Carla Montero

Das Mädchen mit
den Smaragdaugen

Roman

Aus dem Spanischen
von Alexandra Baisch

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Die Originalausgabe erschien 2012 unter dem Titel
»La tabla esmeralda« bei Plaza y Janés, Madrid.


Copyright © der Originalausgabe 2012
by Carla Montero Manglano/Random House Mondadori, S.A.
Copyright © der deutschsprachigen Ausgabe 2014 by Blanvalet Verlag,
in der Penguin Random House Verlagsgruppe GmbH,
Neumarkter Str. 28, 81673 München.

Das folgende Zitat von Anne Frank wird zitiert nach:
Anne Frank Tagebuch. Eintragung vom Donnerstag, 6. Juli 1944.
Einzig autorisierte und ergänzte Fassung Otto H. Frank und Mirjam Pressler.
© 1991 by ANNE FRANK-Fonds, Basel.
Alle Rechte vorbehalten S. Fischer Verlag GmbH, Frankfurt am Main.
Satz: Uhl + Massopust, Aalen
ISBN 978-3-641-12038-2
V002

www.blanvalet-verlag.de

Für meine Kinder Gala, Martina, Luis und Nicolás.
Trotz euch, meinen kleinen Zeitdieben,
habe ich diese Geschichte zu Ende gebracht.
Ich liebe euch.

Wir leben alle, wissen aber nicht, warum und wofür.
Wir leben alle mit dem Ziel, glücklich zu werden,
wir leben alle verschieden und doch gleich.

Anne Frank

Prolog

FLORENZ,
9. APRIL 1492

L orenzo de’ Medici ist tot.

Das war nicht der einzige Gedanke, der Giorgio umtrieb. Die Gedanken überschlugen sich geradezu in seinem Kopf. Manche zogen schnell und ungehindert an ihm vorbei wie Wolken am Himmel, andere stoben durcheinander wie Bettler am Eingang einer Kirche. Doch eines war gewiss: All seine Grübeleien begannen und endeten am selben Punkt. Lorenzo de’ Medici ist tot. Sein Leichnam war noch warm. Seine Witwe, seine Kinder und Freunde weinten. Ganz Florenz war erschüttert.

Und dennoch haderte Giorgio nicht mit dem Schicksal von Lorenzo de’ Medici, dessen Familie oder Florenz, sondern mit sich, mit seinem eigenen Schicksal. Er hatte sich die ganze Nacht und den ganzen Tag in seiner Werkstatt eingeschlossen, zunächst wie gelähmt aufgrund der Nachricht, dann darum bemüht, nach einer Lösung für sich zu suchen.

Erst als die Sonne im Begriff war, hinter den Hügeln der toskanischen Landschaft zu verschwinden, kam er zu dem Entschluss, dass es besser wäre, nach Venedig zurückzukehren, wo diese ganze Angelegenheit ihren Anfang genommen hatte. Und er war überzeugt, so schnell wie möglich aufbrechen zu müssen, damit er sich die Schatten der einbrechenden Nacht zunutze machen konnte. Eilig sammelte er seine Habseligkeiten ein, vor allem seine Malutensilien, denn sehr viel mehr persönliche Dinge besaß er nicht. Darüber hinaus stellte sein Arbeitswerkzeug – Pinsel, Spachteln, Leinwände, Rahmen und Dutzende von Ingredienzien, die man zur Herstellung von Ölfarbe benötigte – seinen wertvollsten Besitz dar.

Bei Anbruch der Dunkelheit war seine Werkstatt nahezu leer. Zurück blieb nur noch, in einer Ecke unter dem Fenster, wo der natürliche Lichteinfall am besten war, eine verdeckte Leinwand auf einer Staffelei.

Giorgio trat vor sie und überlegte, wie er sie transportieren sollte. Langsam hob er das Tuch an und betrachtete das Bild, auch wenn er nur zu gut wusste, was er zu sehen bekommen würde, vielmehr noch, er konnte sogar erahnen, was anderen verborgen bliebe: das endgültige Resultat seiner Arbeit, wie er sie sich im Geiste vorgestellt hatte. Dieses Gemälde, das vorläufig nur eine einfache Skizze war, nicht mehr als ein paar farbige Pinselstriche, war das Objekt seiner Sorge.

Er ertappte sich dabei, wie er auf die Leinwand starrte … Es war, als tauchten die Bilder der Vergangenheit nacheinander dort auf. Vielleicht war es auch einfach nur die Angst, die ihn merkwürdige Dinge sehen ließ. Sie waren nur Erinnerungen eines jungen und unbedeutenden venezianischen Malers, der in dunkle Machenschaften verwickelt wurde.

