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Chris Paul

Ich lebe mit meiner Trauer

Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek

Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über https://portal.dnb.de abrufbar.

Rechtehinweis:

Antoine Leiris, Meinen Hass bekommt ihr nicht. »Freitag Abend habt ihr das Leben eines außerordentlichen Wesens

geraubt, das der Liebe meines Lebens, der Mutter meines Sohnes, aber meinen Hass bekommt ihr nicht.« © 2016 Karl Blessing Verlag, München, in der Verlagsgruppe Random House GmbH. Übersetzung: Doris Heinemann.

Copyright © 2017 Gütersloher Verlagshaus, Gütersloh,

in der Verlagsgruppe Random House GmbH,

Neumarkter Str. 28, 81673 München

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Umsetzung eBook: Greiner & Reichel, Köln

Umschlagmotiv: © Harald Biebel/Fotolia.com

ISBN 978-3-641-19879-4
V001

www.gtvh.de

Inhalt

Einleitung

Trauern ist die Lösung, nicht das Problem!

Das Kaleidoskop des Trauerns

Überleben – Wirklichkeit begreifen – Gefühle – Sich anpassen – Verbunden bleiben – Einordnen – Begegnungen, die »Stolpersteine« auf dem Trauerweg sind

Die ersten Stunden

Der Trauerweg beginnt

Trauerfacette Überleben

Unwillkürliche Schutzrektionen – Zusammenbruch? – Zusammenreißen – Das Überleben der anderen – Übung

Trauerfacette Wirklichkeit

Plötzliche und gewaltsame Tode als Stolperstein – Spirituelle Wirklichkeit und Rituale – Stolpersteine, die die Wirklichkeit verzerren

Trauerfacette Gefühle

Überleben kann wichtiger sein als Gefühle fühlen – Medikamente und Gefühle

Trauerfacette Sich anpassen

Nichts ändern können – Handlungsmöglichkeiten oder Bevormundung – Unterstützungsangebote

Trauerfacette Verbunden bleiben

Trauerfacette Einordnen

Die ersten Wochen

Eine besondere Zeit

Trauerfacette Überleben

Überlebensstrategien – Fachliche Unterstützung – Übung

Trauerfacette Wirklichkeit

Körperliche Wirklichkeit – Der letzte Abschied vom Körper – Die spirituelle Wirklichkeit des Todes – Übung – Wirklichkeit in Worten – Unperfekte Worte – Überwältigende Erlebnisse

Trauerfacette Gefühle

Von Fassungslosigkeit über Wut und Liebe bis zum Stress – Gefühle im Körper – Rituale – Übungen

Trauerfacette Sich anpassen

Begrenzte Wahlmöglichkeiten – Sachzwänge – Neue Aufgaben

Trauerfacette Verbunden bleiben

Trauerfacette Einordnen

Ein ganzes Leben zusammenfassen – Wem gehört der Verstorbene? – Bin ich krank oder verrückt?

Das erste Trauerjahr

Der Trauermarathon hat begonnen

Trauerfacette Überleben

Überlebenshilfen – Fachliche Unterstützung (auch für die weiteren Trauerjahre) – Trauergruppen für Erwachsene – Trauergruppen für Kinder und Jugendliche – Weitere hilfreiche Möglichkeiten – Trauercafé Wandern, Segeln, Malen, Tanzen – Ärzte, PsychotherapeutInnen, Neurologen, TraumatherapeutInnen - Naturheilkunde, Homöopathie

Trauerfacette Wirklichkeit

Alles zum ersten Mal – Feiertage und Urlaube – Wirklichkeit und Zeit

Trauerfacette Gefühle

Starke Gefühle aushalten – Körperliche Beschwerden – Wut und Hass – Scham – Neid – Erleichterung – Einsamkeit – Angst – Sehnsucht und Liebe – Rituale, die Gefühlen eine Form geben – Trauer oder Depressionen

Trauerfacette Sich anpassen

Umgang mit den Dingen – Was sage ich wem? – Mitmenschen, »stabile Personen«, »praktische UnterstützerInnen« – Umgang mit den Rollen

Trauerfacette Verbunden bleiben

Erinnerungen – Die Angst vor dem Vergessen – Die Angst vor dem Schmerz der Erinnerung – Erinnerungen an überwältigende Situationen – Gegenstände – Orte – Symbole, die wir selber wählen – »Zeichen« – Bleibendes – Übung – Präsenzerlebnisse – Spiritualität und Glauben – Imaginationen – Übungen – Ähnlichkeiten – Vorwürfe und Hass – Mit-Leiden – Verbundenheit mit den Lebenden

Trauerfacette Einordnen

Verunsicherung – Wie passt dein Tod zu deinem Leben? – Wie passt dein Tod zu meinem Leben? – Vergeltung oder Vergebung – Wie passen dein Tod und meine Trauer zu meiner Zukunft?

Todestage

Der erste Todestag

Trauerfacette Überleben

Unklares Sterbedatum – Serie von schweren Tagen

Trauerfacette Wirklichkeit

Das eigene Weiterleben – Belastende Erinnerungen

Trauerfacette Gefühle

Trauerfacette Sich anpassen

Trauerfacette Verbunden bleiben

Verbundenheit mit dem geteilten Leben

Trauerfacette Einordnen

Beispiele für die Gestaltung von Jahrestagen

Die weiteren Trauerjahre

Trauerwege und Trauerentwicklungen

Trauerfacette Überleben

Kraftquellen – Darf Freude sein? – Nur Überleben? – Überleben und die anderen Trauerfacetten – Fachliche Unterstützung

Trauerfacette Wirklichkeit

Wirklichkeitsmacher – Redeverbote innerhalb der Familie

Trauerfacette Gefühle

Gefühle verändern sich – Verlust von Vertrauen in sich selbst – Sorge und Angst

Trauerfacette Sich anpassen

Neue Schwerpunkte – Beziehungen verändern sich – Neu verlieben – Ein neuer Platz für die alte Liebe – Die Eifersucht der »Neuen« auf die Verstorbenen – Wieder schwanger werden

Trauerfacette Verbunden bleiben

Mit dem Verstorbenen weiterleben – Mit sich selbst weiterleben – Idealisierung – Vermächtnis

Trauerfacette Einordnen

»Weil du trotzdem da bist.«

Danksagung

Literaturhinweise

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Trauern ist die Lösung, nicht das Problem!

