Ein Krimi vom Rhein

für Jung und Alt

Ursula Frank

Die rätselhafte Geige

Empfohlen ab 10 Jahre

Es war früher Morgen, 5 Uhr. Still lag die Straße da, als sie flüsternd ins Auto stiegen, Papa, Mama und Paul, der gestern acht Jahre alt geworden war. Klapp, Klapp, Klapp fielen die Türen dumpf ins Schloss, und schon rollte der Wagen los in den Sommerurlaub an der See.

Paul hielt das neue Motorschiff in seinem Arm. Behutsam strichen seine Finger über den glänzend roten Lack. So viele Stunden hatte er mit Papa im letzten Winter daran herumgebastelt. Der Test auf einem See in der Rheinaue vor einigen Wochen war ein voller Erfolg gewesen. Alles war dicht, und das Schiffchen gehorchte perfekt auf das kleinste Kommando, schneller als ein dressierter Hund. Jetzt wollte Paul es in den Prielen schwimmen lassen, jenen Wasserlöchern, die eine Weile am Strand zurück bleiben, wenn sich die Nordsee bei Ebbe zurückzieht. Nur vier Stunden Fahrt lagen vor ihnen, dann würde er schon das Meer sehen, die Luft schnuppern, die nach Salz, Fisch und Ferien roch und zu den pfeilschnell durch die Luft jagenden Möwen emporschauen.

Da war auch schon die Autobahn. Eben hatte sich Mama noch zu ihm umgedreht. „Mein Schatz, ich sing dir jetzt das Lied vom Kuckuck“, hatte sie gesagt, aber Mama sang nicht. In Sekunden geschah etwas anderes – etwas Schreckliches. So schrecklich, dass der Kopf einfach zumachte und alles schwarz wurde.

Irgendwann schlug Paul die Augen wieder auf. Er fühlte Gras unter seinen Händen. Ein kühler Lufthauch streifte sein Gesicht. Über ihm blauer Himmel und eine einzige weiße Wolke. Sie war noch klein, eine Kinderwolke. Pauls Kopf war unendlich schwer, nur die Augen konnte er bewegen. Sie hefteten sich an die Wolke und zogen langsam mit ihr weiter. Ein Gesicht beugte sich über ihn.

„Wie geht es dir, mein Junge?“, fragte eine fremde Stimme. „Tut dir etwas weh?“ „Kuckuck“, gab er leise zurück und schloss die Augen.

Es dauerte Tage, bis Paul zu sich kam. Ein weißes Zimmer, ein weißes Bett. Wo waren seine Poster? Da fiel sein Blick auf Annabel, Mamas jüngere Schwester. Sie saß neben seinem Bett und sah unendlich traurig aus. Jetzt beugte sie sich über ihn, und Paul sah, dass sie weinte. Da weinte er auch. Und obgleich Annabel nichts sagte, nur immer wieder über seinen Kopf strich und sein Gesicht küsste, wusste er, auch ohne zu fragen, dass nichts mehr war wie zuvor.

*

Paul lebte von nun an bei Annabel und ihrem Mann Michael in Bonn-Plittersdorf. Er war Arzt und arbeitete im Waldkrankenhaus. Annabel kündigte ihre Stellung am Nikolaus-Cusanus-Gymnasium, weil ihr kleiner Neffe von heute auf morgen ihr Kind, ihr Sorgenkind geworden war, denn Paul war verstummt.

Kein Wort war ihm zu entlocken, seit das furchtbare Unglück geschehen war. Stundenlang wiegte sie ihn auf ihrem Schoß, erzählte ihm Geschichten oder sang leise, auch wenn ihr Herz schwer war. Seine dunklen Augen sahen ins Leere oder blickten sie unverwandt an. In solchen Momenten fürchtete sie seine Frage: Warum? Aber er blieb stumm, als wüsste er, dass es darauf keine Antwort gab. Wie ein Schatten folgte er ihr auf Schritt und Tritt. Nachts öffneten sie weit die Türen zwischen ihren Schlafzimmern und ließen ein kleines Licht brennen. Manchmal erwachte er mit einem Schrei, saß aufrecht im Bett und blinzelte schlaftrunken zu ihnen hinüber. Dann winkte Annabel und schickte ihm einen Kuss durch die Luft, und Paul fiel zurück auf sein Kissen und schlief weiter.

