DIE AUTORIN
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Franziska Fischer, geboren 1983 in Berlin, studierte Spanische Philologie und Germanistik an der Universität Potsdam. Heute arbeitet sie als freie Lektorin und Autorin für Gegenwartsliteratur und Jugendbücher. Reisen nach Mittelamerika und Mexiko haben sie zu ihrem Debütroman »Das Meer, in dem ich schwimmen lernte« inspiriert. Derzeit lebt sie in Berlin.
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Franziska Fischer
Himmelhoch
Alles neu für Amélie
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1. Auflage
Originalausgabe Oktober 2017
© 2017 by Franziska Fischer
© 2017 by cbt Verlag
in der Verlagsgruppe Random House GmbH,
Neumarkter Str. 28, 81673 München
Alle Rechte vorbehalten
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Umschlagmotiv: Gettyimages (Hero Images),
Shutterstock (Irtsya, Ksenia Lokko, vso, Sundari)
MI · Herstellung: AnG
Satz: KompetenzCenter, Mönchengladbach
ISBN: 978-3-641-16245-0
V001
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Freitag, 2. September
Amélie
Der Sommer riecht nach all den Tagen, die nie wiederkommen werden. Ein Neubeginn ist immer voller Abschiede, er ist so erfüllt von ihnen, dass er ganz schwer davon wird. Ich könnte traurig sein. Doch dort draußen scheint die Sonne mit aller Kraft über weite Felder und durch das geöffnete Autofenster drängt sich warme Luft, in der bereits ein Hauch von Meer liegt, eine Ahnung nur, aber sie reicht aus, um tief im Bauch Sehnsucht zu wecken.
Paul neben mir sagt irgendetwas. Ich sehe seine sich bewegenden Lippen und dann die Hand meiner Mutter, die sie vom Beifahrersitz aus nach hinten zu uns streckt, grüne, rote, gelbe Gummibärchen darauf, Fruchtgummibärchen aus dem Bioladen, ohne tierische Zusätze. Extra für mich. Rasch picke ich mir meine Lieblingsfarben heraus, dann wende ich den Blick wieder nach draußen, dorthin, wo die Welt an uns vorbeizieht, und drehe die Lautstärke meines Handys hoch.
Mehr brauche ich gar nicht. Ein Auto und Monsters von Angus Powell oder andere Musik und ein paar Gummibärchen, Sommerostseewind, der mit den Haaren spielt. Nicht einmal ein Ziel – erst recht nicht das, denn ein Ziel bedeutet, dass wir irgendwann ankommen werden, dass die Bewegung aufhört und mit ihr die Musik, und dann ist es so weit, ich muss wirklich etwas Neues beginnen.
Die Zeit dazwischen ist mir lieber. Die Stunden zwischen dem Ende des einen und dem Anfang des nächsten Lebensabschnittes. In diesen wenigen Stunden ist alles möglich. Auch wenn sie so unscheinbar wirken in ihrer Gleichtönigkeit, dem Grün und Gelb und Braun dort draußen, den Windrädern, dem Asphalt der Autobahn, den Kühen, den Pferden, seltener auch den Rehen, einem Falken auf einem Zaunpfahl, zum Anfassen nah.
Das Lied ist zu Ende und ich höre es noch einmal. Musik ist etwas, über das ich immer wieder im richtigen Moment stolpere. Ich finde sie überall, in den Tiefen des Internets, in Filmen und Serien, in Büchern, auf der Straße, in gelegentlichen Konzerten, und manchmal ist ein Lied darunter, das schon zu mir gehört, bevor ich es entdecke. Es wartet auf den richtigen Moment, und wenn der dann kommt, nehme ich es mit und halte mich daran fest, so gut man sich an Musik eben festhalten kann.
Wenn ich singen könnte, würde ich Musikerin werden, doch wenn ich mich an etwas nicht festhalte, sind das Konjunktive, Unabänderlichkeiten, und deshalb werde ich nie Musikerin. Denn egal, was einem die Erwachsenen erzählen, wenn man so alt ist wie ich, egal, wie frei man sich manchmal fühlt, die Stunde der Möglichkeiten ist immer nur eine kurze Zwischenphase, der Übergang von einem Dasein in das nächste, und die Zukunft, die vor einem liegt, ist von Anfang an begrenzt. Man selbst bildet den Rahmen.
So einfach ist das.
Wir fahren von der Autobahn ab Richtung Wismar. Die Sehnsucht verkümmert zu einem nervösen Zucken irgendwo in der Magengegend. Eine Viertelstunde noch, prophezeit das Navi. Eine Viertelstunde trennen dieses vollgeladene Auto und diese Familie noch von ihrem Neuanfang.
Das ist nicht viel Zeit, wenn man versucht, bis dahin jemand anderes zu werden. Jemand, der sich auf den ersten Tag an einer neuen Schule freut, jemand, der laut kreischt, wenn er ins Meer rennt, jemand, der lächelnd auf Mitschüler zugeht und ganz locker über die vorangegangene Englischstunde spricht, als gäbe es da überhaupt nichts, was man nicht verstehen kann.
Dabei ist dieser Jemand auch nur ein Konjunktiv, es gibt sie nicht, dieses Mädchen, von dem ich hoffe, dass sie in dem fremden Haus, in dem fremden Zimmer auf mich wartet. Alles, was ich bin, und alles, was ich sein kann, bin ich bereits.
»Wir fahren erst ans Meer«, sagt mein Vater genau in der Pause zwischen einem Lied und dem nächsten, und er sagt es auf diese Art, wie er manchmal Dinge ausspricht, die wir alle denken. Also tun wir es, wir fahren immer weiter bis zum Meer, bis wir sie sehen können, endlich, die Ostsee. Hinter einem schmalen Dünenstreifen rechts von der Straße blinzelt sie uns zu, sie winkt fast, sie ruft nach uns, und ich setze die Kopfhörer ab und bilde mir ein, das Rauschen der Wellen zu hören, dabei sind dort kaum welche, nur hier und da eine müde Bewegung des Wassers, ein träges Sich-Strecken.
Weil Paul so ungeduldig auf seinem Sitz herumzappelt, hält mein Vater auf dem nächsten Parkplatz. So ein Sommertag lockt alle aus ihren vier Wänden, die Urlauber und die Menschen, die in dieser Gegend leben, sie alle gehen, laufen, rennen an den Strand, ins Wasser. Auch wir. Mit einem Mal kribbelt die Aufregung in uns, denn das hier, das Meer, das wird unser neues Zuhause. Oder zumindest ein Teil davon.
Wir ziehen die Sandalen aus und spüren den Sand unter den Füßen, rauen, feuchten Sand. Das Wasser leckt an unseren Zehen und hinterlässt einen salzigen Film darauf. Überall riecht es nach Sonnencreme und Backfisch, nach Eis und geschmolzener Schokolade, nach Seetang und Schaumkronen.
