Cover

Das Buch

Nur sie würde seinen Schmerz heilen können. Sie allein hatte sich nie wirklich unterworfen. Sie war wild, so wie der eisige Norden, aus dem sie gekommen war: Nandalee. Und nun stand sie in seiner Höhle und zog die Klinge, die er einst selbst erschaffen hatte ...

Mit letzter Kraft flohen die Menschen aus dem ewigen Eis zurück in die südlicheren Gefilde Nangogs - besiegt und gedemütigt von den Kriegern der Daimonen. Erst als ein einzigartiger Wolkensammler mit einer mysteriösen Fracht über Volodis Palast vor Anker geht, schöpfen der Unsterbliche und sein bester Freund Aaron wieder Hoffnung. Es gibt eine Waffe gegen die scheinbar unbesiegbaren Drachen!

Doch auch die mächtigen Himmelsschlangen sind auf diese Waffe aufmerksam geworden. Während sie eine Armee von Zwergen in die Hafenstadt Asugar senden, um die Menschen endgültig zu schlagen, soll einer einzigen Drachenelfe, Nandalee, das Unmögliche gelingen: noch vor den Menschen die Waffe finden und bergen. Aber wird es Nachtatem, ihrem Herrn, wirklich gelingen, die Elfe noch einmal für seine Ziele in den Kampf zu schicken? Dieselbe Elfe, die ihm nahe kam wie niemand sonst und die zugleich sein Ende bedeuten könnte? Als aus dunklen Prophezeiungen Gewissheit wird, zeigt sich: Das Schicksal aller wird sich auf der magischen Welt Nangog entscheiden …

Der Autor

BERNHARD HENNEN, 1966 geboren, studierte Germanistik, Geschichte und vorderasiatische Altertumskunde. Als Journalist bereiste er den Orient und Mittelamerika, bevor er sich ganz dem Schreiben fantastischer und historischer Bücher widmete. Mit seiner Elfen-Saga stürmte er zunächst alle deutschen, dann auch international die Bestsellerlisten und schrieb sich an die Spitze der Fantasy. Mit Himmel in Flammen legt er nach Drachenelfen, Die Windgängerin, Die gefesselte Göttin und Die letzten Eiskrieger den fünften und abschließenden Drachenelfen-Roman vor. Der Autor lebt mit seiner Familie in Krefeld.

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BERNHARD

HENNEN

DRACHEN

ELFEN

HIMMEL IN FLAMMEN

ROMAN

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Copyright © 2016 by Bernhard Hennen
Copyright © 2016 dieser Ausgabe
by Wilhelm Heyne Verlag, München,
in der Penguin Random House Verlagsgruppe GmbH,
Neumarkter Str. 28, 81673 München
Redaktion: Martina Vogl
Umschlaggestaltung: Nele Schütz Design, München,
unter Verwendung einer Illustration von Max Meinzold
Satz: Leingärtner, Nabburg
ISBN: 978-3-641-12418-2
V005
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Für Anita,

ohne die es all dies nie gegeben hätte.

Die Jahre kommen und gehen,

Geschlechter steigen ins Grab,

Doch nimmer vergeht die Liebe,

Die ich im Herzen hab.

HEINRICH HEINE (1797–1856)

Erstes Buch

DER SOHN

DER GÖTTIN

PROLOG

Plötzlich war der Tod nichts mehr, was immer nur die anderen traf. Er war so alt wie die Welt. Er war ein Liebling der Götter. Doch nun hatte er ihre Gunst verloren. Deutlich hatte der Dunkle den Zorn der Alben gespürt. Sie hatten gesehen, was auf Nangog geschehen war. Sie wussten, dass es das Werk der Himmelsschlangen war.

Der Flügelschlag des riesigen Drachen wurde schwächer. Kaum vermochte er im Flug dem Goldenen Pfad zu folgen, der durch die endlose Finsternis führte. Blut schoss in pulsierenden Stößen aus den beiden Wunden. Etliche Speere hatten die zähe Lederhaut seiner Flügel durchschlagen. Brandgeschosse die Schuppen seines Leibes versengt. All dies war nichts. Nur ein einziges Geschoss hatte ihn verletzt, hatte sich tief in seinen Leib gegraben, sein Fleisch zerfetzt und war in seinem Rücken wieder ausgetreten. Ein solches Geschoss hätte es nicht geben dürfen.

