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Jules Verne

Reise zum Mittelpunkt der Erde

Jules Verne

Reise zum Mittelpunkt der Erde

(Voyage au centre de la terre)
Veröffentlicht im Null Papier Verlag, 2020
Übersetzung: Jürgen Schulze, Unbekannt
Illustrationen: Edouard Riou
EV: A. Hartleben, Pest, Leipzig, 1874
1. Auflage, ISBN 978-3-962817-81-7

null-papier.de/696

null-papier.de/katalog

Inhaltsverzeichnis

Ju­les Ver­ne – Le­ben und Werk

Ers­tes Ka­pi­tel

Zwei­tes Ka­pi­tel

Drit­tes Ka­pi­tel

Vier­tes Ka­pi­tel

Fünf­tes Ka­pi­tel

Sechs­tes Ka­pi­tel

Sieb­tes Ka­pi­tel

Ach­tes Ka­pi­tel

Neun­tes Ka­pi­tel

Zehn­tes Ka­pi­tel

Elf­tes Ka­pi­tel

Zwölf­tes Ka­pi­tel

Drei­zehn­tes Ka­pi­tel

Vier­zehn­tes Ka­pi­tel

Fünf­zehn­tes Ka­pi­tel

Sech­zehn­tes Ka­pi­tel

Sieb­zehn­tes Ka­pi­tel

Acht­zehn­tes Ka­pi­tel

Neun­zehn­tes Ka­pi­tel

Zwan­zigs­tes Ka­pi­tel

Ein­und­zwan­zigs­tes Ka­pi­tel

Zwei­und­zwan­zigs­tes Ka­pi­tel

Drei­und­zwan­zigs­tes Ka­pi­tel

Vier­und­zwan­zigs­tes Ka­pi­tel

Fün­f­und­zwan­zigs­tes Ka­pi­tel

Sechs­und­zwan­zigs­tes Ka­pi­tel

Sie­ben­und­zwan­zigs­tes Ka­pi­tel

Acht­und­zwan­zigs­tes Ka­pi­tel

Neun­und­zwan­zigs­tes Ka­pi­tel

Drei­ßigs­tes Ka­pi­tel

Ein­und­drei­ßigs­tes Ka­pi­tel

Zwei­und­drei­ßigs­tes Ka­pi­tel

Drei­und­drei­ßigs­tes Ka­pi­tel

Vierund­drei­ßigs­tes Ka­pi­tel

Fün­fund­drei­ßigs­tes Ka­pi­tel

Sechs­und­drei­ßigs­tes Ka­pi­tel

Sie­ben­und­drei­ßigs­tes Ka­pi­tel

Achtund­drei­ßigs­tes Ka­pi­tel

Neun­und­drei­ßigs­tes Ka­pi­tel

Vier­zigs­tes Ka­pi­tel

Ein­und­vier­zigs­tes Ka­pi­tel

Zwei­und­vier­zigs­tes Ka­pi­tel

Drei­und­vier­zigs­tes Ka­pi­tel

Vierund­vier­zigs­tes Ka­pi­tel

Fün­fund­vier­zigs­tes Ka­pi­tel

Ein Nach­wort

Dan­ke

Dan­ke, dass Sie die­ses E-Book aus mei­nem Ver­lag er­wor­ben ha­ben.

Ju­les Ver­ne ge­hört zu den Au­to­ren, die je­der schon ein­mal ge­le­sen hat. Eine Be­haup­tung, die man nicht über vie­le Schrift­stel­ler auf­stel­len kann. Die Ge­schich­ten von Ver­ne sind un­ter­hal­tend, lehr­reich und im­mer sehr at­mo­sphä­risch.

In un­re­gel­mä­ßi­ger Fol­ge wird mein Ver­lag die Wer­ke von Ver­ne ver­öf­fent­li­chen – die be­kann­ten wie die un­be­kann­ten. Im­mer in der über­ar­bei­te­ten Er­st­über­set­zung, um den (sprach­li­chen) Ch­ar­me der Zeit bei­zu­be­hal­ten.

Kor­ri­giert und kom­men­tiert wer­den Orts- und Per­so­nen­na­men oder of­fen­sicht­lich falsche An­ga­ben. Sie fin­den die Er­läu­te­run­gen in Fuß­no­ten.

Ich habe es mir auch nicht neh­men las­sen, die ur­sprüng­li­chen Na­men zu ver­wen­den: Aus dem Jo­hann wird so wie­der der ur­sprüng­li­che Jean, aus Lud­wig wie­der Louis und aus Ma­ri­an­ne wie­der Ma­rie. Ich den­ke, das tut den Ge­schich­ten nur gut.

Soll­ten Sie Hil­fe be­nö­ti­gen oder eine Fra­ge ha­ben, schrei­ben Sie mir.

 

Ihr
Jür­gen Schul­ze

Ju­les Ver­ne bei Null Pa­pier

Ju­les Ver­ne – Le­ben und Werk

Bei­na­he wäre Klein-Ju­les als Schiffs­jun­ge nach In­di­en ge­fah­ren, hät­te eine Lauf­bahn als See­mann ein­ge­schla­gen und spä­ter un­ter­halt­sa­mes See­manns­garn ge­spon­nen, das ver­mut­lich nie die Drucker­pres­se er­reicht hät­te.

Jules Verne
Ju­les Ver­ne

Ver­liebt in die aben­teu­er­li­che Li­te­ra­tur

Glück­li­cher­wei­se für uns Le­ser hin­dert man ihn dar­an: Der Elf­jäh­ri­ge wird von Bord ge­holt und ver­lebt wei­ter­hin eine be­hü­te­te Kind­heit vor bür­ger­li­chem Hin­ter­grund. Ge­bo­ren am 8. Fe­bru­ar 1828 in Nan­tes, wächst Ju­les-Ga­bri­el Ver­ne in gut si­tu­ier­ten Ver­hält­nis­sen auf. Als äl­tes­ter von fünf Spröss­lin­gen soll er die vä­ter­li­che An­walt­spra­xis über­neh­men, wes­halb er ab 1846 in Pa­ris Jura stu­diert.

Viel span­nen­der fin­det er schon zu die­ser Zeit al­ler­dings die Li­te­ra­tur. Ver­ne freun­det sich so­wohl mit Alex­and­re Du­mas als auch mit sei­nem gleich­na­mi­gen Sohn an. Ge­mein­sam mit Va­ter Du­mas ver­fasst er Opern­li­bret­ti und ers­te dra­ma­ti­sche Wer­ke. Nach dem Ab­schluss sei­nes Stu­di­ums be­schließt er, nicht nach Nan­tes zu­rück­zu­keh­ren, son­dern sich völ­lig der Dra­ma­tik zu wid­men.

Zwar schreibt er nicht ganz er­folg­los – drei sei­ner Er­zäh­lun­gen er­schei­nen in ei­ner li­te­ra­ri­schen Zeit­schrift. Doch zum Le­ben reicht es nicht, wes­halb der jun­ge Au­tor 1852 den Pos­ten ei­nes In­ten­danz-Se­kre­tärs am Théâtre ly­ri­que an­nimmt. Im­mer­hin wird die­se Ar­beit zu­ver­läs­sig ver­gü­tet und Ver­ne darf sich als Dra­ma­ti­ker be­tä­ti­gen. In sei­ner Frei­zeit ver­fasst er wei­ter­hin Er­zäh­lun­gen, wo­bei ihn aben­teu­er­li­che Rei­sen am meis­ten in­ter­es­sie­ren.

Als er 1857 eine Wit­we hei­ra­tet, die zwei Töch­ter in die Ehe mit­bringt, muss sich der Li­te­rat nach ei­ner bes­ser be­zahl­ten Ein­kom­mens­quel­le um­se­hen. Wäh­rend der nächs­ten zwei Jah­re schlägt er sich als Bör­sen­mak­ler durch, wo­bei er ge­nug Zeit fin­det, län­ge­re Schiffs­rei­sen zu un­ter­neh­men, be­vor 1861 sein Sohn Mi­chel ge­bo­ren wird.

