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Das Buch

Zu Beginn des 30. Jahrhunderts ist die Menschheit gespalten: Die einen leben auf der Erde, zusammengepfercht unter riesigen Kuppeln, die anderen – die sogenannten »Spacer« – haben sich auf fremden Planeten niedergelassen. Doch mit der räumlichen Trennung entwickeln sich auch ganz unterschiedliche Weltanschauungen und Gesellschaftsstrukturen. Das erlebt Ermittler Elijah Baley am eigenen Leib, als er nach Solaria geschickt wird, um zusammen mit seinem alten Partner R. Daneel Olivaw den Mord an dem Robotiker Rikaine Delmarre aufzuklären. Solarias gesellschaftliche Ordnung unterscheidet sich gravierend von der auf der Erde: die Einwohner leben für sich auf gigantischen Anwesen, persönlicher Kontakt ist verpönt, und es gibt wesentlich mehr Roboter als Menschen. Doch am meisten zu kämpfen hat Baley mit der weiten, offenen Landschaft, deren Anblick er als Bewohner der irdischen Kuppelstädte nicht gewohnt ist …

Mit seinen Romanen um Elijah Baley und R. Daneel Olivaw verbindet Isaac Asimov sein Roboter- mit dem Foundation-Universum und erschafft so seine werkumspannende Future History, mit der er weltbekannt wurde. Vor allem R. Daneel Olivaw ist eine der zentralen Figuren des Roboter/Foundation-Zyklus. In Die Stahlhöhlen beginnt seine Geschichte, die unter anderem in Die nackte Sonne und Die Foundation-Trilogie sowie Die Suche nach der Erde fortgesetzt wird.

Der Autor

Isaac Asimov zählt gemeinsam mit Arthur C. Clarke und Robert A. Heinlein zu den bedeutendsten SF-Autoren, die je gelebt haben. Er wurde 1920 in Petrowitsch, einem Vorort von Smolensk, in der Sowjetunion geboren. 1923 wanderten seine Eltern in die USA aus und ließen sich in New York nieder. Während seines Chemiestudiums an der Columbia University begann er SF-Geschichten zu schreiben. Seine erste Story erschien im Juli 1939, und in den folgenden Jahren veröffentlichte er in rascher Folge die Erzählungen und Romane, die ihn weltberühmt machten. Neben der SF schrieb Asimov auch zahlreiche populärwissenschaftliche Bücher zu den unterschiedlichsten Themen. Er starb im April 1992.

Mehr über Isaac Asimov und seine Romane auf:

ISAAC ASIMOV

DIE
NACKTE
SONNE

ROMAN

WILHELM HEYNE VERLAG
MÜNCHEN

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Titel der amerikanischen Originalausgabe

THE NAKED SUN

Deutsche Übersetzung von Heinz Nagel


Copyright © 1957 by Nightfall Inc.

Mit freundlicher Genehmigung der Erben des Autors

Copyright © 2019 der deutschsprachigen Ausgabe

by Wilhelm Heyne Verlag, München,

in der Penguin Random House Verlagsgruppe GmbH

Umschlaggestaltung: Nele Schütz Design, München,

unter Verwendung von shutterstock 100239116

Satz: Schaber Datentechnik, Wels

ISBN 978-3-641-13208-8
V002


www.diezukunft.de

1.   Eine Frage wird gestellt

Elijah Baley kämpfte hartnäckig gegen die Panik an.

Seit zwei Wochen hatte sie sich jetzt in ihm aufgebaut, sogar noch länger. Sie hatte sich aufgebaut, seit man ihn nach Washington gerufen und ihm dort in aller Ruhe mitgeteilt hatte, dass er neu eingesetzt werden würde.

Der Ruf nach Washington war für sich selbst betrachtet schon beunruhigend genug gewesen. Er kam ohne Einzelheiten. Man bestellte ihn einfach; und das machte es noch schlimmer. In dem Umschlag befanden sich auch Tickets mit der Anweisung, die Reise per Flugzeug zu machen, und das verschlimmerte alles nur noch mehr.

Zum Teil lag das wohl daran, dass jede Anweisung, eine Reise per Flugzeug durchzuführen, das Ganze besonders dringend erscheinen ließ. Zum Teil war es der Gedanke an das Flugzeug; einfach das. Trotzdem war das nur der Anfang seines Unbehagens gewesen, und das hatte er bislang noch leicht unterdrücken können.

Schließlich war Lije Baley schon viermal mit dem Flugzeug gereist. Einmal hatte er sogar den ganzen Kontinent überquert. Und so betrachtet, würde das, wenn auch eine Flugreise nie angenehm ist, wenigstens kein völliger Schritt ins Unbekannte sein.

Und dann würde die Reise von New York nach Washington nur eine Stunde in Anspruch nehmen. Der Start würde auf Piste 2 New York erfolgen, die wie alle offiziellen Pisten ordentlich umschlossen war, mit einer Schleuse, die sich erst dann der ungeschützten Atmosphäre öffnete, nachdem die Fluggeschwindigkeit erreicht war. Und ankommen würde der Flug auf Piste 5 Washington, die ähnlich geschützt war.