Seine Lider wurden ihm immer schwerer. Er kämpfte darum, die Augen offen zu halten. Da war ein Lichtpunkt am Ende des Weges. Er musste nicht mehr lange durchhalten. Im Jadegarten würde er genesen. Sein Fleisch würde heilen, das wusste er. Doch die Gewissheit, die Gunst der Alben verloren zu haben, setzte ihm zu. Selbst jetzt noch spürte er ihren Zorn. Er war ihr erstes Geschöpf. Die erste Kreatur, der sie Leben eingehaucht hatten. Seine Seele war mit ihnen verbunden. Zumindest hatte er das immer geglaubt.

Seine Augenlider fielen ihm zu. Einen Herzschlag nur. Erschrocken riss er sie wieder auf. Sein Flug war ins Trudeln geraten. Den großen Schwingen fehlte es an Kraft. Er wollte einfach nur ruhen. Schlafen … Am besten für ein paar Wochen. Fliehen, in Träume, die ihn in eine bessere Wirklichkeit entführten.

Er schnaubte seine Wut und Verzweiflung heraus. Das war er nicht! Er war immer ein Kämpfer gewesen! Er würde nicht aufgeben und niemals fliehen, schon gar nicht in Träume.

Wieder fielen ihm die Augenlider zu. Ihm war schwindelig. Der Blutverlust … Er brauchte dringend einen geborgenen Platz.

Er glitt durch das Licht am Ende des Goldenen Pfades. Halb ohnmächtig spürte er, wie ihn Dämmerlicht und Feuchtigkeit umfingen. Er gab der Erschöpfung nach – und kehrte in die Nacht zurück, in der Nandalee zur Drachenelfe geworden war. Wie sehr er sich nach der Ekstase sehnte, dem Rausch zwischen Lust und Schmerz, den sie mit ihm durchlebt hatte. Würde sie sich ihm doch nur ein einziges Mal noch so hingeben wie in jener Nacht. Deutlich sah er wieder das Bild vor sich, das er ihr in endlosen Stunden in den Rücken gestochen hatte. Es war verwirrend gewesen. Nicht sein klarer Wille hatte es geformt. Es war dem Unbewussten entsprungen. Ein Omen. Ein Rätsel, das er bis heute nicht zu deuten vermochte. Zwei Schlangendrachen rangen miteinander. Ein schwarzer und ein silberner. Oder waren sie im Liebesspiel umschlungen? Im Hintergrund eine Scheibe aus gehämmertem Silber. Davor, unverkennbar, Nandalees Schwert Todbringer.

Sollte die Silberscheibe vielleicht die Silberschale darstellen? Jenes fragwürdige Artefakt, das vermutlich von den Devanthar erschaffen worden war und stets nur die dunkelsten Seiten der Zukunft enthüllte? Nachtatem wusste, wie sehr sein goldener Bruder der Silberschale verfallen war. Er hingegen vertraute ihr nicht. Und in welcher Verbindung stand die Schale zu Nandalee?

Rätselhaft war auch der silberne Drache. Es gab keine Himmelsschlange in dieser Farbe, ja, nicht einmal einer der niederen Drachen war silbern. Resigniert schnaubte der Erstgeschlüpfte. Er bettete sein müdes Haupt auf die gekreuzten Vorderpranken und blickte hinab auf das dunkle Rinnsal aus Blut, das von der Felsinsel, auf der er sich niedergelassen hatte, hinab ins brackige Wasser troff. Seine Wunden begannen sich zu schließen. Er würde überleben. Doch wie hatte das geschehen können? Er war fast göttergleich. Es gab nur zwei Arten von Waffen, die ihm und seinen Brüdern gefährlich werden konnten. Jene, die sie, die Himmelsschlangen selbst, entweder allein oder aber gemeinsam mit dem Schmied Gobhayn erschaffen hatten. Die Waffen, die sie ihren auserwählten Drachenelfen übergaben. Doch in diese war ein Zauber gewoben, der sie in die Weiße Halle zurückbrachte, wenn der Besitzer der Waffe starb. Und er und seine Nestbrüder konnten sie auch zu sich zurückkehren lassen. Es war also unmöglich, dass diese Klingen in falsche Hände gerieten. Außerdem waren nie Pfeile erschaffen worden. Mit Bedacht.

Das Geschoss, das ihn verwundet hatte, musste demzufolge von den Devanthar stammen. Auch sie schmiedeten zaubermächtige Klingen, denen nichts zu widerstehen vermochte. Aber Nachtatem war sich fast sicher, dass der Speer, der ihn so schwer verwundet hatte, aus den eigenen Reihen gekommen war. Paktierten einige Albenkinder etwa heimlich mit den Devanthar?