»Vor dir liegt eine Zukunft voller Möglichkeiten und glücklicher Momente, Giorgio. Ich vertraue darauf, dass du deine Gaben und dein Glück zu nutzen weißt und dass du zu jeder Zeit der Ehre und der Tugend treu bleibst. Auf dass Gott dich immer begleiten möge, mein Sohn«, hatte sein Vater vor der Abreise zu ihm gesagt, als er ihm ein Säckchen mit etwas Geld und ein Empfehlungsschreiben für die Hauswirtin, die ihn in Venedig beherbergen würde, in die Hand drückte. Aber das lag nun schon mehrere Jahre zurück … Giorgio erinnerte sich daran, wie nervös er war, er war gerade erst zehn geworden und noch ein Kind, ein Knabe aus Castelfranco, einem kleinen Dorf aus dem Umland von Venedig, wo Gott ihn auf diese Welt geschickt hatte, nicht ohne ihn zuvor mit einem besonderen Talent gesegnet zu haben. Denn Giorgio konnte schon von klein auf wunderbar zeichnen. Seinem Vater war dies an dem Tag aufgefallen, als der Junge ganz unbekümmert ein verkohltes Stück Holz aus dem Feuer geholt und angefangen hatte, damit auf den Fliesen im Wohnraum herumzukritzeln: das Geschick, der Strich, die Bewegung … Dieser Bengel besaß eine Gabe. Deshalb hatte der Vater alles Erdenkliche unternommen, bis es ihm gelungen war, ihn als Lehrling im Atelier von Meister Bellini in Venedig unterzubringen. Dort musste Giorgio viele Pinsel reinigen und die Fußböden fegen, Mörser auf Hochglanz polieren und Leinwände an den Rahmen befestigen. Er musste sogar lernen, wie die Gewürze des Likörs zu mischen waren, den der Meister jeden Abend zu sich nahm, ehe er lernen durfte, wie man die Pigmente der Ölfarben anmischte. Doch zwischen all diesen undankbaren Aufgaben beobachtete Giorgio mit wachen Augen alles, was sich um ihn herum abspielte: wie Bellini die Grundierung des Gemäldes mit Leim aus Lammpergament und Gesso vorbereitete, wie er die Asche von verkohlten Knochen einsammelte, wie er das Oxyd von einem Kupferstück kratzte und wie er einen Malachit oder einen Lapislazuli zu Pulver verarbeitete … Er achtete auf die Menge Leinöl, die sein Lehrmeister den Mischungen beigab, und wie er sie mit Terpentin verdünnte. Ganz hingerissen beobachtete er jedes Mal, wie er die Spitze des Marder- oder Rosshaarpinsels in die ölige Paste tauchte und sie mit sanften Strichen auf der Leinwand auftrug. Begeistert hörte er ihm zu, wenn er von Licht und Formen sprach, von Proportionen und Farben … Auf diese Weise lernte der Junge ganz nebenbei und nahm die Lehren zusammen mit dem Duft der Farbe in sich auf.

Doch Giorgio hatte auch außerhalb des Ateliers eine Schule gefunden. In diesem von Menschen und Kultur brodelnden Venedig, der Stadt der Adligen und der Kaufleute, kam Giorgio mit einer Welt in Berührung, die von seinen Pinseln entdeckt und festgehalten werden wollte. Er liebte es, auf der Suche nach Inspiration für seine Gemälde durch die Straßen zu schlendern, die Paläste, Kirchen und Klöster zu besuchen, durch die engen Gässchen zu bummeln, die nach stehendem Gewässer und Fisch stanken, um schließlich den Blick in der Lagune zu verlieren, in der sich die Dämmerung spiegelte und das Meer die Boote wiegte, während sich ihre Umrisse immer mehr verflüchtigten, bis sie nur mehr Schatten waren.

Häufig stahl sich Giorgio auf die Insel Murano, zum Kloster San Michele, denn dort war das Spektrum des Lichts ganz besonders: Je nach Jahreszeit ließ es die Farben aufleuchten oder verblassen, bis sie kaum mehr wahrnehmbar waren. Manchmal verschmolz es mit dem Nebel der Lagune und ließ alle Silhouetten schemenhaft oder aber, an klaren, wolkenlosen Tagen, gestochen scharf erscheinen. Giorgio hätte gerne dasselbe mit seinen Pinseln erreicht: das Licht einzufangen, das durch die Bogen des Kreuzgangs hereinfiel und unterschiedliche Stimmungen in der immer gleichen Szenerie hervorrief, oder den Nebel auf die Farben auftragen zu können, um sie zu schattieren; in der Lage zu sein, so zu zeichnen, wie die Natur es tat. Der junge Mann dachte, wenn er sie in all diesen Details nachahmte, dann würde es ihm früher oder später gelingen. So verbrachte er Stunden damit, das Wesen seiner Umgebung einzufangen, um es dann in seinen Gemälden widerzuspiegeln.

An einem Sommerabend, an dem die Stadt zwischen den Gewässern der Kanäle zu brodeln schien, hatte Giorgio sich im Schatten des Klosters San Michele niedergelassen und von dort, geschützt durch die Frische des Orangengartens, wie gewöhnlich das Spiel des Lichts betrachtet. Er war so vertieft darin, dass er kaum die schlurfenden, müden Schritte eines alten Mannes wahrnahm, der sich ihm näherte.

»Was beherbergt dieses Kloster Interessantes, dass ein junger Mann wie du so viele Stunden in seinem Gemäuer zubringt?«

Eben erst war ihm die Anwesenheit des Mönchs durch dessen unverkennbaren Geruch bewusst geworden. Ihm war erst aufgefallen, dass er sich neben ihn gesetzt hatte, als ihm dieser undefinierbare Gestank, eine Mischung aus Ausdünstungen von Zwiebelsuppe – die die einzige Nahrung dieser zahnlosen Mönche zu sein schien –, verschwitztem Gewand und Schwefel in die Nase stieg.

Trotz dieses abstoßenden ersten Aufeinandertreffens wurde Bruder Ambrosius zu einem der besten Freunde des jungen Giorgio und nach einiger Zeit auch zu seinem Wegweiser, Ratgeber und Lehrer. Wegweiser in Bezug auf alles Geistige, Ratgeber, was das Materielle betraf, und unbestrittener Lehrmeister, da Bruder Ambrosius einer der weisesten Männer war, die Giorgio jemals getroffen hatte. Bruder Ambrosius führte ihn in die Erkenntnisse des klassischen Wissens ein, in das Vermächtnis der griechischen und lateinischen Kirchenväter. Er wies ihn ein in die Philosophie von Sokrates, Platon und Aristoteles, von Seneca und Epiktet, von Augustinus, von Hippo und Justin dem Märtyrer, von Maimonides und Averroës. Er zerlegte den Kosmos, den Menschen und die Natur für ihn. Er führte ihn außerdem in das geheime Wissen ein, das Magier und Alchemisten seit uralter Zeit bewahrten. Denn Bruder Ambrosius war – insgeheim – ein gelernter und praktizierender Kenner der Alchemie, jener Kunst, welche alles Wissen in sich vereint, zu dem der Mensch allein oder durch göttliche Eingebung Zugang gefunden hat. Bruder Ambrosius war zu unendlich vielen Klöstern in ganz Europa gepilgert, wo ihm das Erbe der großen Alchemisten wie Nicolas Flamel und Roger Bacon zuteilwurde. Doch nicht nur das, er war auch Schüler bei Basilius Valentinus gewesen, dem berühmten benediktinischen Mönch des Klosters in Erfurt. Denn obwohl den Männern der Kirche die Alchemie untersagt war, wurde sie in den Klöstern weiterhin praktiziert.

