© Thienemann Verlag GmbH
Hortense Ullrich ist im Saarland geboren, in Bad Homburg aufgewachsen und hat in Wiesbaden Design studiert. Als Redakteurin, Ressortleiterin und Chefredakteurin war sie bei verschiedenen Fachzeitschriften tätig, bis sie sich eines Tages entschloss, Drehbücher zu schreiben. Mit Erfolg.
Endlich! Jojo und Felix sind ein Paar. Jojo ist im siebten Himmel. Das Leben könnte nicht schöner sein. Nur einen kleinen Haken hat die Sache: Felix’ Familie ist extrem reich. Golfclub und Glamour gehören für ihn zum Alltag. Jojo hingegen fühlt sich in der Welt der Schönen und Reichen alles andere als wohl. Doch so schnell gibt Jojo nicht auf. Schließlich ist ein Picknick im Park viel romantischer als jede Pool-Party ...
»Was hast du dir denn dabei gedacht?!«, rief meine beste Freundin Lucilla vorwurfsvoll.
»Er hat mich geküsst!«
»Und?«
»Ich war total verwirrt und tat das, was man in einem solchen Fall tut.« Lucillas Blick ruhte tadelnd auf mir. Daher schränkte ich ein: »Na ja, zumindest das, was ich in einem solchen Fall tue: Ich bin weggerannt.«
Lucilla seufzte tief. Wir standen vor dem Eingang des Wissenschafts- und Technikmuseums, aus dem ich geflüchtet war, als Felix mich geküsst hatte. Sie schüttelte den Kopf. »Ach, Jojo, ich wünschte wirklich, du würdest dich ein Mal ganz normal benehmen. Ein Junge küsst dich und du panikst. Wieso?«
»Ich habe unmissverständlich gesagt, dass ich keine Beziehung will.«
»Ein Kuss ist ja noch keine Beziehung. Und auch kein Grund, einfach abzuhauen. Außerdem verstehe ich dich nicht: Felix ist doch echt cool. Wieso rennst du vor ihm weg?«
»Ich bin ja auch nicht vor ihm weggelaufen, sondern …« Ich brach ab.
»… vor einer Beziehung«, ergänzte Lucilla.
He, das hatte sie gut formuliert! »Genau!«, nickte ich. Als meine Beziehung mit Tim in die Brüche gegangen war, hatte ich entschieden, dass ein Leben ohne festen Freund sehr viel entspannter für mich sei. Lucilla hingegen hielt fest an ihrer These, dass jeder so glücklich sein sollte wie sie mit ihrem Valentin, und setzte sehr viel Energie ein, für mich den nächsten festen Freund zu finden. Lucillas Verkupplungsversuche waren fast noch anstrengender als die chaotische Beziehung mit Tim und Lucillas Auswahl an potenziellen Freunden war stets so daneben, dass sie mich in meiner Entscheidung, keinen festen Freund zu haben, noch bestärkte.
Dann lernte ich Felix kennen. Er war superschlau, supernett und superentspannt. Letzteres ist im Umgang mit mir von enormem Vorteil. Wir hatten jede Menge Spaß und es war herrlich stressfrei, eben weil wir kein Paar waren und uns die ganzen Komplikationen einer Beziehung erspart blieben. Wir waren perfekte Freunde. Bis heute. Wir waren zu viert ins Museum gegangen, weil Lucilla unbedingt Felix kennenlernen wollte, den ich bis dahin ganz erfolgreich vor ihr geheim gehalten hatte. Felix schlug einen Museumsbesuch vor. Kann ja eigentlich nicht viel schiefgehen. Aber leider umwehen Lucilla und Valentin immer merkwürdige romantische Schwingungen, die ansteckend sind. Also, ich bin inzwischen natürlich dagegen immun, mir wird höchstens mal übel von ihrem Liebesgesülze. Aber für Neulinge ist es wohl ansteckend und Felix wurde infiziert und hat unseren Museumsausflug nur noch im Nebel der Romantik wahrgenommen. Ich hatte das gar nicht bemerkt, ich war bestens gelaunt und sagte im Überschwang der guten Laune zu Felix, ich sei der Meinung, dass wir perfekt zusammenpassen. Und statt dass Felix so was antwortete wie: »Bin genau deiner Meinung, lass uns Freunde fürs Leben sein«, küsste er mich einfach. Erschwerend kam noch hinzu, dass ich es toll fand. Das verwirrte mich noch mehr und dann hatte ich nur noch einen einzigen Gedanken: bloß weg. Also bin ich aus dem Museum gestürmt und stand völlig erschlagen vor dem Eingang, wo mich Lucilla schließlich entdeckte.
