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Für meine Eltern

Vollständige E-Book-Ausgabe der im Piper Verlag erschienenen Buchausgabe

1. Auflage Januar 2013

ISBN 978-3-492-95899-8

© 2012 Piper Verlag GmbH, München

Umschlaggestaltung und -motiv: Hauptmann und Kompanie Werbeagentur, Zürich

Datenkonvertierung E-Book: Kösel, Krugzell

Kapitel 1

Früher hatte ich gar keine Hobbys. Das war zu der Zeit, als Anneliese Duftradiergummis zu sammeln begann. Und Klebebilder aus Duplos, mit Fußballern von Bayern München beispielsweise, das war echt was wert. Bei Anneliese entwickelte sich diese Sammeltradition kontinuierlich weiter. Nach einer Weile waren Duftradiergummis total out und plötzlich nur noch Tees von Interesse. Natürlich meist aromatisierte – ihr größter Favorit war ein Schwarztee mit Mangogeschmack. Ich kannte damals überhaupt keine Mangos. Und Schwarztee mit Mangogeschmack fand ich ziemlich widerlich. Aber ich traute mich nichts dagegen zu sagen, weil ich ja überhaupt kein Hobby hatte. Da konnte ich schlecht über Mangos lästern.

Bei uns zu Hause wurde nichts gesammelt, sondern nur aufgehoben. Deshalb habe ich mit meinem Hobby auch erst angefangen, als ich schon längst erwachsen war. Wobei nicht ich mein Hobby gefunden habe, sondern mein Hobby mich und ich im Grunde auch gut und gerne darauf hätte verzichten können. Denn wenn ich etwas noch widerlicher fand als Mangos, dann waren es Leichen. Leichenfinden ist jetzt nicht das klassische Hobby, mag man einwenden, und das ist auch durchaus richtig, denn es ist nichts, worüber man abendelang sprechen möchte. Aber gegen bestimmte Entwicklungen im Leben kann man einfach nichts unternehmen.

Nicht ahnend, was mir noch alles passieren sollte, fand ich den Tag ganz gut, auch wenn das Wetter nicht so sonnig wie angekündigt war, sondern ziemlich schwül. Ganz weit im Westen türmten sich bereits Gewitterwolken auf. Normalerweise wäre ich bei diesem Wetter niemals auf mein Rad gestiegen. Um genau zu sein, stieg ich grundsätzlich ungern auf mein Rad. Denn bei uns war es nicht so wie in der Stadt. In der Stadt fuhren ganz viele Leute mit dem Fahrrad, es gab Radwege und Fahrradhelme. Und Autofahrer, die anhielten, wenn ein Radfahrer ihren Weg kreuzte.

Aber hier auf dem Land, da gab es nur Leute, die viel zu schnell Auto fuhren, Radfahrer frech anhupten und ihnen den Vogel zeigten, wenn sie sich nicht gleich in den Straßengraben warfen, um den motorisierten Verkehrsteilnehmern auszuweichen. Und mit Radlhelm schämte man sich hier zu Tode. Der Einzige, der bei uns einen Radlhelm trug, war der Meilinger. Aber den nahm hier sowieso keiner für voll, weil er nämlich sowohl evangelisch war als auch die SPD wählte. Da machte der Radlhelm das Kraut auch nicht mehr fett, wie meine Großmutter zu sagen pflegte.

Aber ausgerechnet heute stand mein Auto mit tropfenden Bremsleitungen beim Luke. Und weil der wieder sonst was machte, nur nicht mein Auto reparierte, musste ich mich der Bedrohung des Radfahrens aussetzen. Noch schlimmer war, dass ich eine äußerst faule Natur bin und eine Abkürzung genommen hatte, eine äußerst gefährliche Strecke durch den Wald, entlang derer – meiner Großmutter zufolge – hinter jedem Baum ein potenzieller Vergewaltiger saß. Bis jetzt hatte sich noch keiner hervorgetraut, aber wer wusste schon, wie lange diese trügerische Ruhe noch anhielt.

Die Überlegung, was mich in der Redaktion erwartete, brachte mich auf andere Gedanken. Seit Neuestem war ich nämlich von der Volontärin zur richtigen Journalistin aufgestiegen und bekam auch richtige Aufträge. Gerade gestern hatte ich den ersten bekommen, der nichts mit unserem Dorf zu tun hatte. Das war praktisch der Ritterschlag und dazu gleich etwas, das man als Auslandsauftrag gelten lassen konnte. Denn es ging um die Chancen und Risiken von Facebook und Co., und bei dem Thema stellte sich die Informationssituation im Dorf recht mager dar. Das bedeutete blöderweise auch, dass ich dazu nicht wie gewohnt Großmutter oder den Schmalzlwirt befragen konnte, die keine Ahnung von Social Media hatten, aber vielleicht konnte ich dann auf das zurückgreifen, was mich mein Kollege Kare in den letzten Jahren gelehrt hatte, nämlich großzügig Wissen von Wikipedia in mein Geschreibsel zu kopieren.

Als es wieder ein wenig bergab ging, genoss ich trotz der Nähe zu den potenziellen Vergewaltigern die Fahrt. Die lästigen Bremsen wurden fortgeblasen, der Fahrtwind kühlte die schwitzige Haut. Und dann roch es so gut. Nichts geht über den Geruch von Kiefernnadeln in einem warmen Wald, das ist einfach unbeschreiblich. Anneliese würde mir nicht glauben und anmerken, dass sie lieber kiefernnadelaromatisierten Tee trank. Weil Anneliese auch in den nächsten einhundertfünfzig Jahren nicht den Unterschied zwischen kiefernnadelaromatisiert und dem echten, einzigen Kiefernnadelduft verstehen würde. Ich will sogar behaupten, dass man durch original Kiefernnadelduft irrsinnig viele Endorphine ausschüttet.

Die folgenden Erlebnisse kann ich auch nur darauf zurückführen, dass ich durch diesen Kiefernnadelduft derart euphorisiert war, dass ich überhaupt nicht mehr mitdachte. Denn mitten während meiner rasanten und holprigen Fahrt über die ganzen Kiefernwurzeln klingelte plötzlich ein Handy. Ich machte sofort eine Vollbremsung, obwohl ich genau wusste, dass es nicht mein eigenes Handy war. Ich hätte mir nämlich niemals bei jedem Anruf Mozarts »Alla turca« vordudeln lassen. Das Handy klingelte genau aus der Richtung, wo der kleine Fußweg abzweigte. Und es klingelte so penetrant weiter, als wäre der Besitzer nicht in seiner Nähe.

Da hat doch jemand das Handy verloren, dachte ich mir stillvergnügt. Ich legte mein Fahrrad neben den Weg und stapfte den kleinen Pfad entlang in den Wald hinein. Nichts macht mehr Spaß, als das Zeug von anderen Leuten zu finden. Das war ähnlich euphorisierend wie Kiefernnadelduft oder ein so richtig fetter Döner.