»Wo ist mein Buddelzeug?«, kräht Paul und fängt schon mal mit den Händen an, Sand für eine Burg aufzuschichten, die neue Hose voller Flecken. Nicht einmal Mama stört das gerade. Sie und mein Vater stehen ganz ruhig am Ufer, die Arme einander um die Taille gelegt.
Dieser Nachmittag fühlt sich so an, als wolle er uns begrüßen. Er gibt sein Bestes mit all dem Lachen und dem Appetit auf Eiscreme, mit der Sonne und dem Lüftchen, das vom Meer her über die verschwitzte Haut streift, mit den Schwänen, die hier irgendwie verkehrt aussehen, Schwäne auf dem Meer, und darüber ein Schwarm Möwen, der wohl darauf wartet, dass der Abend kommt und der Strand leer wird, die Eröffnung des Buffets.
Jetzt gibt es kein Zurück mehr. Die Wohnung in Berlin ist gekündigt und wurde bereits von Nachmietern beschlagnahmt, der Umzugswagen hat schon vor anderthalb Wochen all unseren Besitz hierher verfrachtet, nur wir, Paul und ich, wir beide sind die Letzten, die zurückgeblieben sind, zusammen mit noch ein paar Koffern, und jetzt sind auch wir angekommen. Obwohl meine Eltern sich stundenlang mit mir über diese Entscheidung unterhalten haben, obwohl wir alle dachten, eine neuer Ort wäre eine gute Abwechslung für uns, obwohl es so viele Dinge gibt, auf die ich mich freuen kann, spüre ich jetzt diesen Klumpen dort, wo eben noch das Kribbeln gewesen ist. Schwer und fest ist er, ein Klumpen aus all den Sorgen und Gedanken, die ich beschlossen habe herunterzuschlucken, denen ich keine Beachtung schenken wollte. Nur verschwinden sie dadurch nicht, sie sammeln sich, sie kleben aneinander.
»Kommt, Kinder!«, ruft mein Vater. »Wir haben heute noch eine Menge zu tun.«
Paul murrt beleidigt, weil er eine halb fertige Sandburg zurücklassen muss, aber das ist kein Problem, das eine Kugel Vanilleeis nicht lösen könnte. Ich brauche schon zwei Kugeln, Himbeere und Schokolade, trotzdem bleibt der Klumpen in meinem Bauch zurück.
Lange fahren wir nicht mehr. Nur ein Stückchen noch führt die Straße zurück ins Landesinnere, an Wiesen und Feldern vorbei, an vereinzelten Höfen und ein paar Waldgruppen. Von der Großstadt aufs Land. Wäre ich so wie andere Mädchen in meinem Alter, wäre ich so wie die meisten Mädchen in meiner Klasse, oder besser: in meiner ehemaligen Klasse, ich hätte rebelliert, geschrien, mich geweigert, ich wäre ausgezogen oder weggelaufen, ich hätte mir die Haare grün gefärbt. Stattdessen habe ich einfach meine Sachen gepackt, alles aussortiert, was ich nicht mehr haben wollte, bis nichts mehr übrig blieb als drei Kisten voller Bücher und Kleidung und eine mit dem ganzen Rest.
Schließlich bin ich einer der Gründe, aus denen wir überhaupt hierher ziehen. Einer von vielen.
Gelb und unschuldig steht das Ortseingangsschild am Wegesrand, so als wäre das ein ganz gewöhnliches Dorf und nicht unser zukünftiges Zuhause. Habichtsburg. An die vierzig Häuser gibt es hier, davon sind über zwanzig Ferienhäuser, eines ein Hotel und eines tatsächlich eine Burg. Wer auch immer hier bereits lebt, wir werden die Menschen ziemlich schnell kennenlernen. Ich hoffe, sie sind alle bereits über sechzig und weitestgehend taub, damit meine Mutter mich nicht dazu zwingen kann, mich mit ihnen anzufreunden, denn das tut sie manchmal gern. Immer noch.
Die schmale Asphaltstraße mündet in einem Kopfsteinpflasterweg, an dessen Ende, dicht an endlosen Wiesen und Getreidefeldern, ein gelb gestrichenes, reetgedecktes Haus steht. Zwei Etagen, dazu Keller und ausgebauter Dachboden.
Wir haben es schon einmal gesehen, Paul und ich, gleich nachdem unsere Eltern von ihrem dritten oder vierten Ostseetrip zurückkamen. Sie waren begeistert, zum ersten Mal, und trotzdem wollten sie uns das neue Haus erst zeigen, bevor sie es wirklich kaufen würden. Paul schien die Vorstellung, aufs Land zu ziehen, nicht besonders zu erschrecken. Da er nach den Sommerferien eingeschult wird, hätte sich für ihn ohnehin einiges geändert. Er hätte seine Kindergartenfreunde nur noch selten gesehen, wir hätten kaum noch Zeit für den Spielplatz gehabt, und seit er einmal bei Rot über eine Ampel gerollt ist, darf er in der Stadt auch nicht mehr Fahrradfahren. Hier haben wir einen Garten, einen Spielplatz in der Nähe und Fahrradpromenaden am Meer entlang. Mit den richtigen Argumenten kann man ihn ziemlich leicht von etwas überzeugen.
Feierlich steigt mein Vater aus und öffnet das Gartentor, das die Zufahrt zur Garage versperrt. Er winkt uns sogar zu, als meine Mutter den Wagen vor dem Garagentor parkt, und auf einmal kehrt die Aufregung zurück, überall kitzelt dieses Gemisch aus Vorfreude, Neugier und Angst, so sehr, dass auch Paul ganz zappelig wird, mehr als sonst noch. Hastig schnallen wir uns ab und laufen um das Haus herum, so als wäre es unmöglich, den Eingang zu finden. Mein Vater lacht, während er die Tür aufschließt, und auch wenn wir unser zukünftiges Zuhause bereits gesehen haben, weiß ich schon nicht mehr so genau, wie es von innen aussieht.
Paul und ich rennen um die Wette. Eine rote Einbauküche vor weißen Wänden, ein Wohnzimmer mit Glasveranda und einer Essecke, ein Bad mit Duschkabine.
»Ich bin schneller als du!«, ruft Paul und spurtet bereits die Treppe nach oben. Für einen Moment überlege ich, ihn zurückzurufen, damit er die Schuhe auszieht, doch unsere Hausschuhe lagern noch in den Koffern und überall auf den Fliesen sieht man Schuhsohlenabdrücke, die der Umzugsleute vermutlich und die Spuren meiner Eltern der letzten Tage. So richtig gehört das Haus noch niemandem, ganz unpersönlich sieht es aus, trotz des Chaos’, das die herumstehenden Möbel und Kisten verströmen.
»Das ist mein Zimmer!«, ruft Paul schon, als ich ihm folge, aber in dem schmalen Raum stehen der Schreibtisch meiner Eltern und ein kleines Sofa, nicht gerade die passende Einrichtung für einen aufgeregten Sechsjährigen.
