Anne Heintze
Außergewöhnlich
normal
Hochbegabt, hochsensitiv, hochsensibel: Wie Sie Ihr Potential erkennen und entfalten
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© 2013 Ariston Verlag in der Verlagsgruppe Random House GmbH, Neumarkter Str. 28, 81673 München.
Alle Rechte vorbehalten
Umschlaggestaltung: Nele Schütz Design, München
Satz: EDV-Fotosatz Huber/Verlagsservice G. Pfeifer, Germering
ISBN 978-3-641-10918-9
V004
Dank
Mein Dank gilt allen außergewöhnlichen Menschen, die mich geprägt und in meinem Leben begleitet haben. Naturgemäß hinterlassen eben gerade außergewöhnliche Menschen einen bleibenden Eindruck. Ich denke an sie mit einem warmen Gefühl und pflege meine Erinnerungen, die mir unendlich viel bedeuten.
Tiefe Dankbarkeit erfüllt mich für meine Eltern. Sie ließen mich sein und werden. Sie sind und waren mir wichtige Vertraute und innige Gesprächspartner.
Ich bin zutiefst glücklich über meine wundervollen Kinder und die seltene tiefe Verbundenheit, die ich mit ihnen erleben darf.
Dann gibt es da noch meine »Lilimes« – die Lieblingsmenschen, die einen großen Einfluss auf mich hatten und mir Welten zeigten, die ich ohne sie sicher nicht entdeckt hätte. Danke Uschi, danke Ulrich – wo immer ihr beiden auch jetzt seid.
Und schlussendlich waren die vielen Klienten, die mir ihre eigene Welt so zart und vertrauensvoll geöffnet haben, ebenfalls wichtige Wegbegleiter. Auch dafür ein großes, inniges Dankeschön.
Inhalt
Die Entscheidung
Intuition und Freude
Ein wenig anders
Warum ich »du« sage
Außergewöhnliche Menschen oder »bunte Zebras«
Von vielen bunten Zebras
Kapitel 1 Wie ich die »hoch x«-Themen verstehe
1.1Also erst einmal hinein in die Schubladen!
1.2Was unterscheidet Hochsensibilität von Hochsensitivität?
1.3Hochbegabte sind keine Gehirn-Akobraten
1.4Hochsensibilität: Modeerscheinung oder Blödsinn?
1.4.1Zeitgeist: Wieso ist das Thema so aktuell?
1.4.2Ich doch nicht! Du doch nicht?
1.5Sensibilität und Sensitivität: Das ist alles nicht neu
1.5.1Rudolf Steiner und die zwölf Sinne (1916)
1.5.2Eduard Schweingruber: Der sensible Mensch (1945)
1.6Begabungs- und Intelligenzkonfetti
1.6.1Multiple Intelligenz
1.6.2Emotionale Intelligenz
1.6.3Soziale Intelligenz
1.6.4Spirituelle Intelligenz
1.6.5Physische Intelligenz
1.6.6Praktische Intelligenz
1.6.7Kreative Intelligenz
1.6.8Vitale Intelligenz
1.6.9Kristalline und fluide Intelligenz
1.6.10Warum all diese vielen Intelligenz- und Begabungsformen?
1.7Langer Rede kurzer Sinn
Kapitel 2 Was außergewöhnliche Menschen zu bunten Zebras macht
2.1Schublade auf: Hochsensibilität – Die Hochbegabung der Sinne
2.1.1Merkmalliste Hochsensibilität
2.2Schublade auf: Hochsensitivität – Frei von Esoterik
2.2.1Merkmalliste Hochsensitivität
2.3Schublade auf: Hochbegabung – aber nur kurz
2.3.1Merkmalliste Hochbegabung
2.4Sonderformen von Begabung und Sensibilität
2.4.1Vielbegabte: Die Scanner-Persönlichkeit
2.4.2High Sensation Seeker
2.4.3Inselbegabte – Savants
2.4.4Asperger-Autisten
Kapitel 3 Warum es bunte Zebras oft schwer haben
3.1Der hochsensible Körper: Stress und Überreizung
3.2Vorurteile zur Hochbegabung
3.3Die »Dummheit« von IQ-Tests
3.4Underachiever – Minderleister: ungehobene Schätze
3.5Spät entdeckt: Nach einem IQ-Test
3.6Weibliche Hochbegabung
3.7Männliche Sensibilität
3.8Alexithymie – Umgeben von Gefühlsblindheit
3.9Erschöpfung und Burn-out
3.10Depressionen
3.11Die »Klette« Perfektionismus
3.12Das Hochstapler-Phänomen
3.13Mobbing und Bossing
Kapitel 4 Eine schöne, bunte Zebra-Welt – raus aus den Schubladen!
