Uschi Meinhold
Die Reise einer Jüdin
Historischer Roman
»Ich sehe nicht ein, warum wir uns immer um die Männer oder gar um ihre Schlachten kümmern sollten, die Geschichte der Frauen ist meist viel interessanter. «
Theodor Fontane, Unwiederbringlich, 1892
Ich, Marcus Pontius Pilatus, römischer Präfekt in Judäa, schreibe dir, Claudia, geliebte Ehefrau, von Caesarea aus nach Capri.
Sei gegrüßt. Wie du weißt, bin ich vom römischen Senat als Präfekt nach Judäa geschickt worden. Auch du hast die Hauptstadt verlassen, lebst jetzt in der Villa Jovis bei deinem Vater, dem Princeps Tiberius.
Wie geht es dir? Bis mein Brief dich erreichen wird, wirst du dich vielleicht getröstet haben über den Tod unseres neugeborenen Sohnes. Du bist noch jung, uns wird ein weiteres Kind geschenkt werden. Da ich älter bin als du, sehne mich sehr nach einem Erben. Und nach dir! Schon in Rom bist du mir eine kluge Gesprächspartnerin und zärtliche Geliebte gewesen. Unser gemeinsames Leben wollen wir hier in Caesarea fortsetzen.
Der Brief ist mit mehreren Siegeln versehen, weil ich dir, liebe Freundin, Mitteilungen mache, die ich keinem anderen anvertraue. Ich weiß, du wirst über alles schweigen, was ich dir berichten werde.
Oft mache ich mir Gedanken über meine Berufung zum Präfekten von Judäa. Immerhin ist dadurch die räumliche Trennung zwischen dir und mir verursacht worden. Ob sich dieses Amt lohnen wird? Auch für uns? Ich fange an, daran zu zweifeln. Bin ich vielleicht nach Judäa geschickt worden, um mich aus Rom zu entfernen? Keine Begeisterung habe ich empfunden, als mir dein Vater diese Provinz als Präfektur angetragen hat. Ägypten wäre mir lieber gewesen.
Ich fürchte, hier als ein mittelmäßiger römischer Beamter zu enden, selbst wenn Judäa für Rom wichtig ist, da Princeps Augustus die Region in unseren Machtbereich überführt hat. Etwas entschädigt mich der Gedanke, dass du, meine Geliebte, glücklich bist über Palästina als unsere hoffentlich gemeinsame Heimat. Denn du bist hier geboren und wirst deshalb gerne zurückkehren, um bei mir in Caesarea zu leben.
Ich weiß, dass du Verständnis hast für die hier vorhandene Orthodoxie. Ich nehme an auch deshalb, weil dir deine Freundin Maria jüdisches Leben nahegebracht hat. Ich aber habe Probleme mit dem Jerusalemer Sanhedrin.
Den Brief lasse ich dir durch die staatliche Dienstpost überbringen. Dies ist dank Augustus der rascheste und zuverlässigste Weg, dir meine Hoffnungen, Wünsche und Grüße überbringen zu lassen. Dennoch wird meine Post an dich wohl 40 Tage unterwegs sein. Cura, ut vales
Vale Claudia carissima
Caesarea IV kalsepDCCXXVIII a. u. c.
*
Marias Familie hat sich am Morgen zusammen mit den Vorarbeitern des landwirtschaftlichen Gutes in Magdala zum Frühstück versammelt. Vater Thomas und Mutter Esther sitzen sich am Tisch gegenüber, die kleine Maria quengelt, schwenkt ihren Löffel in hungriger Erwartung des Getreidebreies. Dem Kindermädchen gelingt es nicht, die Kleine zu beruhigen. Nur das Erscheinen der Küchenfrau mit einer Schüssel von Marias bevorzugter Breispeise schafft einen Moment Ruhe. Auch Brot, Käse aus Schafsmilch, Honig von den eigenen Bienen und Quark stehen inzwischen auf dem Tisch.
Der Wind vom See Genesareth weht durch die geöffneten Fenster in den Frühstücksraum. Vater Thomas stimmt das Morgengebet an. Alle murmeln den Text, Maria isst, klopft dabei mit ihrem Breilöffel auf den Tisch. Niemand unterbricht das Trommeln der Kleinen, sie hat viele Freiheiten.
