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Für Heike, Winfried, Fritzi und Steffi

Vollständige E-Book-Ausgabe der im Piper Verlag erschienenen Buchausgabe

1. Auflage 2014

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ISBN 978-3-492-96301-5

© 2014 Piper Verlag GmbH, München

Umschlaggestaltung und Motiv: Hauptmann & Kompanie Werbeagentur Zürich

Datenkonvertierung E-Book: Kösel, Krugzell

Alle Rechte vorbehalten. Unbefugte Nutzungen, wie etwa Vervielfältigung, Verbreitung, Speicherung oder Übertragung können zivil- oder strafrechtlich verfolgt werden.

Kapitel 1

Sternschnuppen sind auch nicht mehr das, was sie mal waren. Als ich noch ein Mädchen war, vor etwa vierzehn Jahren, da konnte man barfuß in den Garten gehen, die Zehen einrollen – wegen des nassen Grases und der Kälte – und dann so lange den Kopf in den Nacken legen, bis man eine sah. Sie flirrte für einen kurzen Moment über den Himmel, dann drückte man sich selbst die Daumen, kniff die Augen zusammen und wünschte sich etwas.

Das hatte ich diesen Sommer auch so gemacht. Ich wusste schon vorher, was ich mir wünschen wollte: Nie wieder Leichen finden. Das mag vielleicht ein eigenartiger Wunsch sein, schließlich finden die meisten Leute von Natur aus keine Leichen. Aber nicht ich, Lisa Wild, sechsundzwanzig Jahre alt. Ich bin sozusagen ein bayerischer Leichensuchhund. Wenn irgendwo in zwanzig Kilometern Entfernung eine Leiche abgelegt wird, tauche ich bestimmt in den nächsten Minuten auf und finde sie. Das habe ich inzwischen schon fünfmal gemacht. Und das reicht für mein weiteres Leben.

Deswegen also hatte ich im August dem Sternenhimmel diesen dringenden Wunsch mitgegeben. In dem Glauben, dass das, was ab und an über den Himmel streift, zwangsläufig eine Sternschnuppe ist. Aber es gab auch verglühenden Weltraumschrott. Dass so etwas nicht so gut hilft wie ein richtiger Meteorit, ist mir jetzt im Nachhinein auch klar. Alle weiteren Vorkommnisse führe ich eigentlich darauf zurück, dass ich meinen Sternschnuppen-Wunsch irgendeinem schmelzenden Spaceshuttle-Klo mit auf den Weg gegeben hatte.

Da man ja mit Sternschnuppen insgesamt nicht so genau weiß, wie viel sie bringen, hatte ich noch weitere Vorsichtsmaßnahmen getroffen: Um nicht wieder im Wald eine oder zwei Leichen zu finden, ging ich jetzt, brav mit Beutelchen bewaffnet, auf der Straße mit meinem Hund Gassi. Das war enorm lästig, aber sicher.

Die Einzige, die mich momentan noch zu unüberlegten Aktionen anstacheln wollte, war Anneliese.

Seit dem letzten Mordfall lebte Anneliese nämlich in der festen Überzeugung, dass wir diesen sozusagen in Kooperation gelöst hatten, was total an den Haaren herbeigezogen war. Deswegen war sie der Meinung, dass sie einen prima Privatermittler abgeben könnte. Das war ein Beruf, der ihr als baldiger Dreifach-Mama total entgegenkäme. Absolute Flexibilität, man konnte ermitteln, wann man wollte, hatte keinen Chef, der an einem herumnölte, und hatte man einmal keine Zeit, erledigte man es eben an einem anderen Tag. So stellte sie sich das jedenfalls vor. Ich persönlich hatte unter »familienfreundlicher Beruf« zwar etwas anderes verstanden – Lehrer vielleicht –, aber ich verspürte wenig Lust, mit ihr darüber zu diskutieren. Das hatte zur Folge, dass Anneliese ständig mit neuen Ideen vorbeikam, wer irgendwelche kriminellen Machenschaften plante. Erst vor Kurzem hatte sie mir erläutert, dass es nicht normal sei, was die Rosl den ganzen Tag für eine Miene aufsetzte. Mei, hatte ich gemeint. Die hat’s halt im Kreuz. Da kriegt man schon einen mörderischen Blick.

Deswegen war ich richtig auf der Hut, als ich Anneliese vor unserem Gartentürl auf mich warten sah, während ich mit meinem gefüllten Hundefäkalienbeutel auf sie zukam.

»Weißt du, was ich glaube«, sagte sie und stellte sich in aufreizender Pose neben unsere Mülltonne.

»Nein. Weiß ich nicht«, antwortete ich schicksalsergeben und warf den Plastikbeutel in die Mülltonne. Nachdem sie sich wieder in ihre schwarze Ermittlerkluft geworfen hatte, fiel es mir nicht schwer zu erahnen, was folgen würde.

»Der Joe«, hob sie an.

Ich verdrehte die Augen. Der Joe, das war unser neuer Polizist – und endlich mal jemand, auf den die Prädikate »Freund« und »Helfer« total zutrafen. Erst vor Kurzem hatte er mich aufgegabelt, als ich mein Fahrrad mit plattem Reifen heimschob, und hatte mich nicht nur samt Fahrrad und Hund ins Polizeiauto geladen und heimgefahren, sondern danach noch sehr engagiert meinen Fahrradreifen aufgepumpt.

»Der ist doch komisch, der Joe.«

Ja, verglichen mit unserem eigentlichen Polizisten, dem Schorsch, schon. Der lag seit dem letzten Fall im Krankenhaus, weil er sich einen ganz komplizierten Trümmerbruch zugezogen hatte und schon zum zweiten Mal operiert hatte werden müssen. Bis der wieder fit war, um an seinem Arbeitsplatz zu sitzen – ganz zu schweigen von körperlichen Einsätzen, wie besoffen herumliegende Loisln hochziehen und in den Polizeiwagen zerren –, das konnte dauern. Ich jedenfalls fand, dass Joe wie jemand wirkte, der zur Abwechslung voll was draufhatte in seinem Job und nicht nur des Bayerischen, sondern auch der deutschen Sprache mächtig war. Bis jetzt hatte er sich zwar noch nicht beweisen können, aber das würde schon noch kommen.