4.1Toleranz mit sich selbst und anderen
4.1.1Sich selbst als außergewöhnlichen Menschen akzeptieren
4.1.2Trost durch Erkenntnis
4.1.3Coming Out: Ja, ich bin … und das ist auch gut so!
4.1.4Coming-in: Nach der Akzeptanz des Andersseins
4.1.5Das Bilderdenken: Außergewöhnliche Wahrnehmung
4.1.6Selbstwert und Selbstliebe: Du bist nicht ver k ehrt
4.1.7Zu etwas Großem berufen sein
4.1.8Es ist nie zu spät. Nie!
4.2Du und andere: Masken ablegen und sichtbar werden
4.2.1Finde deine Wahlfamilie
4.2.2Gelebte soziale Kompetenz
4.2.3Mit Ungerechtigkeit locker umgehen
4.2.4So kannst du lernen, mit Kritik zu leben
4.2.5Du bist aber arrogant! Danke!
4.3Alltagsschönheit und Lebensqualität schaffen
4.3.1Entscheidungen treffen
4.3.2Mit Humor geht alles leichter
4.3.3Vornehm zurückhaltend, statt schüchtern
4.3.4Traumata: Vergangenheit = Zukunft?
4.3.5Lebensfreude durch Resilienz
4.3.6Kreativität und Selbstausdruck: Du darfst
4.3.7Die Weisheit des Körpers
4.3.8Mit Reizüberflutung leben lernen
4.4Philosophische Überlegungen
4.4.1Das Potential lebendig leben lassen
4.4.2Das Resonanzprinzip
4.4.3Persönlichkeitsentwicklung durch Resonanz
4.4.4Energie und Aufmerksamkeit
4.4.5Lebenssinn und Lebensaufgabe
4.5Spiritualität und Sinnsuche
4.5.1Spiritualität ist nichts Spektakuläres
4.5.2Spirituelle Intelligenz
4.5.3Den eigenen roten Faden finden
4.5.4Vertrauen in die eigene Intuition entwickeln
4.5.5Die Angst der Hochbegabten vor Spiritualität
4.6Liebe, Partnerschaft und Beziehungen
4.6.1Zwischen Sehnsucht und Rückzug
4.6.2Außergewöhnliche Menschen auf Partnersuche
4.6.3Seelenpartner und bedingungslose Liebe
4.6.4Liebeskummer, was hilft und was nicht
4.6.5Zärtlichkeit und Sexualität
4.6.6Die Sprache der Liebe
4.7Finde deine Identität im Berufsleben
4.7.1Potentialentfaltung im Unternehmen
4.7.2Der Büroalltag eines außergewöhnlichen Menschen
4.7.3Mäandernde Lebensläufe und Patchwork-Karrieren
4.7.4Bunte Zebras als Chef – geht das?
4.7.5Selbstständigkeit als Chance?
Zuletzt
Anhang
Literaturliste
Die Entscheidung
Seit einem Vierteljahrhundert arbeite ich im direkten Kontakt mit Menschen – als Gesprächs- und Atemtherapeutin, als Heilpraktikerin mit den Schwerpunkten Psychosomatik/Psychotherapie, als Sterbebegleiterin, Kommunikationstrainerin und schließlich als Coach.
In meiner Arbeit als Coach begann ich zunächst ausschließlich mit Frauen zu arbeiten. Danach wandte ich mich allen Führungskräften, Unternehmern und Selbstständigen zu.
