cover

Das Buch

Die Krise um das gewaltige, viele Sternensysteme umfassende Imperium der Radchaai hat bedrohliche Ausmaße angenommen. Nach fast dreitausend Jahren unumschränkter Macht steht Anaander Miaanai, die Herrscherin des Imperiums, mit sich selbst im Konflikt. Denn ihre auf viele Hundert Körper verteilte Intelligenz ist gespalten, und die aggressivere Hälfte zerstört in einem System nach dem anderen die Sprungtore. Einzig und allein Breq, die letzte überlebende Hilfseinheit und Künstliche Intelligenz des Truppentransportschiffs Gerechtigkeit der Torren, steht dem Kollaps des Imperiums jetzt noch im Weg. Ausgestattet mit ungeahnten Ressourcen, versucht Breq nun im Athoek-System an der Außengrenze des Imperiums die Ordnung aufrechtzuerhalten und der feindlichen Herrscherin die Stirn zu bieten. Eine Zeit lang sieht es auch so aus, als hätte Flottenkapitänin Breq alles unter Kontrolle – doch dann taucht auf der Athoek-Station eine Person auf, die es gar nicht geben dürfte, und dann meldet sich auch noch eine Abgesandte der unberechenbaren Spezies der Presger an. Bei alledem kämpft Breq für den Schutz der Bevölkerung von Athoek. Aber kann sie auch ihr eigenes Leben und die Zukunft des Imperiums schützen?

»Ann Leckie hat eine Welt erschaffen, die die Leser so schnell nicht vergessen werden!«

Publishers Weekly

Erster Roman: Die Maschinen

Zweiter Roman: Die Mission

Dritter Roman: Das Imperium

Die Autorin

Ann Leckie hat bereits mehrere Kurzgeschichten in amerikanischen Fantasy- und Science-Fiction-Magazinen veröffentlicht, bevor sie sich mit Die Maschinen an ihren ersten Roman wagte. Sie wurde für Die Maschinen mit dem Hugo Award ausgezeichnet und von Kritikern und Lesern weltweit gleichermaßen gefeiert. Ann Leckie lebt mit ihrer Familie in St. Louis, Missouri.

264283.jpg

diezukunft.de

ANN LECKIE

DAS
IMPERIUM

EIN ROMAN AUS DER FERNEN ZUKUNFT

Aus dem Amerikanischen
von Bernhard Kempen

Deutsche Erstausgabe

WILHELM HEYNE VERLAG
MÜNCHEN

Titel der amerikanischen Originalausgabe

ANCILLARY MERCY

Der Inhalt dieses E-Books ist urheberrechtlich geschützt und enthält technische Sicherungsmaßnahmen gegen unbefugte Nutzung. Die Entfernung dieser Sicherung sowie die Nutzung durch unbefugte Verarbeitung, Vervielfältigung, Verbreitung oder öffentliche Zugänglichmachung, insbesondere in elektronischer Form, ist untersagt und kann straf- und zivilrechtliche Sanktionen nach sich ziehen.

Sollte diese Publikation Links auf Webseiten Dritter enthalten, so übernehmen wir für deren Inhalte keine Haftung, da wir uns diese nicht zu eigen machen, sondern lediglich auf deren Stand zum Zeitpunkt der Erstveröffentlichung verweisen.

Deutsche Erstausgabe 04/2017

Redaktion: Rainer Michael Rahn

Copyright © 2015 by Ann Leckie

Copyright © 2017 der deutschsprachigen Ausgabe by
Wilhelm Heyne Verlag, München,
in der Verlagsgruppe Random House GmbH,
Neumarkterstraße 28, 81673 München

Umschlagillustration: Billy Nunez

Umschlaggestaltung: Stardust, München

Satz: Schaber Datentechnik, Austria

ISBN: 978-3-641-16437-9
V002

www.diezukunft.de

1

Erwachen, von einem Moment auf den anderen. Durch die vertrauten Geräusche der Teezubereitung. Aber es geschah sechs Minuten früher, als ich beabsichtigt hatte. Warum? Ich griff zu.

Leutnantin Ekalu war auf Wache. Wegen irgendetwas empört. Sogar ein wenig zornig. Vor ihr zeigte die Wand eine Darstellung der Athoek-Station, von Schiffen umgeben. Die Kuppel über den Gärten war aus diesem Blickwinkel kaum zu erkennen. Athoek selbst lag zur Hälfte im Schatten, strahlte zur Hälfte blau und weiß. Das Hintergrundrauschen der Kommunikation verriet keine besonderen Vorkommnisse.

Ich öffnete die Augen. Die Wände meines Quartiers zeigten dieselbe Ansicht des Weltraums um uns herum, die auch Leutnantin Ekalu in der Kommandozentrale betrachtete – die Athoek-Station, die Schiffe, Athoek selbst. Die Funkfeuer der vier Intersystemtore des Systems. Ich brauchte die Wände nicht, um Zugriff auf diesen Blick zu erhalten. Ich konnte mir alles anschauen, jederzeit, indem ich es mir lediglich wünschte. Aber ich hatte keinen Befehl gegeben, es tatsächlich hier zu projizieren. Das Schiff musste das getan haben.

Vor dem Tresen am Ende des drei mal vier Meter großen Raums stand Seivarden und machte Tee. Mit dem alten Emaille-Service, nur zwei Tassen, eine davon angeschlagen, eine Folge von früheren, ungeschickten Versuchen Seivardens, sich nützlich zu machen, vor mehr als einem Jahr. Es war über einen Monat her, seit sie das letzte Mal als meine Dienerin tätig gewesen war, aber ihre Anwesenheit war mir so vertraut, dass ich sie während des Aufwachens akzeptiert hatte, ohne weiter darüber nachzudenken. »Seivarden«, sagte ich.

