Blaues Wasser, klare Luft, in der Ferne bei schönem Wetter die Alpen – das ist der Hirschgrund, ein idyllischer See mitten in Bayern. Nebenan der gleichnamige Campingplatz. Doch die Idylle trügt – denn diese Saison wird mörderisch.
Kaum ist die neue Besitzerin Sofia auf dem Platz angekommen, stolpert sie über den ersten Toten. Sofia ist entsetzt! Und dann neugierig. Bald schon entdeckt sie ihr Talent fürs Ermitteln und fängt an, in der bayerischen Idylle so einiges umzukrempeln …
Es ist Winter am Hirschgrundsee und Sofia und ihre Camper freuen sich auf den nächsten Mord! Natürlich kein echter Mord. Evelyn plant ein Krimidinner im Stile der Zwanziger Jahre! Doch für die mörderische Dinnerparty fehlen noch ein paar Gäste. Zum Glück quartieren sich kurz zuvor noch zwei Paare auf dem Campingplatz ein. Doch es kommt, wie es kommen muss - am Ende des Dinners hat Sofia eine echte Leiche im Keller! Und weil Kommissar Jonas mit einer dicken Erkältung das Bett hüten muss, haben Sofia und Evelyn freie Fahrt für ihre Ermittlungen. Aber können sie es wirklich mit einem Mörder aufnehmen?
Susanne Hanika, geboren 1969 in Regensburg, lebt noch heute mit ihrem Mann und ihren vier Kindern in ihrer Heimatstadt. Nach dem Studium der Biologie und Chemie promovierte sie in Verhaltensphysiologie und arbeitete als Wissenschaftlerin im Zoologischen Institut der Universität Regensburg. Die Autorin ist selbst begeisterte Camperin und hat bereits zahlreiche Regiokrimis veröffentlicht.
SUSANNE HANIKA
Der Tod singt laut
O Tannenbaum
Ein Bayernkrimi
Originalausgabe
»be« – Das eBook-Imprint der Bastei Lübbe AG
Dieses Werk wurde vermittelt durch die agentur literatur Gudrun Hebel.
Copyright © 2020 by Bastei Lübbe AG, Köln
Lektorat/Projektmanagement: Rebecca Schaarschmidt
Covergestaltung: U1berlin/Dunja Berndorff unter Verwendung von Motiven
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ISBN 978-3-7325-8564-9
Dieses eBook enthält eine Leseprobe des in der Bastei Lübbe AG erschienenen Werkes »Hummelstich.
Ein Mord kommt selten allein« von Katharina Schendel.
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Meine Hände waren knallrot vor Kälte und die Finger so steif, dass ich nicht einmal mehr die Hundeleine von Milo aufbekam. Seit es kalt geworden war, hatte er nämlich keine Lust mehr auf Spaziergänge und versteckte sich lieber irgendwo in der Wohnung. Ohne Leine hätte ich ihn also niemals zu dem schönen Winterspaziergang um den See überreden können.
»Es ist ein Traum, hier im Winter!«, sagte ich zu Milo, als ich ihm im Freien die Leine wieder abnahm.
Auf der Brücke, die an der schmalsten Stelle über den See führte, blieb ich kurz stehen und blickte zurück auf meinen Campingplatz. Es fühlte sich so vertraut und heimelig an, noch vor dem Frühstück einen kleinen Spaziergang zu unternehmen – bei der aufgehenden Sonne, die den Schnee glitzern und funkeln ließ. Es hatte zwar nicht viel geschneit – Boden und Bäume waren nur überzuckert von einer hauchfeinen Schicht Weiß –, doch das genügte, um in mir ein Wintergefühl aufsteigen zu lassen. Ich musste ein wenig seufzen, weil ich hier ohne meinen Freund Jonas stand. Der war gestern früh mit Kopfschmerzen und Fieber aufgewacht und einfach im Bett geblieben. Dabei hatten wir uns so einen schönen, gemütlichen Winterurlaub hier auf meinem Campingplatz vorgestellt! Da momentan nur fünf komplett unproblematische Wintercampinggäste vor Ort waren, hätten Jonas und ich tatsächlich richtig Urlaub gehabt. Nur wir beide, die zwei Hunde und der Schnee, der alle Wohnwägen zauberhaft überzuckerte. Dazu der stahlblaue Himmel und die Wintersonne. Nach den Spaziergängen mit den Hunden hatten wir Kuscheldecken-Tee-und-Kakao-Partys auf meinem Sofa geplant, mit Netflix-Dauerglotzen.
