Für Mom *wink*
I love you.
Und, nein, ich werde keine fröhlicheren Farben statt Schwarz tragen.
In den meisten Filmen, in denen jemand ein schlimmes Ereignis überstanden hat, gibt es einen Schnitt und eine kurze Pause. Dann wird unten eine Jahreszeit eingeblendet wie »vier Monate später« oder »ein Jahr danach«. Fröhliche Musik wird eingespielt und es wird gezeigt, wie sich letztendlich doch alles zum Guten gewendet hat.
Tief in mir hatte der absurde Gedanke geruht, dass es bei mir auch so sein könnte, aber natürlich habe ich mich getäuscht.
Meine Geschichte beginnt da, wo sie aufgehört hat.
Ich, auf dem Rückweg zu meinen Eltern, diesmal in einer Limousine statt im Zug, und neben mir derjenige, dem ich einen Teil meiner Seele gegeben hatte. Schon komisch, ich hatte einem Todesengel einen Teil meines Lebens geschenkt. Zero saß ganz still und blickte ernst hinaus in die Landschaft. Er hatte einen neuen, sauberen Anzug an, seine Haare waren ordentlich nach oben gegelt und seine vollen Lippen zu einem ernsten Strich zusammengepresst. Vorne neben dem Fahrer ruhte Felis. Auch er schien tief in Gedanken versunken. Seine Augen, voller Weisheit und Wissen, waren auf eine Landkarte gerichtet. Er verbarg es bisher ziemlich gut, dass ein Stück von mir nun auch in ihm verankert war. War er immer noch sauer deswegen? Er hatte schließlich tatsächlich gesagt, dass ich ihn lieber hätte sterben lassen sollen, als ihn mit meinem letzten Seelenstück zu retten. Man hätte denken können, dass – da wir nun weit weg davon fuhren – eine gewisse Erleichterung über uns läge. Ganz im Gegenteil. Wir waren Kera zwar entkommen und er hatte nicht erreicht, was er wollte, aber er war auch nicht tot. Meine Freude war nur von kurzer Dauer gewesen, bis Kassy mir erklärt hatte, dass er auf jeden Fall überlebt haben musste, obwohl ich zugesehen hatte, wie das Leben mit einer Welle Blut aus ihm herausgeflossen war. Doch solange die Wunden sich schließen konnten, solange sein Herz am richtigen Platz war, solange würde er immer wieder aufstehen, egal wie oft ich ihm ein Leben geben und nehmen würde. Das war nämlich ein weiterer Vorteil davon, die Seele einer Todesfee in sich aufzunehmen: Man trickste den Tod aus. Und so hatte er sein normales, ursprüngliches Leben noch, denn obwohl Mr Harries, unser Schulleiter, ihn tödlich am Hals verwundet hatte, war er dennoch ein Dämon und heilte schnell. Der Gedanke, dass er trotz unserer Mühen wieder durch die Welt wanderte, ängstigte mich. Wir hatten so viel verloren, so hart gekämpft. Dafür, dass er wahrscheinlich immer noch hinter mir her war.
Kat war tot. Sie hatte die Scham, die Angst und den Selbsthass nicht mehr ertragen und war in eine andere Welt geflüchtet, in der Hoffnung, vielleicht dort ihren Frieden zu finden. Sie wurde erhängt und mit offenen Pulsadern in ihrem Zimmer in der Psychiatrie gefunden und keiner der Helfer konnte sich erklären, wie sie sich ohne Messer und jegliche Hilfsmittel solch tiefe Wunden hatte zufügen können.
Ich wunderte mich eher, wie sie sich so schnell hatte zurückverwandeln können, bevor sie gestorben war. Es hatte sie sicher viel Mut gekostet, sich mit ihrer eigenen Waffe zu verletzen und sich anschließend in einem Seil aus Bettlaken von der Decke zu stürzen.
Wie gesagt, sowohl die Ärzte als auch die Helfer konnten nichts Ungewöhnliches entdecken, außer den unzähligen Ziffern, die über alle Wände verteilt waren. Und das sollte auch so bleiben. Denn würden die Menschen herausfinden, wer wir wirklich waren, wären die Dämonen aus der Anderswelt verloren.
Mr Harries hatte uns sofort Bescheid gegeben, als er von Kats Tod erfahren hatte. Obwohl die Mörderin gefasst war, wurde die Schule vorerst geschlossen, um noch mal alles zu kontrollieren und noch mehr Vorsichtsmaßnahmen zu ergreifen. Er hatte es »frühzeitige Ferien« genannt und sie würden nur ein oder zwei Wochen dauern. Die Schüler mussten sich erholen und wer weiß, wann sie wieder beruhigt und sorglos durch die Gänge der Forest High streifen konnten. So viel war passiert. So viel Blut vergossen. Und niemand, nicht einmal unsere Bodyguards hatten die Schüler retten können. Mir wurde wieder schlecht, als ich daran dachte, warum das alles passiert war: wegen mir. Oder besser gesagt, weil Kera mich brauchte, um sein verdammtes Leben zu verlängern. Die Teenager waren nur getötet worden, um sein Pack an Blutwölfen zu ernähren, und um, unter anderem, herauszufinden, zu was ich fähig war. Nun, ich dürfte eigentlich nichts gegen Blutwölfe sagen … Dank Kera war ich nun selbst einer, aber Tabletten und Training hielten den Drang des Tötens unter Kontrolle. Den schwarzen Katzen sei Dank. Ich glaubte nicht mehr an Gott, warum sollte ich also ihm danken?
Bran war immer noch verschollen und keiner hatte auch nur den geringsten Schimmer, wo er war. Mason, Brans Bodyguard, war zur selben Zeit verschwunden wie er. Mr Harries vermutete, dass beide unter einer Decke steckten.
Kassy war gegen meinen Willen mit zu Mr Harries gegangen, aber sie wollte auf keinen Fall zurück zu ihren Pflegeeltern, also ließ ich sie ziehen, in der Hoffnung, dass sie nicht schwanger zurückkehren würde. Ich kam einfach immer noch nicht damit zurecht, dass sie etwas mir unserem Schulleiter hatte, der dazu auch noch um einiges älter als sie war. Aber Mr Harries hatte ihr nun mal beigestanden, als meine Eltern sie im Stich gelassen hatten, und obwohl es mir mehr als zuwider war (ich meine, alleine die Vorstellung, der Direktor und meine … Schwester … Brrr), war ich ihm auch dankbar. Wer weiß, wie verbittert sie ohne seine Liebe geworden wäre.