»Das Schiff, genauer gesagt.« Sie verneigte ganz leicht den Kopf in meine Richtung, während ihre Aufmerksamkeit weiterhin der Teezubereitung galt. Die Gnade der Kalr kommunizierte hauptsächlich über auditive oder visuelle Implantate mit ihrer Besatzung, indem sie direkt in unsere Ohren sprach oder Schrift und Bilder in unser Sichtfeld einblendete. Genau das tat sie in diesem Moment, wie ich sehen konnte, als Seivarden die Worte las, die ihr vom Schiff übermittelt wurden. »Im Augenblick bin ich das Schiff. Während Sie geschlafen haben, kamen zwei Nachrichten für Sie herein, aber vorläufig ist alles in Ordnung, Flottenkapitänin.«

Ich setzte mich auf, schob die Decke beiseite. Vor drei Tagen hatte meine Schulter in einem Korrektiv gesteckt, das den Arm betäubte und bewegungsunfähig machte. Ich genoss immer noch meine wiederhergestellte Bewegungsfreiheit.

»Ich glaube«, fuhr Seivarden fort, »dass Leutnantin Seivarden sich manchmal danach zurücksehnt.« Die Daten, die ich über das Schiff von ihr bekam – die ich sehen konnte, indem ich einfach darauf zugriff –, deuteten auf eine leichte Besorgnis und Verlegenheit hin. Aber das Schiff hatte recht – es gefiel ihr, eine Zeit lang wieder unsere alten Rollen zu übernehmen, auch wenn es für mich gar nicht so war. »Vor drei Stunden schickte Flottenkapitänin Uemi eine Nachricht.« Flottenkapitänin Uemi war mein Gegenüber ein Tor weiter im Hrad-System. Sie hatte das Kommando über alle militärischen Radchai-Schiffe, die dort stationiert waren. Was auch immer es bedeuten mochte: Das Territorium der Radch wurde derzeit von einem Bürgerkrieg erschüttert, und Flottenkapitänin Uemi war genauso wie ich von jenem Teil von Anaander Mianaai autorisiert, der gegenwärtig im Omaugh-Palast residierte. »Der Tstur-Palast ist gefallen.«

»Darf ich fragen, an wen?«

Seivarden wandte sich vom Tresen ab, eine Tasse Tee in der behandschuhten Hand. Ging dorthin, wo ich auf dem Bett saß. Nach all der Zeit war sie zu gut mit mir vertraut, um von meiner Reaktion überrascht oder von der Tatsache irritiert zu sein, dass meine Hände noch unbedeckt waren. »An die Herrin der Radch, wen sonst?«, erwiderte sie mit einem schwachen Lächeln. Und reichte mir die Tasse Tee. »Diejenige, wie Flottenkapitänin Uemi sagte, die Ihnen nur wenig Sympathie entgegenbringt, Flottenkapitänin. Wie auch Flottenkapitänin Uemi.«

»Richtig.« Für mich gab es nur wenige Unterschiede zwischen den einzelnen Teilen von Anaander Mianaai, der Herrin der Radch, und keine von ihr hatte einen stichhaltigen Grund, mit mir zufrieden zu sein. Aber ich wusste, welche Seite Flottenkapitänin Uemi unterstützte. Möglicherweise sogar jetzt. Anaander hatte viele Körper und war es gewohnt, an Dutzenden, wenn nicht an Hunderten Orten gleichzeitig zu sein. Jetzt war sie reduziert und fragmentiert, nachdem sie viele ihrer geklonten Körper im Kampf gegen sich selbst verloren hatte. Ich hegte den starken Verdacht, dass Kapitänin Uemi selbst ein Fragment der Herrin der Radch war.

»Flottenkapitänin Uemi fügte hinzu«, fuhr Seivarden fort, »dass es der Anaander, die Tstur eingenommen hat, außerdem gelungen ist, die Verbindung zu sich selbst außerhalb des Tstur-Systems zu trennen, sodass ihre übrigen Versionen nicht wissen, was sie beabsichtigt. Doch wenn Flottenkapitänin Uemi Anaander Mianaai wäre, sagte sie, würde sie all ihre Mittel dafür einsetzen, dieses System zu sichern, nachdem sie jetzt den Palast selbst eingenommen hat. Aber sie wäre auch in größter Versuchung, jemanden zu Ihnen zu schicken, Flottenkapitänin, wenn es ihr möglich wäre. Die Kapitänin der Hrad-Flotte möchte zudem darauf hinweisen, dass die Nachricht vom Omaugh-Palast per Schiff zu ihr gelangte, was bedeutet, dass die Informationen einige Wochen alt sind.«

Ich nahm einen Schluck Tee. »Wenn die Tyrannin so dumm war, Schiffe hierher zu schicken, sobald sie Tstur unter Kontrolle hatte, würde sie frühestens …« Die Gnade der Kalr zeigte mir Zahlen. »… in etwa einer Woche eintreffen.«

»Jener Teil der Herrin der Radch hat gute Gründe, äußerst wütend auf Sie zu sein«, gab das Schiff durch Seivarden zu bedenken. »Und sie ist dafür bekannt, mit drastischen Maßnahmen gegen Personen zu reagieren, die sie erheblich erzürnen. Sie wäre schon früher gegen uns vorgegangen, wenn sie es hätte bewerkstelligen können.« Sie runzelte die Stirn über die Worte, die als Nächste in ihrem Sichtfeld erschienen, aber selbstverständlich konnte ich sie ebenfalls sehen und lesen. »Die zweite Nachricht stammt von Systemgouverneurin Giarod.«

Ich antwortete nicht sofort. Gouverneurin Giarod war die ernannte Autorität des gesamten Athoek-Systems. Außerdem war sie mehr oder weniger direkt die Ursache der Verletzungen, von denen ich mich erst vor Kurzem erholt hatte. Um genau zu sein, wäre ich daran sogar fast gestorben. Aufgrund meiner Position kannte ich den Inhalt ihrer Nachricht an mich bereits. Es gab keinen Grund für Seivarden, sie laut auszusprechen.

