Impressum
Widmung
Kapitel 1
Kapitel 2
Kapitel 3
Kapitel 4
Kapitel 5
Kapitel 6
Kapitel 7
Kapitel 8
Kapitel 9
Kapitel 10
Kapitel 11
Kapitel 12
Das Geheimnis im Wald
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Copyright 2020 Jennifer J. Grimm
c/o Ballreich
Frankfurterstrasse 16b
58553 Halver
Jennifer@jennifer-j-grimm.de
Alle Rechte vorbehalten.
Lektorat: T.K. Moon
Coverdesign: Grace C. Stone
Besuche die Autorin online:
www.jennifer-j-grimm.de
www.instagram.com/grimms.monsterkatz
Dieses Buch ist für die Menschen in meinem Leben, die Weihnachten zu dem machen, was es für jeden sein sollte.
Ein Fest voller Liebe.
Kapitel 1
Hustend zog Vivien den Kopf aus der zugestaubten Ecke. Langsam kam sie sich vor wie in einem Karussell, das niemals anhielt. Sobald sie in einem Bereich etwas aussortierte, kam irgendeine Schublade, die ihre Großmutter mit noch mehr Krempel gefüllt hatte. Vivien hatte online schon nach Müllcontainern gesucht, denn am liebsten würde sie einen vor die Tür des Esoterikladens stellen und das ganze Zeug hineinpfeffern. Doch erstens kostete so ein Container ein halbes Vermögen, zweitens konnte sie das ihrer kranken Großmutter nicht antun.
Mit einem Seufzen richtete sie sich auf. Ihre Rückenwirbel knackten und sie stieß einen Fluch aus. Den Vormittag auf Knien zu verbringen und Gedöns auf verschiedene Haufen zu werfen, ging echt auf den Rücken. Sie fuhr sich durch die blonden Haare und wischte die Spinnweben darin mit einer Handbewegung beiseite. Plötzlich läutete die Glocke an der Ladentür. Nach einem kurzen Blick auf die große Ansammlung an blind gewordenen Gläsern, vertrockneten Kräutern und stumpfen Ritualmessern klopfte sie sich die Hände an der schwarzen Jeans ab und verließ den Hinterraum des Geschäftes.
Statt eines zahlenden Kunden erwartete sie im Verkaufsraum der UPS-Fahrer. Es hätte auch an ein Wunder gegrenzt, wenn sich in Frost Creek jemand außer Teenies in ihrer Grufti-Phase in den Laden verirrt hätten. Vivien brauchte dringend eine zündende Idee, um endlich Kundschaft zwischen die dunklen Holzregale, gefüllt mit allerlei esoterischem Krimskrams, zu bekommen.
»Unterschrift, bitte.« Der Lieferant war ein hagerer Mann, er hielt ihr das Gerät zum Unterschreiben hin. Vivien bemühte sich, nicht auf seine vom Nikotin gelb gefärbten Fingerspitzen zu starren und unterschrieb schnell, auch wenn sie keine Ahnung hatte, was er wohl geliefert hatte. In den letzten Tagen hatte sie nichts bestellt.
»Schönen Tag noch«, sagte sie, obwohl er längst wieder zur Tür marschierte und den Laden verließ. Schulterzuckend widmete sie ihre Aufmerksamkeit dem großen Karton, der vor ihr stand. Es kam definitiv nicht von Amazon. Sie beugte sich über die Pappe, um den Namen des Absenders lesen zu können. Valeria Goodwill. Der Name war ihr unbekannt, vielleicht würde der Paketinhalt erklären können, warum sie dem Soulspirit Post schickte. Testweise umfasste Vivien das Paket und war etwas verwundert, dass es trotz des Umfangs recht leicht war. Sie trug den Karton durch den Verkaufsraum und stellte ihn hinter der Ladentheke ab. Der Tresen war mit Kleinkram vollgestellt. Als vor einem Monat, an ihrem ersten Tag tatsächlich eine Kundin in den Laden kam, hatte sie zuerst die Kasse in dem Chaos suchen müssen. Ihre Großmutter führte das Soulspirit zwar mit viel Liebe zum Übersinnlichen, die geschäftliche Ausbildung fehlte ihr jedoch. Nun war sie schwer krank und Vivien versuchte, den Laden zu retten. Praktischerweise hatte sie kurz vor der Erkrankung ihrer Großmutter ihren Job als Informatikerin einer städtischen Verwaltung verloren. Leider hieß das gleichzeitig, dass sie kein Gehalt mehr bekam. Ihre Ersparnisse würden sicher noch zwei, drei Monate ausreichen, bis dahin musste der Laden allerdings etwas Geld abwerfen. Ansonsten müsste sie sich mit ihrer Großmutter etwas Neues einfallen lassen.