»Das bezweifle ich«, antworte ich ihm und öffne die nächste Tür zu einem hellen, großen Zimmer mit maisgelb gestrichenen Wänden. Das Renovierungsunternehmen, für das mein Vater ab Montag arbeiten wird, gehört einem ehemaligen Schulfreund von ihm. Zur Begrüßung haben sie das gesamte Haus neu gestrichen, jedes Zimmer in der Farbe, die wir haben wollten, sodass ich auch ohne die wie einfach hingeschmissen herumliegenden Schrankteile wüsste, dass ich im Schlafzimmer meiner Eltern stehe.
Erst die nächste Tür, die neben dem zweiten Bad mit großer Wanne, führt mich in Pauls zukünftiges Reich.
»Hier, das ist deins!«, rufe ich ihm zu, und sofort kommt er angewetzt, die Wangen ganz rot vor Aufregung.
»Ja, das ist meins!«, schreit er begeistert, öffnet eine der Kisten und beginnt sofort damit, nach seinem Lieblingsball zu suchen, mit dem er als Erstes den Garten einweihen wird. Er beachtet kaum die wirklich kunstvollen Wandverzierungen, das Blau bis zur Hälfte, die gemalten Fische darin, und auf der gegenüberliegenden Wand ein ganzer Dschungel mit Bäumen, Kletteraffen und bunten Schlangen. Es muss Papas neue Kollegen ganz schön viel Zeit gekostet haben, solche Gemälde an die Wände zu zaubern. Wahrscheinlich ist sein Chef einmal ein sehr guter Freund von ihm gewesen.
Da Paul nun beschäftigt ist, kann ich endlich mein Zimmer besichtigen, das noch eine Etage höher liegt. Der ganze Dachboden gehört mir, zumindest fast der ganze. Hinter der kleinen Galerie, auf der die Treppe endet, öffne ich die Tür, die zu meinem Wohnbereich führt. Mit all den Schrägen ist der Raum dann zwar doch nicht ganz so groß, wie ich ihn in Erinnerung habe, aber deutlich größer als mein altes Zimmer, mit Fenstern in den geraden Wänden, eines nach Osten, eines nach Westen. Ab jetzt lebe ich zwischen Sonnenaufgang und Sonnenuntergang.
Die Dachschrägen sind mit Holzpaneelen verkleidet, die niedrigen Wände darunter in einem etwas dunkleren Gelbton gestrichen als dem, den meine Eltern sich ausgesucht haben. Den Rest wollte ich weiß lassen. Wegen des Lichts.
Mein Bett ist schon fertig aufgebaut, sogar bezogen ist es bereits, frisch und neu wie ein Willkommensgeschenk, und in der Fensternische neben der Tür steht der Schreibtisch. Meine restlichen Möbel hat Paul bekommen, da sie wegen der Schrägen nicht in dieses Zimmer passen. Wir werden Holzregale und niedrige Kommoden bauen, die genau an die Wände unter den Dachschrägen passen, aber das hat Zeit, das kommt später. Für den Anfang reicht das, was da ist, das neu riechende Zimmer, mein Schreibtisch, mein Bett, meine vier Kisten und ich.
Langsam trete ich an das Fenster Richtung Osten und öffne die Glastür daneben, die auf einen kleinen Balkon führt, wie es aussieht, gerade einmal groß genug für einen Stuhl und einen winzigen Klapptisch, aber immerhin, ein Balkon ganz für mich allein.
Etwas schräg gegenüber steht ein weiteres Haus, dahinter erstrecken sich ein Maisfeld und grüne Wiesen. Ich trete hinaus in den Sommer. Der Geruch nach Wiese und Meer, die Luft ist voller Sauerstoff, man kann sie fast anfassen, so anders riecht es hier. Nicht ein Fetzen Großstadtluft schwebt über dem Dorf, das sich nach links hin verzweigt, ein paar kleine Straßen, Kopfsteinpflaster und Asphalt, Einfamilienhäuser. Ein paar dahingestreute Gebäude, Wohnparadiese für Urlauber und Rentner und Menschen wie meine Eltern, die an der Ostsee geboren wurden und wussten, dass sie irgendwann einmal dorthin zurückkehren würden, die still und leise auf die erstbeste Gelegenheit dazu warteten. Ich blicke über die Felder und den Waldstreifen hinweg, denn irgendwo dort liegt das Meer. Nur ein kleines, ruhiges Meer, das müde in einer großen Bucht hin- und herschwappt, doch immerhin riecht es nach Salz und nach Ferne, bis hierher, und es kommt mir so vor, als würde ich dort hinten am Horizont das Glitzern reflektierter Sonnenstrahlen sehen können.
Unten rast Paul mit seinem Ball durch den Garten, während meine Mutter am Zaun steht. Natürlich hat sie bereits Bekanntschaft mit den Nachbarn geschlossen, das ist für sie fast wichtiger, als das Küchengeschirr auszupacken. Die Frau, mit der sie sich unterhält, sieht sehr schick aus, obwohl sie Gartenhandschuhe trägt und sich ein paar Haarsträhnen aus ihrem Dutt gelöst haben, aber es gibt solche Menschen, die Eleganz und Sicherheit ausstrahlen, selbst wenn sie ungeduscht sind und in Jogginghosen herumlaufen. Die Frau lächelt viel und fuchtelt mit der kleinen Schippe herum, mit der sie gerade noch in der Erde gewühlt hat. Hinter ihr treten zwei Jugendliche aus dem Haus, etwa so alt wie ich sind sie, möglicherweise auch ein bisschen älter. Sie nicken freundlich und geben meiner Mutter die Hand, ein Pärchen vielleicht oder Geschwister, und jetzt ist es meine Mutter, die spricht und nach oben deutet, auf das Haus hinter sich, auf die obere Etage, die, in der ich lebe.
Rasch schlüpfe ich in mein Zimmer, weg von der Tür. Natürlich ist das ziemlich albern, genauso gut hätte ich freundlich lächeln und winken und anschließend nach unten gehen können, um mich vorzustellen. Bestimmt hätten wir uns sehr nett unterhalten, vielleicht spielen die beiden sogar Fußball oder haben Lust auf eine kleine Fahrradtour, wahrscheinlich gehen sie auf dieselbe Schule, auf die ich ebenfalls kommen werde. Das alles werde ich nicht erfahren, zumindest heute nicht mehr.
Spätestens jetzt weiß ich, dass dieses andere Mädchen doch nicht auf mich gewartet hat. Hier ist niemand, der sich freut, dass noch andere Menschen in seinem Alter in der Gegend leben, dass man zusammen zur Schule fahren oder abends einen Film gucken kann. Dieses Mädchen, von dem ich so gehofft habe, dass es hier sitzt und auf mich wartet, dieses Mädchen gibt es nicht.