Außerdem würde es in dem Flugzeug, wie Baley wohl wusste, keine Fenster geben. Das Flugzeug würde gut beleuchtet sein, es würde anständiges Essen geben und alle notwendigen Bequemlichkeiten. Der funkgesteuerte Flug würde ganz glatt verlaufen; man würde die Bewegung kaum wahrnehmen, sobald das Flugzeug einmal in der Luft war.

All das erklärte er sich und Jessie, seiner Frau, die noch nie geflogen war und die an solche Dinge voll Angst und Schrecken heranging.

»Aber ich mag es nicht, dass du ein Flugzeug nimmst, Lije«, sagte sie. »Das ist unnatürlich. Warum kannst du nicht die Expressways nehmen?«

»Weil das zehn Stunden dauern würde.« Baleys langes Gesicht blickte etwas mürrisch. »Und weil ich der Polizeibehörde der City angehöre und die Anweisungen meiner Vorgesetzten befolgen muss. Zumindest wenn ich als C-6 eingestuft bleiben möchte.«

Dagegen war nichts zu sagen.

Baley nahm das Flugzeug und richtete seine Augen fest auf den Nachrichtenstreifen, der sich gleichmäßig und beständig aus dem in Augenhöhe angebrachten Spender abspulte. Die City war stolz auf diesen Dienst: Nachrichten, Glossen, Witze, Informationstexte, gelegentlich eine Kurzgeschichte. Eines Tages würde Film anstelle der Streifen treten, hieß es, da das Tragen eines Betrachtungsgerätes den Passagier noch wirksamer von seiner Umgebung ablenken würde.

Baley ließ den sich abspulenden Streifen nicht aus den Augen, nicht nur um sich abzulenken, sondern auch weil die Etikette es verlangte. In dem Flugzeug befanden sich fünf weitere Passagiere (er konnte nicht umhin, wenigstens das zur Kenntnis zu nehmen), und jeder von ihnen hatte sein ganz persönliches Recht auf das Maß an Furcht und Besorgnis, das ihn sein Wesen und seine Erziehung empfinden ließ.

Baley wäre es ganz sicher nicht recht gewesen, wenn sich ein anderer in sein Unbehagen hineingedrängt hätte. Er wollte nicht, dass fremde Augen das Weiß seiner Knöchel sahen, wo seine Hände sich an der Armlehne festklammerten. Und auch der feuchte Fleck, den sie hinterlassen würden, wenn er sie wegnahm, war einzig und allein seine Angelegenheit.

Er sagte sich: Ich bin umschlossen. Dieses Flugzeug ist nichts anderes als eine kleine City.

Aber er machte sich nichts vor. Zu seiner Linken war ein Zoll Stahl; das konnte er mit dem Ellbogen fühlen. Und dahinter – nichts …

Nun, Luft! Aber das war in Wirklichkeit natürlich nichts.

Tausend Meilen davon in einer Richtung. Tausend in der anderen. Und eine Meile, vielleicht zwei nach unten.

Fast wünschte er sich, gerade nach unten sehen zu können und damit die Oberseite der im Boden eingegrabenen Cities zu sehen, über die er hinwegflog: New York, Philadelphia, Baltimore, Washington. Er stellte sich die aneinandergereihten flachen Kuppeln vor, die er nie gesehen hatte, von deren Existenz er aber wusste. Und unter ihnen, vielleicht eine Meile tief unter der Erde und Dutzende von Meilen nach allen Richtungen reichend, mussten die Cities sein.

Die endlosen, an Waben erinnernden Korridore der Cities, dachte er, in denen Menschen lebten; Wohnungen, Gemeinschaftsküchen, Fabriken, Expressways – alle behaglich und warm und von menschlichem Leben geprägt.

Und er selbst befand sich in einem kleinen Projektil aus Metall, isoliert in der kalten Luft und bewegte sich durch Leere.

Seine Hände zitterten, und er zwang seine Augen, sich auf den Papierstreifen zu konzentrieren. Und dann las er ein wenig.

Es war eine kurze Geschichte, die sich mit galaktischer Forschung befasste, und ganz offensichtlich war der Held der Geschichte ein Erdenmensch.

Baley murmelte verärgert etwas vor sich hin und hielt dann gleich den Atem an, als ihm bewusst wurde, wie unmöglich er sich benahm – Geräusche zu machen, undenkbar!

Trotzdem war es absolut lächerlich. Geradezu kindisch war es, so zu tun, als könnten Erdenmenschen in den Weltraum eindringen. Galaktische Erforschung! Die Galaxis war den Erdenmenschen verschlossen. Die Spacer erhoben Anspruch auf sie; die Spacer, deren Ahnen vor Jahrhunderten Erdenmenschen gewesen waren. Jene Ahnen hatten als Erste die Äußeren Welten erreicht, festgestellt, dass es sich dort angenehm leben ließ, und dann hatten ihre Nachkommen gegen weitere Einwanderer Schranken errichtet. Sie hatten die Erde und die Erdenmenschen, ihre Vettern, gleichsam eingepfercht. Und die Citykultur der Erde vollendete die Aufgabe, indem sie die Erdenmenschen in die Gefängnisse der Cities einschloss, durch ihre Furcht vor offenen Räumen, die sie selbst daran hinderte, die von Robotern betriebenen Farm- und Bergwerkszonen ihres eigenen Planeten zu betreten; selbst daran.

