Oswald Spengler: Neubau des deutschen Reiches
Neuausgabe.
Herausgegeben von Karl-Maria Guth, Berlin 2016.
ISBN 978-3-8430-8944-9
Dieses Buch ist auch in gedruckter Form erhältlich:
ISBN 978-3-8430-8910-4 (Broschiert)
ISBN 978-3-8430-8911-1 (Gebunden)
Die Sammlung Hofenberg erscheint im Verlag der Contumax GmbH & Co. KG, Berlin.
Erstdruck: München, C. H. Beck, 1924.
Der Text dieser Ausgabe folgt:
Oswald Spengler: Politische Schriften. München: Beck, 1933 [Volksausgabe].
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Wenn ein ungeheures Unglück über einen Menschen hereinbricht, zeigt sich, wieviel Starkes und Gutes in ihm war. Wenn das Schicksal ein Volk zermalmt, offenbart es seine innere Größe oder Kleinheit. Erst die äußerste Gefahr gestattet keinen Irrtum mehr über den geschichtlichen Rang einer Nation.
Uns blieb in dem größten aller Kriege das Soldatenglück versagt. Wir hatten dank unserer Energie, Arbeitskraft und Organisationsgabe einen wirtschaftlichen Aufstieg erlebt, wie er wenigen Völkern vergönnt und auch nur möglich war. Wir haben vier Jahre gekämpft und geduldet wie vielleicht überhaupt kein Volk zuvor, aber die Niederlage offenbarte plötzlich eine Erbärmlichkeit, die in der Weltgeschichte ohne Beispiel dasteht. Glühende Scham müßte uns ergreifen, wenn wir Fremden vor Augen treten mit dem Gedanken an das, was wir waren und was wir sind.
Aber daß die wenigsten von uns das wirklich fühlen, daß Unzählige sich in dem Unrat dieser Jahre mit Behagen betten, daß sie bereits vergessen haben, daß es anders sein könnte und anders war, das gehört zu dem, was einen in schlaflosen Nächten mit Verzweiflung überfällt.
Haben wir das verdient? Sind wir endlich dort, wohin uns unser Volkscharakter verweist? Prahlerisch im Glück, würdelos im Unglück, roh gegen Schwächere, kriechend gegen Starke, schmutzig auf der Jagd nach Vorteilen, unzuverlässig, kleinlich, ohne sittliche Kraft, ohne echten Glauben an irgend etwas, ohne Vergangenheit, ohne Zukunft – sind wir das wirklich?
Nur weil es nicht so ist, weil wir endlich den trennenden Strich zwischen dem deutschen Volk und den Anstiftern und Nutznießern des Zusammenbruchs ziehen können und wollen,[187] wagen wir es, Anspruch auf eine größere Zukunft zu erheben. Aber es handelt sich hier und heute darum, rücksichtslos das Geschwür am deutschen Körper aufzusuchen, um eine lange, schleichende Krankheit zu heilen.
Es war nicht »der Marxismus«, sondern eine Partei, nicht »der Liberalismus«, sondern eine Partei, nicht »der Ultramontanismus«, sondern eine Partei; es waren nicht Weltanschauungen, sondern Genossenschaften und Gruppen mit einem organisierten Anhang und einer zielbewußten Methode, welche das Reich bekrittelten, lähmten, unterwühlten, den Krieg nach einer Pause der notgedrungenen Mitbegeisterung aussichtslos machten, wie sie vorher schon alle Rüstungen dafür niedergehalten hatten, um endlich in Beschränktheit und Selbstsucht das Staatsschiff anzubohren in dem Glauben, damit für ein Regierungsideal nach ihrem Geschmack freie Bahn zu schaffen – nicht für Deutschland, sondern für eine Partei.