Meinen Ex-Freund Conan hatte ich nicht mehr gesehen, seit wir Schluss gemacht hatten. Er hatte mir nie geschrieben oder auch nur gefragt, wie es mir ging. Dabei wäre ich fast gestorben, aber wen juckte es? Ihn offenbar nicht.
Und ich? Ich war nun auf dem Heimweg zu meinen Eltern, mit denen ich ein ernsthaftes Wörtchen reden musste, und hatte nun zwei Bodyguards an meiner Seite. Zero war ernster denn je und Felis ständig damit beschäftigt, eine Lösung gegen unsere Verbindungen zu finden. Ich kam mir vor wie Dick, Doof und Merlin und ich war die Dicke. Außer dass man Felis und Zero auch für ein altes Ehepaar halten könnte, so oft, wie sie sich zankten. Aber keiner der beiden konnte mich verlassen. Ich würde gerne behaupten, dass sie beide so von mir begeistert waren, dass sie beide ständig an meiner Seite waren – wie Jacob und Edward um Bella in Twilight –, aber leider war die Verbindung daran schuld, die entstanden war, als ich ihnen einen Teil meiner Seele gegeben habe, um das Leben der beiden Bodyguards zu retten. Mir war das Ausmaß meiner ungeduldigen Taten vorher noch nicht so klar gewesen wie jetzt. Ohne die Verbindung zu Zero wäre ich vielleicht noch mit Conan zusammen. Wenn es so weiterginge, könnte ich nie wieder von Zero getrennt sein, schließlich war zu ihm die Verbindung am stärksten. Gut, man könnte sagen: »Ignorier es, Ezra.« Aber so leicht war es nicht. Denn diese Visionen von Personen, die starben, hauptsächlich Zero, zerrissen mir das Herz und trieben mich in den Wahnsinn und Zero noch dazu.
Felis hatte mir vor längerer Zeit mal erzählt, dass er einmal so dumm gewesen war und seiner großen Liebe einen Teil seiner Seele gegeben hatte. Denn er war mächtiger, als er aussah, und verfügte über weitaus mehr Fähigkeiten, als ich es jemals tun würde. Auf jeden Fall rettete er seine Geliebte, aber sie konnten nicht mehr so leben wie früher und erst als sie sich das Leben nahm, wanderte seine Seele wieder zu ihm zurück und er war frei. Es hieß, es gäbe keinen Gegenzauber, aber Felis gab die Hoffnung nicht auf.
Cape Elizabeth lag schon lange hinter uns. Das Meer war verschwunden und ich sah nur noch Bäume, Bäume und noch mehr Bäume. Ich öffnete das Fenster und atmete die feuchte Herbstluft ein. Es roch nach Laub und Regen und ich genoss es, solange ich noch konnte.
»Also kommen die Halluzinationen nur, wenn einer von uns weit genug von dir entfernt ist?«, hakte Felis nun schon zum dritten Mal nach.
Ich rollte genervt mit den Augen. »Ja«, erwiderte ich und stützte meinen Kopf auf meine Hand.
»Also, soweit ich weiß, ist das bisher nur in meiner Abwesenheit passiert, also spiel dich ja nicht so auf, Felis«, mischte Zero sich ein, was anscheinend ein missratener Scherz sein sollte.
»Mit Scherzen kommen wir hier auch nicht weiter«, erwiderte Felis nur trocken und ich blickte nach vorne.
Zero äffte ihn kindisch nach, doch Felis’ eisiger Blick nach hinten ließ ihn verstummen und mit hochgezogenen Augenbrauen wieder auf sein Handy starren.
Felis, mein zweiter Bodyguard, studierte Kassys Buch, das sie ihm vor ihrer Abreise geliehen hatte.
»Ich glaube nicht, dass du dadrin irgendeine Lösung findest. So einfach ist das sicher nicht«, sagte ich.
»Shht.«
Hat er mich gerade angeshht?
»Ach, shh dich doch selbst«, murmelte ich. Ich kramte meinen MP3-Player, besser gesagt Zeros MP3-Player, aus meinem Rucksack und stöpselte mir die Kopfhörer in die Ohren. Ich ertrug das ständige Gebrabbel nicht mehr, besonders da wir ganz sicher nicht im Auto einen Meisterplan austüfteln würden.
Mein Lieblingslied, Fuckin’ Perfect, beruhigte mich etwas. Ich hatte Zero vor kurzer Zeit dazu überredet, ein paar meiner Favoriten auf seinen MP3-Player aufzuspielen. Für eine kurze Zeit schwelgte ich in Erinnerungen daran, wie ich noch jünger gewesen war und meine Gleephase durchlebt hatte. Am Ende des Jahres hatte sogar meine Mom mitsingen können.
Ja, meine Eltern waren auch so ein Fall für sich. Ehrlich gesagt hatte ich wenig Lust darauf, nach all dem, was passiert war, mich jetzt auch noch mit ihnen auseinanderzusetzen, aber ich konnte es nicht umgehen.
Sie hatten sich fürchterliche Sorgen gemacht, als ich sie angerufen hatte, und wären am liebsten zum Internat gefahren, um mich persönlich abzuholen. Nur mit Mühe und vielen Versprechen und Versicherungen hatte ich sie davon abhalten können.
Bad decisions / That’s alright / Welcome to my silly life …
Diese Stelle mochte ich immer am meisten. Ich lachte schon fast laut auf darüber, wie gut sie zu meiner aktuellen Situation passte. Meine Eltern hatten mir vor langer Zeit erzählt, dass meine Schwester entführt und vermutlich getötet worden sei. Und all das war eine Lüge gewesen. Kassy war vor Kurzem an meiner Schule aufgetaucht und hatte mir alles erklärt. Meine Eltern hatten sie weggegeben wie ein Stück Vieh, um mich zu schützen. Dennoch könnte ich ihnen das nie verzeihen. Es war sehr unwahrscheinlich, gleich zwei Kinder mit dämonischen Fähigkeiten zu haben, und sie hatten das eine Kind für das andere verstoßen. Sollte man nicht beide gleich lieben? Tja, und da fragt man sich, warum ich zu ihnen zurückgehe. Wäre ich nicht verdammte siebzehn, hätte ich das auch sicher nicht getan.
In meinem Kopf legte ich mir bereits ein Skript zurecht, was ich sagen könnte, aber es war schwieriger, als ich dachte. Ich konnte schließlich schlecht dort ankommen mit den Worten: »Hey, hier bin ich. Ja, ich habe überlebt, aber ich will euch nie wiedersehen, weil ihr mir verheimlicht habt, dass meine Schwester noch lebt. Ich ziehe dann mal mit meinem 25-jährigen Bodyguard zusammen, ciao, ciao.«
Nope, das würde nicht funktionieren.