Die Menschheit existiert schon einige zehntausend Jahre und von Anfang an mussten Menschen damit umgehen, dass Familienmitglieder und andere Vertraute um sie herum starben. So ist es bis heute – wussten Sie, dass allein in Deutschland pro Jahr mehr als 800.000 Menschen sterben? Heutzutage sterben die meisten Menschen in Krankenhäusern oder Altenheimen. Andere kommen bei einem Unfall ums Leben, bei einer Naturkatastrophe oder sie töten sich selbst. Die Nachricht von einem Tod fühlt sich oft an, als käme ein wildes Tier und würde den wichtigsten Menschen im eigenen Leben wegreißen. Eigentlich alle Menschen wissen beim Tod eines sehr vertrauten Menschen nicht, wie es weitergehen soll. Doch die menschliche Seele hat eine Art Programm entwickelt, um das eigene Weiterleben zu ermöglichen – das ist der Trauerprozess. Er führt durch die Zeiten von einem Leben mit diesem Menschen, der gestorben ist, hin zu einem aushaltbaren Leben ohne ihn. Auch wenn Sie keine Ahnung haben, wie Sie den Schmerz und die Unsicherheiten nach einem Tod überstehen sollen – in Ihnen liegt die Fähigkeit, es zu tun.

Vieles werden Sie automatisch »richtig« machen, wenn Sie auf sich selbst hören. Man geht davon aus, dass mindestens 80 Prozent aller Hinterbliebenen keine fachliche Unterstützung für ihren Trauerprozess benötigen. Sie brauchen ihre Freunde und Familien – jeder Mensch braucht andere Menschen, aber eben als Freunde und Verwandte, nicht als »Trauer­profis«.

In diesem Buch erläutere ich die vielen Facetten eines Trauerprozesses. Ich möchte Sie anregen und ermutigen und dazu beitragen, dass Sie sich selbst besser verstehen. Und dass Sie die Menschen um sich herum ein bisschen besser verstehen.

Das Kaleidoskop des Trauerns

Der Trauerprozess beinhaltet deutlich mehr als Vergessen und Weitermachen. Trauern, so wie ich es erfahren habe, ist auch deutlich mehr als das Gefühl »Traurigkeit«. Trauerprozesse enthalten viele starke Gefühle und gleichzeitig viele wirre Gedanken. Sie bringen die mühsame Gewöhnung an ein verändertes Leben mit sich und die Auseinandersetzung mit spirituellen Fragen. Vor allem bestehen Trauerprozesse aus Erinnerungen. Das menschliche Überlebensprogramm nach dem Tod von anderen Menschen ruft die vielen Erinnerungen an den Verstorbenen ins Gedächtnis und sortiert sie nach ihrer bleibenden Bedeutung. Es ist wie eine sehr große Kiste voller Fotos und Videos, die angesehen werden. Schöne und beglückende Bilder, aber auch belastende und anstrengende Erinnerungen sind da versammelt. Irgendwann wird klar sein, welche Bilder die wichtigsten und stimmigsten sind. Zu diesen Bildern gibt es Geschichten, die auf den Punkt bringen, wer dieser Mensch war und was er im Guten hinterlassen hat. Trauerprozesse enden nicht mit Vergessen, sie münden irgendwann in »leichtes Gepäck«. Keiner weiß im Voraus, wann das so weit sein wird. Es dauert aber auf jeden Fall länger als sechs Wochen. Für viele dauert es länger als das berühmte »erste Trauerjahr«.

In diesem Buch habe ich die einzelnen Facetten des Trauerns mit feststehenden Begriffen benannt, die Sie immer wieder finden werden. Mitten in einem Trauerprozess fühlt es sich chaotisch und unübersichtlich an. Das löst Gefühle von Hilflosigkeit aus, die lähmend und entmutigend wirken können. Deshalb stelle ich Ihnen diese Struktur zur Verfügung, damit Sie ab und zu einen Blick auf sich selbst werfen können und ein bisschen Orientierung finden.

Die sechs Facetten des Trauerprozesses sind von Anfang an alle zugleich präsent. Sie formen ein Kaleidoskop verschiedener Elemente und Farben, die sich immer neu mischen. Anders als in einem Programm, das Sie von Schritt Eins bis Schritt Sechs nacheinander abarbeiten sollen, beschäftigen Sie sich meistens mit mehreren Facetten gleichzeitig.

Wenn Sie bisher dachten, der Trauerweg sei wie ein schnurgerader Hürdenlauf, bei dem Sie von einem Startpunkt aus in gerader Strecke auf ein Ziel loslaufen, dann verabschieden Sie dieses Bild bitte. Der Trauerprozess ist kein geradeaus laufender Weg. Er ähnelt mehr einer Spirale (Sie laufen größer werdende Runden auf einem Sportplatz) oder einem Labyrinth (Sie laufen einen Marathon durch eine Stadt und werden in vielen Schleifen und Windungen immer durch dieselben Gebiete geleitet).