Lucilla sah sich um, zog mich am Arm zu einer Bank und nötigte mich dazu, mich zu setzen. Dann nahm sie neben mir Platz und sagte: »Müssen wir jetzt wieder ganz von vorne anfangen? Muss ich dir erzählen, wie romantisch es ist, eine Beziehung zu haben? Also zumindest für Valentin und mich. Du schaffst es ja immer, dass die Romantik bei dir auf der Strecke bleibt. Das liegt aber daran, dass du dir immer Jungs ohne Talent zur Romantik aussuchst. Wieso lässt du dir denn nicht von mir helfen? Ich könnte den perfekten Typen für dich finden.«
»Lucilla, das hatten wir schon, das klappt nicht. Außerdem ist Felix ja perf…« Ich stoppte erschrocken.
Zu spät. Lucillas Augen glitzerten, sie sprang auf und rief: »Hach!«
»Nix hach! Das ist alles ein Missverständnis.«
»Ist es nicht. Ihr seid das ideale Paar. Ich wusste es sofort!«, rief sie eifrig. »Los, komm wieder mit rein. Felix sitzt mit Valentin im Museumscafé.«
»Du hast ihn mit Valentin alleine gelassen? Hältst du das für eine gute Idee?«
Valentin war nämlich ganz und gar nicht angetan von Felix. Das lag an Lucilla, weil sie nämlich auf der Stelle begeistert von Felix war und ihn bewundernd anzwitscherte. Und da kam die Kehrseite der Romantik zutage: Eifersucht. Valentin war eifersüchtig und ließ es an Felix aus. Da Felix jedoch supernett und entspannt ist, hat er Valentins spitze Bemerkungen einfach großzügig ignoriert. Was Valentin nicht besänftigt hatte. Und nun saßen die beiden zusammen im Café?!
Lucilla schien ähnliche Überlegungen anzustellen, denn sie wurde plötzlich unruhig und zog heftig an meinem Arm. »Los, jetzt komm schon mit.«
»Ich geh auf keinen Fall mehr da rein!«, teilte ich Lucilla mit. Ich wollte einen kleinen Sieg davontragen, obwohl mir schon klar war, dass es nicht unter Sieg fällt, wenn ich mich weigere, das Museum zu betreten.
»Dann bleib hier und ich schicke Felix raus zu dir.«
Lucilla sauste zurück ins Museum und ich saß völlig niedergeschlagen auf der Bank.
Ach, Murks, das ist alles irgendwie echt blöd! Und peinlich. Extrem peinlich. Ich hätte nicht einfach weglaufen sollen. Wie soll ich das denn erklären?
Ich dachte angestrengt nach. Als die Tür des Museums plötzlich aufgestoßen wurde und Felix rauskam, sprang ich auf und rannte weg.
Toll, Jojo, sehr erwachsen – gleich zweimal am selben Tag einfach abhauen, wenn’s unangenehm wird.
War mir jetzt auch egal. Ich rannte nach Hause und verbarrikadierte mich in meinem Zimmer. Erwachsen sein wird eh überbewertet.
»Jojo, Probleme löst man nicht, indem man sich in seinem Zimmer einschließt!« Meine Mutter versuchte gestern Nachmittag, durch die geschlossene Tür mit mir zu verhandeln.
»Doch. Manchmal gehen sie dann weg«, rief ich und hoffte, dass Felix, der nämlich neben meiner Mutter vor meiner Tür stand, diesen Hinweis verstehen würde.
Unmöglich, echt. Er kam einfach bei mir zu Hause vorbei. Wie oft muss ich denn noch weglaufen, bevor er es kapiert?!
Meine Mutter klopfte erneut. »Jojo, nun komm doch bitte raus, du hast Besuch! Das ist unhöflich, was du machst!«
»Mir egal«, rief ich von innen. Ich presste mein Ohr an die Tür, um zu hören, was sie und Felix miteinander redeten.
»Hat sie was angestellt?«, erkundigte sich meine Mutter gerade. »Das kommt nämlich öfter mal vor, dass sich Leute über Jojo beschweren. Da kann ich Geschichten erzählen …«
»Mam!«, brüllte ich.
