Die Autorin

Piper Rayne ist das Pseudonym zweier USA Today Bestseller Autorinnen. Mehr als alles andere lieben sie sexy Helden, unkonventionelle Heldinnen, die sie zum Lachen bringen, und viel heiße Action. Und sie hoffen, du liebst das auch!

Das Buch

Der perfekte Mann ist der Mann, der mir das Herz gebrochen hat? Danke, aber nein danke!

Ich hätte gerne einen netten, zuverlässigen, respektablen Mann. Aber nett, zuverlässig und respektabel ist total L-A-N-G-W-E-I-L-I-G. Mir ist klar, ich stehe auf Bad Boys. Ich habe die anderen Geschmacksrichtungen versucht, aber es gibt nichts Besseres als einen Mann, der sich nimmt, was er will, ohne sich dafür zu entschuldigen. Als ob mein Liebesleben nicht schon dramatisch genug wäre, steht plötzlich Dean Bennett wieder vor mir und glaubt, er könne mich mit seinem Charme zurückgewinnen. Er mag sich äußerlich verändert haben, aber unter seinem teuren Anzug ist er immer noch derselbe dreiste, arrogante, wichtigtuerische Kerl, der sich nur um sich selbst schert. Aber ich bin nicht mehr das naive Mädchen von früher. Deshalb ignoriere ich die Tatsache, dass sein Blick meine Knie weich werden lässt.

Das Problem? Er ist nicht nur ein Exfreund, er ist mein Exmann.

Von Piper Rayne sind bei Forever by Ullstein erschienen:
The Bartender (San Francisco Hearts 1)
The Boxer (San Francisco Hearts 2)
The Banker (San Francisco Hearts 3)

The One Best Man (Love and Order 1)
The One Right Man (Love and Order 2)

Piper Rayne

The One Right Man

Roman

Aus dem Amerikanischen
von Cherokee Moon Agnew

Forever by Ullstein
forever.ullstein.de

Deutsche Erstausgabe bei Forever
Forever ist ein Verlag der Ullstein Buchverlage GmbH, Berlin
März 2019 (1)
© Ullstein Buchverlage GmbH, Berlin 2019
© 2018 by Piper Rayne
Titel der amerikanischen Originalausgabe: Afternoon Delight

Umschlaggestaltung: zero-media.net, München
Titelabbildung: © FinePic®
Übersetzung: Cherokee Moon Agnew
E-Book powered by pepyrus.com

ISBN 978-3-95818-332-2

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Kapitel 1


»Addison and Clark.« Ich blicke von meinem Smartphone auf und versuche, dem Taxifahrer über den Rückspiegel die Wegbeschreibung durchzugeben. Er nickt und sagt etwas, das ich nicht verstehe, weil er nicht mit mir redet, sondern mit seinem Bluetooth.

Ich zucke mit den Schultern und hämmere weiter mit den Daumen auf das Display ein, um die Nachricht zu Ende zu schreiben.

Ich: Komme ungefähr zehn Minuten zu spät.

Die drei Punkte erscheinen, und ich stelle mir vor, wie mein Date in der Bar sitzt und auf mich wartet.

Glen: Okay.

Ich: Gefällt dir die Bar?

Die drei Punkte tauchen auf und verschwinden wieder. Ein paar Minuten lang halte ich das Telefon noch in der Hand, doch anscheinend warte ich vergebens auf eine Antwort, also lasse ich es in den Schoß fallen.

Unter meiner Handtasche auf dem Rücksitz liegt eine Aktenmappe, die ich noch abgeben muss, bevor ich endlich ins Wochenende starten kann. Ich lasse den Blick aus dem Fenster schweifen und beobachte die vorbeieilenden Menschen, die bestimmt alle ihren Freitagabendplänen nachgehen. Eigentlich sollte ich eine von ihnen sein.

Als Glen mich über die Dating-App Coffee Meets Bagel kontaktiert hat, war ich zuerst skeptisch. CMB ist eher was für Männer, die auf der Suche nach etwas Festem sind. Als Profilbild hat er ein Fitnessstudio-Selfie hochgeladen. Auch wenn meine weiblichen Körperteile durchaus angetan sind, versuche ich neuerdings, eher mit dem Kopf zu denken. Mein Gehirn hat mir sofort gesagt, dass der Kerl geradezu nach Ärger riecht – vor allem nachdem sich der Typ mit dem sexy Strandfoto als dicker Wels entpuppt hat.

Als ich nicht sofort auf seine Nachricht reagiert habe, hat er noch eine hinterhergeschickt. Er schrieb, er wüsste, sein Profilfoto wäre öde, aber seine Kumpels hätten ihm dazu geraten. Ich fragte ihn, ob es wirklich sein Bild sei, und er antwortete, ich müsse mich mit ihm treffen, dann würde ich das schon herausfinden. Er war charmant und witzig, das gefiel mir. Und jetzt habe ich angeboten, dieses dumme Paket abzuliefern und möglicherweise etwas zu ruinieren, wovon man noch seinen Enkeln erzählt. Ich muss für meine Chefin noch Unterlagen zum Steuerberater bringen.

Das Taxi hält, ohne dass der Fahrer etwas sagt. Also bezahle ich, springe aus dem Auto und befinde mich wieder auf den Straßen Chicagos.

»Und der arbeitet umsonst für uns?«, murmle ich vor mich hin und starre an dem Hochhaus hinauf.

Ich gehe durch die Drehtür und muss zuerst durch eine Sicherheitskontrolle, bevor ich in den Aufzug steigen kann. Scheiße. Ich sollte Glen besser noch mal schreiben und ihm sagen, dass ich noch später komme als erwartet.

