Hanser E-Book

 

Wilhelm Genazino

 

Leise singende Frauen

 

Roman

 

 

Carl Hanser Verlag

 

 

Die Erstausgabe erschien im Jahre 1992.

 

 

ISBN 978-3-446-25146-5

© Carl Hanser Verlag München 2014/2015

Bildnachweis Umschlag: Peter-Andreas Hassiepen, München, unter Verwendung der Fotografie Reflection in a puddle; © Imagno / Getty Images

 

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Kreutzfeldt digital, Hamburg

 

 

 

1

 

Am Anfang, als der Regen eine leichte abendliche Sommerüberraschung war, saßen neun Gäste unter dem breiten, zeltartigen Schirm des Cafés; zwei junge Paare, ein älteres Paar, ein einzelner Mann, eine japanische Touristin und ich. Dann ist der Regen stärker geworden. Das ältere Paar und ich rückten etwas weiter nach innen unter die Mitte des Schirms, damit uns die seitlich niedergehenden Regenschauer nicht erreichten. Wenig später war dem älteren Paar auch dieser Platz zu ungemütlich geworden; die beiden riefen den Kellner herbei, zahlten und gingen. Der Regen prasselt in ziemlich gleichbleibender Stärke auf das Zeltdach. Abendspaziergänger haben sich in einem Hauseingang oder in einer Ausfahrt untergestellt. Manchmal schaut der Kellner zu uns herüber, aber er kann nicht mehr zu uns kommen, ohne selber durch und durch naß zu werden. Unter den Gästen hat sich, vermute ich, ein Gefühl schöner, weil harmloser Bedrohung eingestellt. Immer wieder blickt jemand zum Zeltdach hoch und überzeugt sich, daß es wasserdicht geblieben ist. In der Ferne kommt Donner auf. Ringsum bilden sich Rinnsale. Ich halte es für möglich, daß der starke Donner das Gefühl der japanischen Touristin verändert. Ihren Blicken ist eine Spur Ängstlichkeit beigemischt. Sie schaut planlos umher und faßt ihre Handtasche an. Ein älteres Fahrrad, das an einer Hauswand lehnt, zeigt seine vollständige Verlassenheit. In einzelnen Wohnungen wird Licht gelöscht. Immer klarer tritt die nasse Schwärze des Abends hervor. Ein Blitz taucht die Gegend für Sekunden in eine matte Bläue. Die Japanerin holt einen kleinen Kalender aus ihrer Handtasche; sie öffnet ihn und hält ihn sich vor das Gesicht. Ich kann erkennen, daß sie den U-Bahn-Plan einer japanischen Stadt betrachtet. Den beiden anderen Frauen wird die Lage deutlich unangenehm. Ich kann nicht hören, was sie zu ihren Begleitern sagen, aber sie scheinen nicht länger hierbleiben zu wollen. Die Rinnsale ringsum werden breiter; schon führen sie Dreck und kleine Abfälle mit sich. In der Mitte, wo sich der Platz leicht absenkt, rinnen die Wasserläufe zusammen und können doch nicht rasch genug abfließen. In der Ferne ist das Tönen eines Feuerwehrautos zu hören. Weit und breit ist jetzt kein einziger Spaziergänger mehr zu sehen. Die Japanerin hat bemerkt, daß ich ihr beim Betrachten des U-Bahn-Planes zugeschaut habe. Im Augenblick, als sie aufsah, bildete sich auf ihren Armen Gänsehaut. Der Regen wird stärker. Die Verbindung zum Café hinüber scheint abgerissen. Die Leute unter dem Zeltdach schauen sich an. Die Japanerin spielt mit zwei unbeschriebenen Ansichtskarten. Die Frauen beginnen zu frösteln und schauen wieder zum Zeltdach. Wir sind alle nur sommerlich gekleidet. Es ist fast aussichtslos geworden, plötzlich aufzustehen und loszurennen. Und es ist ebenso aussichtslos geworden, sitzen zu bleiben und zu warten, bis der Schirm zusammenbricht oder von