Veröffentlicht im Rowohlt Verlag, Reinbek bei Hamburg, März 2019
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Redaktion Ana González y Fandiño
Umschlaggestaltung ZERO Media GmbH, München
Umschlagabbildung Stephan Pick
Illustration Lilli L’Arronge
Schrift DejaVu Copyright © 2003 by Bitstream, Inc. All Rights Reserved.
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ISBN Printausgabe 978-3-499-60649-6 (1. Auflage 2019)
ISBN E-Book 978-3-644-40515-8
www.rowohlt.de
ISBN 978-3-644-40515-8
Ich werde älter. Das ist gut, solange es keine vernünftige Alternative zum Leben gibt und ich das Sterben weiterhin ablehne. Klar, ich bin keine 25 mehr, aber das ist doch auch nur eine Zahl. Natürlich brauchen meine Haare ein wenig mehr Pflege und etwas Farbe, und meine Beine müssten ab und zu mal gebügelt werden – das war’s dann aber auch schon. Es gibt Spiegel, in denen ich von der Seite, so im Halbprofil, gar nicht mal so unattraktiv aussehe. Das ist natürlich nur meine eigene Einschätzung, getreu der Devise von Lothar Matthäus: «Ich bin sehr selbstkritisch, auch mir selbst gegenüber!» Trotzdem mag ich viele Dinge an mir. Insgesamt würde ich sagen – mir geht’s gut, nur meine Brüste lassen sich hängen.
Klar, was die meisten jetzt denken: «Warum macht die Lisa Feller sich das Leben denn nur so schwer? Müssen Frauen immer so kompliziert sein? Können die nicht einfach in den Spiegel gucken und sagen: ‹Unglaublich, wie gut ich aussehe›?» Nein. Dabei habe ich zwei Kinder! Die sind toll! Und die gehen natürlich nicht spurlos an so einem Körper vorbei und durch ihn hindurch. Klar, wenn du Heidi Klum bist und ein ganzer Hofstaat auf deine Kinder aufpasst, während der Personal Trainer dich wieder in Shape peitscht, dann kannst du danach natürlich einen konkaven Bauch haben. Aber als normale Mutter mit einem normalen Tag und ohne Hollywood im Rücken ist das echt zu viel verlangt. Ich glaube übrigens, dass «wir Frauen» so kompliziert gar nicht sind. Im Vergleich zu Männern wirken wir Frauen nur kompliziert. Was wiederum daran liegt – wenn wir uns an dieser Stelle schon mal mit Klischees und Stereotypen beschäftigen –, dass Männer oft doch sehr eindimensional sind. Und zwar so einfach, dass bei Frauen schon eine zweite Beilage als kompliziert gebrandmarkt wird. Besser gesagt: Wenn einer 20 Bier säuft und dir nach dem zweiten Cocktail vorwirft, du wärst kompliziert – dann macht er es sich ein bisschen zu einfach. Nichts gegen Bier, aber nur Bier? Wie öde. So ein Sex on the Beach wiederum – Wodka, O-Saft, Cranberrynektar, ein Schuss Pfirsichlikör … das hört sich nach Lust, Sommer und Leidenschaft an! Sorry, Bier hört sich nur nach Rülpsen und Pullern an. Es tut mir ja selbst leid, aber die Erfahrung hat gezeigt, dass Männer, die nur Bier trinken, eben nur Bier trinken. Es ist doch klar, dass die kein Auge und kein Verständnis dafür haben, dass ein Schuhschrank auch aus 50 Paar verschiedenen Schuhen besteht.
Ganz ehrlich – wer nur Schnitzel isst, macht es sich unnötig leicht. Und was er alles verpasst! Was gibt es da für reizvolle Alternativen! Mit oder ohne Panade, Kalbfleisch, Schweinefleisch, Tofu oder doch lieber ein Gemüseschnitzel? Dennoch wollen die meisten Männer einfach nur ein Schnitzel und lachen, wenn wir uns einen Salat bestellen. Aber so ein Salat, der ist gelebte Vielfalt: Da ist Rucola drin, Tomate, Feldsalat, Karotten, Käse, Schinken, Artischockenherzen, Chicorée, Thunfisch, Eier, Croûtons – herrlich, oder? Wie das schon klingt – Artischockenherzen! Mozzarella, Parmigiano Reggiano! Melanzane! Das ist Kultur, Multikulti, Artenvielfalt, Weltoffenheit. Für die meisten deutschen Männer ist das Exotische allerdings mit Currywurst sattsam abgedeckt. Weil Curry, das ist doch indisch! Ein gutes Bärlauchöl aus der Provence wird mit sieben verschiedenen Kräutern verfeinert. Ein Schnitzel hingegen besteht nicht aus sieben verschiedenen Fleischsorten. Zugegeben, der Vergleich hinkt vielleicht ein wenig, und nachts um 3 angetütert nach einer Party schmeckt nix besser als wie ein schönes Schnitzel – aber ihr wisst schon, was ich meine, oder?
Ich möchte jedenfalls einen Mann mit guten Manieren, der zärtlich, romantisch, hilfsbereit, kinderlieb, kinderlos, stark, egoistisch, sexy, schüchtern, einfach und gebildet ist. Natürlich darf er arm sein, solange er genug Geld hat. Und mich liebt und auf Händen trägt. Ich habe als Ü-40-Single wenig Lust auf Experimente mit unklarem Ausgang.