»Entschuldige, Schätzchen.« Dann wandte sie sich wieder an Felix. »Habt ihr euch gestritten?«
»Nein, im Gegenteil«, sagte Felix.
»Im Gegenteil?«, wunderte sich meine Mutter. »Was ist denn das Gegenteil von Streit?«
»Felix!«, quiekte ich nun hysterisch durch meine Tür. Er würde doch wohl nicht meiner Mutter …
»Geht es um Verabredungen?«, fing meine Mutter an zu raten. »Hat sie Termine nicht eingehalten? Da ist sie nämlich furchtbar nachlässig.«
»Mam!«, rief ich wieder.
»Entschuldige«, meinte sie zunächst, doch dann wurde sie etwas ärgerlich. »Dann komm jetzt gefälligst aus deinem Zimmer, ich weiß schon gar nicht mehr, was ich sagen soll.«
»Du sollst ja auch gar nichts sagen. Ich will mit niemandem reden!«, rief ich.
Eine Tür im Flur wurde aufgerissen. »Hey, was soll denn der Krach hier!«, hörte ich meine kleine Schwester Flippi empört schimpfen. »Ihr stört die Nachtruhe, da kann ja keine Schnecke ein Auge zutun!«
»Es ist Nachmittag, Flippi«, sagte meine Mutter.
»Schon, aber ich trainiere meine Schnecken für andere Zeitzonen. Ich werde nämlich ins Exportgeschäft einsteigen. In Asien ist es jetzt Nacht. Und wenn ich für den asiatischen Markt Schnecken züchte, müssen die für die Zeitumstellung fit sein.«
»Du züchtest Schnecken für Asien?«, erkundigte sich Felix.
»Ja, was dagegen?! Und nur damit das klar ist: Es ist meine Idee.«
»Keine Sorge«, beruhigte Felix sie, »ich bin nicht im Schneckenbusiness.«
»Was soll überhaupt der Auflauf vor dem Zimmer meiner verhaltensgestörten Schwester?«
»Flippi!«, tadelte meine Mutter.
Felix lachte.
Ich trat ärgerlich gegen die Tür.
»Jojo!«, mahnte meine Mutter nun mich.
»Ich will nur mit ihr reden«, erklärte Felix Flippi.
»Ach was? Freiwillig oder hast du ’ne Wette verloren?«
Felix lachte schon wieder und ich boxte gegen die Tür.
Flippis Stimme ertönte erneut. »Und wo bitte ist das Problem?«
Meine Mutter seufzte. »Jojo will nicht aus ihrem Zimmer kommen.«
»Soll ich mich darum kümmern?«, bot Flippi sogleich an.
»Nein«, sagte meine Mutter.
»Was meinst du damit – dich darum kümmern?«, fragte Felix.
»Ich hol sie aus ihrem Zimmer.«
»Und das gelingt dir?«, fragte Felix weiter.
»Na sicher«, rief Flippi. »Zwei Euro und sie ist in fünf Minuten draußen.«
»Flippi!«, schimpfte meine Mutter und sagte zu Felix: »Gib ihr bloß kein Geld.«
»Mami!«, fauchte Flippi. »Das ist geschäftsschädigend, was du hier tust! Ich könnte dich verklagen!«
»Isolde, wir müssen los!«, rief Oskar von unten. Meine Mutter und ihr Mann Oskar, der nicht unser leiblicher Vater ist, aber der beste Vater, den man sich wünschen kann, arbeiten beide im Theater. Er als Bühnenbildner, sie als Kostümbildnerin. Deshalb haben sie gelegentlich auch abends Dienst, wenn eine Vorstellung ist.
»Keine Deals, bei denen Geld im Spiel ist!«, mahnte meine Mutter Flippi noch einmal und ging.
Getuschel zwischen Felix und Flippi, Felix bezahlte offensichtlich, denn Flippi rief kurz darauf: »Jojo, es brennt, rette dich!«
Glaubt die, ich bin blöd?
»Oskar hat Schokokuchen gebacken. Steht unten in der Küche«, rief sie nun.
Ich schluckte sehnsüchtig, aber rührte mich nicht von der Stelle. Das mit dem Kuchen entsprach der Wahrheit, der Duft zog durchs ganze Haus.
»Kein Interesse!«, antwortete ich.
Pause.
»Komm schnell raus, hier im Flur ist ein Einhorn!«
Gott, wie lahm!