Aber langweilig würde mir auch jetzt nicht werden, denn meine quirlige Dauercamperin Evelyn hatte mir vorausschauend zu Weihnachten ein Krimidinner geschenkt. Schon seit Tagen beschäftigte sie sich mit nichts anderem mehr als der Planung dieses Events, ich war schon sehr gespannt auf heute Abend!
»Der See ist im Winter die wahre Pracht!«, schwärmte ich, während ich ein kleines Video vom Seeweg drehte und es Jonas schickte.
Jetzt, wo es eindeutig heimwärts ging, trottete Milo brav neben mir her, auch wenn seine Miene noch immer höchsten Verdruss ausstrahlte. Die Einzige, der momentan nicht kalt war und die das Wetter unglaublich genoss, war meine Maremannohündin Clärchen, die wie ein Irrwisch herumtanzte und in der Kälte richtig dampfte. Vor mir tauchte das alte Bootshaus von Nonna auf, das frisch renoviert nun »Fräulein Schmitts« hieß und wohl das süßeste Café aller Zeiten war. In meinen Augen jedenfalls. Anhand der Fußspuren auf der dünnen Schneeschicht konnte man sehen, dass im Café Betrieb sein musste, und ich wusste auch schon, wen ich dort antreffen würde. Denn von meinen Dauercampern war momentan nur der harte Kern der Hirschgrundis anwesend, die Schmidkunzens, die Hetzeneggers und der Gröning. Die Weicheier, die nur im Sommer bei schönstem Wetter kamen, hockten natürlich zu Hause in ihren stickigen Wohnzimmern, wie der Hetzenegger nicht müde wurde zu betonen. Die wurden auch ständig krank, weil man nur hier am See so richtig abgehärtet war gegen alle Grippeviren, die so im Umlauf waren!
Ich schoss mit meinem Handy noch schnell ein malerisches Bild von Clärchen, die gerade dekorativ vor der Tür von »Fräulein Schmitts« saß, die Tür anstarrte und darauf wartete, dass endlich jemand aufmachte.
Als ich die Tür aufdrückte, schlug mir ein angeregtes Stimmengewirr entgegen – schließlich gab es nach den Weihnachtsfeiertagen einiges zu erzählen! Keiner saß, die Männer trugen Tische, und die Frauen stapelten Stühle. Evelyn – in einen zum Minikleid umfunktionierten hautengen roten Flausch-Pullover mit einem Elch vorne drauf gehüllt – dekorierte gerade die Frühstücksschälchen. Um ihre Taille hatte sie die neue Schürze in Leopard-Optik gebunden, die ich ihr zu Weihnachten geschenkt hatte. Auch ihre flachen Boots waren im Leopard-Style.
An die schwarze Tafel hinter ihr hatte jemand mit Schönschrift in Kreide geschrieben, was es zum Frühstück gab. Nämlich: Frühstücksbowl, die Weihnachtsversion. Es sah aus, als würde Evelyn ein Puzzle machen, denn sie verteilte einzelne Heidelbeeren und Mandelsplitter handverlesen als Topping. Am Schluss kam noch ein Schwups Mohn und Zimt dazu. Weshalb alles so schön dekoriert wurde, war mir mittlerweile klar, denn was hier im Café passierte, hatte Instagram-tauglich zu sein. Daher lief meist noch Evelyns Handykamera im Hintergrund.
Während sie aus dem Kühlschrank eine Mandelmilch holte, schaltete sie ihre neue Boombox ein, und es ertönte ein Lied, das nach Zwanzigerjahre klang. Vroni sang sofort aus voller Kehle mit: »I wonder, I wonder, I wonder how I look when I’m asleep.« Die Vroni hatte eine ganz wunderbare Altstimme und kannte sogar den Text. Natürlich hatte ich schon beim Spazierengehen gute Laune gehabt, aber die schwungvolle Musik machte mich richtig aufgekratzt!
Während des Singens wies Vroni noch die Herren Schmidkunz und Hetzenegger – ihren Ehemann – an, wohin sie die Stühle und die Tische schieben sollten. Die Vorbereitungen für Evelyns großes Krimidinner liefen hier bereits auf Hochtouren.