Neulich war ich krank, ein starker grippaler Infekt hatte es mir in Ermangelung eines Partners mal so richtig besorgt. Da lag ich also zu Hause auf dem Sofa mit dem Wärmekissen und habe mich schwer gelangweilt in meinen Wachphasen. Aber Britta, meine liebste und beste Freundin, war sofort fürsorglich zur Stelle und hatte mir sogar ein Buch mitgebracht. Ich war platt und stichelte:
«Britta, du hast Bücher? Ich wusste gar nicht, dass du außer dem Kamasutra jemals was von einem Buch erzählt hast?»
Britta war ganz gespielte Empörung und tat pikiert.
«Natürlich hab ich ein Buch zu Hause. Ich hab’s nur noch nicht fertig ausgemalt.» Ich liebe sie für ihren Humor! «Aber das hier», sie wedelte mit ihrem Geschenk vor meiner verrotzten Nase herum, «das Buch ist der Hammer!»
Jetzt war ich doch neugierig.
«Was hast du denn da?»
«Das Seelenleben der Tiere.»
«Was? Hast du das etwa gelesen? Ganz?»
Britta schaute mich entgeistert an.
«Ja, den ganzen Klappentext da unter dem Foto. Total spannend, der Typ ist Förster. Das wär vielleicht auch mal was für mich. So einen hatte ich noch nie.»
Ich widersprach nicht.
«Ja, stimmt, du hast dich ja bisher eher rührend um die Frischlinge gekümmert!» Meine kleine Anspielung auf Brittas Hang zu Männern zwischen 20 und 25 verfehlte ihre Wirkung nicht.
«Jaja, Lisa, ist ja gut. Ich würde es an deiner Stelle lesen. Wusstest du zum Beispiel, dass Eichhörnchenweibchen für ihre Männer die Nüsse knacken? Das kann doch für ’ne Beziehung nicht schaden, wenn man so was weiß.»
Ich war nicht so richtig überzeugt.
«Nüsse teilen wäre mir ehrlich gesagt mindestens genauso wichtig!»
Aber Britta ignorierte meinen Einwand und drückte mir das Buch in die Hand mit den Worten:
«Lies das mal, und sag mir dann, wie es war!»
«Das Lesen oder das Nüsseknacken?»
Sie lachte laut auf.
«Wenn es gut läuft, beides, Schätzchen!»
Ich also wieder rauf aufs Sofa. Den Klappentext hab ich grad noch geschafft, bevor die Kinder angefangen haben, mich vor Langeweile mit Lego zu bewerfen. Und noch ein Kapitel vor dem Schlafengehen, dann konnte ich nicht mehr. Mal ganz im Ernst – das ist bestimmt ein gutes Buch. Und natürlich sind Hirschkühe empathisch und können in einer Beziehung trauern. Aber das wusste ich auch schon vorher, ich bin ja schließlich auch schon mal geschieden. Was ich nicht so richtig begreife – warum interessieren wir uns eigentlich so sehr für das Seelenleben der Tiere, wenn bei uns Menschen geradezu nebenbei fast jede zweite Ehe geschieden wird? Vielleicht sollten wir uns mal eher fragen, ob das Wildschwein zu Hause doch mehr Fürsorge braucht, als wir bisher dachten, meine Damen. Wir machen uns heute so viele Gedanken über alles Mögliche. Wir wollen immer alles richtig machen, am besten zu 100 %. Die richtige Ernährung, die perfekte Erziehung – wir kümmern uns um so viel, nur nicht um uns selbst. Empathie gegenüber Tieren ist toll. Solange das Mitgefühl für den Mitmenschen nicht auf der Strecke bleibt.
Als Single bin ich ja nicht verzweifelt auf der Suche nach einem Mann. Ich bin auf der Suche nach jemandem, der zu mir passt. Und ich möchte jemanden haben mit Leidenschaft, Mitgefühl, Verständnis und viel Liebe. Für mich und für die Menschen, die mit mir leben. Der akzeptiert, wenn ich mal wieder nackt vor dem Spiegel stehe und heiter bis melancholisch feststelle: Mir geht’s gut, nur meine Brüste lassen sich hängen.
Neulich habe ich durch Zufall einen Schönheitschirurgen kennengelernt. Der war richtig nett. Natürlich habe ich nicht die Gelegenheit versäumt, mal kritisch mit ihm über seinen Beruf zu sprechen. Wie kritisch ich zum Beispiel den Verlauf meiner Nase sehe. Und warum meine Brüste trotz Sport, Yoga und der jahrzehntelangen Forschungsergebnisse der Firma Triumph unerklärlicherweise der scheinbar immer stärker werdenden Erdanziehungskraft zum Opfer fallen. Der gute Mann hat mich daraufhin selbstverständlich in erschöpfender Weise darüber informiert, welch minimale Spuren seine Künstlerhände und die heutige Technik hinterlassen. Selbst großflächige Tattoos könne man inzwischen problemlos entfernen. Da musste ich gleich an meine Freundin Vera denken. Vera hat sich mit 18 einen Adler tätowieren lassen. Und war damit der unangefochtene Star der Abiklasse. Body und Brain – the perfect match. Inzwischen sieht der Adler aus wie eine in der Mikrowelle geplatzte Taube. Was soll ich sagen, der Piepmatz lässt gehörig die Flügel hängen. Noch 30 Jahre weiter und der Pfleger im Altenheim denkt: «Oha, da hab ich heute Morgen aber was nicht richtig weggemacht.»