Ich stieß einen lauten Seufzer aus. Draußen verschwanden die Bäume und wurden zu sich weit erstreckende Felder. Meine Musik wechselte zu etwas Ruhigem und so wechselte auch meine Stimmung. Meine Augenlider wurden schwer und als ich meinen Kopf gegen die Fensterscheibe lehnte, merkte ich, wie erschöpft ich eigentlich war. Schwach hörte ich Felis und Zero diskutieren, aber meine Musik war lauter und ich hörte immer weniger zu. Langsam, aber sicher driftete ich in einen unruhigen Schlaf.
***
Als ich erwachte, waren wir immer noch unterwegs. Doch als ich mich umsah, erkannte ich die kleinen Willkommensschilder von Wolfeboro, der Stadt, in der ich lebte. Sie war nicht sonderlich groß und lag direkt am Lake Winnipesaukee in New Hampshire. Das Navi steuerte uns direkt in meine Straße und innerlich verspürte ich doch ein wenig Vorfreude auf zu Hause, auch wenn die Straßen, die ich früher so gut gekannt hatte, mir plötzlich fremd vorkamen. Der späte Oktoberwind hatte letztendlich alle Blätter von den Bäumen gefegt, die nun unser Haus umrahmten. Es war nicht das größte, aber auch nicht klein. Es hatte sechs Zimmer und einen wundervollen Garten mit meiner heiß geliebten Hollywoodschaukel, in der ich früher so gerne gesessen und gelesen hatte.
Ich erschrak, als mir jemand einen Kopfhörer aus dem Ohr zog und fragte: »Ist es das?«
»Ist das was?« Ich blinzelte verschlafen und rieb mir kurz über die Augen.
»Ist das dein Haus?«, wiederholte Felis.
Ich nickte. »Ja, das ist es.«
Er nickte und stieg aus. Zero tat es ihm gleich und holte meine Tasche aus dem Kofferraum. Sie war ziemlich mickrig. Vielleicht so groß wie eine Handtasche. Aber das meiste hatte ich sowieso zu Hause, in der Tasche befand sich nur mein Zahnputzzeug und unwichtiger Kleinkram.
Nachdem ich die Hoffnung aufgeben hatte, dass einer meiner zwei Bodyguards mir aus dem Auto helfen würde, stieg ich seufzend aus und knallte die Limousinentür zu. Plötzlich öffnete sich unsere Haustür und meine Mutter kam herausgeschossen.
»Ezra! Mein Schatz, wie geht es dir? Geht es dir gut? Alles in Ordnung?« Sie ließ mir nicht mal Zeit zu antworten, sondern umarmte mich stürmisch und drückte mich gegen ihre Schulter.
»Mom … Luft … Bitte«, japste ich und sie ließ mich los.
»Ich habe mir solche Sorgen gemacht. Ich habe gestern mit Mike gesprochen und er hat mir erzählt, was mit deiner Freundin Alena passiert ist und mit Kat! Du meine Güte, ihre armen Eltern!«
Warum bitte hatte meine Mom mit Mr Harries geredet?
Ach ja, ich vergaß! Die sind ja »beste Freunde«.
Meine Mom schien nicht einmal eine Antwort zu erwarten, denn sofort rauschte sie weiter zu Zero. »Zero, mein Engel. Wie geht es Ihnen? Und, oh, Sie müssen Felis sein, nicht wahr? Ich bin Ezras Mom.«
Endlich trat sie einen Schritt zurück und betrachtete uns drei für einen kurzen Moment lächelnd. »Okay, dann kommt erst mal rein«, sagte sie schließlich und schob uns alle vor sich her ins Haus.
»Mom, ich muss mir dir und Dad übrigens über etwas Wichtiges reden«, fing ich an, während sie die Tür schloss und mich der vertraute Duft meines Heims umhüllte. Anscheinend hatte meine Mom auch diesmal eine ihrer Eisenkrauträucherkerzen an. Vor lauter Gerede hatte ich völlig meine Standpauke vergessen, die ich vorbereitet hatte.
Doch meine Mutter zog mich nur unbeirrt weiter Richtung Wohnzimmer. »Das kann warten, Ezra. Ich möchte dir jemanden vorstellen. Du erinnerst dich bestimmt noch an ihn.«
Verdattert blieb ich im Türrahmen stehen und starrte ins Zimmer. Vor mir saß ein Junge oder sollte ich besser »junger Mann« sagen? (Er war ungefähr in meinem Alter.) Er unterhielt sich gerade energisch mit meinem Vater, der wild mit seinen Händen gestikulierte. Doch als er uns bemerkte, breitete sich ein strahlendes Lächeln über seinem Gesicht aus und er stand auf, um mit offenen Armen auf mich zuzugehen.
»Ezra! Wie geht es dir?«
»Mir geht es gut, Dad. Danke.«
Wenigstens einer, den es interessierte.
»Darf ich dir diesen jungen Mann hier vorstellen?«
Oder auch nicht. Scherte sich eigentlich irgendeins meiner Elternteile wirklich um mich?
»Das ist Eamonn. Mikes Sohn.«
Mir fiel die Kinnlade bis zum Boden und alles, was ich zuvor gedacht hatte, war vergessen. Mr Harries hat einen Sohn?!
Ich starrte Eamonn an. Mr Harries hatte einen Sohn? Er muss ziemlich jung gewesen sein, als er ihn bekommen hatte, schließlich war der Junge vor mir ungefähr in meinem Alter.
»Und? Erinnerst du dich noch an ihn?«, fragte mein Dad vergnügt und Eamonn erhob sich.
»Nicht im Geringsten”, erwiderte ich heiser.
Ich glaub, mir wird schlecht.
Mr Harries hatte einen Sohn in meinem Alter und dem seiner Freundin. Eamonn reichte mir die Hand und ich ergriff sie zögernd.
»Das ist nicht schlimm. Freut mich, dich noch einmal kennenzulernen«, lächelte er und zeigte seine weißen Zähne. Und plötzlich war ich mir sicher: Er war einer von uns.
»Komm schon, Ezra. Er war früher, als du klein warst, dein bester Freund«, protestierte mein Vater.
Doch meine Mutter funkte dazwischen. »Es ist genug, Elias. Lass sie doch erst einmal ankommen. Mike wird später auch noch kommen und wir haben vor zusammen zu Abend zu essen. Er sagte, er würde eine Begleitung mitbringen. Vielleicht ist es ja seine neue Freundin.« Sie strahlte wie ein Honigkuchenpferd.