Das war undenkbar! Warum sollten sie das tun? Die Himmelsschlangen opferten sich auf, um Albenmark zur besten aller Welten zu machen. Sie übten die Gerechtigkeit, die bei den Alben längst durch Ignoranz verdrängt worden war. Niemand vermochte sich das Rätsel um ihr Verschwinden zu erklären. Oft hatte er mit seinen Brüdern darüber gestritten. War es eine Laune? Verabscheuten die Alben ihre Schöpfung? Verstanden sie dies unter völliger Freiheit? Ihre Schöpfer hatten Albenmark sich selbst überlassen. Und sie hatten ihr Tun nie erklärt. Konnte man von Göttern anderes erwarten? Sie schuldeten ihrem Werk keine Erklärungen. Doch die Welt konnte ohne Götter keinen Frieden finden. Und so hatten sie, die Himmelsschlangen, entschieden, die Welt zu ordnen, und sie zu einem Platz mit klaren Regeln gemacht.

Woher also war der Pfeil gekommen? Lange sann er nach. Ganz in sich versunken. Als er schon nahe daran war, an dem Rätsel zu verzweifeln, regte sich tief in ihm eine Erinnerung … Einst hatte Nangog ein Werkzeug besessen, das sie zum Graben genutzt hatte. Die Alben selbst hatten ihr diese Hacke geschenkt, deren Stahl von Magie durchwoben, unzerstörbar war. Niemals wurden die Kanten stumpf. Aber diese Hacke war verloren, seit Nangog in das Herz ihrer eigenen Welt verbannt worden war. Sie war nie gefunden worden. Den Alben bedeutete das Werkzeug ihrer gefallenen Sklavin nichts. Sie hatten nicht danach gesucht. Und wie ihre Schöpfer, so hatten auch die großen Drachen dieses Werkzeug vergessen.

Nachtatem war sich sicher, er oder einer seiner Brüder hätten davon erfahren, wenn eine riesige, undurchdringbare Wand aus Stahl tief in den Eingeweiden irgendeines Gebirges gefunden worden wäre. Eine Wand, an der alle herkömmlichen Werkzeuge zerbrachen. Hatten etwa die Zwerge …?

Als er resignierend die Augen schloss, spürte er, wie das magische Netz vibrierte. Jemand kehrte aus Nangog zurück und hatte dabei einen Drachenpfad benutzt. Überlebende! Sie mussten sich auf eines jener seltsamen Schiffe gerettet haben, die der Schmied und Baumeister Gobhayn den Aalen der Zwerge nachempfunden hatte. Die Zwerge – sie hatten mehr als jedes andere Volk einen Grund, auf Rache zu sinnen, seit die Tiefe Stadt verbrannt worden war. Sie waren dickköpfig genug, ihren Groll niemals aufzugeben. Und sie waren Tunnelbauer. Hatten sie Nangogs Hacke gefunden? Er sollte die Zwergenfürsten einbestellen und in deren Gedanken lesen, sobald er wieder zu Kräften gekommen war.

Die Schlacht um Nangog war entschieden. Nun war es an der Zeit, die Völker Albenmarks wieder strenger zu beobachten. Er sollte zudem seine Brüder überzeugen, die Weiße Halle wieder zu eröffnen. Sie brauchten neue Spitzel, neue Mörder. Zu viele ihrer Auserwählten waren auf Nangog gefallen. Nachtatems Gedanken glitten zurück zu Nandalee. Er wusste, der Goldene würde genau sie als Grund anführen, mit der Weißen Halle für immer zu brechen. Sie war kein Werkzeug so wie die anderen Mörder, die die Weiße Halle bislang hervorgebracht hatte. Nandalee stellte Fragen. Weigerte sich, einen Mord auszuführen, wenn sie ihn für moralisch fragwürdig hielt. Vielleicht waren es gerade Drachenelfen wie sie, die das neue Albenmark nun brauchte? Er vermisste sie. Hatte sie überlebt? Er hatte sie an den gefährlichsten Ort der Menschenwelt geschickt. Allein, ohne Hoffnung auf Unterstützung, ja, sogar ohne das Wissen seiner Brüder. Würde sie zurückkehren? Ihm wieder trotzig die Stirn bieten? Würde er Gelegenheit haben, sie für sich zu gewinnen?