Was die Problematik Tattoo angeht, ist Vera aber ja nun mal beileibe kein Einzelfall. Aus schicken Tribals werden Wanderkarten, aus kunstvollen Kindergesichtern auf Oberarmen Mischporträts von Mickey Rourke und Reiner Calmund. Das Symbol von Rockstar Prince weitet sich mit 20 Kilo mehr auf dem Buckel zu einem stattlichen Rückenkompass aus. Von Rechtschreibfehlern – Elvis mit «w» hab ich erst neulich noch im Hallenbad bewundern dürfen – bis hin zu Claudia Effenbergs Grammatikpatzer «Real love never die» gab es bisher wenig Hoffnung auf Korrektur. Woher sollte Frau Effenberg, die atmende PISA-Studie, auch wissen, dass ihr Tätowierer keinen Deut schlauer ist als sie? Über die Fontanelle ist wahrscheinlich schon so viel Blondiermittel eingesickert – da kann selbst Gunther von Hagens nur noch feststellen, dass Claudias Hirn schon vor ihrem Ableben fertig plastiniert ist.
Vermutlich hat Frau Effenberg wie tausend andere auch erst mal zum Tintenkiller gegriffen und versucht noch was zu retten. Wobei ich bis heute nicht verstehe, warum sie nicht einfach ein s drangekritzelt hat. Problematischer wird es allerdings, wenn du was weg haben möchtest. Johnny Depp hat bei sich ja ein Umstechen vornehmen und aus seinem tätowierten «Winona forever» ganz pfiffig ein «Vino forever» machen lassen. Gute Idee, prost! Hier ein Tipp für alle, die mal mit einer «Maria» zusammen waren: Da könnte man problemlos «Mariacron» draus machen. Originell, oder? So wird aus der «Ex» eine Flasche Weinbrand! Und wenn man die dann vorher noch «ex» trinkt, dann spürt man die blöde Tattoonadel gar nicht mal so doll. Apropos besoffen, meine Freundin Natascha, früher nur unter dem Namen «die wilde Tascha» bekannt, hat sich im besoffenen Kopf echt mal die FSK-18-Linie tätowieren lassen. Wie erkläre ich das – die FSK-18-Linie … gemeint ist das, was der pubertäre Volksmund gerne die Fummelgrenze nennt. Oberhalb der Grenze befindet sich der Bauchnabel, also Aldi Nord, und unterhalb des Tattoogrenzzauns quasi Aldi Süd. Inzwischen ist Natascha aber 45 Jahre alt und nicht mehr so wild. Der Eingang zu Aldi Süd ist inzwischen verschüttet und sie lässt ordentlich … ich sag mal … Gras über die Sache wachsen. Als wir mit der Abi-Clique mal ein Wellness-Hotel-Wochenende gemacht haben, meinte ich in der Sauna zu ihr:
«Mensch, Tascha, was hältst du davon? Lass dir doch unter den Bauchnabel noch ‹Rettet die Biber› stechen! Das wär doch mal was!» Immerhin konnte sie wenigstens herzlich darüber lachen.
Jetzt bin ich zum Glück nicht falsch tätowiert und habe auch keine Krampfadern, die von weitem aussehen wie das Mississippi-Delta bei Google Earth. Bleibt noch das Thema «Schönheitsoperationen». Ich bin ehrlich – natürlich habe ich schon darüber nachgedacht. Hier mal ein bisschen glattziehen, da mal a bisserl was richten. Klingt verführerisch und wer nicht übertreibt, der sieht auch nicht aus wie eine Mischung aus Dönerteller Versace und Rot-Kreuz-Schlauchboot. Aber ich bin schlicht und einfach zu feige. Was, wenn doch was schiefgeht? Will ich rumlaufen und aussehen im Gesicht wie dieser Kugelfisch aus Findet Nemo? Klares Nein. Außerdem finde ich es unnötig. Um Brigitte Bardot zu zitieren: «Ich bin stolz auf die Falten. Sie sind das Leben in meinem Gesicht.»
Meine beste Freundin Britta «tapt» sich ja immer. Weil das die Hollywood-Stars auch machen. Ihre Erklärung ist zwar etwas rustikal, dafür aber verständlich:
«Herzchen, du nimmst Frischhaltefolie und so weißes Isolierband. Das Isolierband klebst du knapp über der Brustwarze fest und ziehst damit die Brust so hoch, bis es perfekt aussieht. Meistens reicht aber Isolierband allein nicht, für 95 F musst du schon Tesa extra Power nehmen. Und dann noch die Frischhaltefolie zur Straffung, die wickelst du um Oberschenkel, Bauch, Oberarme, Hintern. Dann wird es ein bisschen knackiger und glatter …!»