Irgendwann kam einmal der Tag, an dem ich mir überlegte, mit welchen Klienten es mir persönlich am meisten Spaß machte zu arbeiten, welche Ratsuchenden am schnellsten ihre Ziele erreichten und welche Coachings am herausforderndsten waren. Es war leicht festzustellen, dass es sich oft um besonders anspruchsvolle Menschen, um schwierige Situationen und komplexe Fragestellungen handelte. Ich suchte nach den Gemeinsamkeiten, die all diese Menschen miteinander verbanden. Diese wunderbaren Menschen waren redegewandt, hatten ein hohes Energielevel, einen wachen Verstand und waren ausgeprägt empathisch. Es waren intelligente und sensible Menschen mit einem breiten Wahrnehmungsspektrum. Es handelte sich um Menschen, deren Leben nicht geradlinig verlaufen war. Es waren suchende Menschen und solche, die viele Fragen stellten. Die größte Gemeinsamkeit, die ich fand, war, dass all diese Menschen besonders begabt waren, entweder auf geistiger oder emotionaler Ebene.
Zeitgleich begann eines meiner Familienmitglieder unter Depressionen zu leiden und begann eine Therapie. Im Verlauf dieser Therapie tauchte das Thema Hochbegabung mit all seinen möglichen Auswirkungen erstmals auf. Die Therapeutin stellte damals in den Raum, dass es einen Zusammenhang zwischen der Depression und der Hochbegabung geben könnte, und fragte, ob Hochbegabung in der Familie bekannt sei.
So fiel mir ein, dass auch bei mir, als ich fünf Jahre alt war, ein Intelligenztest gemacht wurde, um herauszufinden, ob ich frühzeitig eingeschult werden könne. Die Kinderpsychologin bestätigte damals eine hohe Intelligenz, empfahl aber dennoch, dass ich noch ein Jahr zum Spielen in den Kindergarten statt in die Schule gehen solle. Im Jahr 1965 war Hochbegabung noch kein großes Thema, das Wort war nicht einmal allseits bekannt. Meine Eltern wussten nach dem Test nur: »Sie ist eben besonders clever«, und das war’s. Das Testergebnis war für meine Eltern damals nicht wichtiger als meine Schuhgröße. Und so nahm meine Schulkarriere einen später oft gehörten Verlauf: Ich bin hingegangen, habe mich gelangweilt, nur das Nötigste getan und war dabei sehr gut. Allerdings nur so lange, bis es dann im Gymnasium schwierig wurde. Dann habe ich mich nur noch von Schuljahr zu Schuljahr gerettet und meine wirklichen Interessen außerhalb der Schule gepflegt. Ich konsumierte Bücher wie andere Kinder Fernsehserien. Ich war süchtig nach Wissen, ich trieb exzessiv Leistungssport und viel mehr hat mich nicht interessiert.
Zwischen meinem 14. und 34. Lebensjahr litt ich aber auch immer wieder an heftigen Depressionen, die mein Leben unendlich schwer und scheinbar unerträglich werden ließen. Ich habe mich einfach nicht verstanden. Diese Depressionen endeten erst, als ich meine Berufung gefunden und meinen Platz im Leben eingenommen hatte. Erst als ich mit mir und meinen Gaben und Aufgaben voll und ganz im Reinen war, verschwanden die Depressionen und sind seitdem auch nicht wieder aufgetaucht.
An all das erinnerte ich mich in dieser Situation. Ich begann zum Thema »Hochbegabung bei Erwachsenen« zu recherchieren und stellte sehr schnell fest, dass es damals nur eine Handvoll Literatur zu diesem Thema gab. Diese Bücher habe ich förmlich inhaliert. Ich weiß noch, wie viele Tränen beim Lesen geflossen sind. Zu diesem Zeitpunkt begann ich mein Leben neu zu bedenken und neu zu bewerten.
In diesem Zusammenhang habe ich dann auch nach Experten zum Thema gesucht, nach Coaches, Beratern und Therapeuten, die sich mit diesem Thema auskennen. Leider gab es damals auch von diesen Experten nicht mehr, als es Literatur dazu gab. Ich war also gezwungen, mir meine Informationen selbst zusammenzusuchen und mich immer tiefer in die Materie einzuarbeiten.