Jeder trauernde Mensch läuft seinen eigenen Weg im eigenen Tempo, Trauerprozesse sind kein Massenlauf mit der gleichen abgesteckten Wegstrecke für alle. Jeder Trauerweg ist individuell, verschieden von anderen Trauerwegen und doch unterwegs auf denselben Themenfeldern.

Trauern muss nicht »vorbei« gehen, also gibt es keine Ziellinie, wie bei einem Marathon. Es ist eher, als würden die Kreise immer weiter und dabei kämen immer mehr Facetten hinzu: Facetten des Lebens, in denen der Verlust keine Rolle spielt. Und die Gangart ändert sich, wird weniger angestrengt, kann zunehmend wieder ins Schlendern oder auch mal Hüpfen übergehen. In diesen weiter werdenden Kreisen betreten Menschen in unterschiedlich großen Zeitabständen immer wieder auch eine oder mehrere Facetten des Trauerns. Die wiederkehrende Beschäftigung mit den verschiedenen Facetten des Trauerprozesses führt dazu, dass die meisten Menschen erleben, wie die Wucht des Seelenschmerzes und der Ratlosigkeit mit der Zeit nachlässt. Sie finden einen inneren Frieden mit dem, was geschehen ist und sie haben hauptsächlich Erinnerungen, die sie genießen können. Das geschieht bei den meisten Trauernden fast von allein – die Unterstützung ihrer Freunde und Angehörigen reicht als Wegbegleitung. Nur zehn bis zwanzig Prozent der Menschen, die um jemanden trauern, brauchen zusätzlich fachliche Unterstützung.

Wenn ein naher Mensch gestorben ist, dauert dieser Weg durch die verschiedenen Facetten eines Trauerprozesses oft mehrere Jahre. Dieses Buch begleitet Sie durch alle Zeiten Ihrer Trauer – von den Sterbestunden durch das ganze erste Trauerjahr bis zu den weiteren Trauerjahren. Die Facetten des Trauerns mischen sich auf diesem Weg immer neu. Deshalb beschreibe die einzelnen Trauerfacetten ausführlich in jedem Zeitabschnitt. Ich zeige Ihnen, wie vielfältig Sie jede einzelne Trauerfacette ausgestalten können. Hinweise auf die Stolpersteine, die Ihren Trauerweg erschweren können, ergänze ich um viele verschiedene Trittsteine. Mit diesen Hilfen können Sie Schritt für Schritt auch durch schwierige Trauerzeiten gehen.

Dieses Buch ist für Sie auf Ihrem Trauerweg geschrieben. Wenn Sie Ihren engen Familienangehörigen und Freunden das Kaleidoskop des Trauerns nahebringen möchten, können Sie Ihnen das Buch »Wir leben mit deiner Trauer« empfehlen und vielleicht sogar darüber ins Gespräch kommen. Ich habe es für die Menschen geschrieben, die Ihnen den Trauerweg erleichtern und dabei manchmal selbst Unterstützung brauchen.

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Überleben

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Dieser Facette habe ich die Farbe Orange zugeordnet. Leuchtend und schrill wie eine Warnweste. Denn Überleben ist etwas anderes, als es sich gut gehen zu lassen. Überleben ist eine rohe, simple Angelegenheit. Man atmet weiter und übersteht den Tag und die Nacht und den nächsten Tag. Jeder von uns macht das anders. Alles Fühlen, Erinnern und Sprechen ist diesem Anliegen untergeordnet. Überleben hat Vorrang und Überleben ist immer wieder dran zum Kraftschöpfen und zum Ausruhen von den Anstrengungen der anderen Trauerfacetten.

Hier eine unvollständige Liste der Möglichkeiten, die wir nutzen, um etwas Erschreckendes zu überstehen:

Ablenken, laute Musik, Fernsehen, Alkohol, Internet. Sich in Arbeit stürzen. Alles so machen wie zuvor. Reden wie ein Wasserfall. Verstummen. Nähe suchen. Sich zurückziehen. Einschlafen. Innerlich abschalten. Ganz viel Sport. Raus in die Natur. An Schönes denken. Aggressiv werden. Beten oder Meditieren. Pflichtbewusst sein. Für andere da sein. Weglaufen. In der Vergangenheit leben. Die Vergangenheit abstreiten. Vieles von dem, was Ihnen an Ihrem eigenen Verhalten seltsam und unvernünftig erscheint, ist eine Überlebensstrategie. Das gilt auch für das Verhalten der Menschen um Sie herum.

Wirklichkeit begreifen

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Dieser Facette habe ich die Farbe Dunkelgrau zugeordnet, weil es sich so unerträglich dunkel und bedrückend anfühlen kann, wenn man begreift, dass ein geliebter Mensch »wirklich« tot ist. Es fällt schwer zu verstehen, dass jemand gestorben ist und was das eigentlich bedeutet. Die Möglichkeit, den Sterbenden und dann den Verstorbenen sehen und berühren zu können, hilft dabei. Dieses buchstäbliche »Be-greifen« am Sterbebett, bei einer Totenwache oder beim Abschiednehmen unterstützt die Realisierung des Todes. Darüber zu sprechen hilft auch dabei, die Wirklichkeit eines Sterbens zu verstehen. Jedes Mal, wenn klar benannt wird, dass jemand gestorben ist (nicht »gegangen« oder »eingeschlafen«), wird der Tod ein Stück wirklicher. Die Geschichte des Abschieds erzählen können, von anderen etwas dazu hören, sich austauschen und bestätigen, macht den Abschied wirklicher. Hilfreich beim Realisieren ist auch der Zugang zu den Informationen darüber, woran und wie jemand gestorben ist, so entsteht eine zusammenhängende begreifbare Geschichte.

Sterben ist wirklich etwas anderes als Verreisen oder den Kontakt abbrechen. Es ist end-gültig, nicht zurück zu nehmen und für immer. Diese Wirklichkeit des Todes lernt man nur mit jedem Tag, der vergeht.