»Bis zum Schabbat sind die Amphoren mit Wein aus der Lese des letzten Jahres neu zu befüllen, das Olivenöl zum Verkauf vorzubereiten. Um den Fisch aus dem See werde ich mich selbst kümmern. Er wird sofort an Händler im Hafen verkauft werden. «
Thomas steckt sich ein Stück Brot in den Mund, schaut zu Esther.
»Meine Liebe, was hast du auf dem Plan? Außer mit Maria zu schmusen? «
Die Heirat von Thomas und Esther ist – nach der Sitte jüdischer Familien – von den Vätern der jungen Leute arrangiert worden. Beide haben sich aber schon eine ganze Zeit vorher auf dem Markt von Magdala kennengelernt, als Esther Oliven, Aprikosen und Suppe in Schalen angeboten hat. Nach der Hochzeit ist Thomas und seiner Frau vom Vater des Bräutigams das Landgut in Magdala übereignet worden. Beide Familien und die Verwandtschaft sind von der Geburt der Tochter des Paares begeistert gewesen obgleich Maria früher als errechnet das Licht der Welt erblickt hat.
»Unsere Kleine hat die Schmuseeinheiten nötig. Auch welche von dir. Und dann: Du weißt, dass ich mit meinen Arbeiterinnen den Schmuck herstelle, der an die Frauen in Magdala verkauft wird. Einige Stücke werden übrigbleiben für den Export in Städte außerhalb Galiläas. Herodes hat viel dafür getan, dass es uns Juden hier gutgeht. Arbeit gibt es durch den Aufbau der Städte Sepphoris und Tiberias genug. Deshalb wird auch ausreichend verdient, und die Frauen können sich den Kauf von Schmuck leisten. Außerdem gilt hier jüdisches Recht, nicht römisches. Wir haben Frieden in Galiläa. «
»Das ist richtig, meine kluge Esther. Die Ruhe hilft dabei, Handel zu treiben und das fruchtbare Land zu bebauen. Wir sind zwar nicht vom römischen Militär besetzt, dafür treibt Herodes Steuern von uns ein, die er als Abgaben an Rom für das gepachtete Galiläa zu entrichten hat. Seine Zöllner stehen hier wöchentlich zum Einkassieren vor mir. Wie zu hören ist, bezahlt unser Herrscher mit diesem Geld auch die Handwerker, die in seinem Palast in Tiberias arbeiten. Sei es wie es sei. Die Stuckateure aus Galiläa haben nicht nur dort viel Arbeit, verdienen gut. Und das fördert – wie du schon gesagt hast, Esther - den Verkauf unserer Produkte. Jetzt aber muss unser Tagwerk beginnen. «
*
In den nächsten Jahren wächst Maria behütet zu einer jungen Frau heran. Sie ist glücklich auf dem Gut der Eltern in Magdala, wird in der Synagoge und von ihrer Mutter Esther in der lateinischen Sprache und Schrift unterrichtet, liest Kapitel der jüdischen Bibel, entwickelt eine Vorstellung vom Volk Israel und dessen Vertreibungen und Wanderungen. Ganz selbstverständlich sind ihr religiöse Gebote der Tora. Maria wird geprägt von der jüdischen Umgebung ihrer galiläischen Heimat.
Diesen Frieden hat es nicht immer gegeben. Maria ist vom Vater über Zeiten aufgeklärt worden, in denen Beschneidung und Schabbatruhe mit der Todesstrafe bedroht gewesen sind. Ein Bürgerkrieg hat die Menschen getrennt.
Vater Thomas und Mutter Esther zeigen der Tochter Vertrauen, wenn sie sie mit den Händlern, die in den Arkaden der Stadt Magdala ihre Läden haben, um Lieferungen und Preise verhandeln lassen. Eine Tätigkeit, die angesichts der mehr als 6000 Bewohner und der starken Nachfrage nach Öl und Wein, verantwortungsvoll ist.
Der Vater verlangt von Maria auch das Überwachen der Kleintierhaltung auf dem Gut, und dass sie sich in der Küche um die Herstellung von Quark, Brot und das Einlegen der Pilze kümmert.
»Maria, du kannst nicht in deiner feinen Ausgehkleidung hier arbeiten. Der weiße Rock, schaue an dir herunter, ist übersät mit Essigflecken. «
Die Köchin lacht und scheucht das Mädchen zum Umziehen aus der Küche.