Ich gehe auf den großen Mann zu, der genauso verärgert darüber zu sein scheint wie ich, dass er an einem Freitagabend hier sein muss. »Hallo, ich muss zur …«, ich werfe einen Blick auf den Umschlag, »… Anwaltskanzlei Heiberman & Lipe.«

Er tippt auf seiner Tastatur herum. »Ich glaube, die haben schon geschlossen.« Auf seinem Gesicht zeichnet sich nicht die kleinste Gefühlsregung ab.

»Können Sie mir sagen, ob es dort einen gewissen …« Wieder spicke ich auf die Mappe. »… Mr. Bennett gibt?« Als ich den Namen ausspreche, beginnt mein Magen zu rumoren.

»Warten Sie, ich rufe an.« Er drückt ein paar Knöpfe auf dem Telefon, wartet kurz und legt wieder auf. »Geht keiner ran.«

Ich beuge mich über den Tresen und setze mein freundlichstes Bitte-friss-mir-aus-der-Hand-Lächeln auf. »Es ist Freitag. Sie wollen bestimmt nach Hause gehen. Und ich will auch nach Hause. Aber ich habe meiner Chefin versprochen, das hier bei Mr. Bennett abzugeben.« Ich muss husten, weil mir fast die Galle hochkommt. In Zukunft wird sich Victoria darum kümmern müssen. »Kann ich bitte nach oben fahren und nachsehen, ob die Tür zum Büro offen ist?«

Er schüttelt den Kopf und sieht mich auf eine Art an, die ich nur zu gut kenne. Schweigend fragt er mich, ob ich komplett verrückt geworden bin.

»Was kann ich tun?«, frage ich. »Geld? Ein Date?« Ich blicke auf seine linke Hand. »Eher nicht. Mögen Sie Wintersport?« Jetzt ziehe ich auch noch Skylar in die Sache hinein. »Meine Cousine ist Sportlerin bei den Winter Classics, und ihr Verlobter …« Eine große Hand landet vor meinem Gesicht.

»Wie heißen Sie?« Er legt die Hände auf die Tastatur.

»Chelsea … Chelsea Walsh.«

Er tippt meinen Namen ein. Als er mir einen Besucherausweis reicht, lächle ich ihn dankbar an.

»Danke, danke, danke.« Ich nehme den Ausweis entgegen und ziehe das Band über meinen Kopf.

»Neben der Tür ist ein Briefkasten, falls niemand da ist. Sie können den Umschlag dort einwerfen.«

Ich bedanke mich noch mal und gehe zum Aufzug, weiche Menschen aus, die es kaum erwarten können, endlich ins Wochenende zu starten.

Ganz allein fahre ich nach oben in den dreiunddreißigsten Stock. Mit einem Bing gleiten die Aufzugtüren auf, und ich steige aus, drehe den Kopf zuerst nach rechts, dann nach links. Als ich die Tür mit dem »Heiberman & Lipe«-Schild entdecke, gehe ich hinüber und begutachte die Liste mit den Namen aller Partner. Zum Glück ist Mr. Bennett der Zweite von oben.

Warte Glen, ich bin fast da.

Ich ziehe am Griff der Milchglastür. Muss wohl mein Glückstag sein – sie ist tatsächlich offen.

Ich betrete den dunklen Empfangsbereich, sehe mich um, doch es ist niemand hier. Ich gehe den Flur hinab, inspiziere die Namensschilder an den Türen und werfe einen Blick in die offen stehenden Büros. Nachdem ich den Konferenzraum passiert habe, entdecke ich endlich den Namen Bennett. Ich stecke den Kopf durch die offene Bürotür, das Licht ist zwar an, aber es ist keiner da. Hoffentlich ist er gerade auf der Toilette oder so.

Als ich mein Handy hervorziehe, sehe ich, dass Glen geschrieben hat, doch statt ihm zu antworten, schreibe ich meiner Chefin Hannah eine Nachricht.

Ich: Mr. Bennett ist nicht da. Kann ich ihm den Umschlag auf den Schreibtisch legen?

Wie immer antwortet Hannah umgehend.

Hannah: Klar. Leg ihn so hin, dass er ihn Montagmorgen sofort entdeckt.

Ich: Alles klar.

Ich stecke das Smartphone zurück in die Handtasche, durchquere langsam das Büro und lege den Umschlag auf den Schreibtischstuhl. Als ich mich aufrichte, entdecke ich direkt neben der Tastatur einen Baseball. Als hätte gerade jemand damit herumgespielt und ihn beiseitegelegt.

Mir klappt die Kinnlade herunter. Wild lasse ich den Blick durch den Raum wandern, wirble herum und inspiziere jedes Kunstwerk, jedes Foto, alles, nur um sicherzugehen, dass er nicht …

Als hätte ich die ganze Zeit die Luft angehalten, steigt mir plötzlich sein Duft in die Nase. Der Duft einer Meeresbrise, der mir früher so vertraut war, sein Deo und der Geruch seiner frisch gewaschenen Kleidung. Parfum hat er nie getragen.

Abgesehen von einem Hundefoto ist der Tisch hinter seinem Schreibtisch mit Autogrammen und Erinnerungsstücken der Chicago Cubs übersät. Sogar ein eingerahmtes Fan-Zertifikat steht da, damit auch jeder sieht, dass er nicht erst vor zwei Jahren auf den Zug aufgesprungen ist, als sie die Baseball-Weltmeisterschaft gewonnen haben. Das Cubbie-Fieber wird in seiner Familie seit Generationen weitergetragen.

»Schnüffeln Sie gern in fremden Büros herum?« Seine Stimme klingt neckend und flirtend.