Meine Großmutter hatte mir zwar schon immer eingeschärft, dass all diese schrecklichen Teile, die nur von elektrischen Wellen leben, schädlich sind. Nicht nur schädlich, sondern richtig schlecht und bedrohlich. Ich hatte ihr nie geglaubt. Dann hatte ich mir einen Fernseher gekauft, der jeden Tag ein so schlechtes Programm sendete, dass es wirklich bedrohlich war. Und ein Netbook, das mir immer wieder so viel Text fraß und vernichtete, dass einem schlecht werden konnte. Manchmal sollte man sich wirklich an dem orientieren, was ältere Leute zu einem sagen. Sie haben Lebenserfahrung und Weisheit, auch wenn sie verrückt sind, komplett veraltete Dinge von sich geben und ständig vergessen, den Herd auszuschalten. Hin und wieder steckt trotzdem ein Körnchen Wahrheit darin.

Das fremde Handy dudelte noch immer seinen »Alla-turca«-Marsch vor sich hin. Wäre Großmutter bei mir gewesen, hätte sie bestimmt gesagt, lass es klingeln. Aber beseelt von dem Wunsch, verlorene Handys zu finden, ging ich weiter den Weg entlang, bis ich es direkt neben mir klingeln hörte. Ha, dachte ich begeistert, als ich auf Anhieb das Teil sah, wie es blinkend im hohen Gras lag. Es hörte genau in dem Moment auf zu klingeln, als ich mich danach bückte. Das Display zeigte einen Anruf in Abwesenheit an. Wahrscheinlich von seinem eigenen Besitzer, mutmaßte ich, als ich es in die Hand nahm. Der radelte jetzt bestimmt durch die Gegend und rief sich ständig selbst an. Diese Vorstellung fand ich unglaublich komisch, ich musste ein ziemlich blödes Grinsen im Gesicht haben, so sehr amüsierte ich mich.

Im selben Moment sah ich, dass der vermutliche Besitzer gar nicht so weit weg war. Zumindest lag eine wächserne Hand keine zehn Zentimeter vom Handy entfernt im Gras.

Ich hatte noch immer ein blödes Grinsen im Gesicht.

Ich hatte mir im letzten Jahr viel vorgenommen. Eines der wichtigsten Dinge war, dass ich in meinem ganzen Leben keine Leiche mehr finden wollte. Wenn ich eine fand, dann wollte ich mich nicht übergeben. Falls doch, dann wenigstens so weit entfernt, dass keiner auf die Idee kam zu untersuchen, ob die Kotze von mir stammte.

Auf einen Schlag waren alle drei guten Vorsätze beim Teufel. Denn ich konnte nicht so schnell weglaufen, wie ich gehofft hatte. Mit zusammengekniffenen Augen würgte ich meine letzte Mahlzeit – eine Leberkässemmel – hervor und torkelte noch ein paar Meter, bis mir die Füße den Dienst versagten. Ich versuchte am Boden sitzend so etwas wie Kopf-zwischen-die-Beine-Stecken zu produzieren, was bestimmt sehr seltsam aussah.

Das Vierte, das ich mir vorgenommen hatte, war, niemals wieder die Polizei von meinem Leichenfund zu informieren. Diesmal standen die Chancen echt gut, dass ich davonkam, bevor mich jemand mit der Leiche in Verbindung bringen konnte.

Gut. Das war etwas naiv. Bestimmt würden die Rosenkranztanten zusammenstehen und tuscheln. Und zu dem Schluss kommen, wer schon drei Leichen gefunden hat, der findet auch eine vierte. Wohl wahr, kann ich dazu nur sagen. Aber weit und breit war keine Rosenkranztante zu sehen. Großmutter war zu Hause. Und der Schmalzlwirt stand bestimmt in seinem Wirtshaus.

Ich rappelte mich wieder auf. Obwohl ich Sternchen vor den Augen tanzen sah, ging ich stur weiter. Es waren auch keine richtigen Sternchen, beruhigte ich mich selbst. Mehr so bunte Lichtpunkte, die kometenartig durch mein Gesichtsfeld schwirrten.

Dann klingelte erneut das Handy.

Was darauf folgte, war der endgültige Beweis, dass meine Großmutter über bedeutend mehr Lebenserfahrung verfügte als ich und ich mir angewöhnen sollte, mich an ihre Ratschläge zu halten. Und dass Handys tatsächlich ein Werkzeug der CIA sind, um die psychische Gesundheit der deutschen Bürger so weit zu untergraben, dass diese, verwirrt von dem ganzen elektrischen Zeugs, nur noch ferngesteuert durchs Leben torkeln. Und Unsinn machen.

Denn wieso sollte sich eine sonst ganz normale Lisa Wild von einer blechernen Melodie zwingen lassen, auf einen grünen Knopf zu drücken und Ja zu sagen?

Am anderen Ende war einen Moment Schweigen. In meinen Ohren surrte plötzlich das, was der Beginn einer gewaltigen Gotteseingebung hätte sein können. Das passiert mir häufiger. Dass es plötzlich in meinem Ohr surrt, rauscht und klingelt. Wenn es bei Großmutter im Ohr surrte, dann bekam sie eine Gotteseingebung, ich war dazu noch nicht versiert genug.

»Das ist nicht mein Handy«, dachte ich sehr weise, hatte es aber noch immer am Ohr, was eine unglaublich gruselige Lebenserfahrung war. Das Handy eines Toten am Ohr, das war der beste Einstieg für einen Horrorschocker. Und wer hatte es in der Hand? Ich, Lisa Wild, die weder Leichen finden noch Besitztümer von Leichen in der Hand halten wollte. Meine Ohrgeräusche steigerten sich zu einem gewaltigen Hörerlebnis.

Ich quietschte so erschrocken auf, als hätte ich noch eine Leiche gefunden.

Nach einer Schrecksekunde sagte am anderen Ende der Leitung schließlich eine bekannte Stimme: »Lisa? Bist du das?«

Ich ließ das Handy einfach fallen. Irgendwie schaffte ich es wieder nicht, meinen Brechreiz zu unterdrücken.

Das Telefon redete unter dem Busch hektisch und unverständlich weiter, während ich mich erleichterte und beschloss, es einfach liegen zu lassen. Ich starrte vornübergebeugt auf den unansehnlichen Mageninhalt und versuchte, an eine Ausrede zu denken. Natürlich hatte ich niemals ein Leichenhandy in der Hand gehabt. Wer machte denn so etwas. Ich würde natürlich niemals an ein fremdes Handy gehen. Und zudem nicht quietschen.