Sie suchten Psychologen auf, Menschen, die die Gabe besitzen, eine kranke Seele anzuschauen und zu heilen.

„Er ist über Nacht stumm geworden und kann sich über nichts mehr freuen. Bitte helfen Sie ihm“, bat Annabel inständig, aber niemand fand den Schlüssel zu seinem Herzen. Paul schwieg und nach einem kurzen Blick auf sein Gegenüber wandte er den Kopf und blickte geistesabwesend zum Fenster hinaus.

Wenn Annabel später fragte: „Wollen wir noch einmal dorthin gehen?“, schüttelte er nur den Kopf. Was wollten diese Fremden mit ihren dummen Fragen: „Wie heißt du? Wie alt bist du? Wie heißt deine Tante? Ist draußen Frühling oder Winter?“

So verging ein viertel Jahr, nichts änderte sich, aber Paul musste nun wieder die Schule besuchen.

„Er ist stumm, aber aufmerksam, er hört mir zu und sieht mich an“, berichtete Herr Wagner, sein junger Lehrer, nach einigen Wochen. „Seinen Nachbarn, den Gregor, lässt er bereitwillig abschreiben, und ich greife nicht ein, um diese zaghafte Annäherung nicht zu stören. In den Pausen zieht er sich zurück und schaut den spielenden Kindern von weitem zu.“

*

An einem heißen Sommertag stieg Annabel mit Paul in den Zug nach Hamburg. Sie hatte einen Tipp erhalten, dort einen Psychiater aufzusuchen, der als der Beste seines Faches galt. Weit vor den Toren der Stadt wohnte er in einem abgelegenen Dorf. Ein Glücksfall, dass er bereit war, Paul anzuschauen, denn er arbeitete schon seit langem nicht mehr.

Als sie in sengender Hitze an der angegebenen Adresse aus dem Taxi stiegen, schlug Annabels Herz bis zum Hals. Heute musste endlich etwas geschehen.

„Bitte sei nicht störrisch, Paul, und sieh ihn an, wenn er mit dir spricht“, ermahnte sie ihn flüsternd. Er entzog sich ihrem Griff, ging wenige Schritte nach vorn und legte die Arme über den morschen, mit Hopfen bewachsenen Holzzaun. Was er sah, gefiel ihm, ein verwilderter Garten mit Obstbäumen, blühenden Büschen und hohem Gras, aus dem mannshohe, wunderliche Figuren aus Stein herausragten. Ihre Köpfe mit tief liegenden Augen und undurchdringlichen Gesichtern waren den Besuchern zugewandt, als wollten sie prüfen, wer sich dem Haus näherte. Am Ende des Gartens duckte sich ein niedriges Haus unter dichtem Weinlaub. Paul klingelte an der Gartentür, und wenig später erschien der Herr Professor. Auf dem holperigen Weg, der sich durch das Dickicht schlängelte, in dem es summte wie in einem Bienenstock, eilte er ihnen entgegen, vorbei an Sonnenblumen, die größer waren als der hinkende Mann mit den schlohweißen Haaren. Lächelnd breitete er die Arme aus, schon bevor er das knarrende Tor weit öffnete. Paul vergaß, seinen Panzer herunter zu ziehen und richtete seine Augen voller Neugier und ohne Scheu auf diesen alten Mann, seltsam fasziniert von seinem gütigen Gesicht mit den tausend Fältchen und der leisen Stimme. Er ließ zu, dass die Hand mit den knotigen Gelenken und den dick hervortretenden Adern seinen Kopf streichelte und sein Gesicht umfing, während sie nah beieinander zum Haus gingen.