Sterben ist auch deshalb anders als Verreisen, weil es Fragen nach dem »Danach« aufwirft. Seelenwanderung? Auferstehung? Schwarzes Loch? Wiedergeburt? Das sind Glaubensinhalte und Überzeugungen, aber sie fühlen sich ganz wirklich und wahrhaftig an und Menschen brauchen diese Vorstellungen für ihr »Begreifen der Wirklichkeit eines Todes«.

Gefühle

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Dieser Facette habe ich ein kräftiges Rosa zugeordnet, weil die vielen unterschiedlichen Gefühle so intensiv und stark sind, aber auch zart und zärtlich sein können.

Trauerprozesse enthalten eine Vielzahl von Gefühlen: Verzweiflung, Wut, Ohnmacht, Schmerz, Erleichterung, Angst, Neid, Dankbarkeit, Sehnsucht, Liebe und viele mehr. Alle diese verwirrenden überwältigenden Gefühle sind wichtig. Auch wenn sie anstrengend sind, die Konzentration für den Alltag rauben und einem selbst peinlich sind – sie helfen, den Verlust zu bewältigen. Jedes Gefühl braucht dafür auch einen Ausdruck, hier einige Beispiele:

Traurigkeit, Verzweiflung und auch Sehnsucht können sich in Tränen einen Weg bahnen oder in Rückzug. Wut, Hilflosigkeit und Abwehr äußern sich in Geschrei und Streit oder in Schweigen und Abwendung. Sehnsucht findet z. B. in Grabbesuchen, Trauertagebüchern, dem Gestalten von Erinnerungskisten oder Fotobüchern ihren Ausdruck. Liebe und Dankbarkeit können sich in Erzählungen und Ritualen ausdrücken.

Der Seelenschmerz drückt sich oft auch körperlich aus. Manchmal verwandelt sich der Seelenschmerz direkt in Körperschmerz – z. B. in Magenkrämpfe und Kopfschmerzen. Nicht nur das metaphorische Herz, sondern auch das physische Herz fühlt sich dann schwer an und stolpert. Der Seelenschmerz kann sich in Atemnot, Beklemmungen und starkem Frieren ausdrücken. Die inneren Kreisläufe sind oft so durcheinander wie die eigenen Gedanken und Gefühle – Schlafen und Essen finden dann nur mit Mühe in einen vertrauten Rhythmus zurück. Der Körperschmerz braucht den Ausdruck des Seelenschmerzes, um langfristig wieder in den Hintergrund zu treten!

Sich anpassen

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Dieser Facette habe ich die Farbe Grün zugeordnet, weil es um uns herum immer etwas Grünes gibt, und hier geht es um alles, was außerhalb der eigenen Gedanken stattfindet.

Nach dem Tod eines nahen Menschen ändert sich das eigene Leben – manchmal bleibt keine Minute des Alltags, wie sie vorher war. An diese Veränderungen müssen Trauernde sich anpassen. Sie sind gezwungen neue Wege zu finden, mit sich selbst und dem Leben umzugehen.

Diese Veränderungen betreffen das Zuhause und den Alltagsablauf. Sie betreffen auch die Rollen und Aufgaben, die man in einer Familie oder Partnerschaft übernimmt. Veränderungen, an die Trauernde sich anpassen müssen, betreffen auch die Reaktionen aller Menschen, denen man begegnet, z. B. in der Nachbarschaft, im Kollegenkreis, in der Lerngruppe oder im Fitnessstudio. Man muss damit umgehen, dass manche Menschen nicht mehr grüßen und andere mit ungebetenen Ratschlägen reagieren.

Es kostet Kraft, sich im veränderten Leben zurechtzufinden und neue Rollen und Verhaltensweisen auszuprobieren.

Verbunden bleiben

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Dieser Facette habe ich ein leuchtendes Gelb zugeordnet, weil die Verbundenheit mit dem Verstorbenen für viele Trauernde wie ein Sonnenstrahl ist.

Menschliche Beziehungen zwischen Lebenden bestehen aus dem Bewusstsein innerer Verbundenheit, aber auch aus Blicken, Berührungen und gemeinsamen Aktivitäten. Nach dem Tod eines Menschen muss man auf alle körpergebundenen Gemeinsamkeiten verzichten und sich mit gedachten und geahnten Bindungsfaktoren begnügen:

Erinnerungen und Anekdoten ermöglichen ein Gefühl von Verbundenheit. Träume vom Verstorbenen und die Wahrnehmung von »Zeichen« schaffen ein Gefühl von innerer Verbindung.

Manchmal ist es, als sei der Verstorbene auf eine nicht zu erklärende Weise immer präsent im eigenen Leben, unterstützend und freundlich. Manche empfinden die Verstorbenen wie gute Geister oder Schutzengel, die in entscheidenden Momenten spürbar werden und Rat geben.

Verstorbene waren normale Menschen, die Licht- und Schattenseiten hatten. Auf der Suche nach innerer Verbundenheit über den Tod hinaus werden beide Seiten und alle Widersprüche auch einer Beziehung näher erinnert. Denn bedrückende und beängstigende Erfahrungen können ebenso innere Bindungen schaffen wie Beglückendes. In dieser Trauerfacette geht es um das Suchen nach dem, was bleiben soll und dem, was in den Hintergrund treten kann.

Früher dachte man, Trauernde müssten sich komplett von den Verstorbenen lösen, um sich den Lebenden zuwenden zu können. Das gilt als überholt. Trauernde, die sich mit ihren Verstorbenen in positiver und stärkender Weise verbunden fühlen, sind offen für das Leben und die Menschen darin.