Im nächsten Moment surrte mein eigenes Telefon in der Tasche. Ich beschloss, es zu ignorieren, denn ich wusste genau, wer dran war. Wenn nämlich etwas Größeres im Ort passierte, wenn zum Beispiel tote Mesner oder Organisten gefunden wurden oder Knochen in Kistln, dann holte man den Kriminalhauptkommissar Max Sander. Gegen den hatte ich eigentlich gar nichts, im Gegenteil. Max Sander ist nämlich der Mann, der mir anhängt, um es mit biblischen Worten auszudrücken. Und normalerweise sind wir wirklich ein Herz und eine Seele, ausgenommen in den Phasen in unserem Leben, in denen ich eine Leiche gefunden habe. Und diese Phasen kamen leider überproportional häufig in unserer Beziehung vor.

Schon nach dem ersten Leichenfund hatte ich mir eine Überlebensstrategie ausgedacht, die ich für unschlagbar hielt: einfach weitergehen. So tun, als hätte ich nichts gesehen. Diese Idee war mir immer sehr klar und schlüssig vorgekommen. Aber das zweite Mal hatte dummerweise Großmutter die Leiche gefunden, die von meiner Strategie keine Ahnung hatte. Beim dritten Mal war uns die Rosl in die Quere gekommen. Und jetzt Max. Der Depp, der.

»Ja«, sagte ich schließlich ins Telefon.

»Stehst du neben einer Leiche?«, sagte Max mehr als Feststellung denn als Frage und ohne mich vorher zu begrüßen. Dass mich mein Freund am Quietschen erkannte, war eine reife Leistung. Aber ich wollte es ihm nicht zu leicht machen.

»Nein«, antwortete ich, denn immerhin stand ich auch nicht direkt daneben. Ich hatte einen Schweißausbruch und spürte ganz deutlich, dass ich drauf und dran war, entweder Brechdurchfall zu bekommen oder eine ganz schlimme Nebenhöhlenvereiterung. Wenn man gerne und häufig Leichen findet, sollte man wenigstens keinen Kriminaler als Freund haben.

»Hast du heute schon einmal neben einer Leiche gestanden?«, fragte Max, und auch das klang nicht nach einer Frage.

Das war ganz schlecht gelaufen, und natürlich war es meine Schuld. Allein, dass ich das Leichenhandy in die Hand genommen hatte, so im Schock, war unglaublich. Dass ich das Gespräch auch noch angenommen hatte, war bereits unverzeihlich. Und dass ich schließlich mein eigenes Handy nicht ausgeschaltet hatte, war dermaßen der Gipfel der Blödheit, dass es mich selbst im Nachhinein noch fassungslos zurückließ. Zu meiner Liste, was ich bei meinem nächsten Leichenfund machen würde und was nicht, hatte ich gleich mehrere Punkte hinzuzufügen.

Ich ging den schmalen Weg zurück zu meinem Fahrrad, um möglichst viel Abstand zwischen die Leiche und mich zu bringen. Eigentlich hätte ich diesen blöden Weg gar nicht betreten sollen. Schon als Kind hatte ich ihn gehasst, denn er führte zum Ferienhaus vom alten Schaller, bei der gesamten Dorfbevölkerung nur »Schallerhäusl« genannt. Das war das alte Forsthaus, das vielleicht vor hundert Jahren noch seinen Dienst erfüllt hatte und dann vom alten Schaller oder einem seiner Vorfahren gekauft worden war. Nix gegen den alten Schaller, aber der Kerl litt schon seit Jahren an Verfolgungswahn. Um sein Grundstück mitten im Wald und das Häuschen darauf vor Einbrechern zu schützen, hatte er überall Schilder aufgestellt, auf denen zu lesen war: Selbstschussanlage, Betreten auf eigene Gefahr.

Anneliese hatte mir damals erklärt, dass ihr Vater meinte, dass das ein totaler Schmarrn sei. Wer stellte denn mitten im Wald eine Selbstschussanlage auf. Aber auf das, was Annelieses Vater meinte, konnte man auch nicht viel geben. Er hatte vor Kurzem auch gemeint, dass es gut sei, viel Geld in Aktien zu stecken. Und das war auch der totale Schmarrn gewesen, um mit seinen Worten zu sprechen.

Anneliese und ich hatten uns damals häufiger an das Häuschen herangeschlichen. Es sah so wahnsinnig gemütlich aus. Ganz aus Holz war es und hatte sogar einen ersten Stock. Die Fenster hatten ein Fensterkreuz und waren schnuckelig klein, und die Fensterläden hatten sogar Herzerl drin. Hinter den Scheiben sah man rot karierte Vorhänge. Zu gerne hätten wir noch weiter hineingespitzt. Vielleicht wohnten da ja in Wirklichkeit die sieben Zwerge, und der alte Schaller hatte sich zum Ziel gesetzt, diese Zwerge mit einer Selbstschussanlage zu schützen.

»Ach geh. Was du wieder erzählst«, kicherte Anneliese. »Man schützt doch Zwerge ned mit einer Selbstschussanlage. Die werden doch dann auch derschossen, wenn s’ in den Garten gehen.«

»Der hat bestimmt an alles gedacht«, widersprach ich. »Die Selbstschussanlage ist halt so eingestellt, dass sie nur die Großen trifft. Und die Zwerge laufen unter den Kugeln herum und werden nicht getroffen.«

Anneliese kicherte weiter. Wir lagen im Moos, ganz tief an den Boden gedrückt, damit wir nicht versehentlich erschossen wurden.

»Wie des wohl in der Nacht immer knallt …«, prustete Anneliese.

Ich konnte vor Lachen kaum mehr atmen, weil ich mir vorstellte, wie die Zwerge ihren Garten bewirtschafteten und um sie herum die Kugeln nur so pfiffen.

Aber wahrscheinlich hatte Annelieses Vater ausnahmsweise einmal recht gehabt, dachte ich mürrisch, während ich jetzt neben meinem Fahrrad wartete. Der alte Schaller hatte einfach nur irgendwo ein altes Schild herbekommen. Und wir waren alle so deppert und glaubten auch noch, was draufstand.

Es dauerte nicht lange, und ich sah einen daytonagrauen Audi langsam über die Wurzeln auf mich zuschaukeln. Als Max direkt vor mir hielt, hörten wir beide eine Sirene, die rasch näher kam. Schorsch schoss mit dem Polizeiauto in einem Irrsinnstempo über den Waldweg und bremste derart abrupt hinter dem Audi ab, dass die Kiefernnadeln nur so spritzten.

Ich verkniff es mir, die Augen zu verdrehen.

»Und, wie geht’s?«, fragte Max.

Er hatte wieder seine Polizistenmiene aufgesetzt, die ich mir gerne ansah, wenn wir miteinander Sex hatten. Kurz vor einer Befragung fand ich diese Miene hochgradig widerlich. Dann sah er nämlich aus, als würde er an gar nichts denken oder an alles. Und ich fühlte mich gleich sehr verdächtig. Vor allem lagen mir Worte auf den Lippen, die man so interpretieren konnte, dass sie mich sehr, sehr verdächtig machten.