Schummerig beleuchtet war der Raum, in den sie eintraten. Die Augen mussten sich erst an die Dunkelheit gewöhnen, um die vielen Bücher wahrzunehmen, die ringsum auf Regalen bis zur Decke reichten und sich auf dem Schreibtisch türmten. Selbst der kleine Tisch und das Sofa mussten erst frei geräumt werden, bevor der Hausherr Annabel bat, Platz zu nehmen.

„Ich lebe seit sieben Jahren allein. Besuch ist eine Seltenheit für mich geworden, so ist das, wenn man übrig bleibt“, meinte er und sah doch nicht traurig aus. Er zog Paul mit sich in die Küche. „Komm, Jungchen, wir holen Apfelsaft, Saft aus meinem Zaubergarten. Du wirst dich wundern, wie der schmeckt. Die schwere Kanne möchtest du sicher für mich tragen.“ Er öffnete den Kühlschrank, und Paul nahm die Glaskaraffe heraus. Ein intensiver Duft stieg ihm in die Nase, den er mit geschlossenen Augen tief einsog. Der Professor beobachtete ihn lächelnd. „Zauberäpfel“, flüsterte er und humpelte mit drei Gläsern vor ihm her ins Wohnzimmer zurück. Nachdem er eingeschenkt hatte, hoben sie feierlich ihre Gläser und prosteten sich zu, als sei es Champagner. „Herzlich Willkommen!“, sagte er. „Euer Besuch ist mir gerade heute eine besondere Freude.“ Paul trank gierig in großen Schlucken, und was da seine ausgedörrte Kehle herunter lief war köstlicher als alles, was er je geschmeckt hatte. „Donnerwetter, einfach himmlisch“, entfuhr es auch Annabel.

Während der Professor und Annabel, die er duzte, als sei sie ihm schon lange vertraut, leise miteinander sprachen, trat Paul an eines der weit geöffneten Fenster. Gerade wollten seine Hände das dichte Weinlaub zerteilen, da vernahm er ein aufgeregtes Rascheln im Gewirr der Blätter über sich. Er entdeckte einen winzigen Kopf, zwei schwarze Augen, die ihn aufmerksam musterten. „Das kann nur Lara sein, mein zahmes Rotkehlchen“, rief der Professor halblaut, „geh nach draußen, Paul, in meinem Garten Eden kannst du viel Schönes entdecken.“

Paul stürmte zur Tür. „Langsam, Jungchen, im Paradies gibt es keine Eile. Wenn du dich sachte näherst, wird kein Tier vor dir fliehen.“ Auf Zehenspitzen trat Paul in das flirrende Licht der Mittagssonne. Es zog ihn zum Teich. Lara war nicht zu sehen, zartblaue Libellen und summende Insekten umschwirrten das modrige Gewässer, in dessen trüber Tiefe geheimnisvolle Schatten ruhelos hin und her glitten.

Der Junge schlich zurück ans Fenster, lugte in den dunklen Raum und lauschte.

„Wissenschaft hat ihre Grenzen, und die Seele bleibt für uns immer ein Geheimnis“, hörte er die Stimme des Professors. „Wir können sie nicht anschauen und ahnen nur die Verletzungen, die der Schmerz ihr zugefügt hat. Paul hat den schrecklichsten Verlust erlitten, den ein Kind erleben kann. Dazu ist er ein hochsensibler Junge, schau doch nur in seine Augen. Aber ich bin sicher, Annabel, deine nie ermüdende Liebe wird diese Wunde heilen. Mein Gefühl sagt mir, dass Großes in deinem Jungen steckt. Ich sage Paul eine ungewöhnliche Zukunft voraus.“

„Aber ich habe Angst, Fehler zu machen“, gab sie zurück.

Da ergriff der alte Mann ihre Hand und hielt sie fest zwischen seinen warmen Händen. „Fehler gehören zum Leben. Wir sind alle schwach und unvollkommen. Man muss sich selbst verzeihen können. Das Wichtigste ist die Liebe, die wir denen schenken, die uns nahe sind. Lass dir und deinem Kind Zeit und verliere nicht den Mut. Eines Tages, wenn du nicht damit rechnest, wird er wieder zu dir sprechen.“

Paul zuckte unmerklich zusammen, Lara hatte sich auf seine Schulter gesetzt. Er hielt den Atem an, rührte sich nicht, damit sie bei ihm blieb. Doch das Rotkehlchen schwang sich in die Luft und flatterte aufgeregt vor ihm her, als wollte es ihm etwas zeigen.