Freitag, 2. September
Amélie
Das Haus summt, so vollgestopft ist es mit Aufregung und Freude und den ersten Spuren von Erschöpfung. Paul springt immer wieder auf den Treppen herum, und immer wieder ermahnt ihn meine Mutter, in sein Zimmer zu gehen und sein Spielzeug aufzuräumen. Obwohl das der einzige Raum ist, in dem bereits alle Möbel fertig aufgebaut an ihrem Platz stehen, bin ich mir sicher, dass man von einem Sechsjährigen nicht erwarten kann, vier Umzugskartons voller Playmobil, Lego, Spielzeugautos, Tierfiguren, Bücher und Kuscheltiere allein auszupacken. Mitleidig streiche ich ihm über den Kopf, als er zum wahrscheinlich zehnten Mal an diesem Tag in sein neues Zimmer trottet und so tut, als würde er fleißig einräumen. Allerdings habe ich auch keine Zeit, ihm zu helfen. Während meine Mutter die Stereoanlage anschließt und alle Kabel vom Fernseher, dem DVD-Player und der Musikanlage entwirrt, werde ich für den Küchendienst abkommandiert. Irgendwie habe ich mir das anders vorgestellt. Zum Beispiel, dass meine Eltern in den anderthalb Wochen, die sie schon länger hier wohnen als Paul und ich, bereits alles fertig eingerichtet haben. Stattdessen haben sie die letzten Streicharbeiten abgeschlossen, Teppiche und auf Raten eine Einbauküche gekauft und ein neues Sofa für das Wohnzimmer ausgesucht, da wir das alte völlig durchgesessen und mit zerrissenen Bezügen einem gnädigen Recyclinghof überlassen haben. Vier Tage lang hat meine Mutter schon halbtags in dem Bioladen in Wismar gearbeitet, in dem sie nach über einem Jahr Arbeitslosigkeit eine Stelle gefunden hat, und auch mein Vater musste noch ein paar Dinge mit seinem neuen Chef abklären.
In drei Tagen ist Montag, in drei Tagen treten meine Eltern ihre Jobs in Vollzeit an, und wir laufen in einem nur halb eingerichteten Haus herum, das zudem an vielen Stellen noch Renovierungsbedarf zeigt. In einen Kellerraum, beispielsweise, traut sich niemand wirklich rein, weil er zwar trocken, aber ziemlich verkommen und unheimlich wirkt, ohne Fenster und mit alten Schränken, die sich noch in dem Haus befanden, als meine Eltern es preiswert kauften. Aber es ist unser Haus. Unser Zuhause. Mit Terrasse und Garten, mit Sommermeeresluft, mit zehn Minuten Fußweg bis zum Ostseestrand.
Wir werden hier leben. Wir werden hier glücklich sein, ganz sicher werden wir das, und einfach vergessen, weshalb wir das vorher nicht waren, Mamas Arbeitslosigkeit, Pauls Therapien.
Ich wische die Küchenschränke aus und räume das Geschirr ein und die Vorräte, die wir noch aus Berlin mitgenommen haben, trage ich hinunter in den Keller, in dem ein kleiner Raum als Speisekammer dient. Kahler Boden, leere Regale an den Wänden und ein winziges Fenster knapp über dem Erdboden, mehr ist das nicht. Auch wenn Speisekammer irgendwie elegant klingt, nach ganzen Regalen voller eingewecktem Obst und selbstgekochten Marmeladen. Es riecht ein bisschen muffig hier unten, Staub hat sich auf den Regalbrettern angesammelt, also hole ich das Putzzeug und poliere alles, bis die Bodenfliesen glänzen und ich die Lebensmittel ruhigen Gewissens aufreihen kann. Noch sieht es dürftig und leer aus, bis zu unserem ersten Großeinkauf vermutlich. Wir lieben Großeinkäufe, obwohl wir sie sehr selten unternehmen. Aber wenn, dann wird der Einkaufswagen vollgeladen mit Nudeln, Dosenpfirsichen, Keksen und Tiefkühlerbsen, bis die Lebensmittel ausreichen, um einen Atomkrieg zu überleben. Sofern wir auch den passenden Bunker dafür hätten.
Da ich schon mal hier unten bin, wische ich auch gleich noch den Flur, an den sich die Speisekammer, das Duschbad mit der Waschmaschine, der Heizungsraum und das leere Zimmer reihen. Alle Räume bis auf den einen besitzen ein ebenerdiges Fenster. Bisher habe ich mich gar nicht gefragt, wer vorher in diesem Haus gewohnt hat und wie lange, ob vielleicht die Seele eines hier kürzlich Verstorbenen durch die Zimmer geistert, denn etwas muss es ja sein, einen Schaden muss das Haus ja haben, sonst hätten wir es uns nie leisten können.
Ein bisschen gruselig ist der Keller schon, wenn man über solche Dinge nachdenkt. Eilig gehe ich wieder nach oben, wo meine Mutter mittlerweile dazu übergegangen ist, unsere Familienspiele in den Wohnzimmerschrank einzusortieren, zusammen mit ihrer umfangreichen Sammlung von Kerzen und Teelichtern, den DVDs – die meisten davon für Kinder, weil Filme das Einzige sind, das Paul auch über einen längeren Zeitraum ruhigstellen kann –, Tischdecken und Vasen.
»Ich bin fertig«, sage ich und meine damit: Keine Ahnung, was ich als Nächstes machen soll.
Aus der zweiten Etage dröhnt Pink Floyd in voller Lautstärke. Klingt so, als hätte mein Vater zum Musikhören aus purer Verzweiflung den Computer eingeschaltet. Pink Floyd deutet immer auf eine sehr unausgewogene Stimmungslage seinerseits hin.
»Frag Papa«, ist alles, was meine Mutter mir antwortet, ein Lächeln mit einem genervten Augenrollen. Sie ist Meisterin darin, zwei an sich grundverschiedene Gefühlsäußerungen miteinander zu kombinieren. Hintereinander gehen wir nach oben, wo die Musik so dicht durch die Räume wabert, dass man das Gefühl hat, gegen sie zu laufen. Überall auf dem Boden liegen Matchboxautos und Tierfiguren herum und dieses ganze Plastikkleinzeug aus Überraschungseiern. Als Erstes dreht meine Mutter die Lautstärke der an den Laptop angeschlossenen Boxen herunter, bevor wir zu meinem Vater ins Schlafzimmer gehen.
»Na ihr?« Er blickt uns entgegen, mit dunklen Rändern unter den Augen, die Haare sind zerstrubbelt und voller Staub, an seiner Hose kleben die braunen Abdrücke kleiner Finger und in der rechten Hand hält er denselben Akkuschrauber, den er bereits vor zwei Stunden umklammerte, als ich nach unten ging, um die Küche einzuräumen.
Meine Mutter schüttelt seufzend den Kopf. »Pink Floyd?«, fragt sie dann. »Und ich dachte, du hättest ein abgeschlossenes Bauingenieurstudium.«
»Das hat doch nichts mit Möbeln zu tun.« Er seufzt entnervt und blickt auf die Schrankteile, die nicht wirklich so aussehen, als wären sie heute schon besonders motiviert aneinandergefügt worden.