»Gut«, sagte ich und versuchte, ebenfalls undurchdringlich auszusehen.

»Musstest du dich wieder übergeben?«, fragte er nicht besonders zartfühlend nach.

»Hm«, antwortete ich böse.

»Mehr als einmal?«, bohrte er weiter.

Als ich nicht antwortete, fügte er, diesmal mit gedämpfter Stimme, hinzu: »Und wann hättest du angerufen?«

»Gleich. Danach«, zischte ich und warf dem Schorsch, der gerade mit dem Absperrband kämpfte, einen bösen Blick zu. »Ich kann eben nicht telefonieren, wenn ich mich gerade übergeben muss.«

Max hob gekonnt eine Augenbraue.

»Hast scho wieder a Leich g’funden?«, fragte der Schorsch missbilligend.

Ich antwortete nicht, sondern bedachte diesmal Max mit meinem bösen Blick.

»Und wo liegt sie?«, fragte Schorsch neben mir so laut, dass ich zusammenzuckte.

Ich zeigte unbestimmt zu dem kleinen Pfad.

»Beim Schaller seim Häusl?«, fragte er erstaunt.

»Nein. Aber auf dem Weg dorthin«, brummelte ich, noch immer verärgert darüber, dass mich Max so penetrant nach meinem revoltierenden Magen gefragt hatte.

Während Schorsch sich noch immer in das Absperrband einwickelte, telefonierte Max schon wieder. Ich durfte nicht weiterfahren, obwohl ich jede Menge zu tun hatte.

»Das Handy«, sagte schließlich Max, als ich hinter ihm den schmalen Weg entlangging. »Wo ist das jetzt?«

Ich zuckte unbestimmt mit den Schultern, obwohl er das nicht sehen konnte. Ich hatte es irgendwo fallen gelassen.

»Keine Ahnung«, sagte ich, als er sich umdrehte. »Du hast mich so erschreckt mit deinem blöden Anruf, dass ich es einfach fallen gelassen habe.«

Max verdrehte die Augen. Gleich würde er sagen, wie schaffst du das nur, immer mir die Schuld in die Schuhe zu schieben.

»Ja, telefonier du doch mal mit einem Leichenhandy!«, fauchte ich ihn an. »Da würdest du auch erschrecken.«

O.k. Würde er vermutlich nicht. Bestimmt hätte er das Handy gar nicht ohne Plastikhandschuhe angefasst. So ein Mist aber auch.

Max war so galant, sich eine Antwort zu verkneifen. Wahrscheinlich hatte er aber auch Angst davor, dass ich ganz gewaltig hysterisch werden würde.

»Da hinten«, sagte ich und wedelte ein wenig mit der Hand in Richtung der Leiche.

»Weißt du, wer es ist?«

»Sag mal, meinst du, ich kenne jede Leiche, die ich finde?«, fauchte ich ihn an. Das wäre ja noch schöner. Bis jetzt hatte ich zwar noch jeden Toten gekannt, aber irgendwann war mein Bekanntenkreis natürlich erschöpft. Da konnte man nicht uferlos weiter bekannte Leichen finden.

»Ich hab sie mir auch so genau nicht angesehen«, gab ich zu. Eigentlich gar nicht. Eine wächserne Hand hatte jedenfalls gereicht, um mir den ganzen Tag zu vergällen. Da würde ich doch nicht auch noch hingehen und mir die ganze Bescherung anschauen.

Der Schorsch hatte da keine Hemmungen. Er schob die Blätter des Busches ein wenig zur Seite und gab ein seltsames Geräusch von sich. Ich drehte mich vorsichtshalber um, um nichts zu sehen.

»Ja. Des is er«, sagte er.

»Und, wer ist es?«, fragte ich neugierig nach.

Max sah aus, als meinte er, ich hätte ja selbst gucken können und nicht den Schorsch vorschicken.

»Der is scho länger tot«, sagte der Schorsch hinter mir. »Der is scho eiskalt.«

Ich spürte schon wieder den unwiderstehlichen Drang, mich zu übergeben.

»Wenn du dich übergeben musst, dann bitte weiter dahinten«, empfahl mir Max ziemlich hartherzig. »Das ist ein Tatort.«

Ich spürte, wie mein linkes Augenlid zu zucken begann. Man darf sich als Frau nicht alles gefallen lassen. Wehret den Anfängen, würde meine Großmutter sagen.

»Sonst ist wieder alles vollg’spien«, stimmte der Schorsch zu. »Die Spurensicherung hat ja auch noch was anderes zu tun.«

Das war der berühmte Tropfen.

»Ihr blöden Deppen, ihr blöden!«, keifte ich Max hysterisch an. »Ich speib hin, wo ich will! Und dein blödes Gerede brauch ich mir auch nicht anzuhören! Da nehme ich euch die harte Arbeit ab und finde die Leichen, und ihr habt nichts Besseres zu tun, als an mir rumzumeckern!«

Kritik von Max konnte ich nämlich überhaupt nicht vertragen. Der jedoch nahm auf meinen Gemütszustand kein bisschen Rücksicht und verdrehte die Augen zum Himmel.

Ha.

Das war jetzt wirklich das Allerletzte.

Eigentlich war ich nicht für eine feste Beziehung geschaffen. Ich hatte jetzt zwar schon monatelang an der Seite meines Freundes ausgeharrt, aber ich wollte lieber nicht darüber nachdenken, wie oft ich mir gedacht hatte, was für ein Depp er war. Ein einfühlsamer Freund hätte mich jetzt getröstet, anstatt mir wegen meiner Überempfindlichkeit im Magenbereich zuzusetzen.

»Da hätte doch jeder gespien«, behauptete ich. »Und wage es nicht, mir noch einmal zu sagen, wann ich mich wohin übergeben darf!«

Ich geriet wirklich in Rage, und das auch zu Recht, fand ich, denn wenn ich gewusst hätte, dass ich eine Leiche finden würde, dann hätte ich garantiert keine Leberkässemmel mehr gegessen. Besonders auf den Senf hätte ich dann verzichtet. Aber wer konnte das schon ahnen!

Wütend drehte ich mich um und lief in Richtung Fahrrad. Damit Max es möglichst schwer mit der Verfolgung hatte, wenn er sich bei mir entschuldigen wollte, nahm ich eine Abkürzung quer über die Lichtung und stolperte bei jedem zweiten Schritt über dorniges, stacheliges Gebüsch. Hier gab es mehr Berberitzen und Schlehen, als es in einem Wald geben sollte. Meine Beine waren nach kürzester Zeit so zerkratzt, dass ich hätte heulen können. Dafür hatte ich überhaupt kein Bedürfnis mehr, mich zu übergeben. Vielleicht lag es auch daran, dass ich nichts mehr im Magen hatte.

