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Buch

Herkömmliche Geschichtsbücher begnügen sich meist damit, wichtige politische Ereignisse chronologisch darzustellen. Was sie dagegen auslassen, ist das, was die Menschen abseits der Politik bewegt: Welche Bücher, welche Musik, welche Mode sind gerade »in«? Auch das gehört zur Geschichte. Außerdem werden die Ereignisse meist isoliert voneinander betrachtet und keine Zusammenhänge hergestellt. Oder wussten Sie, dass das Brettspiel »Mensch ärgere dich nicht« in Deutschland herauskam, während in Russland eine verheerende Cholera-Epidemie wütete? Dass die Beatles mit ihrem Song »I want to hold your hand« berühmt wurden und im selben Jahr die deutsche Bundesliga entstand? Dass Schlaghosen gerade in Mode kamen, als das allererste Handygespräch geführt wurde?

Wann war was? will Geschichte nicht nur anschaulich, verständlich und unterhaltsam machen, sondern auch besonders übersichtlich darstellen: Auf einen Blick finden Sie alle zeitgleichen Ereignisse aus den Bereichen Politik & Wirtschaft, Kunst & Kultur, Wissenschaft & Technik und Alltag & Verschiedenes von 1700 bis heute. So macht Geschichte endlich Spaß!

Autor

Martin Tzschaschel, Jahrgang 1954, schreibt als leitender Redakteur beim Wissensmagazin P.M. über medizinische und psychologische Themen und ist Autor der Bücher Wie war das noch? Schulwissen, neu aufpoliert und Die Kraft der inneren Bilder nutzen: Seelische und körperliche Gesundheit durch Imagination.

Von Martin Tzschaschel außerdem im Programm:

Wie war das noch? Schulwissen, neu aufpoliert (auch als E-Book erhältlich)

Martin Tzschaschel

Wann war was?

Geschichtswissen auf einen Blick

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1. Auflage

Deutsche Originalausgabe Oktober 2014

Wilhelm Goldmann Verlag, München,

in der Verlagsgruppe Random House GmbH

Copyright © 2014 Wilhelm Goldmann Verlag, München,

in der Verlagsgruppe Random House GmbH,
Neumarkter Str. 28, 81673 München.

Umschlaggestaltung: Uno Werbeagentur, München

Umschlagillustration: FinePic®, München

Redaktion: Florian Oppermann

Satz und Layout: Buch-Werkstatt GmbH, Bad Aibling / Kim Winzen

KW · Herstellung: IH

ISBN 978-3-641-13106-7
V002

www.goldmann-verlag.de

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Inhalt

Vorwort: Drei Jahrhunderte auf dreihundert Seiten – geht das?

1700–1799

Das 18. Jahrhundert: Aufbruch in die neue Welt der Industrie

Tod dem König, alle Macht dem Volk: Die Französische Revolution

1800–1899

Das 19. Jahrhundert: Aufbruch zur Eroberung fremder Länder

Freiheit statt Obrigkeit: Die deutsche Revolution von 1848

Rückständige Südstaaten gegen den Norden: Der amerikanische Bürgerkrieg

Kleine Staaten verbünden sich zur großen Nation: Das Deutsche Reich

1900–1999

Das 20. Jahrhundert: Aufbruch zu verhängnisvollen Kriegen

Verhängnisvolle Illusionen: Deutschlands Weg in den Ersten Weltkrieg

Mit dem Börsencrash beginnt das Unheil: Die Weltwirtschaftskrise

Die Demokratie schafft sich selber ab: Deutschland als NS-Staat

Unendliches Leid und Millionen Tote: Der Zweite Weltkrieg

Aus Verbündeten werden Gegner: Der Kalte Krieg

Auflehnung gegen das Bürgertum: Die Studentenrevolte

Befreiung nach vier Jahrzehnten: Der Mauerfall

Grenzenlose Kommunikation für alle: Das Internet

2000–2013

Das 21. Jahrhundert: Aufbruch in die digitale Welt

Der Tag, an dem die Angst kam: Der 11. September 2001

Tschernobyl und Fukushima: Die Gefahren der Atomkraft

Dank

Personenregister

Sachregister

Vorwort

Drei Jahrhunderte auf dreihundert Seiten – geht das?

Ein einziges historisches Ereignis kann Stoff für viele Bücher liefern. Auf den folgenden Seiten geschieht genau das Gegenteil: Das Geschehen der vergangenen drei Jahrhunderte bis zur Gegenwart ist in einem einzigen Taschenbuch zusammengefasst.

Wer das Weltgeschehen vieler Jahre auf knapp bemessenem Raum unterbringen will, muss zwangsläufig eine Auswahl treffen. Was war früher besonders wichtig – und was weniger? Als Autor dieses Buchs habe ich die Frage so beantwortet: Es sind nicht immer die vermeintlich bedeutenden historischen Begebenheiten, sondern auch weniger wichtige Ereignisse, die aber viele Menschen bewegt haben.

Ein Beispiel: das Jahr 1956. Unerwähnt bleiben einige Staatsbesuche, manches Abkommen und die Suezkrise – während die Tatsache erwähnt wird, dass in den USA eine schwarze Studentin von Weißen daran gehindert wird, die Universität zu besuchen. Auch eine Promi-Hochzeit und die Ausstrahlung des ersten Werbefilms im deutschen Fernsehen kommen vor.

Dieses Buch soll einen Überblick über alle wichtigen Ereignisse der letzten drei Jahrhunderte geben – verständlich, übersichtlich und schnell zu erfassen. Eine große Rolle spielt dabei der ganz normale Alltag, eben das, was die Menschen am meisten beschäftigt und beeinflusst hat. Der geografische Schwerpunkt der Themen liegt in Deutschland und Europa, auch viele Geschehnisse in den USA wurden ausgewählt. Andere Kontinente spielen vor allem dann eine Rolle, wenn hier etwas geschah, was auch die übrige Welt bewegte.

Jedes Jahrzehnt bzw. Jahr ist in vier Rubriken unterteilt:

Icon1.eps Politik & Wirtschaft

Icon2.eps Kunst & Kultur

Icon3.eps Wissenschaft & Technik

Icon4.eps Alltag & Verschiedenes

Diese Themenmischung macht das Buch nicht nur übersichtlich – sie sorgt dafür, dass auch Geschichtskenner auf den folgenden Seiten immer wieder auf Neues stoßen werden.

Ich wünsche Ihnen beim Lesen und Entdecken viel Vergnügen!

Martin Tzschaschel

1700–1799

Das 18. Jahrhundert: Aufbruch in die neue Welt der Industrie

In den Jahren nach 1700 leben mehr als 80 Prozent der Europäer auf dem Land. Sie dienen meist reichen Herren, von denen vor allem der französische König so viel Macht und Einfluss hat wie niemand sonst: Er bestimmt den Stil der Kunst und der Mode, und mit seinen Prunkbauten ist er Vorbild für die Fürsten zahlreicher europäischer Kleinstaaten. Davon gibt es allein im zerstückelten Deutschland mehr als 300.

Der Engländer James Cook erweitert den Horizont, indem er die Erde mit dem Segelschiff umrundet, Denker wie Voltaire und Diderot erweitern ihn geistig: Ihre Ideen der Aufklärung bilden den Boden für die Französische Revolution, mit der 1789 die Allmacht des Königs endet.