Sehr schnell war ich dann wieder bei der Überlegung, mit welchen Klienten ich am liebsten arbeitete. Ich beschloss, mich auf eben diese hochbegabten und hochsensiblen Menschen zu konzentrieren, entgegen dem Rat aller Marketingspezialisten, die glaubten, die Zielgruppe sei viel zu klein, um davon leben zu können. Es war eine der besten Entscheidungen meines Lebens. Heute, viele Jahre später, weiß ich, dass ich ohne jeden Zweifel meiner Intuition gefolgt bin und mein Bauchgefühl über die rationalen und wirtschaftlichen Erwägungen gestellt habe.
Intuition und Freude
Im Nachhinein weiß ich – vor allem auch durch die Erfahrung mit Hunderten von Menschen, mit denen ich seitdem gearbeitet habe –, dass die Fokussierung auf die Freude und die Intuition eine der besten Möglichkeiten ist, um sein Potential zu entfalten und den eigenen Lebenssinn und seine Lebensaufgabe zu entdecken. Ich werde in diesem Buch immer wieder genau darauf hinweisen:
•Wobei empfindest du die größte Freude?
•Was empfiehlt dir dein Bauchgefühl?
•Wofür stehst du jeden Morgen gerne auf?
•Was bereitet dir tiefe Befriedigung?
Wer konsequent nach den Antworten auf diese Fragen handelt, wird ein glückliches, erfolgreiches und wirklich befriedigendes Leben führen – beruflich und privat, denn diese Bereiche lassen sich in meinen Augen nicht voneinander trennen.
Um diese Lebensfreude und Selbstakzeptanz zu erreichen, ist als Grundbedingung die vollständige Akzeptanz des Andersseins erforderlich. Außergewöhnlich zu sein bedeutet zunächst einfach nur: ungewohnt, jenseits der Norm, andersartig. Eine Wertung ist damit nicht verbunden. Den Begriff »außergewöhnlich« habe ich nur gewählt, weil ich die Schubladen von »Hochbegabung«, »Hochsensibilität« und »Hochsensitivität« für unsinnig halte.
Ein wenig anders
Vieles von dem, was ich schreibe, entspricht nicht der gängigen Meinung der Fachliteratur oder den wissenschaftlichen Erkenntnissen. Alles, was ich schreibe, entspringt der Erfahrung mit hochbegabten und hochsensiblen Menschen, denn ich habe seit 2005 mit Hunderten dieser außergewöhnlichen Menschen intensive persönliche Gespräche geführt und mit Tausenden korrespondiert. Ich gründete im Internet mehrere Gruppen und moderierte Foren zum Thema »Hochsensibilität und Hochbegabung«. Viele Tausend Mitglieder haben sich dort intensiv über ihre eigenen Erfahrungen ausgetauscht.
Die meisten Ratgeber oder Selbsthilfebücher, die zu den Themen »Hochbegabung«, »Hochsensibilität« und »Hochsensitivität« existieren, beraten in diesen Kategorien. Sie verharren in der jeweiligen Schublade und bieten damit denjenigen Menschen eine Art innere Heimat, die auf der Suche nach Erklärungen für ihre Außergewöhnlichkeit sind. Das ist ehrenvoll und auch sehr wichtig. Mir liegt jedoch sehr daran, dieses Schubladendenken zu verlassen. Es führt zu nichts, sich in Begrifflichkeiten zu definieren. Es kann nicht darum gehen, den vielen Etiketten, die wir bereits in unserem Leben erhalten haben, ein weiteres hinzuzufügen.
Selbstverständlich ist es notwendig, zunächst einmal wenigstens ungefähr zu beschreiben, was ich mit den Phänomenen »Hochbegabung«, »Hochsensibilität« und »Hochsensitivität« verbinde. Aber du wirst sehr schnell erkennen, dass ich wenig Wert auf eine Etikettierung lege. Ich freue mich, wenn du dich auf diese Denkweise einlassen kannst und siehst, wohin sie dich in deinem Selbstverständnis führen kann.
Warum ich »du« sage
Es hat sich so ergeben. Mit den Menschen, mit denen ich täglich zusammen bin, mit denen ich arbeite, die mir vertrauen, duze ich mich. Sie mögen und schätzen es so. Das Du ist für mich ein Ausdruck des Vertrauens und der Nähe. Ich danke all diesen Menschen sehr dafür und nehme diese Anrede auch hier gerne an.