Evelyns Krimidinner war vielleicht der falsche Begriff, denn das Krimidinner hatte ich von Evelyn zu Weihnachten geschenkt bekommen, insofern war es natürlich meines. Doch wie man sah, war es ein Geschenk nicht ganz ohne Hintergedanken gewesen, was mich aber nicht einmal störte. Der Schmidkunz wirkte noch immer nicht hundertprozentig überzeugt, auch wenn ihm seine Frau mehrfach erklärt hatte, dass es eigentlich nur ums Essen ging und das gemeinsame Lösen des fiktiven Mordfalls ganz nebenbei stattfand. Doch inzwischen hatte natürlich auch er begriffen, dass jeder Teilnehmer eine Rolle spielen musste und einen potenziellen Tatverdächtigen darstellte. Also hatte er zur Bedingung gemacht, dass er lediglich eine Nebenrolle bekam.
Ich nahm kurz die glitzernde Schachtel in die Hand, in der sich die Anleitung für das Krimidinner befand.
»Die mörderische Dinnerparty im Zwanzigerjahre-Stil – Der Fluch des Great Gatsby« stand in geschwungener goldener Schrift geschrieben. »Servieren Sie Ihren Gästen einen Mord zum Dinner!«
Eigentlich waren mir in den letzten Monaten schon zu viele Morde auf dem Campingplatz serviert worden. Doch das etwas ungute Gefühl in der Magengegend vergaß ich sofort wieder, als ich zusah, wie die Schmidkunz Kartons mit allerlei Deko-Artikeln auspackte. Allesamt passend für eine Zwanzigerjahre Mottoparty. Die Schmidkunz hielt ein schwarzes Schild mit goldener Schrift hoch, auf dem »Welcome to the Party« stand, legte es neben einen Stapel mit goldenen Tellern und zog dann golden schimmernden Stoff hervor, mit dem Evelyn noch mehr Glanz in die Bude bringen wollte.
»Stopp!«
Evelyn erwischte Clärchen im letzten Moment an der Leine und verhinderte gerade noch, dass diese den Schirmständer umriss, der mit lauter riesigen, weißen Federn bestückt war.
»Gut, dass du kommst!«, stieß Vroni atemlos hervor, warf mir gleich eine ellenlange Perlenkette über und zupfte sie zurecht. »Die brauchst du unbedingt, rein für das Feeling. Und sobald wir da Platz geschaffen haben zum Tanzen, werde ich dir schon mal die Choreografie zeigen. Damit du siehst, wie weit wir sind …«
Ich warf Evelyn einen Hilfe suchenden Blick zu, den diese geflissentlich ignorierte. Natürlich hatte ich mitbekommen, dass Vroni sich die ganze Zeit auf YouTube Charleston-Choreografien ansah.
»Ich dachte, ich bin die Ehefrau des russischen …«
»Du musst zwei Rollen übernehmen«, unterbrach mich Vroni und holte die Anleitung noch einmal hervor. »Es schaut einfach viel toller aus, wenn es drei Showgirls gibt und nicht ich alleine tanze. Außerdem gibt es ja auch andere Leute mit mehreren Rollen.«
Die Schmidkunz zum Beispiel spielte anscheinend nicht nur die geldgierige Tochter des Mordopfers, sondern auch ein Showgirl. Ich zwirbelte die Perlenkette zwischen meinen Fingern. Schon zu Schulzeiten hatte ich mir bei der Rhythmischen Sportgymnastik keine Choreografien merken können.
»Also, mit Tanzen hab ich es nicht so. Kann das nicht dein Mann machen?«
Ich grinste. Der Hetzenegger grinste ebenfalls und wackelte mit dem Hintern, was wahrscheinlich ähnlich sexy aussah wie bei mir.
»Stell dich einfach hinter mich und mach alles nach, was ich tue. Die restlichen Stühle müsstet ihr noch stapeln«, fuhr Vroni, an die zwei Männer gewandt, fort. »Damit wir für unsere Proben genügend Platz haben. Bis heute Abend muss schließlich unsere Choreografie stehen!«
»Ich dachte, es gibt jetzt Frühstück!«, maulte der Hetzenegger, der offensichtlich einen tierischen Hunger hatte.