Der Landbevölkerung geht es damit aber nicht automatisch besser. In England erkennen die Adeligen, dass die Haltung von großen Schafherden profitabler ist als die Landwirtschaft – weshalb viele Bauern vertrieben werden und in die Städte ziehen müssen. Dort verdienen sie ihr Geld als Tagelöhner an den neuen Web- und Spinnmaschinen, mit denen die Wolle der Schafe zu Textilien verarbeitet wird. Die Industrielle Revolution hat begonnen, und der Kapitalismus zeigt sein Gesicht.

1700–1709

Icon1.eps Politik & Wirtschaft

Mehr Krieg als Frieden in Europa. Als der kinderlose spanische König Karl II. (Carlos) im November 1700 mit 38 Jahren stirbt, kämpfen im Spanischen Erbfolgekrieg Frankreich, England, Österreich und andere um die Nachfolge. Neuer König wird Philipp V. (Felipe); der 16-Jährige ist ein Enkel des berühmten französischen Königs Ludwig IV.

Im Großen Nordischen Krieg geht es um die Vorherrschaft an der Ostsee. Die Hauptgegner Russland und Schweden bekämpfen sich über 20 Jahre lang – mit zahlreichen Eroberungen und Rückeroberungen auf beiden Seiten. Immerhin bringt dieser Krieg eine städtebauliche Großtat hervor: Als Festung gegen die Schweden und als »Fenster zum Westen« gründet Zar Peter I. (30) im Jahr 1703 die Stadt Sankt Petersburg.

Etwas Neues entsteht auch in Westeuropa: 1707 wird durch die Vereinigung Englands und Schottlands das Königreich Großbritannien gegründet.

Icon2.eps Kunst & Kultur

1704 stirbt der englische Philosoph John Locke (72). Er gilt als Vordenker der Aufklärung und als »Vater des Liberalismus«. Eine seiner revolutionären Ideen lautet: Eine Regierung hat nur dann eine Daseinsberechtigung, wenn sie die Zustimmung der Regierten besitzt.

Der Barock-Komponist Georg Friedrich Händel begeistert auf einer mehrjährigen Studienreise durch Italien das Publikum mit seinen ersten großen Werken. Besonderes Aufsehen erregt der 23-Jährige, als er 1708 bei einem öffentlichen Klavier- und Orgelwettstreit in Rom seinen einheimischen Kollegen Domenico Scarlatti besiegt.

Stoff für den Roman Robinson Crusoe ( 1719) liefert 1709 der schottische Seemann Alexander Selkirk (33), der nach fast fünfjährigem Aufenthalt auf einer unbewohnten Insel geborgen wird.

Icon3.eps Wissenschaft & Technik

Da man um 1700 noch keine Straßenbeleuchtung kennt, hängen Bürger in einigen Städten gusseiserne Körbe auf, in denen Hautfett von Tieren verbrannt wird. 1705 gibt es in München 40 solcher Pechpfannen – der größte Teil der Stadt versinkt nachts im Dunkeln.

Im niederländischen Delft beginnen 1705 Wetteraufzeichnungen. Angaben wie Temperatur, Luftdruck und Niederschlag werden von nun an regelmäßig gemessen und notiert.

Hoch hinauf blickt im selben Jahr der englische Astronom Edmond Halley (48): Er weist nach, dass der nach ihm benannte Komet etwa alle 76 Jahre in Erdnähe kommt. (In unserer Zeit zuletzt 1986.)

In Meißen gelingt es 1708 erstmals in Europa, das in China seit Langem bekannte Porzellan zu erzeugen. Das Meißner Porzellan wird zum Exportschlager.

Dass keineswegs alle Wissenschaftler auf dem Weg in die Moderne sind, zeigen die vergeblichen Versuche von Chemikern, Wasser in Erde umzuwandeln.

Icon4.eps Alltag & Verschiedenes

Europa erlebt zwischen 1708 und 1709 einen extrem harten Winter. Der Gardasee friert komplett zu, in Trier dauert der Nachtfrost bis Anfang Juli. Die anschließende Dürre führt in vielen Teilen Europas zu einer Hungersnot. Am französischen Hof in Versailles hungert zwar niemand, aber an der königlichen Tafel friert das Trinkwasser ein. Als Hauptursache für die Kältewelle wird die Verdunkelung der Sonne durch Vulkanasche angenommen.

Ganz andere Sorgen haben Menschen im westlichen Afrika, wo der Sklavenhandel ein bedeutender Wirtschaftszweig ist. Alljährlich werden hier regelrechte Menschenjagden abgehalten, denen Bewohner der jeweiligen Nachbardörfer zum Opfer fallen. Sie werden verschleppt und an arabische oder europäische Händler verkauft.

1710–1719

Icon1.eps Politik & Wirtschaft

Der Spanische Erbfolgekrieg ( 1701), in den mehrere europäische Länder verwickelt sind, endet 1713 mit einem Friedensvertrag (Friede von Utrecht). Großbritannien sieht sich als Gewinner.

In Frankreich stirbt 1715 nach 50-jähriger Herrschaft Ludwig XIV. (76), wegen seines prunkvollen Hofstaates »Sonnenkönig« genannt. Da seine Söhne und Enkel schon gestorben sind, wird sein Urenkel neuer König – im Alter von fünf Jahren.

Auch in Preußen gibt es einen Machtwechsel: König Friedrich Wilhelm I. (24) übernimmt 1713 das Zepter – und verbietet gleich in seinem ersten Regierungsjahr die Zeitungen. Freundlicher verhält er sich gegenüber Russlands Zar Peter I. Von ihm hat er »Lange Kerls« bekommen, Soldaten mit dem Gardemaß von über 1,80 Meter. »Peter der Große« misst selbst über zwei Meter. Gegengabe ist das legendäre Bernsteinzimmer (seit dem Zweiten Weltkrieg verschollen).

Der 46-jährige Zar gibt sich zwar kunstsinnig, handelt aber brutal: Als sein Sohn Alexei (28) sich 1718 Reformen widersetzt, lässt er ihn zu Tode foltern.

Icon2.eps Kunst & Kultur

1711 wird die Stimmgabel erfunden, mit deren Hilfe man Musikinstrumente auf eine einheitliche Tonhöhe stimmen kann.

Hilfreich ist dies drei Jahre später, bei einer Lustfahrt des britischen Königs auf der Themse. Auf Begleitbooten fahren Orchestermusiker mit und spielen zum ersten Mal die »Wassermusik« von Georg Friedrich Händel (29).

1719 erscheint Robinson Crusoe von Daniel Defoe (59), der als erster englischer Roman gilt und Vorbild für viele andere Abenteuerromane wird. Er handelt von den Erlebnissen eines Schiffbrüchigen, der 28 Jahre lang auf einer einsamen Insel lebt.

Icon3.eps Wissenschaft & Technik

Der deutsche Verwaltungsfachmann Hans Carl von Carlowitz (67) beschreibt 1713 als Erster das Prinzip der Nachhaltigkeit: Er bezeichnet die Forstwirtschaft als nachhaltig, wenn in einem Wald nicht mehr Holz gefällt wird, als jeweils nachwachsen kann.