Baley dachte bitter: Jehoshaphat! Wenn uns das nicht passt, müssen wir eben etwas dagegen unternehmen. Wir sollten keine Zeit mit Märchen vergeuden.

Aber es gab nichts, was man unternehmen konnte, und das wusste er.

Dann landete das Flugzeug. Er und seine Mitreisenden stiegen aus und trennten sich, ohne einander anzusehen.

Baley blickte auf die Uhr und sah, dass er noch Zeit hatte, sich etwas frisch zu machen, ehe er den Expressway zum Justizministerium betrat. Darüber war er froh. Die Geräusche und der Lärm des Lebens, der riesige Kuppelsaal des Flughafens, von dem zahllose Citykorridore in mehreren Etagen abzweigten, alles, was er sah und hörte, vermittelte ihm das Gefühl, sicher und warm vom Mutterleib der City umschlossen zu sein. Dieses Gefühl spülte die Angst weg, und jetzt brauchte er nur noch eine Dusche, um die Aufgabe zu vollenden.

Er brauchte eine Besuchergenehmigung, um eines der Gemeinschaftsgebäude benutzen zu dürfen; aber als er seine Reiseanweisung vorlegte, räumte die alle Schwierigkeiten aus dem Weg. Sie wurde routinemäßig abgestempelt, und dann bekam er eine Karte für eine Einzelkabine, natürlich mit genauer Datumsangabe, um jeden Missbrauch unmöglich zu machen, und einen kleinen Streifen, damit er die ihm zugewiesene Kabine fand.

Baley war dankbar, wieder die Streifen unter seinen Füßen zu spüren. Ein Gefühl von Luxus erfüllte ihn, als er bemerkte, wie er immer schneller wurde, während er sich von einem Streifen zum nächsten nach innen zu bewegte, auf den Expressway zu. Er schwang sich leichtfüßig hinauf und nahm den Sitzplatz ein, auf den er seinem Rang gemäß Anspruch hatte.

Es war keine Stoßzeit; Sitze waren frei. Auch das Bad war nicht übermäßig voll gewesen. Die Kabine, die man ihm zugewiesen hatte, war in gutem Zustand gewesen, und der Waschautomat hatte tadellos funktioniert.

Nachdem er seine Wasserration verbraucht und seine Kleidung aufgefrischt hatte, fühlte er sich der Aufgabe gewachsen, das Justizministerium in Angriff zu nehmen. Ein geradezu vergnügtes Gefühl erfüllte ihn.

Untersekretär Albert Minnim war ein kleiner, kompakter Mann mit rötlicher Haut und ergrauendem Haar; ein Mann mit gerundeten und geglätteten Kanten. Er strahlte eine Aura von Sauberkeit aus und roch ein wenig nach Tonicwasser. Das alles verriet die Annehmlichkeiten des Lebens, die einem mit den reichlichen Rationen zur Verfügung standen, wie sie hohen Mitgliedern der Regierung zugeteilt wurden.

Baley kam sich im Vergleich zu ihm schäbig und grobschlächtig vor. Seine großen Hände, seine tief liegenden Augen und ein allgemeines Gefühl der Kantigkeit waren ihm bewusst.

Minnim meinte herzlich: »Setzen Sie sich, Baley! Rauchen Sie?«

»Nur Pfeife, Sir«, sagte Baley.

Er zog sie aus der Tasche, und Minnim schob die Zigarre wieder ins Etui zurück, die er schon zur Hälfte herausgezogen hatte.

Baley tat das sofort leid. Eine Zigarre war besser als nichts, und er wäre für das Geschenk dankbar gewesen. Seine kürzliche Beförderung in Stufe C-6 hatte zwar auch zu einer Steigerung seiner Tabakration geführt; trotzdem schwamm er nicht gerade in Tabak.

»Bitte, rauchen Sie ruhig, wenn Sie wollen«, sagte Minnim und wartete mit einer Art väterlicher Geduld, während Baley sorgfältig seinen Tabak abmaß und dann den Filter über die Pfeife steckte.

Dann meinte er, ohne den Blick von der Pfeife zu wenden: »Man hat mir nicht gesagt, weshalb ich nach Washington gerufen wurde, Sir.«

»Ich weiß«, sagte Minnim. Er lächelte. »Das lässt sich sofort klären. Sie werden für eine Weile versetzt.«

»Außerhalb von New York City?«

»Ziemlich weit.«

Baley hob die Brauen und blickte nachdenklich. »Sie sagten ›für eine Weile‹. Wie lange, Sir?«

»Das weiß ich nicht genau.«

Baley kannte die Vor- und Nachteile einer Versetzung. Als Besucher in einer City, deren Bewohner er nicht war, würde er wahrscheinlich besser leben, als es seinem offiziellen Rang entsprach. Andrerseits war es höchst unwahrscheinlich, dass man auch Jessie und ihrem Sohn Bentley erlauben würde, ihn zu begleiten. Man würde sich natürlich dort in New York um sie kümmern. Aber Baley war ein häusliches Geschöpf, und der Gedanke an Trennung bereitete ihm keine Freude.