einer Windbö umgestoßen wird. Wieder geht ein Blitz nieder. Das Gewitter ist genau über der Stadt. Im Augenblick des Blitzes hat die Japanerin die Augen etwas weiter geöffnet. Ich sah schöne runde Kugeln ohne sichtbare Iris. Mit vierzehn oder fünfzehn sehnte ich mich danach, ein Nachbarmädchen aus einem brennenden Haus retten zu dürfen. Meine Vorstellung setzte jedesmal mit einem hell und knisternd in Flammen stehenden Haus ein. Das Mädchen schlief im dritten oder vierten Stock und wußte nichts von der Gefahr, in der es sich befand. Die anderen Hausbewohner hatten sich schon in Sicherheit bringen können. Jetzt standen sie auf der Straße und debattierten. Da komme ich herbei, dringe in das Haus ein, rase die Stockwerke hoch und trage wenig später das schlafende Mädchen unversehrt auf die Straße. Drüben, vom Café aus, schauen ein paar Leute zu uns herüber. Mein Hemd wird ein wenig klamm. Jetzt bilden sich auch unterhalb des Zeltdachs kleine Rinnsale. Immer noch schön ist das Wegspritzen von zu groß geratenen Regentropfen vom Rand des Schirms. Sie zerplatzen und bringen sekundenschnell Reflexe aus Licht und Wasser hervor. Niemand rührt sich, alle blicken umher. Ich sehe, daß die Japanerin um ihre zierlichen Stoffschuhe besorgt ist. Sie hat ihre Füße auf einem Stuhl aufgestellt. Zum zweiten Mal überlege ich, wo ich die Japanerin hintragen werde, wenn die Flut erst richtig einsetzt. Ihr Kleid ist aus Seide und darf niemals naß werden. Ich werde sie auf die Arme nehmen und meine leichte Jacke über ihr ausbreiten. Die meisten Haustüren ringsum sind wahrscheinlich schon abgeschlossen. Inzwischen zweifle ich, ob meine Jacke diesem Regen standhalten kann. Ich bin jetzt sicher, daß die Japanerin auch von mir errettet werden möchte. In der Art, wie sie ihre kleinen Füße bewegt, als wären sie bittende Hände, habe ich den Rettungsauftrag erblicken können. Drüben, an der Hauswand, rinnt das Wasser sturzbachartig an den Plakaten herunter. Die darauf abgebildeten Gesichter sind kaum noch zu erkennen. Der junge Mann neben mir streichelt seiner Begleiterin die Hände; zwischendurch kratzt er vorsichtig den Lack von ihren Nägeln herunter. Um die Japanerin vor den Fluten wirklich schützen zu können, werde ich zuerst den jungen Mann überwältigen und ihn seines Mantels berauben müssen. Dieser Mantel ist dicht genug, den Regen abzuhalten. Nach der Rettung werde ich ihm den Mantel zurückbringen. Während meiner Überlegungen hat der Regen nachgelassen. Mit der gleichen Plötzlichkeit, mit der er stark geworden ist, verwandelt er sich jetzt zurück in ein weiches Getröpfel. Die Frauen atmen auf, die Männer sind erleichtert. Die Japanerin schaut auf ihre trocken gebliebenen Schuhe. Der Kellner kommt wieder zu uns herüber und will neue Bestellungen aufnehmen. Aber die meisten Gäste zahlen nur und gehen rasch. Auch die Japanerin möchte gehen. Aus ihrer Handtasche holt sie einen winzigen Geldbeutel heraus und öffnet ihn. Der Kellner sagt, daß sie dreifünfzig zu zahlen hat, aber sie versteht seine Worte nicht. Noch einmal nennt der Kellner den Betrag. Die Japanerin wird verlegen und schaut weg. Dann hält sie mir ihren geöffneten Geldbeutel hin. Ich entnehme den verlangten Betrag und lege das Geld auf den Tisch. Die Japanerin errötet und erhebt sich. Sie kreuzt die Arme über den Brüsten, verbeugt sich kurz vor mir und geht schnell weg.