»Und binde deine Haare aus dem Gesicht. «
Atemlos rennt die so Gescholtene über lange Steinflure im weitläufigen Haus, hält kurz an, um auf den See Genesareth zu blicken. Letzte zum Gut gehörende Boote - der Vater beschäftigt die Fischer als Tagelöhner - nehmen Kurs auf den Hafen. Sie hört ihn Befehle rufen. Seine Strenge ihr und manchen Arbeitern gegenüber ist allgegenwärtig. Nur die Mutter kann sich frei fühlen von den Beschränkungen, die er allen anderen auferlegt. Zu ihr will Maria.
»Mutter, binde mir die Haare. «
»Und was sonst noch? Wenigstens eine Schürze solltest du selbst anziehen. «
Esther flicht die roten, langen Haare der Tochter zum Zopf, reicht ihr die Schürze, knotet die Bänder. Maria setzt sich neben die Mutter, blickt verstohlen auf Geschriebenes, versucht, darin zu lesen.
»An wen schreibst du? «
»Das geht dich eigentlich nichts an. Aber ich will es dir sagen: An meine Schwester in Paphos auf Zypern richte ich ein paar Zeilen. Du und ich werden deine Tante und deren Familie im nächsten Sommer besuchen. Selbstverständlich mit dem Schiff. «
»Und Vater? «
»Er wird wohl hier in Magdala bleiben und sich wie immer um Landwirtschaft und Fischerei kümmern. «
»Erlaubt er uns die Reise? «
»Wenn ich ihn darum bitte, wird er unserer Abwesenheit zustimmen. «
»Ich mag Tante Simone, freue mich auf sie. Was ist der Grund für die Reise dorthin? Unsere Verwandten können doch auch hierher kommen? Wie damals zum Pessachfest? «
Esther seufzt.
»Der Grund für die Reise? Ich möchte in Paphos auf Zypern einen griechischen Arzt sprechen. Aber erst im Sommer. Jetzt im Frühjahr sind die Stürme auf dem Meer zu heftig. «
»Warum? Bist du krank? «
»Ich weiß es nicht. Um etwas Genaueres zu erfahren, hat mir Simone den Griechen empfohlen. «
Maria ist manches Mal beim Essen über die erstarrten Gesichtszüge der Mutter erschrocken gewesen. Esther hat dann den Raum verlassen, ist in ihr Zimmer geflüchtet. Ob die Reise mit diesem Verhalten zusammenhängt?
Die Sorgen um die Mutter vergisst Maria, wenn sie Tempeldienst verrichtet, sich in der Synagoge von Magdala im Ritualbad reinigt, auf den umlaufenden Bänken sitzt und manchmal im Studierzimmer des Priesters in der jüdischen Bibel liest.
Maria freut sich über Geburten, nimmt an Beschneidungen teil, trauert mit den Menschen, erlebt religiöses Leben anderer Gemeindemitglieder. Der Glaube an e i n e n Gott steht im Mittelpunkt. Die Bewohner Magdalas führen - wie die in ganz Palästina - ein Leben, das wesentlich durch die Macht der Priester geprägt wird.
In der Kenntnis der jüdischen Bibel ist Maria inzwischen fortgeschritten. Die Propheten stehen mit den Schriften Jesajas im Mittelpunkt ihres Lesens. Am meisten beeindruckt sie die Forderung des Propheten Jesaja, Schwerter zu Pflugscharen zu schmieden. Was bedeutet dies für das Leben der Menschen? Frieden für alle? Wie im Galiläa des Herodes? Auch für die in einer anderen Welt? Sie hat inzwischen gehört, dass es diese andere Welt gibt, möchte Unbekanntes kennenlernen. Irgendwann. Über Mutters Absicht, nach Zypern zu reisen, äußert sie sich deshalb begeistert.
Der junge Mann, der sie in Magdala vor der Synagoge auf Aramäisch anspricht, irritiert Maria.
»Es ist verboten, dass Frauen und Männer in der Öffentlichkeit miteinander reden«, wehrt sie ihn ab.
