1984

George Orwell

1984

Roman

Aus dem Englischen von Frank Heibert

FISCHER digiBook

Inhalt

Über George Orwell

1948 beendete George Orwell nach dreijähriger Arbeit seinen letzten Roman, der ihn weltberühmt machen sollte: »1984« schildert eine Welt, in der ein totalitärer Überwachungsstaat das Leben der Menschen bis ins Letzte bestimmt. Was Orwell, neben der sowjetischen Realität, noch als bedrohliche Perspektive sah, ist heute längst Realität geworden, wenngleich es nicht (nur) Regierungen, sondern vor allem Konzerne sind, die uns aushorchen und beeinflussen.

 

Frank Heibert legt mit seiner Neuübertragung einen ebenso mutigen wie souveränen Text vor, der die Bezeichnung übersetzerisches Meisterwerk rechtfertigt.

 

Weitere Informationen finden Sie unter www.fischerverlage.de

Impressum

 

Originalausgabe

Neuübersetzung

Erschienen bei FISCHER E-Books

 

Das Original erschien am 8. Juni 1949 unter dem Titel »Nineteen Eighty-Four: A Novel« bei Secker & Warburg in London.

© 2021 S. Fischer Verlag GmbH, Hedderichstr. 114, D-60596 Frankfurt am Main

Covergestaltung: Guter Punkt, München, nach einer Idee und mit einer Illustration von Reinhard Kleist

 

Abhängig vom eingesetzten Lesegerät kann es zu unterschiedlichen Darstellungen des vom Verlag freigegebenen Textes kommen.

Dieses E-Book ist urheberrechtlich geschützt.

ISBN 978-3-10-491375-9

Fußnoten

Neusprech ist die Amtssprache von Ozeanien. Zu ihrer Struktur und Etymologie siehe Anhang.

Komposita wie etwa Sprechschreib fanden sich natürlich auch im A-Vokabular, doch da handelte es sich nur um praktische Abkürzungen ohne ideologische Einfärbung.

Es ist ein strahlendkalter Apriltag, und gerade schlägt’s dreizehn. Winston Smith schlüpft, das Kinn auf die Brust gedrückt, um dem fiesen Wind zu entgehen, rasch durch die Glastür in die Victory Mansions, aber nicht schnell genug, um den hereinwirbelnden körnigen Staub draußen zu halten.

Im Flur riecht es nach gekochtem Kohl und alten Fußabtretern. Am einen Ende ist ein Farbplakat an die Wand getackert. Zu groß für Innenräume. Es zeigt ein riesiges Gesicht, über einen Meter breit, sonst nichts: ein Mann um die fünfundvierzig, kantig-attraktiv mit vollem schwarzem Schnurrbart. Winston geht zur Treppe. Zwecklos, es mit dem Fahrstuhl zu probieren. Auch an guten Tagen funktioniert er meist nicht, und derzeit gibt es nur bei Dunkelheit Strom. Das gehört zum Sparkurs, zur Vorbereitung auf Eine Woche Hass. Seine Wohnung liegt im 6. Stock, und da er neununddreißig ist und über dem rechten Knöchel ein Krampfadergeschwür hat, geht er es langsam an und macht unterwegs mehrmals Pause. Auf jedem Treppenabsatz starrt gegenüber vom Fahrstuhlschacht das Plakat mit dem riesigen Gesicht von der Wand. Es ist eines von den Bildern, die so raffiniert gemacht sind, dass einem der Blick überallhin folgt, wenn man sich bewegt. Darunter steht DER GROSSE BRUDER SIEHT DICH.