Wenn ich heute auf die langsam schleichende Entwicklung dieses Unglücks zurückblicke, so scheint mir der verhängnisvolle Wendepunkt im Jahre 1877 zu liegen, damals als Bismarck Bennigsen für ein Ministerium zu gewinnen suchte. Einen Augenblick dachte der Schöpfer des Reiches daran, den Parteien die Mitverantwortung für die Verwaltung und Leitung des gewaltig aufstrebenden Landes und die schweren Aufgaben seiner Außenpolitik aufzuerlegen. Diese Parteien waren als etwas Selbstverständliches vorhanden – es war die letzte Glanzzeit des westeuropäischen Parlamentarismus; in England hatten die Konservativen damals ihr erfolgreichstes Ministerium unter Disraeli – und er selbst hatte ihnen im Reichstag ein weithin hörbares Organ gegeben. Es handelte sich darum sie zu erziehen, denn sie waren den Ideologien von 1848 gerade entwachsen und nun vor große politische Tatsachen gestellt, die einstweilen ihr Verständnis überstiegen, aber bildungsfähig und bildungswillig, weil sie sich im Strom der Entwicklung mitgezogen und gehoben fühlten.
Aber dieses Reich und sein stets außenpolitisch denkender Gründer wußten sich so stark, mit einer vielbewunderten[188] mustergültigen Verwaltung, einer ehrlichen, fleißigen, glänzend geschulten Beamtenschaft und einem siegreichen Heer, Kräften also, womit sie die schwersten Aufgaben exakt zu lösen vermochten, daß sie die Notwendigkeit nicht begriffen, weniger ein Stück Autorität preiszugeben als diese verwickelter aber sicherer zu begründen, nämlich durch Einbeziehen des heranwachsenden Parteiwesens, das bis zu diesem Augenblick als Fremdkörper unabhängig von der Regierung und gegen sie dastand. Allein es kam 1877 nicht dazu und seitdem waren Parlamentarier von jeder verantwortlichen Regierungsarbeit ausgeschlossen. Auf politische Erziehung hat sich eine deutsche Regierung nie verstanden. Hier wurde das in der Ungunst unsrer mitteleuropäischen Lage begründete Autoritätsbedürfnis verhängnisvoll. Man verzichtete auf Verständnis, eigenes Urteil und innerliche Mitarbeit des Volkes, weil man der ausgezeichneten Durchführung aller Maßnahmen sicher war. Und so wenig das Deutsche Reich es verstanden hat, das Volk zu erziehen – für das Reich – die Schulen blieben humanistisch, die Lehrer fleißig und patriotisch, aber weltfremd und politisch ahnungslos, und die Schlacht bei Marathon ist ihnen immer wichtiger erschienen als der Berliner Kongreß – so wenig erzog es Parteien und Presse, die ihm lediglich als Hindernisse der Autorität lästig waren, ohne daß es die unabsehbaren Möglichkeiten entdeckt hätte, die jedes andere Land längst in vollem Umfang ausnützte. Hätte die Regierung damals vorsichtig begonnen, einzelne begabte Parteileute mit der Führung eines Ministeriums, den politischen Leiter eines großen Blattes mit einer diplomatischen Sendung zu beauftragen, es wäre ein ganz anderer, staatsmännischer, praktischer Ehrgeiz aufgekommen und man wäre in der Kritik sehr vorsichtig geworden, da man in die Lage kommen konnte, es morgen besser machen zu müssen. So aber wurde das Parlament ohne Mitverantwortung eine Nörglerbude, verärgert über das Geschenk der Macht ohne die Erlaubnis zum Gebrauch, von hemmungsloser, zerfressender Kritik als der allein übriggebliebenen Tätigkeit besessen, öde, beschränkt, spießbürgerlich, dünkelhaft, und das Niveau sank seit dem[189] Absterben der ersten Generation immer tiefer. Zwischen den gewaltigen Leistungen der Regierung und einem Volk, das sie weder sah noch in ihrer Höhe zu werten verstand und deshalb nur über die »Lasten« schimpfte, lagerte sich nun eine immer mehr auf Verneinung gestimmte Schicht, die Spitzenorganisation der Biertische rings im Lande, ohne Verantwortungsgefühl, weil man ihr keine Verantwortung gegeben hatte, über ihre Zustimmung zu Gesetzen von Fall zu Fall mit der Regierung wie mit einer fremden und feindlichen Macht verhandelnd, nicht viel anders, als eine Räuberbande mit Reisenden über das Lösegeld verhandelt, griesgrämig oder schadenfroh und am leichtesten fast durch die Eifersucht einer Partei auf die andere zu gewinnen: das war der innerpolitische, giftige, verdummende Stil, wie er notwendig aus jenem Fehler erwuchs, der bald nach 1877 nicht mehr gutzumachen war.