Während sie darüber sinnierte, dass sie das alte Geschäft jetzt an der Backe hatte, suchte sie in den unzähligen Schubladen nach der Schere. Darin fand sie lediglich einen krummen Brieföffner. Sie bezweifelte, dass man mit dessen stumpfer Klinge einen Brief aufbekam, nahm ihn aber dennoch zur Hand. Es grenzte eher an ein Aufstechen, als ein Aufschneiden, doch unter Zuhilfenahme von ausreichend Gewalt, bekam sie das Klebeband irgendwie auf. Der aufdringliche Duft von Patchouli stieg auf, sobald sie den Deckel aufklappte. Vivien rümpfte die Nase. Sie konnte diesen Geruch nicht ausstehen. Als erste Stellvertreterin-Amtshandlung hatte sie die Räucherstäbchen verbannt. Außerdem lüftete sie regelmäßig und langsam kam es ihr so vor, als müsste sie hier nicht mehr ersticken. Höchstens am Staub, der überall in dicken Schichten lag. Manchmal kam es ihr im Laden vor, als stünde die Zeit still. Die Wahrheit machte sie traurig. Ihre Oma benötigte eigentlich schon seit Jahren Hilfe und hatte nie ein Wort gesagt. Erst nachdem diese vor wenigen Wochen zusammengebrochen war, hatte sich das gesamte Ausmaß ihrer Überforderung gezeigt.
Seufzend fasste Vivien in den Karton. Ein großer Stapel Packpapier lag drauf. Lage um Lage entfernte sie und entdeckte darunter … Sie verdrehte die Augen. Eine Plastiktüte voller Räucherstäbchen. Mit einem würgenden Geräusch legte sie die stinkenden Dinger weg. Die mit verschiedenen Pflanzen befüllten und sorgsam beschrifteten Gläser stellte sie auf der Theke ab. Doch so vorsichtig sie die Gläser auch beiseiteschob, eines verlor gegen die Erdanziehung und knallte auf den Fliesenboden. Der Duft von Kamille breitete sich aus und verdrängte ganz kurz den des herben Patchoulis.
»Ach, Fuck«, fluchte sie und presste die Lippen aufeinander. Es war echt Zeit für Feierabend. Sie zog ihr Handy aus der Hosentasche. Es war kurz nach Zwölf. So früh wollte sie den Shop nicht schließen, auch wenn es ohnehin niemandem auffallen würde. Für ihre Großmutter, die der liebste Mensch war, den sie kannte, würde sie allerdings weitermachen. Sie begann damit, die großen Glasstücke aufzusammeln. »Au!«, quiekte sie, als sie unsanft in eine der Scherben hineinfasste. Ein stechender Schmerz breitete sich in ihrem Finger aus. Erneut schimpfte sie und langsam, aber sicher sank ihre Laune auf den Tiefpunkt. Dieser verdammte Laden machte sie noch depressiv! Vivien ließ die Scherben in den Mülleimer fallen. Sachte tropfte ihr Blut die Hand hinunter und sie hinterließ auf dem Weg zur Toilette eine rote Spur. Toll. Putzen durfte sie heute auch noch. Sie hielt den schmerzenden Finger unter kühles Wasser und nahm ihn dann in Augenschein. Der Schnitt war zwar nur oberflächlich, blutete aber dafür stark. Sie riss mit der unverletzten Hand den Waschbeckenunterschrank auf und zog den Erste Hilfe Kasten hervor. Fast einarmig bekam sie den Reißverschluss auf und klebte sich ein Pflaster auf den Zeigefinger.