Darüber hinaus verfügte der Mönch über derartige Kenntnisse der Elemente und der Zusammensetzungen der Natur, dass Giorgio in ihm eine unerschöpfliche Quelle des Wissens gefunden hatte, wenn es darum ging, seine Farben herzustellen, für die er neuartige Formeln anwandte, vielfältigere und dauerhaftere als die bislang im Allgemeinen verwendeten.

Folglich war es für Giorgio zur Gewohnheit geworden, sich auf die Insel Murano zurückzuziehen und viel Zeit in der Gesellschaft des betagten Mönchs zuzubringen, um gemeinsam mit ihm in der Bibliothek des Klosters oder in seiner Zelle den Geheimnissen der Menschheit auf den Grund zu gehen. Und während sich der Mönch das helle Gewand mit Lösungen und Mixturen befleckte, betrachtete Giorgio ihn einfach mit der Aufmerksamkeit des gelehrigen Schülers, oder aber er spielte manchmal die Laute für ihn, ein Instrument, das er erlernt hatte.

Als ihn Meister Bellini einmal früher aus dem Atelier entlassen hatte, überquerte Giorgio wie gewohnt die Lagune in Richtung San Michele. Sobald er das Kloster betrat, sprach Bruder Ambrosius ihn an.

»Zorzi!«, rief er ihn bei dem Spitznamen, den nur diejenigen verwendeten, die ihm sehr nahestanden. Auf dem Gesicht des Mönchs wie auch in den Worten, mit denen er sich an Giorgio richtete, spiegelte sich große Angst: »Ich habe dich schon ungeduldig erwartet, junger Zorzi. Ich muss dir etwas sehr Interessantes zeigen. Beeil dich, mein Junge, gehen wir in meine Zelle.«

Ambrosius’ Zelle, klein, dunkel und kalt, roch genauso schlecht wie der Mönch selbst. Abgesehen von einer Pritsche und einem Kruzifix war der Raum nahezu leer. Es hätte eine Zelle wie jede andere sein können, wäre da nicht der von Flaschen, Mörsern und Destillierkolben überfüllte Tisch gewesen, den der Mönch in einer Ecke stehen hatte. Gemäß den Regeln der Alchemie zählte sogar ein Ofen- oder Drainagerohr dazu sowie ein besonderer Behälter aus Glas, den der Greis das philosophische Ei nannte und das dazu diente, die Mixtur mitzunehmen.

Unübersehbar hastig und aufgeregt stieß der Mönch den Schlüssel in die Tür. Seine Nervosität war auch an seinen ungeschickten Händen zu bemerken und an den unzusammenhängenden Worten, die er mit seinem zahnlosen Mund unablässig vor sich hin murmelte. Wahrscheinlich brummelte er irgendein Gebet, als sollte die Anrufung unseres Herrn dazu beitragen, ihn zu beruhigen.

»Nun hilf mir schon, hilf mir!«, drängte er den Jungen, als er sich abmühte, die Matratze aus Stroh auf seiner Pritsche anzuheben.

Das Licht, das durch die kleine Luke hereinfiel, kaum größer als ein Spalt in der dicken Mauer des Klosters, war spärlich, weshalb Giorgio beschloss, eine Kerze anzuzünden, ehe er der ungeduldigen Bitte des Greises nachkam.

»Herr im Himmel, kümmere dich später um das Licht, und hilf mir mit dem Strohsack. Diese dünnen Gebilde, die meine Finger sein sollen, haben kaum noch Kraft.«

Giorgio hob den Strohsack mühelos hoch, und der Greis streckte die Hand aus, um nach einem Loch zu suchen.

»Da ist es ja! Ich hätte nicht gedacht, dass ich es so tief hineingesteckt habe, du meine Güte. Zieh diese Pergamentrolle heraus, Zorzi.«

Bruder Ambrosius trat zur Seite, um seinem Schüler Platz zu machen, und beobachtete ihn, während er sich gleichzeitig unablässig die Hände rieb.

»Ja, so ist’s gut! Leg es dorthin, auf den Tisch«, wies er Giorgio an und räumte den Tisch leer, indem er alle Werkzeuge mit einem gläsernen Klirren zur Seite schob. »Mal sehen … Hier irgendwo war es doch. Man bemerkt kaum, dass es sich darin verbirgt, als würde das Pergament im Lauf der Zeit darin verschluckt, um es vor neugierigen Blicken zu schützen.«

»Was für ein Pergament ist das, Frater?«

»Ach, die Schriftrolle ist gar nicht so wichtig … Es ist eine Chronik über die Diadochenkriege. Ziemlich mittelmäßig übrigens. Aber die Kopie ist gut: eine schöne Kalligrafie und wunderbare Illustrationen. Ich nehme an, dass es aus diesem Grund beim Verpfänden Geld gebracht hat.«

Giorgio blieb schweigend stehen, auch wenn er die Absichten von Bruder Ambrosius oder den Grund seiner Aufregung nicht nachvollziehen konnte. Der Junge wusste, wenn er sich geduldig zeigte, würde er früher oder später eine Erklärung erhalten. Der Mönch gehörte zu den Menschen, die dann viel redeten, wenn die anderen schwiegen, und schwiegen, wenn die anderen redeten.