Diese Parteien waren nichts weniger als Volksteile wie in England; sie waren Schwärme von Parasiten am Körper des Reiches, und das Volk, der deutsche Michel, politisch ohne jede Schulung geblieben, sah belustigt dem Zweikampf zwischen Ministern und Parteiführern zu, mit der durch jenen Mangel an Schulung bedingten Sympathie für grundsätzliche Opposition, ohne zu bemerken, daß es sich um sein eignes Schicksal handle. So erhielt diese Schicht eine Tradition des Verneinens und ein Prinzip der Auslese, das einen immer minderwertigeren Nachwuchs lieferte, und dieser vergiftete nun im Sozialismus die Arbeiterschaft durch das Gerede, daß Klassenkampf wichtiger sei als große Politik, im Liberalismus den Mittelstand mit der Ansicht, daß Wirtschaftspolitik wichtiger sei als diese, im Zentrum die Katholiken mit der Gewöhnung, der großen Politik wie einer fremden Angelegenheit die Mittel nur gegen die Befriedigung von Parteiansprüchen zu bewilligen. In allen Fällen schwand das Verständnis für diese Politik, die einzige, die über das Dasein der Völker entscheidet und die seit dem Berliner Kongreß von 1878 mit wachsender Energie rings um uns betrieben wurde; es schwand im Volke, in den Parteien und endlich in der von Aufgaben ferngehaltenen Presse, die sehr im Gegensatz zur vormärzlichen[190] Zeit mehr und mehr dem Geschmack kleinbürgerlichen Besserwissens diente.
Ein Nachwuchs ist soviel wert wie die höchste erreichbare Macht: das ist das Geheimnis Napoleons von dem Marschallstab im Tornister jedes Soldaten. Da die Laufbahn des Abgeordneten – und des politischen Zeitungsleiters – eine Sackgasse geworden war, so sammelten sich in ihr die kleinen Streber, Nörgler, Kannegießer und Rechthaber, alles was ohne eigne Begabung in der Nähe von deutschem Bier wächst. Persönlichkeiten gingen nicht hinein; sie verschwanden in die Industrie und ins Ausland. Die Politik verkümmerte aus Mangel an Begabungen, denn als Gegenwirkung erreichte diese Parteitätigkeit, daß die Regierung alles Diplomatische mit Betonung als interne Verwaltungsaufgabe und deshalb mehr schematisch als taktisch behandelte. Sie arbeitete allein, und man betrachtete diese Arbeit zuletzt fast als die Privatsache ihrer Vertreter. Und infolge davon gab es, da Schule, Parteien und Presse gleichmäßig versagten, in dieser Zeit der herannahenden Entladung überhaupt keine politische Aufklärung mehr. Das deutsche Volk hat vor dem Kriege seine furchtbar gefährdete und vielleicht schon hoffnungslose Lage nicht gekannt; es ahnte sie während des Krieges nicht und es ist heute noch ebensoweit davon entfernt, denn diese drei politischen Erzieher moderner Völker sind, im Gegensatz zu allen anderen Ländern, seitdem noch tiefer gesunken, und zwar die Parteien voran.