Ich kneife die Augen zu und halte mich an der Tischkante fest, bevor meine Knie nachgeben. Schauer jagen mir über den Rücken.

Der Verrückten-Zug ist da. Bitte alle einsteigen!

»Sie könnten mir wenigstens Ihr Gesicht zeigen«, fährt er fort, spielerisch wie immer. »Ich verspreche Ihnen, ich beiße nicht.«

»Es sei denn, ich will es.« Ich drehe mich um und klammere mich so fest an den Tisch, dass meine Fingerknöchel weiß hervortreten.

Nun ist er derjenige, dem die Kinnlade herunterfällt, als er merkt, dass es seine Ex-Frau ist, die mitten in seinem Büro steht.

Kapitel 2


»Chelsea?«, fragt er, als wäre er sich nicht sicher, ob ich es wirklich bin. Es ist nicht so, als hätten wir uns fünfundzwanzig Jahre nicht gesehen. Es ist erst fünf Jahre her. Fünf Jahre, seit ich die schokobraunen Augen das letzte Mal gesehen habe, das unordentliche braune Haar. Er ist noch attraktiver geworden. Erwachsener. Männlicher. Mit dem Unterzeichnen der Scheidungspapiere hat er auch den netten Jungen von nebenan hinter sich gelassen.

»Dean.« Irgendwie schaffe ich es, meine Stimme kühl klingen zu lassen. Er soll bloß nicht merken, wie sehr er mich aus dem Konzept bringt.

Er lässt den Blick über meinen Körper schweifen, und ich schlucke schwer und versuche, die Hitze zu ignorieren, die sich wie Lava auf meiner Haut ausbreitet.

Ich danke Gott für die Spinning- und Yogakurse, für gegrilltes Hühnchen und Gemüse. Erblasse vor Neid, Arschloch. Sieh dir ruhig an, was dir entgangen ist.

»Du siehst umwerfend aus.« Deans Augen haben schon immer die Wahrheit gesagt, sein Kompliment ist ernst gemeint.

»Ich wünschte, ich könnte das Gleiche sagen.« Ich verschränke die Arme vor der Brust, endlich habe ich meine innere Löwin gefunden.

Leise lachend verlagert er das Gewicht auf die Fersen und steckt die Hände in die Hosentaschen. Die Ärmel seines weißen Hemds sind hochgekrempelt, aber die Krawatte und die Weste sind noch immer ordentlich, an seinem Handgelenk prangt eine Silberuhr. Sein Anblick in dem grauen Anzug hat durchaus etwas Erregendes. Aber das muss er ja nicht wissen.

»Eigentlich hatte ich eine gewisse Victoria erwartet.« Er ignoriert meinen Kommentar einfach. Das ist das Problem, wenn man sich so gut kennt. Er weiß genau, wann ich die Wahrheit sage – und er weiß, dass ich Müll geredet habe.

»Da muss ich dich leider enttäuschen. Ich habe dir die Unterlagen auf den Stuhl gelegt.«

Ich will so schnell wie möglich hier weg, aber er versperrt die Tür, und ich kann ihm unmöglich noch näherkommen. Aus der Ferne kann ich vielleicht brüllen wie eine Löwin, aber in seiner Nähe würde ich mich eher wie ein tollpatschiges Löwenbaby benehmen.

»Du arbeitest also für Hannah Crowley?« Er lehnt sich gegen den Türrahmen, macht überhaupt keine Anstalten, sich von der Stelle zu rühren. Schon während unserer gesamten Beziehung hat mich dieser Kerl gequält – aber damals auf eine gute Art.

»Ja. Ich bin ihre Marketingmanagerin.«

»Ich mag die Idee, die hinter der Organisation steckt … Mädchen Kraft zu geben, sie wissen zu lassen, dass sie eine Stimme haben.«

»Ja, Hannah hat eine tolle Sache auf die Beine gestellt.« Hoffentlich wirke ich entspannter, als ich mich fühle. Mein Herz trommelt wie ein ganzer Spielmannszug.

»Gefällt es dir dort?«, fragt er, ohne den Blick von mir zu nehmen.

Wie immer bleibt er ganz cool und ruhig, während ich alle Mühe habe, nicht die Fassung zu verlieren. Er ist der einzige Mann auf dem Planeten, der diese Macht über mich besitzt.

»Ja.« Ich sehe mich in seinem Büro um. »Du bist also Anwalt für Steuerrecht?«

Er lacht erneut, und seine starken, breiten Schultern heben und senken sich. »Verrückt, nicht wahr? Nachdem ich mich erholt und endlich mein Leben auf die Reihe gekriegt hatte, habe ich Jura studiert.«

»Und dann hast du dir den langweiligsten Fachbereich ausgesucht?« Ich hebe eine Braue.

Noch immer umspielt ein Lächeln seine Lippen. »Es ist interessanter, als du denkst.«

»Ich sollte besser gehen.« Ich mache einen Schritt vorwärts, bin an keinem Was-machst-du-so-Gespräch interessiert.

Er späht auf meine linke Hand und lächelt breit. »Wie wäre es mit Abendessen?«

Ich ziehe die Stirn kraus. Er ist noch genauso verrückt wie eh und je.

»Besser nicht.« Ich trete vom Schreibtisch zurück und hoffe, er kommt auf mich zu, damit ich mich an ihm vorbei durch die Tür quetschen kann.

»Warum nicht? Sieht nicht so aus, als wärst du in festen Händen. Es sei denn, dein Ehering ist gerade bei der Reparatur. Habe ich dir etwa alle anderen Männer madig gemacht?« Er lacht, um mir zu zeigen, dass er Witze macht, aber sein Kommentar schürt nur meinen Groll und meine Abneigung gegen ihn.