»Es ist pink! Mit silberner Mähne!«
Was denkt sie eigentlich, wie alt ich bin?!
»Wenn du jetzt rauskommst, gebe ich dir einen Euro ab!«
»Vergiss es!«
Tja, da hat Felix wohl sein Geld falsch investiert.
Das schien Flippi nun auch festzustellen. »Tut mir leid, klappt wohl doch nicht«, sagte sie zu Felix. »Aber das Geld kannst du trotzdem nicht zurückhaben.«
»Schon gut«, meinte Felix und ging.
»Tschüss!«, rief ihm Flippi hinterher. »War nett, mit dir Geschäfte zu machen.«
Dann war Ruhe.
So. Das wäre erledigt. Allerdings ließ mich der Gedanke an Oskars Schokoladenkuchen nicht los. Ich entschied, mir ein Stück zu holen. Eine kleine Weile wartete ich noch, dann ging ich runter in die Küche, öffnete die Tür und – fluchte.
Felix lehnte am Kühlschrank und grinste.
Flippi stand mit übereinandergeschlagenen Armen daneben. »Na bitte!«, meinte sie.
»Deine Schwester ist echt gut«, begrüßte er mich.
Ich wollte mich umdrehen und zur Küche raus, doch Flippi war schneller. Sie sauste an mir vorbei durch die Tür und schloss von außen ab. »Sonderservice«, rief sie. »Das wäre dann noch mal ein Euro. Leg das Geld einfach auf den Küchentisch. Und, Jojo, komm nicht auf dumme Gedanken! Wenn da nachher nichts mehr liegt, bist du dran. Ich weiß, wo du wohnst!«
Felix legte lachend einen Euro auf den Tisch und meinte: »Sie ist wirklich genial.«
»War das der Plan von Anfang an? Mich in Sicherheit zu wiegen und mir dann eine Falle zu stellen?«, fragte ich feindselig.
»Ihr Plan. Nicht meiner. Sie scheint dich gut zu kennen. Oder Oskars Schokokuchen ist wirklich so sensationell.«
»Das ist er«, brummte ich. »Willst du ein Stück?«
Felix nickte.
Ich holte zwei Teller aus dem Schrank, ging zum Tisch, schnitt Kuchen ab, schob einen Teller in Felix’ Richtung und setzte mich.
Felix nahm mir gegenüber Platz und sah mich an.
Ich hob abwehrend die Hand. »Schau mich nicht an. Und ich will auch nicht darüber reden.«
Felix probierte Oskars Kuchen. »Der ist echt klasse.« Nach zwei weiteren Bissen stoppte Felix und sah mich an. »Ich hab mal ’ne grundsätzliche Frage: Findest du mich nett?«
»Hey! Ich hab doch gesagt, ich will nicht darüber reden.«
»Darüber rede ich ja nicht. Es ist eine allgemein gehaltene Frage. Also, findest du mich nett?«
»Ja.«
»Attraktiv?«
Ich nickte und wurde ein wenig rot.
»Fühlst du dich zu mir hingezogen?«
Ich riss die Augen auf. »Das ist keine allgemein gehaltene Frage mehr, das ist sehr persönlich!«
Felix tat erstaunt. »Wo ist das Problem? Du sagst einfach Ja oder Nein.«
Ich zögerte.
»Möglichst die Wahrheit«, fügte er hinzu.
Ich lächelte ein wenig, betrachtete meinen Kuchen sehr genau und meinte: »Ja.«
»Verbringst du gerne Zeit mit mir?«
»Ja.«
»Hm«, machte Felix und kratzte sich am Kopf. »Dann haben wir doch ein Problem.«
»Wieso?«
»Na, mir geht es genauso. Also, umgekehrt. Wenn du mir die Fragen gestellt hättest, hätte ich sie auch alle mit Ja beantwortet.«
»Und wo ist da das Problem?«
»Dass du wegläufst, wenn ich dich küsse.«
Ich schnappte verärgert nach Luft.
»Was ist?«
»Ich will nicht darüber reden. Und nicht mehr daran denken. Es war schrecklich!«
»Was? Küsse ich so schlecht?«
»Aber nein, im Gegenteil, es war …« Irgendwie kam ich ins Stocken.
Felix bot an: »… gut?«
Ich warf Felix einen bösen Blick zu.