»Einen Tisch müsst ihr halt stehen lassen!«, seufzte Vroni über so viel Begriffsstutzigkeit. »Es geht doch nur darum, dass wir zum Tanzen genügend Platz haben!« Mit einem nachdenklichen Blick aus dem Fenster fügte sie hinzu: »Vielleicht sollte ich noch Andrea und Nicole fragen, ob sie mittanzen wollen.«
»Andrea und Nicole?«, echote ich verblüfft, und auch mein Blick fiel nach draußen. Dort kamen gerade die einzigen Camper, die wir gerade am Platz hatten, die Treppe herunter. Sie wollten wohl gerade zu einem Spaziergang aufbrechen. Momentan hatten wir nur fünf normale Campinggäste – also solche, die keine Dauercamper waren. Jürgen Meier war hier zusammen mit seiner Frau Andrea Vorderholzer und seinem dreiundzwanzigjährigen Sohn Jan. Außerdem waren noch ihre Freunde mit von der Partie, Thorsten und Nicole Wildgruber. Sie hatten sich zwei große Wohnmobile gemietet und standen damit Seite an Seite mit Blick auf den See.
»Evelyn hat sie gefragt, ob sie mitspielen wollen«, erklärte mir die Schmidkunz, die sich neben mich gestellt hatte.
»Sonst hätten wir doch viel zu wenig Mitspieler«, erklärte Evelyn. »Jetzt, wo Jonas und Alex krank sind. Und der Stein keine Zeit hat!«
Stein war unser persönlicher Rechtsmediziner und nicht nur dienstlich eng mit unserem Campingplatz verbandelt. Wir waren sozusagen der Campingplatz mit der höchsten Morddichte in der westlichen Paläarktis und bei Rechtsmedizinern, Kripobeamten und Spurensicherung gleichermaßen total verschrien.
»Das hat nur Vorteile, wenn die mitspielen«, erklärte mir Evelyn. »Dann muss keiner zwei Rollen übernehmen!«
Eine Weile sahen wir nur schweigend zu, wie die Gruppe die Treppe hinunterging, zwei Pärchen um die fünfzig und ein junger Mann. Voran ging Jürgen. Er ließ die Arme ein bisschen nach vorne hängen, weswegen er stets etwas deprimiert und unsicher aussah. Er hatte sich seine schwarze Mütze vom Kopf gezogen, und die dünnen grauen Haare standen in alle Richtungen. Sein Freund Thorsten hingegen strotzte nur so vor Selbstbewusstsein. Dieser kam gerade mit Jürgens Frau Andrea die Treppe hinunter.
»Was für ein aufgeblasener Kerl«, sagte hinter mir die Schmidkunz über Thorsten und äffte ihn nach: »Coach für Karriere und Work-Life-Balance. Lasst ihn bloß nicht zu Wort kommen! Der labert ohne Ende.«
»Beim Krimidinner muss er sich an den Text halten«, tröstete uns die Vroni.
Von seinem Ausweis wusste ich, dass Thorsten achtundvierzig Jahre alt war, doch er sah deutlich jünger aus. Er war durchtrainiert und gebräunt und hatte das strahlendste Lächeln, das ich je bei einem Mann gesehen hatte. Vermutlich, weil er den breitesten Mund und die weißesten und größten Zähne hatte, die man sich vorstellen konnte. Er war der typische Mann, dem die Frauen zu Füßen liegen. Erstaunlicherweise nicht Evelyn, die sehr empfänglich für alle möglichen Männertypen war. Das mochte daran liegen, dass Evelyn wollte, dass die Männer ihr zu Füßen lagen und nicht umgekehrt!
Andrea, Jürgens Frau, war eine Psychotherapeutin – wirkte auch sehr selbstbewusst, insofern passten Thorsten und sie wahrscheinlich gut zueinander. Im Gegensatz zu Thorstens Frau. Sie gab sich größte Mühe, ebenfalls durchsetzungsstark zu wirken, doch bei ihr hatte es den Anschein, als würde sie ständig ins Schwimmen geraten. Wenn sie redete, sah sie stets ihren Mann an, ob das, was sie sagte, auch Zustimmung fand. Nicole war klein und unglaublich zierlich. Gerade ging sie mit dem Sohn von Jürgen Seite an Seite.
Dieser redete sehr angeregt auf sie ein, während sie den Blick auf den Rücken ihres Mannes gerichtet hielt.
»Das ist doch auch nix«, stellte der Hetzenegger fest, weil wir nun alle am Fenster standen und nach draußen sahen, »wenn der Bub noch mit in den Urlaub fährt. Der ist doch schon über zwanzig!«
»Dreiundzwanzig«, verriet uns Evelyn.
»Ach geh, der arme Bub!«, sagte die Vroni. »Ich würd ihn auch mitfahren lassen! Das ist ein ganz ein Netter, der hat mir gestern den Müll hoch zur Straße gebracht.«
»Und er grüßt immer«, legte sich auch die Schmidkunz für Jan ins Zeug.
