ISBN: 978-3-95573-513-5
1. Auflage 2016, Bremen (Germany)
Klarant Verlag. © 2016 Klarant GmbH, 28355 Bremen, www.klarant.de
Titelbild: Unter Verwendung eines Bildes von shutterstock.
Sämtliche Figuren, Firmen und Ereignisse dieses Romans sind frei erfunden. Jede Ähnlichkeit mit echten Personen, lebend oder tot, ist rein zufällig und von der Autorin nicht beabsichtigt.
Alle Rechte vorbehalten. Das Werk darf - auch auszugsweise - nur mit Genehmigung des Verlages wiedergegeben werden.
„Ich bin unschuldig, sie ist von alleine hingefallen“, verteidige ich mich lachend, während ich meine Schuhe achtlos in die Ecke werfe und meine Jacke auf dem kleinen Beistelltisch ablege.
„Das sah aber in meinen Augen ganz anders aus. Ich dachte mir, ich besorge eine Schlammgrube, um den Fight hollywoodreif zu inszenieren.“
Den Kopf zur Seite gelegt, stehe ich einen Moment nur da und starre ihn an. Ich kann aber nicht lange ernst bleiben und setze ein verschwörerisches Lächeln auf. „Lassen wir die Sache und widmen uns dem Alkohol. Was möchtest du – Wein, Bier, Sekt?“
Sekt – ich frage mich, ob ich die Flasche, die ich mit William angefangen habe, wirklich mit Andy austrinken soll. Schlechtes Karma und so. Denn selbst wenn die Beziehung, die ich innerhalb von vier Stunden zu Andy aufgebaut habe, rein platonisch ist und wir beide wissen, was wir voneinander erwarten können und was nicht, fühle ich mich wie eine Verräterin. Schon weil ich ihn mit in meine Wohnung geschleppt habe. Die muss ich ohnehin bald räumen, da ich unter die Affäre mit William einen endgültigen Schlussstrich ziehen möchte. Ich denke, ich bin über den Berg.
Die Woche, die ich nach der bösen Auseinandersetzung mit William bei meinen Eltern verbracht habe, hat mich beseelt. Natürlich habe ich viel geheult und bin wie eine Verrückte am Strand herumgelaufen, als würde dort die Lösung begraben liegen. Meine Eltern haben mir erstaunlicherweise geholfen und Vorwürfe unterlassen. Wobei ich hinzufügen muss, dass ich ihnen auch nur die halbe Wahrheit über mein Verhältnis zu meinem Boss erzählt habe. Sie glauben, dass wir einmal essen waren, uns geküsst und dann wieder Schluss gemacht haben.
Was soll ich sagen, ich will sie schließlich nicht schockieren und das Bild, das sie von ihrer ach so braven Tochter haben, zerstören.
Doch auch wenn die Woche viel zu schnell vergangen ist und das Schlimmste eigentlich noch vor mir liegt, fühle ich mich stärker denn je.
William hat sich kein einziges Mal gemeldet, was ich eher Georges Überredungskünsten als seinem Durchhaltevermögen zuschreibe. Und nach über einer Woche, in der ich ihn weder gesehen noch gesprochen habe, setzt mir nun, da ich zurück in London bin, das alte Leben zu. Besonders hier in seiner Wohnung, die ist sie nun einmal, fehlt er mir. Auch wenn ich mir ständig ins Gedächtnis rufe, was mir fehlt – nicht er, sondern vielmehr das, was ich glaubte, an ihm zu haben. Das, was ich als Liebe bezeichnet habe, und sicher ist da von meiner Seite noch Liebe. Ich bin kein Roboter, sondern ein Mensch aus Fleisch und Blut und kann meine Gefühle nicht so einfach abstellen und neu beginnen.
Jedenfalls hilft mir Andy, der mich damals vor Georges Haus aufgegabelt und nach Hause gebracht hat, über die steilsten Stufen. Deshalb hat er sich auch eingebildet, heute unbedingt essen zu gehen und dann richtig abzufeiern, was an einem Sonntag äußerst schwierig zu bewerkstelligen ist, wie wir enttäuscht feststellen mussten.
So waren wir nur essen und sind dann in eine Bar gegangen, wo wir anfangs noch Spaß hatten, bis ein betrunkener Lockenkopf meinen Begleiter angegraben hat. Wahrscheinlich hat sie ihn wiedererkannt, da er der Besitzer des POPS ist. Eine Nobeldisco, die sich in den letzten Jahren an der Spitze der Clubszene etabliert hat.
Sie hat ihn eine halbe Ewigkeit lang zugeschwafelt, ich habe brav gelauscht und mich im Hintergrund gehalten, bis ich auf sein Zeichen reagierend dazwischengegangen bin. Und wie sollte es anders sein, besagter Lockenkopf ist wie ein Geier auf mich losgestürzt und hat nicht nur den Namen meiner Mutter in den Dreck gezogen.
Andy und ich sind geflüchtet, haben uns aber vor Lachen gekrümmt. Die Situation war einfach zu komisch!
„Ich nehme ein Bier“, antwortet er und folgt mir ins Wohnzimmer.
„Ich weiß aber nicht, ob ich dir deine Autoschlüssel dann noch gebe“, warne ich ihn.
Er macht eine wegwerfende Handbewegung. „Mir doch egal, ich falle so oder so gleich über dich her.“
„Das wage ich zu bezweifeln“, kontere ich mädchenhaft kichernd, wobei ich vor ihm ins Wohnzimmer trete und erschrocken stehen bleibe.
Ich bleibe nicht nur stehen – ich erstarre regelrecht. Meine Gesichtszüge entgleisen und ich kann ein Aufstöhnen nicht unterdrücken. Alles um mich herum – Andy, die Wohnung, der schwach beleuchtete Raum – hat keine Bedeutung mehr. Ich habe nur noch Augen für ihn, versuche, eine Regung in seinem Gesicht auszumachen, und für den Bruchteil einer Sekunde legt sich ein wilder Schmerz über mich.
Williams kalte Augen, die mir wohl alles Böse der Welt wünschen – kein Wunder auch –, gleiten zu Andy, der neben mir steht und entgeistert zu dem sichtlich vor Wucht kochenden Mann am anderen Ende des Zimmers blickt.
Ich weiß, wie das hier für William aussehen muss. Als würde ich mich mit dem Nächstbesten trösten und hätte ihn bereits vergessen. Eigentlich möchte ich es ihm erklären, doch als William einen Umschlag hochhebt und mich mit einem vernichtenden Blick mustert, schaffe ich es nicht, mich zu verteidigen. Ich falle zurück in meine alte Schutzposition, die mich immer gerettet hat, auch wenn ich bezweifle, dass es in diesem Fall viel bewirken wird.
„Ich warte draußen“, flüstert Andy und streicht mir aufmunternd über den Rücken.