Einordnen

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Dieser Facette habe ich die Farbe Blau zugeordnet, Blau wie der Himmel über uns, der so selbstverständlich ist, dass wir ihn oft gar nicht mehr bemerken.

Genauso wenig achten wir im Alltag auch darauf, welche Gedanken wir denken, und darum geht es hier. Trauerprozesse bringen nicht nur intensive Gefühle mit sich, sondern sie bewirken auch in unserem Gehirn Höchstleistungen! Jede »Warum?«-Frage, jede Suche nach neuem Lebenssinn ist eine Denkaufgabe. Trauernde versuchen einzuordnen und zu bewerten, was ihnen zugestoßen ist.

Der Tod eines nahen Menschen und die eigene Reaktion darauf stellt alle bisherigen Grundüberzeugungen in Frage: Stimmt das so noch? Oder muss das jetzt alles noch mal neu interpretiert und geordnet werden? Bin ich das Glückskind, die starke Frau, der gute Mensch, für den ich mich immer gehalten habe? Ist die Welt wirklich gerecht? Habe ich mein Schicksal in der Hand, wie ich immer dachte? Heilt Liebe doch nicht alle Verletzungen und Krankheiten?

Manchmal bestätigt ein Sterben frühere Erfahrungen und tiefe Ängste. Manchmal widerspricht es dem Optimismus, der bisher stets getragen hat.

Die Neubewertung der Vergangenheit färbt den Blick auf die Gegenwart und hat dann auch Auswirkungen auf die Zukunft. Je düsterer und hoffnungsloser die Interpretation des eigenen Lebens in der Vergangenheit ausfällt, desto weniger Freude und Zufriedenheit sind für die Zukunft denkbar. Umgekehrt sind Vergangenheitsdeutungen, die Freude und Leid nebeneinanderstehen lassen können, ein guter Ausgangspunkt für wachsende Lebensfreude.

Begegnungen, die »Trittsteine« auf dem Trauerweg sind

Es gibt drei Halt gebende Rollen, in denen Sie andere Menschen auf ihrem Trauerweg erleben werden. Das sind:

Unterstützung durch eine »stabile Person«: Die »stabile Person« ist für eine begrenzte Zeit ein »Fels in der Brandung«. Sie steht mitten auf dem Trauerweg und fängt Sie auf, wenn Sie glauben, dass es nicht mehr auszuhalten ist. »Stabile Personen« können gelassen bleiben, egal wie hoch die Wogen der Emotionen um sie herum werden. Eine »stabile Person« kann die eigenen Gefühle und Gedanken ruhig halten und als Ruhepol und stützender Arm einfach da sein. Die »stabile Person« kann den Überblick behalten. Auf dem Trauerweg tauchen zu bestimmten Zeitpunkten berufliche Helfer als »stabile Personen« auf, vom Notfallseelsorger bis zur Bestatterin. Auch Freunde und Verwandte können diese Rolle immer wieder für eine kurze Zeit einnehmen. Das ist dann wunderbar, diese Unterstützung von einem vertrauten Menschen zu erfahren. Aber es ist für Freunde und Angehörige mitunter auch eine Überforderung, tage- und wochenlang als »Fels in der Brandung« ohne eigene Tränen und Ängste aufzutreten. Dann ist es gut, die Last auf mehrere Schultern zu verteilen und die Stabilität von berufsmäßigen Helfern annehmen zu können.

»Praktische UnterstützerInnen«: Die praktischen Unter­stütz­erInnen brauchen Tatkraft, verfügbare Zeit und ein Talent für Alltagsbewältigung. Diese praktischen Unterstützungsleistungen sind konkret und zeitlich begrenzt, sie finden sich in allen Abschnitten direkt neben dem Trauerweg. Praktische Unterstützung kann sein: jemanden anrufen, etwas zu trinken besorgen, jemanden fahren, Informationen einholen und weitergeben, für ein Gespräch zur Verfügung stehen, im Haushalt und Garten helfen, anwesende Kinder beschäftigen und versorgen usw. Praktische Unterstützungsleistungen sind zeitlich begrenzt und beziehen sich auf konkrete Aspekte der veränderten Lebenssituation. Viele verschiedene praktische Unterstützungsleistungen werden im Lauf des Trauerweges an verschiedenen Stellen gebraucht und es ist gut, dafür viele verschiedene Menschen mit verschiedenen Talenten ansprechen zu können.

Unterstützung durch »mitmenschliche Normalität«: Diese Unterstützenden sind am Rand des Trauerweges und in der Mitte des Lebensweges zu sehen, sie zeigen Anteilnahme und Rücksicht, aber alles in allem sind sie in einer Normalität verhaftet, die Ihnen selbst vielleicht abhandengekommen ist. Mitmenschliche Unterstützung kann wohltuend sein, weil sie Ihnen hilft, die Teile des Lebens, die nicht zerbrochen oder in Frage gestellt sind, wahrzunehmen.

Begegnungen, die »Stolpersteine« auf dem Trauerweg sind

Es gibt die unterstützenden und tröstenden Menschen auf dem Trauerweg, es gibt aber auch Begegnungen, die zu Stolpersteinen werden. Menschen, die Trauernden ausschließlich mit Angst und Sorge begegnen, werden wie zu einem »Zerrspiegel« in einem Spiegelkabinett. Dort sieht man sich ganz verzerrt – und jede einzelne Verzerrung ist hässlich. Wird man etwa mit übergroßer Sorge angeschaut, nimmt man sich nur in seiner Schwäche wahr und findet kein Echo für die eigene Überlebensfähigkeit. Ähnlich wirken unprofessionelle Helfer, die Trauernden alles aus der Hand nehmen wollen und sie dabei regelrecht entmündigen. Verzerrend wirkt es auch, wenn die Müdigkeit und der Rückzug, die neben vielem anderen zum Trauerprozess gehören, nicht akzeptiert werden.