1716 stirbt der Universalgelehrte Gottfried Wilhelm Leibniz (70). Er hat unter anderem das binäre Zahlensystem entwickelt, mit dem jede Zahl durch die Ziffern 1 und 0 dargestellt wird – die mathematische Grundlage für spätere Rechenmaschinen und für die moderne Digitaltechnik.

Lediglich den Anschein genialer Technik erweckt das Perpetuum mobile, eine Maschine, die Arbeit verrichten soll, ohne Energie zu verbrauchen (was physikalisch unmöglich ist). In der Zeit des Barock sind Versuche mit solchen Geräten sehr beliebt. Auch der berühmte Architekt Andreas Schlüter, der das Bernsteinzimmer entworfen hat, bemüht sich darum.

Icon4.eps Alltag & Verschiedenes

Krankheiten und Naturgewalten fordern ihre Opfer. Im nördlichen Europa wütet 1710 die letzte große Pest-Epidemie. Komplette Dörfer stehen anschließend leer und verfallen, in Ostpreußen stirbt ein Drittel der Bevölkerung, mehr als 200000 Menschen.

Das Zeitalter der Aufklärung macht sich in England dadurch bemerkbar, dass 1712 die letzten Hexenhinrichtungen vollstreckt werden. Preußen entschließt sich zwei Jahre später zur Aufhebung der Hexenprozesse.

Der in der Barockzeit auch bei Männern geschätzte Zopf hält 1713 in der preußischen Armee Einzug.

1717 führt Preußen die Schulpflicht ein – aber es fehlt an Lehrern. Am Ende desselben Jahres ertrinken in der sogenannten Weihnachtsflut an der deutschen Nordseeküste mehr als 11000 Menschen.

1720–1729

Icon1.eps Politik & Wirtschaft

Der Große Nordische Krieg ( 1700), in dem Finnland 16 Prozent seiner Bevölkerung verliert, geht 1721 endgültig zu Ende. Schweden verliert nach mehreren Niederlagen seine Rolle als Großmacht.

Umso mächtiger wird dagegen der russische Zar Peter der Große (49), der sich gleich selbst zum Kaiser ernennt. Sein offizieller Titel besteht aus 76 Wörtern und beginnt mit »Von Gottes Gnaden « Um Russland zu einem modernen, westlich orientierten Staat zu machen, bringt der Zarenkaiser zahlreiche Reformen auf den Weg. Unter anderem belegt er die in seinen Augen rückständigen Gläubigen mit einer Bartsteuer. Als er 1725 stirbt, besteigt zunächst seine Frau Katharina (41) den Thron und nach ihrem Tod 1727 der zwölfjährige Enkel Peter II.

In Potsdam gründet der preußische König Friedrich Wilhelm I. im Jahr 1724 das Große Militärwaisenhaus. Es dient als Fürsorge-Einrichtung für Kinder von Soldaten. Die Zöglinge werden allerdings militärisch gedrillt und als Arbeitskräfte »vermietet«.

Icon2.eps Kunst & Kultur

Der französische Maler Jean-Antoine Watteau, der durch seine heiteren Rokoko-Bilder bekannt wurde, stirbt 1721 mit 36 Jahren an Tuberkulose.

Johann Sebastian Bach (38), der (heute) als bedeutendster Komponist der Barockzeit gilt, erhält 1723 in Leipzig die wichtige Stelle des Thomaskantors. Er ist aber nur zweite Wahl: Der prominentere Georg Philipp Telemann (42) hat zuvor den Posten abgelehnt.

In Europa ist die italienische Oper besonders beliebt, die meist im höfischen Milieu spielt. Umso mehr Aufsehen erregen John Gay (42) und Johann Pepusch (61), als sie 1728 in London die satirische Bettleroper aufführen: Die Hauptpersonen sind Huren und Gangster.

Icon3.eps Wissenschaft & Technik

1723 stirbt im ungewöhnlich hohen Alter von 90 Jahren der niederländische Naturforscher Antoni van Leeuwenhoek. Er hat Bakterien, Spermien sowie die roten Blutkörperchen entdeckt und gilt damit als Begründer der mikroskopischen Biologie.

Der englische Physiker und Mathematiker Isaac Newton (84) stirbt 1727. Mit seinem Gravitationsgesetz und den Bewegungsgesetzen legte er den Grundstein für die klassische Mechanik. Newton gilt als einer der bedeutendsten Wissenschaftler aller Zeiten.

Der französische Zahnarzt Pierre Fauchard (50) begründet 1728 die wissenschaftlich fundierte Zahnheilkunde. Er verdrängt damit das Handwerk des Baders, auch Zahnbrecher oder Zahnreißer genannt.

1729 erscheint in London der erste Sternatlas. Er enthält 2866 Sterne, die alle durch Beobachtungen mit Fernrohren nachgewiesen wurden.

Icon4.eps Alltag & Verschiedenes

Die Neujahrsflut 1721 trifft die Nordsee-Insel Helgoland so heftig, dass die Helgoländer Düne von der Hauptinsel abgetrennt wird.

1722 stirbt der aus Wales stammende Bartholomew Roberts (40), der letzte große Piratenkapitän, bei einem Seegefecht. Er kaperte im Atlantik mehr als 400 Schiffe. Sein Leichnam wird, wie er es selbst gewünscht hat, noch während des Kampfes mit allen Waffen und Schmuckstücken dem Meer übergeben. Seine Mannschaft gerät in Gefangenschaft.

Nicht nur die große Zeit der Piraterie endet. Aus Europa verschwindet 1722 endgültig die Pest. In Amerika wird 1727 von der einflussreichen Glaubensgemeinschaft der Quäker die Abschaffung der Sklaverei gefordert – noch ohne Erfolg. In China wird 1729 das Opiumrauchen verboten, das dort 80 Jahre zuvor in Mode kam.

1730–1739

Icon1.eps Politik & Wirtschaft

Preußens König Friedrich Wilhelm I. (42) zeigt sich 1730 von einer besonders grausamen Seite: Nach einem Fluchtversuch seines 18-jährigen Sohnes (später Friedrich der Große) lässt er dessen an der Aktion beteiligten Freund Hans Hermann von Katte (26) hinrichten. Um erzieherisch auf den Sohn einzuwirken, zwingt er ihn, bei der Exekution des Freundes zuzusehen.

Gnädiger verhält sich der »Soldatenkönig« (wegen seiner Liebe zur Armee so genannt) gegenüber den aus Salzburg vertriebenen Protestanten. 1732 erlaubt er ihnen, sich in Ostpreußen anzusiedeln. Eigennütziger Hintergrund: Das Siedlungsgebiet wurde zuvor durch die Pest entvölkert.1738 wird Joseph Süß Oppenheimer (39), Finanzberater des verstorbenen Herzogs von Württemberg, gehenkt, nachdem er sich bei den Landesbeamten unbeliebt gemacht hat. (Gut 200 Jahre später wird dieser Justizmord den Nationalsozialisten als Vorlage für den antisemitischen Propagandafilm Jud Süß dienen.)

Ein britischer Seefahrer zeigt 1739 im Londoner Parlament sein Ohr, das ihm angeblich die Spanier abgeschnitten haben. Großbritannien erklärt Spanien daraufhin den sogenannten Ohrenkrieg, der drei Jahre dauern wird.