Es beginnt zu prickeln, was sicher nicht mit Andys Berührung, sondern mit Williams Blick zu tun hat, der dieser Geste so finster und fassungslos folgt, als möchte er jeden Augenblick über Andy herfallen. Ich räuspere mich, ringe verzweifelt nach Fassung, doch außer, dass ich dieser magnetischen Spannung, die immer zwischen uns beiden herrscht, erlegen bin, geschieht nichts.
William ist es, der den ersten Schritt macht und den Umschlag, den er umklammert hält, auf den Couchtisch legt.
„Ich dachte, du kommst erst heute zurück“, seine Stimme klingt fremd.
Ich schüttle den Kopf und lecke über meine trockenen Lippen. „Nein, wir sind gestern gekommen. Frank hatte einen … er hatte etwas zu erledigen.“
Wieder gleitet sein Blick an mir herab und ich weiß, wie er auf mich und ich auf ihn reagiere. Denn selbst unter den gegebenen Umständen möchte ich mich am liebsten auf ihn stürzen. Es würde nichts leichter machen – im Gegenteil. Doch lediglich sein Haar zu berühren, es zu zerzausen, ihn zu schmecken, ihn zu spüren, wäre mehr, als ich ertragen könnte. Ich müsste ihn doch wieder hergeben. Sicher ist Sex kein Allheilmittel, aber aufgestellte Regeln können gebrochen werden und es ist an der Zeit, meine Unentschlossenheit zu überwinden. Ich muss ihm etwas entgegensetzen. Nicht nur heute, sondern auch morgen und an all den anderen Tagen, an denen ich von nun an mit ihm konfrontiert bin. Mit seiner Wut, der Enttäuschung und auch ein wenig mit dem kleinen Jungen in ihm, der nicht verlieren kann und schon aus Prinzip um mich kämpfen möchte. So hat er es mir versprochen. Damals – es scheint Jahre her zu sein –, als ich unsere Beziehung noch im Keim ersticken wollte. Ich habe wohl bereits zu diesem Zeitpunkt die heraufdräuende Tragödie geahnt.
„Was ist da drinnen?“ Ich zwinge mich, irgendetwas zu sagen, auch wenn ich nicht weiß, ob er mir überhaupt zuhört.
Er atmet hörbar ein. „Der zweite Wohnungsschlüssel. Ich wollte ihn dir persönlich vorbeibringen.“
Um die Endgültigkeit auf deine herrische Art zu demonstrieren, denke ich geknickt.
„Ich hoffe, du konntest deinen Urlaub genießen“, tönt er und macht einen Schritt auf mich zu. Mein Herz setzt einen Schlag lang aus und mir ist klar, dass er nur verschwinden will.
„Du erwartest doch nicht wirklich eine ehrliche Antwort“, entgegne ich leise und schlinge die Arme um mich.
„Keine Ahnung, Rose, Campbell wird dir doch sicher geholfen haben, deinen Schock zu überwinden“, spuckt er mir vor die Füße. Oder besser gesagt ins Ohr.
Denn plötzlich ist er so dicht neben mir, dass ich seine Verachtung beinahe körperlich spüren kann, während mich sein stechender Blick für einen kurzen Moment nach Luft schnappen lässt.
Was hat er damals zu dieser Frau am Telefon gesagt? Sie hätte sich mit dem Falschen angelegt und er würde sie vernichten. Etwas in der Art zumindest. Jetzt verstehe ich, wie sich besagte Frau gefühlt haben muss. Vielleicht war es auch nur meine Vorgängerin, deren Zug endgültig abgefahren war.
„Andy ist nur ein Freund. Hältst du mich für so dämlich, dass ich gleich mit ihm in die Kiste springe?“, versuche ich meine Selbstachtung zurückzugewinnen.
„Das interessiert mich einen Scheißdreck. Die ganze Sache mit uns beiden hat mich nur eines gelehrt – ich werde mich nicht so bald wieder mit solch unreifen Mädchen einlassen, die vor jedem Problemchen, welches ihre heile Welt stört, davonlaufen.“
Der Hieb sitzt. Vermutlich ist dies die Retourkutsche für die Anschuldigungen vom letzten Freitag. Doch William befindet sich mir gegenüber im Vorteil – er ist stark, scheint sich um keinen zu kümmern, und vor allem ist er er selbst und damit eine überaus gefestigte Persönlichkeit.
Er steckt alles weg. Für ihn geht das Leben weiter. Er ist bestimmt nicht die halbe Woche brütend dagesessen und hat überlegt, ob er richtig gehandelt hat. Während mir ab dem Zeitpunkt, als ich ihn stehen gelassen habe, bewusst gewesen ist, dass es aus und vorbei ist. William zählt keineswegs zu den Typen, die Frauen hinterherlaufen. Es verhält sich eher umgekehrt. Bei mir hat er sich einmal die Mühe gemacht. Ein zweites Mal wird er sich nicht dazu herablassen.
Daran denke ich, während er mich böse mustert. „Versuche nicht noch einmal, mich so wütend zu machen!“
Während er an mir vorbei aus dem Zimmer eilt, bemühe ich mich krampfhaft, seine Drohung, wenn es denn eine war, zu verstehen. Warum soll ich ihn nicht wütend machen? Und überhaupt, wann habe ich ihn denn wütend gemacht? Sicher nicht, als ich davongerannt bin – und jetzt auch nicht. Wütend beschreibt die Situation einfach nicht richtig. Er ist bestenfalls angepisst oder erregt, im negativen Sinne. Doch William wird doch nicht so viel Energie und Emotion in die Beziehung zu einem unreifen Mädchen investieren.
Erst als er weg ist und Andy hinter mir auftaucht – ich merke instinktiv, dass er da ist, weil sich die aufgeladene Spannung plötzlich löst –, fallen mir tausend Fragen ein. Doch es ist zu spät. Nicht nur für Fragen, sondern für alles. Für uns.
Ich muss endlich lernen, William zu akzeptieren und mit ihm auszukommen. In meiner und auch in seiner Welt. Ab morgen bin ich zurück im Büro, was mich ihm näher bringt, als ich in meinem derzeitigen Gemütszustand ertragen kann. Die Zeit wird jedoch vergehen, wir werden uns beide beruhigen, auch wenn ich einsehe, dass ich ihm niemals mehr professionell begegnen kann. Immer wird da dieser Schatten sein, der von den drei kurzen Wochen unserer viel zu schnellen und viel zu ekstatischen Beziehung geblieben ist. Nie werde ich diese Zeit vergessen.
„Heilige Scheiße. Ich dachte schon, der schlägt die Wohnung, mich inklusive, kurz und klein“, vernehme ich Andys Stimme, die meilenweit entfernt zu sein scheint, während er den Umschlag hochhebt und ihn prüfend von einer Hand in die nächste nimmt. „Zur falschen Zeit am falschen Ort, das trifft es mehr als gut. Was hat er gesagt?“
„Nicht viel. Er hat mich nur nach meinem Urlaub gefragt und mich im selben Atemzug als unreif bezeichnet. Ach ja, den Schlüssel hat er mir dagelassen. Seinen Schlüssel“, ich deute auf das Kuvert in Andys Händen.