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Der Trauerweg beginnt

Mit dem Moment des Sterbens bzw. mit dem Eintreffen einer Todesnachricht beginnt der Trauerweg. Es kann sein, dass Sie vorbereitet auf diesen Weg zu gegangen sind, bei längeren Erkrankungen gab es schon viele kleine und große Trauerwege als Reaktion auf die Verluste, die die Erkrankung mit sich gebracht hat. Bei plötzlichen Toden gibt es keinen Übergang, das bisherige Leben endet von einer Sekunde auf die andere. Der Moment des Sterbens ist aber immer etwas Besonderes. Für die Angehörigen und Freunde des sterbenden Menschen bedeutet er: Hier endet die Hoffnung auf ein Wunder. Sterben ist nicht umkehrbar. Der Tod ist end-gültig.

Wahrscheinlich lesen Sie dieses Kapitel erst einige Wochen, nachdem die Todesnachricht Sie erreicht hat. Dann werden Sie sich in manchem wiedererkennen, und vielleicht einiges besser verstehen. Die Reaktionen auf das Sterben eines Menschen können sehr unterschiedlich sein, und sie werden von vielen verschiedenen Dingen beeinflusst.

Es gibt Trittsteine, die die ersten Schritte in die veränderte Lebenssituation über sicheren Boden leiten: Vorbereitet sein auf das Sterben, genug Zeit und Raum mit dem Sterbenden und Verstorbenen, Handlungsmöglichkeiten und Beteiligtsein, Gemeinschaft, sachkundige Unterstützer.

Es gibt auch Stolpersteine, die das Erleben des Sterbens oder der Todesnachricht wie ein Stolpern oder Stürzen erleben lassen: Plötzliche Todesursachen, dramatische Bilder vom Sterben, nicht dabei sein können/dürfen, Alleinsein, Bevormundung, unsichere und einengende Unterstützer.

Darüber hinaus sind Reaktionen auf einen Tod so, wie jemand grundsätzlich mit Gefühlen umgeht und wie er typischerweise in Krisen reagiert.

Zu Beginn des langen Trauerweges sind bereits alle Bereiche des Trauerns präsent: unterschiedlichste Gefühle, die Suche nach Verbundenheit, die Notwendigkeit von Anpassung und sogar das Einordnen in Geschichten. Aber es stehen zu Beginn zwei Facetten im Vordergrund, das sind die Facetten:

Überleben – weil es schier unerträglich sein kann, wenn jemand gestorben ist.

Wirklichkeit – weil die direkte Begegnung mit dem Sterben und dem gerade Gestorbenen unseren Sinnen eine besondere Form des Realisierens ermöglicht.

fotolia_111659020_rot.psdTrauerfacette Überleben

Diese Facette des Trauerns wird oft übersehen, aber sie hilft, das Verhalten vieler Menschen zu verstehen. Ich habe sie deshalb noch vor die Facette der Wirklichkeit und der Gefühle gesetzt. Wenn jemand stirbt, der uns zwar vertraut war, aber nicht existentiell wichtig für unser Leben, dann reagieren wir: traurig und ungläubig, erschrocken und bestürzt, aber wir können weiter atmen, gehen und denken. Dann können wir gleichzeitig weinen und überlegen, was als nächstes zu tun ist. So reagieren wir manchmal auch, wenn wir genug Zeit hatten, uns auf diesen Moment vorzubereiten. Aber manchmal ist es auch so, dass es sich anfühlt wie eine lebensbedrohliche Amputation, wenn jemand stirbt, der das eigene Herz fast ganz ausgefüllt hat.

Jetzt geht es darum, wie es gelingt, allein weiterzuleben und nicht mit zu sterben. Wie gelingt es, den nächsten Atemzug zu tun? Was unterstützt dabei, weiterleben zu wollen?

Unwillkürliche Schutzrektionen

Die Trauerfacette »Überleben« wird oft unwillkürlich ausgelöst, wir entscheiden uns nicht dafür, es passiert uns. Denn der Körper hat ein eigenes Überlebensrettungsprogramm, er versetzt Menschen, die eine schwere seelische Erschütterung durchleben, in einen Schockzustand. Dabei werden die Sinnesorgane schärfer, manche Gerüche, Bilder, Geräusche werden extrem intensiv wahrgenommen – aber nur in einem bestimmten Ausschnitt. Es ist wie ein Tunnelblick, der alle Sinne ergreift. Dieser Tunnelblick schützt Sie auf seine eigene Art. Viele Menschen sprechen von dem Gefühl, in Watte gepackt zu sein oder unter einer Art Käseglocke zu stehen. In dieser Schutzhülle wird die Vielfalt der Ereignisse ausgeblendet, und nur die Reize, die man gerade verarbeiten kann, kommen an. Das fühlt sich merkwürdig an, weil es Ruhe ermöglicht, wo man sonst verrückt würde. In dieser Schutzhülle spürt man sich selbst nur unvollständig: Hunger, Durst, Frieren, Müdigkeit und sogar körperliche Schmerzen werden nicht wahrgenommen. Leider trennt der unwillkürliche Schutzmantel auch von anderen Menschen, die mit ihren Gesten und Worten nur unvollständig durch die Hülle hindurchkommen. In den ersten Stunden nach einem erschütternden Erlebnis überwiegt der Nutzen dieses unwillkürlichen Schutzprogramms. Zu Beginn des Trauerweges kann es hilfreich sein, nicht nach rechts und links zu sehen, sondern einfach loszulaufen. Doch je länger »die Käseglocke« andauert, desto unwirklicher wirkt die Welt und desto weniger gelingt der Kontakt zu anderen Menschen.

Zusammenbruch?