Und dann konnte eine Versetzung natürlich auch einen ganz bestimmten Auftrag bedeuten, das war gut, und eine Verantwortung, die die überstieg, die man gewöhnlich Beamten seiner Rangstufe übertrug, und das könnte unangenehm sein. Baley hatte vor nicht zu vielen Monaten die Verantwortung überlebt, die aus den Ermittlungen im Mordfall eines Spacers außerhalb New Yorks bestanden hatten. Die Vorstellung, einen Auftrag ähnlicher Art übernehmen zu müssen, erfüllte ihn nicht gerade mit Freude.

»Würden Sie mir sagen, wo ich hin muss?«, fragte er. »Die Art dieses Auftrags? Worum geht es?«

Er versuchte das »ziemlich weit« des Regierungsbeamten abzuwägen und schloss mit sich selbst kleine Wetten hinsichtlich seines neuen Einsatzortes ab. Das »ziemlich weit« hatte recht nachdrücklich geklungen, und Baley dachte: Kalkutta? Sydney?

Und dann bemerkte er plötzlich, dass Minnim nun doch eine Zigarre herauszog und sie jetzt sorgfältig anzündete.

Baley dachte: Jehoshaphat! Es fällt ihm schwer, es mir zu sagen. Er will es nicht sagen.

Minnim nahm die Zigarre aus dem Mund, blickte dem Rauch nach und sagte: »Das Justizministerium setzt Sie auf Solaria ein.«

Einen Augenblick lang tastete Baleys Bewusstsein nach einer Verbindung, die nicht da war. Solaria, Asien? … Solaria, Australien? …

Dann stand er auf und sagte leise: »Sie meinen, eine der Äußeren Welten?«

Minnim wich Baleys Augen aus. »Stimmt!«

»Aber das ist doch unmöglich!«, sagte Baley. »Die würden niemals einen Erdenmenschen auf einer Äußeren Welt zulassen.«

»Es gibt Umstände, die das ermöglichen, Baley. Auf Solaria ist ein Mord verübt worden.«

Baleys Lippen verzogen sich zu einem Lächeln; das war fast ein Reflex. »Das liegt aber doch etwas außerhalb unserer Zuständigkeit, oder?«

»Sie haben Hilfe erbeten.«

»Von uns? Von der Erde?« Baley sah sich zwischen Verwirrung und Unglauben hin- und hergerissen. Dass eine Äußere Welt irgendeine andere Haltung einnehmen konnte als die der Verachtung für den verschmähten Mutterplaneten oder bestenfalls etwas herablassendes Wohlwollen, war undenkbar. Aber Hilfe erbitten?

»Von der Erde?«, wiederholte er.

»Ungewöhnlich«, räumte Minnim ein, »aber so ist es nun mal. Sie wollen, dass ein terrestrischer Detective auf den Fall angesetzt wird. Das Ganze ist durch diplomatische Kanäle auf höchster Ebene vorbereitet worden.«

Baley setzte sich wieder. »Warum ich? Ich bin kein junger Mann. Ich bin dreiundvierzig. Ich habe eine Frau und ein Kind. Ich könnte die Erde nicht verlassen.«

»Wir haben gar keine Wahl, Baley. Man hat ausdrücklich Sie angefordert.«

»Mich?«

»Ermittlungsbeamter Elijah Baley, C-6, von der Polizeibehörde New York City. Die wussten genau, was sie wollten. Ihnen ist doch sicherlich klar, warum?«

Doch Baley meinte hartnäckig: »Dafür bin ich nicht qualifiziert.«

»Die meinen das aber. Offenbar haben sie von der Art und Weise erfahren, wie Sie den Spacermord hier aufgeklärt haben.«

»Die müssen da etwas durcheinandergebracht haben. Vielleicht hat das besser ausgesehen, als es wirklich war.«

Minnim zuckte die Achseln. »Jedenfalls haben sie Sie verlangt, und wir haben uns bereit erklärt, Sie zu schicken. Sie werden versetzt. Der ganze Papierkram ist schon erledigt, und Sie müssen gehen. Während Ihrer Abwesenheit wird auf Basis C-7 für Ihre Frau und Ihr Kind gesorgt werden; das wird nämlich Ihr kommissarischer Rang während der Dauer dieses Auftrags sein.« Er machte eine bedeutungsvolle Pause. »Befriedigender Abschluss des Auftrags kann dazu führen, dass Ihnen diese Rangstufe auf Dauer zuerkannt wird.«

Das Ganze ging Baley zu schnell. Das konnte einfach alles nicht sein. Er konnte die Erde nicht verlassen. Sahen die das denn nicht?