Ungestillte Sehnsucht versetzte seinem Herzen einen Stich. Es war ein süßer Schmerz, der tiefer ging als der Speer, der ihn heute durchbohrt hatte. Ein Schmerz, den kein Zauber bannen konnte. Nur Nandalee allein würde ihn heilen können. Wieder dachte er an die eine Nacht. Mehr als dreißig Elfendamen hatten sich ihm verschrieben, seit die Weiße Halle gegründet worden war. Sie alle hatten dasselbe Ritual durchlaufen. Und doch hatte er bei keiner so empfunden wie bei Nandalee. Sie hatte sich nie wirklich unterworfen. Sie war wild, so wie der eisige Norden, aus dem sie gekommen war. Vielleicht stand der silberne Drache für sie? Sie, die allen anderen Elfen unähnlich war. Die das Herz eines Drachen hatte, auch wenn es ihr an der Weisheit der Himmelsherrscher fehlte.

»Nandalee … Nandalee …« Die Gazala in der weiten Kammer flüsterten ihren Namen. In Trance versunken sprachen sie von der Zukunft. Immer drängender riefen sie Nandalees Namen, raunten von ihrem Verrat.

Nachtatem gab nichts auf ihre Worte. Er wusste, wie unstet die Zukunft war. Wie scheinbar belanglose Kleinigkeiten das Schicksal ganzer Reiche änderten. Wirklich klar sahen die Gazala die Zukunft erst, wenn sie kurz davor stand, Gegenwart zu werden.

»Nandalee!« Immer drängender stießen sie den Namen aus. Einige der Orakelfrauen wiegten sich vor und zurück. Ihre schlanken Gazellenbeine ließen sie dabei zerbrechlich aussehen. Zanah, eine der jüngeren Seherinnen, beugte sich so weit nach hinten, dass ihre gekrümmten Hörner rote Striemen über die Haut ihres Rückens zogen.

»Sie kommt!«

Fünf oder sechs der Orakelfrauen sprachen jetzt mit einer Stimme. Nachtatem hatte so etwas noch nicht erlebt. »Sie kommt!«, schrien die Gazala.

Wieder erbebte das magische Netz. Doch diesmal war es anders, der Albenstern hatte sich geöffnet.

Firaz, die Nandalee durch ihre schwere Schwangerschaft begleitet hatte, eilte zu Nachtatem. Ihre blinden Augen waren weit aufgerissen. »Ihr müsst gehen, Himmlischer. Sie kommt, Nandalee. Ich habe es gesehen! Ihr dürft nicht bleiben!«

Sie warf sich über seine Vorderpranken und versuchte sie anzuheben. »Bitte, Himmlischer! Erhebt Euch! Ich habe es gesehen. Noch ist Zeit. Noch …« Sie drehte sich um. Ließ von ihm ab und wich erschrocken zurück.

Schlagartig wurde es still. Alle Gazala waren verstummt. Sie alle richteten ihre blinden Augen zum Eingang. Dort stand sie, Nandalee.

Die Drachenelfe trug ihr Prunkgewand. Ein langes, ärmelloses Kleid in strahlendem Blütenweiß, gesäumt von goldenen Stickereien. Der Schwanz des schwarzen Drachen wand sich um ihren linken Arm. In der Rechten trug sie den mächtigen Bidenhänder, den sie sich zur Waffe erwählt hatte. Jenes Schwert, von dem Gonvalon geglaubt hatte, es sei verflucht. Die schwere Klinge steckte in einer abgewetzten braunen Lederscheide.

Mit festem Schritt durchquerte die Elfe das flache Wasser. Sie hielt den Kopf stolz erhoben, sah ihm herausfordernd in die Augen. Ihr langes, sommerblondes Haar wallte ihr um die Schultern. Sie schien von innen heraus zu strahlen.

Nachtatem musste schmunzeln. Ihm war bewusst, dass er sah, was er in ihr sehen wollte. »Hattet Ihr Erfolg, meine Dame?«

»Nein«, sagte sie mit klarer, kalter Stimme. »Und doch stehe ich kurz davor, mir meinen geheimsten Wunsch zu erfüllen.«

Nandalee hatte ihn nun fast erreicht. Sie zog die Klinge, die er einst erschaffen hatte. Das Schwert, dem er vor einem ganzen Zeitalter seinen unheilschwangeren Namen gegeben hatte: Todbringer.