Und ich hätte mich am liebsten in den Müllereimer rechts neben mir übergeben. Ich wusste, wen er mitbringen würde. Und er meinte es ernst: Er wollte es aus der Welt schaffen. Er wollte meine Eltern mit ihrer Tochter konfrontieren und sie als seine Partnerin vorstellen. Ich wusste nicht, ob ich es schaffen würde, das hier anzusprechen, insbesondere vor Eamonn. Ich kannte ihn nicht. Ich hatte keinerlei Erinnerungen an ihn. Und wir sollen mal beste Freunde gewesen sein?
Ich warf Zero einen vielsagenden Blick zu und er nickte ernst in die Richtung meiner Eltern. Er hatte recht. Ich musste es tun. Jetzt gleich. Ich holte einmal tief Luft und sagte schließlich: »Mom, Dad. Ich muss mit euch reden.«
Beide drehten sich um, als sie gerade in der Küche verschwinden wollten.
»Lass uns das später machen, okay, Engelchen? Mike wird sicher gleich kommen.«
Wut stieg in mir auf.
Hört mir doch einmal zu! Einmal!
Ich hatte eigentlich vorgehabt sie zu schützen. Dieses ganze Schwesternthema nicht vor Eamonn und Zero anzusprechen und sie nicht in einem schlechten Licht dastehen zu lassen, aber sie ließen mir keine Wahl.
»Ich weiß von meiner Schwester und ich kann es nicht fassen, dass ihr es mir so lange verheimlicht habt«, stieß ich mit einem Mal aus.
Meine Eltern verharrten und ich merkte, wie Eamonns Kopf nach oben schoss. Meine Wangen wurden heiß und ich wäre am liebsten zurück zum Auto gerannt und hätte den Fahrer gezwungen mich zurückzufahren.
»Deine … deine Schwester?«, wiederholte meine Mom heiser und sie wurde blass.
»Wollt ihr es immer noch vor allen besprechen?«, fragte ich trocken.
Ohne ein weiteres Wort verschwand meine Mutter in der Küche. Ich und Dad folgten ihr. Langsam ließ sie sich auf einen der Holzstühle sinken, die Hände in ihrem Schoß. Ihre Unterlippe zitterte bedrohlich.
»Wir mussten es tun«, wimmerte sie schließlich.
»Eure Tochter weggeben?«, rief ich aufgebracht.
»Sie war eine Gefahr, Ezra.« Meine Mom sah mich mit gläsernen Augen an.
Als ob ihr Hundewelpenblick diesmal irgendetwas bewirken könnte. Das tat meine Mom immer, wenn sie merkte, dass ich wütend auf sie war, und normalweise funktionierte es auch, aber diesmal nicht.
»Sie ist genauso ein Dämon wie ich!«
»Es war nicht nur das«, mischte mein Dad sich plötzlich ein und stellte sich hinter meine Mom, eine Hand auf ihrer Schulter. »Sie hatte böses Blut in sich.«
»Böses Blut?«
»Ich habe gesehen, dass sie von Dunkelheit umhüllt sein wird«, flüsterte meine Mom und ihre Augen starrten ins Leere.
»Wie konntest du das bitte sehen?«
»Das spielt jetzt keine Rolle. Sie war gefährlich und wir wollte dich nur beschützen. Wir wollten unsere Familie beschützen. Wir dachten, wenn sie weit weg von alldem aufwächst, wenn sie nie erfährt, was sie ist, kann nichts passieren«, erklärte mein Vater.
»Bereut ihr es?« Meine Stimme war fest und ich musste mich stark bemühen nicht völlig an die Decke zu gehen.
»Jeden Tag«, sagte meine Mom leise.
»Warum habt ihr sie nie zurückgeholt?«
»Wir wollten sie nicht einfach aus ihrem Leben reißen. Was hätten wir denn sagen sollen? Hätte sie uns jemals verziehen? Wir wussten, dass unsere Aktion … unzumutbar gewesen ist, aber ich wusste nicht, wie ich Kassy und diese Familie hätte schützen sollen.« Meine Mutter fing an zu weinen und vergrub ihr Gesicht in ihren Händen. Aber ich konnte einfach kein Mitleid empfinden.
»Sie weiß es«, sagte ich schließlich leise. »Sie hat es mir selbst gesagt. Und sie kann es nicht begreifen.«
»Wie, sie hat es dir selbst gesagt?«, fragte meine Mutter und ihre Augen wurden groß vor Schock.
»Sie ist an meiner Schule aufgetaucht«, erklärte ich und versuchte angestrengt die Contenance zu wahren. »Sie wusste, dass ich ihre Schwester bin, und wollte mich kennenlernen, mir zeigen, dass sie noch lebt. Sie kann selbst nicht verstehen, wie ihr zu so etwas Grausamen imstande wart.«
»Ich wünschte, ich könnte es ihr erklären.« Meine Mutter schluchzte kurz nach diesem Satz.
Ich lächelte kalt. »Glaub mir, Mom, das wirst du.«
Mit diesen Worten verließ ich den Raum und stürmte raus in den Garten. Ich brauchte einfach ein paar Minuten für mich. Auf meiner Unterlippe kauend setzte ich mich auf eine Bank, winkelte meine Knie an und legte meinen Kopf auf ihnen ab. Für meine Verhältnisse war ich sogar recht sachlich geblieben. Ich selbst wusste nicht, wie ich besser mit der Situation hätte umgehen können. Sie waren immer noch meine Eltern, auch wenn ich das mit Kassy wohl nie verstehen würde. Mom wusste noch nicht einmal, dass sie mittlerweile Kassy hieß. Als ich den Kies knirschen hörte, sah ich auf.
»Alles okay?«, fragte Eamonn und setzte sich neben mich.
»Tut mir leid, ich bin nicht in Plauschlaune«, gab ich matt zurück und beobachtete die Bäume, die unsere große Wiese umrahmten. Ich hatte unseren Garten schon immer geliebt. Es gab einen Teich mit ein paar Kois darin, die ich früher immer versucht hatte zu fangen, drum herum ein paar Bänke, unter anderem auch die, auf der ich gerade saß, ein kleines Gartenhäuschen, einen Haufen Bäume und natürlich meine geliebte Hollywoodschaukel.
»Ich weiß, du traust mir nicht, aber ich weiß, was hier vor sich geht«, sagte Eamonn plötzlich.