Doch die Gnade der Kalr hatte einst Hilfseinheiten besessen – menschliche Körper, die von ihrer künstlichen Intelligenz kontrolliert wurden, die Hände und Füße, Augen und Ohren des Schiffs. Diese Hilfseinheiten gab es nicht mehr, und nun hatte das Schiff eine ausschließlich menschliche Besatzung. Ich wusste, dass die einfachen Soldatinnen an Bord gelegentlich für das Schiff agierten oder sprachen. Sie taten Dinge, die das Schiff nicht mehr selbst tun konnte, als wären sie ein Ersatz für die Hilfseinheiten, die es verloren hatte. Im Allgemeinen taten sie es nicht vor mir, da ich selbst eine Hilfseinheit war, das letzte noch übrige Fragment des Truppentransporters Gerechtigkeit der Torren, der vor zwanzig Jahren zerstört worden war. Es amüsierte oder erfreute mich nicht, wenn die Soldatinnen versuchten, das zu imitieren, was ich einst gewesen war. Dennoch hatte ich es ihnen nicht verboten. Bis vor sehr kurzer Zeit hatten meine Soldatinnen nichts von meiner Vergangenheit gewusst. Und sie schienen darin eine Möglichkeit zu sehen, sich vor der unausweichlichen Intimität des Lebens in einem kleinen Schiff abzuschirmen.

Seivarden jedoch hatte derartige Schauspielereien nicht nötig. Sie tat es zweifellos nur, weil das Schiff es wollte. Warum wollte das Schiff so etwas? »Gouverneurin Giarod fordert Sie auf, so bald wie möglich zur Station zurückzukehren«, sagte Seivarden. Sagte das Schiff. Diese Aufforderung, der nur wenig höfliche Glanz des so bald wie möglich, war gebieterischer, als im Grunde gebührlich war. Seivarden war nicht so empört, wie es Leutnantin Ekalu gewesen war, aber sie fragte sich durchaus, wie ich darauf reagieren würde. »Die Gouverneurin hat ihre Aufforderung nicht erklärt. Obwohl Kalr Fünf gestern Abend einen Tumult unmittelbar vor dem Untergarten bemerkte. Die Sicherheit verhaftete eine Person und verhielt sich seitdem recht nervös.« Das Schiff zeigte mir kurze Szenen, die Fünf, weiterhin an Bord der Station, gesehen und gehört hatte.

»Wurde der Untergarten nicht evakuiert?«, fragte ich. Laut, da das Schiff diese Konversation offenkundig auf diese Weise führen wollte, ungeachtet dessen, wie ich das empfand. »Eigentlich hätte er leer sein sollen.«

»Exakt«, erwiderte Seivarden. Das Schiff.

Die Mehrheit der Bewohnerinnen des Untergartens waren Ychana gewesen – von den Xhai verachtet, einer weiteren ethnischen Gruppe der Athoeki, einer, die sich besser als andere mit der Annexion arrangiert hatte. Theoretisch wurden ethnische Unterscheidungen irrelevant, wenn die Radchaai eine Welt annektierten. Doch die Realität war schmutziger. Und ein Teil der weniger begründeten Befürchtungen von Gouverneurin Giarod betrafen die Ychana im Untergarten. »Wunderbar. Würden Sie bitte Leutnantin Tisarwat wecken, Schiff?« Seit unserer Ankunft hatte Tisarwat Verbindungen im Untergarten sowie zum Personal der Stationsverwaltung geknüpft.

»Das habe ich bereits«, antwortete Seivarden für die Gnade der Kalr. »Ihr Shuttle wird bereit sein, wenn Sie angekleidet sind und gegessen haben.«

»Danke.« Ich stellte fest, dass ich weder Danke, Schiff noch Danke, Seivarden sagen wollte.

»Flottenkapitänin, ich hoffe, ich maße mir nicht zu viel an«, sagte das Schiff durch Seivarden. Beunruhigung trat zu Seivardens leichter Besorgnis hinzu – sie hatte sich einverstanden erklärt, für das Schiff zu agieren, doch nun befürchtete sie, vermutete möglicherweise, dass das Schiff auf den eigentlichen Punkt kam.

»Ich kann mir nicht vorstellen, dass Sie sich jemals zu viel anmaßen, Schiff.« Doch es konnte natürlich fast alles an mir wahrnehmen – jeden Atemzug, jedes Muskelzucken. Sogar noch mehr, da ich immer noch wie eine Hilfseinheit ausgestattet war, auch wenn ich keine Hilfseinheit des Schiffs war. Es wusste zweifellos, dass es mich verstören würde, wenn es eine Offizierin dazu veranlasste, sich wie eine Hilfseinheit zu verhalten.