Sieben Jahre früher …

DER HERR DER WELT

Kolja wusste, dass in diesem Augenblick Tausende zu ihm aufsahen. Er flog hoch über der größten Stadt aller drei Welten, und er flog mit seinem Wolkensammler gegen den Wind. Wind vor regenschwerem Horizont war nicht mehr ein gasgefüllter Hautsack wie all die anderen Himmelstitanen. Das Traumeis hatte ihm die Gestalt gegeben, die er sich gewünscht hatte – wie ein riesiger, tentakelbehangener Rochen sah er nun aus. Es gab keinen zweiten wie ihn auf Nangog. Noch nicht! Doch die Welt würde sich ändern, und er, Kolja, war derjenige, der den Schlüssel dazu in Händen hielt.

Seine Hand ruhte auf der Reling, die von den feinen Wurzeln des Schiffsbaums durchdrungen war. Er wusste, dass Wind vor regenschwerem Horizont an jedem seiner Gedanken teil hatte. Der Wolkensammler selbst hingegen verschloss sich. Seine Schwingen bewegten sich nicht mehr in derselben Eleganz wie bei ihrem Flug über dem Purpurnen Meer. Etwas beunruhigte ihn.

Sie flogen eine weite Kehre über der Goldenen Stadt, deren weiße Mauern vom Abendlicht in Rot- und Zimttönen erstrahlten. Vom Fluss erhob sie sich in unzähligen Terrassen den Hang zum Weltenmund hinauf. Ein unübersehbares Labyrinth aus ärmlichen Hütten, schmutzigen Häusern und himmelragenden Türmen, an denen die Wolkensammler vor Anker gingen. Je höher die Terrassen am Hang lagen, desto häufiger waren sie von Gärten, ja, sogar von ausgedehnten Parkanlagen umgeben. Das Klappern der Wasserräder, die Flusswasser von Terrasse zu Terrasse den Hang hinaufhoben, war bis in den Himmel zu hören, ebenso wie das Rauschen des herabtropfenden Wassers. Immer noch lagen weite Teile der Stadt in Trümmern. Doch mehr und mehr neue Häuser erhoben sich aus dem Schutt. Die Goldene Stadt war ein Symbol für die ganze Welt. Auch wenn die Daimonen ihnen einen schweren Schlag versetzt hatten, so hatten sie doch nicht obsiegen können. Die Menschheit erhob sich gleich den gefallenen Häusern, und am Ende würde sie triumphieren. Und an diesem Triumph hätte er den größten Anteil!

Wind vor regenschwerem Horizont hielt auf den Palast des Statthalters von Drusna zu. Zwei Drittel der lang gestreckten Terrasse um die reetgedeckte Festhalle wurden von einem jungen Eichenwald eingenommen. Dem einzigen Geisterhain, den es auf Nangog gab.

Der Wolkensammler bewegte seine Schwingen nicht länger. Er glitt ruhig auf dem Wind und verlor langsam an Höhe. Deutlich konnte Kolja nun die Menschen in den Gassen erkennen, die innehielten, zum Himmel hinaufsahen und mit ausgestreckten Armen auf die seltsame Kreatur zeigten. Jetzt erklangen auch Hörner in der Stadt. Hielten sie ihn für einen Angreifer?

Kolja lächelte spöttisch. Viel zu spät! Er schwebte schon über dem Herzen der Stadt. Das musste anders werden. Die Unsterblichen mussten begreifen, dass sie auf Nangog nur siegen würden, wenn der Befehl über die Welt in einer einzigen Hand lag. Und es durfte keiner aus ihren Reihen sein. Dafür achteten sie viel zu eifersüchtig darauf, dass sich keiner über die anderen erhob. Kolja hatte erlebt, wie hart Aaron darum gekämpft hatte, der Erste unter Gleichen zu sein, und wie er immer wieder gescheitert war.

Er würde die Herrschaft über Nangog anstreben, dachte er selbstbewusst. Er würde mithilfe des Traumeises eine neue Welt erschaffen. Kolja blickte über das leere Schiff, das Wind vor regenschwerem Horizont mit seinen Fangarmen hielt. Es gab hier niemanden außer ihm und dem Wolkensammler, der wusste, wo sich das Traumeis befand. Wenn die Unsterblichen über die Daimonen obsiegen wollten, dann mussten sie mit ihm reden. Aus dem Augenwinkel sah er, dass kleine Wolkensammler aus dem Frachtdeck eines nahe gelegenen Himmelsschiffes quollen. Unter ihnen hingen Krieger der Ischkuzaia in Ledergeschirren. Der Wind stand günstig für sie. Eine beständige Brise trieb sie in Richtung der fremden Kreatur, die über der Goldenen Stadt erschienen war. Wie Papierdrachen, die dem Firmament entgegenstrebten, näherten sie sich. Sie träumten wohl davon, sein Schiff zu kapern.