Am meisten ärgerte mich aber, dass Max mir nicht folgte. Ich hatte es mir richtig schön ausgemalt, wie er in alle Dornen hineinstolperte, die auch meinen Waden zusetzten. Und wie er mich am Schluss, vollkommen fertig von dem Marsch durch den Wald, in die Arme schließen und um Verzeihung bitten würde.

Für einen Moment hatte ich nicht genügend aufgepasst. Meine Füße verhakten sich so gründlich in etwas, dass ich ungebremst auf dem Boden aufschlug. Ich war ziemlich froh, dass ich genau an dieser Stelle gefallen war. Weil ich nämlich in einen stachelfreien Hartriegel gerauscht war. Und auch das, worüber ich gestolpert war, war Gott sei Dank keine Berberitze, denn es hatte ebenfalls keine Dornen.

Das mit dem Gott sei Dank nahm ich in der nächsten Sekunde wieder zurück. Denn als ich mich wieder aufrappelte, sah ich, was mich zum Stürzen gebracht hatte.

Es waren zwei lange, unbestrumpfte Frauenbeine.

Eine Singdrossel sang klar und laut ihr Lied. Eine ständige selbstvergessene Wiederholung dessen, was sie schon zuvor gesungen hatte und auch die nächste Stunde immerzu singen würde. Nach dem letzten Regen war das Gras über Nacht gewachsen. Die Büsche vor dem Wald waren jetzt hellgrün, und über mir sausten Unmengen von Distelfaltern in den Wald hinein. Einer nach dem anderen, als hätten sie ein ganz konkretes Ziel.

Ein Zilpzalp zwitscherte sein ewig gleiches Gezilpe, was mich ein wenig beruhigte. Man konnte sich einbilden, es wäre ein ganz normaler Tag. Mit einem ganz normalen Zilpzalp-Gezilpe.

Ich saß am Waldrand und wusste, dass mich ungefähr dreihundert Meter von dem Grauen trennten. Ich versuchte, es zu vergessen, und hörte auf die vor sich hin schwätzende Heckenbraunelle. Ich betrachtete die trockene Wiese vor mir – die Kartäusernelke leuchtete pinkfarben aus dem dunklen Grün, aufrecht reckte der Ziest seine cremefarbenen Blüten nach oben.

Als es hinter mir knackte und raschelte, drehte ich mich etwas zu schnell um. Die Schlehen hinter mir waren schon längst verblüht. Vor meinen Augen verschwammen für einen Moment die alten grauen Stämme der Fichten, beschirmt von den graugrünen Nadeln. Dann sah ich wieder klar.

Ich hörte Max hinter dem Schlehengebüsch fluchen. Im nächsten Moment tauchte er neben mir auf. Ich runzelte angestrengt die Stirn, um nicht gleich loszuheulen.

Max ging neben mir in die Hocke.

»Na«, sagte er freundlich.

Er erwähnte mit keinem Wort, dass ich mich an diesem Vormittag nun schon zum dritten Mal übergeben hatte.

Ich zuckte nur mit den Schultern. Was sollte ich jetzt dazu sagen? Ich war vom Schicksal auserwählt, Leichen zu finden. Und wenn irgendwo mehr Leichen herumlagen, dann fand ich die auch. Eine nach der anderen. Und wenn da noch mehr lagen, dann fand ich jede einzelne.

»Wie viele habt ihr noch gefunden?«, fragte ich besonders würdevoll. Ich wollte mir nichts nachsagen lassen. Auf keinen Fall wollte ich als hysterisch gelten, auch wenn ich das vielleicht war.

Max sah mich ein wenig betrübt an. Vielleicht, weil sie keine weiteren gefunden hatten. Vielleicht, weil ich ihm leidtat. Vielleicht auch, weil er Hunger und Durst hatte und sich mit zwei Leichen im Wald herumschlagen musste.

»Keine weiteren«, sagte er mit seiner zartfühlendsten Stimme.

»Ein Massenmord«, sagte ich düster. Das nimmt noch ein schlimmes End, würde Großmutter sagen.

Eine Weile sagten wir gar nichts, sahen auf die Wiese vor uns, in der die hohen Gräser leicht im Wind wippten. Der Thymianduft der Wiese konnte jedoch den metallischen Blutgeruch nicht aus meinem Gedächtnis vertreiben.

Max hatte sich neben mich gesetzt und mir den Arm um die Schultern gelegt. Ich wartete darauf, dass er irgendetwas sagte. Arme Lisa, zum Beispiel. Schon wieder ein paar Leichen. Stattdessen sahen wir auf den Maisacker vor uns und schwiegen wie ein altes Ehepaar vor dem Fernseher.

Ich hörte Schorsch niesen und – offensichtlich keineswegs durch den Leichenfund belastet – trompeten: »Da werden wir uns so was von die Zecken holen. Eine hab ich schon gefunden. Müssen die unbedingt im Wald rumliegen …«

Er verstummte, als er auf die Lichtung kam. Vielleicht weil Max etwas angenervt dreinblickte. Vielleicht aber auch, weil er die nächste Zecke gefunden hatte.

»Jetzt wären s’ da«, sagte er sehr kryptisch, ohne mich anzusehen.

Großmutter war wie erwartet überhaupt nicht mitfühlend. Sie sah eher so aus, als hätte sie mir gerne die Leviten gelesen. Die Angewohnheit hatte sie früher nämlich immer gehabt, wenn mir etwas Unangenehmes widerfahren war. Bevor sie mich tröstete, wurde ich grundsätzlich erst geschimpft. Vom Rad gefallen zu sein bedeutete nämlich nicht nur ein aufgeschlagenes Knie, sondern auch, dass ich wieder irgendwo unterwegs gewesen war, wo ich nicht hätte herumfahren sollen.

Bei den Leichenfunden war das ganz ähnlich. Dummerweise war nämlich, bevor ich das mit den Toten beichten konnte, die Rosl am Gartenzaun aufgetaucht mit einem: »Und, weißt es schon?« Und Großmutter hatte es eben noch nicht gewusst, weil ich zu lange von der Polizei aufgehalten worden war.

Deswegen war ihr erster Kommentar zu mir auch kein »Mein armes Kind, schon wieder ein paar Tote« gewesen, sondern »Wo hast dich denn schon wieder rumgetrieben?« und dann noch viel böser: »Muss ich mir den ganzen Schmarrn von der Rosl anhören.« Die wusste natürlich um einiges genauer als ich, wie das war, mit dem Leichenfund.

»Ich kann nichts dafür«, sagte ich und setzte mich auf die Eckbank. Irgendwie tat es gut, dass Großmutter kein Mitgefühl kannte. Sie schüttelte nur ungläubig den Kopf über meine Beine.