Was man heute Nationalismus nennt, ist nichts als das Bewußtsein der führenden Schichten aller Völker für die ungeheuren Gefahren der Weltlage, seit der Krieg alle Verhältnisse aufgelockert hat. Es besteht die Möglichkeit, daß bei den kommenden Entladungen ganze Staaten und Völker verschwinden, wie es mit dem habsburgischen Reich und der russischen Oberschicht schon der Fall war. Die verantwortlichen Kreise aller Völker sind auf dem Posten – nur die Narren, Feiglinge und Verbrecher, die bei uns an deren Stelle stehen, glauben oder geben vor zu glauben, daß der Verzicht auf Weltpolitik vor ihren Folgen schütze.[191]
Diese Parteien hielten auch nach 1914 an der liberalen Alleinschätzung der Wirtschaftspolitik und der sozialistischen des Klassenkampfes fest, und da die Regierung Bethmann-Hollweg, schwach und verständnislos wie sie war und darin ganz der französischen von 1789 gleichend, den Parteiklüngel in seiner schon damals sehr fragwürdigen Zusammensetzung reizte statt ihn zu lenken, was einem Minister englischer Schulung leicht geworden wäre, und ihm gleich darauf durch Schmeicheleien seine Unentbehrlichkeit bewies, so wurden die Fraktionen durch den Begeisterungssturm von 1914 zwar zum Schweigen gebracht, aber nicht überzeugt. Die einen wollten diesen mächtigen Staat schwach sehen, die andern wollten ihn gar nicht. »Deutschland soll, das ist unser fester Wille, seine Kriegsflagge für immer streichen, ohne sie das letzte Mal siegreich heimgebracht zu haben«, das war das geheime Ziel der grundsätzlichen Opposition, und als die politisch unerzogene und über die Gefahr getäuschte Masse die Dauer des Krieges mit Angst und Verstimmung zu empfinden begann, gingen sie ans Werk. Der Sturz des Staates in der nebensächlichen Person Bethmanns war der erste, der Stoß in den Rücken der Armee der zweite Schritt.
Und hier offenbarte sich nun, was für ein Material die Regierung in den Parteien herangezüchtet hatte. Während man den Feinden die ganze Schwäche der Lage offenbarte, durch das beklommene oder ideologische Friedensgeschwätz in Parlament und Presse und die Erhebung des Ministerstürzens zum täglichen Sport, und während man aus dem Staatsbau einen Block nach dem andern herausbrach und das letzte Unglück wie eine düstere Wolke sich immer schwerer über Deutschland senkte, beginnt das Vollstopfen der hohen Ämter und der oft genug zu diesem Zweck gegründeten Kriegsgesellschaften mit Parteifreunden und Vertrauenspersonen, die man vom Frontdienst befreit oder mit einträglichen Lieferungen versieht; die Außenpolitik wird eine nicht weniger einträgliche Unternehmung von Privatpersonen auf eigene Faust, wie die Vorgeschichte der östlichen Friedensschlüsse eines Tages lehren wird, und je weiter die Macht des Parteiklüngels[192] wuchs, seit er jede Regierung kommandieren und jeden Posten vergeben konnte, desto mehr schwoll der Anhang zweifelhaftester Elemente, die politischen Einfluß oder auch gleich das Geschäft selbst haben wollten.
Darüber brach das Volk seelisch zusammen, der Staat löste sich von oben herab auf, das Heer verlor den sittlichen Halt, was am 8. August 1918 bei Cambrai zum ersten Mal erschreckend zutage trat, und es erfolgte der in der Geschichte bis dahin unerhörte Schritt von ehrfurchtgebietender Größe in allem, was Geist, Leistung, Höhe des Wollens und Fühlens betraf, zum Gemeinen und Gemeinsten – und über den Trümmern der deutschen Weltmacht, über zwei Millionen Leichen umsonst gefallener Helden, über dem in Elend und Seelenqual vergehenden Volke wird nun in Weimar mit lächelndem Behagen die Diktatur des Parteiklüngels aufgerichtet, derselben Gemeinschaft beschränktester und schmutzigster Interessen, welche seit 1917 unsere Stellung untergraben und jede Art von Verrat begangen hatte, vom Sturz