Ich selbst habe vieles erst in der Rückschau verstanden. Mein Leben ist sehr reich an Erlebnissen, die ich mit meinen Klienten gemeinsam habe. Darum erzähle ich manches auch aus meinem sehr persönlichen Erfahrungsschatz. Da sage ich gerne »du«.
Wenn wir den Weg gemeinsam gehen, um Erfahrungen zu teilen und neue Perspektiven darauf zu richten, entsteht Nähe. In dieser Nähe ist das Du einfach naheliegend. So, wie in den persönlichen Gesprächen ein neues Bewusstsein für die eigenen Stärken und ein veränderter Umgang mit Unsicherheiten entstehen, wünsche ich es mir für dich als Leser auch.
Außergewöhnliche Menschen oder »bunte Zebras«
Durch die Arbeit mit hochsensiblen und hochbegabten Menschen wurde mir klar, dass ihre Beziehung zu anderen Menschen zuallererst von dem Gefühl geprägt ist, anders zu sein. Sie empfinden sich oft als nicht dazugehörig, ausgeschlossen, einsam und ganz einfach fremd. So entstand das Bild einer Welt von Haflingern und bunten Zebras: Unsere Welt wird vorwiegend von Haflingern bewohnt, gestaltet und geregelt. Haflinger sind außerordentlich liebenswerte, nützliche, soziale und freundliche Pferde. Als ehemalige Reiterin im Leistungssport (Dressur und Springreiten) verbinde ich mit den Haflingern nur Angenehmes. Es ist keinerlei Abwertung darin enthalten. Haflinger sind auch sehr vielfältig: Man kann sie reiten, vor Kutschen spannen, im Wald und auf Wiesen mit ihnen arbeiten, sie sind sehr kinderfreundlich und unkompliziert. Haflinger leben gerne in Herden, fühlen sich wohl mit ihresgleichen und pflegen soziale Kontakte untereinander.
Wie würde sich wohl ein Zebra, das aus der afrikanischen Steppe stammt, in einer Herde von Haflingern fühlen? Es reicht schon aus, schwarz-weiß gestreift zu sein, um in so einer Herde außerordentlich aufzufallen. Dennoch sind auch Schwarz und Weiß Farben, die in der Natur vorhanden sind und als normal empfunden werden. Wie viel auffälliger wäre es dann, wenn ein Zebra nicht nur schwarz-weiß gestreift wäre, sondern mit bunten Streifen durch das Leben ginge? So wie diese bunten Zebras fühlen sich hochbegabte, hochsensible und/oder hochsensitive Menschen in ihrem normalen Umfeld.
Noch einmal: Mit diesem Vergleich ist keineswegs eine Bewertung verbunden. Haflinger oder buntes Zebra zu sein, ist nicht gut oder schlecht. Die Welt der Haflinger ist einfach nur anders als die Welt der bunten Zebras und hinzu kommt, dass es wesentlich mehr Haflinger gibt als bunte Zebras.
Auch in der Welt der Haflinger gibt es große Unterschiede unter den Pferden, sie sind keineswegs alle gleich. Sie erkennen diese Unterschiede unter ihresgleichen und sie erkennen genauso gut, wenn sich ein auffallender Fremdkörper unter ihnen befindet. Und ein buntes Zebra ist ein Fremdkörper in der Welt der Haflinger. Also ist es eine ganz normale und natürliche Reaktion eines Haflingers, wenn er zunächst in Abwehr gegenüber dem geht, der nicht zu seiner Welt gehört.
Ebenso natürlich ist es für ein buntes Zebra, sich fremd zu fühlen. Unsere Gesellschaft ist auf das Leben der Haflinger ausgerichtet. Zebrafamilien fallen unter Haflingerfamilien auf. Zebraeltern haben es schwer mit ihren bunten Zebrakindern in ihrem sozialen Umfeld. Das Bildungssystem – vom Kindergarten über die Schule bis hin zu Universitäten und anderen Ausbildungswegen – ist von und für Haflinger eingerichtet, nicht für bunte Zebras. Und so können wir die Analogien weiter fortführen und Beispiele finden, die aufzeigen, wie sehr sich die Lebensbereiche von Haflingern und bunten Zebras unterscheiden.