»Warst du das?« Mama deutet auf die fast aufgegessene Tafel Schokolade, die neben einer Ladung Legobausteine auf dem Boden liegt.
»Äh«, antwortet mein Vater irritiert. »Wo kommt das denn her?«
»Wird wohl die Katze hereingeschleppt haben.«
Wie auf Kommando tapst Paul in den Raum und grinst uns alle zufrieden an, Schokoladenspuren überall im Gesicht und an der Kleidung. »Ich hab auch ausgepackt, wie Mama gesagt hat«, stellt er klar. »Und jetzt bau ich einen Schrank, so wie Papa.«
»Nein, mein Freund, du gehst jetzt unter die Dusche und danach räumst du all dein Spielzeug in dein neues Zimmer.« Mit diesen Worten schnappt sich meine Mutter meinen kleinen Bruder und trägt ihn ins Badezimmer, ohne dass er protestiert. Wahrscheinlich ist er froh, keinen Ärger bekommen zu haben. Normalerweise verwischt er die Spuren seiner Missetaten effizienter.
»Wirklich, Papa. Ein Hochhaus kriegst du hin, aber so einen einfachen Kleiderschrank nicht?«
»Jetzt fang du nicht auch noch an«, knurrt er. »Außerdem sind die Hochhauszeiten schon ein bisschen her.«
Ich hocke mich neben ihn und lehne meinen Kopf gegen seine Schulter. Nur für einen Moment schließe ich die Augen, doch es reicht, um mich ruhiger zu fühlen, ein winziges bisschen mehr angekommen. »Hier«, sage ich anschließend. »Teil B1. Und dort ist C3, und übrigens brauchst du eine Rundkopfschraube, keine Linsenkopfschraube.«
Wir schweigen, während der Schrank immer mehr wie ein Schrank aussieht. Als uns meine Mutter etwa zwei Stunden später zum Abendessen ruft, ist er komplett aufgebaut, Pauls Spielzeug ordentlich verstaut und kein einziger vollgepackter Umzugskarton mehr im Wohnzimmer zu finden. Der Radiomoderator verspricht ein sonniges Wochenende, über das wir uns wohl freuen würden, hätten wir die Zeit, mit unseren Badesachen an den Strand zu gehen. Doch immerhin essen wir nicht in der winzigen, immer vollgestopften Küche in einer unterkühlten Berliner Altbauwohnung, sondern draußen auf unserer Terrasse, auf einer Picknickdecke auf dem Boden, denn Gartenmöbel haben wir noch nicht. Meine Mutter hat den Salat bereits verteilt, dazu gibt es Ofenkartoffeln und Kräuterquark, und in dem Kirschbaum neben uns turnt ein Eichhörnchen herum.
Wie jedes Mal vor dem Essen darf Paul seinen Kindergartenspruch aufsagen. Wir reden wenig, das machen wir meistens so. Vielleicht sieht das von außen so aus, als hätten wir uns nichts zu erzählen, doch in Wahrheit ist es gerade diese Ruhe, unser Schweigen, das all unsere Gedanken auffängt. Hinterher, nach dem Essen, als es Nachtisch gibt, plappert Paul munter über all die tollen Dinge, die er in unserem Garten bauen will, und Mama erstellt einen Plan für die kommende Woche, damit wir die noch unerledigten Umzugsdinge möglichst bald erledigt haben. Wir werden alle etwas Neues beginnen. Manchmal fühlt sich das so an, als würden wir uns innerlich an den Händen halten, als würden wir dieses Gefühl des Neubeginns so sehr teilen wollen, dass wir es in jeden Winkel eindringen lassen.
»Was haltet ihr davon, ein bisschen Gemüse anzupflanzen?«, fragt meine Mutter nachdenklich, nachdem auch die Schüsseln mit der roten Grütze ausgekratzt sind. »Dort hinten ist noch jede Menge Platz für ein paar Beete.«
»Wenn du das machst.« Pflanzen entwickeln in meiner Gegenwart gern ungeahnte Selbstmordtendenzen, weshalb ich die paar Blümchen, die auf unserem kleinen Balkon in unserer alten Wohnung wuchsen, genauso wenig angerührt habe wie die Zimmerpflanzen, die meine Mutter so gern sammelt.
»Eines nach dem anderen, Karla. Lass uns erst mal richtig ankommen.« Mein Vater lehnt sich, auf seine Arme gestützt, zurück, die Sonne scheint in sein Gesicht und er lächelt zufrieden, jetzt, nachdem er den Schrank besiegt hat.
»Außerdem brauche ich noch einen Buddelkasten«, betont mein Bruder.
»Ach Paul, du kommst doch jetzt in die Schule, bald macht dir Buddeln gar keinen Spaß mehr. Mal ganz davon abgesehen, dass wir jetzt einen Strand vor der Haustür haben. Wenn du Sand willst, brauchst du nur zwei Minuten mit dem Fahrrad zu fahren.«
Die Sache mit dem Meer um die Ecke ist tatsächlich etwas, woran man sich gewöhnen muss, das man immer wieder vergisst.
Wir räumen das schmutzige Geschirr zusammen, und obwohl uns aus jeder Ecke des Hauses noch jede Menge Arbeit entgegenschreit, setzen wir uns in die Abendsonne, nur kurz, nur noch ein winziges bisschen. Paul tobt fröhlich auf dem perfekt gemähten Rasen herum, der wohl bald schon nicht mehr so frisiert aussehen wird. In Berlin haben mein Bruder und ich uns ein Zimmer geteilt, mehr als drei Zimmer hatten wir dort nicht. Das neue Haus ist purer Luxus. Fast schon ein Schloss. Ich werde sein Schnarchen nicht mehr hören, genauso wenig wie die Autos, die immer zu jeder Tages- und Nachtzeit mit fünfzig Sachen über die Straße brausten. Stille ist hier nichts, das man sich mühsam erkämpfen muss. Zumindest nicht, sobald Paul in seinem Bett liegt, in seinem eigenen Zimmer.
Von der anderen Seite des Zaunes winkt uns die Nachbarin zu. »Hier ist die Erdbeermarmelade, von der ich dir erzählt habe«, ruft sie meiner Mutter zu. Dieses Kommunikationsgen meiner Mutter scheint eine Generation ausgelassen zu haben, zumindest habe ich nichts davon abbekommen.
Bevor ich ins Haus flüchten kann, steht meine Mutter bereits auf und nimmt meine Hand, als wäre ich ein kleines Mädchen, das im Supermarkt nicht verloren gehen soll.
»Mama«, zische ich, aber sie lächelt nur und murmelt: »Ich kenne dich doch.«
Natürlich kennt sie mich.
»Das ist meine Tochter Amélie«, stellt sie mich der neuen Nachbarin vor. Mittlerweile trägt sie keine Jogginghose mehr, sondern eine enge Jeans und eine bunt gemusterte Sommerbluse mit dazu passenden Ohrringen.