Ich unterbrach sie zweifelnd:
«Britta, das glaube kauf ich dir nicht ab!» Aber sie war nicht zu stoppen.
«Schätzchen, glaube mir – Kim Kardashian braucht für ihren Hintern mehr Frischhaltefolie als Steffen Henssler für ein ganzes Spanferkel! Hat sie selber gesagt! Also so ähnlich.»
Das ist also die Methode der Stars. Das ist natürlich nichts für den normalen Alltag, is’ klar. Das machst du selbstverständlich nur, wenn du in der Disco etwas Rückenfreies anziehen und vorsichtshalber deine zwei Hüpfburgen unter Kontrolle bringen willst. Damit der Zauberkreuz-Büstenhalter zu Hause bleiben kann. Wo ich gerade schon mal beim Thema bin – verstehe eigentlich nur ich das Wort «Büstenhalter» nicht? Eine Büste ist doch die Bezeichnung für eine Skulptur, die den Kopf und die Brustpartie eines Menschen zeigt. Die Nofretete im Ägyptischen Museum Berlin etwa, die ist ein gutes Beispiel für eine Büste. Eine Büste ist eine Büste, so weit, so gut, aber meine Brüste sind doch nur Brüste und keine Büste? Also müsste es doch eigentlich ganz korrekt Brüstehalter heißen, oder? Und nicht Büstenhalter. Oder habt ihr Büstenhalter, wo auch der Kopf mit in eins der Körbchen passt? Na also. Andere Namensvorschläge für Büstenhalter sind herzlich willkommen. Aber bitte nicht aus der männlichen Sportumkleidekabine wie «Brotkörbchen, Triumphbogen, Moppenknast, Melonenschaukel, Hebebühne, Tuningzwille».
Zurück zum «Tapen». Ok. Ich gebe es zu. Ich hab das natürlich dann doch ausprobiert. Und gleich mal vorneweg, es war entwürdigend. Keine Frage. Ich stand da also nackt vor dem Spiegel, mit einer Vorratspackung Frischhaltefolie in der Hand, und kam mir vor wie in der Fleischtheke im Supermarkt. Bloß, wohin in der SB-Theke sollte ich mich denn legen? War ich noch frisches Kalbfleisch oder schon gut abgehangenes Filet? Die ein oder andere Druckstelle hatte ich jedenfalls schon vorzuweisen. Aber dann legte ich los mit dem Tapen – und auf einmal sah ich so gut aus, mein lieber Scholli. Das war der Hammer! Während ich mich sorgfältig und akribisch immer weiter in meine durchsichtige Edeka-Plastiktapete einwickelte, war ich hin und weg. Irgendwann stand ich dann in einem sehr engen Kleid vor dem Spiegel und war begeistert: Geil, Lisa – es hat geklappt, juhu! Nie wieder Sport!
Und das wirkte sich natürlich auch auf den Rest des Abends aus. Ich fühlte mich extrem gut, und meine liebe Mädelstruppe merkte es auch. Entsprechend waren ihre Kommentare: «Super, du stehst ja stramm wie ’ne Eins! Boah, hast duuuu aber abgenommen! Gibt es doch gar nicht, das macht so viel aus, der Sport?» Während ich gnädig und gütig lächelnd die Huldigungen abnickte, war ich vor allem froh, dass keiner gemerkt hat, dass ich mich so gut wie gar nicht bewegte. Falls ich das nämlich noch nicht erwähnt habe – das geht nicht so gut, wenn man getapt ist. Stattdessen stolziert man die ganze Zeit wie dieser schwule Goldroboter aus Star Wars herum, als ob der ganze Körper nur aus drei Gelenken besteht. Das war natürlich suboptimal, mit Tanzen war schon mal Essig. Nix Saturday Night Fever, nix Blurred Lines, noch nicht mal der Ententanz war drin. Aber trinken konnte ich gut. Einmal leicht nach hinten an die Theke gelehnt und an den Seiten mit ein paar Resten vom Klebeband fixiert, konnte ich praktisch nicht vom Stuhl kippen! Entsprechend war einarmiges Reißen angesagt, frei nach dem Motto «Von allen lieblichen Weißweinen ist mir der Grappa am liebsten». Und ein Sahnehäubchen hatte ich mir auch ausgeguckt – Florian wollte mich williger trinken, als ich eh schon war, aber das machte mir gar nichts. Denn er war wirklich sehr attraktiv. Also trank ich fröhlich weiter mit.