»Es ist bestimmt erst seit wenigen Monaten in der Bibliothek, denn ich habe es nie zuvor gesehen, und ich weiß ziemlich genau, was in der Bibliothek steht, anders als viele andere. Laut dem Bibliothekar kam es zusammen mit einem Stapel weiterer Manuskripte, gespendet von einem Pfandleiher. Wucherer machen das manchmal so: Wenn sie spüren, dass die Stunde der Wahrheit näher rückt, wollen sie sich freikaufen und sich mit dem Gerechtesten unter den Gerechten gut stellen. Ich würde so weit gehen zu behaupten, dass dieses Pergament aus Konstantinopel stammt. Vielleicht aus einer Plünderung während des Kreuzzugs, damals, im Jahr 1204, vielleicht ist es aber auch neueren Datums, als Bruder Aurispa nach Venedig kam mit einer riesigen Sammlung griechischer Manuskripte, von denen er einen Großteil verpfänden musste, um seine Überfahrt zu bezahlen …«

Während er redete, rollte Bruder Ambrosius die Schriftrolle äußerst behutsam auseinander, und das gegerbte Leder knirschte gefährlich, als würde es im nächsten Augenblick brechen.

»Sieh hierher, mein junger Freund!«, rief er plötzlich aus und hob triumphierend einen kleinen Gegenstand in die Höhe, den Giorgio erst erkennen konnte, als er ihn selbst in den Händen hielt.

Es handelte sich um einen rund fünf Zentimeter langen Zylinder von etwa zwei Zentimetern Durchmesser, herausgearbeitet aus einem durchscheinenden Stein in rötlichem Orange, woraus Giorgio schloss, dass es sich um einen Karneol handeln könnte. Das Auffallendste bestand jedoch in dem, was von oben nach unten in den Stein eingraviert war.

»Ein Zylinder aus Karneol«, bestätigte Bruder Ambrosius. »Der Text scheint altgriechisch zu sein, Koine. Nur Gott allein weiß, wie lange er in diesem Pergament gesteckt hat.«

Als er feststellen musste, dass sein schweigsamer Schüler den Zylinder eingehend betrachtete, ohne irgendeinen Kommentar abzugeben, entriss er ihm diesen ungeduldig und stellte ihn neben die Kerze auf den Tisch.

»Karneol ist ein magischer Stein, er vertreibt die Schwäche und verleiht Mut. Er hat viele heilende Eigenschaften: Er ist gut für den Kreislauf, das Zahnfleisch und anderes weiches Gewebe des Körpers. Für die Ägypter hatte er einen starken symbolischen Wert. Es ist der Stein der Jungfrau. Der Stein von Hermes …«

»Hermes?«

»O Junge, Gott muss Fischblut in deine Adern gegeben haben. Ja, Hermes! Hermes Trismegistos! Der dreimal Größte! Der weiseste Weise aller Zeiten! Der Vater der Alchemie und der Hermetik!«

»Das weiß ich, Frater. Ihr habt mich alles über Hermes Trismegistos gelehrt. Ich verstehe nur nicht, welche Verbindung es zwischen dem großen Gelehrten und diesem Stein hier geben soll.«

Der Mönch verzog sein ohnehin faltiges Gesicht, sodass noch tiefere Furchen entstanden, bis seine winzigen Augen zwischen den fleischigen Wulsten verschwanden. »Das weiß auch ich nicht genau, mein Sohn. Doch ich bin überzeugt, dass da eine Verbindung bestehen muss …«, ließ er zu Giorgios Überraschung verlauten.

»Was steht denn dort?«

»Ich muss zugeben, dass ich nicht in der Lage war, es zu interpretieren. Der Stein ist im Lauf der Zeit stark verwittert, und meine alten Augen können die Inschrift nicht mehr gut erkennen. Die wenigen Sätze, die ich übersetzen konnte, ergeben keinen Sinn. Dennoch taucht inmitten dieser Worte ein Name auf, ein sehr wichtiger Name! Magno Makedonio. Der große Makedonier. Alexander der Große selbst! Ich habe jedenfalls den Verdacht, dass wir vor einer großen Entdeckung stehen«, rief der Mönch aufgeregt. Eine Aufregung, die sich jedoch sogleich wieder legte. »Vielleicht aber auch nicht … Vielleicht ist es einfach nur irgendein beliebiger Zylinder. Zu jener Zeit stellte man Tausende davon her, in Mesopotamien galten sie bereits als ganz gewöhnliche Gegenstände, die man als Siegel oder Amulette verwendete. Später dann in Persien, Assyrien, Ägypten … Die Welt ist voll solcher Zylinder, warum sollte ausgerechnet dieser von Alexander stammen?«

Während er nun langsam durch seine Zelle schritt, murmelte Bruder Ambrosius leise vor sich hin, bis er sich schließlich erschöpft auf die Pritsche fallen ließ.

»Ich bin nur noch ein erbärmlicher, unnützer Greis. Schon bei anderen Gelegenheiten habe ich deine Augen und Ohren, deine kräftigen Hände und starken Arme gebraucht, junger Zorzi. Mehr denn je brauche ich dich jetzt, um meinen gebrechlichen Körper zu ersetzen.«

Giorgio lauschte den Worten Bruder Ambrosius’, ohne deren Tragweite ganz zu begreifen.