»Der ist nicht komisch«, wandte ich ein. »Der sieht doch super aus.« Joe hätte der jüngere Bruder von Brad Pitt sein können. Mein Freund Max, der einiges mit Joe gemeinsam hatte, zum Beispiel sein gutes Aussehen und den Beruf – Max war der Kommissar im Ort –, konnte ihn irgendwie gar nicht leiden, vielleicht weil er zehn Jahre jünger war als er und mich immer so süß anlächelte. Ich dagegen fand das wirklich super. Der Schorsch hatte mich immer nur blöd angeredet und nie ernst genommen. Da war jemand, der ein lässiges Grinsen aufsetzte, wenn er mich sah, doch ganz was anderes.

Anneliese hob die Augenbrauen. Wenn das alles nicht verdächtig war, sagte ihr Blick.

»Außerdem kommt ja irgendwann der Schorsch wieder zurück, und dann ist der Joe auch schon wieder weg«, lenkte ich ab.

Vielleicht war sie auch nur eifersüchtig, weil sie nie von Joe lässig angelächelt wurde, egal, wie eng ihre schwarzen Klamotten auch sein mochten. Und selbst ihre neue Frisur – sie hatte sich ihre naturblonden Haare sehr, sehr rot gefärbt – half nichts.

»Max hat mir verboten, in den nächsten zehn Jahren zu ermitteln«, log ich. »Auf den Beziehungsstress kann ich echt verzichten. Außerdem habe ich eine Bewerbung geschrieben.«

Eine Bewerbung bei einer richtigen, großen Zeitung. Mit lauter richtigen, großen Journalisten. Und ich könnte eine von ihnen werden. Anneliese interessierte das offensichtlich gar nicht, vielleicht, weil sie wusste, dass ich die Bewerbung schon vor Wochen geschrieben hatte und sie die ganze Zeit in meiner großen Umhängetasche mit mir herumtrug. Aber jedes Mal, wenn ich den frankierten Umschlag in den Briefkasten stecken wollte, sah ich meine Großmutter vor mir, wie sie mit ihrer Weihwasserflasche enkeltochterseelenalleine durch den Ort zog, und dann ließ ich das Bewerbungsschreiben in meiner Umhängetasche und ging weiter.

»Die Rosl hat auch gesagt, dass ihr das alles ganz verdächtig vorkommt. Dieser Joe. Allein vom Anschauen«, erklärte mir Anneliese ihren Verdacht und ging nicht weiter auf meine Einwände ein. »Dieser Joe« war wahrscheinlich deswegen jedem verdächtig, weil er nicht wie der Schorsch an jeder Straßenecke anhielt, um einen Schwank aus seiner Jugend zu erzählen.

»Das geht uns alles gar nichts an«, erklärte ich im Tonfall meiner Großmutter. »Ich muss dann mal.«

»Das wäre jetzt meine Chance gewesen«, erklärte Anneliese düster. »Weißt du, es ist nicht so einfach, als Privatdetektivin anzufangen, wenn man noch gar nichts an Erfolgen vorweisen kann. Da wäre das mit dem Joe echt super gewesen.«

Von Anneliese muss man wissen, dass sie jeden Sonntagabend vor dem Fernseher sitzt und sich Schnulzen reinpfeift. Da kommen nur Leute vor, denen man schon von der ersten Minute an ansieht, was für eine Rolle sie in dem Film einnehmen werden. Dementsprechend wenig Ahnung hat sie von Ermittlungen und weiß auch nichts darüber, dass man den Leuten nicht unbedingt an der Nasenspitze ablesen kann, ob sie kriminell sind oder nicht.

»Vielleicht solltest du mal Tatort schauen«, schlug ich mürrisch vor.

Bedeutungsvoll beugte sie sich zu mir und flüsterte: »Wenn ich rausbekomme, dass Joe ein Krimineller ist, dann ist das der erste Schritt auf meinem Weg.«

»Aber Joe ist kein Krimineller«, erklärte ich ihr. »Deswegen vertust du nur deine Zeit, und es ist überhaupt kein Schritt auf gar keinem Weg. Er ist Polizist, weißt du, er ist derjenige, der hinter den Kriminellen her ist.« Ich seufzte. »Die von der Polizei nehmen doch nur Leute, die niemals nicht Schuld auf sich laden würden.«

Das glaubte ich zwar auch nicht, aber im Fall von Joe war ich mir ziemlich sicher, dass das allgemeine Dorfgerede jeder Grundlage entbehrte.

»Aber die Rosl hat gesagt, dass der Joe ihr total bekannt vorkommt. Und dass sie glaubt, dass sie ihn in der Sendung Aktenzeichen XY ungelöst erkannt hat.«

»Das sind doch lauter Schauspieler«, erläuterte ich ihr und verspürte den Drang, alles sehr, sehr laut zu sagen, wenn nicht sogar zu brüllen. »Die spielen das alles, verstehst du?«

»Ja, aber die nehmen halt Leute, die so ähnlich aussehen.«

Wütend stemmte ich die Fäuste in die Hüften, bei Anneliese war Hopfen und Malz verloren.

»Jetzt kapier’s doch endlich. Ich. Werde. Nicht. Ermitteln. Schluss, Ende, Aus.«

Sie seufzte schwer.

»Okay«, sagte sie nach einer kleinen Pause.

Okay? So einfach war es also, Nein zu sagen? Ich lächelte ihr freundlich zu.

»Hast du kurz Zeit?«, fragte sie. »Ich muss dir noch dringend was zeigen, bevor ich die Kinder abhole.«

»Was denn zeigen?«, fragte ich gleich wieder misstrauisch.

»Hat mit deiner Oma zu tun«, erklärte sie, und in meinem Kopf schrillten alle Alarmglocken.

»Was?«, fragte ich nach und packte sie am Arm.

