint, wenn das alles in den Adern angelegt ist und wenn das Blut von Zwillingen genau gleich ist, dann folgt daraus, dass sie auch gleiche Leben leben, selbst wenn die Formen und Bilder und Klänge um sie herum unterschiedlich sind – wie etwa, wenn der eine in Cheshmeh wäre und der andere in Amerika.
Es bricht mir das Herz. Ich höre diese sehnsüchtige Stimme, hebe Sabas Gesicht an und entdecke darin diesen verträumten Ausdruck. Obwohl sie niemals laut sagt: »Ich wünschte, Mahtab wäre hier«, ist es doch jeden Tag der gleiche Eintopf und die gleiche Suppe. Man muss es nicht aus ihrem Mund hören, wenn man deutlich sehen kann, wie ihre Hand nach diesem fehlenden Menschen greift, der immer links von ihr stand. Und wenn ich noch so sehr versuche, sie abzulenken und ihre Gedanken auf praktische Dinge zu richten, reitet sie doch immer weiter auf dem Esel des Teufels. Und würden Sie etwa wollen, dass Ihr Sohn seine Jugend damit verbringt, eine solche Lücke zu füllen?
Das Schlimme dabei ist, dass es ihrem Vater so schwerfällt, sie zu verstehen. Ich habe noch nie einen Mann gesehen, der so unfähig ist, in das Herz seiner Tochter zu schauen. Etwas unbeholfen versucht er, seine Zuneigung zu zeigen, doch es gelingt ihm nicht. Also sitzt er da, mit seiner Wasserpfeife und seiner gebildeten Ratlosigkeit, und denkt: Glaube ich, was meine Frau glaubte? Soll ich Saba zur Christin erziehen oder zu einem sicheren Leben? Er beobachtet die ungewaschenen Kinder in Cheshmeh – diejenigen, deren Mütter ihre bunten Kittel und Röcke zwischen die Beine klemmen, ihre Hosen bis zu den Knien hochziehen und den ganzen Tag durch sein Reisfeld waten – und fragt sich, was aus ihren Seelen wird. Natürlich sage ich dem Mann nichts. Das tut niemand. Nur ganz wenige wissen, dass sie eine Familie von Christusanbetern sind, sonst könnte es in dem kleinen Dorf für sie gefährlich werden. Aber er sorgt dafür, dass wir Auberginen auf unseren Tellern haben und Wassermelonen in unseren Armen, und deshalb bleibt vieles ungesagt über die Art, wie er Saba erzieht, über seine nächtlichen Dschinn und seinen heimlichen Glauben.
Jetzt, wo die Mädchen durch so viel Land und Meer voneinander getrennt sind, lässt Saba ihren Hafezi-Verstand unter einem kratzigen, dörflichen Spiel-Tschador verkümmern, helltürkisfarben und mit Perlen gesäumt, den sie von Khanom Omidi bekommen hat. Sie hüllt ihren kleinen elfjährigen Körper darin ein, um so zu tun, als gehörte sie hierher, wickelt ihn sich eng um die Brust und die Arme, obwohl Städterinnen wie ihre Mutter das niemals tun würden. Sie merkt nicht, dass wir alle hier uns wünschen, an ihrer Stelle zu sein. Sie verspielt alle Möglichkeiten. Mein Sohn Reza erzählt mir, dass sie Geschichten über Mahtab erfindet. Sie gibt vor, ihre Schwester würde ihr Briefe schreiben. Wie kann ihre Schwester ihr Briefe schreiben?, frage ich. Reza sagt, sie wären auf Englisch verfasst, deshalb kann ich nicht wissen, was da in Wirklichkeit steht, aber eines ist klar: Dafür, dass es nur drei Seiten sind, hat Saba jede Menge zu erzählen. Manchmal möchte ich sie schütteln, damit sie aus ihrer Traumwelt erwacht. Ihr sagen, dass wir doch beide wissen, dass diese Seiten keine Briefe sind – wahrscheinlich bloß Schulaufgaben. Ich weiß genau, was sie dann erwidern wird. Sie wird mich verspotten, weil ich ungebildet bin. »Woher willst du das wissen?«, wird sie mich ärgern. »Du kannst doch gar kein Englisch lesen.«
Das Mädchen ist eingebildet. Liest ein paar Bücher, und schon stolziert es herum, als hätte es Rostam die Hörner abgeschnitten. Tja, ich kann zwar kein Englisch, aber ich bin eine Geschichtenerzählerin, und ich weiß, dass es keine Lösung ist, so zu tun als ob. Ja, es lindert die Schmerzen im Innern, aber die Dschinn müssen im wahren Leben erkannt und besiegt werden. Wir alle kennen die Wahrheit über Mahtab, aber Saba spinnt ihre Geschichten, und Reza und Ponneh Alborz lassen sie immer weitermachen, weil Saba unbedingt will, dass ihre Freunde zuhören – und weil sie als Geschichtenerzählerin ein Naturtalent ist. Das hat sie von mir gelernt – wie man sich ein Märchen oder eine gute Lüge ausdenkt, wie man auswählt, welche Teile erzählt und welche Teile weggelassen werden.
Saba denkt, alle haben sich abgesprochen, um die Wahrheit über Mahtab zu verschleiern. Aber warum sollten wir? Welchen Grund hätten ihr Vater und die frommen Mullahs und ihre Ersatzmütter, in einer solchen Zeit zu lügen? Nein, es ist nicht richtig. Ich kann meinen Sohn nicht einer enttäuschten Träumerin mit vernarbtem Herzen geben. Was wäre das für ein Schicksal! Mein jüngster Sohn gefangen in einem Leben aus Albträumen und Was-wäre-wenn und fremden Welten. Bitte glauben Sie mir. So könnte es wirklich enden … weil Saba Hafezi die Wunden von hundert schwarzen Jahren in sich trägt.