»Du musst den Zylinder für mich nach Florenz bringen, zur Neuplatonischen Akademie. Dort wirst du dich mit Vater Ficino, Marsilio Ficino, einem alten Freund von mir, unterhalten. Nur er kann uns helfen, die Geheimnisse, die in diesem Gegenstand verborgen sind, zu entdecken – wenn er denn tatsächlich etwas verbirgt.«

»Aber welche Geheimnisse meint Ihr, Frater?«

»Ach! Vermutungen, Vermutungen … Das sind alles nur Vermutungen!« Bruder Ambrosius sah ihm direkt in die Augen. Seinem zahnlosen Mund entwich ein übel riechender Gestank nach Zwiebeln. »Das werde ich dir nicht sagen, Zorzi! Das sind dunkle Geheimnisse, vielleicht ist es sogar ein schlechtes Omen … Die Welt ist vor lauter Sünde ganz verdorben.« Der Mönch bekreuzigte sich. »In der Tat … wenn derartige Geheimnisse ans Licht kommen, dann kann es sich nur um ein schlechtes Omen handeln. Tue, was ich dir aufgetragen habe, und versuche nicht, mehr herauszufinden. Beschwere deine Schultern nicht mit einer Last, die ihre Kraft übersteigt …«

Wie der alte Mönch ihm aufgetragen hatte, war Giorgio, der Junge aus Castelfranco, an einem Frühlingstag nach Florenz aufgebrochen, den Zylinder aus Karneol und einen Brief für Pater Marsilio Ficino im Gepäck. Bruder Ambrosius hatte ihm erzählt, Marsilio Ficino sei einer der größten Philosophen seiner Zeit. Bereits seit dem Zeitalter von Cosimo dem Alten, unter dem Schutz der Medici, sei er einer der Gründer der Neuplatonischen Akademie gewesen, in der Gelehrte, die dem Hof der erlauchten florentinischen Familie nahestanden, sich versammelten, um über Philosophie und Literatur zu sprechen – insbesondere über Platon. Nicht umsonst habe Ficino Platons Dialoge aus dem Griechischen ins Lateinische übersetzt und werde als unnachgiebiger Verfechter der neuplatonischen Strömungen angesehen. Jedoch hatte Bruder Ambrosius in seiner Erzählung die besondere Beziehung Ficinos zur Hermetik betont. »Cosimo der Alte war ein Mann, der sich sehr für Außergewöhnliches interessierte«, hatte er gesagt. »Anscheinend hatte er Gesandte in alle Welt geschickt, um sie nach Handschriften und anderen Schätzen des Altertums suchen zu lassen. Vor einigen Jahren, als Pater Ficino noch sehr jung war, brachte ein Mönch Cosimo ein griechisches Manuskript aus Mazedonien, das sogenannte ›Corpus Hermeticum‹, eine Kompilation aus den wichtigsten Texten des klassischen Wissens und den Grundlagen der modernen Alchemie. Der Patriarch der Medici befahl Marsilio, die Übersetzung der Texte von Platon zu unterbrechen und sich auf den Corpus zu konzentrieren, mit dem brennenden Wunsch, diese Arbeit noch vor seinem Ableben fertiggestellt zu sehen.«

Sobald er in Florenz angekommen war, machte sich Giorgio auf den Weg zur Villa Careggi, dem Sitz der Neuplatonischen Akademie, wo er sich mit Pater Ficino treffen sollte.

Der Priester erwartete ihn im Empfangszimmer, las Bruder Ambrosius’ Brief und schlug dann vor:

»Lass uns etwas spazieren gehen und uns unterhalten. So können wir uns an diesem wunderbaren Geschenk Gottes, der Sonne über der Villa Careggi, erfreuen.«

Giorgio hatte das Gefühl, das Tor zum Paradies durchschritten zu haben, als sie durch die beeindruckende Villa mit ihrem Garten spazierten, der sich an einen Palast anschloss, welcher einer Festung glich und über die Ebene der Toskana wachte. Er hatte den Eindruck, vor diesem Moment noch nie das Licht erblickt zu haben, nicht einmal im Kloster von San Michele. Er war überzeugt, dass das Licht hier, in der Villa Careggi, seinen Ursprung haben musste und sich von dort über die restliche Welt verteilte.

Außerdem war die Kunst in der Villa Careggi zu Hause. Wohin auch immer der Junge den Blick lenkte, tauchte die Kunst in ihrer ganzen Pracht auf, wurde auf unerhörte Weise sichtbar. Donatello, Leonardo da Vinci und Botticelli waren hier gewesen, da die jungen Künstler seit jeher unter dem Schutz von Lorenzo de’ Medici standen. Immer wieder entdeckte Giorgio einen Glücklichen, der im Licht der Villa Careggi mit einem Pinsel über die Leinwand strich. Giorgio selbst spürte ein Kribbeln in den Händen, als drängten sie darauf, seine Farbpalette hervorzuholen und mit dem Mischen der Farben beginnen zu dürfen; sie wollten die Pinsel ergreifen und alles festhalten, was ihn umgab. Doch was seine Aufmerksamkeit ganz besonders fesselte, war eine Szene, die sich am Eingang zu einem Schuppen abspielte: der Kampf eines Mannes gegen einen Stein. Er setzte den Meißel so gekonnt an, dass der Fels sich seinen Schlägen widerstandslos hingab, gerade so als handelte es sich um Ton. Ficino ließ ihn wissen, dass der junge Mann Michelangelo hieß.

All diese Wunderwerke hatten ihn abgelenkt, sodass Giorgio sich nicht voll und ganz auf das Gespräch konzentrierte, das er unterdessen mit Marsilio Ficino führte. Sie hatten verhindert, dass er den ängstlichen Ausdruck in den Augen des Priesters wahrnahm, als dieser den Zylinder aus Karneol in den Händen hielt, oder den verhaltenen Enthusiasmus in seiner Stimme, als er ihn zu einem späteren Treffen mit dem Stadtherrn von Florenz selbst, Lorenzo de’ Medici, bestellte. All diese Details waren ihm entgangen, weil er so sehr vom Licht der Villa Careggi geblendet war.