»Hallo Amélie, ich bin Manuela. Du kannst mich ruhig duzen.«
Ich lächle so freundlich wie möglich und ergreife kurz die mir entgegengestreckte Hand. Wenn diese Begrüßungszeremonie jetzt auch noch auf den Rest der Familie ausgeweitet wird, fange ich an zu schreien. Zumindest innerlich. Allerdings habe ich mich dann doch ganz gut im Griff, als die beiden Kinder aus dem Haus treten und mit ihnen ein groß gewachsener Mann, der ebenfalls freizeitlich gemütlich tut in einer schwarzen Cargohose und einem moosgrünen T-Shirt, ohne einen einzigen Fleck irgendwo, die Haare mit Gel in Form gebracht und um ihn herum eine Wolke Aftershave.
Offenbar ist meine Mutter gewillt, sich mit jedem anzufreunden, der auch nur annähernd ihrer Altersklasse entspricht, und mich gleich ebenfalls mit neuen Bekanntschaften zu versorgen. Sven, Isabella, Linus. Vater, Tochter, Sohn. Sehr erfreut.
Das Mädchen nickt und lächelt auf eine warme Art, die so etwas wie ein Willkommen bedeuten könnte. Ihre Haare sind sehr lang und sonnenblond, und obwohl ich etwa zwei Meter von ihr entfernt stehe, kann ich den Sommer darin riechen.
»Auf welche Schule kommst du?«, fragt sie.
»Anna-Seghers«, antworte ich, nachdem meine Mutter mir einen unauffälligen Knuff in die Taille verpasst hat.
»Hey, wir auch.« Isabella lacht, als würde sie sich tatsächlich darüber freuen. »Dann können wir doch am Montag zusammen fahren. Meist nehmen wir das Rad, das dauert gut dreißig Minuten. So zeigen wir dir gleich den Weg und du kennst in der Schule immerhin schon jemanden. Das ist doch super, oder?«
»Was für eine tolle Idee«, antwortet meine Mutter mit dieser übertriebenen Begeisterung, mit der sie häufig mal versucht, mir irgendwelche furchtbaren Dinge schmackhaft zu machen. Neue Freunde. Babysitterstunden bei Paul. Ausflüge zum Baumarkt. Ich bin doch nicht mehr sechs und muss händchenhaltend bis vor die Klassentür gebracht werden, damit ich unterwegs nicht verloren gehe.
»Klar«, sage ich müde und so leise, dass sie es kaum verstehen können.
Isabella lacht wieder, ein sehr klares, kühles Lachen wie frisches Leitungswasser an einem heißen Tag wie heute. Erfrischend, ein wenig prickelnd, aber mit einem dumpfen Nachgeschmack. Ich könnte nicht sagen, ob sie diese Fröhlichkeit wirklich empfindet oder ob sie nur ein Versuch ist, eine Brücke zu schlagen, ob das Lachen tief aus ihrem Inneren kommt oder wie von selbst aus ihrer Kehle hüpft, ohne irgendein Gefühl darin. »Toll, dann treffen wir uns am Montag zehn nach sieben hier draußen. Mit Rädern.«
Ich nicke und nutze den Moment des Schweigens, um nach einem hastig hingeworfenen Abschied ins Haus zu laufen. Glücklicherweise haben wir noch so viel zu tun, dass das nicht einmal unhöflich war. Damit mir meine Mutter meine Flucht nicht vorwerfen kann, beginne ich auch gleich damit, die beiden Bäder gründlich zu putzen. Als ich damit fertig bin, liegt Paul bereits im Bett und meine Eltern machen es sich vor dem Fernseher gemütlich. Irgendwann muss jedes Arbeiten einmal enden, also gehe ich nach oben, um ein wenig zu lesen. Es ist zwar noch hell draußen, doch die Dämmerung schleicht sich bereits über die Felder. In der Deckenlampe befindet sich keine Glühbirne, aber ich bin zu müde, jetzt nach einer zu suchen, also begnüge ich mich mit meiner kleinen Leselampe und ein paar Kerzen. Auch wenn der Raum noch etwas kahl wirkt, strahlt er durch die warmen Farben des Holzes und der Wände eine gewisse Gemütlichkeit aus. Eine Weile blättere ich in meinem Roman, kann mich aber nicht so richtig konzentrieren.
Draußen trillern die Vögel ihr Gute-Nacht-Konzert. Ich trete auf den Balkon hinaus in die immer noch warme Abendluft. Wenn ich nicht so erschöpft wäre, würde ich zum Strand laufen, ein bisschen durch die Gegend spazieren.
Im Garten flattert eine Fledermaus in aufgeregten Kreisen zwischen den Bäumen. Ich versuche, sie dabei zu beobachten, doch sie fliegt so schnell, dass ich sie immer wieder aus den Augen verliere, als wüsste sie, dass ich sie zu verfolgen versuche. Wahrscheinlich spielt sie ein Spiel mit mir, nur habe ich die Regeln noch nicht ganz verstanden.
Eine Bewegung im Haus gegenüber lenkt meine Aufmerksamkeit ab. Auch dort klammert sich ein Balkon oben am Dachboden an die Fassade. Darauf steht Linus. Er starrt in den Garten hinunter und sieht so aus, als würde er ebenfalls die Fledermaus beobachten, ihre Kreise und ruckartigen Flugbewegungen, mit denen sie Hindernissen ausweicht, vielleicht jagt sie auch Mücken und Fliegen.
»Hast du das gesehen?«, würde ich gern hinüberrufen, tue es aber nicht.
Als er mich bemerkt, dreht er sich um, schließt die Balkontür und zieht die Vorhänge zu.
Montag, 5. September
Linus
Ich liebe Isas Frisierkommode. Das altmodische Teil haben wir auf einem Flohmarkt in Lübeck entdeckt. Obwohl es ziemlich ramponiert aussah, hat mein Vater es ihr nach drei Stunden Betteln gekauft und aufhübschen lassen, und jetzt blockiert meine Schwester nicht mehr jahrhundertelang das Bad, sondern verwurschtelt ihre Haare lieber in ihrem Zimmer. Meine Mutter und meine Schwester hatten nämlich bis vor Kurzem die Angewohnheit, immer gleichzeitig im Bad zu verschwinden, aber natürlich nicht in demselben, sondern jede in einem anderen. Und ich saß dann da und konnte mir erst zwei Minuten, bevor ich losmusste, die Zähne putzen. Ganz ehrlich, tägliches Duschen halte ich zwar für überbewertet, aber ich bezweifle, dass Mundgeruch dabei hilft, Mädchen rumzukriegen. Oder sie dazu zu bewegen, einen überhaupt mal anzugucken, das tun sie nämlich normalerweise ohnehin schon nicht.
Jetzt hat Isa also ihren eigenen Schönheitssalon und ich das kleine Bad ganz für mich. Ungefähr fünf Minuten lang, dann hämmert meine emotional unausgewogene Zwillingsschwester bereits gegen die Tür und ruft irgendwas von »Schule«. Wer will dieses Wort schon an einem Montagmorgen hören, nach sechs Wochen Ferien?