»Narren!«, rief Kolja ihnen entgegen.

Wind vor regenschwerem Horizont wusste, was er wollte. Er bewegte die linke Schwinge. Der Luftstrom, der so entstand, wirbelte die kleinen Wolkensammler durcheinander. Die Seile, die sie mit ihrem Mutterschiff verbanden, verstrickten sich. Einige der Krieger ließen fluchend ihre Waffen fallen und versuchten, sich zu befreien, während Koljas Wolkensammler weiterzog und sich den Ankertürmen neben der drusnischen Palasthalle näherte.

Amüsiert beobachtete Kolja, wie nun auf allen Türmen Bogenschützen erschienen. Ja, ihm könnten sie gefährlich werden, aber ein Geschöpf wie Wind vor regenschwerem Horizont ließ sich von Pfeilen nicht beeindrucken. Solche Treffer wären nicht einmal wie Nadelstiche für ihn.

Die Tentakel des Wolkensammlers streckten sich nach den schweren Eichenbalken, die wie Dornen aus der Krone des gemauerten Ankerturms ragten. Manndicke Fangarme schlangen sich um das schleimverkrustete Holz. Langsam zog sich Wind vor regenschwerem Horizont an den Turm heran, bis der Abstand zwischen dem Kampfdeck des Schiffes, das er trug, und der Plattform des Turmes weniger als ein Schritt betrug.

Kolja öffnete eine schmale Tür in der Reling und wagte, ohne zu zögern, den Sprung zum Turm. Eine Laufplanke brauchte er nicht. Das Traumeis hatte nicht nur seinen verlorenen Arm nachwachsen und alle Narben aus seinem Gesicht verschwinden lassen, sein ganzer Leib war wieder so kräftig und geschmeidig, wie er es einst gewesen war, als er zum ersten Mal den Sandplatz einer Arena betrat. Niemand würde in dem jugendlichen Krieger mit dem markant geschnittenen Gesicht den vernarbten Söldnerführer Kolja wiedererkennen, dessen Anblick allein einst schon ausgereicht hatte, um Schrecken in die Reihen seiner Feinde zu tragen.

Schnaufend erreichte ein Krieger in leichter Lederrüstung und einem Eberzahnhelm, auf dem ein schwarzer Rossschweif wippte, die Plattform des Turms. Kolja kannte ihn. Es war Oleg. Einst hatte er zu den Zinnernen gehört. Kolja musterte den schwitzenden Hauptmann. Jetzt musste sich zeigen, ob er wirklich so verändert war, wie er glaubte.

»Was wollt Ihr?«, stieß der Krieger um Atem ringend hervor. »Wer seid Ihr?«

Kolja hob langsam seine Hände, sodass Oleg deutlich sehen konnte, dass er unbewaffnet war. »Ich möchte mich mit meinem Himmelsrochen gerne in den Dienst des Unsterblichen Volodi stellen.«

Der Hauptmann blickte skeptisch zu dem seltsamen Geschöpf, das über ihnen schwebte. Hunderte von Tentakeln zuckten nervös an der Unterseite der Bestie. »Himmelsrochen …«, wiederholte er mit tonloser Stimme, und ihm war anzusehen, dass er wusste, in welcher Gefahr er schwebte. »Folge mir! Ich werde sehen, ob der Unsterbliche Zeit für dich hat.«

Natürlich würde Volodi Zeit haben, dachte Kolja schmunzelnd. Keiner der Unsterblichen würde sich die Gelegenheit entgehen lassen, ein solches Wolkenschiff in seinen Dienst zu stellen und auszurüsten.

DIE FALSCHE DIENERIN

Bidayn war fasziniert von der Kreatur, die am westlichen Ankerturm angelegt hatte. Ein solches Geschöpf hatte sie nie zuvor gesehen. Ob dieser befremdliche Wolkensammler ihre Pläne in Gefahr bringen konnte? Gewiss war er zu schwerfällig, um auf einen schnellen Angriff zu reagieren. Asfahal und die anderen würden auf ihren Adlern dicht über den Baumwipfeln einfliegen. Und sie kämen erst, sobald es dunkel geworden wäre.

Die Drachenelfe blickte zum flammenden Horizont. Etwas weniger als eine Stunde, dann wäre das letzte Abendrot verloschen, und eine Dunkelheit würde sich über den Palast senken, wie sie die Menschenkinder noch nicht erlebt hatten.