Ver­liebt ins li­te­ra­ri­sche Aben­teu­er

Letzt­lich ist es ei­ner be­son­de­ren Be­geg­nung im Jahr 1862 ge­schul­det, dass al­les, was der Au­tor bis­her »geis­tig an­ge­sam­melt« hat, in sei­nen künf­ti­gen Ro­ma­nen kul­mi­nie­ren darf: Der Ju­gend­buch-Ver­le­ger Pier­re-Ju­les Het­zel ver­öf­fent­licht Ver­nes uto­pi­schen Rei­se­ro­man »Fünf Wo­chen im Bal­lon«. Die­ses von ihm oh­ne­hin be­vor­zug­te Su­jet wird den Schrift­stel­ler nie wie­der los­las­sen – die aben­teu­er­li­chen Rei­sen, auf wel­cher Rou­te auch im­mer sie ab­sol­viert wer­den. Het­zel ver­legt Ver­nes noch heu­te be­lieb­tes­te Schrif­ten: 1864 »Rei­se zum Mit­tel­punkt der Erde«, im fol­gen­den Jahr »Von der Erde zum Mond«, 1869 »Rei­se um den Mond« und »Zwan­zig­tau­send Mei­len un­ter dem Meer«. Mit »Rei­se um die Erde in 80 Ta­gen« er­scheint 1872 Ju­les Ver­nes er­folg­reichs­ter Ro­man über­haupt.

Die Zu­sam­men­ar­beit mit Het­zel, der gleich­zei­tig als sein Men­tor fun­giert, sorgt in den spä­ten 1860er Jah­ren da­für, dass der höchst pro­duk­ti­ve Schrift­stel­ler sei­ner Fa­mi­lie ei­ni­gen Wohl­stand bie­ten und sich selbst »ju­gend­traum­haf­te« Rei­se­wün­sche er­fül­len kann. Sein Ver­le­ger stellt ihn nam­haf­ten Wis­sen­schaft­lern vor – in Kom­bi­na­ti­on mit den er­wähn­ten Rei­sen ent­steht auf die­se Wei­se ein un­ge­heu­rer Fun­dus der In­spi­ra­ti­on: Ju­les Ver­nes Zet­tel­kas­ten ent­hält an­geb­lich 25.000 No­ti­zen!

Zwar ist er seit »Rei­se um den Mond« glei­cher­ma­ßen wohl­ha­bend und ge­ach­tet; er en­ga­giert sich seit den spä­ten 1880er Jah­ren so­gar als Stadt­rat in Amiens, wo­hin er 1871 mit sei­ner Fa­mi­lie über­ge­sie­delt war. Der »Rit­ter­schlag« aber bleibt aus: In der Aca­dé­mie françai­se möch­te man den Ju­gend­buch­au­tor nicht ha­ben, er gilt als nicht se­ri­ös ge­nug.

Den Ze­nit sei­nes Schaf­fens hat der Li­te­rat be­reits über­schrit­ten, als er 1888 blei­ben­de Ver­let­zun­gen durch den Schuss­waf­fen-An­griff ei­nes geis­tes­ge­stör­ten Ver­wand­ten da­von­trägt. Den­noch ar­bei­tet der Au­tor un­un­ter­bro­chen wei­ter. Als Ju­les Ver­ne im März 1905 stirbt, hin­ter­lässt er ein ge­wal­ti­ges Ge­samt­werk: 54 zu Leb­zei­ten er­schie­ne­ne Ro­ma­ne, wei­te­re elf Ma­nu­skrip­te be­ar­bei­tet sein Sohn Mi­chel nach dem Tod des Va­ters. Er­gänzt wird Ver­nes Œu­vre durch Er­zäh­lun­gen, Büh­nen­stücke und geo­gra­fi­sche Ver­öf­fent­li­chun­gen.

Ge­liebt und miss­ach­tet

Je­nes zwie­späl­ti­ge Ver­hält­nis, das sich be­reits in der Ab­leh­nung der Aka­de­mie­mit­glie­der äu­ßert, kenn­zeich­net die aka­de­mi­sche Re­zep­ti­on bis heu­te: Ju­les Ver­ne ist eben »nur ein Ju­gend­buch­au­tor«. We­ni­ger be­fan­ge­ne Re­zi­pi­en­ten frei­lich schrei­ben ihm eine ganz an­de­re Be­deu­tung zu, die dem Vi­sio­när und lei­den­schaft­li­chen Er­zäh­ler bes­ser ge­recht wird.

Wenn­gleich der al­tern­de Li­te­rat zum Ende sei­nes Schaf­fens durch­aus nicht mehr in gläu­bi­ger Tech­nik­be­geis­te­rung auf­geht, blei­ben uns doch ge­nau jene Wer­ke in lie­be­vol­ler Erin­ne­rung, in de­nen tech­ni­sche und mensch­li­che Groß­ta­ten die Hand­lung be­stim­men: »Rei­se um die Erde in 80 Ta­gen« oder »Zwan­zig­tau­send Mei­len un­ter dem Meer« bei­spiels­wei­se. Wer als Kind von Nemo und sei­ner Nau­ti­lus liest, wird un­wei­ger­lich ge­fan­gen von die­sem tech­ni­schen Wun­der­werk und des­sen Ka­pi­tän. Ver­nes Ro­ma­ne ge­hö­ren zu je­nen Ju­gend­bü­chern, die man als Er­wach­se­ner ger­ne noch­mals zur Hand nimmt – und man staunt er­neut, er­in­nert sich, lässt sich wie­der­um ein­fan­gen und fragt sich, warum man ei­gent­lich so sel­ten Ver­ne liest…

So wie der Au­tor sich selbst durch Rei­sen und Wis­sen­schaft in­spi­rie­ren lässt, die­nen sei­ne Wer­ke seit je­her der In­spi­ra­ti­on sei­ner Le­ser­schaft. Wie prä­sent die­ser ex­zel­len­te Un­ter­hal­ter in den Köp­fen sei­ner Le­ser bleibt, be­le­gen Be­nen­nun­gen in See- und Raum­fahrt: Das ers­te Atom-U-Boot der Ge­schich­te ist die ame­ri­ka­ni­sche USS Nau­ti­lus. Ein Raum­trans­por­ter der Eu­ro­päi­schen Raum­fahr­t­agen­tur heißt »Ju­les Ver­ne«, ein As­te­ro­id und ein Mond­kra­ter tra­gen eben­falls den Na­men des Schrift­stel­lers. Die »Ju­les Ver­ne Tro­phy« wird seit 1990 für die schnells­te Wel­t­um­se­ge­lung ver­lie­hen, was dem be­geis­ter­ten Jacht­be­sit­zer Ver­ne ge­wiss ge­fal­len hät­te.

Der kom­mer­zi­el­le Li­te­ra­tur­be­trieb so­wie die Film­wirt­schaft be­trach­ten den fran­zö­si­schen Va­ter der Science-Fic­ti­on-Li­te­ra­tur eben­falls mit Wohl­wol­len: Un­zäh­li­ge Neu­auf­la­gen der Ro­man­klas­si­ker, Hör­bü­cher und Ver­fil­mun­gen der ra­san­ten, stets mit­rei­ßen­den Hand­lun­gen spre­chen Bän­de. Mitt­ler­wei­le gel­ten die äl­tes­ten Ver­fil­mun­gen selbst als kul­tu­rel­le Mei­len­stei­ne, die kei­nes­wegs nur ein jun­ges Pub­li­kum er­freu­en.

Ju­les Ver­nes Be­deu­tung für die Li­te­ra­tur

Der Ein­fluss Ver­nes auf nach­fol­gen­de Science-Fic­ti­on-Au­to­ren ist gar nicht hoch ge­nug ein­zu­schät­zen: Aus heu­ti­ger Sicht ist er ei­ner der Vor­rei­ter der uto­pi­schen Li­te­ra­tur Eu­ro­pas, der noch vor H. G. Wells (»Krieg der Wel­ten«) und Kurd Laß­witz (»Auf zwei Pla­ne­ten«) das neue Gen­re be­grün­det. Sein­er­zeit gibt es die­sen Be­griff noch nicht, wes­halb Het­zel die Ro­ma­ne sei­nes Er­folgs­schrift­stel­lers als »Au­ßer­ge­wöhn­li­che Rei­sen« ver­mark­tet

Der Fran­zo­se sieht, an­ders als Wells und ähn­lich wie Laß­witz, im tech­ni­schen Fort­schritt das künf­ti­ge Wohl der Mensch­heit be­grün­det. Trotz­dem ist Ju­les Ver­ne vor al­lem Er­zäh­ler: Er will we­der war­nen wie Wells noch be­leh­ren wie Laß­witz, son­dern in ers­ter Li­nie un­ter­hal­ten. Im Ver­gleich zum sprö­den Rea­lis­mus ei­nes Wells wir­ken sei­ne Ro­ma­ne für mo­der­ne Le­ser aus­ufernd, viel­leicht so­gar ge­schwät­zig. Den­noch sind sie leich­ter zu­gäng­lich als das sti­lis­tisch ähn­li­che Schaf­fen des Deut­schen Laß­witz, weil sie Uto­pie und Tech­nik­be­geis­te­rung nicht zum Zweck ih­res In­halts ma­chen, son­dern le­dig­lich zu des­sen Trä­ger: Schließ­lich ist es ein­fach auf­re­gend, in ei­nem Bal­lon eine Welt­rei­se an­zu­tre­ten oder Ka­pi­tän Nemo in sein ge­hei­mes Reich zu fol­gen.