Ich sah ihn an. »Ach ja, tust du das?«
»Dein Vater hat nicht gelogen. Und du bedeutest mir immer noch sehr viel.«
Ich rollte mit den Augen. Könnte dieser Kerl bitte mal aufhören andauernd mit seiner Freundschaftsmasche zu kommen?
»Dem traue ich genauso wenig wie dir.«
Eamonn seufzte und legte seine Hand auf meine Stirn. Erschrocken fuhr ich zurück. »Was zum Herkules machst du da?«
»Halt die Klappe, ich will dir was zeigen!«
Noch einmal spürte ich seine Handfläche auf meiner Haut, aber diesmal ließ ich ihn. Zu wissen, dass er auch schlagfertig sein konnte, besänftige mich ironischerweise ein wenig.
Von einer Sekunde auf die andere verblasste alles. Die grünen Grashalme flogen mitsamt den bunt gefärbten Blättern Richtung Himmel und lösten sich auf ihrem Weg in tausend kleine Funken auf. Das Wasser im Brunnen gefror zu Eis und zerbrach in kleine Stücke, bevor es sich in Luft verwandelte. Ähnliches passierte mit dem Rest, bis meine ganze kleine Welt in Partikel aufgelöst um mich schwebte. Es war, als säßen Eamonn und ich im Nichts. Ich streckte meine Hand nach den kleinen fliegenden Stücken aus, aber meine Hand glitt einfach durch sie hindurch. Ich spürte auch nicht mehr den Wind oder die schwachen Sonnenstrahlen, die die Jahreszeit mit sich brachte, auf meiner Haut. Plötzlich formten sich aus den winzigen Teilchen neue Gegenstände. Eine Couch, ein Tisch, Wände, Bilder, Teppiche, und auf einmal saßen wir beide auf unserem alten Sofa im Haus. Erstaunt sah ich mich um. Unser Wohnzimmer sah anders aus. Viel älter, so wie damals, als ich noch klein war.
Ich hörte matte Stimmen. Wie ein Echo drangen sie durch die Tür, die wenige Sekunden später aufflog. Ein paar Personen traten ein und ich hielt die Luft an, als ich erkannte, wer es war.
Es waren meine Eltern. Sie sahen fast genauso aus wie jetzt, nur dass meinem Dad seine sonst graue Strähne hinter dem rechten Ohr fehlte. Die graue Strähne, über die er sich immer aufregte, obwohl er sich wirklich nicht zu beschweren hatte, denn er wirkte, genauso wie meine Mom, erstaunlich jung für sein Alter. Man könnte sie auf Anfang dreißig schätzen anstatt auf Ende vierzig und das sollte etwas heißen.
Mein Vater und meine Mutter unterhielten sich lachend und setzten sich ganz nah neben mich und Eamonn auf das Sofa. Sie schienen uns nicht zu bemerken, aber ich konnte den Windzug spüren, als Dad sich neben mir fallen ließ, und sogar sein Aftershave riechen, woran ich ihn sogar blind erkannt hätte. Plötzlich kamen zwei kleinere Mädchen aus dem Flur geschossen. Das eine mit feuerrotem Haar und das andere mit sehr dunklem braunen.
»Kathy, gib mir Emma zurück!«, schrie das braunhaarige Mädchen und ich schluckte.
Das bin ich. Und Kassy.
»Was ist das hier?«, zischte ich zu Eamonn, aber der beobachtete nur die Szene.
»Warte ab.«
»Lass mich! Ich möchte jetzt auch mal mit deiner Puppe spielen!«, antwortete Kassy energisch und drückte die Puppe an sich. Sie hatten sie also noch nicht weggegeben und schienen auch noch nicht zu wissen, was wir waren.
Ein Klingeln unterbrach sie und ließ beide aufhorchen.
»Das müssen Mike und Niamh sein. Ezra, öffne doch bitte die Tür. Eamonn ist sicher auch mitgekommen«, bat meine Mom sanft.
Meine kleinen Kinderaugen begannen zu strahlen. »O ja! Ich liebe Eamonn!«
Mein Vater lachte. »Das weiß ich doch und jetzt geh, sonst denken sie noch, wir sind nicht da.«
Schnell flitze mein kleines Ich zur Tür, dicht gefolgt von meiner Schwester.
»Ich will die Tür auch aufmachen! Ich liebe Eamonn auch!«, rief sie im Rennen und meine Eltern warfen sich nur einen amüsierten Blick zu. Bevor wir aus dem Blickfeld verschwanden, versuchte Kassy mir ein Bein zu stellen und mich zu Fall zu bringen, jedoch war ich schneller.
Man hörte das Quietschen der Tür, dann Stimmen. Kurze Zeit später tauchten Kassy und ich wieder auf, gefolgt von drei weiteren Personen. Eine davon war Mike. Auch er sah unverändert aus. Er hatte seinen Arm um eine junge Frau gelegt, die ein warmes Lächeln auf den Lippen hatte. Ihre langen blonden Haare waren elegant hochgesteckt und ihr dezentes Make-up betonten ihre strahlend blauen Augen.
Mein kleines Ich zerrte einen Jungen hinter den Beinen der Frau hervor. Seine Haare waren schwarz wie die Nacht, aber seine Augen leuchteten wie Edelsteine.
»Mommy, du hattest recht! Tante Niamh und Onkel Mike haben Eamonn mitgebracht!«
Urg. Ich hatte Mike Onkel genannt? Wir waren nicht einmal verwandt.
»Kriegt dein Patenonkel keine Umarmung?«, fragte Mike lächelnd und ging in die Knie. Lachend sprang ich ihm um den Hals und er legte seine starken Arme um meinen kleinen Körper.
Ich runzelte die Stirn. Mike war mein Patenonkel? Warum konnte ich mich an all das nicht mehr erinnern? Ich war schon mindestens fünf, also warum wusste ich nichts mehr davon?
»Willst du mit mir draußen spielen?«, fragte mein kleines Ich den jungen Eamonn. Er nickte schüchtern und folgte mir nach draußen. »Ich habe einen Sandkasten bekommen, dadrin können wir eine neue Burg bauen. Ich bin die Prinzessin und du der Prinz, okay?«, erklärte ich beim Laufen.
»Ich mag aber kein Prinz sein. Ich will lieber einen Ritter spielen«, erwiderte Eamonn mit piepsiger Stimme und ich sah mich mit den Augen rollen.