Er folgte ihr durch das Dickicht und kam zu den stummen Gesellen aus Stein. Es waren sieben an der Zahl, die den Zaubergarten, das Haus und den alten Mann bewachten. Paul trat dicht an sie heran, berührte ihren Mund, der auch nicht sprechen wollte, und sah einem jeden forschend in die Augen. Fleckig verwittert starrten sie ihn an, als wollten sie ihn kennen lernen. Seine Hände strichen über den Stein, da spürte er ihre Wärme, und er war sich plötzlich sicher, dass sie lebten und sich bewegten, nachts, wenn niemand sie sah. Im Schutz der Dunkelheit wanderten sie durch den Garten, setzten sich vielleicht an den Teich und sprachen leise mit den Fischen. Paul hockte sich ins hohe Gras und konnte den Blick nicht von ihnen wenden. Wenn er nur lang genug wartete, würden sie ihren Mund öffnen und ihm etwas Wichtiges sagen, denn sie waren alt und weise.

„Paul!“ Annabels Ruf riss ihn aus seinen Träumen. Nur widerstrebend verließ er seinen Platz. Wie gerne wäre er geblieben. Schon von weitem hörte er eine lebhafte Unterhaltung und Annabels übermütiges Lachen.

Auf dem Weg zum Tor schob er eine Hand in die des alten Mannes, der ihn nicht mit Fragen gequält hatte. Dabei lockte er mit schnipsendem Finger die kleine Tigerkatze, die ihnen folgte und sich warm und schnurrend zwischen seine Beine drängte.

Am Zaun blieb er vor dem alten Herrn stehen, hob den Kopf und schaute ihn erwartungsvoll an. Der Professor streichelte sein Gesicht und sagte nachdenklich: „Paul, du trägst eine außergewöhnliche Begabung in dir. Du wirst Annabel und Michael und vielen Menschen Freude bereiten.“ Obgleich der Junge nicht ahnte, was diese Worte bedeuteten, nickte er, als sei er einverstanden, und ein breites Lächeln flog über sein Gesicht.

Das Taxi fuhr vor, der Fahrer wartete bei laufendem Motor. Paul winkte noch einmal seinen sieben schweigsamen Brüdern, bevor er einstieg. Er öffnete das Fenster und streckte den Kopf heraus. Der Professor beugte sich zu ihm herab.

„Heute bin ich 94 Jahre alt geworden, und ich habe von dir soeben ein wunderbares Geschenk bekommen.“

Der Fahrer gab Gas, und der alte Mann verschwand spurlos in einer Staubwolke, als sei er niemals da gewesen.

Auf der Heimfahrt nach Bonn schaute Paul immer wieder zum Himmel hinauf. Stundenlang konnte man unter ihm dahinfahren, so groß und weit war er. Annabel hatte ihm eines Tages erklärt, dass Mama und Papa im Himmel seien, darum stand er manchmal am Fenster und sah hinauf, aber nur, wenn die Sonne schien. Bei Regen zog er alle Vorhänge im Haus zu. Ein weinender Himmel konnte kein schöner Ort sein. Aber heute war der Himmel rot glühend und von weißen, rosafarbenen und zartgrauen Wolken durchzogen. Wo genau sie da oben nun waren, wusste er nicht, ganz sicher an der allerschönsten Stelle. Die heimliche Frage, die so oft schmerzhaft in ihm gebohrt hatte, warum sie ihn nicht mitgenommen hatten, vergaß er heute.

„Die Katze war weich, und sie kitzelte“, sagte Annabel. Paul nickte und schloss die Augen, und er spürte, wie sie noch einmal um seine Beine strich.