Erstes Kapitel

Am 24. Mai 1863, ei­nes Sonn­tags, kam mein On­kel, der Pro­fes­sor Li­den­b­rock, in has­ti­ger Eile heim in sein klei­nes Haus, Kö­nigs­stra­ße 19, eine der äl­tes­ten Stra­ßen des al­ten Stadt­vier­tels zu Ham­burg.

Die gute Mar­tha muss­te glau­ben, sehr mit dem Mit­ta­ges­sen in Rück­stand zu sein, denn es fing eben erst an auf dem Her­de zu sie­den.

»Schön«, sag­te ich, »aber wenn mein On­kel Hun­ger hat, wird der un­ge­dul­di­ge Mann Ze­ter schrei­en.«

»Da ist ja schon Herr Li­den­b­rock!« rief die gute Mar­tha in Be­stür­zung, in­dem sie die Tür des Spei­se­zim­mers ein we­nig öff­ne­te.

»Ja, Mar­tha, aber das Es­sen darf schon noch et­was ko­chen, denn es hat eben erst auf der Mi­chae­lis­kir­che halb zwei ge­schla­gen.«

»Wa­rum kommt aber Herr Li­den­b­rock schon heim?«

»Er wird’s uns ver­mut­lich sa­gen.«

»Da ist er! Ich flüch­te mich, Herr Axel, Sie wer­den ihn zur Ein­sicht brin­gen.«

Und die gute Mar­tha eil­te wie­der in ihre Kü­che.

Ich blieb al­lein. Aber einen zor­ni­gen Pro­fes­sor zur Ein­sicht zu brin­gen, war doch für mei­nen et­was schwan­ken­den Cha­rak­ter nicht mög­lich. Da­her war ich im Be­griff, mich klüg­lich wie­der in mein Zim­mer­chen hin­auf­zu­be­ge­ben, als die An­geln der Haus­tür knarr­ten; des Haus­herrn lan­ge Bei­ne schrit­ten ge­räusch­voll über die höl­zer­ne Trep­pe quer durch das Spei­se­zim­mer, has­tig in sein Ar­beits­ka­bi­nett.

Im Vor­bei­ren­nen warf er sei­nen Stock mit ei­nem Nuss­knacker­kopf in eine Ecke, sei­nen wi­der den Strich ge­bürs­te­ten Hut auf einen Tisch, und rief laut sei­nem Nef­fen zu:

»Axel, komm mir nach!«

Ich hat­te noch nicht Zeit, vom Fleck zu kom­men, als der Pro­fes­sor mit leb­haf­ter Un­ge­duld mir zu­rief:

»Nun! Noch nicht hier?«

Ich eil­te ins Zim­mer mei­nes fürch­ter­li­chen On­kels. Otto Li­den­b­rock war kein bös­ar­ti­ger Mensch, ich ge­b’s ger­ne zu; aber so­fern er nicht, was sehr un­wahr­schein­lich ist, sich än­dert, so wird er als ein schreck­li­cher Son­der­ling ster­ben.

Er war Pro­fes­sor am Jo­han­ne­um, und hielt Vor­trä­ge über Mi­ne­ra­lo­gie, wo­bei er re­gel­mä­ßig ein- oder auch zwei­mal in Zorn ge­riet. Es kam ihm durch­aus nicht dar­auf an, dass sei­ne Schü­ler flei­ßig die Lek­tio­nen be­such­ten, noch dass sie auf­merk­sam zu­hör­ten, noch dass sie Fort­schrit­te mach­ten: die­se Klei­nig­kei­ten mach­ten ihm we­nig Sor­ge. Sein Vor­trag war, wie die deut­sche Phi­lo­so­phie sich aus­drückt, »sub­jek­tiv« für ihn, und nicht für an­de­re. Es war ein egois­ti­scher Ge­lehr­ter, ein Wis­sens­brun­nen, des­sen Rol­le knarr­te, wenn man et­was her­aus­zie­hen woll­te: mit ei­nem Wort, ein Geiz­hals.

Es gibt in Deutsch­land man­che Pro­fes­so­ren der Art. Mein On­kel hat­te lei­der kei­ne leich­te Auss­pra­che, we­nigs­tens wenn er öf­fent­lich sprach, ein be­dau­er­li­cher Man­gel bei ei­nem Red­ner. Bei sei­nen Vor­trä­gen im Jo­han­ne­um blieb der Pro­fes­sor oft plötz­lich ste­cken; er rang mit ei­nem stör­ri­schen Aus­druck, der nicht von sei­nen Lip­pen woll­te, ei­nem Aus­druck, der sich sträubt und auf­bläht, bis er end­lich in der un­wis­sen­schaft­li­chen Form ei­nes Flu­ches her­aus­kommt. Dar­über arge Er­zür­nung.

Nun gib­t’s in der Mi­ne­ra­lo­gie vie­le halb grie­chi­sche, halb la­tei­ni­sche Be­nen­nun­gen, die schwer aus­zu­spre­chen sind, so hol­pe­rig rau, dass sie für ei­nes Dich­ters Lip­pen eine Pein sind. Ich will die­ser Wis­sen­schaft nichts Übles nach­sa­gen. Aber ge­gen­über von rhom­boe­dri­schen Kris­tal­li­sa­tio­nen, von ra­tin-as­phal­ti­schen Har­zen, von Gha­le­ni­den, Fan­ga­si­den, Mo­lyb­da­ten, Tungs­taten, Ti­ta­nia­ten und Zir­kro­nen darf die ge­läu­figs­te Zun­ge fehl­spre­chen.

In der Stadt nun kann­te man die­se ver­zeih­li­che Schwä­che mei­nes On­kels, und man mach­te sich über ihn lus­tig; man lau­er­te ihm auf, reiz­te ihn zum Zorn und lach­te ihn aus, was auch in Deutsch­land durch­aus nicht für an­stän­dig gilt. Und wa­ren die Zu­hö­rer Li­den­brocks stets zahl­reich, so ka­men sie meist des­halb, um sich an dem er­götz­li­chen Zorn des Pro­fes­sors zu be­lus­ti­gen.

Wie dem auch sein mag, mein On­kel war –, das kann ich nicht ge­nug be­to­nen – ein ech­ter Ge­lehr­ter. Ob­wohl er manch­mal bei all­zu bar­schen Ver­su­chen sei­ne Mus­ter­stücke zer­schlug, ver­band er mit dem Ge­nie des Geo­lo­gen den Blick des Mi­ne­ra­lo­gen. Mit sei­nem Ham­mer, sei­ner stäh­ler­nen Spitz­haue, sei­ner Ma­gnet­na­del, sei­nem Löt­rohr und Fläsch­chen Sal­pe­ter­säu­re war der Mann sehr stark. Er ver­stand je­des be­lie­bi­ge Me­tall nach dem Bruch, Aus­se­hen, der Här­te, Schmelz­bar­keit, dem Ton, Ge­ruch oder Ge­schmack ohne viel Be­den­ken in die Klas­si­fi­ka­ti­on der sechs­hun­dert jetzt be­kann­ten Gat­tun­gen ein­zu­rei­hen.

Da­her hat­te auch Li­den­brocks Name in den Gym­na­si­en und Verei­nen einen eh­ren­vol­len Klang. Hum­phry Davy und von Hum­boldt, die Ka­pi­tä­ne Fran­klin und Sa­bi­ne, mach­ten ihm auf der Rei­se durch Ham­burg ih­ren Be­such. Bec­que­rel, Ebel­men, Brawster, Du­mas, Mil­ne-Ed­wards, Sain­te-Claire-De­ville be­frag­ten ihn ger­ne über wich­ti­ge Punk­te der Che­mie. Die­se Wis­sen­schaft ver­dank­te ihm hüb­sche Ent­de­ckun­gen, und im Jah­re 1853 war zu Leip­zig von Otto Li­den­b­rock eine Ab­hand­lung über Tran­szen­den­ta­le Kris­tal­lo­gra­phie in Groß­fo­lio mit Ab­bil­dun­gen er­schie­nen, wel­che je­doch nicht die Kos­ten deck­te.

Otto Lidenbrock war ein großer, magerer Mann.
Otto Lidenbrock war ein großer, magerer Mann.

Zu­dem war mein On­kel Kon­ser­va­tor des mi­ne­ra­lo­gi­schen Mu­se­ums des rus­si­schen Ge­sand­ten Stru­ve, wel­ches eu­ro­päi­schen Ruf hat­te.