Wenn’s um meine Großmutter geht, bin ich sehr empfindlich, und zwar nicht nur deswegen, weil ich bei ihr wohne, seit ich geboren wurde, oder weil sie mich erzogen hat. Oder weil sie ihren Erziehungsauftrag noch immer nicht als beendet ansieht. Großmutter ist jetzt schon sechsundachtzig Jahre alt, und ihre geistigen Fähigkeiten schwanken enorm, je nachdem, ob sie ihre Medikamente regelmäßig nimmt oder nicht. Sie kann ganz normal sein. Und sie kann mich zur Raserei bringen.

Anneliese schüttelte meinen Arm ab. »Dann komm halt.«

»Wenn’st ned speibst«, sagte ich und meinte damit ihre lästige Schwangerschaftsübelkeit, die schon manches unserer Treffen ziemlich abrupt beendet hatte.

»Hab ich schon«, erklärte sie routiniert. »Jetzt komm schon.«

Unschlüssig sah ich zu, wie Anneliese schwerfällig über den Gartenzaun vom alten Stangl kletterte.

»Und WAS, bitte schön, willst du mir hier zeigen?«, wollte ich wissen und verschränkte die Arme vor der Brust. »Was auch noch mit meiner Oma zu tun hat?«

»Jetzt komm schon«, sagte sie unwillig. »Doch nicht beim alten Stangl.«

Ich kletterte ihr hinterdrein, noch etwas unschlüssig darüber, was es sein könnte, das mit meiner Großmutter zusammenhing und gleichzeitig zwingend erforderte, beim alten Stangl durch den Garten zu latschen.

»Früher haben wir das auch immer gemacht. Da hat es dich nie gestört«, erklärte sie mir. »Der alte Stangl hört doch eh nix mehr. Und der Dr. Schmid ist schon längst außer Haus.«

»Dr. Schmid?«, fragte ich noch misstrauischer.

Musste ich beim Dr. Schmid auch noch durch den Garten?

Und schon kletterte ich über den nächsten Gartenzaun.

»Wie ist das eigentlich? Hat der Max dich schon g’fragt?«, wollte Anneliese von mir wissen.

»Was denn?«, stellte ich mich vorsichtshalber dumm.

»Na ja. Mit dem Heiraten.«

»Du willst nur ablenken«, unterstellte ich ihr.

»Jetzt sag schon. Das ist doch wichtig.«

Das mit dem Heiraten? Ich stapfte hinter ihr her und bekam noch schlechtere Laune. Schließlich arbeitete ich richtig fest daran, dass Max nicht auf schlechte Ideen kam. Erst vor Kurzem hatte ich ihm erklärt, dass eine Eheschließung fast damit gleichzusetzen war, dass man nie wieder Sex hatte. Von Anneliese wusste ich zumindest, dass die nur alle heilige Zeiten mit ihrem Mann »kuschelte«, und das auch nur, damit sie es wieder einmal getan hatten.

»Der Max ist doch ein Lutherischer«, sagte ich stattdessen. »Den kann ich doch schlecht heiraten. Und jetzt sag mir endlich, was du mir zeigen willst.«

»Man kann auch evangelische Männer heiraten«, behauptete Anneliese und ignorierte meine Frage.

»Lutherische haben von nix eine Ahnung«, erwiderte ich in einem klerikalen Tonfall, als würde das alles erklären. »Der weiß nicht mal, dass man nicht verhüten darf.«

Anneliese verdrehte die Augen.

»Was ich allein dadurch schon an Schuld auf mich lade.«

»Und du meinst, dass du weniger Schuld auf dich lädst, wenn du unverheiratet Sex hast und dabei verhütest?«, wollte Anneliese mit einem Grinsen wissen.

Zugegeben, in dem Punkt wies meine Argumentation gewisse Mängel auf.

»Und das Schlimme ist«, fügte ich düster hinzu, um Anneliese von dem leidigen Thema abzulenken, »wer schmurgelt wieder im Fegefeuer? Ich, obwohl er den gleichen Spaß beim unehelichen Sex mit Verhütung hat wie ich.«

»Aber du kannst dich doch nicht ewig der Hurerei hingeben«, grinste Anneliese. »Weißt du nicht, was der Prophet Ezechiel sagt?«

Natürlich wusste ich das. Immerhin hatte ich Großmutter daheim, die erklärte Expertin für Unzucht und Buhlerei im alltäglichen Leben.

»Das soll dir angetan werden, um deiner Hurerei willen, die du mit den Heiden getrieben«, wisperte Anneliese.

»Aber ein Lutherischer ist doch kein richtiger Heide«, wandte ich ein. »Und selbst wenn ich ihn heirate, bleibt er ein Lutherischer. Man weiß ja nicht einmal, ob man dann in echt verheiratet ist.«

Vorsichtig drehte ich mich um und sah zum Haus von Dr. Schmid. Dr. Schmid war unser Tierarzt, und der war wirklich viel unterwegs. Außerdem war er ausgesprochen nett, hatte aber eine unglaublich ätzende Ehefrau, die in der Meinung lebte, dass jede Frau unter siebzig es sich zum Ziel gesetzt hatte, ihr den Mann auszuspannen. Das würde ich natürlich nicht tun, einmal abgesehen davon, dass er schon fünfundfünfzig Jahre alt war, aber allein die ständige Angst, dass mich seine Ehefrau mit irgendwelchen Spritzen oder Messern bewaffnet verfolgen würde, war ja grauenhaft.

»Vielleicht denkt sich dann die Frau vom Schmid, wir wollen uns an ihren Mann heranschleichen«, wandte ich ein. »Ich muss jetzt echt heim.«

»Ach, Schmarrn. Wieso sollten wir denn das machen?«

»Ich brauch den noch, den Schmid. Die nächste Wurmkur für unseren Hund ist schon wieder fällig«, murrte ich.