Aber er ließ nicht locker. »Du hast ›im Gegenteil‹ gesagt und das Gegenteil von schlecht ist gut.«
Bei Felix musste man immer genau darauf achten, was man sagte. Er ließ einem kein Schlupfloch für Ausreden. Ich seufzte und nickte. »Ja, es war gut«, gab ich widerwillig zu.
Felix grinste. »Das ist echt ein Problem, jetzt sehe ich es auch: Wir verstehen uns blendend, wir mögen uns, verbringen gerne Zeit miteinander, kusstechnisch gibt es auch keine Beschwerden – wer will das schon!«
Ich musste lachen. Dann wurde ich wieder ernst. »Es ist nur so, dass ich nun mal keine Beziehung will. Es macht unsere Freundschaft kaputt.«
»Merkwürdige Theorie. Muss ich das verstehen?«
»So ganz verstehe ich es ja auch nicht«, räumte ich ein. »Aber ich bin nicht gut in Beziehungen. Immer geht was schief, es gibt Missverständnisse, Streit und dann ist Schluss. Ich verliere jemanden, den ich wirklich gernhatte, und das wäre nicht passiert, wenn ich keine Beziehung mit demjenigen gehabt hätte. Und zu dem ganzen Chaos kommt dann auch noch Liebeskummer hinzu. Nicht sehr empfehlenswert, sag ich dir. Davon hab ich die Nase voll.«
»Aha. Und die Lösung für all das ist …?«, fragte er und gab sich die Antwort selbst: »Nein, das Wegrennen sollten wir außen vor lassen. Ich glaube nicht, dass das eine Dauerlösung ist.«
Felix gehörte zu einer speziellen Sorte von Jungs. Normale Jungs reden nicht gern über Gefühle und Beziehungen und sie stellen auch nie so viele Fragen. Entweder die Dinge laufen oder sie laufen nicht. Aber das ist ja eine der Eigenschaften, die mir an Felix so gut gefällt: dass man sich super mit ihm unterhalten kann, dass er einen ganz guten Durchblick hat und sogar feinfühlig ist. Nur jetzt wäre es mir lieber, er wäre einer von den Jungs, die nicht weiter nachdenken, sondern die Dinge einfach so hinnehmen. Denn im Augenblick fiel mir nichts mehr ein, was ich erwidern sollte, und ich konnte nur hilflos mit den Schultern zucken.
»Willst du dich nicht mehr mit mir treffen?«, fragte Felix.
»Was?! Doch, auf jeden Fall.«
»Aber?«
»Aber … es wäre toll, wenn wir einfach so tun könnten, als wäre … als hätten …«, ich holte tief Luft, »… als hätten wir uns nicht geküsst.«
Felix hob die Augenbrauen. »Das ist alles? Wir machen ganz normal weiter, aber wir streichen den Kuss aus unserem Gedächtnis?«
Ich nickte langsam und sah ihn vorsichtig an. »Geht das?«
»Was?«
»Wir vergessen den Kuss einfach.«
»Was für einen Kuss?«, fragte Felix.
»Na, den im Museum!«
»Keine Ahnung, wovon du redest.«
»Oh.« Ich strahlte ihn an. »Danke.«
Er grinste zurück. »Kein Problem. Das hat auch einen Vorteil.«
»Welchen?«
»Dann haben wir unseren ersten Kuss noch vor uns!«
»Felix!«, schimpfte ich.
»Was?«
»Ich hab dir doch erklärt, dass ich …«
»… keine Beziehung will. Ich weiß. Ich werde einfach abwarten, bis du den Museumskuss wieder erwähnst. Das ist dann für mich das Startzeichen.«
»Ich werde den Kuss nicht mehr erwähnen.«
»Na klar wirst du.«
»Nein!«, rief ich ärgerlich.
Felix lachte. »Wird das jetzt der erste Streit in unserer Nichtbeziehung?«
»Und das Wort Beziehung kannst du auch gleich streichen!«
»Mach mir am besten eine Liste mit den verbotenen Wörtern.«
»Ja, mach ich. Ganz oben steht übrigens das Wort Flippi. Darauf reagiere ich wirklich allergisch.«
»Kein Problem«, rief Flippi, die plötzlich hinter mir in der Küche stand. »Ich hätte da eine neue Züchtung anzubieten: die Anti-Allergie-Schnecke.«
Ich fuhr herum. »Was machst du hier? Verschwinde!«
Flippi hob den Schlüssel für die Küchentür in die Höhe. »Ich dachte, du wärst daran interessiert, mir den hier abzukaufen?«
»Was? Seit wann kaufe ich dir Schlüssel ab? Du spinnst doch!«
Flippi zuckte die Schultern und ging wieder Richtung Tür. »War nur ein nettes Angebot. Kannst auch warten, bis Mami und Oskar vom Theater zurückkommen. Die schließen dir dann auf.«
Als mir klar wurde, was diese Kröte vorhatte, sprang ich auf, doch sie war schon wieder draußen und ich hörte nur noch, wie der Schlüssel im Schloss gedreht wurde.