Die­ser Mann war’s, der mich so un­ge­dul­dig an­rief. Ein großer, ma­ge­rer Mann mit ei­ser­ner Ge­sund­heit und blon­dem ju­gend­li­chen Aus­sehn, das ihn um zehn Jah­re jün­ger mach­te, als er wirk­lich war. Gro­ße un­abläs­sig rol­len­de Au­gen hin­ter ei­ner an­sehn­li­chen Bril­le; eine lan­ge fei­ne Nase, gleich ei­ner schar­fen Klin­ge; böse Zun­gen be­haup­te­ten, sie sei mit ei­nem Ma­gnet be­stri­chen und zie­he den Ei­sen­staub an sich. Pure Ver­leum­dung: Sie zog nur den Ta­bak in sich, und zwar, um der Wahr­heit ihr Recht zu ge­ben, in reich­li­chem Maße.

Wenn ich noch hin­zu­fü­ge, dass mein On­kel ma­the­ma­tisch ge­mes­sen drei Fuß lan­ge Schrit­te mach­te, und fer­ner be­mer­ke, dass er mit fest­ge­schlos­se­nen Hän­den – was ein hef­ti­ges Tem­pe­ra­ment be­zeich­net – ein­her­ging, so kennt man ihn hin­läng­lich, um auf sei­ne Ge­sell­schaft nicht sehr er­picht zu sein.

Er wohn­te auf der Kö­nigs­tra­ße in ei­nem ei­ge­nen klei­nen Hau­se, das halb aus Holz, halb aus Zie­gel­stein ge­baut war, mit aus­ge­zack­tem Gie­bel; es lag an ei­nem der Kanä­le, wel­che in Schlan­gen­win­dun­gen durch das äl­tes­te Quar­tier Ham­burgs zie­hen, das von dem großen Brand im Jah­re 1842 glück­lich ver­schont wur­de; sein Dach saß ihm so schief, als ei­nem Stu­den­ten des Tu­gend­bun­des die Müt­ze auf dem Ohr; das Senk­blei durf­te man an sei­ne Sei­ten nicht an­le­gen; aber im gan­zen hielt es sich fest, dank ei­ner kräf­ti­gen, in die Vor­der­sei­te ein­ge­füg­ten Ulme, die im Früh­ling ihre blü­hen­den Zwei­ge durch die Fens­ter­schei­ben trieb.

Das kleine Haus in der Königsstraße.
Das kleine Haus in der Königsstraße.

Mein On­kel war für einen deut­schen Pro­fes­sor reich zu nen­nen. Das Haus war samt In­halt sein vol­les Ei­gen­tum. Zu dem In­halt ge­hör­te sei­ne Pa­tin, Gret­chen,1 ein sieb­zehn­jäh­ri­ges Mäd­chen aus den Vier­lan­den, die gute Mar­tha und ich. In mei­ner dop­pel­ten Ei­gen­schaft als Nef­fe und Wai­se ward ich sein Hand­lan­ger-Ge­hil­fe bei sei­nen Ex­pe­ri­men­ten.

Ich ge­ste­he, dass ich an den geo­lo­gi­schen Wis­sen­schaf­ten Lust hat­te; es floss mi­ne­ra­lo­gi­sches Blut in mei­nen Adern, und ich lang­weil­te mich nie in Ge­sell­schaft mei­ner kost­ba­ren Stei­ne.

Üb­ri­gens konn­te man doch in die­sem klei­nen Hau­se der Kö­nigs­tra­ße glück­lich le­ben trotz der un­ge­dul­di­gen Wei­se sei­nes Ei­gen­tü­mers, denn ob­wohl er sich et­was bru­tal be­nahm, lieb­te er mich doch. Aber der Mann ver­stand nicht zu war­ten, und eil­te so­gar der Na­tur vor­an.

Wenn er im April in die Fayence-Töp­fe2 sei­nes Sa­lons Stöck­chen Re­se­da oder Win­de pflanz­te, zupf­te er sie je­den Mor­gen an den Blät­tern, um ihr Wachs­tum zu be­schleu­ni­gen.

Bei ei­nem sol­chen Ori­gi­nal war nichts an­ders mög­lich, als ge­hor­chen. Ich stürz­te da­her has­tig in sein Ar­beits­zim­mer.


  1. im Ori­gi­nal Graü­ben  <<<

  2. far­big oder weiß gla­sier­te, be­mal­te Ton­wa­re  <<<

Zweites Kapitel

Die­ses Ka­bi­nett war ein wahr­haf­tes Mu­se­um. Alle Mus­ter­stücke aus dem Mi­ne­ral­reich fan­den sich da mit Eti­ket­ten ver­se­hen in voll­stän­digs­ter Ord­nung ge­reiht, nach den drei großen Ab­tei­lun­gen der brenn­ba­ren, me­tal­li­schen und stein­ar­ti­gen Mi­ne­ra­li­en.

Wie war ich mit die­sem Spiel­zeug der mi­ne­ra­lo­gi­schen Wis­sen­schaft ver­traut! Wie oft hat­te ich, an­statt mit mei­nen Ka­me­ra­den mei­ne Zeit zu ver­tän­deln, mei­ne Freu­de dar­an, die­se Gra­phi­ten, An­thra­ci­den, Ligni­ten, die Stein­koh­len und Tor­fe ab­zu­stäu­ben! Und die Har­ze, Erd­har­ze, or­ga­ni­schen Sal­ze, die vor den ge­rings­ten Stäub­chen zu schüt­zen wa­ren! Und die­se Me­tal­le, vom Ei­sen bis zum Gold, de­ren re­la­ti­ver Wert vor der ab­so­lu­ten Gleich­heit der wis­sen­schaft­li­chen Gat­tun­gen ver­schwand! Und alle die Stei­ne, wo­mit man das Haus an der Kö­nigs­tra­ße hät­te neu auf­bau­en kön­nen, und noch ein hüb­sches Zim­mer dazu, worin ich mich recht hübsch ein­ge­rich­tet hät­te!

Aber als ich in das Ar­beits­zim­mer trat, dach­te ich nicht an die­se Wun­der; mein ein­zi­ger Ge­dan­ke war mein On­kel. Er war in sei­nem großen, mit Ut­rech­ter Samt be­schla­ge­nen Lehn­stuhl ver­gra­ben und hielt ein Buch in den Hän­den, das er mit tiefs­ter Be­wun­de­rung an­schau­te.

»Welch ein Buch! Welch ein Buch!« rief er aus. Die­ser Aus­ruf er­in­ner­te mich, dass der Pro­fes­sor Li­den­b­rock auch zu Zei­ten ein Bü­cher­narr war; eine alte Schar­te­ke hat­te in sei­nen Au­gen nur in­so­fern Wert, als sie schwer auf­zu­fin­den oder we­nigs­tens un­le­ser­lich war.

»Aber«, sag­te er, »siehst du denn nicht? Das ist ja ein un­schätz­ba­res Klein­od, das ich heu­te Mor­gen im La­den des Ju­den He­ve­li­us1 auf­ge­fun­den habe.«

»Pracht­voll!« er­wi­der­te ich mit er­heu­chel­tem En­thu­si­as­mus. Wahr­haf­tig, wozu so viel Lärm um einen al­ten Quar­tan­ten in Kalb­le­der, eine ver­gilb­te Schar­te­ke mit ver­blass­ten Buch­zei­chen.

Der Pro­fes­sor fuhr in­des­sen fort in un­er­schöpf­li­cher Be­wun­de­rung, in­dem er sich selbst frag­te und ant­wor­te­te:

»Siehst du, ist’s nicht hübsch? Ja, wun­der­schön! Was für ein Ein­band! Wie leicht schlägt man’s auf! Wie treff­lich schlie­ßen die Blät­ter, dass sie nir­gends klaf­fen! Und an die­sem Rücken sieht man nach sie­ben Jahr­hun­der­ten noch kei­nen Riss!«

Ich konn­te nichts Bes­se­res tun, als ihn über den In­halt zu fra­gen, ob­wohl der mich we­nig küm­mer­te.

»Und wie ist denn der Ti­tel des merk­wür­di­gen Bu­ches?« frag­te ich has­tig.