»Okay, aber dann musst du mich retten. Kathy, du kannst die böse Hexe spielen!«
Meine kleine Schwester zog einen Schmollmund und stampfte mit gekreuzten Armen hinter uns her. »Ich will aber keine böse Hexe sein! Ich bin auch eine Prinzessin! Eine viel bessere als du!«, protestierte sie, als wir schon beinahe außer Hörweite waren.
»Entweder du bist die Hexe oder du darfst gar nicht mitspielen!«, hörte ich mich noch sagen.
Dann waren unsere Stimmen verklungen. Unsere Eltern unterhielten sich nur angeregt. Meine Mutter schenkte Kaffee und Tee aus und stellte ein paar Plätzchen auf den Tisch. Ob sie da schon wussten, dass Mike ein Dämon war?
Plötzlich kamen die Funken zurück. Alles begann sich aufzulösen und in hellen Wirbeln in die Luft aufzusteigen. Ich sah zu Eamonn, der eine Hand auf meine gelegt hatte und mich ansah. Als ich meinen Mund aufmachte, um etwas zu sagen, legte er sich nur seinen Zeigefinger an die Lippen.
Ich nutzte die Zeit des Wartens und betrachtete Eamonn genauer. Seine dunklen Haare waren gezielt nach oben gegelt, wirkten aber trotzdem wild und frech. Er hatte schöne, geschwungene Lippen und ein breites Kinn, das aber unauffällig in den Rest des Gesichts überging. Seine Wangenknochen waren detailliert und ließen sein Gesicht schmal und elegant wirken. Auf den ersten Blick war er wie jeder von uns. Was mich so faszinierte, dass ich mich kaum von ihm abwenden konnte, waren seine Augen. Blaues, tosendes Meer traf auf eine grüne Wiese an einem warmen Sommernachmittag. Ich wurde aus meinen Gedanken gerissen, als ich merkte, wie Eamonn meine Hand losließ. Es dauerte eine Weile, bis sich die winzigen Partikel wieder zu meinem Garten zusammensetzten und wir uns auf der Bank am Brunnen befanden.
»Was war das?«, meinte ich verblüfft, als ich mich wieder traute zu sprechen.
»Das waren Erinnerungen«, erklärte er mir ruhig.
»Erinnerungen? An uns?«
Er nickte.
»War das deine Mom?« Er wusste sofort, wen ich meinte, und nickte abermals. »Was … was ist passiert?«, hakte ich vorsichtig nach, aber er drehte sich weg und tat so, als studiere er die Bäume. »Ich verstehe«, murmelte ich. »Tut mir leid.«
»Nicht deine Schuld.« Seine Augen richteten sich wieder auf mich und er lächelte schwach.
»Nur sag mir eins: Warum kann ich mich an all das nicht mehr erinnern? Ich wusste nicht einmal, dass ich dich kenne oder dass meine Schwester es tut oder dass Mike mein Patenonkel ist.« Mein Kopf platze beinahe vor Fragen, die sich nur durch diese eine Erinnerung aufgebaut hatten.
Eamonn seufzte und antwortete schließlich: »Das ist eine lange Geschichte. Aber ich glaube nicht, dass mir das Recht zusteht, sie dir zu erzählen.«
Eamonn und ich saßen immer noch auf der Bank im Garten und starrten vor uns hin.
»Wie kommt es, dass du so viel weißt und ich nicht?«, sagte ich eher zu mir selbst als zu ihm. »Ich merke gerade, dass ich mich fast gar nicht mehr an meine Kindheit erinnere.«
Vielleicht an ein paar Fetzen. Und an meine dunklen Zeiten, beziehungsweise die Zeit, in der ich anfing die Welt nicht mehr zu verstehen. Das war vorbei. Ich war nun stärker und erwachsener. In mancher Hinsicht.
Ich seufzte tief. Langsam wurde mir alles bewusst. Alles, was in den letzten Monaten passiert war. Dass ich eine meiner besten Freundinnen verloren hatte. Dass sie sich gegen mich gestellt hatte, aber auf der anderen Seite keine Wahl gehabt hatte, und dass sie sich umgebracht hatte und einen Haufen Fragen hinterlassen hatte.
Was bedeuteten diese Zahlen?
Was hatte Kera gegen sie in der Hand gehabt?
Wo waren Bran und sein Bodyguard?
Und vor allem, was meinte sie mit den Nachrichten? Warum hatte sie sie geschrieben?
Ich konnte mich noch zu deutlich an die Einritzungen erinnern: »IALK« und »Na, Angst gehabt? Entscheide dich lieber«.
Das waren die Worte, die sie in die Haut der Toten eingeritzt hatte, und sie waren ganz klar an mich gerichtet gewesen. Der tote Junge hatte ausgehen wie Conan. Wir hatten sogar erst gedacht, dass er es wirklich war. Außerdem hatte Kat gewusst, dass ich ein Gespür dafür hatte, Tote zu finden. Es musste also an mich adressiert gewesen sein.
»Alles okay?«, fragte Eamonn plötzlich und legte eine Hand auf meine Schulter.
Ich rückte ein Stück zur Seite. »Ähm …«, stotterte ich. »Könntest du mich bitte für einen Moment allein lassen? Ich brauche etwas Zeit …«
Sofort erhob er sich. »Natürlich. Ich hoffe, ich hab dich nicht zu sehr verwirrt.«
»Nein«, erwiderte ich leise, doch bevor Eamonn sich völlig von mir abwandte, fügte ich noch hinzu: »Und, Eamonn …«
Er drehte sich zu mir.
»Versprich mir, dass du mir bald alles erzählst, was du weißt.« Ich sah ihn nicht an. Ich wusste nicht warum, aber ich war wie erstarrt.
»Ich weiß nicht, ob das so gut wäre. Ich meine, es ist …«
»Versprich es mir!« Ich sah ihn an und er musste meinen flehenden Blick bemerken, denn er nickte nur und ging.
Sowie er außer Sichtweite war, ließ ich meinen Kopf in meine Hände sinken.
Was wohl die anderen Erinnerungen beinhalteten? Es musste doch weitere geben. Das würde auch erklären, warum ich mich kaum noch an die Zeiten erinnerte, in denen Kassy noch Teil meines Lebens gewesen war. Was wussten wohl meine Eltern darüber? Etwas musste passiert sein, wenn ich mich kaum noch daran erinnern konnte.
Eine Hand auf meinem Haar ließ mich hochschrecken. Ich hatte gar keine Schritte gehört.
»Schatz, ist alles in Ordnung? Komm doch wieder ins Haus, Mike kommt gleich.«
»Fass mich nicht an«, zischte ich. Meine Mutter setzte sich neben mich.