 

 

 

2

 

Leider habe ich meinen Kreisel verloren oder irgendwo liegenlassen. Es ist mir unerklärlich, wie das geschehen konnte. Der Kreisel hatte eine vergleichsweise lange Mittelachse und einen breiten hölzernen Körper. Aufgrund dieser Konstruktion hatte er eine überproportionale Schwerkraft und beschrieb, wenn ich ihn auf einem Tisch kreiseln ließ, knappe enge Ellipsen. Ich hatte den Kreisel auf einem Weinfest im Rheingau gekauft. Ich hielt ihn kurz in der Hand und wußte sofort, daß ich ihn künftig in meiner Jackentasche herumtragen wollte. Schon wenig später, als ich mich niedersetzte und ein Glas Wein bestellte, holte ich den Kreisel hervor und ließ ihn auf den Tisch springen. Ein mäkelndes Kind verfiel daraufhin sofort in ein schönes staunendes Schweigen. Ich mußte der Mutter erklären, wo es dieses unscheinbare Spielzeug zu kaufen gab. Seither trug ich den Kreisel fast jeden Tag bei mir. Leider habe ich den Verlust erst vor einer halben Stunde bemerkt. Ich stellte die paar Sachen, die ich unterwegs eingekauft hatte, in der Küche ab, griff in meine Jackentasche und fand ihn nicht mehr. Ich erinnere mich, daß ich mir unterwegs einmal die Nase geputzt habe. Vielleicht hat sich der Kreisel in mein Taschentuch verwickelt und ist, als ich das Tuch aus der Tasche zog, auf die Straße gefallen. Natürlich möchte ich meinen Kreisel wiederhaben. Am besten wird sein, ich gehe dieselben Straßen noch einmal, die ich beim Heimweg schon gegangen bin.

 

Aber in welchen Straßen bin ich gelaufen, in welchen nicht!? Bei meiner Art des Umhergehens lassen sich zurückgelegte Wege nicht einfach erinnern. Ich nenne dieses Umhergehen manchmal auch Zotteln oder Zockeln. Diese Worte bedeuten, daß ich oft stehenbleibe oder scheinbar warte. Es gefällt mir, wenn dabei die Zeit in lauter kleine Splitter zerfällt, die ich einzeln anschauen kann. Früher habe ich genau wissen wollen, was dieses Umhergehen und Zeitverschwenden bedeuten soll; zum Glück sind solche Begründungen heute unwichtig geworden. Ich komme an dem Fischgeschäft in der Martin-Luther-Straße vorbei, aber das besagt nicht viel. Denn das Schaufenster dieses Fischgeschäfts betrachte ich so gut wie jeden Tag. Im Vordergrund sind immer ein paar Fische ausgelegt; sie sind von vielen kleinen Eisbröckchen umgeben, sie sind glatt, sie schimmern und sie haben eine schöne Haut. Daß sie tot sind, macht mir ausnahmsweise nicht viel aus, denn Fische sind die den Menschen am wenigsten ähnliche Tiere. Sie haben keine Beine, keine Arme, keine Hände, keine Finger, nicht einmal Haare haben sie. Schon die toten Hühner, die eine Straße weiter im Schaufenster eines Geflügelhändlers liegen, verursachen mir eine leichte Übelkeit, weil sie Beine haben, die, wenn auch nur ganz entfernt, an die Beine von Menschen erinnern.

 

Wieder zuckt mein rechtes unteres Augenlid. Es ist eine harmlose nervöse Störung, die in großen Abständen mein rechtes Auge überfällt. Obwohl mich das Zucken irritiert, gefällt es mir auch. Denn in den Augenblicken, wenn das Lid zuckt, wackelt mein Blick und mit ihm die Welt, die ich sehe. Es dauert nie lange, dann verschwindet das Zucken, und ich sehe wieder normal. Darüber bin ich beruhigt; und doch warte ich auf das nächste Zucken.

 