Eben.
Ich beeile mich trotzdem ein bisschen, rein vorsichtshalber, vielleicht hat der Ostseewind ja eine neue Klassenkameradin in dieses Schuljahr geweht, die noch dringend jemanden braucht, der ihr das Schulgebäude zeigt. Eine andere als die ziemlich langweilige Nachbarstochter, meine ich, die kann meinetwegen gern in der 11a oder 11c landen. Obwohl Isa ja ganz begeistert von ihr zu sein scheint, was auch immer sie an dem Mädchen fasziniert. Womöglich ist sie ihr neues Sozialprojekt. Manchmal hat Isa diesen Tick, sich mit den merkwürdigsten Menschen anzufreunden, aber meistens lässt das auch schnell wieder nach. Ist sicher nur irgendeine Pubertätsphase.
»Komm schon«, ruft sie noch einmal. »Wenn wir jetzt nicht bald losfahren, kommen wir zu spät.«
Was ja nun wirklich kein Drama wäre. Dennoch stehe ich keine zwei Minuten später neben ihr und hole mein Fahrrad aus der Garage. Jedes Mal habe ich ein bisschen Angst, es aus dem sicheren Unterstand zu schieben, hinaus in die Freiheit, wo es leider auch jeder Trottel stehlen könnte. Wir haben zwar, seit das Schulgebäude und der Hof vor zwei Jahren renoviert wurden, jede Menge Fahrradständer, aber trotzdem kam es schon einige Male zu Diebstählen. Und für dieses Rad musste ich Weihnachten und Geburtstag zusammenlegen und noch ein bisschen von meinem Ersparten dazugeben, sonst hätte ich es nie bekommen. Mal abgesehen von dem Vermögen, das ich in das Sicherheitsschloss investiert habe. Mein restliches Guthaben reicht jetzt gerade mal so noch für eine Kugel Eis. Und obwohl das Versicherungsgeschäft meines Vaters prima läuft, zumindest behauptet er das immer, ist wegen Taschengelderhöhung nichts zu machen. Dabei hätte er ja seinem Sohn … Aber nein, leider nicht. Ich bin nicht so geschickt darin, ihm teure Geschenke aus den Rippen zu leiern, wie Isa. Vielleicht mag er sie auch einfach mehr. Eltern wollen so was ja selten offen zugeben.
»Na, hast du deinen Freundinnenersatz schön auf Hochglanz poliert?«, spottet Isa, während ich mein Rad in die Sonne schiebe. Sie hat halt keine Ahnung, wie sich das anfühlt, auf so einem Fahrrad zu fahren. Wie fliegen ist das. So als wäre alles möglich. Das versteht sie allerdings nicht, und was sie nicht versteht, darüber macht sie sich lustig. Dabei verkneife ich mir auch alberne Sprüche über ihre Eyeliner-Sammlung, obwohl die deutlich überflüssiger ist als mein schickes Sportrad und fast genauso viel kostet.
»Wenigstens habe ich einen Ersatz für eine Beziehung. Was ist deine Ausrede?«
»Jungs im Allgemeinen, speziell die in unserem Alter und an unserer Schule. Da gibt es nichts Verwertbares, das auch nur annähernd für mich geeignet wäre.« Sie grinst und ich rolle mit den Augen.
»Manchmal bis du echt arrogant.«
Bevor Isa etwas erwidern kann, tritt ihr Sozialprojekt aus dem Nachbarhaus. Eigentlich ist sie sogar ganz hübsch, wenn man großzügig mit der Interpretation dieses Wortes umgeht. Ein bisschen rundlich um die Hüften, rotbraune Locken bis zu den Schulterblättern, graublaue Augen, das Gesicht oval, fast rund, und die Hautfarbe ein bisschen zu hell. Die Jeans ist ja okay, damit liegt man nie verkehrt, aber das merkwürdige Oberteil sieht aus, als wäre es mal ein Vorhang in einer Altenheimküche gewesen, und es baumelt ihr ziemlich sackartig von den Schultern. Mit so was kann man sich wirklich nicht in der Öffentlichkeit blicken lassen.
»Cooles Shirt«, ruft Isa ihr zu. »Hast du das selbst genäht?«
»Meine Mutter«, antwortet das Mädchen, als es uns erreicht hat. Ihr Fahrrad wirkt ähnlich demoliert wie ihre Kleidung, aber das ist ja eigentlich erfreulich. So hat sicher niemand etwas dagegen, wenn ich einfach vorfahre, man kann von mir und meinem Fast-Rennrad nun wirklich nicht erwarten, mit solch einem Seniorenclub gesehen zu werden.
Ich brumme ein kurzes Hallo in Amélies Richtung, das diese mit einer knappen Handbewegung beantwortet. Isa gibt sich wirklich alle Mühe, freundlich und neugierig zu sein. Noch bevor wir den Radweg, der parallel zum Strand nach Wismar führt, erreicht haben, hat sie bereits ihr gesamtes Arsenal an Fragen verpulvert, ohne jemals mehr als eine Zwei-Wort-Antwort zu erhalten. Lustig ist das schon irgendwie, deshalb trödle ich ein bisschen im Morgensonnenschein vor den beiden her.
»Wo habt ihr denn vorher gewohnt?«, fragt Isa gerade.
Wieder wartet Amélie einen Moment, bevor sie antwortet, als wäre dieses kurze Schweigen nach jeder Frage wichtig für sie. »Reinickendorf. Berlin.« Wahrscheinlich denkt sie einfach ein bisschen langsam, überhaupt wirkt sie irgendwie schläfrig. Da fragt man sich schon, wie sie bisher durchs Leben gekommen ist.
»Und wieso seid ihr umgezogen?«
Ich zähle die Blätter auf dem Weg.
»Die Wohnung war zu klein.«
Es ist wie ein Spiel. So als würde Isa hinter der Fassade aus Schweigen nach der wirklichen Amélie suchen, also denkt sie sich immer komplexere Fragen aus, doch unsere Nachbarin vermeidet jede ausführliche Antwort. Ein Wort, ein Satz, mehr gibt sie nicht her. Keine Ahnung, ob Mädchen manchmal so sind, um sich interessant zu machen. Falls ja, funktioniert es in dem Fall nicht besonders gut.
Wie alt ist denn dein Bruder? Sechs.
Streitet ihr euch häufig? Nein.
Vermisst du deine Freunde schon? Nein.
Was machst du in deiner Freizeit? Lesen.
Glaubst du, dass dir die Schule gefallen wird? Nein.
Wohin fahrt ihr normalerweise in den Ferien? Zu meiner Tante.
Wenn du nur noch drei Tage zu leben hättest, was würdest du mit der Zeit anfangen? Nichts Besonderes.
Okay, die letzte Frage hat Isa nicht wirklich gestellt. Aber wenn sie es tun würde, wäre das die Antwort.