»Hör mir zu, es tut mir alles so leid. Ich weiß, dass ich das nicht mehr gutmachen kann, aber ich werde es versuchen. Ich liebe dich über alles und gerade weil ich dich liebe, mussten wir das tun. Es hatte seine Gründe.«
»Was für Gründe außer eure selbstsüchtigen Gedanken hattet ihr denn, hm?«, rief ich und sprang förmlich auf. Ich wollte mich zurückhalten, wirklich. Aber die Weise, in der meine Mom das abstempelte, als würde sie mir erklären, warum sie mir keinen Hund hatte kaufen können, als ich klein war, brachte mich zur Weißglut.
Meine Mutter schreckte zurück und sah mich mit großen Augen an. »Es ist zu schwer zu erklären, aber bald wirst du es verstehen.«
»Nein! Ich will es jetzt verstehen und es kann nicht alles so schwer zu erklären sein! Warum habt ihr alle Geheimnisse vor mir? Warum erinnere ich mich an so vieles nicht? Ich glaube langsam nicht mehr daran, dass es daran liegt, dass ich vergesslich bin! Weißt du, was ich in den letzten Wochen durchgemacht habe? Nein! Du kannst es nicht wissen! Du hast nicht einmal mit mir gesprochen in letzter Zeit! Einmal seid ihr vorbeigekommen, einmal! Und wenn du dich mal dazu durchgerungen hast, dich bei Zero zu melden, warst du so oberflächlich, dass ich dir gar nichts erzählen wollte!«
Ich wusste, dass meine Vorwürfe eigentlich unfair waren, da ich ja auch selbst keinen Kontakt zu meinen Eltern gewollt hatte, aber in diesem Moment musste alles raus, was sich in den letzten Tagen aufgestaut hatte. Deswegen machte ich weiter.
»Meine Freunde sind gestorben! Meine beste Freundin ist die Mörderin und hat sich umgebracht. Wusstest du, dass ich alle Leichen finden musste? Wusstest du, dass die halbe Schule dachte, dass ich die Mörderin bin? Wusstest du, dass ich meinen Bodyguard verblutet in seinem Zimmer gefunden habe und die kleine Tochter meines Trainers? Sie war gerade erst sieben und so süß und ich musste sie tot sehen. Ich musste zusehen, wie mein Trainer über ihrer Leiche kauert und weint und mich schließlich mit seinem Killerblick ohnmächtig schlägt. Mein Freund hat mit mir Schluss gemacht, weil ich Visionen habe, und ich muss diese gottverdammten Tabletten nehmen, damit ich nicht jeden verfluchten Menschen angreife, weil Kera mich zu einem Blutwolf gemacht hat.«
Erst jetzt merkte ich, dass ich weinte. »Wusstest du das, Mom?«, schluchzte ich. »Ich bin ein Blutwolf! Ich bin verflucht für den Rest meines Lebens!« Mit zitternden Händen sank ich auf den Boden. »Ich hatte erwartet, dass du mich anrufst und fragst, wie es mir geht. Wie mein Tag war. Was ich gemacht habe und wen ich kennengelernt habe. Wie ich mich in der Schule mache oder ob ich das Essen hier mag, keine Ahnung. Aber ich muss ja erst entführt und beinahe getötet werden, damit du dir Sorgen machst. Und stattdessen erfahre ich, dass ihr meine Schwester weggebracht habt, um mich zu schützen. Warum, wenn euch doch eure Arbeit wichtiger ist, als ich es bin? Was ist mit uns passiert, Mom? Du warst einmal das, was mich am Leben hielt, und jetzt bist du diejenige, die das Messer in meinem Rücken noch einmal dreht. Wolltet ihr mich einfach nur loswerden?«
Erschöpft von meiner Predigt holte ich mehrmals Luft, was aber nur in weiteren verzweifelten Schluchzern endete.
»Ezra, ich bin immer noch für dich da«, sagte meine Mom sanft und setzte sich neben mich.
»Wo warst du dann, als ich dich gebraucht habe?«
»Ich konnte es doch nicht wissen.«
»Hättest du mich angerufen, statt nur Zero zu fragen, wie es mir geht, hättest du es gewusst.«
»Es tut mir so leid. Ich liebe dich doch über alles. Ich werde mich bessern.«
Verbittert stand ich auf, als plötzlich die Klingel ertönte.
»Du kannst gleich damit anfangen!«, zischte ich und ballte meine Hände zu Fäusten.
»Wie meinst du das?«
Ich nickte in Richtung Haus. »Los, geh und öffne die Tür für deine Tochter!«
***
Die Musik dröhnte aus meinen Kopfhörern, während ich, meine Beine umschlungen, aus dem Fenster in den Regen starrte. Meine Tür ging auf, wahrscheinlich hatte ich das Klopfen überhört, und meine Mom setzte sich neben mich aufs Bett. Ich sah sie an und als sie in mein verweintes Gesicht blickte, meinte ich eine Träne in ihrem Augenwinkel zu erkennen. Ich zog mir einen Kopfhörer raus und reichte ihn ihr. Ohne ein Wort steckte sie ihn in ihr Ohr.
»Was ist los, mein Engel?«, fragte sie leise, legte ihre Arme um mich und beobachte mit mir, wie die Tropfen auf die dunkle Straße prasselten. Die Straßenlaternen waren bereits an und es wurde schon dunkel, dabei war es gerade mal früher Abend.
»Ich weiß es nicht«, flüsterte ich.
»Fühlst du dich nicht gut?« Sie strich langsam über mein Haar, eine Geste, die sie fast immer ausführte.
»Ich fühle gar nichts.«
»Ach, Ezra.« Sie drehte mich zu sich um und drückte mich fest an sich. »Es muss doch einen Grund geben, warum du so traurig bist.«
Ich schüttelte den Kopf.
»Ich habe keine Ahnung, warum ich traurig bin. Ich weiß vielleicht einfach nicht mehr, wie man glücklich ist. Ich fühle mich einfach so … leer.«
Eine Träne kullerte über meine Wange und landete auf ihrem Pullover. Ihrem Lieblingspullover, den sie mir manchmal gab, wenn ich besonders fertig war. Ihr Geruch beruhigte mich.
»Wie wär’s, wenn wir einen Film zusammen schauen? Und ich mach uns Popcorn«, schlug sie sanft vor. »Du darfst auch den Film aussuchen und ich mach dir Kakao, wie klingt das?«
»Gut«, stimmte ich leise zu und sie stand auf.