Ich schaue aufmerksam in Rinnsteine, unter geparkte Autos und auf die Fenstersimse von Erdgeschoßwohnungen, wo manchmal etwas zum Wiederfinden in Augenhöhe bereit liegt. Vor mir läuft ein junges Ausländermädchen mit seiner Mutter. Das deutsch sprechende Mädchen versucht, der Mutter den Unterschied zwischen den Ausdrücken ‹Is was?› und ‹Iß was!› zu erklären, aber die Mutter ist nur wenig interessiert. Die schwere Frau stapft dahin und blickt auf den Boden. Wieder erklärt die Tochter, daß ‹Is was?› die Kurzform von ‹Ist etwas los?› oder ‹Ist hier etwas passiert?› ist. Das Mädchen bleibt jetzt sogar stehen und sagt: Du kannst fragen: Ist hier etwas los? Oder, wenn du keine Zeit hast, kannst du fragen: Is was? Du kannst aber nicht fragen: Esst etwas los? Verstehst du? Und du kannst erst recht nicht sagen: Esst hier etwas los? Dann lachen die Deutschen über dich, wenn du das sagst. Die Mutter bleibt zwar auch stehen, aber ihre Aufmerksamkeit wird kaum größer. Ein paar Tauben trippeln heran und umkreisen Mutter und Tochter; es sieht aus, als wollten die Vögel betteln. Mir gefällt das Bild der Vögel, die Menschen fast hilfesuchend belagern. Wieder frappiert mich das neuartige Anbändeln zwischen Menschen und Tieren, das offenbar nur in Städten möglich ist. Insgeheim warte ich darauf, daß die Tauben eines Tages in die U-Bahn einsteigen und zwei oder drei Stationen mitfahren, weil sie herausgefunden haben, daß U-Bahn-Fahren nicht so beschwerlich ist wie Fliegen. Und die Menschen werden sich nicht darüber wundern, wenn neben ihnen Eichhörnchen oder Igel sitzen. Jetzt weist die Mutter alle weiteren Belehrungen der Tochter zurück und geht schwankend weiter. Die Tochter schweigt sofort und geht folgsam neben der Mutter her. Sie bemerken nicht die Tauben in ihrer Nähe. Und sie bemerken erst recht nicht, daß ich, allerdings in gehörigem Abstand, das Bild dieser seltsamen Eintracht so sehr schätze, daß ich meinen verlorenen Kreisel für den Augenblick vergesse.

 

Aber da, an der Ecke, am Rand eines schmalen Vorgartens, sehe ich eine Aktentasche liegen. Es ist ein altes, ziemlich mitgenommenes Ding mit einem einfachen Schnappverschluß. Vermutlich liegt sie nur deshalb noch da, weil sie so alt ist. Schräg gegenüber befindet sich ein mittelgroßes Café, das ich sonst kaum aufsuche. Aber um eine Aktentasche aus dem Verborgenen zu betrachten, ist das Café geeignet. Ich möchte sehen, ob der Besitzer der Tasche zurückkehrt und ob er genau so alt ist wie seine Tasche. Das Café besteht aus einem einfachen, bieder eingerichteten Raum mit einer matt erleuchteten Theke. Ich suche mir einen Platz in der Nähe des Fensters. Eben gehen zwei ältere Leute weg. Sie haben nicht bemerkt, daß sie die Tischdecke halb vom Tisch heruntergezogen haben; die Bedienung muß sie wieder ordentlich ausbreiten. Sie tut dies offenkundig seit langer Zeit und inzwischen ohne Verwunderung. Von meinem Fensterplatz aus habe ich einen guten Blick auf die Aktentasche. Schon nach kurzer Zeit merke ich, ich habe das Café unterschätzt. Es gibt Einzelheiten, die ich hier nicht erwartet hätte. Zum Beispiel sehe ich den Rücken einer Frau, die ihren Pullover falsch herum trägt. Das kleine rechteckige Markenzeichen des Pullovers sitzt außen: hinten, auf dem Rücken, oben am Hals. Im ersten Augenblick, kurz nach der Entdeckung, wollte ich die Frau sogleich auf ihr Mißgeschick aufmerksam machen. Aber dann blickte ich eine Weile auf das Zeichen und spürte, daß es mir von Minute zu Minute besser gefiel. Das Leben der Frau scheint zur Zeit so aufregend zu sein, daß sie auf solche Kleinigkeiten nicht achten kann. Sie spricht leidenschaftlich auf eine andere Frau ein, die an ihrem Tisch sitzt, und zieht dabei die Füße aus ihren Stöckelschuhen heraus. Ein paarmal stoßen unter dem Tisch die Ballen ihrer Zehen aufeinander, dann schlüpfen die Füße in die Schuhe zurück. Die andere Frau hört still zu, faßt sich mit der Hand in das Haar und zieht ein einzelnes Haar heraus; sie rollt es mit Daumen und Zeigefinger zu einem kleinen Bällchen zusammen und legt es auf den Tisch. Die lebhaft sprechende Frau beachtet das Haarbällchen nicht.