»Wie der Lazarus schaust aus«, sagte sie tadelnd. »Da g’langen ja die Pflaster gar ned, die wir daheim haben.« Sie hatte anscheinend auch überhaupt keine Lust, Pflaster zu organisieren. Sie schnalzte nur mit der Zunge und mutmaßte, dass ich fürs Leben entstellt sei, mit solchen Beinen.

Zornig sah ich mir meine Beine an. Ich war anscheinend durch alles gelaufen, was auch nur annähernd Stacheln hatte. Angefangen von den blöden kleinen Berberitzen bis hin zum stacheligen Wacholder und den Brombeeren, die einem Stolperschlingen legten.

»Und, wer war’s dieses Mal?«, fragte Großmutter nach.

»Ich hab nicht geschaut«, gab ich zerknirscht zu.

Sie sagte nichts dazu, obwohl man ihr ansah, dass sie das nicht verstehen konnte.

»Die finden das schon raus«, redete ich mich heraus und verschmierte Spucke auf einem Kratzer am Bein.

Aus unserem Wohnzimmer kamen komische Geräusche, als würde ein Hund an der Tür kratzen. Ich sah unter den Tisch, aber unser Hund lag da noch. Außerdem roch es ziemlich angebrannt, obwohl kein Topf auf dem Herd stand.

»Glaubst das nicht«, sagte Großmutter seufzend. »Und gleich drei.«

»Drei?«, echote ich ungläubig. »Drei Leichen? Also, ich hab nur zwei gefunden.«

»Das reicht ja auch«, antwortete sie. »Angefasst hast sie nicht, oder? Dass du mir fei keine Leichen anlangst!«

Ja pfui Teufel.

»Nein, hab ich nicht«, sagte ich mürrisch. Nur das blöde Handy, aber das würde ich nicht verraten. Was ich mir da wieder würde anhören müssen. Über Elektrosmog und Pipapo. Es roch noch immer nach überhitzter Herdplatte. Frustriert stand ich auf, um den Ofen abzudrehen. Wieso konnte sie sich das nicht merken? Irgendwann passierte bestimmt noch etwas ganz Schreckliches. Dieses Irgendwann war drei Sekunden später. Kurz bevor ich den Herd erreichte, machte es PUFF, und die Platte stand in Flammen.

Großmutter stellte sich neben mich, und wir sahen dem Brand bewegungslos zu.

»Wie geht denn so was?«, flüsterte ich, schon ein klein wenig hysterisch.

»Da ist Fett drauf. Auf der Platte«, erklärte Großmutter routiniert. »Des fängt dann zu brennen an. Wenn’s zu heiß wird.«

Wir sahen noch immer zu.

»Mach was«, schlug ich fassungslos vor.

Großmutter beugte sich nach vorn und blies die Flamme aus.

»Oh«, sagte ich nur, während Großmutter sich umdrehte und wieder zur Eckbank ging. Ich schaltete den Herd ab. Mir zitterten die Knie, mir war schon wieder schlecht. Das ging so nicht weiter. Wie sollte ich da in Ruhe arbeiten, wenn meine Großmutter in der Zeit die Küche abfackelte? Da war ja so ein Leichenfund ein Klacks dagegen!

Ich ließ mich ebenfalls auf die Eckbank fallen und atmete ein paarmal tief durch. Irgendwie würde ich das schon lösen.

Da war es schon wieder, dieses komische Kratzen. Misstrauisch sah ich erneut unter den Tisch. Aber unser Hund lag da noch immer bewegungslos.

»Was ist denn da im Wohnzimmer?«, wollte ich wissen.

»Ach, des is dieses Hundsvieh von der Resi«, erklärte Großmutter. »Du weißt schon. Die ist doch zu ihrer Tante, weil die ein Schlagerl hat und jetzt im Krankenhaus liegt.«

»Und dir hat sie den Hund aufs Auge gedrückt?«, wollte ich wissen. Hatte die überhaupt keinen Respekt vor dem Alter? »Hat die nicht noch ihren Papa, der so was machen kann?«

»Der sieht doch nicht mehr g’scheit«, wandte Großmutter ein. »Und mit dem Spazierengehn hat er’s auch nicht so.«

Als wenn meine Großmutter es »mit dem Spazierengehen« so hätte.

»Aber er ist bestimmt fünf Jahre jünger als du. Und bis zum Schmalzl schafft er’s auch noch. Da wird er doch noch dieses blöde Hundsvieh mitnehmen können.«

»Ja. Aber sie hat ihn ja auch dir dagelassen und nicht mir«, erklärte Großmutter.

Mir stand der Mund sperrangelweit offen. »Aber. Das kann die doch nicht machen.« Noch dazu, ohne mich zu fragen.

»Ist doch nur für zwei Wochen«, beruhigte mich Großmutter. »Ob du jetzt mit einem oder zwei Hunden rausgehst, ist doch grad wurscht. Hat sie g’meint.«

Blöde Kuh. Wie sollte ich denn das hinbekommen? Auf Großmutter aufpassen, meinen Hund Gassi führen und dazu noch einen total gestörten Hund, der sich mit allem paarte, was ihn nicht auffraß oder schlug.

»Der Pfarrer war’s aber nicht?«, wollte sie wissen, denn die Hundeproblematik interessierte sie ganz offensichtlich gar nicht. Nachdem jetzt schon sowohl der Organist als auch der Mesner gestorben waren, wäre das der Gipfel gewesen. Und wo sollten wir jetzt auf die Schnelle einen neuen Pfarrer herbekommen?

»Ich hab doch nicht geschaut«, erinnerte ich sie.

»Weil, das wäre ja noch schöner«, sagte sie und nahm ihr Glas mit Wasser, um es in die Grünlilie am Fensterbrett zu schütten.

Kapitel 2

Anneliese war schon immer meine beste Freundin gewesen. Eine Zeit lang hatten wir zwar keinen rechten Kontakt gehabt, aber seit ich meine erste Leiche gefunden hatte, waren wir wieder richtig gut befreundet. Trotzdem ging ich ihr in letzter Zeit gerne aus dem Weg. Sie versuchte seit bestimmt fünf Monaten, wieder schwanger zu werden, und es wollte und wollte nicht klappen. Inzwischen wusste ich im Detail darüber Bescheid, wie das mit dem Schwangerwerden funktionierte, und ich persönlich fand die Schilderungen ziemlich eklig.

Dass sie an diesem Morgen schon in aller Früh direkt vor unserem Gartenzaun auftauchte und mich abfing, bevor ich mit meinem Hund eine Runde hatte drehen können, und noch dazu ohne quengelnden Anhang, konnte alles Mögliche bedeuten. Entweder, sie war schwanger und hocherfreut und würde mich volllabern, oder sie war nicht schwanger und furchtbar frustriert und würde mich volllabern. Und in beiden Fällen würde das ewig dauern. Oder aber sie wollte wissen, ob ich Leichen angefasst hatte, und mich nach ihrer Identität fragen. Mein Hund konnte nicht mehr an sich halten und pinkelte bei der Reisingerin an den Gartenzaun. Ich beschloss, das zu ignorieren. Schließlich konnte ich nichts dafür, dass Resis blöder Köter genau an diese Stelle gepinkelt hatte und mein Hund sich das nicht gefallen lassen wollte. Außerdem war es sowieso eine Zumutung, dass ich zweimal Gassi gehen musste, nur weil sich die Hunde ständig stritten.