fähiger Leute ihrer Leistungen wegen bis zu eignen Leistungen im Einverständnis mit Northcliffe, mit Trotzki, selbst mit Clémenceau. Es war die letzte Wiederholung des Reichstagsbeschlusses vom 23. März 1895, dem Gründer des Reiches den Glückwunsch zu versagen. Diese Genossenschaft, die 1919 nicht gewählt wurde, sondern sich wählen ließ, war in nichts verschieden von den Bolschewisten in Moskau, wenn nicht in der Erbärmlichkeit des Wollens und Handelns: ebensowenig zahlreich, ebenso entschlossen obenauf zu bleiben, ebensowenig geneigt irgend etwas wieder aus den Händen zu lassen; aber dort, um ein trotz allem groß gedachtes Weltziel zu erreichen und mit furchtbarer Energie durch Ströme von Blut ihm entgegen zu waten; hier, um die Erbschaft in Sicherheit zu bringen und dafür dem Feinde jede Erlaubnis um jeden Preis abzukaufen. Nachdem sich die Helden der Koalition vor dem Einsturz in alle Winkel geflüchtet hatten, kamen sie mit plötzlichem Eifer wieder hervor, als sie die Spartakisten allein über der Beute sahen. Aus der Angst um den Beuteanteil entstand auf den großherzoglichen Samtsesseln[193] und in den Kneipen von Weimar die deutsche Republik, keine Staatsform, sondern eine Firma. In ihren Satzungen ist nicht vom Volk die Rede, sondern von Parteien; nicht von Macht, von Ehre und Größe, sondern von Parteien. Wir haben kein Vaterland mehr, sondern Parteien; keine Rechte, sondern Parteien; kein Ziel, keine Zukunft mehr, sondern Interessen von Parteien. Und diese Parteien – noch einmal: keine Volksteile, sondern Erwerbsgesellschaften mit einem bezahlten Beamtenapparat, die sich zu amerikanischen Parteien verhielten wie ein Trödelgeschäft zu einem Warenhaus – entschlossen sich dem Feinde alles was er wünschte auszuliefern, jede Forderung zu unterschreiben, den Mut zu immer weitergehenden Ansprüchen in ihm aufzuwecken, nur um im Innern ihren eigenen Zielen nachgehen zu können. Sie waren entschlossen, jeden Grundsatz, jede Idee, jeden Paragraphen der eben beschworenen Verfassung für ein Linsengericht von Ministersitzen preiszugeben. Sie hatten diese Verfassung für sich und ihre Gefolgschaft gemacht, nicht für die Nation, und sie begannen vom Waffenstillstand bis zur Ruhrkapitulation eine schmachvolle Wirtschaft mit allem, woraus Vorteil zu ziehen war, mit den Trümmern des Staates, mit den Resten unseres Wohlstandes, mit unserer Ehre, unserer Seele, unserer Willenskraft. In Weimar betranken sich die bekanntesten Helden dieses Possenspiels an dem Tage, wo in Versailles unterzeichnet wurde, und es geschah nicht viel später, daß mit großen Ämtern ausgestattete Führer des Proletariats sich in einer Berliner Schiebervilla mit Nackttänzerinnen betranken, während Arbeiterdeputationen vor der Tür warteten. Das ist kein Zwischenfall, sondern ein Symbol. So ist der deutsche Parlamentarismus. Seit fünf Jahren keine Tat, kein Entschluß, kein Gedanke, nicht einmal eine Haltung, aber inzwischen bekamen diese Proletarier Landsitze und reiche Schwiegersöhne, und bürgerliche Hungerleider mit geschäftlicher Begabung wurden plötzlich stumm, wenn im Fraktionszimmer hinter einem eben bekämpften Gesetzantrag der Schatten eines Konzerns sichtbar wurde. Was unbeteiligt blieb, oft ohne den Sinn der Vorgänge ringsumher überhaupt zu ahnen,[194] war durch seine völlige Belanglosigkeit ohnehin dazu verurteilt.
Es ist vollkommen richtig, daß die alt und satt gewordene Demokratie auf der ganzen Welt diese Bahnen geht. Der amerikanische Ölskandal hat die Kriegsgeschäfte beider Parteien beleuchtet, und von Frankreich wissen wir nun, wie man durch den Wiederaufbau nicht zerstörter Gebiete und die nationale Leidenschaft der Presse zu einem Vermögen kommen kann, ohne ein Betriebskapital, es sei denn die Freundschaft mit einem Minister.