„Warum fragt er nach deinem Urlaub?“
Ich gehe langsam auf Andy zu und lasse mich dann völlig kraft- und mutlos aufs Sofa fallen, wobei ich die Beine auf den Couchtisch lege. „Weil er genau weiß, was er damit anrichtet. Er erinnert mich daran, wie es mir gegangen ist und wie sehr ich in meinem eigenen Saft geschmort habe. Seine Art, Probleme anzusprechen.“
„Probleme ansprechen“, äfft mich Andy nach und nimmt neben mir Platz. „Meiner Meinung nach hat er einen Knacks. Kommt her, macht sich breit und als was hat er dich bezeichnet – als unreif? Nicht zu fassen!“
Doch, eigentlich ist es zu fassen. Zumindest bei William. „Was soll ich nur tun?“, denke ich laut und streiche mir über meine überhitzte Stirn.
Andy wendet mir den Kopf zu und sieht mich fragend und besorgt zugleich an: „Gib ihm noch etwas Zeit. Ich kenne ihn nur flüchtig, wie ich schon sagte, er war früher öfter in meinem Club, doch ich denke, für ihn ist es unerträglich, dass du diejenige bist, die ihn verlassen hat. Er wird sich beruhigen und du wirst das ebenfalls tun. Bald werdet ihr euch nicht mehr zerfleischen wollen.“
Andy und ich haben uns auf eine Flasche Wein beschränkt, was in Anbetracht meiner Verfassung nach Williams Abgang ziemlich wenig ist.
Ich habe es mir immer wieder ausgemalt, weiß jetzt aber ganz genau, während ich mich in mein züchtigstes Outfit zwänge – eine fade schwarze Hose, dazu eine hellblaue Bluse –, was auf mich zukommen wird. Es ist nicht nur der Tag nach dem Urlaub, den ich ohnehin hasse. Man wird nach ein paar wunderbar entspannten Tagen mit der kalten, schnelllebigen Wirklichkeit konfrontiert, die einen mit sich zerrt, und am Abend kommt man sich einsam und wie ausgespien vor.
Als ich mich im Spiegel betrachte und die müden Augen, die eingefallenen Wangen und den fahlen Teint registriere, wird mir klar, was ich angerichtet habe.
Nicht heute, nicht gestern – vor knapp einem Monat. Damals hat sich mein Leben verändert. Ich gehe so weit und behaupte, zu diesem Zeitpunkt ist alles zerstört worden.
Die letzte Woche über habe ich noch gehofft und gebetet. Ich habe mir selbst Mut zugesprochen, doch das Wissen, ihm nun bald gegenüberzustehen, lässt mich die Stirn in hässliche Falten legen. Er ist nicht sauer, enttäuscht, traurig – solche Regungen gibt es in seiner Welt gar nicht –, er wird mir das Leben zur Hölle machen. So lange, bis er eine Neue gefunden hat oder ich nur noch ein Staubkorn bin, das er nicht einmal wahrnimmt. Kurz gesagt – es wird schrecklich.
Ich gehe in den Flur, ziehe mir dort ein dünnes Jäckchen über, das man selbst um diese Jahreszeit noch braucht, schnappe meine Handtasche und verlasse die Wohnung. Ich glaube fast, dass ich die einzige Bewohnerin dieses Hauses bin, da ich noch nie jemand anderen getroffen habe. Heute hat ein älterer Herr Dienst am Empfang, der mich und meine Nachbarn wohl vor unerwünschten Besuchern schützen soll.
Er nickt mir aus seinem Kämmerchen heraus zu, ich antworte stumm und mache mich dann auf den Weg zur nächsten Haltestelle.
Einen freiwilligen Fußmarsch und zehn Stationen später steige ich an der Liverpool Street aus und marschiere mit festem Schritt auf Williams übermächtigen Glaswürfel zu. Ich sehe das Gebäude von weitem, spüre, wie mein Herz zu rasen beginnt, wie meine Hände schwitzig werden und ich alles, wirklich alles tun würde, um nicht in die oberste Etage fahren zu müssen. Während ich alleine im Lift stehe, heute ausnahmsweise bete, dass er stecken bleibt, und die ganze Zeit über die Augen schließe, hält der stählerne Käfig kein einziges Mal an. Kein Wunder auch, wer würde sich freiwillig in die Höhle des Löwen begeben?
Der Lift kommt mit einem Ruck zum Stehen. Ich öffne die Augen, bereite mich innerlich auf Debbys blöde Bemerkungen vor, die sicher nicht ausbleiben werden, und straffe die Schultern.
„Hi Rose. Wie war dein Urlaub? Ich hoffe, du konntest dich ein wenig entspannen. Du hast schließlich so hart gearbeitet“, begrüßt mich Debbys naives Stimmchen und lässt meinen Morgenkaffee im Magen Purzelbäume schlagen.
Ich gehe gar nicht auf ihre Provokation ein, fahre aber meine Antennen aus. William ist hier irgendwo. Wieder einmal spüre ich seine Anwesenheit, noch bevor ich ihn erblicke. „Alles in Ordnung. Der Urlaub war schön.“
In meinem Büro angekommen, sacke ich auf den schwarzen Drehstuhl und schlage die Hände über meinem Kopf zusammen. Eine Minute, eine einzige, und ich bin völlig ausgelaugt. Ich kämpfe hier gegen Dämonen, die ich zwar selbst gerufen, ja regelrecht heraufbeschworen habe, doch trotzdem, oder vielleicht gerade deshalb, will ich mich wieder in meine heile Märchenwelt flüchten.
Während der Computer hochfährt und ich mir Wasser einschenke, horche ich angestrengt auf Geräusche aus dem anderen Zimmer.
Was tut er? Sitzt er vielleicht genauso dämlich wie ich da und wartet, dass jemand den ersten Schritt macht?
Die Zeit verrinnt. Jede Sekunde scheint tausendfach in meinem Schädel zu pochen und mich an meine Pflichten zu mahnen. Um zehn nach hole ich tief Luft, schnappe meine Unterlagen inklusive iPad und nähere mich der Gefahrenzone.
Zaghaft klopfe ich an die Tür. Betrete nach einem barschen „Herein“ den Raum und finde William telefonierend an seinem Schreibtisch vor.
Wäre er vor ein paar Tagen noch aufgesprungen, auf mich losgestürzt und hätte mich alleine mit seinen Worten bezaubert, so straft er mich nun mit völliger Missachtung. Er blickt nur kurz auf, taxiert mich geringschätzig, als würde mir ein Bein fehlen, und deutet dann mit einer ungeduldigen Handbewegung, mich zu setzen. Ich komme dieser Aufforderung umgehend nach, auch wenn ich nur noch zehn Zentimeter groß bin und vor Scham am liebsten aus dem Fenster springen würde.