»Nur weil ich nicht verheiratet bin, heißt das nicht, dass ich nicht vergeben bin.«

So ist es richtig, Chels. Lüg einfach.

»Das heißt, es gibt da jemanden?« Er richtet sich ein wenig gerader auf, bleibt jedoch im Türrahmen stehen.

»Nun ja …«

»Ich habe sie dir tatsächlich madig gemacht.«

»Nein. Hast. Du. Nicht«, zische ich durch zusammengepresste Zähne.

»Entspann dich, Chels. Ist nur ein Scherz. Schön, dich zu sehen. Ich wollte mich schon ein paar Mal bei dir melden, wusste aber nicht, wie du es auffassen würdest.«

»Wie ich es auffassen würde?«

Er zuckt mit den Schultern. »Ja, schließlich hast du mich verlassen.«

»Wie bitte?« Jetzt kommt meine innere Furie zum Vorschein, und sie ist kampfeslustig. Schluss mit diesem höflichen Mist. Hannah wird es schon verstehen, wenn ich ihrem Steuerberater in die Eier trete.

»Wenn ich mich recht erinnere, bin ich eines Morgens in einem leeren Bett aufgewacht.« Mir entweicht ein zynisches Schnauben. »Gut zu wissen, dass dich das Jurastudium nicht verändert hat. Du bist noch immer der eingebildete Drecksack, der du schon immer gewesen bist.«

»Habe ich irgendwas verpasst?«, fragt er, und mein Blut brodelt so heiß, dass man darin einen Hummer kochen könnte.

Vergiss ihn. Ich werde ihn einfach beiseitestoßen, um hier rauszukommen.

Ich stapfe zur Tür. »Keine Ursache, Mr. Bennett. Ab jetzt wird Victoria Clarke Ihre Kontaktperson bei RISE sein.« Ich presche nach vorn, bin tatsächlich der Meinung, ich könnte ihn auf meinem Weg in die Freiheit einfach überrennen.

Er tritt in die Mitte des Türrahmens, sodass seine breiten Schultern und seine große Gestalt ihn komplett ausfüllen. Ich bleibe so abrupt stehen, dass ich fast mit ihm zusammenstoße.

»Ich mache nur Spaß, Chels«, flüstert er. Wieder sieht er mich mit diesen verdammten Schokoaugen an. »Es vergeht kein Tag, an dem ich nicht an dich denke.«

Immer noch kann ich ihn riechen, sein Duft erfüllt den Raum wie Rauch. Ich sollte das Gift nicht einatmen, aber ich tue es trotzdem, und mein Körper entspannt sich augenblicklich.

»Ich muss los.« Ich ignoriere seine Beichte. Eine Beichte, auf die ich seit fünf Jahren warte. Eine Beichte, von der ich gehofft hatte, ich würde sie spätestens einen Tag nachdem ich meine Sachen gepackt hatte und gegangen war zu hören bekommen. Aber er hat nie versucht, mich zurückzugewinnen. Er hat nicht um uns gekämpft.

»Wohin musst du so dringend?«, fragt er.

Ich blicke ihm geradewegs in die Augen und hoffe, er sieht nicht die Tränen, die hinter meinen Lidern brennen, seit ich vorhin zum ersten Mal seit langer Zeit seine Stimme gehört habe. »Ich habe ein Date.«

»Ein Date?« Er wirkt überrascht.

»Ist das so unvorstellbar?«, frage ich giftig.

Er schüttelt den Kopf. »Überhaupt nicht. Das heißt also, du bist gerade Single?«

Ich hasse es, ihm gegenüber zugeben zu müssen, dass ich den Richtigen noch nicht gefunden habe. »Ja.«

Er macht einen Schritt nach vorn, seine Brust ist nur noch Millimeter von meiner entfernt. Ich lege den Kopf in den Nacken und blicke zu ihm auf. »Sag ab und geh mit mir aus. Ich will wissen, was in deinem Leben vorgeht.«

Mein ganzer Körper brennt wie Feuer. Warum fühle ich mich immer noch zu diesem Mann hingezogen, obwohl ich schon lange keine Bennett mehr bin? Zwischen uns knistert es immer noch gewaltig.

»Wenn du glaubst, du könntest diesen Körper jemals wieder berühren, dann irrst du dich gewaltig.«

»Ich habe dich gefragt, ob wir zusammen ausgehen, nicht ob wir vögeln«, erwidert er trocken. Seine Augen wirken nun trüb, und ich weiß nicht, was er eigentlich von mir will.

»Deiner derben Ausdrucksweise konnte das Jurastudium wohl nichts anhaben.« Ich lege den Kopf schief, verlagere das Gewicht auf ein Bein und warte auf seine Reaktion.

»Keine Sorge, Chels. Mit meiner derben Ausdrucksweise könnte ich dich bestimmt immer noch auf Hochtouren bringen, während du mich reitest.« Er zwinkert, und meine Muschi schreit nach Aufmerksamkeit, will, dass er uns zeigt, wie toll er ist. Aber ich werde nicht nachgeben. Ich bin nicht mehr das blauäugige Mädchen, das ich mal war.

»Die Reiterstellung mochte ich nur so gern, weil dein Schwanz so klein ist, dass ich ihn nur so spüren konnte.«

Auf seinem Gesicht breitet sich ein Grinsen aus. »Red dir das nur weiter ein. Wir wissen beide, dass du meinen Schwanz nicht in den Mund nehmen konntest, ohne fast zu ersticken.«

Wie selbstgefällig er dreinblickt. Ich lege die Hände auf seine noch immer muskulöse Brust und schiebe ihn beiseite, damit ich endlich hier rauskomme. Lieber Gott, bitte hilf mir. Er taumelt rückwärts, und ich stürme aus dem Büro.