Er hörte sich selbst mit monotoner Stimme, die in seinen eigenen Ohren unnatürlich klang, fragen: »Was für eine Art von Mord? Wie sind die Begleitumstände? Warum können die das nicht selbst erledigen?«

Minnim schob mit seinen sorgfältig manikürten Fingern ein paar Gegenstände auf seinem Schreibtisch herum. Er schüttelte den Kopf. »Ich weiß überhaupt nichts über den Mord. Ich kenne die Umstände nicht.«

»Wer kennt sie dann, Sir? Sie erwarten doch nicht, dass ich völlig unvorbereitet dorthin gehe, oder?« Und wieder eine verzweifelte innere Stimme: Aber ich kann die Erde nicht verlassen.

»Niemand weiß etwas darüber. Jedenfalls niemand hier auf der Erde. Die Solarianer haben es uns nicht gesagt. Das wird Ihre Aufgabe sein; Sie müssen herausfinden, was an dem Mord so Besonderes ist, dass die zu seiner Lösung einen Erdenmenschen brauchen. Oder besser gesagt, das wird Teil Ihres Auftrags sein.«

Baley war so verzweifelt, dass er sagte: »Und wenn ich ablehne?« Er kannte die Antwort natürlich. Er wusste genau, was eine Degradierung für ihn – und was wichtiger war – für seine Familie bedeuten würde.

Aber Minnim sagte gar nichts von Degradierung. Er sagte leise: »Sie können nicht ablehnen, Baley. Sie haben einen Auftrag zu erfüllen.«

»Für Solaria? Zum Teufel mit ihnen!«

»Für uns, Baley, für uns!« Minnim machte eine Pause.

Dann fuhr er fort: »Sie kennen die Lage der Erde im Hinblick auf die Spacer. Ich brauche darauf wohl nicht einzugehen.«

Baley kannte die Situation ebenso gut wie jeder Mensch auf der Erde. Die fünfzig Äußeren Welten mit insgesamt einer kleineren Bevölkerung, als die Erde allein sie aufwies, besaßen dennoch ein Militärpotenzial, das vielleicht hundertmal größer war. Ihre Welten waren unterbevölkert, auf Roboterwirtschaft aufgebaut, und ihre Energieproduktion pro Mensch war tausendmal so groß wie die der Erde. Und militärisches Potenzial wurde durch die Energiemenge definiert, die ein Mensch produzieren konnte, ganz abgesehen vom Lebensstandard, Zufriedenheit, Glück und all den anderen Dingen.

Und Minnim fuhr fort: »Einer der Faktoren, die daran schuld sind, dass diese Lage so bleibt, ist unsere Unwissenheit. Eben das: Unwissenheit. Die Spacer wissen alles über uns. Schließlich schicken sie weiß Gott genügend Missionen zur Erde. Wir wissen überhaupt nichts über sie, abgesehen von dem, was sie uns sagen. Kein Mensch auf der Erde hat jemals auch nur einen Fuß auf eine Äußere Welt gesetzt. Und Sie werden das jetzt tun.«

»Aber ich kann doch nicht …«, begann Baley.

Aber Minnim wiederholte: »Sie werden. Sie werden sich in einer einmaligen Position befinden. Sie werden auf deren Einladung auf Solaria weilen, einen Auftrag erfüllen, den die Ihnen zuteilen. Und wenn Sie zurückkehren, werden Sie Informationen besitzen, die für die Erde wichtig sind.«

Baley sah den Untersekretär ernst an. »Sie meinen, ich soll für die Erde spionieren.«

»Es geht hier nicht um Spionage. Sie brauchen nichts zu tun, was die nicht von Ihnen verlangen. Halten Sie bloß Ihre Augen offen. Beobachten Sie! Wenn Sie dann zurückkehren, gibt es genügend Spezialisten, die Ihre Beobachtungen analysieren und interpretieren können.«

»Ich nehme an, dass eine Krise vorliegt, Sir«, sagte Baley.

»Warum sagen Sie das?«

»Einen Erdenmenschen auf eine Äußere Welt zu schicken ist riskant. Die Spacer hassen uns. Beim besten Willen und obwohl ich auf Einladung dort bin, könnte ich leicht einen interstellaren Zwischenfall auslösen. Die terrestrische Regierung könnte es leicht vermeiden, mich hinzuschicken, wenn sie das wollte. Sie könnte sagen, ich sei krank. Die Spacer haben geradezu pathologische Angst vor Ansteckung. Sie würden mich um keinen Preis dort haben wollen, wenn sie glaubten, ich wäre krank.«

»Schlagen Sie vor, dass wir diesen Trick anwenden?«, fragte Minnim.