Als ich jedoch Platz genommen habe, mich eingehend mit meinem Kalender beschäftige und gar nicht erst versuche, auf seine Stimme reinzufallen – dieser raue, strenge Ton, der meine Nackenhaare im selben Rhythmus tanzen lässt –, breitet sich so etwas wie Stärke in mir aus. Vielleicht, weil er in demselben Ton mit mir spricht, in dem er mit mir gesprochen hat, als er mich auf Georges Party vor die Tür gezerrt hat.
Warum benimmt er sich so? Sollte nicht ich diejenige sein, die wütend ist? Die ihm am liebsten den Hals umdrehen möchte? Ich habe, verdammt noch mal, gekämpft. Nicht nur für unsere Zukunft, sondern für ihn. Ich wollte ihm etwas bieten – etwas Heiles und Wundervolles –, was er jedoch beharrlich zurückgewiesen hat.
„Ich melde mich später noch einmal“, höre ich ihn noch ärgerlicher brummen, bevor er den Hörer auf die Gabel knallt und mich mit glühenden Augen durchbohrt. „Ich habe wenig Zeit. Trag die Termine ein, wie es dir passt. Mittwoch ist schlecht, ansonsten kannst du machen, was du willst.“
Ich zwinge mich, nicht zusammenzuzucken, sondern gerade zu sitzen, was mir bei seiner teuflischen Stimme mehr als schwerfällt. Man könnte fast meinen, wir hätten uns nie näher gekannt, sondern wären weiterhin Fremde. „Na gut. Ich war es zwar bis jetzt anders gewöhnt, aber wie du meinst.“
Da er sein Handy interessanter als mich findet, stehe ich einfach auf, werfe die Post, die ich für ihn durchgesehen habe, auf den Tisch, wobei ein paar lose Blätter nach unten fallen und ihn schlagartig zu mir zurückkommen lassen. „Was soll diese Scheiße, Rose?“
„Ich versuche nur, meinen Job zu machen und dir das gleiche Betragen entgegenzubringen wie du mir“, fauche ich und öffne die Tür zu meinem Büro – die einzige Fluchtmöglichkeit.
William ist jedoch schneller, knallt die Tür zu und sieht dann mit zusammengekniffenen Augen auf mich herab, während ich ein erschrockenes Stöhnen nicht unterdrücken kann. „Du machst weder deinen Job, noch hast du das Recht, mich auf diese Art zu behandeln. Ich bin dein Vorgesetzter, Rose, auch wenn du es noch immer anders siehst.“
Einen Schritt zur Seite machend, steht er vor mir und zwingt mich, nach hinten zu treten, wobei ich in die nächste Falle gerate. Nun bin ich wortwörtlich von ihm umzingelt – seine Hand hat er an die Tür gepresst, sodass ich nur auf das Bersten des Holzes warte, die andere Hand zur Faust geballt, als müsse er einen unmenschlichen Drang bezwingen. „Vielleicht wäre es für uns beide das Einfachste, wenn ich dich rauswerfe. Dein Verhalten lässt es mich zumindest in Betracht ziehen. Sicher würde Andy Campbell ein knappes Höschen in deiner Größe haben, damit du in seiner Bar arbeiten kannst.“
„Du bist wirklich krank. Ich an deiner Stelle würde mir Hilfe suchen“, entgegne ich kopfschüttelnd.
Eine Zeit lang sehen wir uns nur an. Ich kann nicht einmal genau sagen, was ich fühle. Irgendwie gerate ich in seinen Sog. Es ist mir nicht zu verdenken. Mein Verstand, meine Nerven sind noch immer auf ihn eingestimmt. Alleine seine Lippen, die er zu einer schmalen Linie zusammengepresst hat, verlangen mir meine gesamte Kraft ab. Andererseits möchte ich ihn anspucken. Er benimmt sich wie ein Kind. Ein äußerst unreifes, dummes Kind, welches ein neues Spielzeug bekommen hat und nun jeden eifersüchtig beäugt, der nur in die Nähe davon kommt.
Ich weiß, dass er leidet, er würde es aber nie zugeben, würde mir stattdessen noch mehr Schmerzen zufügen, im Glauben, die seinen damit zu lindern. So denkt er. Schließlich hat er es nicht anders gelernt. Ich stelle mir vor, wie er als kleiner Junge mit ansehen hat müssen, wie sein Vater auf Gaby und seine Mutter eingeprügelt hat.
Was muss in einem Kopf vorgehen, wenn man sich auf drohende Schmerzen einstellt, sie aber ausbleiben? Er hat zugegeben, alle Last von seiner Mutter nehmen zu wollen, damals wie heute. Und nun bin auch ich zum Monster geworden, da ich ihm Schmerzen zugefügt habe. Mentale, aber das sind die einzigen, die er kennt. Er vergleicht diese Schmerzen mit körperlichen, was in keiner Relation steht.
„Lass mich jetzt gehen. Du machst mir Angst“, flüstere ich und versuche gleichzeitig, das traurige Bild aus meinem Kopf zu bekommen.
Er atmet tief ein, nimmt die Hand von der Tür und macht einen Schritt nach hinten. „Du zwingst mich, Dinge auf eine Art zu handhaben, wie ich es nicht möchte“, sagt er mehr zu sich selbst, während er mich bedrückt ansieht.
Ich weigere mich jedoch, mich von ihm einlullen zu lassen, und will die Flucht ergreifen. „Ich zwinge dich zu gar nichts. Du bist derjenige, der alle Entscheidungen von Anfang an getroffen hat. Für mich und für dich. Du machst es dir leicht, alle Schuld auf mich zu schieben, ohne dir eine Sekunde Gedanken darüber zu machen, was in mir vorgeht. Mehr kann ich dazu nicht sagen. Mehr möchte ich nicht sagen. Für mich ist dieses Thema erledigt. Einen schönen Tag noch.“
Ich verfolgte nur ein Ziel – endlich nach Hause zu kommen. Als es dann so weit war und ich kein weiteres Mal mit William zusammengestoßen war, zog ich mir ein ausgeblichenes Top und eine dazu passende Jogginghose über und machte es mir in meiner Kuschelnische bequem.
Hier sitze ich oder besser lümmle ich nun seit mehr als einer Stunde und sehe den Menschen auf der Straße zu. Familien kommen vom Einkaufen, von der Arbeit, von Turnstunden und sonstigen Aktivitäten zurück, Familien, deren Leben normal verläuft. Sie lachen, reden, nehmen sich in den Arm. Und als hätte sich die ganze Welt gegen mich verschworen, steigt im nächsten Moment ein verliebtes Pärchen aus einem Auto aus. Nachdem sich die beiden leidenschaftlich geküsst haben, verschwindet die Frau im Wohnhaus gegenüber und winkt ihrem Freund zum Abschied noch einmal zu. Ich seufze und frage mich ernsthaft, wie es weitergehen soll. Wie soll meine nähere Zukunft aussehen – ich wage nicht daran zu denken.