»Dann gehen wir in die Baubude zum Sprechen. Ich bin Künstler, gestalte mit meinen Helfern die farbigen Inschriften im Vorraum der Synagoge. Vorher haben wir in Tiberias die Halle im Palast eures Herodes ausgemalt. Warst du schon einmal dort? Die Stadt ist sehr schön. Ganz neu sind die Häuser. «
Maria wehrt die Dreistigkeit erschrocken ab, blickt den jungen Fremden aber verstohlen von der Seite an: Obgleich er mit ihr Aramäisch spricht, wirken die kurzen, blonden Haare fremd. Dass er sich von Marias Scheu nicht davon abbringen lässt, den Kontakt zu ihr aufrechtzuerhalten, zeigen sein Lächeln und die Verbeugung:
»Ich heiße Lupus. Deinen Namen kenne ich: Maria. Vielleicht willst du wissen, warum ich dich angesprochen habe? Aufgefallen sind mir deine roten Haare. Aber nicht nur das. Jeden Tag hältst du dich in der Synagoge auf, betest, liest, schreibst. Ich habe mich darüber gewundert, dass eine hübsche, junge Frau sich regelmäßig in einem religiösen Gebäude aufhält, dort etwas sucht und offenbar findet. «
Maria schweigt, bleibt aber stehen. Lupus öffnet die Tür zur Baubude mit einladender Geste.
»Nein. «
Damit dreht sie sich von ihm weg, geht in das Gebetshaus. Lupus lacht, sieht Maria hinterher.
»Dann ein anderes Mal«, ruft er und wendet sich wieder seiner Arbeit zu.
Kurz danach hat Maria das Zusammentreffen vergessen. Denn in der leeren Synagoge schluchzt eine junge Frau leise vor sich hin. Sie setzt sich neben sie, legt den Arm um deren Schultern.
»Was ist mit dir? Kann ich helfen? «
Das Weinen wird leiser. Unbekannt ist Maria die Frau als Mitglied der jüdischen Gemeinde hier in Magdala.
»Ich heiße wie du. Maria. Oft habe ich dich hier in den Geschäften unter den Arkaden am Marktplatz gesehen, deinen Namen rufen hören. Mein Vater hat mich mit einem alten Mann verheiratet. Ihm bin ich am Tag der Hochzeit zum ersten Mal begegnet. Wir sind arm, wohnen im kalten Nazareth. «
Maria nimmt den Arm von den Schultern der Namensschwester, sieht sie von der Seite an:
»Du hast deinem Vater gehorchen müssen. In Galiläa hat das Oberhaupt der Familie alleinige Gewalt über die Tochter. So lauten die Gesetze. «
»Von Gesetzen weiß ich nichts. Ich bin schwanger gewesen, als der alte Mann mich geheiratet hat. Er ist nicht der Vater des Kindes. Einen Sohn habe ich geboren. «
Schweigend verschränkt Maria die Arme, steht schließlich auf, weil sich inzwischen Betende in der Synagoge eingefunden haben. Sie fordert die Namensschwester auf, ihr zu folgen. Leise schluchzend schließt die sich ihr an.
»Ich kann dir nicht helfen. Warum hat der Vater des Kindes dich nicht geheiratet? «
Die andere antwortet nicht. Beide verlassen die Synagoge. Maria verliert sie auf dem Platz davor aus den Augen. Auch dieses Ereignis wird in ihrer Erinnerung von täglichen Pflichten in den Hintergrund gedrängt.
Der Mutter geht es schlecht, die Tochter steht ihr bei. Nun häufen sich die Anfälle, münden in krampfartiges Zucken. Immer öfter findet Maria sie im Flur oder im Schlafzimmer auf dem Boden liegend. Die Stürze verursachen Verletzungen des Gesichtes, der Arme und Beine. Maria versucht, mit kühlenden Umschlägen den Schmerzen abzuhelfen. Dankbar ergreift die Mutter in lichten Momenten die Hand ihrer Tochter.
»Lass mich einfach liegen. Das alles ist zu viel für dich. «
»Nein. Ich werde immer bei dir sein, meine liebe Mutter. «
Der Vater zieht sich völlig zurück, stürzt sich in Arbeit, lebt nicht mehr im Familienhaus. Maria versteht sein Handeln nicht, läuft hinter ihm her, muss ihn abpassen, hält ihn fest, sieht, dass er weint.