Icon2.eps Kunst & Kultur

In Leipzig erscheint 1732 das erste enzyklopädische, also umfassende Musiklexikon. Autor ist der Organist und Komponist Johann Gottfried Walther (47).

Zwei der bedeutendsten Werke von Johann Sebastian Bach werden uraufgeführt, 1733 die h-Moll-Messe, 1734 das Weihnachtsoratorium.

1737 stirbt im Alter von fast 90 Jahren Antonio Stradivari, der berühmteste Geigenbaumeister aller Zeiten. Einige seiner Instrumente werden heute für mehrere Millionen Euro gehandelt.

Icon3.eps Wissenschaft & Technik

1732 erscheint der erste Band des Grossen vollständigen Universal-Lexicons Aller Wissenschafften und Künste. Es handelt sich um die umfangreichste Enzyklopädie des 18. Jahrhunderts. Sie wächst im Laufe der folgenden Jahre auf insgesamt 64 Bände an.

Eine wichtige Grundlage für das Verständnis der Elektrizität schafft 1733 der französische Naturforscher Charles Dufay (34) durch seine Unterscheidung zwischen positiver und negativer elektrischer Ladung.

Dem französischen Chirurgen Claudius Amyand (55) gelingt 1735 in London die erste erfolgreiche Blinddarmoperation.

Im selben Jahr veröffentlicht der 28-jährige schwedische Naturforscher Carl von Linné erstmalig seine Abhandlung Systema Naturae. Er begründet damit die bis heute geltende biologische Systematik zur Einteilung der verschiedenen Pflanzen- und Tierarten.

1736 stirbt der Physiker Daniel Gabriel Fahrenheit (50). Er war Erfinder der in Großbritannien und den USA noch heute geltenden Fahrenheit-Temperaturskala sowie des Quecksilberthermometers.

Icon4.eps Alltag & Verschiedenes

Die kanarische Insel Lanzarote erhält in den Jahren 1730 bis 1736 ihre gegenwärtige Gestalt, als hier mit heftigen Eruptionen zahlreiche neue Vulkane entstehen.

In England wird 1738 die religiöse Erweckungsbewegung der Methodisten gegründet. Da die anglikanischen Pfarrer den abtrünnigen Glaubensbrüdern die Kirchenräume verwehren, halten die neuen Gläubigen ihre Gottesdienste unter freiem Himmel ab.

Eine neue Errungenschaft eher weltlicher Art hat im gleichen Jahr im Schwarzwald ihren Anfang: Hier beginnt die Herstellung der Kuckucksuhren, die bald zu einem Wahrzeichen und Exportschlager dieser Region werden.

1740–1749

Icon1.eps Politik & Wirtschaft

Folgenreiche Veränderungen in europäischen Herrscherhäusern: Nach dem Tod des preußischen Königs Friedrich Wilhelm I. (51) wird 1740 sein Sohn Friedrich II. Nachfolger. Der 28-Jährige (später »der Große« oder »der Alte Fritz« genannt) schränkt die Anwendung der Folter ein, und die bis dahin geltende strenge Pressezensur kommentiert er mit dem Satz: »Die Gazetten dürfen nicht genieret (gestört) werden.«

In Wien wird 1740 nach dem Tod ihres Vaters Karl VI. die 23-jährige Maria Theresia Königin von Österreich. Bayern, Preußen, Sachsen und andere Staaten erheben ebenfalls Anspruch auf den Thron, was zum Österreichischen Erbfolgekrieg führt.

In Russland dreht sich ein rasantes Herrschafts-Karussell: Von 1725 bis 1741 sitzen nacheinander sechs Männer und Frauen auf dem Zarenthron. Wobei einer von ihnen, Iwan VI., noch gar nicht sitzen kann: Er ist erst zwei Monate alt.

Die Marquise de Pompadour (22) wird 1744 Mätresse des 34-jährigen französischen Königs Ludwig XV. Sie ist nicht nur Geliebte des Monarchen, sondern auch eine hochgebildete Frau mit großem politischen Einfluss.

Icon2.eps Kunst & Kultur

Preußenkönig Friedrich der Große liebt die Künste, vor allem die Musik; er spielt Querflöte und komponiert. Bei einer Begegnung 1747 mit Johann Sebastian Bach (62) spielt er diesem eine Tonfolge vor, die Bach zu seinem »Musikalischen Opfer« verarbeitet, einer Sammlung kurzer Musikstücke.

1742 wird Georg Friedrich Händels Oratorium Der Messias uraufgeführt. Beim Erklingen des »Halleluja« ist der englische König Georg II. so ergriffen, dass er sich erhebt – mit der Folge, dass auch in späteren Jahrhunderten viele Zuhörer diesem Chorsatz im Stehen lauschen.

Icon3.eps Wissenschaft & Technik

Der dänisch-russische Arktisforscher Vitus Bering (60) stirbt 1741 bei einer seiner Expeditionen, kurz nach Entdeckung der Aleuten und der Südküste Alaskas. Er wies nach, dass zwischen Amerika und Asien keine Landverbindung besteht.

Im Jahr darauf stirbt der schwedische Astronom Anders Celsius (42). Er hat die bekannte Temperaturskala eingeführt.

In seiner Abhandlung »Vom Geist der Gesetze« (1748) legt der französische Philosoph Montesquieu (59) einen bedeutenden Grundstein für ein aufgeklärtes, demokratisches Staatswesen. Kernstück ist die Gewaltenteilung zwischen Gesetzgebung, Verwaltung und Rechtsprechung, die voneinander möglichst unabhängig sein sollten.

Die Epoche der Aufklärung macht sich auch in anderen Bereichen bemerkbar. So wird in gebildeten Kreisen die Astrologie zunehmend als Aberglaube erkannt.

Icon4.eps Alltag & Verschiedenes

Die Städte Europas werden größer. Als erste deutsche Stadt durchbricht Berlin 1740 die 100000-Einwohner-Grenze und wird damit (nach heutigen Maßstäben) zur Großstadt.

In den Städten, vor allem aber an den Königshöfen, steigen vornehm gekleidete Menschen aus ihren Kutschen: Zum äußeren Erscheinungsbild der Damen gehören Reifrock, Schnürmieder und Schuhe mit hohen Absätzen, dazu im Gesicht ein Schönheits-Pflästerchen und in der gepuderten Hand ein Fächer. Bei den Herren sieht man Kniehose, Rock und Weste, Stock und Degen. Und über dem Zopf einen Dreispitz.

Im Islam (vor allem in den arabischen Ländern) gewinnt um 1740 eine Bewegung an Bedeutung, die vollzogene Reformen rückgängig machen will. Wein und andere Genussmittel sind danach tabu, Dieben soll die Hand abgehackt, Ehebrecherinnen sollen gesteinigt werden.

1750–1759

Icon1.eps Politik & Wirtschaft

Wieder einmal beherrschen Kriege ein Jahrzehnt. Britische Kriegsschiffe kapern 1755 im Handstreich 300 französische Handelsschiffe. Einige Monate zuvor begannen beide Länder, sich militärisch um die Macht in Europa zu streiten, aber auch um ihre Kolonien in Amerika (French and Indian War) und in Indien.