»Chels«, ruft er mir flehend nach, während ich strammen Schrittes zum Ausgang marschiere.

»Fick dich, Dean.« Ich zeige ihm den Mittelfinger, zum Glück kommt der Aufzug, bevor er mich erwischt. Aber warum sollte er mir jetzt nachrennen? Das hat er nicht mal getan, als es draufankam.

Die Aufzugtüren schließen sich. Ich muss mich zwingen, die Tränen zurückzuhalten, doch eine rinnt mir bereits über die Wange. Als ich im ersten Stock ankomme, die Lobby durchquere, um beim Securityschalter den Besucherausweis abzugeben, bin ich schon am Wischen.

»Danke noch mal«, murmle ich, lasse den Ausweis auf die Theke fallen und gehe zur Drehtür. Als ich wieder draußen auf der Straße bin, halte ich ein Taxi an und steige ein. Es ist ein perfekter Frühlingsabend in Chicago, aber es hilft nichts. Auf dem Rücksitz des Taxis breche ich endgültig zusammen.

»Zur nächstgelegenen Station der Red Line«, sage ich und vergrabe das Gesicht in den Händen.

Die Tränen fließen heiß, schnell und unaufhaltsam. Nicht weil ich das Wortgefecht gegen ihn verloren habe. Die Argumentation mit dem kleinen Penis hätte ich sowieso nicht weiterführen können. Auf dem College waren seine Kumpels neidisch auf ihn, weil er alles hatte – und dann auch noch einen großen Schwanz. Als sich seine Aussichten auf eine professionelle Baseball-Karriere zerschlagen und in Luft aufgelöst hatten, sagten sie wahrscheinlich: »Wenigstens hat er einen großen Schwanz. Mit Pornos könnte er einen Haufen Kohle verdienen.«

Warum denke ich überhaupt darüber nach?

Ich ziehe mein Handy aus der Tasche, habe aber keine Ahnung, mit wem ich über die ganze Sache reden soll. Meine Cousine Skylar würde mir nur sagen, ich solle mich gefälligst von ihm fernhalten. Außerdem ist sie gerade mit ihrem Verlobten in Utah, wo sie den Umzug in ihr neues gemeinsames Leben vorbereiten. Ihre Schwester Zoe würde wahrscheinlich direkt Deans Büro aufsuchen und ihn windelweich prügeln.

Meine Finger bewegen sich über das Display. Ich wähle die Nummer der einzigen Person, die mich versteht, obwohl sie gerade auf Wolke sieben schwebt.

»Was gibt’s, Chelsea?«, meldet sich Victoria fröhlich. »Sag mal, wusstest du, dass er das Haus neben dem meiner Mutter gekauft hat?!«

Reed Warner, der verdammte Prinz.

»Hat er? Nein, das wusste ich nicht.« Ich versuche wirklich, mich für sie zu freuen, aber mich umgibt nur Dunkelheit.

»Was ist los?«, fragt sie.

Es raschelt in der Leitung, dann höre ich leise Kussgeräusche.

»Ich war beim Steuerberater.«

»Und? Ist er heiß? In letzter Zeit hast du es ja sowieso eher auf die guten Jungs abgesehen. Und welcher Steuerberater ist bitte kein guter Junge?« Sie kichert.

»Jetzt aber«, höre ich Reed im Hintergrund sagen. Wahrscheinlich liegen sie gerade in ihrem neuen Haus und sind drauf und dran, es einzuweihen.

»Er ist kein guter Junge, Vic.« Ich hole tief Luft, am liebsten würde ich schreien. »Er ist mein Ex-Mann!«

»Auweia«, kommt es von Reed, der ganz offensichtlich zuhört.

»Ich merke, du bist gerade beschäftigt. Ich lass dich lieber.«

»Nein. Wie wäre es, wenn wir uns in einer halben Stunde bei Reed treffen?«

»Wie bitte?« Reed klingt nicht gerade begeistert. »Aber …« Wieder raschelt es.

»Ich rufe Cooper an und sage ihm, dass er dich schon mal hochlassen soll, falls du vor uns da bist«, sagt Victoria, als sie wieder am Apparat ist.

»Okay, danke.« Ich lege auf. »Entschuldigung, können Sie mich zur Haltestelle Michigan and Erie bringen?«, frage ich den Taxifahrer.

Er nickt und macht hupend einen U-Turn.

Plötzlich fällt mir Glen ein. Ich schaue wieder aufs Handy und stelle fest, dass ich fünfzehn ungelesene Nachrichten von ihm habe.

Glen: Ist cool hier. Bist du bald da?

Glen: ??

Glen: Was dauert denn so lange?

Glen: Hallo?

Glen: Erde an Mars?

Glen: Versetzt du mich etwa?

Glen: Letzte Chance, bevor ich abhaue …

Glen: Du dumme Schlampe.

Boah. Was zum Teufel?

Glen: Was ist nur los mit dir?

Glen: Wer macht so was? Einfach nicht Bescheid sagen, dass man es nicht schafft …

Glen: Bist du etwa unter Werwölfen aufgewachsen?

Glen: Kein Wunder, dass du keinen abkriegst.

Glen: Wie erbärmlich, dass du dein Glück auf einer Datingsite versuchen musst.

Glen: Wahrscheinlich bist das gar nicht du auf dem Foto.

Glen: Selbst wenn … so toll bist du auch wieder nicht.

Jetzt reicht’s.

Ich: Mir ist was dazwischengekommen … für immer. Schönes Leben noch, Arschgesicht. Fahr zur Hölle.