Am folgenden Tag kam er zurück, gleichermaßen aufgeregt und verängstigt bei der Vorstellung, sich dem großen Lorenzo de’ Medici vorzustellen.

Der Statthalter war nicht nur ein großer Mäzen der Künste und Wissenschaften, er war selbst ein Gelehrter, ein Ästhet, ein Mann, der sich für Philosophie, Poesie, Musik und alle sonstigen Formen der Kunst und des Intellekts begeisterte. Er war praktisch in der Villa Careggi aufgewachsen und erzogen worden, umgeben von den größten Weisen seiner Zeit. Mit ihnen debattierte er auf intellektueller Augenhöhe und nicht nur als ihr Schutzherr.

Giorgio hatte Lorenzo de’ Medici in einem der Räume der Villa kennengelernt, neben einer Büste von Platon, die den Vorsitz bei allen Versammlungen seiner Anhänger innehatte. Da es bereits dunkel war, brannten Öllampen. Lorenzo de’ Medici saß in einem Armsessel, der ihm als Thron diente, die Beine hochgelegt, um die Schmerzen, die ihm die Gicht bereitete, zu mildern. Er war beleibt, bekleidet mit brokatbesetztem Wams und Gehrock, Kleidungsstücke, die ihn nur noch voluminöser erscheinen ließen. Auf dem Kopf trug er einen mazzochio, ein Stück Stoff, das im Stil eines Turbans gewickelt wurde und mit dem einen Ende seitlich herabhing. Sein Erscheinungsbild war beeindruckend, zumindest kam es Giorgio mit seinen gerade einmal sechzehn Jahren und seiner Unerfahrenheit so vor. Auf dem harten Gesicht mit dem grimmigen Ausdruck spiegelte sich eine große Persönlichkeit von starker Entschlusskraft wider. Lorenzo de’ Medici gab ihm das Gefühl, klein und unbedeutend zu sein. Georgio empfand ihm gegenüber ehrerbietige Furcht.

Darüber hinaus standen ihm zwei seiner besten Freunde und Mitarbeiter zur Seite: Marsilio Ficino und Graf Giovanni Pico della Mirandola. Ersterer trug die roten Gewänder der Geistlichen, und die Falten in seinem Gesicht verrieten, dass er hier der Älteste war. Sein Schüler hingegen, Giovanni Pico, lenkte vom ersten Moment an die Aufmerksamkeit des Jungen auf sich. Graf della Mirandola war jung und attraktiv – Schönheit war eine Eigenschaft, die dem Blick des Künstlers Giorgio nicht entging –, vielleicht sogar ein wenig feminin, was nicht zu dem verwegenen und heißblütigen Ruf passte, der ihm vorauseilte. Giorgio war erst seit zwei Tagen in Florenz, hatte aber bereits bei mehreren Gelegenheiten vom Grafen gehört. Trotz seines jugendlichen Alters war Giovanni Pico bereits mehrfach im Gefängnis gewesen. Einmal, weil er die Frau eines Neffen der Medici entführt hatte, ein Skandal, der ihn fast das Leben kostete, hätte Lorenzo ihn nicht gerettet. Und einmal wegen Ketzertums, weil er sich mit verfänglichen philosophischen Thesen gegen die Kirche gestellt hatte. Dessen ungeachtet war Graf della Mirandola einer der angesehensten Gelehrten auf dem Gebiet des klassischen Denkens: Er war Experte für Aristoteles und Platon, Kenner der Kabbala und der Hermetik, Astrologe …

»Giorgio da Castelfranco, zeig mir, was du aus Venedig mitgebracht hast.«

Lorenzo de’ Medicis Befehl riss Giorgio aus seiner Grübelei. Unsicher trat er auf den Statthalter von Florenz zu und überreichte ihm den Zylinder.

Lorenzo betrachtete diesen mit noch stärker zusammengezogenen Augenbrauen als gewöhnlich. Das war jedoch kein Zeichen von Verdruss, sondern von ernsthaftem Interesse. Dann schob er die Hand wortlos zwischen die Falten seines Hemdes und zog einen Gegenstand hervor, der an seinem Hals baumelte. Giorgio hatte den Eindruck, dass er dem Zylinder auffallend ähnelte. Mit einem kräftigen Ruck zerriss Lorenzo die dünne Kordel des Anhängers und hielt beide Zylinder in den Handflächen. Marsilio Ficino und Pico della Mirandola beugten sich über die Schultern ihres Schutzherrn, um die beiden ebenfalls in Augenschein nehmen zu können.

»Madonna mia …«, ließ Ficino verlauten.

»Wo hast du das gefunden, hast du gesagt?«, wollte sich der Statthalter vergewissern.

»Ehrlich gesagt, mein Herr, hat es mein Mentor, der Mönch Ambrosius, in der Bibliothek des Klosters San Michele in Murano entdeckt. Es hat in einer alten Pergamentrolle gesteckt, die Teil eines Manuskriptstapels war, der dem Kloster von einem Pfandleiher gespendet wurde.«

»Eine alte Pergamentrolle? Was für eine Art Pergament?«

»Eine Chronik auf Griechisch über die Diadochenkriege, mein Herr. Bruder Ambrosius glaubt, sie könnte aus Konstantinopel stammen.«

»So wie die Dinge liegen, ist es fast unmöglich, mit Gewissheit zu sagen, woher es stammt, Lorenzo. Was wirklich besorgniserregend ist, ist die Ähnlichkeit zwischen beiden«, bemerkte Ficino.

»Tritt näher, Giorgio, und sieh selbst«, befahl Lorenzo und deutete auf die Gegenstände in seinen Händen.

Der Junge stand staunend da. Beide Zylinder waren nahezu identisch. Giorgio wusste nicht, was er sagen sollte, ohne töricht zu erscheinen, also zog er es vor zu schweigen.