„Paul, ich sehe dir an der Nasenspitze an, dass du die Antwort weißt“, sagte Herr Wagner beim Kopfrechnen, als niemand den Finger hob. „Komm her und schreibe an die Tafel, was du herausgefunden hast?“ Paul erhob sich tatsächlich ohne Zögern und ging zum ersten Mal nach vorn. In der Klasse war es mucksmäuschenstill. Er nahm die Kreide und schrieb die Zahl 37. Sie war das Ergebnis einer langen Kettenaufgabe. „Richtig!“, sagte Herr Wagner, „gut gemacht.“ Da klatschten alle, und es fühlte sich für Paul warm an wie Freude.

Am Nachmittag rief Herr Wagner bei Annabel an. „Paul ist ein hoch begabtes Kind, Frau Gerster, wir haben schon oft darüber gesprochen. Sie kennen ja seine schriftlichen Arbeiten. Nur sein Schweigen macht ihn einsam. Doch heute ist mir etwas aufgefallen in der Musikstunde. Wir haben über Mozart gesprochen, die Kinder hörten die kleine Nachtmusik. Kein Kind hat so aufmerksam gelauscht wie Paul bis zum allerletzten Ton. In der Musik, kam mir der Gedanke, liegt vielleicht eine Chance, sein Herz zu öffnen.“

Annabel bedankte sich sehr für diesen Hinweis und seine Anteilnahme am Schicksal ihres Jungen. Dieser Lehrer war ein Segen für Paul. Aufgewühlt rannte sie im Wohnzimmer umher. Dann legte sie kurz entschlossen eine CD von Mozart auf. Erst da wurde ihr bewusst, dass in ihrem Haus seit dem Unglückstag keine Musik mehr erklungen war. Sie ließ sich aufs Sofa fallen und griff wahllos nach einem Buch. Die Tür stand weit offen. Scheinbar in den Text vertieft, beobachtete sie über den Rand hinweg, wie sich langsam die Tür des Kinderzimmers einen Spalt breit öffnete. Halb verdeckt, das Gesicht abgewandt, blieb Paul dort stehen und lauschte.

Annabel schluckte, es war unglaublich, die Musik lockte ihn aus seiner Höhle wie eine Schlange aus dem Korb. Wenn er doch jetzt zu ihr käme, sich neben sie aufs Sofa kuschelte, aber er blieb bewegungslos stehen, als wollte er mit den Tönen allein sein. Verstohlen schaute Annabel auf die Uhr. Schon 25 lange Minuten strömten die sanften Klänge hinüber, um das Herz ihres Kindes aufzutauen, den Eisklotz in seiner Brust zu schmelzen, und der Schatten an der Tür rührte sich noch immer nicht vom Fleck.

Wie gern wäre sie auf Zehenspitzen zu ihm geschlichen, hätte ihn in die Arme genommen und mit sich gezogen, um sein Gesicht zu sehen, denn sie hoffte, dass er lächelte, ihr trauriger Junge, der nicht richtig glücklich sein konnte.

Als die Musik verstummte, wurde die Tür des Kinderzimmers wie von Geisterhand lautlos wieder zugezogen, als wollte Paul die Töne nun bei sich einsperren. Sie wünschte sich Zauberaugen, die durch Türen sehen konnten, um zu wissen, was nun da drinnen geschah.

Kaum drehte sich am Abend der Schlüssel im Schloss, flog sie ihrem Mann entgegen. Atemlos flüsternd hing sie an seinem Ohr und erzählte, was Herr Wagner gesagt und was sie später selbst erlebt hatte.

Am folgenden Tag kam Michael mit Konzertkarten nach Hause. „Am Samstag gehen wir drei in die Beethovenhalle“, sagte er beiläufig beim Abendessen. „Ein junger, ungarischer Geiger, der schon mit Preisen überhäuft wurde, spielt zusammen mit dem Kölner Gürzenich Orchester Vivaldi, Mozart und vieles mehr. Das sollten wir uns nicht entgehen lassen.“

Paul hörte einen Moment auf zu kauen und fuhr mit beiden Zeigefingern wie aufgeschreckt um den Rand seines Tellers. Ein verträumter Glanz lag in seinen Augen, und der Blick schweifte in eine Ferne, in die sie ihm nicht folgen konnten.