Ich fahre ein bisschen schneller, lasse die beiden Schnarchmolken hinter mir zurück. Auch wenn heute die Schule wieder beginnt, auch wenn uns jetzt die Abiturphase bevorsteht, ein bisschen frei sein kann man immer noch. Zumindest während dieser Fahrt bis nach Wismar, mit Ostseebrise und sommerlichem Morgendunst. Nach dem gestrigen Sonntagabendgewitter ist die Luft so klar und gesäubert, dass Fahrradfahren sich anfühlt wie baden gehen.
Leider ist Freiheit immer der Teil des Lebens, der erstaunlich schnell vorübergeht. Zehn Minuten vor acht fahren wir durch die Einfahrt zum Schulhof. Eigentlich muss man vorher absteigen und das Rad schieben, aber es ist noch früh und der Hausmeister nirgendwo zu sehen. Da kann man die Schulregeln auch ein bisschen lockerer auslegen.
Isa und ich schließen unsere Räder aneinander, aus Sicherheitsgründen. Wir haben jeder den Schlüssel zum jeweils anderen Schloss.
»Soll ich dich zum Sekretariat bringen?«, fragt Isa Amélie noch, bevor wir das Schulgebäude betreten.
»Ich war schon mal hier«, meint sie, dann verschwindet sie auch schon zwischen den anderen Schülern. Alles ist noch voller Feriengefühl, richtig kribbelig und aufregend.
»Das hat ja prima geklappt.« Ich klopfe meiner Schwester freundschaftlich auf den Rücken. »Bestimmt kommt sie heute Nachmittag vorbei, um sich dein neues Tom-Odell-Album anzuhören.«
»Jaja, Besserwisser. Die taut schon noch auf.« Gemeinsam laufen wir die Treppe nach oben in die zweite Etage, in der unser Klassenraum liegt.
»Und«, fragt Isa grinsend. »Hast du das alles vermisst?«
»Klar. Wie verrückt.«
Immerhin ist langsam ein Ende in Sicht. Noch zwei Jahre, dann ist das ganze Affentheater vorbei. Nicht dass ich einen Schimmer hätte, was ich danach mit meinen Jahren anfangen soll. Ich bin in solchen Dingen nicht wie Isa, die gern für alles Listen und Pläne anfertigt und schon seit dem Kindergarten weiß, dass sie beruflich etwas Künstlerisches oder etwas mit Tieren machen will. Also nicht so, wie viele das schon im Kindergarten wissen, sondern so richtig. In der Grundschule war immer sie diejenige, die die Klassenkaninchen in den Ferien mit nach Hause genommen hat, und nur selten musste meine Mutter eingreifen, um sie vor dem Verdursten zu retten. In der neunten Klasse machte sie ein Schülerpraktikum bei einem Tierarzt und seitdem fertigt sie auch gern mal anatomische Zeichnungen von Pferden und Hunden an. Wenn ihr langweilig ist. Vorsorglicherweise hat sie auch schon Biologie als Prüfungsfach gewählt und sich vorgenommen, in den Herbstferien ein paar Vorlesungen an der Uni Rostock zu besuchen. Dabei fährt man von Wismar aus ungefähr eine Stunde bis dahin. Manchmal hat Isa echt einen Knall. Wenn sie nicht so hübsch und nett wäre, hätte sie garantiert keine Freunde, aber jetzt quatscht sie schon wieder mit jedem, als hätte sie ihre Leute seit Jahrhunderten nicht gesehen. Ich meine, sie telefoniert ununterbrochen mit ihnen oder chattet oder keine Ahnung was noch, es kann also gar nicht sein, dass sie in den Ferien irgendetwas verpasst hat. Aber vielleicht passiert in den Leben anderer einfach andauernd was, vor allem bei Mädchen ist das wahrscheinlich so. Und wenn sie sich dann zwei Tage lang mal nicht gesprochen haben, ist das, was in der Zwischenzeit geschehen ist, quasi nicht mehr aufholbar.
»Hey, was geht?« Zack, zack, ein Händeschlag und die Begrüßung ist erledigt. André und ich sind in einer halben Minute damit durch, unsere Ferienerlebnisse auszutauschen. Schaut, Mädels, so geht das. Natürlich schauen die Mädchen nicht. Sie schauen ja nie.
Isa, die einen Tisch weiter neben mir sitzt, beugt sich nach schräg vorn und sülzt irgendwas über die Ferienanlage in Ägypten, in der wir zwei wertvolle Wochen verloren haben. Gut, so schlimm war es gar nicht. Ich hatte meine Ruhe und durfte zusammen mit meinem Vater einen Tauchkurs belegen, der sogar echt Spaß gemacht hat. All die Fische und all die Farben, ich meine, das war extrem beeindruckend. Sogar einen Rochen habe ich angefasst, der immer wieder um uns rumgeschwommen ist, als wollte er spielen. Rochen sehen toll aus, wie sie so durchs Wasser schweben. Das sind mal richtig vernünftige Tiere.
Über das Tauchen könnte ich auch eine halbe Stunde erzählen. Oder zumindest eine Viertelstunde. Aber Isa, die hat das alles ja gar nicht erlebt. Eigentlich mag sie Strände nur, weil sie dort im Bikini herumlaufen kann, und ich bin dann der Depp, der sich Ausreden für sie einfallen lassen muss, weil sie sich mit dem viel zu alten Tennislehrer getroffen hat und in der zweiten Woche mit einem deutschen Jungen. Der war sogar ganz okay, hat sich aber seit dem Urlaub nicht mehr bei ihr gemeldet. Isas Herz ist robust. Zwei Tage Liebeskummer und die Episode war erledigt.
Endloser Strand. All inclusive. »Sieht man mir ja an«, betont sie, obwohl man ihr natürlich gar nichts ansieht. en. Die spannenden Dinge erzählt eh niemand dem Lehr
André grinst mich an. Wahrscheinlich sieht man mir an, dass ich mich am liebsten wieder in mein Bett verkriechen oder zumindest auf dem Fahrrad herumkurven würde. Damit muss ich allerdings noch warten. Viele, viele Stunden lang.
Die Vorhänge zu meinem Zimmer lasse ich jetzt immer zu. Seit Amélie gegenüber wohnt, fühle ich mich manchmal beobachtet, obwohl ich mir sicher bin, dass sie Besseres zu tun hat, als den ganzen Tag in mein Zimmer zu starren. Falls sie da überhaupt reinsehen kann, wenn das Licht ausgeschaltet ist. Ich muss mich nur daran gewöhnen. Vorher hat in dem Haus ein älteres Ehepaar ohne Kinder gewohnt, der Dachboden wurde von ihnen nie wirklich benutzt. Ergo war da auch niemand, der in mein Zimmer gucken konnte. Jetzt lebt dort dieses Mädchen, und manchmal, das finde ich ziemlich unheimlich, spüre ich, dass sie da ist, selbst wenn ich nicht hinübersehe.