1756 versucht der preußische König Friedrich II. (44) mit dem Einmarsch seiner Truppen in Sachsen einem befürchteten Angriff durch Österreich, Russland, Frankreich und Sachsen zuvorzukommen. Daraus und aus der fortdauernden Auseinandersetzung zwischen Großbritannien und Frankreich entsteht der sogenannte Siebenjährige Krieg ( 1760–1769).

Icon2.eps Kunst & Kultur

1750 stirbt Johann Sebastian Bach (65), von seinen Zeitgenossen vor allem als Orgelvirtuose geschätzt. Seine überragende Bedeutung als Komponist wird erst viel später erkannt. Bachs gleichaltriger Kollege Georg Friedrich Händel, schon zu Lebzeiten berühmt und verehrt, stirbt 74-jährig 1759 in seiner Wahlheimat England.

1753 ist das Todesjahr von Gottfried Silbermann (70), einem der bedeutendsten und erfolgreichsten Orgelbauer aller Zeiten.

Nicht nur in der Welt der Musik geht die Barockzeit nun zu Ende: 1753 sterben zwei ihrer wichtigsten Baumeister, Balthasar Neumann (66), der die Würzburger Residenz gestaltet hat, und Georg Wenzeslaus von Knobelsdorff (54), Architekt der Schlösser Sanssouci und Charlottenburg.

Der 26-jährige Gotthold Ephraim Lessing veröffentlicht 1755 sein Theaterstück Miss Sara Sampson. Es handelt sich um das erste bürgerliche Trauerspiel in deutscher Sprache, eine Tragödie also, die nicht mehr – wie zuvor üblich – in der Welt des Adels angesiedelt ist.

Icon3.eps Wissenschaft & Technik

In Frankreich erscheint 1751 der erste Band der Encyclopédie: ein Nachschlagewerk für die gesamte Wissenschaft, das zum Sprachrohr der Aufklärung wird. Deren wichtigste Forderung ist die Herrschaft der Vernunft. Ihr soll mehr Geltung zukommen als etwa der Kirche oder dem Staat.

Eine eher am praktischen Nutzen ausgerichtete Erfindung gelingt dem amerikanischen Staatsmann und Wissenschaftler Benjamin Franklin (46): Er konstruiert 1752 den ersten Blitzableiter.

Dorothea Christiane Erxleben (38) besteht 1754 ihre Doktorprüfung und wird als erste promovierte Frau auch die erste Ärztin Deutschlands.

Die Zahnheilkunde macht ebenfalls Fortschritte: 1756 veröffentlicht der Zahnarzt Philipp Pfaff (43) hierzu das erste deutschsprachige Lehrbuch.

Carl von Linné (51) führt 1758 die zweiteilige Namensgebung für Tiere ein, zum Beispiel Ursus maritimus für Eisbär. Die Zahl der bekannten Tierarten beläuft sich zu dieser Zeit auf etwa 4000. (Zu Beginn des 21. Jahrhunderts werden es über eine Million sein.)

Icon4.eps Alltag & Verschiedenes

In der ausgehenden Barockzeit ist es modern, sich mit Porzellan im chinesischen Stil zu umgeben. Ein beliebter Gesellschaftstanz ist das aus Frankreich stammende Menuett.

Die größte europäische Stadt ist um 1750 London mit 750000 Einwohnern. Die Einwohnerzahl Berlins beträgt dagegen nur 100000.

Ein verheerendes Erdbeben mit Tsunami zerstört 1755 die portugiesische Hauptstadt Lissabon. Das Beben erschüttert ganz Europa – auch im übertragenen Sinne: Schriftsteller und Philosophen wie Kleist, Leibniz oder Kant befassen sich nun verstärkt mit dem Problem der Theodizee, also mit der Frage, warum Gott solches Leid zulässt.

1760–1769

Icon1.eps Politik & Wirtschaft

Auch wenn er nicht »Weltkrieg« heißt – der Siebenjährige Krieg ist einer: Preußen und England kämpfen gegen Russland, Frankreich und Österreich. Sogar in den Kolonien Indien und Kanada stehen sich Soldaten gegenüber. 1763 schließen die Gegner in Paris Frieden, Hauptgewinner ist England.

Eine deutsche Prinzessin (33) wird 1762 Kaiserin von Russland. Zarin Katharina II. (die Große) ist Nachfolgerin ihres unfähigen Ehemanns und macht Russland zur Großmacht. Sie gründet Mädchenschulen und Krankenhäuser, doch Bauern werden unter ihrer Herrschaft zeitweise wie Sklaven behandelt. Mit verschiedenen Ministern schläft sie, mit dem Franzosen Voltaire und anderen Philosophen verkehrt sie brieflich.

Da der Siebenjährige Krieg die Staatsfinanzen zerrüttet hat, führt Österreich 1762 Papiergeld ein. Die Bevölkerung bevorzugt aber vorerst die gewohnten Münzen.

Icon2.eps Kunst & Kultur

1762 fordert der französische Gelehrte Jean-Jacques Rousseau (49) die Freiheit und Gleichheit der Menschen. Grundlage für die Macht eines Herrschers sei nicht die Gnade Gottes, sondern ein »Vertrag« mit dem Volk. Dies sind grundlegende Gedanken der späteren Französischen Revolution ( 1789 sowie Schlaglicht 1789). Rousseau verurteilt auch die gekünstelte Höflichkeit am Königshof.

Der in Salzburg geborene Wolfgang Amadeus Mozart ist 1761 erst fünf Jahre alt, komponiert aber schon erste Stücke. Als Sechsjähriger (1762) tritt er vor Kaiserin Maria Theresia in Wien auf. 1764, mit acht Jahren, schreibt er seine erste Symphonie.

1767 wird in Hamburg die Komödie Minna von Barnhelm von Gotthold Ephraim Lessing aufgeführt. Es geht um die Liebe einer jungen Frau zu einem Soldaten.

Icon3.eps Wissenschaft & Technik

Das erste Geschichtsbuch: 1756 schreibt der französische Philosoph Voltaire den Versuch einer allgemeinen Weltgeschichte. Kernaussage: Die Menschheit hat sich von primitiver Barbarei zur Herrschaft der Vernunft entwickelt.

1764 erfindet der Engländer James Hargreaves die erste Spinnmaschine. Ein Jahr später baut sein Landsmann James Watt die erste zuverlässig funktionierende Dampfmaschine; sie wird zwar noch nicht industriell eingesetzt, aber die Grundlage für die industrielle Revolution ist mit diesen beiden Erfindungen gelegt.

Der britische Entdecker James Cook (40) startet 1769 zu seiner ersten Reise in die Südsee. Auf Tahiti studiert er das Leben der Eingeborenen, Neuseeland identifiziert er als Doppelinsel. Als erster Seefahrer erkennt er, wie man die gefürchtete Schiffskrankheit Skorbut vermeidet: Er lässt seine Mannschaft Sauerkraut und Zitronen essen.

Icon4.eps Alltag & Verschiedenes

Kartoffeln, in Irland längst ein Grundnahrungsmittel, verbreiten sich nun auch in Deutschland. Der preußische König Friedrich II. (der Große) hat angeordnet, sie als Nutzpflanzen anzubauen. Anfangs wissen viele Menschen nicht, dass man sie kochen muss, um sie essen zu können.