»Der Doktor ist ein ganz ein Lieber«, behauptete Anneliese und winkte dem alten Stangl zu, der den Gruß interessiert erwiderte. Anneliese ging ungeniert aufrecht weiter durch den Garten der Schmids, und ich war mir ganz sicher, dass sie der grässlichen Schmidin genauso zuwinken und ihr erklären würde, wir müssten nur mal schnell was nachschauen und was denn ihre Meinung zur aktuellen Wetterlage sei.

»Er vielleicht schon. Aber sie«, flüsterte ich, während ich ihr hastig nachlief, aus Angst, die Schmidin könnte mir mit ein paar Spritzen zu Leibe rücken.

»Sie ist auch ganz eine Liebe«, erläuterte Anneliese. »Die war mit mir in den letzten fünf Samstagsbastlern.«

»Was ist das denn für ein Schmarrn?«, fragte ich unbedacht.

Anneliese warf mir einen bösen Blick zu. »Nicht jeder ist so unkreativ wie du«, erklärte sie mir.

»Ich würde mich schämen, wenn ich Tontopfmännchen aufstellen müsste«, gestand ich. Außerdem würde ich mich auch schämen, welche zu basteln.

Anneliese grinste. »Sie hat sogar zwei gemacht. Den Luke und die Franzi.«

Ich verdrehte die Augen. So hießen die beiden Schmids nämlich. Dr. Lukas und Franziska Schmid. Das Tontopf-Ehepaar hatte ich auch schon neben der Haustür stehen sehen. Die Tontopf-Franzi trug zwei dicke blonde Zöpfe und eine rot karierte Bluse. Und das, obwohl die echte Franzi dünne dunkle Haare hatte.

»Und, wie viele machst du?«, wollte ich wissen. »Vier? Und eine dicke Tontopffigur ist mit einem Winz-Tontopf schwanger?«

Anneliese grinste nur.

Obwohl das Haus der Schmids unbelebt wirkte, hatte ich ein richtig ungutes Gefühl. Mir war ständig danach, den Kopf einzuziehen oder auf allen vieren zwischen den Büschen zu krabbeln.

Stattdessen sagte ich: »Großmutter macht auch Tontopf-Kunst.«

»Ehrlich?« Anneliese blieb so abrupt stehen, dass ich in sie hineinlief. »Die war aber nicht bei den Samstagsbastlern.«

Das wäre ja noch schöner.

»Das macht sie schon seit Jahren. Das hängt dann alles bei uns in den Obstbäumen.« Als Lebensraum für alle Ohrenwürmer dieser Welt. Diese umgedrehten Tontöpfe hingen dort schon so lange, dass sie mit dichten grauen Flechten überzogen waren.

»Und jetzt sag mir endlich, was du mir zeigen willst. Das hat doch nie und nimmer mit der Oma zu tun.«

Anneliese stemmte genauso wie ich die Fäuste in die Hüften und sah mich wütend an. »Okay. Ich hab mich halt ned traut, ganz allein beim Joe zu ermitteln. Schließlich ist das mein allererster Fall, und …«

Für einen Moment blieb mir die Luft weg. Ich wurde ständig ausgenützt. Ständig. Ich musste nur daran denken, wie ich mich beim letzten Mordfall zu peinlichen Privatermittlungen hatte drängen lassen, nur weil das Mordopfer mit Anneliese verwandt gewesen war! Wenn ich nicht endlich einmal anfing, anders zu reagieren, dann würde sich auch nichts verändern.

»Weißt du was«, sagte ich deshalb zornig. »Du bist echt eine blöde Kuh.«

Das hatte ich das letzte Mal im Alter von zehn Jahren gesagt, als sie die letzten Vanillekipferln gegessen und mir nur noch die Zimtsterne übrig gelassen hatte.

»Ich will doch nur ins Schlafzimmer reinschaun«, rechtfertigte sich Anneliese. »Du weißt doch, das entlarvt die meisten Leute.«

»Das Schlafzimmer?«, fragte ich ungläubig. »Das entlarvt doch nur, ob man so spießig ist und sein Bett jeden Tag macht.«

Das war jetzt wirklich gemein, weil ich nämlich wusste, dass Anneliese sogar einen extra Besenstiel hatte, um die Tagesdecke des Ehebetts glatt zu streichen.

»Pass auf, bei deinen blöden Methoden löst du ja in hundert Jahren keinen einzigen Fall!« Das war jetzt noch gemeiner, aber anders kam ich aus diesem Schlamassel auch nicht raus.

Ich hoffte, dass Joe schon längst in der Arbeit war. Wie sah das denn aus, wenn wir zwei durch den Garten robbten, um in sein Schlafzimmer zu schauen? Die Geschichte mit dem verhinderten Kriminellen nahm uns doch kein Mensch ab! Plötzlich fühlte ich mich richtig in Stimmung, meine Bewerbung in den nächsten Briefkasten zu werfen und all das hinter mir zu lassen.

»Und wie hättest du das dem Joe erklärt, wenn er sich noch im Bett wälzt?«, wollte ich wissen.

»A geh«, antwortete Anneliese routiniert. »Der muss doch schon längst arbeiten. Es ist schon fünf nach acht.«

Wer weiß, ob er das musste. Und Leute, die um fünf nach acht schon gestiefelt und gespornt draußen herumliefen, hatten entweder kleine Kinder oder litten unter seniler Bettflucht. Zwei Dinge, die man von Joe nicht behaupten konnte.

»Ich kann dir einen guten Tipp geben für deine Anfänge als Privatermittlerin. Jemand, der wie Brad Pitt aussieht, ist nicht kriminell«, verriet ich ihr. »Der hat was anderes zu tun.«

»Das hätte ich nie von dir gedacht. Dass du so gemein sein kannst. Das mit deiner Oma kannst du jetzt auch alleine herausfinden«, fauchte sie mich an und drehte sich um. Ich bezweifelte, dass es bei meiner Großmutter irgendetwas zum Herausfinden gab.

Dann wurde Anneliese schlagartig grün, weiß und rot, alles gleichzeitig, und begann sich zu übergeben.