»Mutter ist krank. Sie braucht auch deine Hilfe. Komme doch mit mir. Wir besuchen sie. «
Maria zieht ihn ins Familienhaus, eilt mit dem Vater über die Flure. Fest hat sie ihn gepackt, seine raue Hand in ihrer. Die lässt sie erst los, als beide am Bett der Mutter stehen.
»Thomas, ich freue mich, auch dich zu sehen. Lasse dich umarmen. «
Er starrt auf das bleiche Gesicht seiner Frau, beugt sich zu ihr hinunter.
»Endlich bist du bei mir. Jetzt kann ich sterben, mein Liebling. «
Ein Schrei, der Maria erzittern lässt, ist zu hören.
»Vater «, ruft sie, sinkt neben ihm nieder.
Beide knien am Bett. Esthers Hand, die in der ihres Mannes liegt, wird schlaff. Thomas schließt seiner Frau die Augen.
»Wir müssen Mutter bald zu Grabe tragen. «
Maria ergreift den Arm des Vaters.
»Jetzt habe ich nur noch dich. «
In der Küche sind die Speisen zu bereiten, die der Toten mitgegeben werden. Sie sollen so lange vorhalten, bis der Körper sich aufgelöst hat. Nicht länger. Ein Weiterleben nach dem Tod liegt außerhalb der Vorstellung.
Wenige Freunde versammeln sich am Felsengrab der Familie. Darin wird die in ein Leinentuch gehüllte Tote niedergelegt. Nach dem Verschließen spricht Thomas mit stockender Stimme das Totengebet. Da der Vater unfähig ist zu handeln, lädt Maria die kleine Trauergemeinde in das Haus der Familie ein, bewirtet alle mit Brot und Wein.
Elisabeth, Esthers Mutter, wendet sich an Thomas:
»Warum hat unsere Tochter so schnell sterben müssen? «
»Sie hat sterben wollen, weil keine Kraft mehr in ihr gewesen ist. Wir wissen nicht, warum Esther häufig gestürzt ist. Mit Schaum vor dem Mund hat sie sich dabei jedes Mal sehr verletzt. «
Thomas steht vom Tisch auf, verlässt den Raum.
»Vater, warte. Wohin gehst du? Du kannst mich nicht verlassen. «
»Lasse ihn. Sein Schmerz verhindert Gefühle. «
Elisabeth legt tröstend den Arm um die Schultern der Enkelin.
»Du bist stark, wirst ihm im Alltag beistehen können. «
Maria lehnt sich mit hängenden Schultern an ihre Großmutter.
»Ich weiß nicht, ob ich das schaffen werde. «
*
Ich habe mich entschlossen, Magdala zu verlassen. Möglichen Meeresstürmen zum Trotz. Eine Entscheidung, die mir nicht leichtgefallen ist. Aber nach dem Tod der Mutter, der Flucht des Vaters, unserer vergeblichen Suche nach ihm, ist nur ein Gefühl zu spüren gewesen: die Sehnsucht zu reisen. Die Verwandten in Paphos auf Zypern will ich besuchen. Ein Wagen, vor den Maultiere gespannt sind, bringt mich nach Caesarea in Judäa.
Dort unter den vielen im Hafen liegenden Handelsschiffen habe ich eines gefunden dessen Ziel zwar Ephesos ist, der Kapitän aber hat mir mitgeteilt, dass er in Paphos weitere Ladung aufnehmen wolle. Nachdem ich die Reise mit etlichen Silbermünzen bezahlt habe, er sein Erstaunen geäußert hat über eine alleinreisende junge Frau, kann ich mit meinem wenigen Gepäck in die Kajüte des Kapitäns einziehen. Er wird bei seiner Mannschaft wohnen.
Stürmisch ist das Meer. Und nur, weil ich es gewohnt gewesen bin, auf den Fischerbooten des Sees Genesareth mitzufahren, entgehe ich der Übelkeit und dem Grinsen der Männer auf dem Schiff.
Die Reise hat begonnen. Das schöne Zypern ist meine erste Station. Überall, nicht nur in Palästina, leben Juden. Auch hier. Der Hafen von Paphos, kleiner als der von Caesarea, liegt trotz der stürmischen See in friedlicher Idylle vor uns. Wellenbrecher schützten ihn. Ich verabschiede mich vom Kapitän und seinen Männern. Freundlich teilen sie mir mit, dass ich mit ihnen weiterreisen könne. Nächste Station Ephesos? Vielleicht.