Ich stecke das Smartphone zurück in die Tasche und suche nach Taschentüchern.

Als wir vor Reeds Wohnhaus ankommen, öffnet mir Connor mit einem freundlichen Lächeln die Taxitür.

»Miss Walsh, schön, Sie wiederzusehen.« Bisher habe ich Connor nur einmal getroffen, als ich Victoria zum Mädelsabend abgeholt habe.

»Danke, Connor.«

Ich betrete das Gebäude, doch statt nach oben zu fahren, warte ich in der Lobby auf die zwei Turteltäubchen. Ich habe ja sowieso keinen Schlüssel zu Reeds Wohnung. Da ich nichts Besseres zu tun habe, schnappe ich mir mein Handy und google: Dean Bennett, Anwalt. Und da ist er, mein Ex-Mann mit seinen weißen, blitzenden Zähnen, auf der Internetseite der Anwaltskanzlei Heiberman & Lipe unter dem Tab mit all den Partnern aufgelistet.

Verdammtes Karma, was habe ich bloß falsch gemacht?

Kapitel 3


»Wein oder Bier?«, ruft Victoria aus der Küche.

»Oder lieber was Härteres?« Reed, der am Esstisch sitzt, blickt von seinem Laptop auf.

»Du kennst mich gut.«

Er zwinkert. »Hol den Wodka aus dem Gefrierfach, Vic.«

Ich höre, wie Küchenschränke geöffnet und wieder geschlossen werden.

»Du hast also ein Haus gekauft?«, frage ich, um von meinen eigenen Problemen abzulenken. Es reicht schon, dass ich unbedingt mit seiner Freundin reden will, nachdem er ihr gerade ein Haus gekauft hat. Ein wenig Small Talk kann da nicht schaden.

Lächelnd klappt er den Laptop zu. »Ja, habe ich.«

»Ging ganz schön schnell, oder?«

Kurz runzelt er die Stirn, doch der immer lächelnde Reed ist sofort zurück. »Könnte man meinen, aber ich finde nicht.«

»Und hat sie Ja gesagt?«

Er nickt. »Ja.«

»Super. Ich freue mich für euch.«

Ihm entweicht ein leises Lachen. »Wirklich? Ich meine, an deiner Stelle würde ich mich nicht freuen.«

»Nur weil mein Leben gerade das reinste Chaos ist, heißt das nicht, dass ich euch euer Glück nicht gönne.«

Wieder nickt er. Nur ein einziges Nicken, als würde er mir nicht richtig glauben. Idiot.

»Okay, ich habe den Wodka gefunden und auch eine Limette. Ist das okay?«

Kopfschüttelnd steht Reed auf. »Darf ich?« Er nimmt mein Glas. »Ich mixe dir einen Drink.«

»Ja, bitte.« Ich muss lachen, denn Victoria ist ganz offensichtlich keine Barkeeperin.

»Zu meiner Verteidigung muss ich sagen, dass ich eher die Weintrinkerin bin«, ruft sie ihm nach.

»Mach dir nichts draus, Baby«, antwortet er aus der Küche. Dann höre ich Eiswürfel klirren. Hoffentlich mixt mir Reed einen Drink, der alles auslöscht, was gerade passiert ist.

»Tut mir leid«, sage ich und fummle am Tischset herum.

»Muss es nicht. Schon in Ordnung. Meine Mutter passt heute Abend auf Jade auf. Sie ist mit ihr essen gegangen. Ich will sowieso noch warten, bevor ich Jade vom Haus erzähle.«

»Warum?«

Sie schüttelt den Kopf. Scheinbar hat sie meine Frage verstanden, obwohl ich sie nicht ausformuliert habe. »Es ist nicht so, als würde ich zweifeln. Aber es ist ein großer Schritt, und ich will, dass sie sich genauso freut wie ich. Ich will allein mit ihr darüber sprechen. Ohne Reed. Das Fundament legen.«

Ich greife über den Tisch und tätschle ihr die Hand. »Du bist eine tolle Mutter.«

Ein sanftes Lächeln umspielt ihre Lippen, als hätte ich sie in ihrer Hoffnung bestätigt, tatsächlich eine gute Mutter zu sein.

»Ich gebe mein Bestes.« Dann hält sie inne, wartet darauf, dass ich von mir erzähle. »Also …«

Kopfschüttelnd starre ich auf das Tischset und sammle unsichtbare Krümel auf. Wahrscheinlich wurde auf ihnen noch nie gegessen. »Er ist es … der Steuerberater.«

»War es das erste Mal, dass du ihn seit der Scheidung wiedergesehen hast?«

Ich nicke. »Ja. Unser erstes Wiedersehen«, erwidere ich in sarkastisch fröhlichem Ton.

»Habt ihr euch unterhalten?«

Ich hebe den Kopf. »Ich bitte dich, dieser Kerl ist nicht ruhigzustellen.«

Victoria beißt sich auf die Unterlippe, als müsste sie sich einen Kommentar verkneifen.

»Was?«

Gerade wirkte sie noch amüsiert. Jetzt nicht mehr. »Nichts. Ich …«

»Spuck‘s aus.«

»Na ja, ich kann mir nicht vorstellen, wie eine Unterhaltung zwischen euch abläuft. Denn wenn er gern redet, und jeder weiß, dass du auch viel redest …« Sie hält inne.

»Wir bekriegen uns. Nicht körperlich, sondern mit Worten. Und der Knaller ist, dass er mich heute besiegt hat.«

»Worüber habt ihr euch gestritten?«, fragt sie neugierig.