*

Schon eine halbe Stunde, bevor sie losfahren wollten, saß Paul in seiner blauen Jacke auf dem Stuhl neben der Garderobe und wartete. Annabel legte ein Buch neben ihn auf die Kommode: „Die großen Entdecker“. Paul verschlang diese Wissensbücher mit Leidenschaft, obgleich sie für sein Alter eigentlich noch nicht passend waren. Doch heute rührte er nichts an, sein Blick blieb nach innen gekehrt auf seine Hände gerichtet, und sie wussten nicht, was in ihm vorging.

Der Platz vor der Beethovenhalle war überfüllt, darum fuhren sie in die nahe gelegene Tiefgarage. Als sie durch den Regen zum Eingang hasteten, riss Paul sich los und stürmte voraus. „Lass ihn“, Michael hielt Annabel zurück, „er geht uns nicht verloren.“ Sie fanden ihn im Gedränge vorne an der Glastür, direkt neben der jungen Frau, die die Eintrittskarten kontrollierte.

Schnell hatten sie ihre Plätze gefunden, in der ersten Reihe, direkt vor den Blumen, die die Bühne säumten. Paul vertiefte sich in das Programm, das Michael ihm in die Hand gedrückt hatte, lautlos formte sein Mund die Namen der Komponisten: Vivaldi, Corelli, Mozart, Beethoven.

Beifall brandete auf, als die Musiker hereinkamen, Paul verfolgte jede Bewegung. Erst als der Geiger mit temperamentvollen Schritten auf die Bühne sprang und sich vor dem Publikum schwungvoll verneigte, sodass sein dunkler, langer Pferdeschwanz in hohem Bogen nach vorne flog, klatschte auch Paul.

Das Orchester begann zu spielen, dann gab der Dirigent dem Geiger das Zeichen zum Einsatz. Paul sah, dass er die Augen schloss, während die ersten Klänge in den Raum schwebten. Er beobachtete genau, wie er sein Instrument hielt und die Finger mit schlafwandlerischer Sicherheit über die Saiten huschten. Dann lehnte er sich im Sitz zurück und schloss auch seine Augen, und es wurde ihm federleicht zumute, als könnte er fliegen. Er glaubte, über Wälder und Seen in eine versinkende Sonne zu gleiten, die sich golden im Wasser spiegelte, bis Nebelschleier emporstiegen und Geister der Luft mit ihm tanzten. Beunruhigt beugte sich Annabel vor, weil sie dachte, Paul sei eingeschlafen.

Irgendwann war es still, tosender Beifall riss ihn aus seiner Verzauberung. Unwillig öffnete er die Augen und hielt sich die Ohren zu. Wozu dieser Lärm? Diese Töne durften sich nur in Stille davonschleichen, sonst stürzte man vom Himmel herab.

Ein Stück folgte dem anderen, und jedes trug Paul fort und zeigte ihm neue, wunderbare Traumbilder, die im Dunst verschwanden, wenn die Musik verstummte.

Als der Künstler sich zum Schluss verbeugte, sprang er von seinem Sitz auf und lief an den Rand der Bühne. Sein Gesicht strahlte, er klatschte, dass seine Hände brannten. Zu seiner Überraschung beugte sich der junge Geiger zu ihm hinunter und ergriff seine Hand. Für einen kurzen Moment sahen sie sich in die Augen als seien sie Freunde.

„Paul, möchtest du auch lernen, Geige zu spielen?“, fragte Michael auf dem Heimweg.

„Er hat genickt“, rief Annabel, die sich sofort zu ihm umgedreht hatte.

Als sie Paul an diesem Abend zu Bett brachte und sich im matten Licht der kleinen Nachttischlampe über ihn beugte, schien er verändert. Entspannt und zufrieden lag er da, und in seinen Augen glaubte sie, Neugier zu entdecken, auf etwas, das bald kommen würde. Sie wagte nicht zu fragen, gab ihm nur einen sanften Kuss, wie hingetupft, und er streichelte zum ersten Mal mit einer scheuen Bewegung ihre Wange.