Ich konnte mein Glück kaum fassen. Florian war höflich, attraktiv, zuvorkommend, und so bestellte er irgendwann ein Taxi für den gemeinsamen Weg in sein Liebesnest. Mir konnte es nur recht sein. Ich führte Selbstgespräche: «Komm, Frollein Feller, der Babysitter wacht zu Hause, also kann der gute Flori heute mal den mobilen Pflegedienst bei dir machen. Der räumt mal schön bei dir im Keller auf. Da gibt es zum Einschlafen heute endlich mal die Prinzenrolle für dich und nicht für die Kleinen!» Wir also los. Schon an der Garderobe nahm das Drama seinen Lauf. Er ganz höflich: «Soll ich dir in den Mantel helfen?» Ich kriegte aber dank der folierten Wickeltechnik die Arme gar nicht hoch genug! Da schwante mir für den Rest des Abends schon Böses. Ich habe mir aber nichts anmerken lassen und lässig abgewinkt: «Ach komm, leg ihn mir einfach um die Schultern.» Als das Taxi kam, stand ich steif wie eine Geisha davor. Ich habe mich dann total ungelenk und mit etwas zu viel Schwung auf die Rückbank fallen lassen. Gefolgt von einem ohrenbetäubenden Knall! Ich erschrak. Ach du liebe Güte, ich hatte meinen getapten Hintern vergessen! Beim Hinsetzen waren die beiden Klebestreifen am unteren Rücken endgültig gerissen. Und auch, wenn man keine Haare am Hintern hat – das ist nicht schön. Ich saß im Taxi und sah aus, als hätte jemand ein Geodreieck auf die Rückbank gestellt.
Florian war das völlig egal, der hatte eh nichts mitbekommen mit seinen mindestens acht Cocktails intus. Der hatte den Autopiloten auf hormonellen Vollstreckungsbescheid gestellt, die Hormonburka vor Augen und den lüsternen Blick einer Schleiereule. Der Alkohol wirkte allerdings auch bei mir und ich hatte innerlich schon jede vornehme Zurückhaltung über Bord geworfen. Mein Lustepizentrum morste ständig obszöne Botschaften an mein Großhirn: «Jetzt gibt’s Kloppe. Das wird heute kein Sprintrennen, der kleine Ironman geht heute über die ganze Distanz. Von wegen Minigolf, der schlägt heute 18 Löcher. Heute wird der Eiffelturm verzinkt, nein, besser – wenn wir mit dem fertig sind, hat er den schiefen Turm von Lisa. Heute sammelt der kleine Hamster alle Nüsschen ein! Heute fährt die 18 bis nach Istanbul.» Ich schämte mich ein bisschen für meine schlechten Witze. Aber nur ein ganz kleines bisschen. Ansonsten freute ich mich schon wie blöde.
Im Taxi, ordentlich beschwipst, wollte Florian schon mal fröhlich ordentlich losfummeln, da fiel mir ein: Halt, stopp! Egal, wo der dich anpackt … ich bin ja noch eingeschweißt! Ich war das Toppits-Wundergirl: außen Toppits, innen Geschmack. Also biss ich ihm das halbe Ohr weg und murmelte streng: «Genascht wird zu Hause!» – während ich in Gedanken schon panisch überlegte, wie und wo ich mich wohl am besten ungesehen auswickeln konnte! Aus dem Taxi raus, das ging gerade noch. Die Treppe zu seiner Wohnung im vierten Stock, die war dann aber schlicht und ergreifend ein unüberwindbares Hindernis. Also spielte ich die romantische Diva: «Wenn du mich willst, musst du mich tragen, mein Held!» Er ließ sich nicht lumpen, schulterte mich und stapfte los wie Reinhold Messner auf Speed den Mount Everest hinauf. Das Gute: Ein Kerl kurz vor «Vertragsabschluss» hinterfragt nichts mehr. «Pfff, wenn die das will – von mir aus!»
Auf dem Weg nach oben quietschte mein lüsterner Avenger wie eine alte Seilbahn, und an seiner Wohnungstür angekommen, hatte der Arme mehr Wasser auf der Stirn als Mutter Beimer in den Beinen.
Das passte mir gut. Florian musste erst mal wieder zu Atem kommen und ließ sich erschöpft aufs angedachte Lotterbett fallen. Ich nutzte die Gelegenheit und huschte schnell ins Bad, um mich von Tape und Folie zu befreien. Schnell die Brüste aus dem Frischepack holen und den Rest auswickeln. Von wegen schnell. Das dauerte so lange, das saß alles so fest! Vakuumverpackt halt. Das klebte wie bekloppt an mir, und ich riss so ungeduldig und hastig daran herum, dass meine Haut knallrot und fleckig wurde. Ich sah aus wie ein angekauter Frittstreifen, an dem noch Papierreste kleben.
Aber eins muss man Florian lassen: Das hat ihn gar nicht gestört. Denn als ich endlich aus dem Bad gestolpert kam, hatte sich meine hübsche Eroberung in Prinz Valium verwandelt. Und schlief schon fester als Dornröschen. Ich dachte noch: «So wie der schnarcht, hast du nur zwei Möglichkeiten – entweder du fährst nach Hause oder du legst dich daneben.» In dem Moment drehte er sich um und steckte sich wohlig schmatzend den Daumen in den Mund. Boah, da hatte ich auch keinen Bock mehr.
Fazit: Drei Rollen Frischhaltefolie, drei Packungen Tesa extra Power, 10 Cocktails, ein Babysitter und ein Taxi. Nicht nur guter Sex ist teuer. Ausgefallener Sex auch. Aber dafür hatte ich eine unheimlich kuschelige Nacht mit meinen zwei Söhnen, die sich schon sehnsüchtig in mein Bett gelegt hatten. Wunderbar! Noch quer im Bett liegend, dachte ich: «So einen Firlefanz machst du nicht noch mal, Frau Feller. Entweder nimmt dich einer so, wie du bist, oder eben nicht. Aber so ein Wickeltheater mache ich nicht noch mal.» Und was soll ich sagen – nur zwei Wochen später hat es ganz normal geklappt.