»Was ich Sie fragen wollte, Flottenkapitänin. Im Omaugh-Palast sagten Sie, ich könnte meine eigene Kapitänin sein. Haben Sie das wirklich so gemeint?«

Für einen Moment hatte ich das Gefühl, die Schwerkraft des Schiffs hätte versagt. Es hatte keinen Sinn zu versuchen, meine Verwunderung über die Worte des Schiffs zu verbergen, da es meine physischen Reaktionen genauestens beobachten konnte. Seivarden war nie besonders gut darin gewesen, Leidenschaftslosigkeit vorzutäuschen, und nun zeigte sich ihre Bestürzung auf ihrem aristokratischen Gesicht. Sie schien nicht gewusst zu haben, was das Schiff hatte sagen wollen. Sie öffnete den Mund, als wollte sie sprechen, blinzelte und schloss ihn dann wieder. Runzelte die Stirn.

»Ja, ich habe es wirklich so gemeint«, antwortete ich. Für Radchaai waren Schiffe keine Menschen. Wir waren Ausrüstung. Waffen. Maschinen, die wie befohlen funktionierten, wenn es erforderlich war.

»Ich habe darüber nachgedacht, seit Sie es sagten«, erklärte Seivarden. Nein, es kam von der Gnade der Kalr. »Und ich bin zum Schluss gelangt, dass ich keine Kapitänin sein möchte. Aber ich habe festgestellt, dass mir der Gedanke gefällt, ich könnte es sein.« Seivarden war sich offenkundig nicht sicher, ob sie deswegen erleichtert sein sollte oder nicht. Sie wusste, was ich war, wusste möglicherweise sogar, warum ich das gesagt hatte, an jenem Tag im Omaugh-Palast, aber sie war eine Radchaai von guter Herkunft und es genauso wie jede andere Offizierin der Radchaai gewohnt, von ihrem Schiff zu erwarten, dass es jederzeit genau das tat, was von ihm verlangt wurde. Dass es jederzeit für sie da war.

Ich war selbst ein Schiff gewesen. Schiffe konnten sehr intensive Gefühle für ihre Kapitäninnen oder ihre Leutnantinnen entwickeln. Das wusste ich aus persönlicher Erfahrung. Oh ja. Den größten Teil meines zweitausendjährigen Lebens hatte ich nicht gedacht, es könnte einen Grund geben, irgendetwas anderes zu wollen. Und der unwiderrufliche Verlust meiner eigenen Besatzung war ein klaffendes Loch in mir, das ich gelernt hatte, mir nicht anzuschauen. Die meiste Zeit. Und gleichzeitig hatte ich mich in den letzten zwanzig Jahren daran gewöhnt, meine eigenen Entscheidungen zu treffen, ohne mich auf jemand anderen zu beziehen. Mein Leben selbst zu bestimmen.

Hatte ich gedacht, dass mein Schiff für mich das Gleiche empfinden könnte wie ich für meine eigenen Kapitäninnen? Im Grunde war es unmöglich. So empfanden Schiffe nicht. Hatte ich das gedacht? Warum sollte ich mir so etwas jemals vorstellen?

»Also gut«, sagte ich und trank wieder von meinem Tee. Mir fiel kein Grund ein, warum das Schiff das durch Seivarden gesagt haben könnte.

Andererseits war Seivarden natürlich völlig menschlich. Und sie war die Amaat-Leutnantin der Gnade der Kalr. Vielleicht waren die Worte des Schiffs gar nicht für mich, sondern für sie gedacht.

Seivarden war niemals die Art Offizierin gewesen, die es interessierte oder die auch nur bemerkte, was ihr Schiff empfand. Sie hatte auch nie zu meinen Favoritinnen gehört, als sie an Bord der Gerechtigkeit der Torren gedient hatte. Doch Raumschiffe hatten durchaus unterschiedlichen Geschmack, unterschiedliche Favoritinnen. Und Seivarden hatte sich während des vergangenen Jahres erheblich verbessert.

Ein Schiff mit Hilfseinheiten drückte das, was es empfand, sehr differenziert auf tausend unterschiedliche Arten aus. Der Tee einer Lieblingsoffizierin war niemals kalt. Ihre Mahlzeiten wurden stets auf exakt die gleiche Weise zubereitet, wie sie es am liebsten hatte. Ihre Uniform passte immer, saß stets richtig und war bequem. Kleine Bedürfnisse oder Wünsche wurden fast im gleichen Moment befriedigt, in dem sie aufkamen. Und die meiste Zeit würde sie nur bemerken, dass sie sich wohlfühlte. In jedem Fall wohler als an Bord anderer Schiffe, in denen sie gedient haben mochte.

Es war – nahezu immer – ausgesprochen einseitig. Vor einigen Wochen im Omaugh-Palast hatte ich dem Schiff gesagt, es könnte eine Person sein, die sich selbst kommandiert. Und nun erklärte es mir – und auch Seivarden, was zweifellos nicht zufällig geschah –, dass es genau das wollte, zumindest potenziell. Um anerkannt zu werden. Vielleicht auch, um eine gewisse Erwiderung (oder zumindest eine kleine Bestätigung) ihrer Gefühle zu bekommen.

Mir war nicht aufgefallen, dass Seivardens Amaats besonders dienstbeflissen waren, doch ihre Amaats waren wie alle Soldatinnen der Gnade der Kalr Menschen und keine Anhängsel des Schiffs. Die Flut der winzigen Intimitäten, die das Schiff ihnen zumuten würde, hätte ihnen Unbehagen bereitet, wenn sie sich dementsprechend verhalten sollten.

