„Die Hölle, das sind die anderen.“ (Jean-Paul Sartre)
Diesen Text habe ich im Jahr 2015 für das Buch „Sexuelle Liebe mit 50+ Tantra und energetische Liebe für erwachsene Menschen“ geschrieben. Er wurde damals vom Verlag mit der Begründung abgelehnt, er sei zu desillusionierend für die Leser. Was er beschreibt, ist eine Bestandsaufnahme der Erfahrungen mit spirituellen Sexualpraktiken und er räumt mit der Illusion auf, dass im „Spirituellen Supermarkt“ ein Weg zum „Erwachen“ oder auch zur „sexuellen Gesundheit“ angeboten wird.
Es gab in den letzten zwei Jahrzehnten eine deutliche Hinwendung zu neuen Formen, Sexualität und Spiritualität miteinander zu verknüpfen, am deutlichsten ausgeprägt in den verschiedensten Angeboten des „Neo-Tantra“, ausgelöst vor allem durch den indischen Guru Osho und seine Schüler, die sich „Sannyasins“ nennen.
Nachdem die Sexuelle Revolution der 70er Jahre in den 80ern weitgehend stagniert war und in Kommerzialisierung, Pornographie und Frustration geendet hatte, brachte die Neo-Tantra-Bewegung in den 90er Jahren einen völlig neuen Schwung in die Diskussion dessen, was die Qualität von Sexualität ausmachen kann. Das halte ich für sehr erfreulich. Aber damit hat meine Freude über Neo-Tantra auch schon ihre Grenze erreicht.
Ich kann nicht leugnen, dass ich den Tendenzen des Neo-Tantra überaus kritisch gegenüberstehe. Ich habe dies in meinem Buch „Sexuelle Liebe im JETZT – Tantra und die zweite sexuelle Revolution“ beschrieben und werde das hier nicht noch einmal in dieser Ausführlichkeit wiederholen. Dennoch möchte ich einiges über den Zusammenhang zwischen Spiritualität und Sexualität sagen, einfach, weil es ein wichtiger Aspekt des Lebens von vielen derjenigen ist, die heute fünfzig oder sechzig Jahre alt und älter sind. Diese Generation ist diejenige, die in den 70ern die sexuelle Revolution erlebt und gestaltet hat und die in die Welt hinausgezogen ist und neue (alte) spirituelle Traditionen in diese Kultur gebracht hat.
Ich habe selbst ab 1972 die erste hinduistische Meditationsschule besucht, die sich damals neu in Berlin etablierte. Das war TM, die Transzendentale Meditation von Maharishi Mahesh Yogi und ich habe das auch relativ fleißig praktiziert bis ich 1977 beim 16. Karmapa zum tantrischen Kagyü-Buddhismus Zuflucht genommen habe, den ich bis 1990 sehr ernsthaft praktiziert habe. Ich war fünf mal mehrere Monate lang bei meinem Tantra-Meister Tenga Rinpoche in Nepal, habe hier in Deutschland mehrere buddhistische Zentren aufgebaut und verschiedene Leitungsfunktionen ausgefüllt und ich habe mich dann aus guten Gründen völlig von allen asiatischen Meistern und Traditionen getrennt. Das hatte einerseits persönliche Gründe, aber die Konflikte, die sich ergaben, waren übergeordnete kulturelle Konflikte – sie kulminierten in der Forderung der Lamas, ich sollte unseren fünfjährigen Sohn wegen angeblicher homosexueller Tendenzen körperlich züchtigen oder ihm zumindest alle homoerotischen Spiele verbieten. Er und ein etwas älterer Freund hatten sich gegenseitig ihre Penisse gezeigt und berührt. Das war herausgekommen und hatte im buddhistischen Institut einen Skandal heraufbeschworen. Der andere kleine Junge wurde deswegen von den Lamas schwer misshandelt. Der „clash of the cultures“ stand im Hintergrund dieser Konflikte: der Zusammenprall der streng patriarchalischen, monastischen und theokratischen Kultur Tibets mit den Werten der sexuellen Revolution der westlichen Jugend. Die Lamas, die gerade frisch aus Tibet gekommen waren, forderten die völlige Unterordnung unter ihre Werte ein, und das kollidierte mit den Wertvorstellungen derjenigen Subkultur, die als „68er“ auch in der westlichen Gesellschaft für eine radikale Neugestaltung gesellschaftlicher und moralischer Werte stand. Fast alle Buddhisten, die sich damals tiefer in die Lehre hinein knieten, gerieten immer wieder in diese Konfliktzone, vielleicht nicht so krass und existentiell, wie es mir und meiner Familie geschah: Meine Frau, unsere zwei Kinder und ich wurden damals von den Buddhisten gnadenlos von einem Tag zum anderen in die Obdachlosigkeit verstoßen, weil wir uns weigerten, uns ihren Werten kritiklos zu unterwerfen. Sexuelle Zwangsmoral, Homophobie und Gewalt gegen Kinder waren für uns grundsätzlich indiskutabel und dass wir darauf bestanden, diese Werte über das Gebot der Hingabe zum Guru zu stellen, war die Nagelprobe.
Auch wenn diese Erfahrung für uns damals existenziell bedrohliche Konsequenzen hatte – wir mussten Jahre in bitterer Armut verbringen und uns alles völlig neu aufbauen: Geldverdienst, Wohnung, Freundschaften, soziales Umfeld, alles war von einem zum anderen Tag völlig zerstört worden. Dieser Konflikt brachte mich jedoch dazu, mich nie wieder von irgendwelchen Organisationen oder Bewegungen abhängig zu machen. Ähnliches – die Grausamkeit der emotionellen Pest – hatte ich auch schon einst mit den linken Genossen erlebt und ebenso mit der AA-Kommune Otto Muehls und auch mit den Reichianern. Die Konflikte mit den tibetischen Lamas sensibilisierten mich darin, bei Gurus, spirituellen Organisationen und Kulten, bei oberflächlich positiv auftretenden spirituellen, politischen und sozialen Angeboten jeglicher Couleur, genauer hinzusehen – ganz besonders, was die Verbindung zwischen Spiritualität und Sexualität angeht.