Bei anderen Menschen bricht der innere Schutzwall zusammen, wenn die Todesnachricht eintrifft. Die Erkenntnis ist zu groß, sie können buchstäblich nicht ertragen, was passiert ist. Dann verlieren sie die Kontrolle über ihre Gefühle und Reaktionen. Das löst oft Schamgefühle aus, denn niemand möchte in der Gegenwart von anderen Menschen laut weinend zu Boden fallen oder vor Verzweiflung schreien. Für den weiteren Trauerweg ist eine starke emotionale Reaktion aber durchaus hilfreich, die Gefühle brechen auf und aus uns heraus und damit ist der erste Schrecken wie aus uns herausgewaschen. Auch wenn sich das anfühlt, als sei man gleich zu Beginn des Trauerweges in einem See versunken, ist es doch eigentlich wie der laute Schrei, mit dem man vom Zehnmeterbrett springt, um die gesammelte Anspannung loszuwerden. Damit das ein gelungener Sprung wird, ist die Anwesenheit und Unterstützung einer »stabilen Person« hilfreich. Das ist manchmal ein Notfallseelsorger, eine Rettungsassistentin oder eine Krankenschwester, manchmal ist es auch ein guter Freund oder Angehöriger. »Stabile Personen« sind in dieser Situation Menschen, die nicht mit eigenen Gefühlen beschäftigt sind. Sie behalten den Überblick und können Verantwortung für die übernehmen, die aufgewühlt und verzweifelt sind. Enge Freunde oder Verwandte sind im Moment des Sterbens oder der Todesnachricht selber betroffen, vielleicht nicht so sehr wie Sie selbst, aber sie sind doch auch aufgewühlt und traurig, deshalb können sie nur für eine begrenzte Zeit als »stabile Person« aktiv sein. Dann brauchen sie Gelegenheit, sich um sich selbst und ihre eigenen Gefühle zu kümmern.

Wenig Unterstützung als Stolperstein für den weiteren Trauerweg

Wenn man diese schweren Stunden allein durchlebt hat oder umgeben war von Menschen, die man nicht als hilfreich erlebt hat, dann kann sich eine große Verzweiflung einstellen, die als schweres Gepäck mit auf den weiteren Trauerweg geht. Ein Gefühl von »Es hilft mir ja doch keiner« macht den kommenden Trauerweg mühsamer, als er sein muss.

Trittsteine für diesen Stolperstein

Erinnern Sie sich an die erste Situation nach dem Sterben, in der jemand auftauchte, der mit konkreten Hilfsangeboten als Unterstützer für Sie da war. Überlegen Sie, ob irgendwann auch jemand haltgebend als »stabile Person« dazu kam.

Suchen Sie in Ihren Erinnerungen nach den Dingen/Eindrücken/Gedanken, an denen Sie sich festgehalten haben, solange niemand da war, der Sie gehalten hat.

Versuchen Sie, anderen Menschen auf dem weiteren Trauerweg eine Chance zu geben, bei Ihnen zu sein. Es gibt unterstützende und stabile Helfer für Trauernde, versuchen Sie, sie zu finden!

Zusammenreißen

Ist das nicht ein seltsamer Begriff? Eigentlich wird ja immer etwas zer-rissen oder wie ein altes Wort es nennt »entzwei-gerissen«. Wir können uns aber tatsächlich auch zusammen-reißen. Vielleicht weil es sich eigentlich so anfühlt, als sei man in zwei oder sogar noch mehr Teile zerrissen. Das zu überleben kann heißen, die Bestandteile des eigenen Selbst wie mit Gewalt zusammenzupressen, so wie ein Druckverband ganz fest auf eine Wunde gedrückt wird. Oder wie eine feste Bandage, die dem Sportler gegen die Verstauchung angelegt wird, damit er noch ein Stück weiterlaufen kann. So reißen wir uns manchmal zusammen, aus Angst, das eigentliche Zerrissen-Sein nicht überleben zu können. Manche Menschen reißen sich ständig zusammen, weil das in ihrer Erziehung ein wichtiger Grundsatz war, und so reagieren sie auch auf eine Todesnachricht mit Zusammenreißen oder wie es dann auch genannt werden kann: mit »Haltung«.

Ein anderer Grund für das Zusammenreißen ist die Angst, andere mit unserem Gefühlsausbruch zu schockieren oder ihnen sogar Schaden zuzufügen.

Falls Sie sich gleich zu Beginn des Trauerweges so zusammen-gerissen haben, dann war das zum momentanen Schutz von anderen oder sogar um sich selbst zu schützen. Beobachten Sie sich und suchen Sie auf dem weiteren Trauerweg die Gelegenheiten, an denen Sie den Druckverband lockern und schreien, weinen, klagen können. Es macht das Leben schwer, wenn man noch Jahre nach dem Tod eines nahen Menschen den Schrei in der Kehle fühlt, den man nicht geschrien hat. Oder wenn man sich fürchtet, auch nur eine einzige Träne zu vergießen, aus Angst, dann kämen all die ungeweinten Tränen der Zusammenreißzeit heraus und man könnte nie wieder aufhören zu weinen. (Das ist eine unbegründete Angst – Tränen hören immer irgendwann von allein auf!)

Das Überleben der anderen

Die Facette »Überleben« hat auch noch eine andere Seite als das eigene Überleben: Das ist das Überleben von Menschen, für die Sie Verantwortung tragen. Es kann sein, dass Sie sich mehr um das Überleben von anderen gekümmert haben als um Ihr eigenes. Dann haben Sie Ihre eigenen Gefühle und Bedürfnisse unterdrückt, um jemandem beizustehen, der Ihnen noch bedürftiger vorkam. Das können z. B. die eigenen Kinder sein, wenn sie noch kleiner sind und mit dem Tod von Mutter oder Vater konfrontiert sind. Dass Sie selbst gleichzeitig mit dem Tod des Partners bzw. der Partnerin zurechtkommen müssen, kann für Sie in den Hintergrund getreten sein angesichts der Verantwortung für Ihre Kinder. Es kann aber auch andersherum sein, dass Heranwachsende sich für ihre Eltern verantwortlich fühlen. Dann sorgen sie mit »erwachsenem« Verhalten dafür, dass es den Eltern nicht noch schlechter geht.