Es liegt auch auf der Hand, dass Partnerschaften zwischen Haflingern und bunten Zebras besonderen Umständen ausgesetzt sind. Ebenso sind jedoch Beziehungen von bunten Zebras untereinander nicht mit Beziehungen von Haflingern untereinander zu vergleichen. Bunte Partnerschaften benötigen manchmal ungewöhnliche Beziehungsmodelle.
Wie sehr unterscheidet sich auch die Arbeitswelt der Haflinger von einem Arbeitsumfeld, in dem bunte Zebras ihre Andersartigkeit ausleben können! Ganz egal, ob sich die Andersartigkeit eines Zebras in den Bereichen Denken und Logik oder Sprachbegabung und Wortgewandtheit oder Empathie und Sensibilität oder in der außerordentlichen Feinfühligkeit zeigt – immer entspringt die Norm und das, was von ihm erwartet wird, aus der Welt der Haflinger.
Beispielsweise fühlen sich bereits sehr junge Kinder in einer Familie, die ihre außergewöhnliche Art nicht nur nicht fördert, sondern sogar bekämpft, als fremdartig und falsch am Platz. Das kann so weit führen, dass sie felsenfest davon überzeugt sind, adoptiert worden zu sein, von einem anderen Stern zu stammen oder als Kind im Krankenhaus vertauscht worden zu sein. Nachdem ich solche und andere Beschreibungen über die Andersartigkeit von hochsensiblen, hochsensitiven und hochbegabten Menschen immer und immer wieder gehört habe, entstand das Bild der bunten Zebras in der Haflinger-Welt.
An diesem Bild werde ich in diesem Buch weiter entlangdenken, indem ich einerseits die Andersartigkeit der bunten Zebras erkläre und beschreibe und auch einen Ausblick auf eine angenehme und förderliche Umwelt für bunte Zebras wage.
Von vielen bunten Zebras
Für sehr viele Menschen ist es enorm hilfreich, wenn sie sich mit anderen Menschen über wichtige Themen ihres Lebens austauschen können. Das belegt die intensive Nutzung von Onlineforen und Onlinegruppen. Aber auch hier wirst du viele Stimmen von Betroffenen lesen können. Für dieses Buch habe ich meinen Klienten und Mitgliedern in Onlinegruppen einige Fragen über ihr Leben, über ihre Erfahrungen, über ihre Wünsche für das Leben mit Hochsensibilität und Hochbegabung gestellt.
•Zu welcher Art buntes Zebra zählst du dich: hochsensibel, hochsensitiv oder hochbegabt?
•Wann und wodurch hast du erkannt, dass du ein buntes Zebra bist?
•Wie hat sich diese Erkenntnis auf dein Leben – beruflich und privat – ausgewirkt?
•Hat sich dadurch deine Einstellung zu dir selbst geändert und wenn ja, wie?
•Wo liegt die größte Herausforderung im Leben für ein buntes Zebra?
•Wie kann ein buntes Zebra diese Herausforderungen gut bewältigen?
•Was möchtest du anderen bunten Zebras mit auf den Weg geben?
Die Lebensgeschichten und Antworten auf diese Fragen fließen in anonymisierter Weise in dieses Buch mit ein. Die Zebrageschichten enthalten viele persönliche Erfahrungen und nützliche Hinweise, wie das Leben für außergewöhnliche Menschen zufriedener gestaltet werden kann.
Ich danke euch allen für eure Beiträge – voller Offenheit und Weisheit – von ganzem Herzen. Ein erstes Beispiel für einen solchen Beitrag liefert uns:
Frieda, 50, Marketingspezialistin
Zu welcher Art buntes Zebra zählst du dich: hochsensibel, hochsensitiv oder hochbegabt?
Hochsensibel
Wann und wodurch hast du erkannt, dass du ein buntes Zebra bist?