Seufzend erhob sie sich. Was sie jetzt brauchte, war eine Pause und Kaffee. Danach würde sie sich um den dämlichen Karton kümmern. Mit pochendem Finger machte sie sich auf den Weg ins Harriet's. Dort gab es einfach den besten Kaffee in Frost Creek und den hatte sie sich nach diesem Morgen definitiv verdient!
Trotz der Winterkälte, die in der Stadt herrschte, spazierte Vivien gemütlich zum Café. Immerhin war es trocken und sie genoss die frische Luft. Die Fensterfronten des Harriet´s waren weihnachtlich geschmückt und luden dazu ein, sich einen heißen Kakao zu bestellen. Vivien konnte sich an keine Zeit ohne dieses Café erinnern. Schon als Teenager hatten sie die Zeit darin totgeschlagen und dabei Unmengen an Cola und Milchshakes in sich hineingekippt. Die Clique von damals hatte sich zwar in alle Winde verstreut, aber dennoch fühlte der Ort sich an, als wäre das alles nur wenige Jahre her. Sie betrat den Laden, die Glocke über der Tür gab ein helles Bimmeln von sich.
Der Holzboden, die bunt durcheinander gewürfelten Möbel … bis auf einige Modernisierungsmaßnahmen hatte dieser Ort noch immer denselben Charme. Heute wollte sie jedoch keine Zeit totschlagen. Sie strich sich eine Haarsträhne hinters Ohr und ging zur Theke. Ein großer Kaffee und einer der sündhaft leckeren Muffins würden ihr helfen, die Zeit beim Räumen zu überstehen. Um die Mittagszeit besetzten die Angestellten der umliegenden Geschäfte die Sitzplätze des Cafés, denn die Sandwiches waren in der ganzen Stadt als schneller Imbiss beliebt. Auch das hatte sich im Ort nicht verändert. Sie gab es ungern zu, doch sie hatte die Kleinstadt irgendwie doch vermisst.
»Hi Vivien! Kaffee wie immer?« Hinterm Tresen stand Emily und grinste sie an. Ihr schien der Mittagstrubel im Laden nichts auszumachen.
»Hi Emmy. Ja, aber bitte zum Mitnehmen. Ich muss noch ein bisschen vorankommen heute.«
Emily drehte sich um und drückte einen Knopf am Kaffeevollautomaten, der mit einem Brummen ansprang. Ihre blonden Haare schwangen hin und her, als sie den Kopf zur Seite neigte und über die Schulter zu Vivien sah.
»Du solltest echt einen Container bestellen.«
Sie entgegnete mit einem Kopfschütteln. Emmy hatte sie in den Sommerferien kennengelernt, da diese schon als Kind oft ihre Tante besucht hatte. Auch wenn sie immer nur wenige Wochen hier verbracht hatte, freundeten sie sich damals schnell an. Nun waren beide kurz hintereinander wieder angekommen. Anders als sie selbst, würde Emily sich nach den Semesterferien von Frost Creek verabschieden. In den letzten Tagen hatte Vivien ihr öfter vom Chaos im Esoterikladen berichtet, deshalb wusste ihre Freundin auch, dass sie es nicht übers Herz brachte, einen Müllcontainer zu bestellen.
Nach einem kurzen Moment stellte Emily den wiederverwendbaren Plastikbecher auf der Theke ab. In den Ferien half sie regelmäßig ihrer Tante, deshalb wusste sie, was hier zu tun war.
»Du weißt ganz genau, dass ich das meiner Oma nicht antun kann. Außerdem komme ich schon irgendwie voran«, schwindelte Vivien. »Packst du mir noch einen Muffin ein, bitte?«
»Klar!« Emmy wirbelte hinter der Theke umher und hielt ihr schließlich eine Papiertüte hin.
»Was hältst du davon, wenn wir nach Weihnachten ins Kino gehen, bevor du wieder nach Kalifornien fährst?«, schlug Vivien vor, während sie in ihrer Umhängetasche nach dem Portmonee kramte. Emmy nickte.
»Das klingt toll. Ganz so wie früher.« Schon als Teenager hatten sie regelmäßig ihr Taschengeld zusammengekratzt, um die neusten Filme im Goldwing Theatre zu sehen.