»Dies Werk«, er­wi­der­te mein On­kel leb­haft, »ist die Heims­kring­la von Snor­ro Stur­le­son, dem be­rühm­ten is­län­di­schen Chro­nis­ten des zwölf­ten Jahr­hun­derts! Es ent­hält die Ge­schich­te der nor­we­gi­schen Fürs­ten, die auf Is­land herrsch­ten!«

»Wirk­lich!« rief ich so freu­dig wie mög­lich, »und ge­wiss eine deut­sche Über­set­zung?«

»Schön!« ent­geg­ne­te leb­haft der Pro­fes­sor, »eine Über­set­zung! Und was mit der Über­set­zung an­fan­gen? Wer küm­mert sich um eine sol­che? Es ist ein Ori­gi­nal­werk in is­län­di­scher Spra­che, dem präch­ti­gen, rei­chen und zu­gleich ein­fa­chen Idi­om!«

»Wie das Deut­sche«, füg­te ich schmei­chelnd bei.

»Ja«, er­wi­der­te mein On­kel mit Ach­sel­zu­cken, ohne in An­schlag zu brin­gen, dass die is­län­di­sche Spra­che die drei Ge­schlech­ter be­zeich­net, wie beim Grie­chi­schen, und die Ei­gen­na­men de­kli­niert, wie im La­tei­ni­schen!

»Ah!« rief ich, in­dem ich mei­ner Gleich­gül­tig­keit Ge­walt an­tat, »und wie schön sind die Let­tern!«

»Let­tern! Was meinst du, Let­tern? Wie? Du meinst, das sei ge­druckt? Nein, Dum­mer, ’s ist ein Ma­nu­skript, ein Ru­nen-Ma­nu­skript! …«

»Ru­nen!«

»Ja! Be­gehrst du nun eine Er­klä­rung die­ses Worts!«

»Das lass ich blei­ben«, er­wi­der­te ich mit dem Ton ei­nes Be­lei­dig­ten.

Aber mein On­kel fuhr umso eif­ri­ger fort, mich wi­der Wil­len über Din­ge zu be­leh­ren, die ich zu wis­sen gar nicht Lust hat­te.

»Die Ru­nen«, fuhr er fort, »wa­ren Schrift­zü­ge, die von ur­al­ten Zei­ten auf Is­land im Ge­brauch wa­ren und von Odin selbst er­fun­den sein sol­len! Aber schau doch her, be­wun­de­re doch, Gott­lo­ser, die von ei­nem Gott aus­ge­dach­ten Zei­chen!«

Wahr­haf­tig, an­statt zu ant­wor­ten, fiel ich auf die Knie, eine Ant­wort, die Göt­tern und Kö­ni­gen ge­fällt.

Ein Zwi­schen­fall gab der Un­ter­hal­tung eine an­de­re Wen­dung. Ein schmut­zi­ges Per­ga­ment fiel aus der Schar­te­ke her­aus auf den Bo­den.

Mit be­greif­li­cher Gier fiel mein On­kel über die­sen Quark her. Ein al­tes Do­ku­ment, das viel­leicht seit un­vor­denk­li­cher Zeit in ei­nem al­ten Bu­che lag, muss­te un­fehl­bar in sei­nen Au­gen sehr kost­bar sein.

»Was ist das?« rief er aus.

Und zu­gleich ent­fal­te­te er sorg­fäl­tig auf dem Tisch ein fünf Zoll lan­ges, drei Zoll brei­tes Per­ga­ment­stück, wor­auf in Qu­er­zei­len ein un­ver­ständ­li­ches Ge­krit­zel von Schrift­zü­gen sich be­fand.

Ich gebe hier ein ge­nau­es Fak­si­mi­le der­sel­ben. Es ist mir dar­um zu tun, die­se selt­sa­men Zei­chen zur An­schau­ung zu brin­gen, weil sie den Pro­fes­sor Li­den­b­rock nebst sei­nem Nef­fen zu der son­der­bars­ten Un­ter­neh­mung des neun­zehn­ten Jahr­hun­derts ver­an­lass­ten!

Der Pro­fes­sor be­trach­te­te die­se Zei­chen eine Wei­le; dann sprach er, in­dem er sei­ne Bril­le hö­her rück­te:

»’s ist Ru­nisch; die­se Zei­chen sind de­nen auf dem Ma­nu­skript Snor­ros völ­lig gleich! Aber … was mag das nur be­deu­ten?«

Da es mir schi­en, das Ru­ni­sche sei eine Er­fin­dung der Ge­lehr­ten, um die un­ge­lehr­ten Leu­te zu hin­ter­ge­hen, so war es mir nicht un­lieb, dass mein On­kel nichts da­von ver­stand. Das nahm ich we­nigs­tens aus sei­nen Fin­ger­be­we­gun­gen ab.

»Es ist doch Alt-Is­län­disch«, brumm­te er in den Bart.

Und der Pro­fes­sor Li­den­b­rock muss­te das wohl ver­ste­hen, denn er galt für ein Wun­der von ei­nem Spra­chen­ken­ner. Die zwei­tau­send Spra­chen und vier­tau­send Dia­lek­te, die man auf der Erde kennt, ver­stand er nicht nur ge­läu­fig, son­dern sprach auch de­ren einen gu­ten Teil.

Um die­ser Schwie­rig­keit wil­len war er im Be­griff, sich al­len Stür­men sei­nes hef­ti­gen Ge­fühls hin­zu­ge­ben, als es auf der klei­nen Uhr des Ka­mins zwei schlug, und die gute Mar­tha die Tür mmit den Wor­ten öff­ne­te:

»Die Sup­pe ist auf­ge­tra­gen.«

»Zum Hen­ker mit der Sup­pe«, schrie mein On­kel, »samt der Kö­chin, und wer sie ver­zehrt!«

Mar­tha ent­floh, ich eil­te ihr nach und be­fand mich, ohne zu wis­sen wie, an mei­nem ge­wöhn­li­chen Platz im Spei­se­zim­mer.

Ich war­te­te eine Wei­le. Der Pro­fes­sor kam nicht. Zum ers­ten Mal, mei­nes Ge­den­kens, ließ er sich bei dem Mit­ta­ges­sen ver­mis­sen. Und doch, welch treff­li­ches Es­sen! Pe­ter­si­li­en­sup­pe, Eier­ku­chen mit Schin­ken in Sau­er­amp­fer­sau­ce, Kalbs­nie­ren­bra­ten mit Pflau­men­kom­pott, und zum Des­sert Meer­kreb­schen mit Zu­cker, und dazu ein hüb­scher Mo­sel­wein.

Das al­les ver­säum­te mein On­kel über dem al­ten Pa­pier. Wahr­haf­tig, als er­ge­be­ner Nef­fe glaub­te ich mich ver­bun­den, für uns bei­de zu es­sen. Und ich tat es ge­wis­sen­haft.

»Das hab’ ich nie er­lebt«, sag­te die gute Mar­tha. »Herr Li­den­b­rock nicht bei Ti­sche!«

»Un­glaub­lich.«

»Das hat was Ar­ges zu be­deu­ten!« fuhr die Alte mit Kopf­schüt­teln fort.

Mei­nes Erach­tens be­deu­te­te es nichts an­ders, als eine fürch­ter­li­che Sze­ne, wenn mein On­kel sein Es­sen auf­ge­zehrt fin­den wür­de.

Ich war an mei­nem letz­ten Kreb­schen, als eine lau­thal­len­de Stim­me mich den Genüs­sen des Nach­ti­sches ent­zog. Mit ei­nem Sprung war ich im Ka­bi­nett des Herrn.


  1. Jo­han­nes He­ve­li­us (1611–1687) war ein Astro­nom und gilt als Be­grün­der der Kar­to­gra­fie des Mon­des.  <<<

Drittes Kapitel

»Es ist of­fen­bar Ru­nisch«, sag­te der Pro­fes­sor mit Stirn­run­zeln. »Aber ich wer­de das Ge­heim­nis, das da­hin­ter­steckt, ent­de­cken, sonst …«

Und er mach­te eine hef­ti­ge Be­we­gung mit der Hand.

»Setz dich da­hin«, fuhr er fort, in­dem er auf den Tisch hin­wies, »und schreib.«

Im Au­gen­blick war ich be­reit.

»Jetzt will ich dir je­den Buch­sta­ben un­se­res Al­pha­bets dik­tie­ren, so­wie er mit ei­nem die­ser Schrift­zü­ge stimmt. Wir wer­den se­hen, was da­bei her­aus­kom­men wird. Aber nimm dich wohl in acht, dass du nichts ver­fehlst!«

Er fing an zu dik­tie­ren, und ich gab mir alle Mühe. Er be­nann­te je­den Buch­sta­ben einen nach dem an­de­ren, und so bil­de­ten sich fol­gen­de un­ver­ständ­li­che Wor­te:

m.rnlls es­reu­el seecJ­de

sgtss­mf un­eei­ef niedrke

kt,samn atra­teS Sao­drrn

emt­na­el nu­aect rrilSa

At­vaar .ns­crc ie­aabs

ccdrmi eeu­tul fran­tu

dt,iac osei­bo Ke­diil

Als dies fer­tig war, nahm mein On­kel has­tig das Blatt, wor­auf ich ge­schrie­ben hat­te.