Der Weg in die Stadt, die mich mit geschäftigen Treiben und unterschiedlichen Düften begrüßt, führt auch zum Tempel der Aphrodite. Dort in der Nähe, das ist mir bekannt, befindet sich das Haus der Schwester meiner Mutter, Simone. Ich bin überrascht, als ich davorstehe.
Ein Torbogen öffnet den gepflasterten Weg, der, wie ich sehen kann, zu einem Haus aus Stein führt, das in der Nachmittagssonne liegt. Zwei Kinder springen auf mich zu, glauben wohl, in mir eine ihnen bekannte Frau zu erkennen.
Dass dies nicht so ist, sehen sie erst, als eines von ihnen, ein Junge, vor mir steht und mein Fremdsein bemerkt. Auch ein Mädchen erreicht mich inzwischen, verbirgt sich hinter dem Jungen. Es sind wohl Lea und Simon, die Kinder meiner Tante und meines Onkels.
»Unsere Eltern sind nicht da. Wer bist du? «
Sie können mich nicht kennen, beide haben Vater und Mutter damals nicht begleitet.
»Ich bin Maria aus Magdala, die Nichte eurer Mutter. «
Simon schaut mich mit weit aufgerissenen Augen an. Lea stupst ihn, als solle er ihr etwas erklären. Der Bruder macht dem Mädchen Zeichen. Es nickt.
»Aus Magdala! Was willst du bei uns? «
»Euch besuchen. Mit eurem Vater und eurer Mutter sprechen. Viel hat sich seit dem bei uns gefeierten Pessachfest ereignet. «
»Aha. Unsere Eltern haben uns verboten, Fremden die Haustür zu öffnen. Aber wir glauben dir, lassen dich hinein. «
»Ich möchte euch umarmen. «
Simon kann ich anfassen, Lea weicht zurück, gibt einen knurrenden Laut von sich.
»Sie kann nicht hören und nicht sprechen. Aber ganz toll schreiben. Viel besser als ich. «
Ich weiß von der Gehörlosigkeit der Kleinen. Simone hat beim Pessachfest darüber erzählt. Als Baby habe sie auf Ansprache nicht reagiert, sei aber meist fröhlich gewesen. Lea hat rote Haare wie Tante Simone, Mutter und ich.
Der Bruder übersetzt für die Schwester mit Fingerzeichen.
»Du kannst deinen Umhang ablegen, dir am Brunnen Hände und Gesicht abwaschen. «
»Fürsorglich bist du, Simon. «
»Ich muss doch immer auf meine Schwester aufpassen. «
Eine kleine Hand schlüpft in meine. Lea führt mich an den Gartentisch, verschwindet im Haus, bringt ein Glas Wasser.
Für mich? Ich deute auf meine Brust. Lea antwortet mit Kopfnicken, Simon stellt Fragen:
»Wo ist dein Mann? «
»Ich bin nicht verheiratet. «
»Dann hast du auch keine Kinder? «
»Ja, ich habe keine Kinder. «
»Warum reist du ohne deine Eltern? «
Bei Simons Frage trifft mich die schmerzhafte Erinnerung an den qualvollen Tod meiner Mutter unvorbereitet, nimmt mir einen Moment den Atem. Vater? Auch über ihn werde ich vor den Kindern nicht sprechen. Schon will Simon das Nächste wissen.
»Kannst du kochen? «
»Ja. Das habe ich gelernt während meiner Zeit in Magdala. «
»Wir möchten süße Eierkuchen mit eingelegten Aprikosen essen. Lea soll gleich das Obst aus der Kammer holen. «
Wieder macht Simon seiner Schwester Zeichen. Die nickt, kommt mit einem Gefäß voller dicker, großer, gelber Früchte zurück. Eine Aprikose fischt sie heraus, reicht sie mir. Lecker und süß schmeckt das Obst nach der kargen Kost, die der Schiffskoch bereitet hat.
Mein Blick fällt auf den gepflasterten Hofboden. Heller Stein gestaltet die Treppen, umrandet auch den Brunnen. Bäume sind zu sehen, davor Rosenbeete. Meine Tante und ihr Mann haben ein kleines Paradies geschaffen, in dem sogar Hühner gackern.