Ich sah Felix an und deutete empört auf die Tür. »Das glaub ich ja nicht! Diese miese, kleine Geldeintreiberin!«
Felix grinste und stand auf. »Komm, wir geben ihr einen Euro und dann ist es gut.«
»Nein! Auf gar keinen Fall.«
»Ich muss aber jetzt nach Hause.«
Ich überlegte, sah mich um und rief triumphierend: »Wozu gibt’s Fenster?«
Felix wirkte etwas verblüfft. »Du willst doch nicht etwa im Ernst, dass ich aus dem Fenster steige?«
Ich war bereits zum Küchenfenster gegangen und räumte die Fensterbank frei. »Na klar. Und sei froh, dass wir im Erdgeschoss sind.« Ich öffnete das Fenster und machte eine einladende Geste.
Felix zögerte, er wollte etwas sagen, doch ich kam ihm zuvor. »Sie kriegt keinen Cent mehr!«
Felix schüttelte den Kopf. »Ich kann’s nicht fassen. Du erwartest wirklich, dass ich euer Haus durchs Fenster verlasse?«
»Jetzt stell dich nicht so an. Bist doch sportlich!«
Er brummte: »Du bist wirklich von Chaos umgeben.«
»Genau. Und wie du siehst, ist es nicht meine Schuld. Ich bin immer ein unschuldiges Opfer widriger Umstände.«
»Jemand sollte mal dein Leben entchaotisieren.«
»Du hast den Job. Ich lege keinen Wert auf Chaos.«
Felix lachte, schüttelte noch mal den Kopf und kletterte schließlich aus dem Fenster. Ich beugte mich raus und winkte ihm hinterher, während er davonging.
Als ich heute Morgen in die Küche kam, empfing mich meine Mutter mit einem süßsauren Gesicht.
»Was?«, fragte ich und ging im Geiste meine Vergehen der letzten Tage durch. Mir fiel nichts Passendes ein.
»Frau Krause war heute Morgen hier«, teilte sie mir mit.
Okay. Frau Krause war unsere ältliche Nachbarin, die ein bisschen die Funktion eines Blockwartes eingenommen hatte.
»Aha«, meinte ich und wartete ab.
Meine Mutter holte Luft, sah mich durchdringend an und fuhr fort: »Frau Krause teilte mir mit – und ich zitiere: ›Gestern Abend hatte Ihre ältere Tochter Herrenbesuch, der es vorzog, Ihr Haus durch das Küchenfenster zu verlassen.‹ Möchtest du mir das erklären, Jojo?«
Eigentlich möchte ich nicht, dachte ich, aber mir war klar, dass das keine Antwort wäre, mit der meine Mutter sich zufriedengeben würde. »Das war Flippis Schuld.«
»Jojo, schieb nicht immer alles auf Flippi«, schimpfte meine Mutter.
»Doch! Es war die einzige Möglichkeit für Felix, das Haus zu verlassen!«
»Ach was! Hat sie ihn in der Küche eingeschlossen?«, spottete sie.
»Genau!«, rief ich verblüfft. »Woher weißt du das?«
Flippi erschien in der Küche, ich deutete auf meine Schwester und schlug meiner Mutter vor: »Frag sie selbst.«
Meine Mutter wandte sich an Flippi. »Hat Felix gestern unser Haus durchs Küchenfenster verlassen?«
Flippi nickte. »Allerdings.«
Meine Mutter schimpfte: »Was denkt sich der Junge denn! Er kann doch nicht durchs Fenster klettern. Ich finde das unmöglich. Dabei hat er einen so netten Eindruck gemacht!«
»Er ist ja auch nett.«
»Hast du ihn dazu gebracht?«
»Wozu? Nett zu sein?«
»Durchs Fenster zu klettern!«
»Nein. Flippi war es.«
»Jetzt verdrehst du aber die Tatsachen. Ich habe ihm nicht gesagt, er soll aus dem Fenster steigen. Ich war nicht mal in der Küche!«, verteidigte sich Flippi.