»Was will das be­deu­ten?« wie­der­hol­te er me­cha­nisch.

Auf Ehre, ich hät­te es ihm nicht sa­gen kön­nen. Üb­ri­gens frag­te er mich nicht, und sprach wei­ter mit sich selbst:

»Das hei­ßen wir eine Ge­heim­schrift«, sag­te er, »worin der Sinn hin­ter ab­sicht­lich durch­ein­an­der ge­misch­ten Buch­sta­ben ver­steckt ist, wel­che in ge­hö­ri­ger Fol­ge ge­ord­net, eine ver­ständ­li­che Phra­se bil­den wür­den. Da­rin steckt viel­leicht die Er­klä­rung oder An­deu­tung ei­ner großen Ent­de­ckung!«

Ich mei­nes­teils dach­te, es ste­cke gar nichts da­hin­ter, aber ich hü­te­te mich wohl, mei­ne Mei­nung aus­zu­spre­chen.

Der Pro­fes­sor nahm dar­auf das Buch und das Per­ga­ment und ver­glich sie bei­de mit­ein­an­der.

»Die­se bei­den Schrif­ten sind nicht von der­sel­ben Hand; das Ge­heim­schrift­stück ist spä­tem Ur­sprungs, als das Buch, wie ich das gleich vor­ne aus ei­nem un­wi­der­leg­li­chen Be­weis er­se­he. In der Tat, der ers­te Buch­sta­be ist ein dop­pel­tes M, das in Stur­le­sons Buch sich nicht fin­det, denn es wur­de erst im vier­zehn­ten Jahr­hun­dert dem is­län­di­schen Al­pha­bet hin­zu­ge­fügt. Also lie­gen we­nigs­tens zwei Jahr­hun­der­te zwi­schen dem Ma­nu­skript und dem Do­ku­ment.«

Das schi­en mir al­ler­dings ziem­lich fol­ge­rich­tig.

Gretchen
Gretchen

»Das bringt mich auf den Ge­dan­ken«, fuhr mein On­kel fort, »die­se ge­heim­nis­vol­le Schrift sei von ei­nem Be­sit­zer des Bu­ches ver­fasst wor­den. Aber wer zum Hen­ker war die­ser Be­sit­zer? Soll­te er nicht sei­nen Na­men ir­gend­wo un­ter das Ma­nu­skript ge­setzt ha­ben?«

Mein On­kel setz­te sei­ne Bril­le hö­her, nahm eine star­ke Lupe und mus­ter­te sorg­fäl­tig die ers­ten Sei­ten des Bu­ches durch. Auf der zwei­ten Rück­sei­te ent­deck­te er eine Art Fle­cken, der wie ein Tin­ten­k­leks aus­sah; aber ge­nau­er be­se­hen un­ter­schied man ei­ni­ge halb ver­lo­sche­ne Schrift­zü­ge. Mein On­kel be­griff, dass es auf die­sen Punkt an­kom­me; er mach­te sich also aufs Eif­rigs­te dar­über her, und er­kann­te end­lich mit Hil­fe sei­ner Lupe die fol­gen­den Ru­nen­schrift­zei­chen, wel­che er ohne An­stoß le­sen konn­te:

»Arne Sak­nus­semm!« rief er tri­um­phie­rend aus, »aber das ist ein Name, und noch dazu ein is­län­di­scher Name, ei­nes Ge­lehr­ten des sech­zehn­ten Jahr­hun­derts, ei­nes be­rühm­ten Al­chi­mis­ten.«

Ich schau­te mei­nen On­kel mit ei­ni­gem Stau­nen an.

»Die­se Al­chi­mis­ten«, fuhr er fort, »Avi­ren­na, Ba­con, Lul­lus, Pa­ra­cel­sus wa­ren die ein­zi­gen, die ech­ten Ge­lehr­ten die­ser Epo­che. Sie ha­ben Ent­de­ckun­gen ge­macht, wor­über wir er­staunt sein dür­fen. Wa­rum soll­te nicht die­ser Sak­nus­semm un­ter die­ser Ge­heim­schrift eine auf­fal­len­de Ent­de­ckung ver­hüllt ha­ben? So muss es sein. So ist’s wirk­lich.«

Bei die­ser Hy­po­the­se er­hitz­te sich des Pro­fes­sors Fan­ta­sie.

»Ganz ge­wiss«, er­wi­der­te er keck, »aber was konn­te die­ser Ge­lehr­te für ein In­ter­es­se dar­an ha­ben, eine merk­wür­di­ge Ent­de­ckung ge­heim­zu­hal­ten?«

»Wa­rum? Wa­rum? Ja, weiß ich’s? Hat’s nicht Ga­li­lei eben­so ge­macht in Be­zie­hung auf Sa­turn? Üb­ri­gens, wir wer­den schon se­hen: Ich wer­de das Ge­heim­nis die­ses Do­ku­ments her­aus­be­kom­men, und ich wer­de we­der es­sen noch schla­fen, bis ich’s her­aus­ha­be.«

»O!« dach­te ich.

»Du eben­falls nicht, Axel«, fuhr er fort.

»Teu­fel!« dacht’ ich, »da ist’s gut, dass ich dop­pel­te Mahl­zeit ge­hal­ten habe.«

»Und ernst­lich«, sag­te mein On­kel, »gil­t’s, die Spra­che die­ser Chif­fre auf­zu­fin­den. Das kann nicht schwer sein.«

Bei die­sen Wor­ten hob ich leb­haft den Kopf. Mein On­kel fuhr fort, mit sich selbst zu re­den:

»Es gibt nichts Leich­te­res. Die­ses Do­ku­ment ent­hält hun­dertzwei­und­drei­ßig Buch­sta­ben, wo­von neun­und­sieb­zig Kon­so­nan­ten ge­gen drei­und­fünf­zig Vo­ka­le. Un­ge­fähr die­ses Ver­hält­nis fin­det bei den süd­li­chen Spra­chen statt, wäh­rend die Idio­me des Nor­dens un­end­lich rei­cher an Kon­so­nan­ten sind. Es han­delt sich also um eine Spra­che des Sü­dens.«

Die­se Fol­ge­run­gen wa­ren rich­tig.

»Aber was ist’s für eine Spra­che?«

»Die­ser Sak­nus­semm«, fuhr er fort, »war ein un­ter­rich­te­ter Mann; wenn er also nicht in sei­ner Mut­ter­spra­che schrieb, muss­te er der un­ter den ge­bil­de­ten Geis­tern des sech­zehn­ten Jahr­hun­derts ge­läu­fi­gen Spra­che den Vor­zug ge­ben, der la­tei­ni­schen näm­lich. Irre ich dar­in, so kann ich mit dem Spa­ni­schen, dem Fran­zö­si­schen, Ita­lie­ni­schen, Grie­chi­schen oder He­bräi­schen den Ver­such ma­chen. Aber die Ge­lehr­ten des sech­zehn­ten Jahr­hun­derts schrie­ben im All­ge­mei­nen la­tei­nisch. Ich darf also als selbst­ver­ständ­lich an­neh­men, es sei La­tein.«

Ich sprang von mei­nem Stuhl auf. Mei­ne Erin­ne­run­gen aus der La­tein­schu­le sträub­ten sich ge­gen die Be­haup­tung, die­se Grup­pe selt­sa­mer Wor­te kön­ne der sanf­ten Spra­che Vir­gils an­ge­hö­ren.