Lea hält mir in der Küche eine Schürze hin, verschwindet wieder in der Speisekammer, kommt mit einem Körbchen voller Eier zurück. Simon macht Feuer im Ofen.
»Du weißt, wie daraus süße Eierkuchen zu backen sind? «
»Ja, das weiß ich. «
Wir schneiden das Obst in Stücke, bis es bereit ist, in der Pfanne gedünstet zu werden. Ein süßer Duft durchzieht die Küche. Kinderaugen, in denen Begeisterung steht, schauen mich an.
»Lecker«, stöhnt Simon, als auch der Eierteig in der Pfanne brutzelt.
»Essen ist fertig«, rufe ich. Teller stehen auf dem Tisch, Löffel liegen daneben. Andächtiges Schweigen herrscht am Tisch. Lea unterbricht es, gibt ein knurrendes Geräusch von sich.
»Ja, ich weiß, was du meinst. Es fehlt der Honig. Holst du ihn? «
Wie gut sich die Geschwister trotz der Gehörlosigkeit Leas durch die Sprache der Finger verständigen können. Als wir essen, betreten die
Eltern Simone und Salomon die Küche.
»Ihr habt Besuch? Du bist es Maria! Was für eine unerwartete Freude! «
Selbstverständlich scheint meiner Tante und ihrem Mann die Anwesenheit der Nichte aus Magdala zu sein. Sie essen mit den Kindern und mir, loben die Speise.
Später, der Abend ist hereingebrochen, Simon und Lea schlafen. Simone und ich gehen in den Garten. Salomon kommt nach einiger Zeit zu uns.
»Deine Schwester, meine Mutter, ist tot«, bricht es aus mir heraus.
Die seit Wochen ungeweinten Tränen strömen. Ich habe sie zurückgehalten, um weiterleben zu können. »Warum «, schluchzt Simone.
Ich bin unfähig zu antworten.
»Wir beten für Schwester und Mutter das Kaddisch. «
Salomons Stimme tönt in unser Weinen. Es wird still. Lea hat sich herangeschlichen, klettert auf meinen Schoß, lässt sich von mir umarmen. Die Wärme, die der kleine, zarte Körper des Mädchens verströmt, entspannt mich. Ich küsse Lea auf den Kopf.
»Unsere Tochter besitzt segensreiche Gaben. Sie benötigt die Sprache nicht, um zu wirken. «
Salomon schaut zu seiner Frau, deren Erstarrung sich ebenfalls löst:
»Ich weiß, dass Esther an etwas Unbekanntem gelitten hat. Warum ist Thomas nicht sorgfältig mit ihr umgegangen? «
Zur Tante über Vater sprechen? Ich kann es nicht, schüttle den Kopf.
»Wir wollen auch für Thomas beten. «
Danach verlassen wir den Garten, legen uns zur Ruhe. Lea und ich gehen Hand in Hand. Wir schlafen in einem Raum. Das Kind tröstet mich mit seiner Anwesenheit, der Schlaf bringt Vergessen bis zum nächsten Morgen.
»Du hättest in Magdala bleiben müssen. Als einziges Kind und Erbin deiner Mutter sind dir Verpflichtungen entstanden. Dort in deiner Heimat. Kehre rasch zurück. «
Simone will den Vorwurf in der Stimme nicht unterdrücken.
»Du hast recht. Aber das kann ich nicht. Magdala ist nach Mutters Tod keine Heimat mehr für mich. Ich habe Vater angefleht, bei mir zu bleiben. Er ist verschwunden. Wohin? Mutters Eltern und ich sind lange auf der Suche nach ihm gewesen. Vater will wohl eine neue Heimat finden. Ich will es auch. «
»Simone, lasse Maria tun, was sie für richtig hält. Vielleicht will unser Gast eine Zeit lang bei uns bleiben. Maria ist Jüdin. Unser Volk lebt überall in der römischen Welt verstreut. Es wird sie aufnehmen, falls sie uns verlassen wird. «
»Du als Rabbi, Salomon, solltest so nicht sprechen. Maria muss nach Hause zurückkehren. «
Simone schaut empört.