Mein erster Gedanke war, dass Schwangersein das Schrecklichste auf der ganzen Welt sein musste und dass mir der liebe Herrgott bestimmt mein maßloses Verhüten verzieh, wenn er sah, wie schlecht es Anneliese gerade ging. Erst als sie zu gestikulieren begann und keinen Ton herausbrachte, drehte ich mich in die Richtung, in die sie zeigte. Wir standen direkt vor einem alten Schuppen, hinter dem Haus der Schmids. Die Tür stand offen, und die Dunkelheit war ein schwarzes Loch, aber ich sah nichts, was meinen Kreislauf so durcheinandergebracht hätte wie den von Anneliese. Erst auf den zweiten Blick schweifte mein Auge auf das, was man jetzt von unserer Warte aus hinter dem Schuppen sehen konnte. Ich kann nicht bezeugen, dass ich dann schlagartig grün, weiß und rot und alles gleichzeitig wurde, aber dass ich mich danach übergab, war jedenfalls sicher.

Als ich mich wieder aufrichtete, stand Anneliese neben mir und klammerte sich an meinen Arm. Ich hatte keine andere Chance, als in die Richtung zu sehen, in die auch sie sah.

»Das ist der Dr. Schmid«, sagte Anneliese mit einer Stimme, als würde sie gerade die Luft anhalten. »Was tut der da?«

Das war der endgültige Beweis, dass sich Anneliese mit ihren neuesten Plänen total verrannte. Wenn sie nicht wusste, was der Tierarzt da tat, war wirklich Hopfen und Malz verloren.

»Der ist tot«, erklärte ich ihr, nachdem ich davon inzwischen echt Ahnung hatte.

»Der liegt auf dem Komposthaufen«, merkte Anneliese an, als würde das dagegen sprechen, dass er tot war. »Und er hat nur seine Unterwäsche an.«

Feinripp. Weiß. Außerdem hatte er nicht nur Unterwäsche an, sondern auch noch schwarze Nylonsocken. Sein Unterhemd war so weit hochgeschoben und die Unterhose hinuntergeschoben, dass man seinen kompletten, haarigen Bauch sah.

»Der ist tot«, wiederholte ich mich, weil ich das mit der Unterhose vollkommen belanglos fand.

Der Komposthaufen der Schmids war kein Prachtstück wie in manch anderem Garten unseres Dorfes. Nichts Gemauertes, kein Schnellkomposter, keine sorgfältig lackierten Bretter. Anscheinend wurde hier nur alles auf einen Haufen geworfen und darauf gewartet, dass es zerfiel. Den vielen Zweigen und Ästen nach zu schließen, die übereinandergetürmt lagen, konnte das aber dauern. Deswegen war der Haufen auch so riesig.

»Er hat ein blaues Auge«, fügte Anneliese unbeirrt hinzu und riss die Augen weit auf.

»Blaues Auge« war die Untertreibung des Jahres. Dr. Schmid sah aus, als hätte er Bekanntschaft mit einem Bulldozer gemacht.

»Der ist tot«, sagte ich wie eine kaputte Schallplatte.

Anscheinend war er rückwärts auf den Haufen gefallen. Seine rechte Hand hatte sich noch in eine breiige Masse gegraben, die bestenfalls ein verfaulter Apfel war. Seinem starren Blick in den Himmel nach zu schließen war das aber nichts, was ihn jetzt noch belastete.

»Und seine Nase sieht aus, als wäre sie gebrochen. Vielleicht ist er nur gegen den Zaun gelaufen«, meinte Anneliese mit einer hoffnungsvollen Stimme, und ihr Griff an meinem Oberarm wurde fester.

»Vielleicht, bevor er gestorben ist«, vervollständigte ich ihre Überlegung.

Anneliese nahm jetzt meine Hand fest in die ihre. Im Gegensatz zu ihr war ich mir hundertprozentig sicher, dass der Tierarzt tot auf dem Komposthaufen lag. Und dass ihm vorher das Leben übel mitgespielt hatte. Auch wenn ich keine Rechtsmedizinerin war, würde ich mein Auto dafür verwetten, dass er nicht nur gegen den Zaun gelaufen war, sondern dass noch jemand anderes beteiligt gewesen sein musste, den Verletzungen nach zu schließen.

»Außerdem hat er was im Mund«, wisperte sie kaum hörbar. »Daran könnte er ersticken.«

Ich kniff die Augen energisch zu. »Anneliese«, wisperte ich. Mensch Meier.

»Aber wenn er noch nicht tot ist? Dann müssen wir Erste Hilfe leisten«, flüsterte Anneliese. »Oder ihm zumindest das Stück Stoff aus dem Mund nehmen.«

Sie legte eine bedeutsame Pause ein, während ich geradezu zwanghaft auf den Mund des toten Tierarztes blickte. Dort quoll etwas hervor, das von der Längsstreifung her dem glich, was er als Unterhose am Leibe trug.

»Das musst du machen«, erklärte sie mit ernstem Blick. »Ich bin nämlich schwanger.«

Ich knickte sofort wieder ein und reiherte zum zweiten Mal unter die Hortensie vor mir. Kein normaler Mensch konnte von mir verlangen, dass ich einer Leiche eine Unterhose aus dem Mund nehmen sollte.

In dem Moment kam Gott sei Dank die Schmidin aus dem Haus geschossen, kreischte etwas von »Spinnt’s jetzt ihr alle, ihr Miserabligen, mir alles vollspeien«.

Dann hörte sie auf, mit uns zu schimpfen. Ihr Gesicht wurde weder rot noch grün, sondern schiefergrau, und sie schien nach Luft zu schnappen. Danach schrie sie so markdurchdringend und schrill, dass ich für einen Moment vergaß, wie schlecht mir war.

In gewisser Weise war es auch ein bisschen Glück, dass wir den toten Doktor gefunden hatten, bevor Anneliese ihren ursprünglichen Plan umgesetzt hatte. Denn der Schnelligkeit nach zu urteilen, mit der Joe über den Zaun flankte, war er doch noch zu Hause gewesen. Und es war echt schade, dass ich nur an meinen Magen denken konnte, denn es sieht einfach phantastisch aus, wenn jemand wie Brad Pitt über einen Zaun flankt. Außerdem sagte er nicht so blödes Zeug, wie ich es vom Schorsch gewohnt war: Ja, dann. Dann schaun mer doch mal. Oder: Jetzt amal ganz langsam von vorne.