»Ja! La­tein«, fuhr mein On­kel fort, »aber ver­wor­re­nes La­tein.«

»Das mag sein!« dach­te ich. »Wenn du es ent­wirrst, lie­ber On­kel, bist du ein fei­ner Kopf.«

»Un­ter­su­chen wir ge­hö­rig«, sag­te er, und nahm das von mir be­schrie­be­ne Blatt wie­der zur Hand. »Hier ist eine Grup­pe von hun­dertzwei­und­drei­ßig Buch­sta­ben, die wir in voll­stän­di­ger Ver­wor­ren­heit fin­den. Da sind Wor­te, worin nur Kon­so­nan­ten vor­kom­men, wie das ers­te ›rnlls‹, an­de­re da­ge­gen, worin die Vo­ka­le über­wie­gen, z.B. das fünf­te: ›u­ne­ei­e­f‹, oder das vor­letz­te: ›o­sei­bo‹. Nun ist of­fen­bar die­se Grup­pie­rung nicht so zu­sam­men­ge­setzt wor­den; sie wur­de ma­the­ma­tisch ge­ge­ben durch ein uns un­be­kann­tes Ver­hält­nis, nach wel­chem die An­ein­an­der­rei­hung die­ser Buch­sta­ben be­stimmt wur­de. Ich hal­te für ge­wiss, dass die ur­sprüng­li­che Phra­se re­gel­mä­ßig ge­schrie­ben, so­dann nach ei­nem Grund­ge­dan­ken, den man auf­fin­den muss, um­ge­bil­det wur­de. Wer den Schlüs­sel die­ser ›Chif­fre‹ be­sä­ße, wür­de sie ge­läu­fig le­sen. Aber was ist das für ein Schlüs­sel? Axel, hast du ihn?«

Auf die­se Fra­ge wuss­te ich nicht zu ant­wor­ten, und aus gu­tem Grund. Mei­ne Bli­cke wa­ren auf ein rei­zen­des Por­trät, das an der Wand hing, ge­hef­tet, das Por­trät Gret­chens. Die Mün­del mei­nes On­kels be­fand sich da­mals zu Al­to­na bei ei­ner Ver­wand­ten, und ich war über ihre Ab­we­sen­heit sehr be­trübt, denn, jetzt kann ich’s ge­ste­hen, die hüb­sche Vier­län­de­rin und der Nef­fe des Pro­fes­sors lieb­ten sich mit echt deut­scher Herz­lich­keit und Aus­dau­er. Wir hat­ten uns ohne Wis­sen un­se­res On­kels ver­lobt, der all­zu viel Geo­log war, um für sol­che Ge­füh­le einen Be­griff zu ha­ben. Gret­chen war eine rei­zen­de Blon­di­ne mit blau­en Au­gen, von et­was ge­set­zem Cha­rak­ter und erns­tem Sinn; aber sie lieb­te mich dar­um nicht min­der. Ich mei­ner­seits be­te­te sie an, so­fern die­ser Be­griff im Alt­deut­schen exis­tiert! Das Bild mei­ner klei­nen Vier­län­de­rin ver­setz­te mich also auf ein­mal aus der wirk­li­chen Welt in die Welt der Träu­me, der Erin­ne­run­gen.

Ich er­blick­te in die­sem Bild die treue Ge­nos­sin mei­ner Ar­bei­ten und Freu­den. Sie half mir tag­täg­lich die köst­li­chen Stei­ne mei­nes On­kels ord­nen, die­sel­ben mit Eti­ket­ten ver­se­hen. Fräu­lein Gret­chen war in der Mi­ne­ra­lo­gie sehr stark! Sie hät­te dar­in mehr als einen Ge­lehr­ten zu­recht­wei­sen kön­nen. Sie be­fass­te sich ger­ne da­mit, schwie­ri­ge Fra­gen der Wis­sen­schaft zu er­grün­den. Wel­che süße Stun­den hat­ten wir mit ge­mein­sa­men Stu­di­en hin­ge­bracht! Und wie oft be­nei­de­te ich die fühl­lo­sen Stei­ne um das Glück, von ih­ren rei­zen­den Hän­den be­tas­tet zu wer­den!

Her­nach, wann die Er­ho­lungs­zeit kam, wan­del­ten wir mit­ein­an­der durch die be­laub­te Als­te­r­al­lee und be­such­ten zu­sam­men die alte be­teer­te Müh­le, die sich am Ende des Sees so gut aus­nimmt; un­ter­wegs plau­der­ten wir Hand in Hand. Ich er­zähl­te ihr Din­ge, wor­über sie herz­lich lach­te. So ka­men wir bis zum El­bu­fer und nach­dem wir den Schwä­nen, die zwi­schen den großen wei­ßen See­ro­sen schwim­men, gute Nacht ge­sagt, be­ga­ben wir uns mit dem Dampf­boot wie­der zum Kai.

Als ich in mei­nem Träu­men hier an­kam, ward ich von mei­nem On­kel durch einen Faust­schlag auf den Tisch ge­walt­sam in die Wirk­lich­keit zu­rück­ge­ru­fen.

»Se­hen wir«, sag­te er, »die ers­te Idee, die sich dem Geist dar­bie­tet, um die Buch­sta­ben ei­ner Phra­se aus ih­rer Ord­nung zu brin­gen, be­steht, dünkt mir, dar­in, dass man die Wor­te, an­statt ho­ri­zon­tal, ver­ti­kal schreibt. Wir müs­sen an­schau­en, was da­bei her­aus­kommt. Axel, schreib ir­gend­ei­nen Satz auf die­sen Zet­tel, aber an­statt die Buch­sta­ben ne­ben­ein­an­der zu stel­len, set­ze sie in ver­ti­ka­len Rei­hen einen nach dem an­de­ren, und zwar in Grup­pen von fünf bis sechs.«

Ich be­griff, wie es ge­meint war, und schrieb so­gleich von oben nach un­ten:

»Gut«, sag­te der Pro­fes­sor, ohne ge­le­sen zu ha­ben. »Jetzt schrei­be die­se Wor­te in eine ho­ri­zon­ta­le Zei­le.«

Ich ge­horch­te und be­kam fol­gen­de Phra­se:


Jermtt chd­zeech li­li­se ichinGn eh­ch­gr! be,ue

»Ganz recht«, sag­te mein On­kel, und riss mir den Zet­tel aus der Hand, »das sieht schon aus wie das alte Do­ku­ment: Die Vo­ka­le ste­hen so wie die Kon­so­nan­ten in der näm­li­chen Un­ord­nung grup­piert; da sind selbst An­fangs­buch­sta­ben so­wie Kom­ma in der Mit­te der Wor­te, ganz wie in dem Per­ga­ment des Sak­nus­semm!«

Ich konn­te nicht um­hin, die­se Be­mer­kung für recht sinn­reich zu hal­ten.

»Nun«, fuhr mein On­kel fort, »um die Phra­se, wel­che du ge­schrie­ben hast, und de­ren In­halt ich nicht ken­ne, zu le­sen, brauch’ ich nur zu­erst den ers­ten Buch­sta­ben je­des Wor­tes zu­sam­men­zu­rei­hen, dann je­den zwei­ten, her­nach den drit­ten usw.«

Und mein On­kel las zu sei­nem und mei­nem größ­ten Er­stau­nen:

Ich lie­be dich herz­lich, mein gu­tes Gret­chen!

»Oho!« sag­te der Pro­fes­sor.

Ja, un­ver­se­hens hat­te ich als ver­lieb­ter Töl­pel die­se ver­rä­te­rische Zei­le ge­schrie­ben!

»So! Du liebst Gret­chen?« fuhr mein On­kel in ech­tem Vor­mün­der­ton fort.

»Ja … Nein …«, stot­ter­te ich.

»Du liebst also Gret­chen!« wie­der­hol­te er ma­schi­nen­mä­ßig. »Nun, wen­den wir mein Ver­fah­ren auf das frag­li­che Do­ku­ment an.«

Mein On­kel war schon wie­der in das Nach­sin­nen, wel­ches ihn ganz in An­spruch nahm, ver­sun­ken, dass er be­reits mei­ne un­vor­sich­ti­gen Wor­te ver­gaß. Ich sage un­vor­sich­ti­gen, denn der Kopf des Ge­lehr­ten konn­te die Her­zens­an­ge­le­gen­hei­ten nicht be­grei­fen. Aber zum Glück hat­te die große An­ge­le­gen­heit des Do­ku­ments das Über­ge­wicht.

Im Be­griff, sei­nen Haupt­ver­such zu ma­chen, sprüh­ten des Pro­fes­sors Au­gen Blit­ze durch sei­ne Bril­le hin­durch. Mit zit­tern­den Hän­den nahm er das alte Per­ga­ment wie­der zur Hand. Er war von erns­ter Be­we­gung er­grif­fen. End­lich hus­te­te er tüch­tig und dik­tier­te mir mit wür­di­gem Ton, in­dem er der Rei­he nach zu­erst den ers­ten Buch­sta­ben, dann den zwei­ten je­des Wor­tes zu­sam­men­nahm, die fol­gen­den Grup­pen:


mmes­sun­kaSen­rA.icef­doK.seg­nit­ta­murtn
ecerts­er­ret­te,ro­taivsa­dua, ednec­sed­sad­ne
la­cart­nll­luJ­si­ra­tracSarb­mu­ta­bi­led­mek
me­re­tar­c­si­lu­col­slef­fenSnl

Als ich sie fer­tig hat­te, war ich, of­fen ge­stan­den in Ge­müts­be­we­gung. In die­sen Buch­sta­ben hat­te ich gar kei­nen Sinn zu er­ken­nen ver­mocht; ich war also dar­auf ge­spannt, des Pro­fes­sors Lip­pen wür­den statt­lich eine Phra­se pracht­vol­len La­teins hö­ren las­sen.