Die österreichische Kaiserin Maria Theresia geht streng gegen alles vor, was ihr unmoralisch erscheint: gegen Prostituierte und ihre Freier ebenso wie gegen Unverheiratete, die zusammenleben (1769). Huren werden die Haare abgeschnitten, »unzüchtige« Männer werden eingesperrt. Wer reich ist, kauft sich frei.

Immer ausladender werden die Reifröcke der vornehmen Damen: Als sich um 1760 ihre ovale Form durchsetzt, kommen die Frauen nur dann durch eine offene Flügeltür, wenn sie sich zur Seite drehen.

1770–1774

Icon1.eps Politik & Wirtschaft

Ein Putsch in Schweden richtet sich 1772 nicht gegen den Machthaber, sondern wird von ihm selbst ausgeführt: König Gustav III. lässt den Reichsrat im Sitzungssaal einschließen, um die Entmachtung des einflussreichen Adels zu erzwingen.

Bei der »Boston Tea Party« 1773 stürmen amerikanische Bürger im Hafen von Boston ein britisches Schiff und werfen dessen Teeladung ins Meer. Sie protestieren damit gegen die von der britischen Kolonialmacht erhobenen Steuern. Zahlreiche Auseinandersetzungen zwischen Amerikanern und Briten folgen.

In Frankreich wird 1774 Ludwig XVI. im Alter von 19 Jahren gekrönt, als letzter König des »Ancien Régime«, der absolutistischen Monarchie vor der Revolution ( 1789). Großen Einfluss gewinnt Marie Antoinette, die 18-jährige Ehefrau des Königs. Sie ist aufgrund ihrer Verschwendungssucht beim Volk unbeliebt. Die berühmte ihr zugeschriebene Äußerung, wenn das Volk kein Brot habe, solle es doch Kuchen essen, stammt jedoch nachweislich nicht von ihr.

Icon2.eps Kunst & Kultur

Sophie von La Roche (40) wird die erste deutschsprachige Schriftstellerin von europäischem Rang, als sie 1771 ihre Geschichte des Fräuleins von Sternheim veröffentlicht.

Mit der Wallfahrtskirche Vierzehnheiligen in Oberfranken entsteht 1772 eines der letzten bedeutenden Bauwerke aus der Zeit des Barock und Rokoko. Danach setzt sich der Baustil des Klassizismus durch.

Ebenfalls 1772 erscheint die erste deutsche Koran-Übersetzung – unter dem Titel Die türkische Bibel.

Mit seinem Briefroman Die Leiden des jungen Werthers gelingt Johann Wolfgang von Goethe (25) im Jahr 1774 ein Bestseller, der Kultstatus erreicht. Ein typisches Werk des Sturm und Drang ( 1776).

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Der Brite James Cook begibt sich im Auftrag der Regierung auf drei große Entdeckungsreisen in die Südsee. Als sein Schiff 1770 nordöstlich von Australien auf Grund läuft und beinahe untergeht, entdeckt er dadurch das Great Barrier Reef, das größte Korallenriff der Welt. Zudem weist der Abenteurer die Zweiteilung Neuseelands nach. 1773 überquert Cook (44) als erster Mensch den Südlichen Polarkreis.

Die Naturwissenschaften machen ebenfalls Fortschritte: Unabhängig voneinander entdecken der Deutsche Carl Wilhelm Scheele 1771 und der Engländer Joseph Priestley 1774 den Sauerstoff. Auch Stickstoff, Ammoniak und Chlor werden in diesen Jahren entdeckt. Der Schweizer Mathematiker Leonhard Euler leistet wichtige Beiträge zur Algebra und zur Zahlentheorie.

Aber nicht alle »wissenschaftlichen« Entdeckungen bringen die Menschheit in gleichem Maße voran. So wird 1772 in einem Experiment festgestellt, dass auch Eunuchen Stromschläge spüren.

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Die industrielle Revolution, mit der vor allem die Entwicklung von der Agrar- zur Industriegesellschaft bezeichnet wird, beginnt in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts zuerst in England.

In der Zeit um 1770 wird aber nicht nur gearbeitet, sondern auch getanzt: Aus dem Ländler entwickelt sich nun der Walzer, der auch über 200 Jahre später noch zu den beliebtesten Tänzen gehören wird.

Matthias Klostermayr, der »Bayerische Hiasl«, wird 1771 hingerichtet. Er war Wilderer und Räuber, für viele jedoch auch ein Volksheld, denn sein Raubgut pflegte er an die Armen zu verteilen. Seine Hinrichtung soll Nachahmer abschrecken: Er wird erdrosselt, anschließend zertrümmert, geköpft und gevierteilt.

1775–1779

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In Nordamerika folgen der »Boston Tea Party« ( 1773) weitere Aufstände gegen die britischen Kolonialherren. Sie münden 1775 in den acht Jahre dauernden amerikanischen Unabhängigkeitskrieg. Beide Kriegsparteien erhalten Unterstützung sowohl von den indianischen Ureinwohnern als auch aus Europa. Die Briten werben vor allem in Deutschland Söldner an, zum Beispiel 17000 hessische Soldaten, die ihnen der Landgraf von Hessen-Kassel zur Verfügung stellt – gegen die Zahlung von mehr als 20 Millionen Talern. Aber auch die Amerikaner werden von Deutschen unterstützt. So wird 1779 der Deutsche Friedrich Wilhelm von Steuben Generalinspekteur für das Heer des Oberbefehlshabers George Washington. Entscheidend für den Kriegsausgang wird das Bündnis, das die Amerikaner 1778 mit Frankreich eingehen.

Am 4. Juli 1776, also noch mitten im Krieg, wird von den 13 amerikanischen Kolonien die Unabhängigkeitserklärung der USA beschlossen. Darin enthalten sind »die unveräußerlichen Rechte auf Leben, Freiheit und das Streben nach Glück«, also ein Bekenntnis zu den Menschenrechten.

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Sturm und Drang heißt ein 1776 erschienenes Schauspiel von Friedrich Klinger, das einer literarischen Epoche ihren Namen gibt. Im Zentrum dieser Werke steht typischerweise ein nach Freiheit strebendes Genie. Zu den jungen Autoren dieser Richtung zählen unter anderem Goethe, Schiller, Herder und Jakob Lenz.

Gotthold Ephraim Lessing (50) veröffentlicht 1779 sein Drama Nathan der Weise, ein bedeutendes Plädoyer für Humanität. Die darin enthaltene Ringparabel (ein Gleichnis, in dem ein Ring eine Rolle spielt) besagt, dass die drei großen Weltreligionen Judentum, Christentum und Islam gleichwertig sind.

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Der einflussreiche schottische Nationalökonom und Philosoph Adam Smith (53) fordert in seinem 1776 erschienenen Hauptwerk über den Volkswohlstand die Selbstregulierung der Wirtschaft, also ökonomischen Liberalismus.

Wichtige Fortschritte in der Technik gibt es ebenfalls in Großbritannien. Dort setzt James Watt (40) 1776 erstmals eine von ihm konstruierte Dampfmaschine in der industriellen Produktion ein. Drei Jahre später wird die erste eiserne Brücke fertiggestellt, die den englischen Fluss Severn überquert.