»Warum siehst du so erwartungsvoll aus?«

Vehement schüttelt sie den Kopf. »Bin ich nicht. Ich mache mir Sorgen.«

Ich verdrehe die Augen. »Wir haben uns über die Größe seines Schwanzes gestritten.«

Reed serviert mir meinen Drink. »Ich lass euch mal allein. Ich bin in meinem Büro, falls ihr mich braucht«, sagt er eher zu Victoria als zu mir.

»Danke, Reed.«

»Danke, Baby«, sagt Victoria und sieht ihn mit riesigen Herzchen in den Augen an. Am liebsten würde ich mir den Finger in den Hals stecken.

Reed geht, und wir hören, wie sich am Ende des Flurs eine Tür schließt.

»Zurück zu der Sache mit der Schwanzgröße.« Victoria stützt das Kinn in die Hand und schenkt mir ihre volle Aufmerksamkeit.

»Es war eigentlich nichts. Ich habe einen Scherz gemacht, wie klein er ist, und er hat gekontert.«

»Also ist er gar nicht klein, nehme ich an?«

Ich schüttle den Kopf.

»Lass mich das noch mal zusammenfassen.« Sie holt tief Luft, als müsste sie zuerst ihre Gedanken sortieren. »Du hast deinen Ex das erste Mal seit fünf Jahren wiedergesehen, und ihr habt euch nur über seinen Schwanz unterhalten? Sonst nichts?«

Jetzt, da sie es so formuliert, klingt es tatsächlich ein wenig kindisch, aber ich wollte ihn da treffen, wo es wehtut.

»Wir haben auch noch über andere Sachen geredet«, erwidere ich störrisch.

»Du stehst noch auf ihn.« Es ist keine Frage, sondern eine Unterstellung.

»Überhaupt nicht.« Ich schüttle den Kopf.

Victoria hebt die Brauen, lehnt sich zurück und verzieht den Mund.

»Hör zu, ich kann das nicht. Ab jetzt bist du seine Kontaktperson.«

»Erzähl es Hannah. Sie wird sich ganz schnell einen neuen Steuerberater suchen.« Sie zuckt mit den Schultern.

»Nein. Er arbeitet umsonst für uns. Wobei ich vermute, dass ihn seine Firma dazu zwingt. Der Dean, den ich früher gekannt habe, hätte so was nie getan.«

»Der Dean, den du gekannt hast, wäre niemals Anwalt für Steuerrecht geworden.«

Da hat sie recht. Ich weiß zwar, wie groß sein Schwanz ist, aber sonst weiß ich nichts über den Mann, der mir heute Abend begegnet ist.

»Stimmt. Trotzdem. Ich will der Stiftung nichts vermasseln. Außerdem, wie oft wird Hannah seine Dienste tatsächlich in Anspruch nehmen? Ich bleibe einfach auf Abstand. Wahrscheinlich ist er ohnehin immer noch ein Playboy.« Ich versuche, das Ziehen im Magen zu ignorieren, als ich mich daran erinnere, wie die ganzen Tussis immer an ihm geklebt und um seine Aufmerksamkeit gebuhlt haben, wenn wir zusammen aus waren.

»Ich finde, ihr solltet euch aussprechen. Vielleicht könnt ihr dann wenigstens wie zwei zivilisierte Menschen miteinander umgehen.«

Victoria, meine süße, naive Victoria, die mit ihrem Ex-Mann eine gemeinsame Tochter hat und sich immer noch mit ihm rumschlagen muss. Aber ich muss das zum Glück nicht.

»Wir haben keine gemeinsamen Kinder. Ich kann ihn bis ans Ende meiner Tage hassen. Und das habe ich auch vor.« Ich nehme einen Schluck von meinem Moscow Mule. »Meine Güte, hat Reed während des Jurastudiums als Barkeeper gearbeitet?«

»Reed war noch nie auf einen Nebenjob angewiesen.« Victoria verdreht die Augen.

»Das habe ich gehört«, ruft Reed aus dem anderen Zimmer.

»Ich dachte, du müsstest arbeiten«, erwidere ich.

»Nun ja, du unterhältst dich gerade mit meiner Freundin über Schwanzgrößen. Ich wollte hören, was sie dazu zu sagen hat.«

»Machst du dir etwa Sorgen?«, frage ich scherzhaft.

Mit einer Tüte Chips in der Hand betritt Reed den Raum. »Ich wollte nur sichergehen, dass Vic meinen nicht zu groß findet.« Er zwinkert, und sein Grinsen verrät mir, dass er nur scherzt. Könnte sein, dass Reed der letzte gute Kerl auf Erden ist.

»Was meinst du, Reed? Soll ich mich mit meinem Ex aussprechen oder lieber für immer verbittert bleiben?« Ich nippe an meinem Drink, und Victoria greift nach den Chips. Ohne ein Wort hält Reed ihr die Tüte hin. Diese Art von stiller Kommunikation hatte ich bisher nur mit einem einzigen Menschen.

»Lass ihn schmoren. Und zwar richtig.« Er wackelt mit den Augenbrauen.

»Reed!« Kopfschüttelnd lehnt sich Victoria zurück und steckt sich noch mehr Chips in den Mund. »Das ist nicht gut für die Seele.«

»Meine Seele ist seit Langem tot.« Reed und ich lachen, während Victoria nur die Augen verdreht und erneut nach den Chips greift. Reed tut, als würde er sich weigern, ihr die Tüte zu reichen, doch sie kämpft, bis er schließlich nachgibt.

»Ich lasse euch jetzt besser in Ruhe.« Ich rücke den Stuhl zurück und stehe auf.

»Wir haben doch kaum geredet.«

»Lass sie, wenn sie gehen muss.« Reed zwinkert mir zu. »Nur Spaß.«

Ist heute Welt-Zwinkertag oder so was?