»Nein. Wenn die Regierung kein anderes Motiv hätte, mich dorthin zu schicken, würde man nicht meine Hilfe brauchen, um sich das oder etwas Besseres auszudenken. Daraus folgt, dass das eigentlich Wesentliche meine Beobachtertätigkeit ist – die Sie ja nicht als Spionage bezeichnen wollen. Und wenn das der Fall ist, muss mehr dahinterstecken als nur ein Sehen-Sie-sich-um, um dieses Risiko zu rechtfertigen.«

Baley hatte halb mit einer Explosion gerechnet und hätte sie sogar begrüßt, weil sie den Druck gelockert hätte; aber Minnim lächelte nur frostig und sagte: »Anscheinend besitzen Sie die Fähigkeit, das Wesentliche zu erkennen und das Unwesentliche beiseitezutun. Aber ich habe schließlich auch nicht weniger erwartet.«

Der Untersekretär lehnte sich über seinen Schreibtisch zu Baley hinüber. »Ich will Ihnen jetzt etwas sagen, worüber Sie mit niemandem sprechen werden, nicht einmal mit anderen Regierungsbeamten. Unsere Soziologen sind dabei, gewisse Schlüsse bezüglich der augenblicklichen galaktischen Lage zu ziehen. Fünfzig Äußere Welten, unterbevölkert, robotisiert, mächtig, mit Menschen, die gesund und langlebig sind. Wir selbst: überbevölkert, technisch unterentwickelt, kurzlebig und von ihnen dominiert. Das ist eine instabile Situation.«

»Auf Dauer ist alles instabil.«

»Richtig. Aber die Situation ist bereits instabil. Wir haben höchstens noch hundert Jahre Zeit. Uns wird diese Situation noch überdauern, das steht fest. Aber wir haben Kinder. Am Ende werden wir für die Äußeren Welten eine zu große Gefahr darstellen, als dass man unser Überleben zulassen könnte. Schließlich leben auf der Erde acht Milliarden Menschen, die die Spacer hassen.«

Baley unterbrach ihn. »Die Spacer schließen uns aus der Galaxis aus, führen unseren Handel auf eigene Rechnung und Profit, diktieren unserer Regierung die Politik und behandeln uns verächtlich. Was erwarten Sie? Dankbarkeit?«

»Richtig. Und das Schema steht schon fest: Aufruhr, Unterdrückung, Aufruhr, Unterdrückung – und in hundert Jahren wird die Erde als bevölkerte Welt praktisch ausgelöscht sein. Das behaupten wenigstens die Soziologen.«

Baley wurde unruhig. Man zweifelte nicht an Soziologen und ihren Computern. »Aber was erwarten Sie dann von mir, wenn das alles so ist? Was könnte ich schon ausrichten?«

»Dass Sie uns Informationen bringen. Die große Lücke in unseren soziologischen Prognosen ist der Mangel an Daten bezüglich der Spacer. Wir mussten auf der Grundlage der wenigen Spacer, die sie hierherschickten, unsere Prognosen aufstellen. Wir mussten uns auf das verlassen, was sie uns über sich selbst gesagt haben. Woraus folgt, dass wir ihre Stärken, und nur ihre Stärken, kennen. Verdammt noch mal, die haben ihre Roboter und ihre geringe Zahl und ihr langes Leben. Aber haben sie Schwächen? Gibt es irgendeinen Faktor oder mehrere Faktoren, die, wenn wir sie nur kennen würden, die soziologische Unvermeidbarkeit der Zerstörung ändern würden; etwas, das unser Handeln leiten und die Chancen des Überlebens der Erde verbessern könnte?«

»Sollten Sie da nicht besser einen Soziologen schicken, Sir?«

Minnim schüttelte den Kopf. »Wenn wir schicken könnten, wen wir wollen, hätten wir schon vor zehn Jahren jemanden dort hinausgeschickt, als wir zum ersten Mal diese Schlüsse zogen. Das ist unser erster Vorwand, überhaupt jemanden schicken zu können. Sie verlangen einen Detective, und das passt uns. Ein Detective ist auch Soziologe; ein praktizierender, über den Daumen peilender Soziologe, sonst wäre er ja kein guter Detective. Und Ihren Akten nach sind Sie ein guter.«

»Danke, Sir«, sagte Baley mechanisch. »Und wenn ich Schwierigkeiten bekomme?«

Minnim zuckte die Achseln. »Das ist das Risiko, das man auf sich nimmt, wenn man Polizist wird.« Er tat den Punkt mit einer Handbewegung ab und fügte hinzu: »Jedenfalls müssen Sie gehen. Der Zeitpunkt Ihrer Abreise ist bereits festgelegt. Das Schiff, das Sie hinbringt, wartet bereits.«

»Wartet?«, sagte Baley und erstarrte. »Wann reise ich ab?«

»In zwei Tagen.«

»Dann muss ich nach New York zurück. Meine Frau …«

»Wir werden Ihre Frau aufsuchen. Sie darf nämlich nicht erfahren, worum es bei Ihrem Auftrag geht, wissen Sie? Man wird ihr sagen, dass sie nicht damit rechnen soll, in nächster Zeit von Ihnen zu hören.«

»Aber das ist unmenschlich! Ich muss mit ihr reden. Vielleicht sehe ich sie nie wieder.«

»Was ich jetzt sage, klingt vielleicht noch unmenschlicher«, erwiderte Minnim, »aber stimmt es denn nicht, dass es keinen Tag im Leben eines Polizisten gibt, an dem er mit Sicherheit sagen kann, man werde ihn wiedersehen? Mr. Baley, wir müssen alle unsere Pflicht tun.«

Baleys Pfeife war schon vor einer Viertelstunde ausgegangen. Er hatte es nicht einmal bemerkt.