*

Am folgenden Tag durfte Paul sich im Musikhaus Tonger eine Geige aussuchen. Als sie im Geschäft die Treppe erklommen, sahen sie die Instrumente gleich rechts, sorgsam geschützt in einem großen Glasgehäuse hängen. Paul presste die Nase an die Scheibe und schien jede einzelne zu begutachten, während für Annabel alle gleich aussahen. Ein älterer Herr trat auf sie zu. Nachdem sie ihren Wunsch geäußert hatte, zog Annabel sich zurück. Paul sollte allein seine Wahl treffen. Er nahm eine Geige in die Hand und hielt sie mit einer Selbstverständlichkeit, dass ihm auch der Bogen gereicht wurde.

„Danke, aber unser Paul steht noch ganz am Anfang“, wehrte Annabel freundlich ab, ohne zu verraten, dass er noch nie Geige gespielt hatte.

„Dann lass dir vorspielen,“ meinte der Herr, „wer feine Ohren hat, weiß schnell, welches Instrument zu ihm passt.“ Paul nickte und schloss die Augen, sobald die Melodie erklang. Schon nach Sekunden winkte er ab und wies auf ein anderes Instrument. Annabel wurde unruhig. Es war ihr peinlich, dass der alte Herr geduldig ein Instrument nach dem anderen vorführte, während Paul stumm, aber entschieden alle ablehnte.

„Verzeihen Sie bitte, er ist still, aber er hat einen starken Willen“, versuchte sie sein Verhalten zu entschuldigen. Ihr Einwand wurde nicht beachtet. Der Mann konzentrierte sich nur auf den Jungen. Da endlich! Sie hatte heimlich mitgezählt. Bei der 13. Geige blieb Paul mit hängenden Armen stehen, schien von den Tönen fasziniert und trat auf den Verkäufer zu. Er nahm ihm die Geige aus den Händen, und seine Finger strichen so behutsam über die Saiten als seien es die Fäden eines Spinnennetzes.

*

Nach dem Kauf der Geige begannen unerwartete Schwierigkeiten. Drei Geigenlehrer kamen nacheinander ins Haus, die das stumme Kind für ungezogen und verstockt hielten und laut wurden, bisweilen ärgerlich, wenn Paul nicht befolgte, was sie sagten. Dann streckte er Geige und Bogen weit von sich, das Gesicht in Abscheu verzogen, oder er legte beides auf den Boden, machte einen großen Schritt darüber und verließ das Zimmer.

Annabel war tief enttäuscht, auch weitere Versuche mit neun Lehrern führten zu keinem Erfolg. Als die Tür eines Nachmittags wieder einmal krachend ins Schloss gefallen war, legte Paul den Geigenkasten in seine Kommode und überreichte Annabel den Schlüssel. In seinen Augen las sie Trauer und Wut.

„Es gibt noch andere Lehrer, und wir werden einen für dich finden“, tröstete sie ihn. Er schüttelte den Kopf, trat an die Stereoanlage und legte eine CD auf. Jeden Nachmittag hörte er auf dem Teppich liegend Geigenkonzerte. Schon bei den ersten Tönen kam Luli angerannt, seine kleine Tigerkatze, die er sich nach dem Besuch beim Professor hatte aussuchen dürfen. Sie legte sich quer über seinen Bauch, und er streichelte sie, während sie gemeinsam lauschten.

*

Es war ein Sonntagmorgen im Mai. Paul saß mit seinen Eltern beim Frühstück auf der Terrasse. Vögel zwitscherten in der Akazie, und summende Bienen krochen in den Blüten der Hortensien herum.

Da erklangen plötzlich Geigentöne. Sie flogen vom Nachbargrundstück über die hohe Hecke zu ihnen herüber. Überrascht sahen sie sich an. Ein Konzert im Freien, ein Spieler war nicht zu sehen.