Wie gerne würde ich dasselbe mit William erleben. Immerhin habe ich bereits einen kleinen Vorgeschmack genossen. Doch ich darf nicht, kann nicht, soll nicht. Selbst wenn ich den Abend bei George bereits verdaut habe und mir bewusst ist, dass William niemals etwas getan hätte, dem ich mich verweigert hätte, weiß ich, dass er sich nie ändern wird. Es ist sein Leben. Und gerade weil George darin eine so wichtige Rolle spielt und dieser ihn immer wieder mitziehen wird, werden meine Versuche, ihn an mich zu binden, wohl nie fruchten. Man kann ein Raubtier nicht bezwingen. Schon gar nicht, wenn es solchen Hunger hat.
Ein Klingeln reißt mich aus meinen Gedanken und lässt mich in die Höhe schnellen. Im Eilschritt marschiere ich zur Eingangstür, als würde ein Wunder geschehen und William, auf einem weißen Ross sitzend, dort stehen und mich abermals retten. Vielleicht vor mir selbst oder vor ihm oder einfach nur vor der grausamen Wirklichkeit. Doch es ist weder William noch ein edler Ritter, sondern Naomi, die ihr aufmunterndes Lächeln aufgesetzt hat und mir eine Packung Schokolade vor die Nase hält.
„Hi Süße“, sagt sie und reißt mich an sich. „Schokolade für später, deine Jacke und irgendetwas Passables für jetzt.“
„Was?“
Sie lässt mich los und unterzieht mein Outfit einer strengen Prüfung. „Ich kann dich kaum anschauen. Du siehst aus, als wäre jemand gestorben, deshalb habe ich beschlossen, dass dein Gemüt wieder aufpoliert gehört.“
Sie grinst mich an und ich schätze ihr Engagement wirklich, aber ich habe keine Lust, meine sichere Luftblase zu verlassen und unter Leute zu gehen. „Naomi, ich möchte ehrlich gesagt hierbleiben.“
Kopfschüttelnd schließt sie die Eingangstür und stürmt in mein Schlafzimmer. Widerwillig folge ich ihr. „Kommt gar nicht in die Tüte. Wir suchen jetzt etwas Hübsches zum Anziehen und dann zerre ich dich fort. Ich dulde keinen Widerspruch.“
Sie erinnert mich an jemanden, den ich gerne vergessen möchte. Denn auch William ist ähnlich offensiv, wenn er sich etwas in den Kopf gesetzt hat. „Mir geht es beschissen. Der Tag war der reinste Horror, ich fühle mich elend, sehe aus wie ein Gespenst und habe weder Hunger noch Durst.“
Kurz bleibt sie stehen, hebt eine hellgelbe Bluse hoch und sucht nach der passenden Hose, während sie mir einen bösen Seitenblick zuwirft. „Wie lange sperrst du dich schon ein? Eine Woche oder zwei? Seitdem du dich von diesem Arsch verabschiedet hast, bekomme ich dich nicht mehr zu Gesicht. Und ehrlich, Rose, du musst etwas für dich tun, sonst schaffst du den Absprung nicht.“
„Sehr aufmunternd. Danke.“
„Probier das mal an“, meint sie und wirft mir eine legere Jeans und die Bluse zu.
Ich nehme das Stoffbündel, hebe es hoch und schleudere es quer übers Bett. „Gelb? Das schreit ja nach Fröhlichkeit. Habe ich nicht irgendetwas Schwarzes? Was hast du eigentlich vor?“
„Ich dachte, wir gehen etwas trinken. Essen wäre auch nicht schlecht, wenn ich mir deine Ärmchen ansehe, und quatschen uns anschließend die Seele aus dem Leib.“
Angewidert strecke ich die Zunge heraus. „Klingt schrecklich. Warum bist du nur gekommen? Bevor du hier aufgetaucht bist, war mein Leben noch in Ordnung.“
Naomi grinst schief und setzt sich zu mir aufs Bett. Sanft streicht sie über meine Schulter und zum ersten Mal seit Tagen fühle ich an irgendeiner Stelle meines Körpers wieder Wärme. „Rose, du weißt, dass ich dich liebe. Doch auch seine Kinder liebt man, aber manchmal muss man sie einfach ins kalte Wasser stoßen, um sie auf den richtigen Weg zu bringen. Ich werde dasselbe mit dir machen. Du kannst dich hier nicht verstecken und auf morgen warten. Du brauchst wieder Farbe im Gesicht. Oder möchtest du, dass er mit eigenen Augen sieht, wie fertig er dich macht?“
„Das weiß er ohnehin. Ich glaube, er besitzt überirdische Kräfte.“
Naomi übergeht meinen Einwurf. „Running Sushi, das hast du doch immer so gerne gemocht.“
Habe ich das wirklich? Und auch wenn ich kaum noch Hungergefühl empfinde, kommt mir Naomis Angebot langsam verlockend vor. „Na gut. Wenigstens schleppst du mich nicht zu irgendeiner Party. Das war mein erster Gedanke.“
„Keine Angst“, sagt sie und steht auf. „Ich warte draußen auf dich. Zieh dich um und lass dir Zeit. Bis gleich.“
Eine halbe Stunde später sitzen wir in einem Running Sushi in Paddington. Hier gibt es einfach die größte Dichte an asiatischen Restaurants und Geschäften, sodass man vor der Qual der Wahl steht. Wir haben uns für unseren Stammasiaten entschieden, wobei er Inder und seine Frau Thailänderin ist. Aber was soll´s. London ist eben multikulturell.
Während Naomi eine Portion nach der anderen in sich hineinschaufelt, beschränke ich mich auf Orangen und etwas Sushi. Der Laden ist gut besucht, doch wir konnten noch einen Zweiertisch in der obersten Etage ergattern, mit Rundumblick über das Angebot, das in Schüsselchen auf uns zugefahren kommt.
„Was ist eigentlich mit George, hat er sich wieder einmal gemeldet?“, möchte ich von ihr wissen und erhoffe mir einen Themenwechsel. Denn die ganze Zeit nur über meine verfahrene Situation zu reden, baut mich nicht wirklich auf.