»Dieser Zylinder, der mein Amulett ist, gehörte meinem Großvater Cosimo. Vor vierzig Jahren hatte ein aus Nordafrika kommender Söldner ihm dieses Amulett verkauft. Der Söldner erzählte, er habe es einem Beduinen entrissen, nachdem er diesem den Hals durchtrennt hatte. Bevor er starb, habe der Beduine damit geprahlt, es einem koptischen Mönch während der Plünderung des Paulus-Klosters am Roten Meer geraubt zu haben. Außerdem habe er versichert, es handle sich um eine sehr wertvolle ägyptische Reliquie. Dennoch konnte man die Botschaft darauf bis heute nicht entschlüsseln, nichts, was darauf steht, scheint einen Sinn zu ergeben. Für sich allein genommen ist dieser Zylinder nichts weiter als eine herrliche Reliquie, ein schönes Amulett … Doch jetzt ist er nicht mehr der Einzige, jetzt gibt es zwei Zylinder, und die Legende nimmt Gestalt an.«

»Habt Ihr die Inschrift betrachtet, von der ich gesprochen habe?«

»In der Tat, Marsilio«, antwortete Lorenzo. »Magno Makedonio. Vielleicht hat Alexander der Große das Geheimnis ja doch nicht mit ins Grab genommen …«

Die letzten Worte von Lorenzo de’ Medici verhallten geheimnisvoll.

»Habt Ihr darüber nachgedacht, dass es sich um eine Fälschung handeln könnte?«, durchbrach Graf della Mirandola schließlich das Schweigen.

Lorenzo drehte sich in seinem Sessel um und legte die geschwollenen Beine wieder hoch. Man hätte nicht sagen können, was ihm unangenehmer war, die Beschwerden der Gicht oder die Worte des Grafen. »Beides ist möglich. Aber soll ich es deswegen nicht in Betracht ziehen? Soll ich mir deswegen die Gelegenheit entgehen lassen, selbst die Wahrheit über diese Zylinder und ihre Legende herauszufinden? Vierzig Jahre harrt dieser Zylinder nun schon unter dem Hemd eines Medici aus. Die Zeit ist reif. Auch wenn die Wahrscheinlichkeit, dass sie das große Geheimnis hüten, gering ist, sehe ich mich gezwungen, diese Möglichkeit in Erwägung zu ziehen. Denn wenn es zutrifft, stehen wir vor der größten Entdeckung aller Zeiten. Und wenn die göttliche Vorsehung gewollt hat, dass diese beiden Zylinder in der Hand eines Medici landen, dann wird auch ein Medici derjenige sein, der ihre Geheimnisse ergründet. Deshalb, meine Freunde, würde ich gerne auf eure Hilfe zählen können.«

»Ihr wisst nur zu gut, Lorenzo, dass Ihr darauf zählen könnt«, beteuerte Marsilio Ficino, und Pico della Mirandola pflichtete ihm mit eifrigem Nicken bei.

Ein selbstgefälliges Lächeln umspielte die Mundwinkel von Lorenzo de’ Medici.

»Euch fällt die Aufgabe zu, die Botschaft der Zylinder zu entziffern. Sobald dies gelungen ist und wir wissen, dass es sich tatsächlich um die Zylinder von Alexander dem Großen handelt, zerstören wir sie.«

»Sie zerstören?« Graf della Mirandola wollte sich vergewissern, richtig gehört zu haben.

»Ja, zerstören. Wenn sie zusammen sind, ist das Geheimnis nicht mehr sicher.«

»Aber wenn wir sie zerstören, dann ist die Botschaft für immer verloren. Auf welches Recht berufen wir uns, um ein Erbe zu zerstören, das der Menschheit gehört?«, fragte der junge Graf.

»Nun sei nicht so sturköpfig, Giovanni. Wieder einmal lässt du dich von deiner Unbesonnenheit leiten. Ich habe nicht davon gesprochen, die Botschaft zu zerstören, sondern die Zylinder. Was die Botschaft betrifft, so müssen wir darüber nachdenken, wie wir sie genauso gut oder noch besser verschlüsseln, wie es Alexander seinerzeit ersonnen hat.«

Nach Lorenzos Worten breitete sich eine unbehagliche Stille im Raum aus.

Bis jetzt hatte Giorgio den Ausführungen der drei eindrucksvollen Persönlichkeiten verständnislos gelauscht. Er brannte darauf, das dahinter verborgene Geheimnis zu erfahren. Schließlich fasste er sich ein Herz und sagte leise: »Entschuldigt, mein Herr …«

Die drei Männer durchbohrten ihn mit dem Blick, als hätten sie vergessen, dass eine weitere Person zugegen war. Giorgios Beine fingen an zu zittern. Schließlich sagte Lorenzo:

»Sei unbesorgt, Giorgio da Castelfranco, ich habe dich nicht vergessen. Bruder Ambrosius und du, ihr werdet einen gerechten Lohn für den Zylinder und euer Vertrauen erhalten …«

»Nein, mein Herr, Ihr versteht mich falsch. Davon wollte ich nicht sprechen …«

Lorenzo sah ihn mit hochgezogenen Augenbrauen an.

»Wenn Ihr erlaubt, mein Herr, auch wenn mir das Wesen und der Inhalt des Geheimnisses, auf das Ihr Euch bezieht, nicht bekannt sind, so glaube ich doch, eine Möglichkeit zu kennen, wie Ihr die Botschaft verschlüsseln könnt.«

»Sprich, mein Junge«, forderte ihn der Statthalter auf. »Wie soll das möglich sein?«

Und Giorgio trug seine Erläuterungen vor in dem Glauben, in dem sich auch Lorenzo wiegte, dass die hier ausgesprochenen Worte diesen Raum nicht verlassen würden. Keiner hielt sich mit dem Gedanken auf, dass Worte manchmal durch die unvorhergesehensten Ritzen entschwinden. Und davonfliegen.