‚Mozart‘ schrieb Paul auf seine Serviette, indem er seinen Zeigefinger ein paar Mal in die Himbeermarmelade tauchte. Annabel wusste nicht, ob sie ihm auf die Hand klopfen sollte, schließlich lachte sie, man konnte ihn nicht erziehen wie andere Kinder. Als der letzte Ton verklungen war, klatschten sie. „Danke!“, rief eine junge Stimme von der anderen Seite. Die drei sahen sich an und dachten das Gleiche.

„Soll ich mal nachschauen?“, fragte Annabel, und Paul nickte. Er beobachtete gespannt, wie sie durch das Tor in der Hecke verschwand. Eine Ewigkeit schien es, bis sie wieder auftauchte, begleitet von einem hoch gewachsenen, schlaksigen, jungen Mann.

„Das ist Thomas“, stellte sie ihn vor, „er ist Student an der Musikhochschule in Köln und wohnt seit gestern nebenan bei seiner Tante.“

„Bitte nehmen Sie Platz“, wandte sie sich an den Gast, „ich hole ein Gedeck für Sie.“ Unauffällig zog sie Michael mit sich fort. Thomas ging in die Hocke vor Paul. Auf gleicher Höhe begegneten sich ihre Augen. Mit verschmitztem Lächeln musterte er den Jungen.

„Ich habe gehört, du liebst Musik und du magst besonders die Geige.“ Paul nickte. „Am liebsten würdest du selber dieses Instrument spielen?“ Wieder ein eifriges Nicken.

„Das eine sage ich dir, wenn man es gut lernen will, also kein Gequietsche, kein Gejaule, du weißt schon, dann muss man sehr fleißig sein und täglich üben.“

Pauls Augen leuchteten. Thomas räusperte sich verlegen, er war nicht gewohnt, ins Leere zu sprechen.

„Du redest nicht gern, Paul, deine Mama hat es mir verraten. Ich halte auch nichts vom vielen Quatschen.“

Paul verzog grinsend das Gesicht. Ein guter Anfang. Thomas gefiel ihm. Er hatte freundliche, grünblaue Augen und einen Stoppelbart, als hätte er sich seit einigen Tagen nicht rasiert. Mittelblondes Haar fiel wellig bis auf die Schultern. Geduldig hielt er still, als ihn der Junge einer genauen Prüfung unterzog und sogar seinen Bart mit den Fingerspitzen berührte.

„Ich könnte dein Lehrer sein, wenn du willst. Wollen wir morgen anfangen?“ Thomas richtete sich auf. Da ergriff Paul seine Hand und hielt ihn einfach fest. „Heute schon? Jetzt?“ Paul nickte, und Thomas lachte. „Na, du gibst ja Vollgas. Gut, ich hole meine Geige, bin gleich wieder da.“

Nach wenigen Minuten zogen sich beide in Pauls Zimmer zurück.

„Das ist Susa“, der junge Mann zeigte auf sein Instrument.

„Du solltest dir für deine Geige auch einen Namen ausdenken. Schließlich soll das deine beste Freundin werden. Mit ihr verbringst du die meiste Zeit, und nun pass gut auf, ich mache dir alles vor. Du brauchst dafür deine Augen und natürlich deine Ohren. Sperr sie weit auf! Sie sagen dir sofort, ob deine Töne etwas taugen.“

*

Zwei Jahre lang kam Thomas fast täglich ins Haus. Es waren die schönsten Stunden des Tages auch für Annabel. Paul übte wie ein Besessener, und ihr blieben die Fortschritte ihres Kindes nicht verborgen. In Riesenschritten ging es voran.

„Paul ist einfach Spitze. Wenn das so weiter geht, kann der von mir bald nichts mehr lernen“, sagte Thomas eines Tages beim Abschied zu Annabel. „Ich bewundere sein Notengedächtnis. Der steckt mich jetzt schon in den Sack.“

„Jetzt übertreibst du aber“, wehrte sie lachend ab.

„Nein, es ist mein voller Ernst, und das Sprechen klappt ja mittlerweile auch ein bisschen.“