»Müll hochbringen«, schnaubte der Hetzenegger. »Hat der nix Besseres zu tun? Der wird doch selber Freunde haben, in dem Alter, da geht man doch saufen und fährt nicht mit seinen spießigen Eltern auf einen deutschen Campingplatz und bringt alten Leuten den Müll zur Tonne! Also ich in seinem Alter …«
»Das wollen wir jetzt gar nicht wissen«, unterbrach ihn die Vroni ärgerlich und schlug ihm mit der Hand auf den Bauch. »Nicht jeder kann so ein Wilder sein wie du!«
»Wahrscheinlich sind sie nicht spießig genug«, stellte Evelyn eine Theorie auf. »Da haben die Kinder dann keinen Bedarf, sich von ihren Eltern zu lösen. Ich meine, diese Andrea, die kifft doch, die riecht andauernd nach Hasch.«
»Na ja, vielleicht auch nach Räucherstäbchen«, wandte ich ein, weil mir der Geruch auch aufgefallen war.
»Gras«, korrigierte mich Evelyn.
»Du meinst also, wenn die Eltern kiffen, dann ziehen die Kinder nie aus?«, fragte ich neugierig. Diese Theorie musste ich unbedingt Klara unterbreiten. Die saß nämlich hochschwanger zu Hause und wartete darauf, dass das Baby endlich kam. Aber vielleicht wollte man als Schwangere nicht hören, wie schwierig es sein konnte, seine Kinder später einmal aus dem Nest zu beißen …
»Mir hat er jedenfalls schon beigebracht, wie ich zu mehr Erfolg im Leben komme«, kehrte Vroni zu Thorsten zurück. »Das geht ganz einfach, das ist nämlich nur die innere Einstellung. Die kann man selber steuern.«
Sie riss so unvermittelt die Hände nach oben, dass wir alle furchtbar erschraken, und dabei stieß sie mit veränderter, gepresster Stimme hervor: »Ich bin ein Gewinner!«
Wir starrten und schwiegen in gemeinschaftlicher Fassungslosigkeit.
»Das soll man so machen«, erklärte sie entschuldigend, als sie unsere Blicke sah. »Brust raus, Arme hoch und dann mit selbstbewusster Stimme …« Wieder riss sie die Arme hoch und stieß mit befremdlich tiefer Stimme hervor: »Ich bin ein Gewinner.«
»Du hörst dich an wie dieser Typ aus Star Wars«, sagte ihr Mann.
Vroni schlug ihm wieder mit flacher Hand auf den Bauch. Bevor ich ebenfalls die Hände hochreißen konnte – wenn das so einfach ging mit dem Gewinner-Typ-Werden, wollte ich das natürlich auch ausprobieren –, ging die Tür zum Café auf, und ein Schwall kalter Luft strich herein. Der Gröning, mein dienstältester Camper, trat herein. Auch wenn er fast nichts von unserer Unterhaltung mitbekam, weil er schwerhörig war, setzte er sich gerne zum Frühstücken zu uns ins Café. Wie immer verspeiste er sein »eigenes« Frühstück – er trank den Kaffee mit Kaffeesahne und aß jeden Tag sein Semmerl vom Meierbeck mit Marmelade, weil er den »modernen Kram« von Evelyn nicht essen mochte.
Kurz überschwemmte mich die Panik – dass ich die Gastgeberin für so viele Leute spielen musste –, und ich nahm mir die Anleitung vom Krimidinner zur Hand.
»Himmel!«, stieß ich panisch hervor. »Filet vom Charolais-Rind mit gebratenen Kartoffelnocken. Und allerlei Wurzelgemüse. Da stehe ich doch tagelang in der Küche!«
»Klingt sehr appetitlich«, grinste der Hetzenegger.
Was dabei am Ende herauskam, wenn ich das kochte, war fraglich.
»Das ist sowieso das Beste«, beruhigte mich Evelyn. »Nicole hat nämlich versprochen, dass sie das Menü kochen wird! Sie hat anscheinend ein Faible dafür, große Menüs für viele Personen zuzubereiten.«
Mein Herzschlag beruhigte sich ein wenig. Sehr gut! Wir hatten einen Profi unter uns. Und das Wichtigste: Ich war dafür nicht zuständig. Ich sah, wie Nicole am Café vorbeiging. Irgendwie wunderte mich die Aussage, dass sie gerne riesige Menüs kochte. Sie war zaundürr und sah aus, als würde sie nie etwas essen.