Joe trat vorsichtig an den Leichnam, ganz offensichtlich, um Lebenszeichen zu prüfen. Als er das Handgelenk ein wenig anhob, drehte sich der komplette Dr. Schmid ein paar Zentimeter steif mit. Man sah deutlich, dass der ganze Rücken und die Beinunterseiten dunkel von den Leichenflecken waren. Neben mir atmeten Anneliese und Frau Schmid synchron ein, und ich krallte vorsichtshalber meine Hände in die Hosentaschen.

»Da brauchen wir die Spurensicherung«, sagte Joe und drehte sich ganz professionell von der Leiche weg. Wahrscheinlich, um keine Spuren zu vernichten. Vielleicht auch deswegen, weil auch ihm sonst schlecht geworden wäre.

Ich dagegen konnte meinen Blick nicht abwenden. Das ist ganz typisch für mich. Ich weiß, was passieren wird, und ich tue es trotzdem. Immer wieder. Joe tippte neben mir Telefonnummern in sein Handy und redete geschäftig hinein. Und ich reiherte ein drittes Mal unter die Büsche von der Schmidin. Ich kann auch nicht verstehen, wieso ich dann doch immer wieder hinschaue. Das ist gegen jede Vernunft.

Ein Glück, dass Joe mir den Arm um die Schulter legte und mich von der Leiche wegdrehte. Max hätte an dieser Stelle bestimmt nur angemerkt, dass es für die Spurensicherung angenehmer wäre, wenn nicht unter jedem Busch unappetitliche Dinge liegen würden.

»Alles in Ordnung?«, fragte er mich und sah mich freundlich an. Er war mir gerade so nahe, dass ich ihm tief in die Augen blicken konnte. Sie waren so dunkel, dass man kaum den Unterschied zwischen den Pupillen und der Iris entdeckte. Seine Haare ringelten sich feucht in seinem Nacken, und es roch angenehm nach einem Duschgel, das ich nicht kannte. Ich jedoch konnte nur an den starren Tierarzt denken und an die dunklen Flecken, die ich an seinen Beinunterseiten gesehen hatte. Und an seine rechte Hand, die so seltsam verkrümmt war und so schmierig-schwarz von der Komposterde.

»Bei so etwas ist jeder voll am Anschlag«, erklärte Joe mir.

Als die Schmidin neben mir »Ach, Herr Kommissar« kreischte, zuckte ich erschrocken zurück. Max sah mich ziemlich wütend an. Und das hatte nicht nur damit zu tun, dass ich schon wieder eine Leiche gefunden hatte. Sondern vermutlich mehr damit, dass mir der tolle Brad Pitt den Arm um die Schulter gelegt hatte.

Als er Max sah, ließ er mich allerdings ziemlich abrupt los.

Max grüßte nicht einmal, sondern ging direkt zur Leiche.

Moment mal, versuchte ich mein schlechtes Gewissen zu bremsen, ich hatte überhaupt gar nichts falsch gemacht. War das nicht typisch? Sich darüber zu ärgern, wie einfühlsam andere Männer waren, aber selber nichts machen. Ich hatte eben eine grässliche Leiche angeguckt. Ich hatte mich dreimal übergeben. Und Max hätte mir niemals den Arm um die Schulter gelegt und mich getröstet. Da gab es nur immer die Vorwürfe, schon wieder eine Leiche und was soll denn das. Kannst du damit nicht einfach mal aufhören? Er war da fast so schlimm wie die Rosl. Die hatte nämlich zu mir gesagt, weißt was, Lisa, wenn des so weitergeht mit deiner Leichenfinderei, dann ist ja bald des halbe Dorf tot.

Wie wahr.

Jetzt hatten wir keinen Tierarzt mehr, wo ich doch so dringend die Wurmkur für meinen Hund gebraucht hätte.

Im nächsten Moment kam wie ein Überfallkommando ein ganzer Trupp Leute in den Garten der Schmids. Sie sahen aus, als wären sie entweder im Dienste der Spurensicherung oder der Rechtsmedizin unterwegs. Im nächsten Moment tauchte Dr. Friedrich, unser Allgemeinarzt, im Eilschritt auf, als könnte er an der Tatsache, dass der Tierarzt tot war, noch etwas ändern.

»Dafür hab ich jetzt gar keine Zeit«, sagte die Schmidin tonlos neben mir. »Des glaubst doch ned. Muss des heut sein.«

Ich warf Anneliese einen Blick zu. Hatte sie gehört, was die Schmidin für eigenartiges Zeug vor sich hinredete? War das der Schock, dass ihr Mann tot herumlag? Ich beobachtete abwechselnd die Schmidin und Max, der mit einem Typen, der verpackt war wie ein wandelndes Kondom, ein paar Worte wechselte. Als die Schmidin meinen Blick bemerkte, verengte sie die Augen und sagte erst einmal gar nichts mehr.

»Und dass davon nix in der Zeitung steht«, zischte sie plötzlich reichlich aggressiv. »Hast g’hört?«

»Was?«, fragte ich blöde.

Die Schmidin blitzte mich ganz furchtbar böse an, als müsste mir klar sein, was alles nicht in die Zeitung gehörte. Dankenswerterweise rettete mich Max aus dieser Situation, indem er herüberkam und in seinem freundlichsten Tonfall zur Schmidin sagte: »Dann gehen wir doch mal ins Haus.« Und an mich gewandt: »Wir sprechen uns später.«

Damit drehten sich Max und die Schmidin von mir weg, beide mit der Gewissheit im Blick, dass ich an etwas schuld sei oder zumindest nahe dran, etwas falsch zu machen.

Wahrscheinlich lag das alles nur daran, dass Max eigentlich gerade eine Mordkommission leitete, die gar nichts mit unserem Dorf zu tun hatte, was uns beide riesig gefreut hatte. Endlich einmal eine Arbeit, die ihn nicht ständig zwang, in unserer Metzgerei ermitteln zu müssen. Oder meine Großmutter zu befragen. Und jetzt das.