Tatsächlich, es kam wirklich noch einer. Normal geschminkt, weder eingewickelt noch getapt, war ich abends auf einen Drink mit einer Freundin unterwegs gewesen, als «er» auftauchte wie der weiße Hai im Kneipp-Becken. Ich beschreibe ihn mal: Typ René Lacoste, so ’n gut geschnittenes Polohemd. Prinz Zartbitter, herbe Züge – volle Nuss. Ein richtig amtlicher Hormoncocktail, samtig weich am Gaumen und flott im Abgang. Gute Figur, saubere Fingernägel. Wäre ich ein Mann, dann hätte ich es mit der Beschreibung natürlich einfacher gehabt. Toll, wie Männer so was Kompliziertes wie eine anschauliche Beschreibung des Aussehens auf eine einfache Formel runterbrechen können: super Titten, geiler Arsch! Da ist doch alles gesagt für die Herren der Schöpfung. Aber wir Frauen wollen es nicht so simpel, plakativ und sexistisch! Wir wollen Phantasie, mehr Liebe zum Detail. Darum hole ich noch mal ein bisschen aus: Der Typ war eine gelungene Mischung aus Ryan Gosling, dem jungen Brad Pitt und der animalischen Ausstrahlung von Lars, dem Eisbären. Und was für eine Figur! Wahrscheinlich bestand der ausschließlich aus Omega-3-Fettsäuren und kaum Fett – also bei den Weight Watchers wäre der Schnuckel gerade mal mit einem halben Punkt gelistet worden. Und zwar in der Rubrik «Süßes zum Dessert». Ich stand sofort in Flammen. Er hieß Michael und hat wirklich keinen Blödsinn gelabert. Michael war souverän, routiniert – als könnte er eine Frau lesen. Der laberte keine Scheiße, da war jeder Satz eine Punktlandung. Ich bin fast ohnmächtig geworden! Irgendwann beugte er sich zu mir runter und sagte einfach nur: «Ganz schön laut hier. Ich würde dich gerne küssen, was hältst du davon, wenn wir beide mal in Ruhe darüber reden?» Bitte, geht doch! Endlich mal ein Mann, der das ganz höflich und konkret auf den Punkt brachte – wie cool war das denn! Dein x-ter Anlauf am Angelteich und du hast endlich den hübschen Bruder von George Clooney an der Angel. Der Typ war eine Granate. Der war wie ein Fass Ahoj-Brause. Bitzeln bei Berührung! Also erteilte ich mir selbst die Losung für den restlichen Abend: Finger rein und von da an Lalülala! Zur Hölle mit der Moral. Wenigstens für ein paar Stunden Spaß.
Er will es, ich will es, und das Leben ist zu kurz für ein langes Gesicht. Wie sagte doch mein Opa immer: «Der ganze Friedhof liegt voll mit ‹Ach, hätte ich doch!›» Am Ende ärgert man sich sowieso nur über das, was man nicht getan hat.
Es gab nur ein kleines Problem. Wohin? Da hörte ich mein kleines Sixpack-Häschen auch schon sagen: «Komm, wir fahren mit meinem Auto zum Kanal.» Und ich dachte noch: «Bingo! Der Typ ist Surfer und hat einen Bulli – mehr geht nicht, oder? Romantik pur!» Aber von wegen. Nein, natürlich hatte er keinen Bulli. Er hatte einen kleinen Twingo. Ich möchte nicht wissen, wie das ausgesehen hat: Der Fresh Prince von Bel Münster im Twingo und daneben eine leicht angetüterte Mutter von zwei Kindern, die mit beiden Beinen im Leben steht und gerade überlegt, wo und wie sie genau diese beiden Beine unterm Faltdach verteilt kriegt. Um es kurz zu machen – es ging. Und irgendwo in Münster, an einem lauschigen Plätzchen am Kanal hat mein kleiner Schleusenwärter wirklich alles gegeben. Es war ein Träumchen. Eine Eins mit Sternchen und Zusatzzahl. Am nächsten Morgen sah ich zwar aus, als ob mich ein Gelenkbus zusammengefaltet hätte, aber das war es wert. Seitdem denke ich nicht mehr über Schönheitsoperationen oder Beautytricks nach. Es geht auch ohne. Man ist nur einmal jung. Und wenn es nur der andere ist. Klar, man sollte niemals «nie» sagen. Vielleicht denke ich doch irgendwann mal wieder über so eine klitzekleine Schönheitsoperation nach. Das wird man ja wohl noch dürfen. Das heißt ja nicht, dass man es dann auch macht. Für mich ist das eben nichts. Wäre ich doch bloß nicht so schissig.