»Und, wie geht’s?«, fragte mich Anneliese recht erwartungsfroh. Ach ja. Wenn sie mit diesem Satz anfing, dann ging es auf jeden Fall nicht um ihre Schwangerschaft, da war sie viel direkter. »Hab g’hört, der Max und du, ihr habts euch recht gestritten.«

Der Schorsch. Der Depp, der. Musste alles weitererzählen.

»Ja, mei«, erwiderte ich böse. Obwohl ich wusste, dass Anneliese furchtbar scharf auf die Details war, beschloss ich, dass der Streit über meinen empfindlichen Magen keinen etwas anging. Max und ich stritten uns regelmäßig, wenn ich eine Leiche fand, aber das konnte ich leichter ertragen als Uneinigkeiten bezüglich der Wohnungseinrichtung. Da würde ich bei ihrem Göttergatten die Krise kriegen.

»Und dein Thomas, der hat sich eine Flashplate gekauft …«, sagte ich voller Genugtuung, um vom Thema Leichenfinden abzulenken. Ich hatte nämlich ihren Mann im Baumarkt dabei ertappt, wie er sich so eine »Blitzplatte« kaufte, auf der blaue Blitze zuckten, wenn man sie berührte. Und tief in mir drinnen wusste ich, dass das die neue Variante von zu Tischen umfunktionierten Wagenrädern darstellen musste.

»Hast du die gekannt?«, fragte sie, ohne sich von mir ablenken zu lassen. Ich hatte eher die Frage erwartet, wie mir denn das schon wieder hatte passieren können. Eine Leiche nach der anderen. Das war doch nicht normal! Aber Anneliese interessierte sich nur für Namen und Anschrift der Opfer. Das war mal wieder der Beweis, dass sich in unserer Gemeinde kein Mensch für mich interessierte. Keiner machte sich über meinen psychischen Zustand nach einem Leichenfund Gedanken. Kein Mensch interessierte sich auch nur ein bisschen für meine Gefühle und Ängste! Und besonders Anneliese, als Freundin prädestiniert dafür, mit mir mitzufühlen, benutzte mich nur als Schutthalde für ihren Spermafrust und ihre eklatante Neugier.

»Nein.« Keine Ahnung.

»Der Resi ihr Papa lebt zumindest noch«, sagte Anneliese. »Nur ihren damischen Hund, den hab ich noch nicht gesehen.«

Ich sah sie düster an. So angestrengt, wie sie sich das Grinsen verkniff, wusste auch sie schon von meinem Hundezuwachs. »Ich muss dann wieder«, flötete sie. Und weg war sie.

Mein Hund lief vor mir in die Küche und knurrte Resis Hund böse an, so mit gefletschten Zähnen und richtig grimmiger Miene. Dann drehte er sich, bevor er sich hinlegte, so lange unter dem Tisch, bis Großmutter reichlich entnervt etwas wie »Lästiges Hundsvieh« brummte. Misstrauisch sah ich eine Weile Resis Hund zu, der etwas eingeschüchtert mitten in der Küche stehen blieb, bis er sich traute, sich ganz nah neben mich zu setzen. Er hatte sich den ganzen Morgen lang mit nichts gepaart. Vermutlich lag das daran, dass ich ihn seit fünf Uhr morgens mit meiner alten Wasserpistole beschossen hatte, wenn er wieder angefangen hatte, sich neben meinem Bett mit einem Polster zu verlustieren. Mein Hund war seitdem total stinkig, weil er nicht wie gewohnt neben meinem Bett schlafen durfte, und ich war total stinkig, weil das Polster jetzt wegen der Wasserpistolenschüsse nass war. Nur Resis Rüde hatte beschlossen, dass er mich liebte, und drückte sich besonders nah an mein Knie. Konnte ich meine Großmutter mit den zwei Hunden allein lassen? Großmutter sah nicht so aus, als müsste sie vor irgendetwas gerettet werden. Sie saß mit miesepetriger Miene vor der Zeitung und sah nicht einmal auf, als ich begann, mir mein Frühstück zu machen.

Ich stellte mich vor den Kühlschrank und beschloss, dass ich jetzt als richtige Journalistin meine Ernährung umstellen sollte. Als erfolgreiche Reporterin aß man in der Früh bestimmt nur noch eine Kleinigkeit zu einer riesigen Tasse Kaffee. Vielleicht etwas Obst und Cornflakes. Jemand, der so ein mageres Frühstück aß, konnte bestimmt auch seinem Chef die Meinung geigen, wenn der einem die blöden Jobs andrehen wollte.

Ich griff nach der Milchflasche. Hinter mir machte Großmutter ziemlich laut tststs. Ich spitzte ihr vorsichtig über die Schulter, während ich die Milch auf den Tisch stellte.

Die Hunde-Sex-Puppe, las ich ganz rechts außen. Uuups. Wofür sich Großmutter interessierte! »Der Geschlechtstrieb des Durchschnittshundes ist sehr ausgeprägt und zeigt sich als heftige Leidenschaft, Rausch, welcher sie mehr oder weniger närrisch macht«, stand dort Alfred Brehm zitiert.

Die Sache mit unserem Hundesitterdienst schien sie doch mehr zu belasten, als sie zugab. Und ich bezweifelte, dass mein Wasserpistoleneinsatz eine langfristige Wirkung zeitigen würde. Denn normalerweise hatte der blöde Hund einen Sexualtrieb, der jede Vorstellungskraft sprengte. Da wurde alles zum Sexualobjekt, von Sofakissen angefangen über Menschenbeine bis hin zu Plüschtieren. Insofern wunderte mich das Interesse von Großmutter nicht. Vermutlich lebte sie in der Angst, sich in meiner Abwesenheit einen sexuell frustrierten Hund vom Leib halten zu müssen. Und was wäre da besser als eine rote Doggie Lover Doll? Ein pflegeleichtes Weichgummiweibchen. Wenn das mal nicht eine gute Nachricht war!

»Weißt du, was ich in der Zeitung gelesen habe?«, sagte sie schließlich mit gerunzelter Stirn.

Oh. Oh. Sexuelles mit meiner Großmutter durchzukauen war irgendwie nicht das, was ich mir als Frühstücksunterhaltung vorstellte. Es reichte, dass ich schon wieder in eine Mordermittlung verwickelt war, da war ein tiefschürfendes Gespräch über ein Hormonabfuhrprodukt nicht das, was ich wirklich brauchte.