»Na prima«, sagte ich zu Anneliese. »Was, bitte schön, soll ich denn nicht in der Zeitung schreiben? Dass ihr Mann tot ist, weiß doch spätestens in einer halben Stunde eh das ganze Dorf.«

Außerdem, wenn einer schuld war, dann ja wohl Anneliese, aber das interessierte mal wieder keinen.

»Dass er nur eine Unterhose anhatte«, erklärte sie mir. »Wie sieht denn das aus, wenn der Herr Doktor, du weißt schon wie, gefunden wird?«

Das war doch jetzt wirklich auch schon wurscht. Tot ist tot.

»Wie sieht das denn aus, wenn der tote Ehemann auf dem Kompost liegt? Das würde ich mal fragen«, wisperte ich zurück.

Anneliese verdrehte die Augen. »Hey, wenn du mal den Thomas tot findest, und er hat eine alte Unterhose an …«

»Ich werde deinen Thomas nicht tot finden«, keuchte ich entsetzt. Und jetzt bitte keine Anweisungen, was ich mit der Hose zu tun hätte, sollte ich doch in die missliche Lage kommen.

»Außerdem ist das Schlimme doch nicht, dass er nur in Unterhose gekleidet ist, sondern dass er vermutlich auch noch eine im Mund stecken hat«, erklärte ich ihr die Problematik. »Kann ja sein, dass er immer in Unterhosen im Garten herumgegangen ist. Wegen irgendeiner Krankheit.«

»Was soll denn das für eine Krankheit sein?«, wollte Anneliese kopfschüttelnd wissen.

»Hämorrhoiden?«, schlug ich vor.

»A geh. Meinst du, der ist ermordet worden?«, fragte sie flüsternd.

Ich verdrehte nur die Augen.

»Vielleicht hatte er einen Herzinfarkt«, sagte sie so leise sie konnte.

»Und vorher hat er sich die Nase gebrochen, ist gegen die Tür gelaufen und hat eine Unterhose in den Mund genommen?«, fragte ich nach.

Wir schwiegen eine Weile, jede mit ihren eigenen Gedanken beschäftigt. Meine Gedanken drehten sich jetzt hauptsächlich um meine Bewerbung, die ganz dringend in einen Postkasten gehörte. Anneliese beendete die Stille mit einer Frage, die mir verdeutlichte, dass sie anscheinend auf ganz andere Dinge geachtet hatte als ich.

»Hast du gesehen, was der für eine Ausstattung hatte?«

»Darüber soll ich vermutlich nicht schreiben«, mutmaßte ich. »Und überhaupt, wieso hast du das überhaupt gesehen? War doch alles in der Unterhose.«

»Na ja.« Anneliese verdrehte die Augen. »Das hat man doch gesehen.«

Wenn ich nicht immer so prüde wäre …

»Was das für eine Beule war! Das war nicht einfach nur Nullachtfuchzehn.«

»Wir müssen darüber nicht reden«, erklärte ich bestimmt.

»Nein. Müssen wir nicht. Es wundert mich halt nur.«

»Mich nicht«, fügte ich sehr bestimmt hinzu.

»Ich mein ja nur. Wenn ich mir den Thomas anschau …«

»Ja, ja«, unterbrach ich sie hastig. Ich hasse Gespräche über Penisse.

»Ich frag mich nur, glaubst du …«

»Nein«, widersprach ich verzweifelt. »Ich hab da gar keine Meinung. Das ist total pietätlos. Ehrlich.«

Am liebsten hätte ich mir die Ohren zugehalten und laut »Tralalala« gesungen. Aber bestimmt hätte mir das irgendwer verübelt. Wenn nicht die Anneliese, dann doch die Schmidin aus Pietätsgründen.

»Oder meinst, es gibt für Männer Tangas mit Wonderbraeinlage?«, setzte Anneliese noch einen drauf, obwohl sie doch sehen musste, dass ich verdächtig nach Tralala aussah.

Nachdem wir Joe eine reichlich frei erfundene Geschichte aufgetischt hatten, in der nur die Tatsache stimmte, dass wir genau um acht Uhr fünf die Leiche gefunden hatten, bekamen wir endlich die Erlaubnis zu gehen. Joe fand es anscheinend überhaupt nicht komisch, dass wir im Garten herumstrolchten, nur weil ich eine Wurmkur für meinen Hund brauchte. Ich war heilfroh, dass der Schorsch im Krankenhaus war, weil dem, auch wenn er sonst wenig zustande bekam, sofort aufgefallen wäre, dass das eine blöde Ausrede war.

»Also dann«, sagte ich schnell, als wir das Gartentürl von den Schmids erreicht hatten. »Mach’s gut. Und Servus.« Hier würde ich nämlich links gehen und Anneliese rechts.

Anneliese hielt mich jedoch zurück und sah mich beschwörend an.

»Pass auf, dass du der Stangl-Tochter nicht in die Arme läufst«, empfahl sie mir.

Die war nämlich auch ganz schön schlimm. Schon einmal, dass sie eine »Zugroaste« war, also eine, die gar nicht von hier stammte. Die Urgroßmutter kam nämlich von irgendwoher, wo man gar nicht bayerisch sprach. Das war ungefähr so, als würde man vom Mond kommen. Und ihre Mutter, Gott hab sie selig, kam vom nächsten Dorf. Das war zwar nur fünfzehn Kilometer entfernt, aber rein mental war das auch ungefähr Mondentfernung. Bis so jemand integriert war, das dauerte normalerweise zig Generationen. Allein die Sprachbarriere, die über Jahrzehnte abgebaut werden musste. Seit fünfzig Jahren wohnte sie hier im Dorf. Und noch immer wurde sie zu keinem Feuerwehrfest eingeladen. Genau wie ihre Kinder. Und vermutlich ihre Kindeskinder.