Hallo und herzlich willkommen in der Abteilung «Irrtümer, die die Welt nicht braucht». Wobei «Irrtümer» nicht ganz richtig und fast schon irreführend ist. Was ich meine, geht eher in diese Richtung: Wenn man als Erwachsener bereits einige Jahre auf dem maladen Rücken hat, dann ist man mit seinen Ü 40 garantiert schon auf Wortkreationen, Beschreibungen und Bezeichnungen gestoßen, bei denen nach ausführlicher Prüfung klar ist: Das ist gelogen, beschönigend, irreführend oder schlicht und einfach falsch. Zum Beispiel Lachsschinken: Was soll das sein? Es hat weder mit Lachs noch mit Schinken zu tun. Lachsschinken, das ist eine Mogelpackung. Dabei müsste doch eigentlich jeder wissen – ein Fisch hat keine Keule. Das Wort «Lachsschinken» ist eigentlich fast schon ein Paradoxon, beinahe genauso unsinnig wie «ein stiller Friseur». Ja gut, das ist jetzt vielleicht ein bisschen an den Haaren herbeigezogen. Was wiederum daran liegt, dass ich neulich bei meinem Friseursalon «Krehaartiv» Folgendes erlebt habe: Chantal, die Quasselstrippe Nummer eins des Salons, fragte der Form halber den älteren Herrn, der auf ihrem Friseurstuhl Platz genommen hatte:
«Wie möchte der Herr denn die Haare geschnitten haben?»
Der wiederum sehr höflich und trocken wie ein Sandsturm in der Sahara antwortete:
«Lautlos, danke!»
Ich hätte mich wegschmeißen können. Was habe ich innerlich gelacht und den Mann abgefeiert. Die gute Chantal war so baff, die hat sich komplett verschnitten. War völlig von der Rolle, wie der Volksmund so schön sagt. Das Resultat war dann auch dementsprechend: Aus einem simplen Stufenschnitt hatte sie eine zweistöckige Wendeltreppe geschnitten. Nicht reden und gleichzeitig schneiden – das war zu viel für Chantal. Ich habe mich aber so was von beömmelt!
Aber zurück zum Thema, den widersprüchlichen Bezeichnungen. Ich falle ja selbst nur zu gerne immer wieder auf diversen sprachlichen Unfug herein: Gerne bestelle ich mir in Bistros einen «Fitnessteller». Weil es so verführerisch klingt – essen, statt sich sportlich zu betätigen. Wobei ich mich natürlich jedes Mal frage, was an ein paar Tomaten, Salat, trockengebratenen Hähnchenstücken und etwas Dressing «fit» machen soll. Britta, meine beste Freundin, beschrieb mir vor kurzem ein ähnliches Dilemma.
«Lisa, ich bestelle mir alle zwei Jahre ein neues Auto mit Sportsitzen. Aber glaub man ja nicht, dass ich auch nur einen Meter zu Fuß gehe!»
Na, ja. Das hinkt schon ein bisschen. Dieselbe Britta erzählt halt auch gerne mal Schwachsinn, bei aller Liebe. Unvergessen in unserer Ladys-Truppe ist ihr Beitrag zum Thema «Blasenentzündung»: «Kinders, das ist eine bakterielle Geschichte – da nützt so ein Labello rein gar nix! Das ist untenrum!» Gut, dass Britta keine Ärztin geworden ist.
Aber alle diese paradoxen Wortschöpfungen sind harmlos gegen den König aller Paradoxa: das Spaßbad! Normalerweise kann ich das Wort «Spaßbad» gar nicht sagen, ohne die Beherrschung zu verlieren. Ich weiß gar nicht, wo und wie ich anfangen soll, um diese unschöne Reaktion zu erklären. Am besten ganz vorne, denn schon der Eintritt ist definitiv kein Spaß: ein Erwachsener, zwei Kinder (mein Großer und sein Kumpel Jonathan) – macht 29 Euro. Für drei Stunden. Für zwei Erwachsene wären stramme 40 Euro fällig! Boah, so eine Scheidung kann auch mal Geld einbringen, nicht nur kosten. Puuh. Wie dem auch sei, 29 Euro sind schon eine Menge Geld für einmal spaßbaden. Wie drückte sich die Ballonseiden-Mutti vor uns aus? Den genauen Wortlaut habe ich nicht mehr parat, aber es klang ungefähr so:
«Wat? 29 Ocken? Boah, ist dat teuer! So, Jamie und Oliver, ihr trinkt nix vonne Cola, die Cola bleibt zu. Wenn ihr Durst habt, trinkt ihr was aus’m Sportbecken. Und wer ’nen Tee will, geht zum Babybecken.» Alles klar. Jamie und Oliver. Ich habe mich dann gefragt, wie wohl die anderen beiden Kinder hießen? Steffen und Henssler? Egal. Mit dem Eintritt fängt jedenfalls der Ernst im Spaßbad an. Und dann geht es auch schon direkt weiter mit dem leidvollen Kapitel «Umkleidekabine». Wie du es machst, machst du es falsch. Gehst du in die Familienumkleide, steht garantiert Familie Grizzly neben dir. Er hat die Figur, sie hat das Fell vom Bären. Und beide sind offensichtlich in der Mauser. Ich wollte nur noch weg da. Aber unauffällig, den Kindern nicht den wahren Grund sagen. Das wäre ja nur peinlich geworden! Also bloß nix Falsches sagen.
«Huch, Kinder – hier sind wir ja ganz falsch.»