Carl Wilhelm Scheele (34) entdeckt 1777, dass die Luft aus Sauerstoff und Stickstoff besteht.

1778 sterben zwei bedeutende Philosophen der Aufklärung, die Franzosen Voltaire (83) und Jean-Jacques Rousseau (66). Voltaire setzte sich vehement für Vernunft, religiöse Toleranz und Freiheitsrechte ein, während Rousseau vor allem mit seiner Forderung »Zurück zur Natur« hervortrat.

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Der letzte deutsche Hexenprozess findet 1775 im bayerischen Kempten statt. Das Todesurteil gegen Anna Schwegelin wird jedoch nicht vollstreckt. In Österreich schafft die Herrscherin Maria Theresia (59) 1776 die Folter ab.

In Deutschland wird es bei jungen Leuten Mode, sich wie Goethes tragischer Romanheld Werther ( 1774) zu kleiden: blauer Frack mit Messingknöpfen, gelbe Weste und Hose, braune Stulpenstiefel und runder Filzhut.

Wer bei der Obrigkeit in Ungnade fällt, muss mit Sanktionen rechnen. Der sozialkritische Dichter Christian Friedrich Daniel Schubart (38) nennt die Mätresse des württembergischen Herzogs »eine Lichtputze, die glimmt und stinkt« – und wird dafür 1777 zu zehnjähriger Umerziehung verurteilt.

1780–1789

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Mächtige Mutter: Maria Theresia, Herrscherin über Österreich, Ungarn und Böhmen, stirbt 1780 im Alter von 63 Jahren. Sie brachte 16 Kinder zur Welt.

Auch in Preußen geht eine Ära zu Ende: Friedrich der Große (74), genannt der »Alte Fritz«, stirbt 1786. Er regierte 46 Jahre lang absolutistisch und als Kriegsherr, aber auch als Freund der Aufklärung und als Förderer der Künste.

In Amerika endet der Unabhängigkeitskrieg gegen die britische Kolonialmacht 1781 mit dem endgültigen Sieg der USA. 1787 gibt sich der neue Bundesstaat eine Verfassung, in der die staatliche Macht gegenüber den Freiheitsrechten der Bürger stark eingeschränkt ist. Erster Präsident wird 1789 George Washington (57).

Aus Russland wird 1787 berichtet, dass Feldmarschall Grigori Potjomkin (oder Potemkin) in seinen Provinzen den Besuch der Zarin Katharina II. erwartet. Um ihr den Anblick trostloser Hütten zu ersparen, lässt er hübsch bemalte Kulissen am Straßenrand aufstellen – die sprichwörtlichen »Potemkinschen Dörfer«.

Ein Ereignis mit gewaltigen politischen Auswirkungen erschüttert ab 1789 ganz Europa: die Französische Revolution (Schlaglicht 1789).

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Vor allem Joseph Haydn, aber auch Mozart und Beethoven prägen Anfang der 1780er-Jahre den neuen Musikstil der (Wiener) Klassik.

Eher noch zur Barockzeit gehört der kastrierte Sänger Farinelli (77), der 1782 stirbt. Seiner Stimme wird außergewöhnliche Schönheit nachgesagt.

1788 bringt der Schriftsteller Adolph Freiherr von Knigge (35) das Buch Über den Umgang mit Menschen heraus. Seine Anleitung, wie man Mitmenschen gut behandelt, wird später als »Der Knigge« vor allem wegen ihrer Benimmregeln bekannt.

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Im September 1783 findet vor dem Schloss von Versailles eine ungewöhnliche Premiere statt: Ein Heißluftballon der Brüder Montgolfier steigt in die Luft, vor den Augen von König Ludwig XVI. und Königin Marie Antoinette. An Bord sind ein Hammel, ein Hahn und eine Ente – die ersten Passagiere einer Luftreise.

Der deutsche Philosoph Immanuel Kant (61) veröffentlicht um 1785 seine wichtigsten Werke. Sie enthalten auch den berühmten kategorischen Imperativ: »Handle nur nach derjenigen Maxime, durch die du zugleich wollen kannst, dass sie ein allgemeines Gesetz werde.«

Ein anderer deutscher Philosoph, der jüdische Aufklärer Moses Mendelssohn (56), stirbt 1786. Er war ein wichtiger Vermittler zwischen Juden und Nichtjuden.

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Der englische Adelige Earl of Derby veranstaltet 1780 das erste Pferderennen. Die Bezeichnung Derby für Rennen von Vollblutpferden bleibt erhalten.

Ein sportliches Großereignis ist auch 1786 die Erstbesteigung des 4810 Meter hohen Mont Blanc, des höchsten Berges der Alpen.

Vierhundert Kilometer südöstlich vollzieht sich im selben Jahr ein anderer Fortschritt: Das Großherzogtum Toskana schafft als erster Staat die Todesstrafe ab.

Die Briten sind noch nicht so weit, finden aber 1788 für Delinquenten die herausfordernde Aufgabe, Australien zu besiedeln; sie gründen dort die Sträflingskolonie Sydney.

Fern der Heimat ist 1789 auch der britische Dreimaster Bounty unterwegs, als sich die Matrosen gegen ihren Kapitän auflehnen. Sie setzen ihn mit Begleitern auf einem Beiboot aus, das 48 Tage lang bis zur Insel Timor unterwegs ist. Die Meuterei auf der Bounty bietet später Schriftstellern und Filmemachern Stoff.

Schlaglicht 1789

Tod dem König, alle Macht dem Volk:

Die Französische Revolution

Kein Wunder, dass es dem Volk reicht. Eine schlechte Ernte macht 1788 das Getreide knapp und das Brot teuer – dennoch müssen die Bauern den Großgrundbesitzern dieselben Mengen an Lebensmitteln abliefern wie bisher. 1789 drängen sich in Paris Männer und Frauen vor den Bäckereien; viele der Hungrigen gehen leer aus, weil nicht genug Brot zur Verfügung steht.

Adelige und Vertreter der Kirche interessiert die zunehmende Armut nicht, sie leben weiter im Überfluss, in einem hoch verschuldeten Staat. Mehrere Kriege und der verschwenderische Prunk am Hof haben Frankreich in den Bankrott getrieben. König Ludwig XVI. ist weder klug noch entschlossen genug, die Krise zu meistern.

Im Mai 1789 lässt der 34-Jährige die Vertreter der drei Stände an seinen Hof nach Versailles kommen; es sind Abgesandte der Kirche (erster Stand), des Adels (zweiter Stand) sowie Bürger, Handwerker und Bauern (dritter Stand). Als Ludwig eine weitere Steuererhöhung beschließen lassen will, rebellieren die bis dahin weitgehend einflusslosen Abgeordneten des dritten Standes und erklären sich im Juni kurzerhand selbst zur »Nationalversammlung«. Adel und Geistliche wollen das nicht akzeptieren; sie drängen den König, Truppen aufmarschieren zu lassen.

Am 14. Juli 1789 geschieht, was diesen Tag zum späteren französischen Nationalfeiertag werden lässt: Das Volk von Paris verschafft sich Waffen und stürmt die Bastille, jenes befestigte Staatsgefängnis, das als Symbol der Willkürherrschaft betrachtet wird.