Vielleicht möchten Sie mit Ihren Angehörigen und Freunden darüber sprechen, wie jeder von ihnen die ersten Stunden erlebt hat: Wie war das bei ihnen – wer hat auf wen Rücksicht genommen? Und wie hat sich das auf Ihre Trauer ausgewirkt, für andere stabil geblieben zu sein oder dass da jemand für Sie stabil blieb? Tauschen Sie bitte »einfach« Ihre Erlebnisse aus und verzichten Sie auf Vorwürfe. Gegenseitiges Verständnis wird Ihnen auf dem bevorstehenden Trauerweg eine große Hilfe sein. (Das Kapitel »Die ersten Stunden« im Buch »Wir leben mit deiner Trauer« könnte eine gute Vorbereitung für ein solches Gespräch sein.)

Übung zum Rückblick auf die eigenen Überlebenshilfen

Wenn Sie dieses Kapitel einige Zeit nach dem Sterben des geliebten Menschen lesen, dann ist es Ihnen gelungen, weiter zu leben. Nehmen Sie sich einen Moment Zeit und überlegen Sie:

Wie habe ich das gemacht, am Leben zu bleiben?

Woran habe ich mich innerlich festgehalten?

Wer war da? Gab es eine »stabile Person« für mich? Waren da »praktische UnterstützerInnen«?

Versuchen Sie, sich auf das zu konzentrieren, was Ihnen beim Überleben geholfen hat – z. B. eine Hand im Rücken, ein Gebet aus Kindertagen, die schlichte Anwesenheit anderer Familienangehöriger, das Alleinsein mit dem Verstorbenen oder auch das Rausgehen aus dem Sterbezimmer. Alles ist erlaubt, auch sarkastische Gedanken oder aggressive Impulse. Das »Nein«-Sagen gehört zu den möglichen Überlebensrettungsreaktionen dazu, die Verweigerung des Begreifens, dass jemand gestorben ist. Ebenso das schnelle und unerwartet vernünftige Handeln, oft abwertend »Aktionismus« genannt. Es geht darum zu erkennen, wie Sie einige der schwersten Stunden Ihres Lebens überlebt haben. Das ist etwas, das Sie getan haben, auch wenn Sie ohnmächtig mitansehen mussten, wie jemand starb, den Sie gern bei sich behalten hätten.

(Wenn Sie sich an vieles nicht erinnern können, dann ist das einer der Wege, die Sie zum Überleben gegangen sind: Sie haben diese für Sie erschütternden Stunden an einem sicheren Ort in Ihrem Verstand abgespeichert, wo die Erinnerungen Sie nicht so leicht stören können. Es kann sein, dass die Erinnerungen zurückkommen, wenn Sie sich wieder sicherer in Ihrem Leben fühlen, dazu brauchen Sie einige Monate. Falls Erinnerungen nicht von allein zurückkommen und Sie die Lücke füllen möchten, können Sie das in einer Psychotherapie versuchen. Sie allein entscheiden, ob Sie das möchten oder nicht!)

Geschichte

Eine Hospizkrankenschwester erzählte mir von einem Nachtdienst. Ein älterer Mann starb während ihres Dienstes. Sie hatte seinen einzigen Sohn vorher benachrichtigt, aber er traf erst etwas später ein und stand lange unentschlossen vor der Tür des Zimmers, in dem sein gerade verstorbener Vater lag. Sie sprach ihn an, ob sie etwas für ihn tun könne. Er erklärte ihr, wie schwer es für ihn sei, in dieses Zimmer zu gehen und seinen toten Vater zu sehen, obwohl er es so gern tun wollte. Er fürchtete, beim Anblick seines Vaters zusammenzubrechen und schreiend aus dem Hospiz zu laufen. Die Hospizschwester drängte ihn nicht, sondern nahm ihn mit in die Küche, bot ihm einen Stuhl an und setzte sich zu ihm. Er war sehr nervös und konnte kein Wort mehr herausbringen. Sie erzählte ihm, dass sie seinen Vater erst seit einigen Tagen betreut habe, er ihr aber ans Herz gewachsen sei. Sie sei selbst überrascht gewesen, dass er in dieser Nacht gestorben sei. Als der junge Mann weiter nichts sagen konnte, erzählte sie weiter, sie habe alle 30 Minuten nach seinem Vater gesehen und zwischen zwei dieser Kontrollen wäre sein Vater offensichtlich ruhig im Schlaf gestorben. Seine Augen seien geschlossen und sein Körper und sein Gesicht entspannt, wie er da in seinem Bett liege. Dann fragte sie noch einmal, wie sie ihn unterstützen könne. Der junge Mann sah sie zweifelnd an und sagte dann: »Wenn ich ehrlich bin, hätte ich jetzt gern ein Bier.« Die Krankenschwester holte ein Bier für ihn aus dem Kühlschrank. Sie saßen eine Weile ruhig in der Küche beieinander, während der junge Mann erzählte, wie er auf dem Weg ins Hospiz im Stau gestanden hatte und dass sein Vater ein leidenschaftlicher Autoliebhaber gewesen war. Dann nahm er sein Glas und ging ohne weiteres Zögern allein in das Zimmer seines Vaters, wo er lange bei ihm saß.