»Also gut«, sagte ich noch einmal. In ihrem Quartier zog sich Leutnantin Tisarwat die Stiefel an. Sie war noch nicht ganz wach, und Bo Neun stand mit ihrem Tee daneben. Die übrige Bo-Dekade schlief tief und fest, einige träumten. Seivardens Amaats beendeten ihre tägliche Arbeit und machten sich für ihr Abendessen bereit. Die Bordärztin und die Hälfte meiner Kalrs schliefen noch, aber nur leicht. Das Schiff würde sie in fünf Minuten wecken. Ekalu und ihre Etrepas waren noch auf Wache. Leutnantin Ekalu war nach wie vor ein wenig empört über die Nachricht der Systemgouverneurin und machte sich außerdem wegen einer anderen Sache Sorgen, aber ich war mir nicht sicher, was es war. Draußen prasselte gelegentlich Staub auf den Rumpf der Gnade der Kalr, und die Sonne von Athoek wärmte das Schiff. »Gibt es sonst noch etwas?«

Es gab etwas. Seivarden, die seit diesem Teil der Unterhaltung nervös gewesen war, blinzelte, erwartete, irgendeine Antwort in ihrem Sichtfeld zu sehen. Nichts, eine ganze Sekunde lang. Und dann: Nein, Flottenkapitänin, das wäre alles. »Nein, Flottenkapitänin«, las Seivarden vor. »Das wäre alles.« In zweifelndem Tonfall. Für eine Person, die sich mit Schiffen auskannte, war diese kurze Pause vielsagend. Ich war ein wenig überrascht, dass Seivarden, die bislang nie auf die Gefühle ihres Schiffs geachtet hatte, es bemerkte. Sie blinzelte dreimal, runzelte dann die Stirn. Besorgt. Verwirrt. Verunsichert, was für sie untypisch war. »Ihr Tee wird kalt«, sagte sie schließlich.

»Kein Problem«, erwiderte ich und trank ihn aus.

Leutnantin Tisarwat hatte schon seit Tagen zur Athoek-Station zurückkehren wollen. Wir waren erst seit etwas mehr als zwei Wochen im System, aber sie hatte bereits Freundschaften und Verbindungen geknüpft. Hatte sich um einen gewissen Einfluss auf die Systemverwaltung bemüht, praktisch seit dem ersten Moment, als sie die Station betreten hatte. Was in Anbetracht der Lage kaum überraschend war. Tisarwat war eine Zeit lang nicht Tisarwat gewesen – Anaander Mianaai, die Herrin der Radch, hatte die bedauernswerte siebzehnjährige Leutnantin modifiziert, um aus ihr ein bloßes Element ihrer selbst zu machen, einen weiteren Teil der Herrin der Radch. Von dem sie hoffte, ich würde ihn nicht als solchen erkennen, mit dem sie mich im Auge und die Gnade der Kalr unter Kontrolle behalten konnte. Doch ich hatte sie durchschaut und die Implantate entfernen lassen, die Tisarwat mit der Herrin der Radch verbunden hatten. Und jetzt war sie jemand anders – eine neue Leutnantin Tisarwat mit den Erinnerungen (und möglicherweise auch einigen Neigungen) der alten, aber nun war sie auch mehrere Tage lang die mächtigste Person im Radch-Territorium gewesen.

Sie wartete unmittelbar vor der Luke des Shuttles auf mich. Siebzehn, nicht unbedingt groß, aber langgliedrig wie andere Siebzehnjährige, die noch nicht ganz in ihre Figur hineingewachsen waren. Immer noch etwas benommen nach dem Aufwachen, aber mit ordentlicher Frisur und tadelloser dunkelbrauner Uniform. Bo Neun, die bereits an Bord des Shuttles war, hätte niemals zugelassen, dass die junge Leutnantin ihr Quartier in einem anderen Zustand als diesem verließ. »Flottenkapitänin.« Tisarwat verbeugte sich. »Danke, dass Sie mich mitnehmen.« Ihre fliederfarbenen Augen – ein Überbleibsel der alten Tisarwat, die flatterhaft und frivol gewesen war und ihren ersten Sold dafür ausgegeben hatte, ihre Augenfarbe zu verändern – blickten ernst. Dahinter war sie äußerst zufrieden und ein wenig aufgeregt, trotz der Medikamente, die die Bordärztin der Gnade der Kalr ihr gegeben hatte. Die Implantate, die ihr von der Herrin der Radch eingesetzt worden waren, hatten nicht richtig funktioniert, und ich vermutete, dass sie gewisse bleibende Schäden angerichtet hatten. Meine hastige Entfernung dieser Implantate hatten einen Teil dieses Problems behoben, aber vielleicht andere verursacht. Hinzu kam ihre ausgeprägte – und absolut verständliche – Zwiespältigkeit gegenüber Anaander Mianaai, mit der sie möglicherweise noch ein wenig identisch war, und das Ergebnis war eine nahezu ständige emotionale Unruhe.

Heute jedoch ging es ihr gut, soweit ich sehen konnte. »Keine Ursache, Leutnantin.«

»Herrin.« Sie wollte offenkundig etwas ansprechen, bevor wir den Shuttle bestiegen. »Systemgouverneurin Giarod stellt ein Problem dar.« Systemgouverneurin Giarod war von derselben Autorität ernannt worden, die mich hierher ins Athoek-System geschickt hatte. Theoretisch waren wir Verbündete, wenn es darum ging, für die Sicherheit und Stabilität dieses Systems zu sorgen. Aber sie hatte Informationen an meine Feindinnen weitergegeben, erst vor wenigen Tagen, und das hätte mich fast das Leben gekostet. Es war zwar möglich, dass sie es seinerzeit nicht erkannt hatte, aber jetzt wusste sie es zweifellos. Doch kein Wort dazu von ihr, keine Erklärung, keine Entschuldigung, kein Bekenntnis jedweder Art. Nur diese an Respektlosigkeit grenzende Aufforderung, zur Station zu kommen. »Ich denke«, fuhr Tisarwat fort, »dass wir irgendwann eine neue Systemgouverneurin brauchen.«