Ich schnappte empört nach Luft. Als Flippi mich mit hochgezogenen Augenbrauen ansah und auch meine Mutter sehr kritisch guckte, räumte ich ein: »Also okay, es war nicht Flippis Idee, aber es war ihre Schuld.«
Flippi schüttelte den Kopf. »Nein. Deine. Du wolltest nicht zahlen.«
Nun wurde meine Mutter misstrauisch.
Flippi hob abwehrend die Hand und sagte: »Frag nicht. Das willst du gar nicht wissen.« Unbeeindruckt ging Flippi zum Kühlschrank und suchte darin herum. Mit einem Schwung Salamischeiben in der Hand ging sie nun zum Küchenschrank und holte eine Tüte Marshmallows und eine Handvoll Salzstangen heraus.
Leicht irritiert wandte sich meine Mutter nun wieder an mich. »Also, was ist mit diesem Felix? Wieso verlässt er unser Haus nicht durch die Tür?«
»Weil Flippi uns in der Küche eingeschlossen hat.– Wie oft denn noch?!«
Meine Mutter drehte sich zu Flippi. »Stimmt das?«
Flippi hatte sich an den Tisch gesetzt und war gerade dabei, Marshmallows auf Salzstangen aufzuspießen und dann in Salamischeiben einzurollen. Sie nickte und meinte: »Ja. Ist das ein Problem?«
Meine Mutter stemmte die Arme in die Seiten. Das war ein guter Anfang, wenn ich Glück hatte, würde Flippi endlich mal Ärger bekommen. »Wieso tust du so etwas?«
Flippi setzte ihre Unschuldsmiene auf und flötete: »Ich dachte, die beiden wollen ungestört sein.«
»Was soll denn das heißen?«, erkundigte sich meine Mutter alarmiert bei mir. »Wieso hältst du dich in abgeschlossenen Räumen mit diesem Felix auf?! Hast du was zu verbergen? Was läuft da?«
Gott, das war ja grottenpeinlich! Ich wurde echt sauer. »Mam! Nichts läuft und ich hab nichts zu verbergen! Felix ist nur ein Freund, mehr nicht, und ich hab die Tür nicht abgeschlossen!«
Oskar kam gut gelaunt in die Küche und befand sich plötzlich mitten in einem Krisengebiet. Mit einem Blick erfasste er die Situation und meinte sofort vermittelnd: »Na, wie wär’s mit einem netten Frühstück?«
Flippi hob ihre Salami-Salzstangen-Marshmallow-Kombination hoch und rief: »Danke, ich hab schon.«
Meine Mutter seufzte und murmelte etwas von wegen keinen Appetit und da ich so schnell wie möglich die Küche wieder verlassen wollte, behauptete ich: »Ich hab schon gefrühstückt.«
Meine Mutter fuhr sofort zu mir herum und rief: »Schon wieder gelogen! Du hast noch nicht gefrühstückt, das hätte ich ja wohl gesehen!«
Verflixt! Das war eine von diesen Notlügen, die eigentlich erlaubt sind, aber das wollte ich nicht zugeben. Also musste ich bei meiner Behauptung bleiben. »Ich hab in meinem Zimmer gefrühstückt!«
»Ach, und was bitte?«
Gute Frage, was lag in meinem Zimmer herum, was als essbar gelten könnte? »Eine Tüte Chips.«
»Chips? Zum Frühstück?«, quietschte meine Mutter.
Meine Schwester sah mich mit gewisser Hochachtung an. »Willkommen im Club. Wenn du jetzt auf kreatives Essen umsteigst, hab ich ein paar tolle Rezepte für dich.«
Meine Mutter hatte ihren Blick starr auf mich gerichtet. »Jojo, was soll das? Ist das irgend so ein Protest, oder was?«
Ich konnte es nicht fassen, der Tag hatte noch nicht mal richtig angefangen und ich war schon total erschöpft und eigentlich wieder reif fürs Bett.
Es klingelte an der Tür. Meine Mutter ging, um zu öffnen. Das ersparte mir die Antwort. Doch dann stieg Panik in mir hoch: Womöglich war das schon wieder Frau Krause, der noch was eingefallen war, was sie beobachtet hatte und was mir neuen Ärger einbringen würde.