 

Endlich kommt die Bedienung zu mir. Winzige Tuscheklümpchen haften zwischen ihren Wimpern. Ich bestelle ein Getränk, das ich notfalls rasch trinken kann, falls sich draußen auf der Straße etwas ereignet, was ich aus der Nähe betrachten will. Hinter der Theke schaut die Bedienung schnell und heimlich in einen kleinen Taschenspiegel; sie verzieht dabei heftig die Lippen wie in der Hoffnung, ihr Mund könne dadurch plötzlich eine andere Form annehmen. Erst jetzt fällt mir eine alte Frau auf, die in der Nähe der Theke sitzt und ein Eis ißt. Ein paarmal denke ich den gleichen Satz: Das frische weiße Eis macht das Gesicht der Frau alt und mürbe. Bis ich bemerke, daß es umgekehrt ist: Die Lebendigkeit des Gesichts macht das Eis künstlich und falsch. Eine Weile schaue ich hin und vergleiche immer wieder die Echtheit des Gesichts mit der künstlichen Frische des Eises. Eben sehe ich, daß die Frau mit dem verkehrt angezogenen Pullover einen kleinen Zettel aus ihrer Handtasche holt und sich Notizen macht. Ich vermute, sie schreibt auf, was sie heute erledigen will. Die Frau winkt die Bedienung herbei und legt dabei ihren Geldbeutel auf den Tisch. Sie zieht eine leichte Jacke über, ohne sich vom Stuhl zu erheben. Auch ich zahle und ziehe meine Jacke an. Meine Absicht ist: Ich werde der Frau eine Weile folgen, bis sie ihre Besorgungen gemacht hat. Vielleicht wirft sie ihren Merkzettel danach weg. Dann werde ich ihn aufheben und lesen können, wie ihre Erledigungen in Schriftform zusammengefaßt aussehen. Leider hat sich bis jetzt niemand um die Aktentasche draußen gekümmert. Vielleicht werde ich morgen oder übermorgen noch einmal nach ihr schauen.

 

Der Abstand zwischen der Frau und mir beträgt etwa fünfundzwanzig bis dreißig Meter. Die Frau hält von Zeit zu Zeit inne, schaut auf ihren Zettel und denkt nach. Am liebsten würde ich neben ihr hergehen und schon jetzt ihre Stichworte lesen. Gern lese ich auch Texte, die Bettler auf Pappschilder schreiben. Obwohl es nicht einfach ist, vor einem auf der Straße sitzenden Mann stehenzubleiben und ruhig nachzulesen, warum er ein Bettler geworden ist. Die Scham, die sich während des Lesens einstellt, macht mich fast selbst zu einem Bettler. Die Frau geht jetzt so zögernd, fast trödelnd, daß ich Zeit habe, einer armen Alten zuzuschauen, die mit bloßen Händen in einem Abfallkorb wühlt. Drüben, auf der anderen Straßenseite, nimmt ein Schüler einen anderen in den Schwitzkasten. Ich mag nicht, ruft der Eingeklemmte. Ich mag allein, das ist deine Chance, antwortet der andere.

 

Ein Mann mit sehr roten Ohren geht vorüber. Ich könnte sagen: Seine Ohren sind so rot wie brennende Fackeln. Nein, das wäre übertrieben. Seine Ohren sind so rot wie Herbstblätter. Ja, Herbstblätter! Das ist das Wort.

 

Die Frau aus dem Café steht vor dem Schaufenster eines Textilgeschäfts. Sie betrachtet die Packungen von Damenstrümpfen, die am Boden des Schaufensters ausliegen. Heute endlich wird sich die Frau ein Paar neue Strümpfe kaufen! Das hat sie schon seit ein paar Tagen tun wollen, aber sie glaubte, nicht genügend Geld zu haben. Ich spiele mit den Münzen in meiner Hosentasche und ärgere mich ein wenig, daß ich das bißchen Geld, das ich habe, immer wieder ausgeben muß. Es schmerzt mich, daß mein Geld nie wirklich mir allein gehört, sondern immer zugleich auch den anderen, an die ich es früher oder später ausgeben muß. Deswegen habe ich zwei kleine Pistazien unter meine Münzen gemischt. Jedesmal wenn ich etwas bezahlen muß und die Münzen in der Hand liegen sehe, tröstet mich der Anblick der ebenfalls auf der Hand liegenden Pistazien. Nüsse sind als Zahlungsmittel nicht anerkannt, deshalb wandern sie immer wieder in meine Tasche zurück; sie werden mir erhalten bleiben. Vom vielen Anfassen und Herumspielen sind die Nüsse glatt und glänzend geworden wie zwei winzige Taschenmöbelstücke. Eben betritt die Frau das Textilgeschäft. Ich warte, in angemessener Entfernung, auf ihre Rückkehr.