»Ich bezweifle, dass der Omaugh-Palast uns in absehbarer Zeit eine schicken wird, Leutnantin.«

»Nein, Herrin«, bestätigte Tisarwat. »Aber ich könnte es tun. Ich könnte die neue Gouverneurin sein. Darin wäre ich gut.«

»Das wären Sie zweifellos, Leutnantin«, sagte ich in ruhigem Tonfall. Ich drehte mich um, war bereit, mich über die Grenze zwischen der künstlichen Schwerkraft der Gnade der Kalr und der Schwerelosigkeit im Shuttle zu werfen. Und ich sah, dass Tisarwat bei meinen Worten völlig stillgehalten hatte, obwohl meine Antwort sie verletzt hatte. Der Schmerz wurde durch die Medikamente gedämpft, aber er war vorhanden.

Da ich wusste, wer sie war, musste ihr klar sein, dass ich ihre Bewerbung um die Position der Systemgouverneurin ablehnen würde. Ich war nur noch am Leben, weil die Herrin der Radch dachte oder hoffte, ich könnte eine Gefahr für ihre Feindin darstellen. Natürlich war Anaander Mianaais Feindin sie selbst. Es interessierte mich nicht allzu sehr, welcher Teil der Herrin der Radch den Sieg davontragen würde, da sie alle, soweit es mich betraf, gleich waren. Ich würde eher ihre vollständige Auslöschung befürworten. Ein Ziel, das außerhalb meiner Fähigkeiten lag, aber sie kannte mich gut genug, um zu wissen, dass ich ihr möglichst viel Schaden zufügen würde, all ihren Teilen. Sie hatte Leutnantin Tisarwat übernommen, um mir nahe zu sein und diesen Schaden so weit wie möglich einzugrenzen. Tisarwat selbst hatte es mir gesagt, kurz nach unserer Ankunft in der Athoek-Station.

Und vor einigen Tagen hatte Tisarwat mich gefragt: Ist Ihnen bewusst, Herrin, dass wir beide exakt das tun, was sie will? Wobei sie Anaander Mianaai war. Und ich hatte erwidert, es interessiere mich nicht allzu sehr, was die Herrin der Radch wollte.

Ich wandte mich wieder Tisarwat zu. Legte ihr eine Hand auf die Schulter. Sagte sanftmütiger: »Lassen Sie uns zunächst diesen Tag hinter uns bringen, Leutnantin.« Oder vielleicht sogar die nächsten paar Wochen oder Monate. Die Radch war riesig. Die Kämpfe in den Provinzpalästen konnten uns im Athoek-System schon morgen oder nächste Woche oder nächstes Jahr erreichen. Oder sie erschöpften sich in den Palästen und kamen niemals bis hierher. Aber darauf wollte ich nicht wetten.

Wir sprechen oft recht beiläufig von Entfernungen innerhalb eines Sonnensystems – von einer Station, die sich in der Nähe eines Mondes oder Planeten befindet, oder von einem Tor nicht weit von der wichtigsten Station eines Systems –, obwohl sich diese Distanzen in Hunderttausenden, wenn nicht in Millionen Kilometern bemessen. Und die Außenstationen eines Systems konnten mehrere hundert Millionen oder gar Milliarden Kilometer von diesen Toren entfernt sein.

Es war erst einige Tage her, als sich die Gnade der Kalr tatsächlich in gefährlicher Nähe zur Athoek-Station aufgehalten hatte, doch jetzt war sie ihr nur relativ betrachtet nahe. Wir würden einen ganzen Tag im Shuttle verbringen. Die Gnade der Kalr konnte ihr eigenes Tor erzeugen, Abkürzungen, die am Normalraum vorbeiführten, und sie hätte uns viel schneller hinbringen können, doch der Durchgang durch ein Tor in der Nähe einer betriebsamen Station barg die Gefahr in sich, mit etwas zu kollidieren, wenn man aus dem Tor-Raum kam. Das Schiff hätte es tun können – und hatte es sogar vor nicht allzu langer Zeit getan. Aber vorläufig war es sicherer, den Shuttle zu nehmen, der zu klein war, um eigene Schwerkraft zu generieren, ganz zu schweigen von einem eigenen Tor. Was auch immer Gouverneurin Giarods Problem war, es musste noch etwas warten.

Und ich hatte jede Menge Zeit, darüber nachzudenken, was mich in der Station erwartete. Beide Splittergruppen von Anaander Mianaai (vorausgesetzt, es gab nur zwei, was vielleicht keine allzu sichere Annahme war) hatten dort zweifellos ihre Agentinnen, aber nicht im Militär. Kapitänin Hetnys – meine Feindin, an die Systemgouverneurin Giarod so leichtfertig Informationen weitergegeben hatte – lag eingefroren in einer Suspensionskapsel an Bord der Gnade der Kalr, gemeinsam mit all ihren Offizierinnen. Ihr Schiff, die Schwert der Atagaris, befand sich in weiterem Abstand von der Athoek-Station im Orbit, all ihre Hilfseinheiten eingelagert. Die Gnade der Ilves, neben der Gnade der Kalr das einzige weitere militärische Schiff im System, inspizierte derzeit die Außenstationen, und ihre Kapitänin hatte bislang keine Neigungen gezeigt, sich meinem Befehl zu verweigern, damit weiterzumachen. Die Sicherheitskräfte in der Station und auf dem Planeten stellten die einzige bewaffnete Bedrohung dar, aber »bewaffnet« bedeutete im Fall der Sicherheit Lähmknüppel. Was nicht heißen sollte, dass die Sicherheit keine Bedrohung sein konnte. Das galt insbesondere, wenn sie gegen unbewaffnete Bürgerinnen vorging. Aber für mich war die Sicherheit keine Gefahr.