Mehr konnte ihm niemand sagen. Niemand wusste etwas über den Mord. Und schließlich war der Augenblick da, wo er unter dem Raumschiff stand und es immer noch nicht glauben konnte.

Es sah aus wie eine gigantische Kanone, die in den Himmel zielte. Baley fröstelte in der rauen Luft, die ihn umgab. Die Nacht schloss ihn ein (wofür Baley dankbar war) wie dunkle, schwarze Mauern, die oben mit einer schwarzen Decke verschmolzen. Es war wolkig, und obwohl er Planetarien besucht hatte, erschreckte es ihn, als sein Blick auf einen hellen Stern fiel, der durch einen Spalt in den Wolken stach.

Ein kleiner Funke, weit, weit entfernt. Er starrte ihn neugierig an, fast so, als hätte er keine Angst vor ihm. Er wirkte ganz nahe, unbedeutend; und doch kreisten um Punkte wie diesen Planeten, deren Bewohner die Herren der Galaxis waren. Die Sonne war auch ein solcher Funke, dachte er, nur viel näher, und beschien im Augenblick die andere Seite der Erde.

Plötzlich sah er die Erde als einen Ball aus Stein mit einer dünnen Schicht aus Feuchtigkeit und Gas, überall frei der Leere ausgesetzt, mit Cities, die sich kaum in die Außenhaut eingegraben hatten und in einem unsicheren Gleichgewicht zwischen Fels und Luft dahingen und sich festklammerten. Ihn schauderte.

Das Schiff war natürlich ein Spacerfahrzeug. Der interstellare Handel lag ausschließlich in den Händen der Spacer. Er war jetzt allein, unmittelbar außerhalb der City. Man hatte ihn gebadet und geschrubbt und sterilisiert, bis man ihn – nach Spacernormen – für würdig hielt, an Bord des Schiffes zu gehen. Nein, nicht würdig; worauf es ankam, war, dass er steril war, ungefährlich, keine Bazillen trug. Trotzdem schickten sie ihm nur einen Roboter entgegen, um ihn zu empfangen, da er zweifellos immer noch hundert Arten von Krankheitskeimen aus der überfüllten City mit sich trug, gegen die er resistent war, ganz im Gegensatz zu den in einem eugenischen Treibhaus aufgewachsenen Spacern.

Der Roboter ragte undeutlich sichtbar in die Nacht hinein, und seine Augen glühten dunkelrot.

»Ermittlungsbeamter Elijah Baley?«

»Richtig«, sagte Baley schroff, und seine Nackenhaare sträubten sich ein wenig. Er war genügend Erdenmensch, um eine zornige Gänsehaut zu bekommen, wenn er sah, dass ein Roboter das tat, wozu Menschen da waren. Da war R. Daneel Olivaw gewesen, sein Partner in der Ermittlung der Spacetown-Affäre; aber das war anders gewesen. Daneel war …

»Wollen Sie mir bitte folgen«, sagte der Roboter, und weißes Licht überflutete einen Weg zum Schiff hin.

Baley folgte ihm. Er stieg die Gangway hinauf ins Schiff, kam durch Korridore und schließlich in einen Raum.

Der Roboter sagte: »Dies ist Ihr Raum, Ermittlungsbeamter Baley. Es wird gewünscht, dass Sie sich während der ganzen Reisedauer in ihm aufhalten.«

Baley dachte: Sicher, versiegelt mich nur! Haltet mich sicher in Quarantäne. Gut isoliert.

Die Korridore, durch die er gegangen war, waren leer gewesen. Wahrscheinlich wurden sie jetzt bereits von Robotern desinfiziert. Der Roboter, der ihm gegenüberstand, würde wahrscheinlich durch ein germizides Bad gehen, nachdem er ihn verlassen hatte.

Der Roboter sagte: »Sie haben hier Wasser und eine Toilette. Man wird Ihnen Nahrung liefern. Und Material, das Sie sichten können. Die Luken werden von diesem Schaltpult aus gesteuert. Jetzt sind sie geschlossen. Aber wenn Sie den Weltraum sehen wollen …«

Baley unterbrach ihn erregt: »Schon gut, Boy. Lass die Luken geschlossen!«

Er sprach ihn mit »Boy« an, wie Erdenmenschen das bei Robotern immer taten, und der Roboter ließ keine negative Reaktion erkennen. Das konnte er natürlich nicht. Seine Reaktionen wurden von den Gesetzen der Robotik gelenkt und kontrolliert.

Der Roboter beugte seinen massigen Metallkörper, sodass es wie die Parodie einer respektvollen Verbeugung wirkte, und ging.

Baley war jetzt in seinem Raum allein und konnte sich orientieren. Zumindest war es besser als das Flugzeug. Das Flugzeug konnte er von einem Ende zum anderen sehen. Er konnte seine Grenzen erkennen. Das Raumschiff war groß. Es hatte Gänge, Etagen, Räume. Es war eine kleine City für sich. Baley konnte beinahe frei atmen.