»Steh nicht herum und glotz wie eine dumme Kuh!«, ertönte hinter ihr Vladis Stimme. Der korpulente Drusnier war der Aufseher der Palastdiener. Ein echter Sklaventreiber. Außerdem noch Säufer und Hurenbock.

Bidayn wandte sich zu ihm um und schenkte ihm ein scheues Lächeln. »Dieses Tier da …« Sie deutete zum Ankerturm. »Es wird uns doch nichts tun, Herr, oder? Was ist das?«

»Was weiß ich denn? Eine Himmelsflunder … Es interessiert mich einen Dreck, was sich da oben an den Ankerturm klammert. Gleich wird dort eine ganze Mannschaft den Turm hinabsteigen, und das Gastrecht gebietet, dass wir sie bewirten. Lauf zu den Bierwannen, schöpf ein paar Krüge voll und bring sie in die große Halle.« Er lächelte schmierig und fuhr selbstgefällig fort: »Mach dir keine Sorgen. Ich werde dich beschützen. Ich bin hier der Einzige, der Hand an euch faules Pack legt.«

Bidayn nickte ergeben und lief dann eilig über den Hof. Vladi machte keine leeren Worte. Zwei Mal schon hatte er sie mit dem Eichenknüppel geschlagen, den er stets bei sich trug. Es machte ihm Spaß, seine Untergebenen zu drangsalieren. Sie stellte sich vor, wie sie ihm den Bauch aufschlitzte, und lächelte versonnen. »Ich freue mich auf unser Wiedersehen, Vladi. Nur eine Stunde noch …«, sagte sie leise, als sie in das Bierhaus trat.

»Was willst du?« Miladin, der Braumeister, blickte zu ihr auf.

Bidayn wusste, dass der verhutzelte, alte Kerl das niedrige Steinhaus, in dem mehr als zwanzig hölzerne Bottiche standen, niemals verließ. Strenger Hefegeruch schlug ihr entgegen. Sie mochte dieses Haus nicht. Stets hielt sie den Atem an, wenn sie hereinkam. »Bier für die Festhalle«, stieß sie zwischen zusammengepressten Lippen hervor. »Gäste kommen.«

Der Alte runzelte die Stirn. »Hier gehen zu viele verdammte Gäste ein und aus. Ein gutes Bier braucht Zeit, sag das Vladi. Ich kann nicht zaubern!« Miladin strich an seinen Bottichen entlang, rührte mit einer langstieligen Holzkelle darin herum und betrachtete nachdenklich die Hefeklumpen, die er aufwirbelte. Er zog ein kleines Trinkhorn aus der Schlaufe seines Gürtels, schöpfte etwas Bier aus dem Bottich, vor dem er stand, und trank einen kleinen Schluck. Geräuschvoll bewegte er die Flüssigkeit durch den Mund. Endlich nickte er. »Das Bier hier ist für Gäste. Das muss genügen. Davon kannst du vier Krüge voll mitnehmen. Aber untersteh dich, dem Unsterblichen davon einzuschenken. Es hatte noch nicht genug Zeit – unser Herrscher schmeckt das.«

Bidayn nickte. Bald müsste sie Atem holen. Hastig griff sie nach den Bierkrügen auf dem Tisch an der Wand und scheuchte dabei eine ganze Wolke von Fliegen auf. Die Henkel der Tonkrüge waren klebrig. Vermutlich hatte sie seit dem letzten Gebrauch noch niemand ausgespült.

Die Elfe war oft genug im Brauhaus gewesen, um die Marotten des Alten zu kennen. Und so machte sie nicht den Fehler, selbst mit den Krügen aus dem Bottich zu schöpfen, auf den er gedeutet hatte. Sie wartete, bis er irgendwo in der großen, halbdunklen Kammer sein Sieb gefunden hatte. Dann hielt sie Miladin den ersten Tonkrug hin. Mit leicht zitternder Hand schöpfte er Kaskaden goldenen Biers durch das Sieb, wobei das kostbare Nass in Strömen vom Krug hinabtroff. Als er alle Krüge gefüllt hatte, pflückte er die Hefeklümpchen vom Sieb und schnippte sie zurück in den Bottich.