Jede, die verstanden hatte, dass ich keine Gruppe der Herrin der Radch unterstützte, konnte nur politische Motive haben, wenn sie gegen mich vorging. Also ging es um Politik. Vielleicht sollte ich mir ein Vorbild an Leutnantin Tisarwat nehmen und die Chefin der Stationssicherheit zum Essen einladen.

Kalr Fünf befand sich noch in der Athoek-Station, zusammen mit Acht und Zehn. Die Station war schon überfüllt gewesen, bevor der Untergarten beschädigt wurde und evakuiert werden musste, und es gab nicht genügend Betten für alle. Meine Kalrs hatten Kisten und Paletten in der Ecke eines Seitenkorridors abgestellt. Auf einer Kiste saß Bürgerin Uran, die leise, aber entschlossen Raswar-Verben konjugierte. Die Ychana in der Athoek-Station sprachen hauptsächlich Raswar, und unsere Nachbarn in der Station waren hauptsächlich Ychana. Wäre sie bereit gewesen, zur Krankenstation zu gehen, um die Grundlagen unter Drogen zu lernen, wäre es einfacher für sie gewesen, aber sie hatte sich diesem Vorschlag vehement verweigert. Uran war das einzige nicht militärische Mitglied meines kleinen Haushalts, kaum sechzehn Jahre alt, weder mit mir noch sonst jemandem an Bord der Gnade der Kalr verwandt, aber ich hatte die Verantwortung für sie übernommen.

Fünf stand bereit, war allem Anschein nach ganz damit beschäftigt, dafür zu sorgen, dass der Tee fertig war, wenn Urans Lehrerin in den nächsten paar Minuten eintraf, obwohl sie sie in Wirklichkeit genau im Auge behielt. Ein paar Meter entfernt schrubbten Kalr Acht und Kalr Zehn den Boden des Korridors, der schon erheblich sauberer als zuvor und merklich weniger grau war als das, was sich außerhalb der Begrenzung des behelfsmäßigen Haushalts befand. Während der Arbeit sangen sie leise, weil hinter den Türen in der Nähe Bürgerinnen schliefen.

Jasmin wuchs

Im Zimmer meiner Geliebten

Umrankte ihr ganzes Bett

Die Töchter fasteten und schoren sich den Kopf

In einem Monat werden alle erneut den Tempel besuchen

Mit Rosen und Kamelien

Doch ich werde mich mit weniger begnügen

Nur mit dem Duft der Jasminblüten

Bis zum Ende meines Lebens

Es war ein altes Lied, älter als Acht und Zehn, wahrscheinlich noch älter als ihre Großeltern. Ich erinnerte mich daran, als es noch neu gewesen war. Im Shuttle, wo weder Acht noch Zehn mich hören konnten, sang ich es mit ihnen. Leise, da Tisarwat neben mir in den Sitzgurten tief und fest schlief. Doch die Shuttle-Pilotin hörte mich mit stiller Zufriedenheit. Ihr war nicht wohl bei diesem plötzlichen Flug zurück zur Station und bei dem, was sie über Gouverneurin Giarods Nachricht gehört hatte. Aber wenn ich sang, war alles so, wie es sein sollte.

In der Gnade der Kalr schlief Seivarden und träumte. Ihre zehn Amaats schliefen ebenfalls, nicht weit von ihr in den Kojen. Die Bo-Dekade (unter der Leitung von Bo Eins, da Tisarwat mich im Shuttle begleitete) war gerade erst aufgewacht, ging gedankenlos und stümperhaft das Morgengebet durch (Die Blume der Gerechtigkeit ist der Frieden. Die Blume der Gebührlichkeit ist die Schönheit der Gedanken und Handlungen …).

Wenig später beendete die Bordärztin ihren Dienst, fand Leutnantin Ekalu im winzigen Dekadenraum mit den weißen Wänden, wo sie auf ihr Abendessen starrte. »Alles in Ordnung mit Ihnen?«, fragte die Bordärztin und nahm neben ihr Platz. Die diensttuende Etrepa stellte eine Tasse Tee für sie auf den Tisch.

»Mir geht es gut«, log Ekalu.

»Wir arbeiten schon seit langer Zeit zusammen«, erwiderte die Bordärztin. Ekalu war irritiert, blickte nicht auf und gab auch keine Antwort. »Bevor Sie befördert wurden, dürften Sie sich zur Unterstützung an die Kameradinnen Ihrer Dekade gewandt haben, aber jetzt können Sie nicht mehr zu ihnen gehen. Sie gehören jetzt zu Seivarden.« Bevor ich gekommen war – bevor die letzte Kapitänin der Gnade der Kalr wegen Verrats verhaftet wurde –, war Ekalu Amaat Eins gewesen. »Und ich vermute, Sie haben den Eindruck, dass Sie sich nicht an Ihre Etrepas wenden können.« Die Etrepa, die sich um Ekalu kümmerte, stand leidenschaftslos in einer Ecke des Raumes. »Viele andere Leutnantinnen würden es tun, aber die sind nicht aus einer Dekade aufgestiegen, nicht wahr?« Fügte nicht hinzu, dass Ekalu sich Sorgen machen könnte, ihre Autorität bei Schiffskameradinnen zu untergraben, die sie seit Jahren als einfache Soldatin gekannt hatten. Fügte nicht hinzu, dass Ekalu aus erster Hand wusste, wie unausgewogen ein solcher Austausch wäre, wenn sie von den Soldatinnen, die unter ihr dienten, irgendwelchen Trost oder emotionale Unterstützung verlangte. »Ich wage zu behaupten, dass Sie die Erste sind, die aus einer Dekade aufgestiegen ist.«

»Nein«, entgegnete Ekalu mit tonloser Stimme. »Das war die Flottenkapitänin.« Womit sie mich meinte. »Sie wussten es die ganze Zeit, vermute ich.« Dass ich eine Hilfseinheit und kein Mensch war.