Dann leuchteten Lichter auf. Die metallische Stimme eines Roboters hallte über die Bordsprechanlage und erteilte ihm detaillierte Instruktionen, wie er sich vor der Startbeschleunigung schützen sollte.

Er wurde nach hinten in seinen Sitz gepresst, der auf einem hydraulischen System ruhte. Dann war in der Ferne das Dröhnen von Raketenmotoren zu hören, die von dem Mikromeiler aufgeheizt wurden. Das Zischen der zerrissenen Atmosphäre war zu vernehmen, wurde aber schnell dünner und ging schließlich in ein schrilles Pfeifen über, das nach einer Stunde völlig verstummte.

Sie befanden sich im Weltraum.

Es war, als wären alle Empfindungen abgestumpft, als wäre nichts mehr wirklich. Er sagte sich, dass er sich jede Sekunde um Tausende von Meilen weiter von den Cities entfernte, von Jessie; aber irgendwie schien es ihn nicht sonderlich zu beeindrucken.

Am zweiten Tag (dem dritten? – Es war unmöglich, einen Sinn für die Zeit zu behalten, wenn man einmal von den regelmäßigen Essens- und Schlafenszeiten absah) stellte sich einen Augenblick lang eine seltsame Empfindung ein, so als würde er von innen nach außen gekehrt. Es dauerte nur einen Augenblick lang, und Baley wusste, dass es ein Sprung war, jene seltsam unbegreifliche, fast mystische Transition durch den Hyperraum, wodurch das Schiff und alles, was es enthielt, von einem Punkt im Weltraum zu einem anderen, Lichtjahre davon entfernt, versetzt wurde. Wieder ein Zeitabschnitt und ein weiterer Sprung. Und noch einmal ein Zeitabschnitt und noch einmal ein Sprung.

Baley sagte sich jetzt, dass er Lichtjahre von der Erde entfernt war, Dutzende von Lichtjahren, Hunderte, Tausende.

Wie viele, wusste er nicht. Niemand auf der Erde wusste auch nur die Position Solarias im Weltraum. Er war bereit, darauf eine Wette einzugehen. Sie waren unwissend, alle waren sie das.

Er fühlte sich schrecklich allein.

Das Gefühl der Bremsverzögerung stellte sich ein, und der Roboter kam in seinen Raum. Seine ausdruckslosen, rötlichen Augen überprüften den Sitz von Baleys Gurten. Er sah sich das Hydrauliksystem an, verstellte eine Schraube und vergewisserte sich, dass alles funktionierte.

Dann sagte er: »Wir werden in drei Stunden landen. Sie sollten bitte in diesem Raum bleiben. Ein Mann wird kommen, um Sie hinauszugeleiten und Sie zu Ihrem Aufenthaltsort zu bringen.«

»Warte!«, sagte Baley angespannt. Im angeschnallten Zustand fühlte er sich hilflos. »Wenn wir landen, welche Tageszeit wird dann sein?«

Der Roboter antwortete sofort: »Nach galaktischer Standardzeit wird es …«

»Lokalzeit, Boy. Lokalzeit! Jehoshaphat!«

Der Roboter redete mit unverändertem Tonfall weiter. »Der solarianische Tag hat achtundzwanzig Komma drei fünf Standardstunden. Die solarianische Stunde ist in zehn Dekaden geteilt und diese wiederum hat hundert Centaden. Bei unserem Eintreffen auf dem Flughafen wird dort der Tag die zwanzigste Centade der fünften Dekade erreicht haben.«

Baley hasste diesen Roboter. Er hasste ihn wegen seiner Schwerfälligkeit, mit der er ihn verstand; hasste ihn, weil er ihn zwang, die Fragen direkt zu stellen, um damit seine eigene Schwäche einzugestehen.

Aber das musste er. Und so sagte er ausdruckslos: »Wird es Tag sein?«

»Ja, Sir«, antwortete der Roboter und ging hinaus.

Es würde Tag sein! Er würde am helllichten Tag auf die ungeschützte Oberfläche eines Planeten hinaustreten müssen!

Er war nicht ganz sicher, wie es sein würde. Er hatte von bestimmten Punkten in der City aus gelegentlich einen Blick auf die planetarische Oberfläche der Erde werfen können; er war sogar schon für kurze Augenblicke draußen gewesen. Aber er war immer von Mauern umgeben gewesen oder wenigstens in Reichweite einer solchen. Diese Sicherheit war immer ganz nahe gewesen.

Wo aber würde jetzt Sicherheit sein? Nicht einmal die falschen Mauern der Dunkelheit.

Und weil er vor den Spacern keine Schwächen zeigen wollte – verdammt wollte er sein, wenn er das tat! –, spannte er seinen Körper gegen die Gurte, die ihn vor den Kräften der Bremsbeschleunigung schützten, schloss die Augen und kämpfte hartnäckig gegen die Panik an, die ihn überkommen wollte.