»Ja, Spaß.« Ich leere meinen Drink und bringe das Glas in die Küche.

»Bleib doch noch. Wir können reden, abhängen und Eis essen. Oder falls du lieber ausgehen willst, hat Reed dafür bestimmt Verständnis.«

»Ausgehen?«, hakt Reed nach. »Du meinst in einen Club oder eine Bar?«

Victoria sieht über die Schulter und wirft ihm einen Blick zu, doch von hier aus kann ich ihr Gesicht nicht sehen.

»Ich meine ja bloß. Mir gefällt es nicht, dass du Kupplerin spielen willst. Ich glaube, wir sollten das erst klären.« Reed legt die Chipstüte auf die Theke und nimmt sich eine Limo aus dem Kühlschrank.

»Dir ist schon klar, dass Frauen nicht nur ausgehen, um Männer aufzureißen, oder? Dass wir auch mal tanzen und Spaß haben wollen. Wir wollen nicht immer nur Anmachsprüche an Männern austesten.«

»Genau, wir gehen nicht nur aus, um einen Muschiwühler zu finden«, füge ich hinzu. Beide Köpfe schnellen zu mir herum.

»Muschiwühler?«, fragt Reed mit gehobener Braue.

»Du weißt schon … Typen, die sich einem den ganzen Abend an die Fersen heften, in der Hoffnung, einem an die Wäsche zu dürfen.«

Victoria krümmt sich vor Lachen und schlägt mit der flachen Hand auf die Granitoberfläche der Theke. »Das habe ich ja noch nie gehört.«

»Ich glaube, die meisten Männer hören spätestens mit achtzehn auf, Muschiwühler zu sein«, sagt Reed und klingt beinahe beleidigt.

Victoria und ich ziehen die Stirn kraus.

Vic legt ihrem Freund die Hand auf die Schulter. »Schatz, du hast ja keine Ahnung, wie es für uns Frauen da draußen ist.«

»Diese Aussage würde ich gern ein wenig spezifizieren. Ich habe keine Ahnung, wie es für Chelsea da draußen ist.«

Victoria stellt sich auf die Zehenspitzen und küsst ihn auf die Wange. »Da ist allerdings was dran.«

Bevor sie ihn ein zweites Mal auf die Wange küssen kann, dreht er schnell den Kopf, und ihre Lippen landen auf seinen. Er schlingt die Arme um ihre Taille, und ich werde Zeugin eines intimen Moments.

»Zeit zu gehen.« Ich stelle das Glas in die Spüle.

»Sicher?« Victoria löst sich von Reed, doch er nimmt nicht die Hände von ihr.

»Wir wollen dich nicht von irgendwas abhalten«, scherzt er. Zumindest glaube ich, dass es ein Scherz ist.

»Nein, ich werde mir jetzt einen riesigen Berg an Keksen und Eis kaufen und zu Hause in Selbstmitleid versinken.«

Während sie mich zur Tür begleiten, klingelt das Handy in meiner Tasche. Noch eine Nachricht von Glen.

»Wenigstens hat Dean heute Abend eine gute Sache für mich getan.«

»Was denn?«, fragt Victoria und späht auf mein Smartphone.

»Er hat mich davor bewahrt, mich mit diesem Arschloch zu treffen.«

Während sie sich die ganzen Nachrichten durchliest, werden ihre Augen immer größer. »Reed«, sagt sie.

»Ich sehe es.« Er nimmt mir das Telefon aus der Hand und liest die Nachrichten erneut. »Arschloch.« Dann beginnt er zu tippen.

»Reed, was machst du da?«, frage ich.

»Ich treffe mich mit dem Typen in einer dunklen Gasse und verprügle ihn für dich.«

Ich reiße ihm das Telefon aus der Hand, bevor er die Nachricht zu Ende schreiben kann. »Ich bin schon ein großes Mädchen.«

Beide sehen mich an, als wollten sie fragen: Bist du das wirklich? Ich hasse diesen Blick. Meine Eltern sehen mich oft genug so an.

»Sag einfach Bescheid.« Reed zwinkert mir zu, als in diesem Moment im Zimmer nebenan sein Handy klingelt. »Bis dann, Chelsea.« Er beugt sich nach vorn, gibt mir zwei Küsschen auf die Wangen und sprintet los. »Reed Warner«, höre ich ihn sagen.

»Du musst nicht gehen. Wirklich nicht«, sagt Victoria.

»Doch, muss ich. Ist schon in Ordnung. Ich muss mir nur etwas einfallen lassen. Und eigentlich habe ich ja schon einen Plan. Alles gut also. Ich muss mich einfach von ihm fernhalten.«

»Ich werde dich vor ihm beschützen.« Sie nimmt mich in den Arm. »Ich sage es dir trotzdem noch mal. Es wäre gut, wenn du dir alles von der Seele reden würdest. Sag ihm alles, was du loswerden willst. Und dann kannst du endlich nach vorn blicken, denn er scheint dich immer noch sehr zu beschäftigen.«

»Du bist wirklich eine heillose Optimistin.« Ich drücke sie fest. »Ich wünsche euch viel Spaß … und lass dich nicht schwängern.«

Spielerisch haut sie nach mir, und ich verschwinde, bevor sie mich noch mal erwischt.

»Du kannst mich jederzeit anrufen«, ruft sie mir nach.

»Danke.« Ich drücke den Knopf des Aufzugs. Nachdem ich eingestiegen bin, winken wir uns ein letztes Mal kurz zu, dann schließen sich die Türen.

Jetzt bin ich allein, und das Einzige, an was ich denken kann, ist die Zeit, als ich noch Mrs. Dean Bennett war. Das ist gar nicht gut.