Naomi nickt mit vollem Mund, schluckt und legt die Stirn ärgerlich in Falten – so wie ich es auch tue, wenn ich an George denke, über ihn rede, seinen Namen höre oder noch intensiver, wenn ich ihn sehe. „Ja, er will sich mit mir treffen, doch ich habe noch nicht fest zugesagt. Irgendwie nervt er mich.“
„Ach so? Letztens hast du dich noch so gefreut, von ihm zu hören.“
„Keine Ahnung. Ich weiß ja, was mich erwartet, und habe sowieso keine Lust auf einen festen Kerl. Sie gehen mir auf den Zeiger – vor allem George mit seinem prolligen Gehabe.“
„Warum ist es bei dir so einfach? Ich meine, du stehst zwar auf ihn, aber lässt ihn erst gar nicht an dich heran. Und eigentlich ist es dir egal, ob aus euch etwas wird oder nicht.“
Sie nickt und schiebt sich ein Stück Lachs in den Mund. „Weil ich anders bin, Rose. Du kannst uns beide nicht vergleichen. Sicher sehne ich mich manchmal danach, nicht alleine sein zu müssen. Doch bei aller Liebe, wenn ich mir deine Probleme ansehe, wird mir schlecht.“
Mir auch, denke ich und nehme einen kräftigen Schluck Cola. „Dann ist er also abgeschrieben?“
„Ja, er soll zur Hölle fahren. Immerhin hat er meiner Rosie wehgetan.“
„Na ja, er war eher der Anstifter.“
„Schnurzegal“, erwidert sie achselzuckend. „Für mich ist die Sache erledigt. Guter Sex hin oder her. Ich dachte zwar niemals, dass ich so etwas sage: Aber Sex ist eben nicht alles. So, jetzt ist es raus.“
Während ich mit dem Strohhalm in meiner Cola herumstochere und mir Naomi als treue, bodenständige und vor allem gehorsame Hausfrau vorstelle, greift diese nach der nächsten Schale und fügt dem Berg neben uns eine weitere Ebene hinzu. „Die Welt wird schockiert sein. Wie stellst du dir dein Leben eigentlich vor? Du …“, mitten im Satz verstumme ich. Nur kurz habe ich hochgeblickt und ein bekanntes Gesicht aus den Augenwinkeln heraus wahrgenommen. Eine Tarnkappe wäre jetzt nicht schlecht.
„Ich weiß, wie ich mir mein Leben vorstelle“, antwortet Naomi sachlich und scheint noch immer mehr mit ihrer Teigtasche als mit meinen entgleisten Gesichtszügen beschäftigt zu sein. „Was ist? Du siehst aus, als wärst du über eine Leiche gestolpert.“
„Gaby“, stoße ich hervor.
„Gaby wer? Langsam machst du mir Angst. Kennst du den Jungen aus The Sixth Sense? Ziemlich gruselig, einen solchen Spross zu haben. Noch schlimmer finde ich es, eine solch freakige Freundin zu haben.“
„Williams Schwester“, erkläre ich, während besagte Person zwei Tische vor uns Platz nimmt. Sie hat mich noch nicht entdeckt, was mir Zeit verschafft, zu verschwinden. Doch ich müsste an ihr vorbei. In meinem Zustand würde ich das sicher nicht hinkriegen, ohne zu stolpern oder mich zu übergeben. Deshalb ist Flucht keine Option. Eigentlich war Gaby eine von den Guten. Sie war es doch, die mich ermutigt hat, William nicht alles zu glauben und ihn gegebenenfalls in die Schranken zu weisen. Sie steht auf deiner Seite, Mädchen. Also zieh dir den Pullover vom Gesicht und tu so, als würdest du nicht am Rande eines Nervenzusammenbruches stehen.
„Hallo? Bist du noch da?“, reißt Naomi mich aus dieser trüben, im Nebel versunkenen Welt.
Ich sehe auf und nehme meinen Blick widerwillig von Gaby, die gerade Getränke für sich und, wie hieß er noch gleich, Ben, den Tod, bestellt. „Was macht sie hier?“
„England ist ein freies Land, sie kann gehen, wohin sie will, außer du erwirkst eine gerichtliche Verfügung.“
„Ich will sie nicht treffen. Nicht jetzt. Verstehst du, Naomi, sie war immer auf meiner Seite, hat versucht, mir William schmackhaft zu machen. Vermutlich, weil sie weiß, wie sehr er eine intakte Partnerschaft braucht.“
Was rede ich da? Soll ich ihr gleich erzählen, dass Charles Bennet alkoholkrank und ein brutaler Schläger ist? „Mit Sicherheit weiß sie es.“
Naomi zieht beide Augenbrauen nach oben und dreht sich dann so unauffällig wie möglich in Richtung der Person, die ich noch immer fixiere. „Jeder weiß es. Die ganze Firma. Sogar die Zeitungen haben über eure Affäre berichtet. Beruhige dich, Schatz. Lächle, wenn sie dich sieht, und tu so, als ginge es dir gut. Sie wird es ihm erzählen.“
Mit Sicherheit wird sie das. „Na gut. Vielleicht hast du recht.“
„Vielleicht? Ich habe immer recht. Zumindest, was Bettgeschichten angeht. Du musst noch viel lernen, um mithalten zu können.“
Stolz lehnt sich Naomi in ihrem Stuhl zurück und gibt nun endgültig den Blick auf mich frei. Keine Sekunde später blickt Gaby mir direkt ins Gesicht. Ich rufe mir Naomis Rat ins Gedächtnis und proste ihr mit meiner Cola zu. Sie lächelt, sagt etwas zu Ben und steht dann tatsächlich auf, um geradewegs unseren Tisch anzusteuern. Dieses Mädchen hat wirklich keine Angst vor Konfrontationen, denke ich und kralle meine Finger ineinander, bis die Knöchel weiß hervortreten.
„Rose, so ein Zufall! Freut mich, dich wiederzusehen“, sagt sie gewohnt nett und umgänglich, wobei ich mich erneut frage, wie sie mit solch einem Ungeheuer von Vater so unbeschwert leben kann.
„Die Welt ist ein Dorf“, entgegne ich holprig und deute mit einem Kopfnicken auf Naomi. „Gaby, darf ich dir Naomi vorstellen?“
„Freut mich“, erwidert Gaby und streckt Naomi ihre rechte Hand entgegen.
„Ebenso. Ich arbeite übrigens auch bei der Bennet Group“, muss Naomi ihren Senf dazugeben, wo ich doch dieses für mich äußerst unangenehme Detail weggelassen habe. Unangenehm dahingehend, weil William so automatisch mit an den Tisch gezogen wird.
„Soso“, sagt die schlanke, hochgewachsene Frau an unserem Tisch und mustert beiläufig mein Gesicht. Ich weiß, wonach sie sucht. Nach Tränensäcken, geschwollenen Augen, trockenen Lippen – irgendetwas, das auf meine Gemütsverfassung schließen lässt. Bin ich froh, dass Naomi mich zu Make-up und einer Haarbehandlung mit dem Glätteisen gezwungen hat!
„Darf ich mich kurz setzen?“, fragt mich Gaby und mir ist sofort klar, worauf dieser sanfte und einfühlsame Unterton abzielt.
Ich denke an die Sache mit dem Fisch und dem Köder. Verdammter Asia-Laden, verdammter Fisch, verdammter Köder … „Sicher.“
Nachdem Naomi mit der Entschuldigung, sie müsse kurz zur Toilette, im passenden Moment einen Stuhl freigibt, sitze ich Gaby gegenüber, die mit ihren Fingern nervös auf der Tischplatte herumtrommelt. Sie steckt mich an und auch ich beginne zu zappeln. Die Zeit scheint elend langsam zu verstreichen. Ich sehne bereits jetzt das Ende des Gespräches herbei.
„Ich möchte gar nicht erst um den heißen Brei herumreden“, beginnt sie und lächelt mich müde an.