Klar, mein Ältester muss wieder nachfragen:
«Warum, Mami?» Normalerweise bin ich sehr stolz, dass mein Sohn die Welt verstehen will. Sachen nicht einfach hinnimmt. Nachfragt, reflektiert, begreifen möchte. Aber doch nicht gerade jetzt! Oder bitte erst 5 Meter später!
«Weil … guck doch mal, auf dem Schild steht ‹Familienumkleide›!»
Er guckte lange auf das Schild und bekam dann feuchte Augen.
«Weil Papi nicht mehr bei uns lebt?»
Herrgott, dieses sensible Würmchen. Ich war schon wieder gerührt. Und in Erklärungsnot. Und eierte betont fröhlich gelaunt herum:
«Nein, mein Schätzeleinchen, du Süßer. Da kann der Papi doch nichts für! Nein, wegen Jonathan, ich bin ja nicht seine Mami, mein Engelchen!»
Er steht manchmal etwas auf dem Schlauch, wie viele sensible, intelligente Jungs. Leider ließ er immer noch nicht locker, und seine helle, klare Stimme tönte für alle sehr gut hörbar durch den gekachelten Raum:
«Ach so, ich dachte schon, du wolltest hier raus, weil die Leute da eben so dick waren und ein bisschen muffig gerochen haben.»
Ich fiel fast in Ohnmacht und zischte mein Kind so leise wie möglich an:
«So geht das aber nicht, kleiner Mann! Da müssen wir aber noch mal drüber sprechen! So redet man nicht über andere Menschen. Vor allen Dingen nicht, wenn die alles hören können, weil diese Scheißwände so niedrig sind und du lauter sprichst als ein Föhn!»
Also schnell weit, weit weg und ans entgegengesetzte Ende der miefigen Bärenhöhle. Ich zog Tasche und Kinder hinter mir her, bis wir zu dritt in einer Einzelkabine standen. Die natürlich zu klein war und vor allen Dingen – was die ja immer sind – klatschnass! Den Kindern war das scheißegal. Die warfen ihre Klamotten auf den siffigen Pfützenboden und riefen:
«Tschüs, wir gehen schon mal los!»
Ich rief noch verzweifelt hinterher:
«Moment, ihr müsst euch doch noch die Badelatschen anziehen und duschen! Ihr könnt doch nicht so ins Wasser gehen, das macht man nicht!» Aber da waren die zwei schon längst außer Hörweite. Ich quetschte mich also in meinen Bikini und hoffte inständig, dass die Klamotten vom Boden in drei Stunden wieder trocken sein würden.
Endlich hatte ich alles im Spind verstaut und auch ein Plätzchen im Sportbecken gefunden, wo ich etwas Slalomschwimmen konnte, als der nächste Gau sich ankündigte: der Toilettenbesuch.
Schwimmen ist ja bekanntlich für alles gut und sehr gesund. Jeder Muskel wird bewegt, ja wirklich alles wird bewegt. Und angeregt. Auch und ganz besonders die Peristaltik. Peristaltik? Wie bitte? Ja, ich weiß – das klingt wie eine Epoche. Nach Antik-Auktionen: «Hier haben wir eine Louis-Chandor-Chaiselongue. 1796, frühe Peristaltik.»
Hat aber, wie der Kunst- oder medizinisch Interessierte natürlich weiß, nichts damit zu tun. Der Begriff «Peristaltik» bezeichnet die Muskeltätigkeit verschiedener Hohlorgane: Speiseröhre, Magen, Darm, Harnleiter, Eileiter und Uterus.
Im Falle meines Sohnes waren es Magen und Darm oder ganz simpel gesagt: Er musste dringend auf den Balken, auf den Bello, auf die Schüssel, in die Exkrementengrotte.
Also suchten wir pitschnass die Toilette auf. Ich machte die Tür auf und blieb mit dem Kind wie angewurzelt stehen. Der Raum roch wie ein Pumakäfig, und die Spuren in der Kloschüssel waren mit Putzen nicht mehr zu beseitigen. Höchstens mit Hammer und Meißel. Der Boden war verräterisch nass, verfärbt, und spätestens jetzt bereute ich es zutiefst, dass wir unsere Badelatschen nicht anhatten. Wieso sieht eigentlich jedes Schwimmbadklo dieser Welt immer so aus? Ärgerlich wandte ich mich an den Verursacher des Klo-Aufenthalts:
«Wo sind denn deine Badelatschen?»
«Die hab ich vergessen.»
Die Badelatschen holen, dafür war es zu spät. Monsieur teilte mir nämlich jammernd mit, dass der Druck an seiner Warenausgabe nicht mehr zu kontrollieren war. Was tun? Ich entschied mich für das St.-Christophorus-Modell, hob das Kind hoch und setzte es auf die Klobrille. Weil ich natürlich als gute Mutter nicht wollte, dass mein Kind seine zarten Füßchen auf diese keimverkachelten und urinversiegelten Fäkalfliesen setzte. Denn mir war völlig klar: Allein der Abstrich von der Türklinke würde dem Tropeninstitut viel Freude bereiten. Kurzzeitig überlegte ich sogar, ob ich vielleicht die Türklinke ablecken sollte – dann wäre ich vermutlich für den Rest meines Lebens gegen alle Viren und Bakterien immun gewesen. Aber der Ekel siegte. Gott sei Dank.