Vivien bezahlte, winkte ihrer alten Freundin zum Abschied zu und spazierte gemütlich an den Geschäften vorbei, bis sie am Soulspirit ankam. Sie ging einen Schritt zurück und betrachtete die Fassade. Die hatte auch dringend eine Erneuerung nötig. Renovierungen, für die ihr das Geld fehlte. Mit diesem Gedanken im Sinn schloss sie die Tür auf und trat in den Laden. Bis der Kaffee etwas abgekühlt war, würde sie sich dem seltsamen Paket widmen. Mit dem Handbesen beseitigte sie die Scherben und die verstreuten Kamillenblüten, dann sah sie erneut in den Karton.
Ihr Blut war auf einen der Gegenstände getropft. Sie griff danach und holte ihn heraus. War es eine Vase? Der Gegenstand schien teilweise mit dünnem Metall beschichtet zu sein, das eine Art Netz um die bauchigen Rundungen bildete. Ein Deckel verschloss das ganze. Vorsichtig schüttelte sie den dunkelgrünen Behälter, er schien leer zu sein. Mit dem Finger versuchte sie das Blut wegzuwischen, verschmierte es jedoch nur breitflächiger. Na ja. Das Gefäß sah ohnehin nicht so aus, als würde sie diese in den Laden stellen. Die gehörte definitiv in die Kategorie Mülltonne.
Sie legte die komische Vase beiseite und räumte den Karton weiter aus. Neben anderen seltsam anmutenden Deko-Stücken entdeckte Vivien eine handgeschriebene Notiz zwischen dem Packpapier. Die kurze Mitteilung war an ihre Großmutter gerichtet.
Meine liebe Joanna,
ich muss meinen Platz als Wächterin des Covens räumen. Die Überreste dieses Vermächtnisses gehen an dich über.
Halte den Bannkrug für alle Zeit geschlossen.
Ich nähere mich dem Schleier und werde dich dahinter erwarten.
Bis dahin, in all meiner schwesterlichen Liebe
Valeria Goodwill
Noch so eine Hexerei-Verrückte wie ihre Granny? Sie faltete den Zettel zusammen. Ihre Großmutter konnte den Laden nicht mehr leiten. Das war ihnen beiden klar, auch wenn sie es bisher vermieden hatten, es auszusprechen. Und obwohl Vivien selbst nichts mit dem magischen Kram am Hut hatte, wollte sie versuchen, den Laden über Wasser zu halten. Dieser Krempel würde bei einem Neustart nicht helfen. Sie packte alles wieder zurück in den Karton und schleppte ihn zur Hintertür. Die Mülltonne war fast voll, doch die Kräutergläser, Räucherstäbchen und den komischen Dekokrempel würde sie noch reinstopfen können.
Sie warf alles hinein, ließ den skurrilen Krug zuletzt hineinfallen. Er landete mit einem Scheppern zwischen all dem, was sie schon aus dem Laden entsorgt hatte. Es war ein befriedigendes Gefühl, den Deckel der Tonne zu schließen und die Sachen hinter sich zu lassen.
Sie konnte das schaffen. Eine Welle an Enthusiasmus brach über sie herein. Sie schnappte den Karton für die nächste Fuhre, die sie aus dem Laden werfen würde. Dieser verdammte Esoterikladen würde nicht ihr Endgegner sein!
Kapitel 2
Es stank furchtbar. Der Mann rümpfte die Nase und blinzelte. Dunkelheit umgab ihn. Was war geschehen? Er rappelte sich vom eisigen Steinboden auf. Kalter Wind ließ ihn spüren, dass er keine Kleidung am Leib trug. Langsam gewöhnten sich seine Augen an das schwache Licht der Sterne. Grhey stellte fest, dass er sich in einem Hinterhof befand. Um ihn herum ragten nur Mauern in die Höhe. Seltsam. Noch viel eigenartiger war die Tatsache, dass er hier alleine stand. Niemand befand sich bei ihm, der ihn hätte beschwören können. Üblicherweise saßen sonst drei bis zehn Hexen um ihn herum, die ihn um einen Gefallen bitten wollten. Doch dieses Mal … nicht einmal ein verdammtes Pentagram kreiste ihn ein!