Aber es war nur Lucilla. Sie kam, gefolgt von meiner Mutter, bestens gelaunt in die Küche, setzte sich erwartungsvoll zu uns an den Küchentisch und strahlte Oskar an.
Oskar lächelte etwas verunsichert zurück. Nachdem Lucilla weiter eisern strahlte, fragte er schließlich: »Kann ich was für dich tun?«
Lucilla nickte und sagte: »Gerne. Zwei Stück bitte.«
Oskar sah mich fragend an. »Zwei Stück?«
Ich zuckte die Schultern. Keine Ahnung, war wohl ein Geheimcode, den ich nicht kannte.
Lucilla fiel die Verwirrung auf, sie lachte und rief: »Pfannkuchen!«
Da Oskar immer noch nicht reagierte, erklärte ihm Lucilla: »Sie machen doch immer Pfannkuchen zum Frühstück. Die sind so super, ich hab extra zu Hause nichts gegessen, damit ich mir nicht den Appetit verderbe.«
»Oh«, sagte Oskar erleichtert. Erleichtert mehr darüber, dass sich Lucillas rätselhafte Mitteilung nun aufgeklärt hatte, weniger wohl, dass hier bei uns Leute erscheinen und wie in einem Restaurant Essensbestellungen abgeben. Aber er nahm es sportlich und fragte nur schlicht in die Runde: »Sonst noch jemand?«
»Nein, danke«, rief meine Mutter. »Wegen mir musst du dir nicht so eine Mühe machen. Ich trinke bloß einen Tee.« Sie hätte sicher auch gerne einen Pfannkuchen gehabt, aber sie wollte damit Lucilla wohl durch die Blume mitteilen, dass es eine Zumutung für Oskar sei, bei ihm Pfannkuchen zu bestellen.
Lucilla ist aber niemand, der etwas Durch-die-Blume-Mitgeteiltes wahrnimmt. Im Gegenteil. Sie wandte sich an meine Mutter: »Sie sollten sich die Pfannkuchen nicht entgehen lassen. Das sind die besten, die man kriegen kann!«
»Jojo?«, fragte Oskar mich.
Ich nickte. »Auch zwei bitte. Und viiielen Dank auch, das ist echt nett von dir«, versuchte ich, ihn für seine Mühen zu entschädigen.
Auf der einen Hälfte des Gesichts meiner Mutter zeigte sich so etwas wie Stolz, dass sie eine so höfliche Tochter hat, auf der anderen Hälfte ein Vorwurf, dass ich eine solche Freundin habe. Vielleicht deutete ich da aber auch zu viel hinein und sie hatte bloß Zahnschmerzen. Dann ging sie seufzend zum Schrank und wählte eine Teesorte aus. Ich nehme mal an, den Dieser-Morgen-fängt-ja-gut-an-Tee.
Während Oskar sich mit Eieraufschlagen beschäftigte und meine Mutter ihren Tee brühte, beugte sich Lucilla zu mir. »Also, was ist jetzt? Was macht dein Liebesleben?«, fragte sie fröhlich.
Meine Mutter fuhr herum, Oskar zuckte leicht zusammen, guckte aber weiterhin starr auf seine Zutaten.
Himmel! Wir saßen hier in einem ziemlich öffentlichen Raum, wo jeder hören konnte, was wir sagten. Musste Lucilla ausgerechnet jetzt über mein Liebesleben reden? »Nichts ist«, antwortete ich also vage.
Lucilla fuhr erschrocken hoch. »Ist etwa schon wieder Schluss?! Jojo, wirklich, du musst endlich mal …«
»Lucilla!«, stoppte ich sie.
»Na, hör mal, er ist echt süß! Und er ist verknallt in dich.«
»Nein!«, jaulte ich, weil ich dieses Gespräch vor meiner Familie nicht führen wollte. Lucilla hatte da gar keine Bedenken, sie ließ stets alle an ihrem Leben teilhaben. Aber ich fand Privatsphäre nach wie vor sehr angenehm.
Doch bevor ich ihr das mitteilen konnte, rief sie: »Aber er hat dich doch geküsst!«
Ich zuckte zusammen und ließ meinen Kopf auf den Tisch sinken. Ich hörte, wie Oskar ein Ei herunterfiel und meine Mutter japste.
Lucilla sah sich erstaunt um. »Was ist? Hab ich was Falsches gesagt?«