Ich wurde vom Hetzenegger abgelenkt, der gerade lautstark auf seinem Frühstück bestand. Ich ließ mich anstecken und nahm mir vom Tresen eine Müslischale, die mit Mohn, Zimt und Kokos garniert war.
»Und Alex ist auch krank?«, wollte ich wissen. Nachdem Jonas erkrankt war, hatte ich mich auf Alex als meinen russischen Ehemann gefreut. Aus eigener Erfahrung wusste ich, dass mein Jugendfreund nicht nur ein begnadeter Küsser war, sondern auch über weitere Qualitäten verfügte, die Jonas regelmäßige Eifersuchtsschübe bescherten.
»Leider«, erwiderte Evelyn, und es zischte, als sie die Milch aufschäumte. »Immerhin ist der Kare gesund.«
Der Kare war ein einigermaßen merkwürdiger Typ aus dem Ort, der stets mit einem uralten Citroen durch die Gegend fuhr.
»Und seinen Wagen fährt er nämlich nur selbst, hat er gesagt.«
»Was hat denn der Citroen vom Kare mit dem Krimidinner zu tun?«, wollte ich wissen.
»Das muss doch alles stilvoll zusammenpassen«, sagte Evelyn tadelnd. »Wie sieht das denn auf Instagram aus, wenn ihr in einem alten Renault von 1999 ankommt. Zu einem Zwanzigerjahre-Event!«
Also, von Event war eigentlich nie die Rede gewesen, aber ich hatte es natürlich schon geahnt, weil Evelyn immer in riesigen Dimensionen dachte. Doch ihre Begeisterung steckte mich an: »Es muss ja sowieso niemand ankommen. Schließlich sind wir hier alle auf dem Campingplatz. Wir gehen einfach zu Fuß…«
»Himmel«, sagte Evelyn kopfschüttelnd. »Was meinst du, wie das wirkt? Wenn die Showgirls zu Fuß über den Campingplatz trampeln? Am besten noch in deinen UGGs, oder was? Das muss stilvoll sein! Und stilvoller als aus einem Oldtimer zu steigen, geht praktisch nicht.«
»Was für ein Oldtimer?«, wollte der Schmidkunz wissen.
»Ein Citroen 11 CV«, antwortete Evelyn und schäumte die Milch für meinen Cappuccino auf.
»Der ist doch aus den Dreißigerjahren«, sagte der Hetzenegger mit vollem Mund, bekam aber statt einer Antwort nur einen drohenden Blick von Evelyn.
Nach dem Frühstück wurden der Hetzenegger und der Schmidkunz zum Einkaufen geschickt. Sehr gut! Dann musste ich mich vor denen wenigstens nicht beim Tanzen zum Affen machen. Nur der Gröning blieb vor seiner zweiten Semmelhälfte sitzen.
Die Vroni legte den Charleston-Klassiker »Green-Hill« auf und tanzte uns erst einmal vor, wie sie sich das Ganze vorstellte. Bei ihr sah das tatsächlich schon überraschend professionell aus. Sie bewegte Arme und Beine vollkommen unabhängig voneinander, ruderte ganz Charleston-mäßig mit den Armen und konnte auch schon die X/O-Kombinationen mit den Beinen routiniert.
»So, und jetzt zusammen, erst mal langsam!«, befahl sie uns.
Brav stellte ich mich hinter sie und probierte dasselbe. Das war gar nicht so einfach. Bei der Vroni gingen die Hüften mit und die Arme, und an manchen Stellen wackelten ihre Brüste ganz wunderbar. Bei mir sah es aus, als hätte ich einen epileptischen Anfall, von dem ich mich nie wieder erholen würde. Ob ich mich so vor Zuschauern blamieren wollte, wusste ich noch nicht. Wir übten das Twisten der Füße, die Knie machten auf und zu, und die Hände sollten abwechselnd von rechts nach links wandern, was mir nur ansatzweise gelang. Irgendwann war mir ganz schwindelig, und ich ließ mich frustriert auf einen Stuhl sinken. Ich beobachtete, wie der Gröning aufstand und das Twisten mitmachte. Der konnte es auf Anhieb, und obwohl es ziemlich in seinen Gelenken knackte und knirschte, war er mit Feuereifer dabei.
»Bis heute Abend kannst du das!«, sagte die Vroni sehr motiviert zu mir.
Das konnte ich mir selbst mit Thorsten-Power-Talk nicht richtig vorstellen!