Im negativen Sinne – also so, dass es mich genervt hat, anders zu sein als andere – in meiner Kindheit und Schulzeit. Meine Mutter meinte immer, ich sei zu empfindlich. In der Schulzeit hatte ich kaum Freunde, nie eine richtige Freundin. Das lag wohl daran, dass ich als sehr anspruchsvoll galt, als besserwisserisch, altklug usw. Das sagte auch mein Vater häufig zu mir: Ich wüsste wohl ständig alles besser. Doch er sagte es missbilligend – was mich verletzte. Ich meinte es doch nur gut. Ich wusste die Dinge eben. Ich fühlte mich als Außenseiter und wollte nichts lieber als endlich dazuzugehören und akzeptiert zu werden, so, wie ich war, denn ich konnte doch nicht anders sein!
Im positiven Sinne – also es als Gabe zu sehen – erst seit einigen Monaten. Im vergangenen Jahr stieß ich bei XING auf eine Gruppe. Als ich mich dort anmeldete, weinte ich. Daraufhin bekannte ich mich gleichzeitig vor mir selbst in vollkommener Gewissheit dazu, tatsächlich anders zu sein und das ab jetzt als normal zu betrachten.
Wie hat sich diese Erkenntnis auf dein Leben – beruflich und privat – ausgewirkt?
Na ja, da diese Erkenntnis noch recht frisch ist, sind die Auswirkungen überschaubar, aber immerhin schon da: Ich bin selbstbewusster, entspannter, gelassener. Die vielen Freunde, die ich seit meiner Scheidung schon seit Längerem in meinem Leben habe, weiß ich nun noch mehr zu schätzen. Ich bin achtsamer mit mir selbst und anderen. Ich schätze meine feinen Antennen jetzt, bin dankbar dafür und möchte sie gern zum Wohle aller einsetzen. Ich erhalte gerade Unterstützung dabei, meine Berufung zu finden, und freue mich schon sehr darauf, sie bewusst auszuüben. Zum ersten Mal im Leben spüre ich Leichtigkeit und grenzenlose Freude sowie Vertrauen ins Leben. Nun glaube ich auch wieder, dass selbst meine kühnsten und schönsten Träume in Erfüllung gehen können.
Hat sich dadurch deine Einstellung zu dir selbst geändert und wenn ja, wie?
Ich kann mich jetzt akzeptieren und endlich lieben. Da die anderen mich stets abgelehnt hatten, blieb mir irgendwann nichts anderes übrig, als mich selbst auch abzulehnen. Das war ein riesiger Schmerz in mir, ein Loch, das niemals gefüllt werden konnte – wie es schien.
Nun gedeiht mein Selbstbewusstsein völlig neu, es fühlt sich beinahe wie neugeboren an. Und ich finde mich endlich toll!
Wo liegt die größte Herausforderung im Leben für ein buntes Zebra?
An sich selbst zu glauben, auch wenn die ganze Welt scheinbar gegen einen ist. Man bekommt fast nur Gegenwind und muss dennoch stehen bleiben.
Wie kann ein buntes Zebra diese Herausforderungen gut bewältigen?
Es braucht Bestätigung – wenigstens von einem Menschen. Sonst verzweifelt es an sich und der Welt. Wenn mehr Menschen oder sogar eine oder mehrere Gemeinschaften da sind, um es zu hegen und zu schützen, bis es selbst groß und stark genug ist, umso besser. Es muss jemanden geben, der zu ihm sagt: »Du bist richtig. Lass dir von niemandem etwas anderes einreden.«
Was möchtest du anderen bunten Zebras mit auf den Weg geben?
Wenn ihr unglücklich seid, verzweifelt, traurig, einsam, allein: sucht Hilfe. Es gibt sie überall: in Büchern, bei Menschen, sogar im Internet. Hört auf euer Herz. Folgt dem kleinsten Hinweis. Und gebt niemals auf. Ihr seid Gottes Kinder. Er braucht euch. Genau euch, denn euch hat er ausgesandt, um die Veränderungen zu bewirken, die die Erde braucht. Deshalb könnt ihr nicht sein wie die Masse. Ihr tragt das Neue schon in euch, das, was erst sein wird. Ihr seid die Ersten, ihr seid Pioniere. Euer Anderssein wird dringend gebraucht. Schön, dass ihr da seid!