Der politische Einfluß der führenden deutschen Wirtschaft (außer der östlichen Landwirtschaft) wurde vor dem Kriege bei weitem überschätzt. Selbst in sehr ernsten Lagen war ihre Rolle beratender Natur und oft nicht einmal das. Maßgebend war letzten Endes immer der eifersüchtig gewahrte Einfluß der hohen Verwaltung auf politische Entschlüsse. Vor allem die Großindustrie besaß weder politischen Horizont noch Energie noch Folgerichtigkeit, sehr im Gegensatz zur englischen, die von jeher infolge einer alten Tradition in ständiger Berührung und im Einvernehmen mit der hohen Politik lebte. Nach dem Zusammenbruch traten diese Kreise als Mächte hervor, nicht durch eigenen Entschluß, sondern weil die politische Macht plötzlich nicht mehr da war, aber sie sind damit politisch weder aktiver noch weitsichtiger geworden. Das gilt von der großen Industrie und der Landwirtschaft, also von der an den Ort gebundenen nationalen Arbeit. Die nichtproduktive Wirtschaft, von der eigentlichen Hochfinanz bis zu den Konzernen mit Halb- und Scheinindustrie, bei denen das Handelsgeschäft, unter Umständen die bloße Valutaspekulation, durch Beteiligung an der Produktion nur verdeckt wurde, begriff dagegen sehr bald die Vorteile der neuen Lage. Seit die Politik ein Geschäft geworden war, bekamen die Geschäfte politische Bedeutung. Und während in Frankreich der Schwerpunkt wirtschaftlichen Einflusses auf die große Politik sich deutlich von der reinen Hochfinanz zur Schwerindustrie verlagerte, ging er in Deutschland in ganz anderem Tempo von der ostdeutschen Landwirtschaft zur Finanzwelt hinüber.[195] Diese Kreise traten in engste Verbindung mit dem Teil des regierenden Parteiklüngels, der ihren Überlegungen zu folgen vermochte, und sie haben es ausgezeichnet verstanden, durch ihre Trabanten in den Parteien und der demokratischen Presse diese Interessengemeinschaft durch die der öffentlichen Meinung eingepflanzte Legende zu decken, daß im Gegenteil Industrie und Landwirtschaft einen beständigen Druck auf die Regierung ausübten. Die Folgen traten in der gesamten Wirtschafts- und Steuerpolitik immer ernster hervor; der Ertrag des unbeweglichen Teils des deutschen Volksvermögens wurde langsam geopfert, um den Fortbestand der Erträge aus den beweglichen und nicht an die Landesgrenzen gebundenen Vermögen zu sichern.
Revolutionäre Parlamente sind praktisch wenig wert: Viel spießbürgerliche Gesinnungstüchtigkeit, wenig Blick für Tatsachen und gar keine Erfahrung. Der Minister Roland sagte 1791 von der neuen gesetzgebenden Versammlung in Paris: »Was mich am meisten überrascht, ist die allgemeine Mittelmäßigkeit. Sie übersteigt alles, was die Einbildung sich vorstellen kann.« Das deutsche Abgeordnetenmaterial war schon vor dem Kriege weniger als mittelmäßig, da es keine wirkliche Aufgabe vorfand, aber es war bei aller Urteilslosigkeit ehrlich. Jetzt waren die Aufgaben da, aber sie bestanden, wie es zum innersten Wesen der Erbschaft des Zusammenbruchs gehört, in privaten Vorteilen, angefangen von dem Besitz einer Bahnfreikarte, die in den Zeiten der Markentwertung die schönsten geschäftlichen Beziehungen erschloß, bis hinauf zum Ministersessel, und diese Aussichten zogen ganz andere Geister an. »Die Politik ist die Fortsetzung der Privatgeschäfte mit anderen Mitteln« sollte als Wahlspruch über dieser Demokratie allerneuesten Gepräges stehen. Wenn selbst diesen Geschäften die Größe fehlte – Ausnahmen wie billig abgerechnet –, so hat der gute Wille doch nie gefehlt.
Während man in der ganzen Welt daran ging zu sparen, Schulden abzutragen, die Wirtschaft wieder aufzubauen, die marxistische Mode der letzten Kriegsjahre zurückzudrängen, die nichts war als der Versuch, ganze Völker und Staaten zu[196]