»Du weißt, mein liebes Eheweib, die Tora wird sie überallhin begleiten. Marias Bewusstsein ist jüdisch geprägt. Ihm kann sie nicht völlig entrinnen. «
»Gerne, Onkel Salomon, habe ich über die Wanderschaft der Israeliten gelesen, unser Laubhüttenfest in der Familie gefeiert. Dabei erinnern wir uns an den langen Weg aus Ägypten. Zu Pessach, wenn der Befreiung aus der Knechtschaft gedacht wird, haben unsere Familien sich in Magdala getroffen. Und dann mein schönstes Fest: Chanukka! Lichter künden von Freude! Die Wiedereinweihung des Tempels in Jerusalem feiern wir auf derart schöne, leuchtende Weise. «
»Obgleich es, liebe Maria und liebe Simone, für die in der jüdischen Bibel erzählte Geschichte Israels keine Belege außerhalb der Tora gibt, weiß ich, dass sie im Bewusstsein unseres Volkes fest verankert ist. Das muss auch so sein. Wir sind ein vertriebenes Volk, beherrscht nicht nur von den Römern, leben verstreut in aller Welt, benötigen Zusammenhalt durch die Erzählungen. Ganz gleich, ob sie historisch begründet sind oder nicht. «
»Ich bin entsetzt. Lasse das nicht die hiesigen Beauftragten des Jerusalemer Sanhedrins hören! «
»Die hören in unserem Haus nicht zu, Simone. «
»Der Vater meiner Mutter denkt ähnlich wie du, Onkel Salomon. Auch er hat von religiösen Erzählungen und nicht von historischen Berichten gesprochen. «
»Das Morgengebet wird unsere Gedanken wieder ordnen. «
Salomon waltet seines Amtes. Dafür bin ich dankbar. Denn der Aufruhr in mir schmerzt. Der Vater meiner Mutter hat ihn mit seinen Ausführungen über die nicht vorhandene Geschichtlichkeit der Toraereignisse entzündet, Salomon verstärkt ihn. Woran soll ich mich festhalten? Sicher nicht an Leas Kinderhand.
Paphos ist schön. Ich weiß aber, dass die Sehnsucht zu reisen mich irgendwann weitertreiben wird. Nach Rom. Simone ist nicht mehr ärgerlich, ermuntert mich dazu, Schreibarbeiten zu leisten. Sie betreibt eine Kupfermine, ihre Schiffe warten wöchentlich auf Ladung. Dem Sklaven, der mit dem Erstellen von Frachtpapieren und Rechnungen beschäftigt gewesen ist, hat meine Tante im 7. Jahr seiner Arbeit für ihre Mine die Freiheit geschenkt. Simone handelt strikt nach den Forderungen der jüdischen Bibel. Eine Haltung, die sie mit den Ansichten ihres Mannes wohl immer wieder in Konflikt bringen wird.
Wenn die Schreibaufträge erledigt sind, bin ich am Nachmittag die Lehrerin von Simon und Lea. Beide beherrschen die Quadratschrift, kennen die Handelnden der jüdischen Bibel, wissen von den Speisegesetzen. Auf den Bund mit Gott, der durch die Beschneidung der Männer begründet wird, ist Simon stolz.
Ich erinnere mich an Erzählungen, in denen zu hören gewesen ist, dass die Vorhäute besiegter Feinde den Judäern als Trophäen gedient haben. Davon werde ich nicht sprechen. Für beide Kinder ist der Glaube an e i n e n Gott selbstverständlich. So wird er in ihrer Familie und in der jüdischen Gemeinde im römischen Paphos auf Zypern gelebt.
»Die Römer beten im Gegensatz zu uns Juden viele Götter an. Das weiß ich von Vater. Er hat es mir erzählt, als wir nach dem Gebet in der Synagoge im Tempel der Aphrodite gewesen sind. Weißt du etwas darüber? «
Simon bringt mich in Nöte mit seiner Frage. Zweifel am jüdischen Glauben möchte ich nicht säen. Ich versuche, Religiöses außer Acht zu lassen.
»Du weißt, dass Rom unsere Welt beherrscht. Hier auf Zypern, in Judäa, eigentlich auch in meiner Heimat Galiläa und in vielen anderen Ländern. «
»Und in Ägypten kaufen römische Kaufleute Mutters Kupfer«, ruft Simon begeistert. »Reisen wie du, das will ich auch. Darf es jetzt nicht. Ob ich mich einfach auf dem nächsten Schiff, das nach Rom oder irgendwohin fährt, verstecke? «
»Dann ist besonders Lea traurig. «