»Mein Leben lang habe ich an dieser Hefe gearbeitet«, sagte er mit versonnenem Lächeln. »Es gibt Fürsten in Drusna, die würden mir mein Trinkhorn mit Gold füllen, nur um etwas davon zu bekommen.«

Bidayn erwiderte das Lächeln. Auch wenn sie den Alten nicht mochte, so musste sie ihm zugestehen, dass sie einander ein klein wenig ähnlich waren. Er hatte sich mit Leib und Seele seinem Bier verschrieben, und es gab nichts anderes in seinem Leben. Mit derselben Leidenschaft brannte sie für den Goldenen. Sie hoffte, dass Miladin ihr nicht in die Quere kommen würde, wenn das Kämpfen begann.

Sie stellte die vier schweren Krüge auf ein Tablett, trat hinaus auf den Hof und atmete tief und lange ein. Lange Schatten krochen bereits über den Platz aus gestampftem Lehm. Sie wich einer Pfütze aus Schleim aus und blickte erneut hinauf zu der seltsamen Kreatur, die am Ankerturm angelegt hatte. Der Goldene musste von diesen Geschöpfen erfahren! Sie würden den Krieg um den Himmel von Nangog verändern.

Noch während sie nach oben sah, troff erneut von einem der großen Tentakel Schleim herab und verfehlte nur knapp ihr Tablett. Bei dem Gedanken, wie Miladin reagieren würde, wenn solcher Schleim den Weg in einen seiner Krüge voll kostbaren Biers finden würde, musste sie schmunzeln.

»Steh nicht herum und träum!«, hallte Vladis Stimme über den weiten Hof. Dieser verdammte Sklaventreiber schien seine Augen überall zu haben.

Bidayn stieg die weite Treppe zu der Terrasse hinauf, auf der die Festhalle errichtet war. Sie war einem Langhaus aus Drusna nachempfunden, mit einem fast bis zum Boden reichenden Reetdach. Damit wirkte die Halle seltsam fremd neben all den anderen Gebäuden des Palastes, die wie die meisten Häuser der Goldenen Stadt aus Stein oder Lehmziegeln errichtet waren. Die Elfe ließ einen kurzen Blick über das Meer der lehmverputzten Häuser mit ihren flachen Dächern schweifen, die den weiten Hof des Palastes umzingelten. Vorratshäuser, Unterkünfte für das Gesinde oder jene kleineren Hallen, in denen Hofbeamte Audienzen gaben. Einige standen für sich allein, die meisten Häuser aber drängten sich zu einem Labyrinth zusammen, in dem selbst sie einmal die Orientierung verloren hatte. Mehrere Ausgänge mündeten von dort auf eine Prachtstraße und eine kleine Gasse, die beide unmittelbar an die Außenmauern des Palastbezirks angrenzten. Und all dies überragte die Festhalle, die Bidayn nun durch einen Nebeneingang betrat.

Hier, im hinteren Teil des Gebäudes, lagen einige private Gemächer, die seit seiner Rückkehr aus dem Eis vom Unsterblichen Volodi und dessen Familie genutzt wurden. Durch eine der Türen zu ihrer Linken hörte Bidayn die Stimme Quetzallis. Sie klang aufgewühlt. Die Elfe widerstand der Versuchung zu lauschen. Sie wusste, dass Vladi irgendwo lauerte und nur auf eine Gelegenheit wartete, seinen Knüppel auf ihrem Rücken tanzen zu lassen … Nicht so kurz, bevor sich erfüllte, wofür sie all die Jahre ausgebildet worden war. Es war unerheblich, was Volodis Weib zu ihm sprach. Weniger als eine halbe Stunde noch und der Unsterbliche würde den Titel verhöhnen, den er trug, wenn er verblutend vor ihr im Staub lag.

Sie trat durch den Vorhang, der diesen Bereich von der großen Festhalle abtrennte, und befand sich in dem rauchverhangenen Saal, in dem die Barbaren ihre Feste feierten. In der Mitte des Raumes waren Feuergruben im gemauerten Boden eingelassen, in denen dunkelrote Glut glomm. Eine stickige Hitze hing in dem weiten Saal, dessen Deckenbalken hinter blaugrauen Rauchschwaden mehr zu erahnen als zu erkennen waren. Mit Goldblechen beschlagene Säulen stützten das hohe Dach. Was für ein plumper Prunk!

Bidayn stellte die vier Krüge auf einer aufgebockten Festtafel ab. »Ich hole noch mehr Bier!«, rief sie, obwohl Vladi nicht zu sehen war. Sie brauchte eine Ausrede, um hinaus auf den Hof zu gelangen. Ihre Gefährten würden ihr Schwert mitbringen. Sie freute sich darauf, ihre Rechte um den lederumwickelten Griff der schlanken, leichten Klinge zu schließen und Blut zu vergießen.