Liegt in der Familie, denke ich und versuche, meine Anspannung in den Griff zu bekommen, während Gaby zum ersten Akt ansetzt. „William hat mir die Geschichte erzählt. Oder besser gesagt – ich habe sie ihm nach und nach entlockt.“
Hat diese Frau magische Kräfte? Wie wäre es sonst zu erklären, dass sie ihrem verschwiegenen Bruder etwas entlocken kann, was er nicht bekanntgeben möchte?
„Er behandelt dich wie ein eitriges Ekzem, habe ich recht?“
„Gut ausgedrückt, aber du hast stinkend vergessen.“
Wieder dieses aufmunternde Lächeln. „Er konnte nie verlieren. Ich bin nicht bewandert in Sachen menschliche Psyche, aber selbst ich denke, dass es einen Zusammenhang gibt zwischen unserer Kindheit und dem Mann, der er heute ist. Ich weiß, dass er es dir erzählt hat, das mit unserem Vater und so …. Jedenfalls hat er immer zurückstecken müssen. Er durfte nie bei Freunden bleiben, sie nie bei ihm. Er hat seine Geburtstage nicht gefeiert, er wurde nie in den Arm genommen, nie gelobt, nie geliebt. Mein Vater hat sich redlich bemüht, alles, was William machte und macht, herabzuwürdigen. William hat Narben davongetragen. Tiefe Narben.“
Ich umklammere mein Glas so fest, dass ich Angst habe, es könnte zerspringen. Doch ich fasse nicht, was hier geschieht. Ich fühle mich, als säße ich nicht mitten in einem gut besuchten Restaurant, sondern zu Hause im Bett und führe dort das intimste und ergreifendste Gespräch meines Lebens.
Auch in Gabys Gesicht ist eine Veränderung eingetreten. Sie wirkt noch trauriger als zuvor und hat wohl längst vergessen, dass wir von zig Menschen umringt sind.
„Sein Selbstbewusstsein und sein gesunder Menschenverstand wurden am meisten in Mitleidenschaft gezogen. Er vertraut niemandem, da er Angst hat, wieder so verletzt zu werden. Rose, er hat unseren Vater vergöttert. Ich erinnere mich an einen Tag, an dem William, er war vielleicht zwölf oder so, später nach Hause kam, als mein Vater ihm erlaubt hatte. Es war eines dieser seltenen Wochenenden, an denen mein Vater nicht in London geblieben war. Ich saß im Bett, die Decke über den Kopf gezogen, und wartete zitternd vor Angst darauf, dass mein Bruder zurückkommt.“ Gedankenverloren streicht sie über die Serviette und wirkt unnahbar wie eine Puppe.
„Irgendwann tauchte er auf. Ich schlich mich nach unten und verfolgte das Geschehen heimlich. Das Gesicht meines Vaters war rot vor Wut. Dieses tiefe, teuflische Rot werde ich nie vergessen. Ich dachte, er bringt William um und sagte mir immer wieder die Notrufnummer vor, damit ich sie im Fall des Falles sofort wählen konnte.“
Eine Kellnerin kommt an unseren Tisch und erkundigt sich unwirsch, ob wir noch etwas zu trinken haben wollen. Sie erscheint so plötzlich auf der Bildfläche, dass Gaby und ich zusammenzucken. Beide verneinen wir und erwartungsvoll blicke ich Gaby an, die noch immer die Serviette glättet, als hinge ihr Leben davon ab.
„Damals wusste ich es nicht, aber William hatte etwas getrunken. Ziemlich schlimm für einen Zwölfjährigen. Mein Vater hatte es gerochen und als er ihn fragte, wo er gewesen sei und warum er ihm nicht gehorche, schwieg William einfach. Er sah ihn nur an und ahnte vielleicht schon, dass eine Antwort nichts brächte. Nach einer gefühlten Ewigkeit griff mein Vater nach seiner Krawatte, die er noch immer trug, und wickelte sie um seine rechte Hand. Das andere Ende schlang er um Williams Hals.“
Ich schließe die Augen, Übelkeit steigt in mir hoch und ich habe Angst, dass die Welt in Flammen aufgeht, sobald ich die Augen öffne. Es tut weh. Mehr als das. Ich fühle mich schuldig für etwas, was ich nicht getan habe. Warum um Himmels willen erzählt sie mir das? Will sie mir ein schlechtes Gewissen einreden, Mitleid erzwingen?
„Er bedachte ihn mit Worten, die William das Herz brachen. Mein Vater hatte immer Zweifel, ob William sein rechtmäßiger Sohn sei. Irgendetwas mit reflektierter Selbstverachtung nannte es ein Psychologe einmal. Immer enger zog er die Schlinge zusammen, bis Williams Gesicht blau anlief und ich laut aufwinselte, ohne mich bewegen zu können. Als Vater mich erblickte, lenkte ihn das ab und William konnte wieder nach Luft schnappen. Mister Hudgens, unser Haushälter, ein kräftiger Bursche, hörte mein Weinen und rettete William mehr oder weniger das Leben.“
Mittlerweile laufen mir Tränen über die Wangen und ich verschränke meine Hände so fest ineinander, dass es schmerzt. Ein verdammter Scheiß im Vergleich zu dem, was William und auch Gaby erlebt haben.
„Er wollte seinen eigenen Sohn umbringen. Ich weiß noch, dass Mister Hudgens ihn festgehalten und mein Vater wild herumgeschrien hat. Immer wieder brüllte er, dass er diesem verfickten Bastard die Gurgel umdrehen wolle. Er war betrunken, um die Wahrheit zu sagen. Ein Arzt wurde geholt, der meiner Meinung nach heute noch regelmäßig Geld erhält, damit nichts von dem, was in dieser Nacht vorgefallen ist, an die Öffentlichkeit dringt. Am nächsten Tag verzog sich Vater in sein Büro und ich bezweifle, dass er sich noch daran erinnerte, was kurz zuvor vorgefallen war. Mister Hudgens drängte ihn jedoch, das Gespräch mit William zu suchen.“
„Ich fasse es nicht“, flüstere ich und mir ist plötzlich fürchterlich kalt.
„Sie haben nie wieder darüber geredet. Mein Vater wird das Wissen um das Warum mit ins Grab nehmen. Jedenfalls hat sich William die Woche darauf in einem Internat anmelden lassen und fortan niemals mehr mit meinem Vater unter einem Dach geschlafen. Er hat mir einmal gestanden, dass er damals sterben wollte, darum habe er sich nicht gewehrt. Er wollte sterben. Ich wollte es auch immer. Man kann es nicht vergessen. Niemals. Man muss damit leben.“
„Es tut mir so leid, Gaby.“
Während ich das Gefühl habe, jeden Augenblick zusammenzuklappen, sitzt sie aufrecht und gefasst auf der anderen Seite des Tisches. Wie gerne würde ich ihr nur ein wenig von der Last, die sie mit sich schleppt, abnehmen! Wie gerne würde ich William in den Arm nehmen und ihm sagen, dass ich immer für ihn da sein werde! Egal, was passiert. Egal, was gewesen ist. Ich liebe ihn. Noch immer. Viel mehr. Viel intensiver. Viel inniger. Doch ich darf nicht vergessen, dass unsere Entscheidung nicht an die Vergangenheit gekoppelt ist. Wir leben hier und jetzt. Im Hier und Jetzt hat er eine Bindung verweigert. Er will weiter nach der echten, reinen Liebe suchen. Ich kann ihm dabei nicht helfen, auch wenn ich alles tun würde, was in meiner Macht steht.