Als der Kopf des Kommandanten der Bastille, aufgespießt auf einem Bajonett, durch die Pariser Straßen getragen wird, ist auch die Stunde der Nationalversammlung gekommen: Sie hebt alle Privilegien der Geistlichen und Adeligen auf und verkündet feierlich die Menschen- und Bürgerrechte: »Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit!«

Und der König? Er bekommt in Versailles Besuch von einem mehrtausendköpfigen Zug der Pariser Frauen. Sie fordern nicht nur Brot von ihm, sondern zwingen ihn zum Umzug in die nahegelegene Hauptstadt. Als er später vergeblich versucht, mit seiner Familie ins Ausland zu fliehen, ist sein Schicksal besiegelt: Als »Bürger Louis Capet« wird Ludwig XVI. im Januar 1793 durch die Guillotine hingerichtet.

Damit wendet sich Frankreich von der Monarchie ab. Die eigens erfundene Guillotine ist in der jungen Republik im Dauereinsatz: Ein »Wohlfahrtsausschuss« unter Leitung des unerbittlichen Maximilien de Robespierre lässt Zigtausende enthaupten, die als Feinde der Revolution gelten.

Doch allmählich verlieren die vor allem von der Unterschicht unterstützten radikalen Jakobiner an Einfluss. Als der 36-jährige Robespierre im Juli 1794 selbst geköpft wird, applaudiert das Volk minutenlang. Zur Ruhe kommt das Land aber noch lange nicht. Immer wieder gibt es Aufstände, zudem befindet Frankreich sich im Krieg gegen Preußen, Österreich, England und die Niederlande. Deren Herrscher fürchten ein Übergreifen der revolutionären Bewegung auf ihre eigenen Länder.

Im Verlauf dieser Kriege erlangt ein erfolgreicher junger General in Frankreich zunehmende Popularität. Er übernimmt 1799 die Macht im Staat und erklärt die Revolution für beendet. Der Name des 30-Jährigen: Napoleon Bonaparte.

1790–1799

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Um keinen US-Staat zu bevorzugen, wird 1790 auf neutralem Boden die Hauptstadt Washington gegründet; zwei Jahre später entsteht hier das Weiße Haus. Ebenfalls 1792 führt die Regierung den US-Dollar ein, der später einmal die weltweit wichtigste Währung sein wird, an der sich andere Staaten orientieren.

In Preußen gilt ab 1794 das Allgemeine Landrecht. Es enthält sämtliche Rechtsvorschriften (Strafrecht, Erbrecht, Kirchenrecht etc.) und legt fest, dass alle Bürger vor Gericht gleich sind.

1795 teilen Preußen, Österreich und Russland das Königreich Polen auf. Es ist die dritte Teilung innerhalb von 23 Jahren – nun verschwindet der Staat von der Landkarte.

Aufsehen erregen in Europa die Aktionen eines jungen Franzosen: Nach einer steilen Karriere beim Militär erobert der 27-jährige Napoleon Bonaparte 1796 mit einem einzigen Heer Österreich und Teile Italiens.

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Nur 34 Jahre alt wird Wolfgang Amadeus Mozart. Mit sechs Jahren als musikalisches Wunderkind gefeiert, stirbt er 1791 vollkommen verarmt und wird in einem Massengrab beigesetzt. Im selben Jahr gründet Carl Friedrich Fasch den weltweit ersten gemischten Chor: die Sing-Akademie zu Berlin (die noch heute existiert).

Langzeitwirkung besitzt auch das 1797 von Joseph Haydn komponierte Kaiser-Quartett. Hieraus wird später die Melodie für das »Deutschlandlied« ( 1922) entnommen.

Im Alter von 75 Jahren stirbt 1798 der venezianische Schriftsteller und Abenteurer Giacomo Casanova, der »Kultivierung der sinnlichen Genüsse« als seine Hauptbeschäftigung bezeichnete. Der Frauenheld war mit wichtigen Persönlichkeiten seiner Zeit bekannt – von Voltaire über den Papst bis zu Mozart.

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Um endlich ein grenzüberschreitend einheitliches Maß für Längen zu finden, legen Gelehrte 1795 fest, was ein Meter sein soll: der zehnmillionste Teil der Entfernung vom Pol zum Äquator.

Auch der Gesundheitsschutz kommt voran: Dem englischen Landarzt Edward Jenner (47) fällt 1796 auf, dass Bauernmägde, die sich mit den harmlosen Kuhpocken angesteckt haben, gegen die gefährlichen Pocken immun sind. Der Mediziner infiziert daraufhin gezielt seine Patienten mit den Erregern von Kuhpocken und entdeckt somit das Prinzip der Schutzimpfung.

Solche Fortschritte in der Medizin tragen wesentlich zur Lebensverlängerung bei. Der Brite Thomas Malthus (32) erkennt 1798, dass die Bevölkerungszunahme kaum gebremst werden kann, während sich die Produktion von Nahrungsmitteln nur begrenzt steigern lässt. Seine Forderung nach Geburtenkontrolle, etwa durch »moralische Enthaltsamkeit«, wird allerdings kontrovers aufgenommen.

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Im letzten Jahrzehnt des 18. Jahrhunderts werden Zöpfe abgeschnitten und Perücken abgelegt: Männer tragen ihr Haar nun gern in kurzen Löckchen. Dazu eine frackähnliche Jacke mit Halstuch. Bei den Damen haben Korsett und Reifrock ausgedient – stattdessen sind sanft fließende Gewänder der griechischen Antike nebst geschnürten Sandalen modern.

Um all dies effektvoll ins Bild setzen zu können, kommt eine Strandpromenade wie gerufen: Das erste deutsche Seebad eröffnet 1793 an der Ostsee in Heiligendamm.

Und die Gewänder müssen auch gewaschen werden: Einfache, mit der Hand betriebene Maschinen gibt es bereits. In den USA wird 1797 eine Waschmaschine zum Patent angemeldet – ein Waschbrett mit Kurbel.

1800–1899

Das 19. Jahrhundert: Aufbruch zur Eroberung fremder Länder

In den Jahren nach 1800 beherrscht ein Mann ganz Europa: Napoleon Bonaparte. Anders als die Heere, die er erobert, kämpfen seine Soldaten begeistert für einen charismatischen Anführer und für ihr Vaterland – für die »Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit«, die ihnen die Französische Revolution brachte. Erst in den unendlichen Weiten Russlands stößt Napoleon an seine Grenzen.

Zu Grenzüberschreitungen kommt es im 19. Jahrhundert bei mehreren europäischen Kriegen und bei der Eroberung von afrikanischen Ländern. Der Imperialismus degradiert sie zu Kolonien, und das wachsende Bürgertum in Europa staunt über das Angebot von Kaffee, Tee und Tabak in den neuen Läden für »Kolonialwaren«.

Doch nicht alle profitieren von Konsumgütern und zunehmender Industrialisierung. Trotz harter Arbeit unter oft unzumutbaren Bedingungen, von der auch Kinder nicht verschont sind, leben viele Familien in Armut. Schriftsteller wie Charles Dickens, Honoré de Balzac und Mark Twain schildern die nüchterne Realität des Alltagslebens eindrucksvoll in ihren Romanen. Der deutsche Wirtschaftskritiker Karl Marx fordert alle Unterdrückten auf, dieses System zu beseitigen.