Seit diesem Aufeinandertreffen war fast ein Jahr vergangen. Ein Jahr, in dem Giorgio sich in der Villa Careggi eingerichtet und zusammen mit Marsilio Ficino und Pico della Mirandola an der Übersetzung der Botschaft der Zylinder und ihrer Verschlüsselung gearbeitet hatte.

Die Erinnerungen des Jungen verblassten, und vor ihm stand wieder das unvollendete Gemälde. Er nahm es von der Staffelei, löste die Leinwand vom Rahmen, rollte sie sorgsam auf und steckte sie in ein ledernes Etui, um sie auf der Reise zu schützen. Dann spürte er zum ersten Mal, wie traurig er war, diesen Ort verlassen zu müssen. Gleichzeitig versicherte er sich, dass es am vernünftigsten war, nach Venedig zurückzukehren. Er würde nur Pater Ficino und Graf Pico eine Nachricht über seinen Aufenthaltsort hinterlassen, und sobald er seine Arbeit beendet hätte, würde er sich erneut mit ihnen treffen.

Unter Umständen hatte das Geheimnis der Zylinder Lorenzo de’ Medici das Leben gekostet … Vielleicht waren alle, die wie er von dem Geheimnis wussten, in Gefahr … »Beschwere deine Schultern nicht mit einer Last, die ihre Kraft übersteigt.« Er hätte auf die Worte von Bruder Ambrosius hören sollen – jetzt war es zu spät. Jetzt hatte er keine andere Wahl, als sich das Gemälde über seine schwache Schulter zu hängen und diese Last auf dem dunklen Weg mit sich zu schleppen, sie bis ans Ende seiner Tage mit sich herumzutragen.

WOLFSSCHANZE, OSTPREUSSEN,
23. AUGUST 1941

Adolf Hitler schloss die Tür hinter dem Letzten, mit dem er an diesem Abend noch etwas besprochen hatte, strich sich mit der Hand über das Haar – mehr, weil es ein Tick war, als um es wirklich zu glätten – und löschte das Licht an der Decke. Die spartanische und funktionelle Kammer, die ihm als Büro diente, wurde nur noch von indirektem Licht beleuchtet. Der Führer machte es sich gemütlich. Er begab sich zum Stuhl hinter dem Schreibtisch und nahm dabei ein Summen in den Ohren wahr. Mit einem Schlag hatte er die Stechmücke zerquetscht, die um sein Gesicht geflogen war. Ohne diese schrecklichen Viecher wäre die Wolfsschanze fast schon ein bezaubernder Ort. Doch da der Bunker in einem dichten, dunklen Wald versteckt lag, fanden sich gegen Abend ganze Schwärme von Stechmücken ein und lauerten ihm auf, ohne dass eines der ausgeklügelten, unpassierbaren Sicherheitssysteme, die ihn schützten, hätte verhindern können, dass sie über ihn herfielen. Hitler schreckte weniger vor den Flugzeugen der Royal Air Force zurück als vor diesen unersättlichen Blutsaugern.

Der Führer hatte sich erst vor wenigen Wochen in die Wolfsschanze begeben, was mit dem Beginn der Invasion der Sowjetunion, die als Unternehmen Barbarossa bekannt war, zusammenfiel. Da die Wolfsschanze sich ganz in der Nähe der Grenze zur Sowjetunion befand, war sie der ideale Kommandoposten, um diese Operation zu leiten, mit der das Dritte Reich die Kommunisten vollends besiegen wollte. Wenn erst die Juden, die Freimaurer und die Bolschewiken vernichtet, die kapitalistischen Regierungen des Westens zum Schweigen gebracht und unterjocht wären, dann würde er die Geschicke der Welt nach seinem Gutdünken lenken … Und wenn der an diesem Morgen eingetroffene Bericht aus Berlin das enthielt, was er hoffte, dann würde sich sein Plan vielleicht sogar früher als vorgesehen verwirklichen lassen.

Als nichts mehr summte, blieb sein Blick an der einzigen Schreibmappe hängen, die er noch bearbeiten musste und die er sich für den Schluss aufgehoben hatte wie ein gutes Glas Cognac, das den krönenden Abschluss eines Festmahls darstellte. Er machte es sich auf seinem Stuhl bequem, legte die Füße auf den Schreibtisch, löste die Krawatte und öffnete die Akte, die ihm von Reichsleiter Rosenberg aus Berlin zugeschickt worden war. Es handelte sich um keine sehr umfangreiche Akte, sie enthielt nur drei Seiten: den Bericht des Experten, der die Ermittlung durchgeführt hatte, sowie einen Brief.

Er beschloss, sich das Schreiben als Erstes vorzunehmen. Die Ermittler des Einsatzstabs Reichsleiter Rosenberg hatten es in der Privatbibliothek einer jüdischen Familie auf Kreta gefunden, versteckt zwischen den Seiten eines alten Tagebuchs. Neben dem lateinischen Original befand sich eine Übersetzung ins Deutsche. Es handelte sich um ein wertvolles historisches Dokument aus dem 15. Jahrhundert, dessen Urheberschaft Graf Giovanni Pico della Mirandola zugeschrieben wurde. Darin wandte er sich an seinen Freund und Meister, den jüdischen Philosophen Elia Delmedigo, als Antwort auf ein Schreiben, welches jener ihm zuvor geschickt hatte. Hitler fing an zu lesen: »Villa Careggi, Florenz, 15. November 1492.«

Ein zufriedenes Lächeln huschte über das Gesicht des Führers, als er das Schreiben las. Als er fertig war, griff er unverzüglich zum Hörer seines Telefons und verlangte ein Ferngespräch mit Berlin. Er musste den Kameraden Heinrich Himmler zur Wolfsschanze berufen, um sobald wie möglich eine streng vertrauliche Versammlung abzuhalten.