»Was denn?«, antwortete ich gottergeben, da sie sowieso nicht abzuhalten sein würde, mir davon zu berichten.

»Die Leiche«, erklärte Großmutter. »Stell dir das vor.«

Ich will jetzt nicht weinerlich sein. Aber noch schlimmer als ein Gespräch über Doggie Lover Dolls aus pflegeleichtem Weichgummi war eines über Leichen. Und ich wollte mir definitiv nichts vorstellen. Plötzlich hatte ich das Gefühl, ganz, ganz viel essen zu müssen.

»Weißt du, wer die Toten waren?« Großmutter sah mir triumphierend zu, wie ich im Kühlschrank nach etwas suchte, das sehr fett, sehr süß und sehr kalorienreich war. Zu meinem Ärger fand ich nichts. Anscheinend hatte der Kare die Identität schon herausgefunden. Jetzt hockte Resis Rüde neben mir und beobachtete mit hungrigen Augen, wie ich im Kühlschrank wühlte.

An der Haustür klingelte es. Das war jetzt entweder Anneliese, die nun auch in die Zeitung geguckt und gelesen hatte, wer die Toten waren, oder die Reisingerin, die sich darüber aufregen wollte, dass unser Hund es nicht ein paar Meter weiter zu Laschingers an den Gartenzaun geschafft hatte. Großmutter seufzte und sagte: »Dann mach ihm halt auf. Dem Max.«

Richtig. Der konnte es auch noch sein. Max kam nämlich hin und wieder zum Frühstücken vorbei, weil er lieber Großmutters Marmelade aß als die Fertigkonfitüre.

»Wundern tut mich des ned«, sagte Großmutter, während Max und ich in die Küche kamen. Mein Hund und Resis Rüde sprangen wild bellend um Max herum, mein Hund giftete furchtbar herum, und ich schlug Resis Rüden mit der Zeitung eins auf die Rübe.

Grinsend ließ Max sich auf einen Stuhl fallen und streckte die Beine aus. Mein Hund kuschelte sich an Max und warf mir einen vorwurfsvollen Blick zu, während Resis Hund sich an mein Bein schmiegte. Blöder Köter.

»Hast du vergessen, dass ich dich geschlagen habe?«, wollte ich wissen, während er mir den Kopf zwischen die Beine steckte. »Der Hund hat echt ein großes Problem. Sitz«, fauchte ich ihn an. »Platz. Menschenskinder.«

Das Grinsen von Max wurde noch breiter, während er meine dilettantischen Erziehungsversuche beobachtete.

»Ich habe noch nicht gefrühstückt«, behauptete er und lächelte dabei sein cooles Polizistenlächeln, das mich sonst immer schwachmachte. Heute aber nicht. Denn wenn heute in der Zeitung stand, wer die Toten waren, dann wusste Max das schon seit gestern.

»Weißt du schon, wer die Toten sind?«, fragte ich bei Max nach und knallte ihm sauer die Kaffeetasse vor die Nase. Er sagte dazu wohlweislich gar nichts, sondern schüttete den Kaffee aus der Untertasse wieder in die Tasse hinein.

»Der Roidl Anton und sei Weib«, klärte mich Großmutter auf. »Du weißt schon, der Bub vom alten Roidl.«

Ich drehte mich abrupt zu ihr um. »Wer? Der Anton?«, unterbrach ich sie.

»Bub?«, fragte Max.

Ich ignorierte ihn. Meine Übersetzertätigkeit bei seinen Ermittlungen würde ich aus Rache einstellen. Und er als »Preiß« würde garantiert nicht verstehen, dass man als Sohn immer der Bub blieb, auch wenn man schon ein aufgedunsener Gschwollschädel war wie der Roidl Anton.

»Einen anderen Buben hat doch der alte Roidl gar ned«, sagte Großmutter und ignorierte Max’ Einwurf. »Der einzige Bub, dahingemeuchelt. Wennst dir des vorstellst.« Sie schnalzte wieder mit der Zunge und las weiter in der Zeitung. »Na ja, und seine Frau ist ja praktisch auch das einzige Mädl, wo doch damals ihre Schwester einfach davon ist.«

Und der Anton hatte sogar eine Frau gefunden, wenn das mal nicht eine Neuigkeit war.

»Und schon wieder ist der Mesner tot«, stellte ich düster fest. Bei dem Verschleiß, den wir hatten, würden wir wahrscheinlich nie wieder einen Freiwilligen finden, der dieses Amt übernahm.

»Ah geh, Mesner.« Großmutter sah unwillig auf. »So ein richtiger Mesner war der doch gar nicht. Des war doch reine Gschaftlhuberei. Des war doch dem gar kein Bedürfnis.«

Meine Rede.

Großmutter nahm ihr Wasserglas, stand auf und schüttete es in unsere Grünlilie.

Der Roidl Anton. Ein Wunder war das auch nicht, also, dass gerade der ermordet worden war. Bereits früher hatte ich mir immer vorgestellt, wie der irgendwann ermordet werden würde. Ich konnte mich noch gut erinnern, wie mal die Klassenkameraden dem Sebastian eingeredet hatten, dass der Roidl Anton den Spitznamen »Dorschenschädel« trug. Und dass er ihn nur mit diesem Namen anreden sollte, weil er sonst zornig werden würde. Der kleine Sebastian, der jedem Konflikt aus dem Weg ging, besonders Konflikten mit großen, kräftigen und cholerischen Jungs, wie der Anton einer war, hielt sich natürlich an diesen Ratschlag. Er hatte anscheinend keine Ahnung, was Dorschen sind, weil seine Mutter ihn zu einem völlig weltfremden Bürschchen erzogen hatte. Er kannte nur Wörter wie Quark-Hirse-Auflauf oder Linsenbratlinge mit Dinkeleinlage. Obwohl jeder vernünftige Mensch sich im Klaren darüber sein konnte, dass Dorschenschädel nicht der Klang eines liebevollen Spitznamens ist, wie etwa Schnucki. Und Putzilein. Max würde jetzt sagen, na und, was soll daran schlimm sein. Aber wenn jemand nicht weiß, dass Dorschen Rüben sind, kann er sich auch nicht vorstellen, wie der Roidl Anton da reagiert hat.

Man muss nämlich wissen, dass der Roidl Anton damals schon fast zwanzig Jahre alt war und ziemlich groß und kräftig. Und in seinem breiten Rübenkopf steckte kein besonders feiner Geist. Deswegen war der Name Dorschenschädel auch so passend. Wir fanden es auf jeden Fall richtig tapfer vom bleichen Wastl, wie er dem Anton freundlich winkend Dorschenschädel zugerufen hatte.

Großmutter sah von einem zum anderen, weil keiner etwas sagte, und knallte die Zeitung auf den Tisch.

»Erdbeeren oder Zwetschgen?«, fragte sie, da ich zu wenig Gastgeberin war, um Marmelade zu holen.