 

Aus meiner linken Jackentasche ziehe ich einen Brief hervor, den ich fast immer bei mir trage. Der Briefumschlag ist zwar frankiert und adressiert, aber leer. Ich habe den Brief selbst frankiert und adressiert, und ich zeige ihn manchmal zum Schein, weil ich sehen möchte, wie die Phantasie von Menschen durch den Anblick eines Briefes in Gang kommt. Genau so, wie mich die einkaufende Frau beschäftigt, genauso fühlen sich andere Menschen vom Bild eines Briefes angeregt. Ich zeige und schwenke den Brief vage umher, und es dauert nicht lange, dann treibt sich in meiner Nähe eine junge Frau herum, die sich ebenso vage für den Brief interessiert. Natürlich treibt sie sich nicht herum, das ist das falsche Wort. Für dieses Warten und Zögern, Lauern und Schauen angesichts eines fremden Briefes gibt es noch kein Wort. Ich könnte vielleicht sagen: Die Frau briefelt. Sie wagt nicht, mich direkt anzuschauen. Ich glaube, mein Brief hat sie daran erinnert, daß sie selbst seit längerer Zeit einen Brief bekommen möchte. Sie sieht ein wenig ungeduldig aus; es könnte sein, daß sie beides will: einen Brief erhalten und selber einen Brief schreiben.

 

 

 

 

 

 

Wir wollen übers Land fahren, über die Grenzen hinaus.Banane Rattegiggl Friedrich der Strumpf we.einmal

Draußen sehe ich, daß sich der Mann an der Straßenbahnhaltestelle erhoben hat. Er wankt ein bißchen, er klopft sich die Kleider ab und kratzt sich. Wollen wir übers Land fahren, über die Grenzen hinaus? Am liebsten möchte ich ihn fragen, ob ihn das Geräusch der reißenden Zeitungsseiten geweckt hat, aber es ist deutlich, daß der Mann nichts mehr gefragt werden möchte. Ich gehe nach links, weil ich dort eine Mutter mit einem kleinen Kind sehe. Das Kind rennt der Mutter immer wieder voraus und versteckt sich in Hauseingängen. Und wenn die Mutter an ihrem versteckten Kind vorbeigeht, springt das Kind mit einem knappen Schrei hervor und freut sich am gespielten Schreck der Mutter. Die Mutter sagt nicht: Hast du mich erschreckt! Sie sagt: Hab ich mich erschrocken! Was ein wirklicher Schreck ist, soll das Kind noch nicht wissen. Noch eine Weile soll es glauben, daß der Schreck ein Spiel sei, gar ein Spiel zwischen Mutter und Kind. Schon rennt das Kind zur nächsten Schreck-Verabredung nach vorne und sucht sich ein neues Versteck. Aus Schreck darüber, daß das Kind eines Tages aus dieser Verabredung herausfallen wird, fasse ich in meine Jackentasche und suche nach dem Kreisel. Nein, ich will ihn doch wiederhaben! In meiner Jackentasche finde ich nur eine alte Kinokarte. Ich überhole die Mutter und das Kind und lese die Zeile, die auf der Kinokarte aufgedruckt ist: Aufbewahren und auf Verlangen vorzeigen. Seit Jahrzehnten kenne ich diesen nichtssagenden und wirklichkeitslosen Satz, seit Jahrzehnten lese ich ihn immer wieder, aber erst in diesem Augenblick elektrisiert er mich. Ich schaue auf die Mutter und das Kind, ich schaue auf den Mann, der tapsige Schritte macht, ich sehe nach meinem Kreisel, der auch hier nicht herumliegt, ich erinnere mich an das lebendige Gesicht der Eis essenden Frau, ich halte kurz meinen Scheinbrief in der Hand und bin in diesem Augenblick ganz sicher, was der Satz auf der Kinokarte bedeutet: Wir sollen uns aufbewahren und uns auf Verlangen vorzeigen.