»A geh«, sagte ich nur. Schlimmer als ein Leichenfund konnte das ja gar nicht sein.

»Sie räumt gerade im Haus von ihrem Vater rum«, erklärte Anneliese. »Der soll doch ins Altersheim. Wenn du Pech hast, drückt sie dir alte Schuhspanner in den Arm und meint, sie macht dir eine Freude.«

»Schuhspanner?«, fragte ich, und ich spürte, dass mir schon wieder grauenhaft schlecht wurde. Allein vom Anblick des dunklen Leichenwagens, der vor dem Gartentürl stand. Bevor die einen Blechsarg rausholten, wollte ich lieber fort sein. Da hatte ich lieber ein paar Schuhspanner zu viel.

»Ich find’s aber trotzdem total verdächtig, dass der Joe so schnell am Tatort war«, fand Anneliese. »Wir sollten das unbedingt bei unseren Ermittlungen berücksichtigen.«

»Wir dürfen nicht ermitteln«, sagte ich zum gefühlten zweimillionsten Mal.

»Dass du’s immer noch nicht einsiehst! Jetzt, wo schon der Schmid tot ist! Wenn ich dir doch sag: Alle meinen, der schaut aus, dieser Joe, und man weiß doch, Leute, die so ausschauen …«

Die hatten echt Glück im Leben. Wie Brad Pitt auszusehen, war was wert. Da brauchte man gar keine Karriere als Krimineller anzustreben.

»Der war doch nur so schnell am Tatort, weil er noch zu Hause war. Nur über den Zaun hat er klettern müssen, schon war er da«, fügte ich noch hinzu. »So wie die Schmidin gekreischt hat, war das auch überhaupt kein Wunder. Da wäre jeder über den Zaun geflankt.« O.k. Für den Stangl würde ich jetzt nicht meine Hand ins Feuer legen, dass er plötzlich so ein körperliches Engagement an den Tag legen würde, aber jeder andere halbwegs gesunde Mensch.

»Das ist also überhaupt nicht verdächtig. Er kann schließlich nichts dafür, dass er direkt neben einem Tatort wohnt, oder? Außerdem ist noch gar nicht klar, ob es ein Tatort ist. Gerade hast du selbst noch gesagt, dass der Schmid genauso gut an einem Herzinfarkt gestorben sein kann.«

Man musste doch nur anschauen, was der in den letzten Jahren für eine Wampe gekriegt hatte. Da war man total herzinfarktgefährdet. O.k., gleichzeitig sah er aus, als hätte er eine wirklich brutale Prügelei hinter sich. Aber das musste ja nicht ursächlich zusammenhängen.

»Dann ist nämlich überhaupt niemand verdächtig«, suchte ich meine Argumentation abzurunden.

Anneliese schwieg und machte eine bedeutungsvolle Miene.

»Ach komm«, setzte ich verzweifelt hinzu. »Wieso sollte Joe denn den Tierarzt ermorden?«

Sie zuckte mit den Schultern. »Das müssten wir halt rausbringen.«

»Schmarrn. Rausbringen. Der ist Polizist. Der ist dafür zuständig, Morde aufzuklären, und nicht, selber welche zu begehen«, wandte ich schlecht gelaunt ein, denn ich wollte jetzt wirklich nach Hause.

»Polizist«, sagte sie, dann senkte sie die Stimme: »Du kennst diesen Joe überhaupt nicht. Keiner von uns kennt ihn«, flüsterte Anneliese mit verschwörerischer Stimme. »Hey, der kann sonst was sein.«

Deswegen wurden bei uns Fremde auch ganz schlecht in die Dorfgemeinschaft integriert. Man wusste schließlich nichts über die Eltern, die Großeltern und die Urgroßeltern von diesem Joe. Das konnten die größten Halunken sein, und man hatte überhaupt keine Ahnung. Insofern war es also durchaus im Sinne der Dorflogik, dass Anneliese ihre Zweifel hatte.

»Immerhin haben die von der Polizei ihn genommen. Sein polizeiliches Führungszeugnis muss also ganz in Ordnung sein«, wandte ich ein. »Ist doch eher wahrscheinlich, dass das die Frau vom Schmid war.«

Ehefrauen waren immer superverdächtig, wusste doch jeder.

Anneliese schüttelte empört den Kopf. »Du, die Schmidin kenn ich schon ewig.«

Ja, von den tollen Samstagsbastlern. Wer so wunderschöne Makramee-Scheiben knüpfte, der war geradezu prädestiniert dafür, andere zu erdrosseln oder zu ersticken.

»Na und? Du hast doch gesehen, dass der Doktor was im Mund hatte«, erinnerte ich sie. Vielleicht war das keine Unterhose, sondern die letzte misslungene Bastelei von der Schmidin.

Annelieses Augen verengten sich. »Du wirst schon noch sehen. Ich krieg das alles raus«, sagte sie von oben herab. »Du dagegen …«

»Ich dagegen werde mich da total raushalten«, bestätigte ich ihren Eindruck. Noch lieber wäre mir, dass auch sie sich da raushielt. Schließlich war sie trotz allem meine beste Freundin, und wenn der Mörder vom Schmid sie erwischte und sie so zurichtete wie den Tierarzt – immerhin war sie schwanger. Aber in ihrer momentanen Laune ließ sie sich ganz offensichtlich von gar nichts überzeugen.

Als ich nach Hause kam, stand vor unserem Haus der Sanka. Das Blaulicht blinkte stumm, direkt dahinter stand ein Notarztwagen, bei dem die Fahrertür offen stand, als wäre jemand in aller Eile herausgesprungen. Mir rutschte sofort das Herz in die Hose, und ich bereute, dass ich Anneliese keinen Glauben geschenkt hatte, dass mit Großmutter etwas sein könnte. Großmutter war zwar richtig fit gewesen, als ich heute früh aus dem Haus ging, aber in dem Alter konnte schließlich jederzeit etwas passieren. Ich rannte ins Haus, Tränen brannten in meinen Augen, denn ohne meine Großmutter war ich doch quasi komplett allein auf dieser riesigen, weiten Welt.