»Ist das also das Problem?«, fragte die Bordärztin. Sie hatte den Tee nicht angerührt, den die Etrepa ihr serviert hatte. »Dass die Flottenkapitänin die Erste war?«

»Nein, natürlich nicht.« Ekalu blickte schließlich auf, und für einen kurzen Moment flackerte in ihrem emotionslosen Gesicht ein anderer Ausdruck auf, der jedoch sogleich wieder verschwand. »Warum sollte ich das denken?« Und ich wusste, dass sie die Wahrheit sagte.

Die Bordärztin machte eine Geste der Sorglosigkeit. »Manche Personen werden eifersüchtig. Und Leutnantin Seivarden ist mit der Flottenkapitänin … sehr verbunden. Und Sie und Leutnantin Seivarden …«

»Es wäre dumm, auf die Flottenkapitänin eifersüchtig zu sein«, sagte Ekalu ungerührt. Auch das meinte sie ehrlich. Ihre Aussage könnte als Beleidigung verstanden werden, aber ich wusste, dass das nicht ihre Absicht war. Und sie hatte recht. Es hatte einfach keinen Sinn, auf mich eifersüchtig zu sein.

»Solche Angelegenheiten«, stellte die Bordärztin trocken fest, »ergeben nicht immer Sinn.« Dazu sagte Ekalu nichts. »Ich habe mich manchmal gefragt, was Seivarden durch den Kopf ging, als sie herausfand, dass die Flottenkapitänin eine Hilfseinheit und keineswegs ein Mensch ist.« Dann reagierte sie auf ein winziges emotionales Aufflackern in Ekalus Gesicht. »Aber sie ist es nicht. Die Flottenkapitänin würde es Ihnen ganz offen sagen, kann ich mir vorstellen.«

»Werden Sie die Flottenkapitänin jetzt nicht mehr als Flottenkapitänin oder Bürgerin bezeichnen, sondern als Person oder Ding?«, fragte Ekalu herausfordernd. Und wandte dann den Blick ab. »Ich bitte ergebenst um Verzeihung, Bordärztin. Es fällt mir einfach nur schwer, es zu akzeptieren.«

Weil ich sehen konnte, was das Schiff sah, sah ich auch die verunsicherte Reaktion der Bordärztin auf Ekalus übertrieben förmliche Entschuldigung. Wie Ekalu plötzlich sorgsam bemüht war, ihren üblichen Akzent der niederen Häuser abzulegen. Aber die Bordärztin kannte Ekalu schon sehr lange, in erster Linie aus der Zeit, als Ekalu noch, wie die Bordärztin es ausdrückte, in den Dekaden gewesen war. »Ich glaube«, sagte die Bordärztin, »dass Seivarden sich vorstellt, sie würde verstehen, wie es ist, ganz unten zu sein. Zweifellos hat sie gelernt, dass es möglich ist, sich dort wiederzufinden, trotz guter Familie und tadelloser Manieren, auch wenn alles dafür spricht, dass Aatr einer Person ein Leben in Glück und Wohlstand bestimmt hat. Wie sie gelernt hat, ist es möglich, dass eine Person, die sie abgewiesen und missachtet hat, dennoch ihres Respekt würdig sein könnte. Und nachdem sie es gelernt hat, bildet sie sich ein, Sie zu verstehen.« Dann kam ihr ein anderer Gedanke. »Deshalb gefällt es Ihnen nicht, wenn ich sage, dass die Flottenkapitänin kein Mensch ist, nicht wahr?«

»Ich war niemals ganz unten.« Sie dehnte immer noch sorgsam ihre Vokale, wie es die Bordärztin oder Tisarwat taten. Oder Seivarden oder auch ich. »Und ich sagte, dass alles in Ordnung ist.«

»Dann habe ich mich geirrt«, erwiderte die Bordärztin ohne Groll oder Sarkasmus. »Ich bitte Sie höflichst um Nachsicht, Leutnantin.« Das war förmlicher, als es bei Ekalu nötig war, da sie sie schon so lange kannte. Deren Ärztin sie die ganze Zeit gewesen war.

»Selbstverständlich, Bordärztin.«

Seivarden schlief immer noch. Ahnte nichts vom Unbehagen ihrer Kameradin (und Geliebten). Ahnte nichts, wie ich befürchtete, von der Bevorzugung des Schiffs. Was meiner Vermutung nach eine starke Zuneigung war. Es gab viele Dinge, bei denen das Schiff nicht zögern würde, sie sehr direkt auszusprechen, aber niemals das. Dessen war ich mir sicher.

Neben mir im Shuttle murmelte und rührte sich Tisarwat, wachte aber nicht auf. Ich wandte meine Gedanken dem zu, was ich an Bord der Athoek-Station vorfinden mochte, wenn wir sie erreichten, und was ich daraufhin unternehmen würde.