Aber wer hät­te das ge­dacht! ein hef­ti­ger Faust­schlag er­schüt­ter­te den Tisch, dass die Tin­te em­por­spritz­te, die Fe­der mei­nen Hän­den ent­fiel.

»Das ist’s nicht!« schrie mein On­kel, »das hat kei­nen Sinn!« Da­rauf stürz­te er rasch wie eine Ku­gel durch das Ka­bi­nett, wie eine La­wi­ne die Trep­pe hin­ab, auf die Kö­nigs­tra­ße und ent­floh aus Lei­bes­kräf­ten.

Viertes Kapitel

»Er ist fort«, rief Mar­tha, die her­bei­ge­lau­fen kam, als er die Haus­tür so hef­tig zu­schlug, dass von dem Schmet­tern das gan­ze Haus er­schüt­tert wur­de.

»Ja«, er­wi­der­te ich, »ganz und gar fort!«

»Nun! Und sein Mit­ta­ges­sen?« sag­te die alte Die­ne­rin.

»Er wird nicht zu Mit­tag spei­sen!«

»Und sein Abendes­sen?«

»Er wird auch nicht zu Abend spei­sen!«

»Wie?« sag­te Mar­tha und rang die Hän­de.

»Nein, gute Mar­tha, er wird nicht mehr es­sen, und nie­mand im gan­zen Hau­se. Mein On­kel lässt uns alle fas­ten, bis es ihm ge­lingt, ein al­tes Ge­krit­zel, das durch­aus un­le­ser­lich ist, zu ent­zif­fern!«

»Je­sus! So bleibt uns also nichts, als Hun­gers ster­ben.«

Ich ge­trau­te nicht, ein­zu­ge­ste­hen, dass bei ei­nem so un­be­ding­ten Mann, wie mei­nem On­kel, dies uns un­ver­meid­lich be­vor­ste­he.

Ernst­lich be­un­ru­higt be­gab sich die alte Die­ne­rin mit Seuf­zen in ihre Kü­che zu­rück.

Als ich al­lein war, kam mir der Ge­dan­ke, zu Gret­chen zu ei­len und ihr al­les zu er­zäh­len. Aber wie konn­te ich das Haus ver­las­sen? Der Pro­fes­sor konn­te je­den Au­gen­blick heim­kom­men. Und wenn er nach mir rief? Und wenn er sei­ne En­trät­se­lungs­ar­beit, die man dem al­ten Ödi­pus ver­geb­lich vor­ge­legt ha­ben wür­de, wie­der an­fan­gen woll­te? Und was wür­de es ge­ben, wenn ich auf sein Ru­fen nicht Ant­wort gebe?

Die alte Dienerin ging stöhnend in ihre Küche zurück.
Die alte Dienerin ging stöhnend in ihre Küche zurück.

Das Klügs­te war, zu blei­ben. Eben hat­te uns ein Mi­ne­ra­log aus Be­sancon eine Samm­lung Klap­per­stei­ne vom Kie­sel­ge­schlecht zu­ge­schickt, wel­che zu klas­si­fi­zie­ren wa­ren. Ich mach­te mich an die Ar­beit. Ich son­der­te aus, mach­te Eti­ket­ten, ord­ne­te in ih­rem Glas­kas­ten alle die hoh­len Stei­ne, worin klei­ne Kris­tal­le ein­ge­schlos­sen wa­ren.

Aber die­se Tä­tig­keit be­schäf­tig­te mich nicht völ­lig. Das alte Do­ku­ment mach­te mir in den Ge­dan­ken viel zu schaf­fen. Mein Kopf glüh­te, und eine un­be­stimm­te Un­ru­he er­griff mich. Ich ahn­te eine be­vor­ste­hen­de Ka­ta­stro­phe.

Nach Ver­lauf ei­ner Stun­de wa­ren mei­ne Klap­per­stei­ne ge­ord­net. Da­rauf wieg­te ich mich in dem großen Lehn­stuhl, den Kopf rück­wärts, die Arme bau­melnd. Ich zün­de­te mei­ne Pfei­fe an, de­ren lan­ge krum­me Röh­re am Kopf mit dem Bild ei­ner Nym­phe ge­ziert war, und er­götz­te mich dar­an, die Fort­schrit­te der Ver­koh­lung zu be­ob­ach­ten, wo­durch die Nym­phe zu ei­ner voll­stän­di­gen Ne­ge­rin ge­wor­den war. Von Zeit zu Zeit lausch­te ich, ob sich nicht Trit­te auf der Trep­pe ver­neh­men lie­ßen. Nichts zu hö­ren. Wo moch­te mein On­kel eben sein? Ich sah ihn in Ge­dan­ken die schö­ne Al­lee der Al­to­na­er Stra­ße ent­lang­lau­fen, ges­ti­ku­lie­rend, mit kräf­ti­gem Arm die Kräu­ter zer­schla­gen, Dis­teln köp­fen und die Schwä­ne in ih­rem Frie­den stö­ren.

Wird er tri­um­phie­rend oder ent­mu­tigt heim­kom­men? Soll­te er das Ge­heim­nis her­aus­be­kom­men ha­ben? So frag­te ich mich und nahm ma­schi­nen­mä­ßig das Blatt Pa­pier in die Hand, wor­auf die von mir ge­schrie­be­nen un­ver­ständ­li­chen Zei­len sich be­fan­den. Ich wie­der­hol­te:

»Was be­deu­tet dies?«

Ich ver­such­te die Buch­sta­ben so zu grup­pie­ren, dass sie Wor­te bil­de­ten. Un­mög­lich. Man moch­te sie zu zwei, drei, fünf oder sechs zu­sam­men­stel­len, es kam durch­aus nichts Ver­ständ­li­ches her­aus. Doch ließ sich aus dem vier­zehn­ten, fünf­zehn­ten und sech­zehn­ten Buch­sta­ben das eng­li­sche Wort »ice« bil­den, aus dem vier-, fünf- und sechs­un­dacht­zigs­ten das Wort »sir«. End­lich er­kann­te ich mit­ten in dem Do­ku­ment auf der drei­ßigs­ten Zei­le die la­tei­ni­schen Wör­ter »rota«, »mu­ta­bi­le«, »ira«, »nec«, »atra«.

»Teu­fel«, dacht’ ich, »die­se letz­te­ren Wör­ter könn­ten wohl mei­nem On­kel Aus­kunft über die Spra­che des Do­ku­ments ge­ben!« Und da sehe ich gar, auf der vier­ten Zei­le noch das Wort »luco«, das einen »hei­li­gen Hain« be­deu­tet. Zwar auf der drit­ten Zei­le ist das Wort »ta­bi­led« zu le­sen, wel­ches ganz he­brä­isch aus­sieht, und auf der letz­ten die Wör­ter »mer«, »arc«, »mère«, die rein fran­zö­sisch sind.

Dar­über konn­te man den Kopf ver­lie­ren: Vier ver­schie­de­ne Spra­chi­dio­me in ei­ner sinn­lo­sen Phra­se! In wel­chem Zu­sam­men­hang konn­ten die Wör­ter »Eis«, »Herr«, »Zorn«, »grau­sam«, »hei­li­ger Hain«, »wech­selnd«, »Mut­ter«, »Bo­gen«, »Meer« ste­hen? Das letz­te und ers­te al­lein lie­ßen sich leicht an­ein­an­der­rei­hen, es wäre nicht zu ver­wun­dern, wenn in ei­nem auf Is­land ge­schrie­be­nen Do­ku­ment von »Eis­meer« die Rede wäre. Aber den üb­ri­gen Teil des Ge­heim­schrift­stücks zu be­grei­fen, war doch eine an­de­re Auf­ga­be.

Ich rang also mit ei­ner un­lös­li­chen Schwie­rig­keit; mein Ge­hirn er­hitz­te sich, mei­ne Au­gen blin­zel­ten bei dem Blick auf das Blatt; die hun­dertzwei­und­drei­ßig Buch­sta­ben schie­nen um mich her­um zu hüp­fen, wie die Sil­ber­trop­fen, die in der Luft un­sern Kopf um­flim­mern, wenn das Blut stark da­hin-dringt.

Es wan­del­ten mich Fan­ta­sie­ges­ich­te an; der Atem ging mir aus, ich be­durf­te Luft. Un­will­kür­lich fä­chel­te ich mich mit dem Blatt Pa­pier, so­dass sei­ne Vor­der- und Rück­sei­te ab­wech­selnd mir vor Au­gen ka­men. Wie war ich über­rascht, als ich bei ei­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­