»Okay, dann komm.«
Ich wickelte mich in meine Decke ein, umklammerte mein Kissen und folgte ihr die Treppe hinab ins Wohnzimmer. Während ich mich auf dem Sofa breitmachte, machte meine Mom den Kakao und das Popcorn. Kurze Zeit später setzte sie sich neben mich, stellte alles auf dem Couchtisch ab und ich legte mich in ihren Arm.
»Weiß du, wie sehr ich dich liebe?«, fragte sie und ich musste automatisch lächeln. Man könnte meinen, ich wäre etwas zu alt mit meinen vierzehn Jahren für so einen Kram, aber das war unser Ding, das wir taten, seit ich klein war.
»Bis zum Mond und zurück«, erwiderte ich und lächelte sie an.
Sie nickte und gab mir einen Kuss auf die Stirn. Das war meine Mom, wie ich sie kannte. Und das war, wie ich war. Ich war zwar ein Dämon, doch trotz allem war ich auch ein Teenager, der Filme zu ernst nahm und Schule zu locker und ab und zu seine Mutter brauchte, die ihr sagte, dass alles gut wird.
Ja, Mom, was war nur aus uns geworden?
Meine Mutter starrte mich nur entsetzt an. »Bitte was?«, stotterte sie.
»Du hast mich schon verstanden. Kassy ist hier. Soll ich ihr die Tür öffnen oder willst du es tun?«
Ohne ein weiteres Wort stürmte sie ins Haus, ich ihr dicht auf den Fersen.
Zero, Felis und Eamonn unterbrachen verwirrt ihre Unterhaltung, als sie meine Mutter und mich durchs Wohnzimmer rennen sahen. Sie riss die Tür auf und erstarrte. Mike stand in der Tür, ein zaghaftes Lächeln auf den Lippen. Wie fast immer trug er ein schwarzes Hemd mit einer dunklen Jeans, sodass seine blauen Augen hervorstachen. Er hatte eine Hand auf Kassys Schulter gelegt, aber es sah eher aus, als wolle er eine neue Schülerin vorstellen als seine Geliebte, und ich glaubte nun auch nicht mehr, dass er das vorhatte. Kassy hatte ihre roten Haare zu einem hohen Zopf gebunden. Ihre grünen Augen waren rotgerändert und leuchteten vom Weinen. Ihre Lippe zitterte und ich sah, dass ihre Hände zu Fäusten geballt waren. Meine Mom ließ die Hand von der Tür sinken und blieb weiterhin reglos stehen.
»Mom«, flüsterte ich und stupste sie leicht in die Seite. Dann brach sie in Tränen aus. »Kathy!«, schluchzte sie und zog ihre Tochter in ihre Arme. »Es tut mir so leid!«
Doch Kassy riss sich los und stellte sich wieder sicher neben Mike.
»Mein Name ist Kassy und nichts tut dir leid!« Sie wandte sich an Mr Harries und zischte: »Ich fass’ es nicht, dass du mich hierhergebracht hast!« Dann machte sie auf dem Absatz kehrt und eilte davon, dicht gefolgt von Mike.
Als ich zu meiner Mutter sah, hatte sie eine Hand vor ihren Mund gepresst und schluchzte leise vor sich hin.
Dad erschien hinter ihr, legte seine Hände auf ihre Schultern und sah mich fragend an.
»Eure Tochter ist zurück und sie kann es nicht ertragen, mit eurer Selbstsüchtigkeit konfrontiert zu werden«, erklärte ich kalt und nickte in Richtung Mom.
Ich beschloss meiner Schwester zu folgen, um zu sehen, ob alles in Ordnung war. Schnell lief ich die Straße entlang und hörte ihre Stimme schließlich hinter einer Ecke.
»… konntest du mich hierherbringen, ohne mir zu sagen, dass wir zu denen gehen! Und das alles, damit du dich besser fühlst?«, hörte ich sie schluchzen.
»Kassy, ich tue das für dich. Jahrelang hast du darunter gelitten, du bist extra an meine Schule gekommen, um sie zu sehen …«
»Nein, ich bin gekommen, um meine Schwester zu finden. Dass ich meine Eltern treffen würde, kam unerwartet.«
»Gib ihnen eine Chance, sie haben sicher eine Erklärung«, versuchte Mike sie zu besänftigen.
Ich blieb, wo ich war. Es war falsch zu lauschen, aber ich wollte nicht einfach in die Unterhaltung platzen. Trotzdem wollte ich auch nicht zurück.
»Wie kann man dafür eine Erklärung haben?«, fragte sie fassungslos.
»Ich weiß, dass sie eine haben. Vertrau mir, ich werde immer bei dir sein! Ich verspreche es.«
»Ich … ich kann nicht.«
»Doch, du kannst. Du kannst alles, Kassy!« Eine kurze Pause.
»Okay. Ich tue es für dich.«
Die Stimmen verklangen und ich beschloss, dass dies ein guter Zeitpunkt war, um zu ihnen zu gehen. Als ich um die Ecke lugte, stand Kassy gegen den Zaun gelehnt in Mr Harries Armen. Eine Hand war um ihre Hüfte geschlungen und mit der anderen wischte er ihre Tränen weg, während er sie sanft küsste.
Ich räusperte mich und beide sprangen auseinander.
»Tut mir leid«, sagte ich etwas zu hoch und räusperte mich noch einmal. »Ich wollte nur sehen, ob alles in Ordnung ist.«
Kassy lächelte schwach und umarmte mich. »Ich denke schon«, wisperte sie leise an meinem Ohr und ließ mich los.
»Wollen wir zurückgehen?«
Sie nickte, nahm Mikes Hand und folgte mir bis vor unseren Garten. Bevor wir das Grundstück betraten, ließ Mike jedoch ihre Hand los und trat einen Schritt hinter uns. Kurz blickte Kassy ihn verwirrt an, aber dann realisierte sie, dass sie nicht als Paar gesehen werden sollten, und folgte mir ins Haus.
Zusammen betraten wir das Wohnzimmer und meine Eltern sprangen sofort vom Sofa auf.
»Kassy! Wir würden es dir gerne erklären«, rief meine Mom und Kassy nickte nur. Meine Mom lächelte erleichtert und wir folgten ihr in die Küche. Doch bevor ich hinter uns die Tür schließen konnte, meinte mein Dad: »Ezra, kannst du dich bitte um die anderen kümmern? Wir würden das gern alleine mit deiner Schwester bereden.«
»Aber das hier betrifft mich auch!«
Er schüttelte den Kopf. »Nein, tut es nicht.« Dann schob er mich aus dem Zimmer und schloss die Tür.