„Ich erzähle dir das nicht, damit du aus Mitleid zu ihm zurückkehrst. Du hast mehr Verstand und Urteilsvermögen. Ich erzähle es, weil ich möchte, dass du verstehst, warum er immer wieder zurückgewichen ist. Es fällt ihm so fürchterlich schwer, jemanden an sich heranzulassen, dass er es nie lange an einem Ort oder bei einem Menschen aushält. Darum ist er später dann auch durch die Welt gezogen. Nicht, weil er der verwöhnte, reiche Spross ist, wie ihn die Zeitungen immer darstellen. Nein, er ist ständig auf der Suche.“
„Ich kann ihm nicht helfen. Ich schaffe es nicht“, gestehe ich und unterdrücke ein Schluchzen.
„Er liebt dich, Rose.“
Dieser Satz. Was hätte ich dafür gegeben, ihn aus Williams Mund zu hören! Doch er bedeutet nichts. Nicht so. Nicht mehr. Es ist zu spät. Es mag Menschen geben, die sich emotional auf andere einlassen können. Die mit ihnen den steinigen Weg der Selbstzweifel beschreiten. Ich bin keiner von ihnen.
„Gaby, ich weiß, du möchtest für deinen Bruder die Welt so angenehm wie möglich machen, aber es war niemals Liebe im Spiel. Auch wenn das Geständnis mehr als intim ist: Es ging immer nur um Sex.“ Mir ist gleichgültig, dass ich knallrot anlaufe. Was ändert das heute noch?
„Du liebst ihn doch?“
„Gaby!“
„Rose, lüg mich nicht an.“
„Ja, ich habe ihn geliebt, aber es ist vorbei. Ich kann ihn nicht ändern. Irgendwann wird die Richtige kommen. Für ihn war ich nur ein Zwischenspiel. Einfach ein weiterer Versuch, das zu verarbeiten, was du mir gerade erzählt hast.“
Naomi scheint Gott sei Dank zu riechen, wie vertraut unser Gespräch ist, da sie bis jetzt noch immer nicht aufgetaucht ist. Dieses Einfühlungsvermögen mag mit ein Grund sein, dass ich sie als Freundin schätze.
„Es war Schicksal, dass wir uns beide heute hier getroffen haben. Ich wollte mich die längste Zeit schon mit dir unterhalten. Damals seid ihr noch nicht getrennt gewesen. Ich habe wie gesagt mit ihm geredet. Er leidet. Ihm geht es nicht gut, da er glaubt, dir etwas genommen zu haben, was er dir nicht wiedergeben kann.“
„Er hat mir nichts genommen“, lüge ich halbherzig, da ich selbst noch nicht so weit bin, mir die volle Wahrheit einzugestehen. Er hat mir mehr genommen, als mir lieb ist. In Wirklichkeit schaffe ich es kaum noch zu atmen, ohne mir einzubilden, ihn zu riechen. Ich werde wach und meine, ihn neben mir gespürt zu haben. Eine solch intensive, ureigene Liebe habe ich noch niemals zuvor empfunden. Ich bezweifle, dass ich sie jemals wieder empfinden werde. Fast sehe ich mich als alte, verbitterte Frau mit grauen Haaren und Gehstock, die diesem einen Mann aus ihrer Jugend nachweint und sich an jedes noch so winzige Detail erinnert.
Gaby indessen nickt voller Überzeugung. „Doch, das hat er. Er würde sich ändern. Vielleicht braucht er noch Zeit. Doch du bist die Erste, für die er das tun würde. Glaube es mir. Ich kenne ihn, kenne seine Eigenheiten, seine Hitzköpfigkeit und seinen Dickschädel. Er ist älter geworden, hat aus seinen traurigen Erfahrungen Kraft geschöpft und ihm bedeuten Rache oder Hass nichts. Er möchte einfach sein Leben leben und das mit dir.“
Wieder ein Kopfschütteln meinerseits. Ich fasse es einfach nicht. Was soll ich entgegnen? „Ich habe Angst, weil ich weiß, egal, was ich mache, ich verletze ihn. Er wird es nicht zugeben. Ich habe ihm eine zweite Chance eingeräumt, er hat sie vertan. Ich kann ihm nicht ewig hinterherlaufen. Manchmal muss man einfach nach vorne schauen, auch wenn es im Moment höllisch schmerzt.“
Naomi taucht in meinem Blickfeld auf. Am Absatz der Treppe stehend, winkt sie mir. Ich nicke ihr zu, da sie wie gerufen kommt. Gaby und ich bewegen uns in einer Sackgasse. Während ich gegen William kämpfe, kämpft sie für ihn. „Ich danke dir, dass du mir vertraust und mir so viel Kraft zutraust. Doch ich schaffe es nicht. Wir sind erwachsen, William und ich, deshalb sollten wir uns eingestehen, wenn es nicht geht. Und es geht nicht. Wir könnten hier bis morgen sitzen und die Sache bereden. Doch ich werde versuchen, wenigstens das berufliche Verhältnis wieder ins Lot zu bekommen.“
„Okay. Ich mag dich wirklich. Du warst mir seit unserer ersten Begegnung sympathisch. Auf alle Fälle wünsche ich dir alles Gute, Rose. Und Kopf hoch.“
Sie erhebt sich und kehrt zu Ben zurück. An den armen Kerl haben wir die ganze Zeit über keinen Gedanken verschwendet.
Die Leere des Stuhls mir gegenüber passt zu dem, was in meinem Innersten vorgeht. Auch dort scheint ein kilometerbreites Loch zu klaffen. Genau an dem Punkt, an dem sich vor einer halben Stunde noch mein Herz befunden hat.
„Na, wie war´s?“, will Naomi in ihrer forschen Art wissen.
„Ich bin emotional überfüttert. Zwinge mich nicht, darüber zu reden. Am liebsten würde ich gehen.“
„Kein Problem. Soll ich bei dir schlafen?“
„Macht es dir etwas aus?“ Sie ist ein Engel.
„Spinnst du? Dafür bin ich doch da – um dir willenlos zu dienen.“
Mit einem gezwungenen Lachen verlassen wir das Restaurant und fahren mit einem Taxi zurück in meine Wohnung, wo wir uns schnurstracks ins Bett werfen. Lange noch reden wir und starren dabei in die Dunkelheit. Da ist so vieles, das uns beide beschäftigt. Irgendwann schlafen wir ein – ein friedlicher Schlaf, in dessen Verlauf mich William ausnahmsweise nicht heimsucht.