In der Wohnung liest eine sonore Stimme eine Reihe Zahlen vor, irgendwas über die Produktion von Roheisen. Die Stimme kommt aus einer rechteckigen Metalltafel, die einem stumpf gewordenen Spiegel ähnelt und in die rechte Wand eingelassen ist. Winston dreht an einem Schalter, die Stimme wird etwas leiser, aber die Worte sind immer noch verständlich. Das Gerät (es heißt Telemonitor) kann man herunterdrehen, aber nicht komplett abschalten. Er tritt ans Fenster: eine schmächtige, schwächliche Gestalt, und der blaue Overall, die Parteiuniform, unterstreicht

Die Außenwelt sieht auch durch die Fensterscheibe kalt aus. Unten auf der Straße wirbeln kleine Windböen Staub und Papierfetzen hoch, und trotz der Sonne und dem hartblauen Himmel scheint Farbe nur auf den überall hingeklebten Plakaten vorzukommen. Das Gesicht mit dem schwarzen Schnurrbart starrt von jeder größeren Straßenecke herab, genauso von der Hausfassade direkt gegenüber. DER GROSSE BRUDER SIEHT DICH steht auch dort, die dunklen Augen blicken tief in Winstons Augen. Unten, auf Straßenhöhe, flattert noch ein Plakat, an einer Ecke eingerissen, unstet im Wind, es entblößt und bedeckt abwechselnd das einzelne Wort ENGSOZ. Weit weg zieht ein Hubschrauber zwischen den Dächern nach unten, steht einen Moment lang wie eine Schmeißfliege in der Luft und zischt dann in einem Bogen wieder fort. Das ist die Polizeipatrouille, die den Leuten in die Fenster späht. Aber eigentlich sind die Patrouillen unwichtig. Wichtig ist nur die Denkpolizei.

Hinter Winston plappert die Stimme vom Telemonitor immer noch fröhlich von Roheisen und der Übererfüllung des Neunten Dreijahresplans. Ein Telemonitor kann gleichzeitig empfangen und senden. Das Gerät fängt jedes Geräusch von Winston auf, das lauter ist als ein ganz leises Flüstern; wenn er sich im Sichtfeld der Metalltafel befindet, kann es ihn auch sehen. Natürlich weiß man nie, ob man in einem bestimmten Moment gerade beobachtet wird. Wie oft oder nach welchen Kriterien sich die Denkpolizei in den Schaltkreis eines Einzelnen einklinkt, kann man nur spekulieren. Durchaus vorstellbar, dass sie jeden Einzelnen permanent beobachtet. Jedenfalls kann sie sich nach Belieben überall einklinken. Man muss mit der Annahme leben – und tut es auch, aus Instinkt gewordener Gewohnheit –, dass jeder Laut, den man von sich gibt, mitgehört und jede Bewegung, außer im Dunkeln, genau betrachtet wird.

Das Wahrheitsministerium – »Miniwahr« auf Neusprech[1] – hebt sich deutlich von allem anderen in seinem Blickfeld ab. Ebene um Ebene ragt eine riesenhafte Pyramidenstruktur aus weiß schimmerndem Beton auf, dreihundert Meter hoch. Von da, wo er steht, kann Winston die eleganten Lettern der drei Parteislogans auf der weißen Fläche gerade so entziffern:

KRIEG IST FRIEDEN

FREIHEIT IST SKLAVEREI

UNWISSEN IST STÄRKE

Das Liebesministerium macht einem die meiste Angst. Es hat überhaupt keine Fenster. Winston ist noch nie drin gewesen, nicht mal näher als einen halben Kilometer dran. Betreten darf man es nur in offizieller Sache, und auch dann erst, wenn man einen Irrgarten aus Stacheldraht, diverse Stahltüren und verborgene MG-Nester passiert hat. Schon auf den Zugangsstraßen, die zu seinen äußeren Barrieren führen, patrouillieren mit mehrgliedrigen Schlagstöcken bewaffnete Wachen, schwarz uniformierte Gorillas.

Mit einem Ruck dreht sich Winston um. Er hat seine übliche, still optimistische Miene aufgesetzt, wie sie immer angeraten ist, wenn man sich dem Telemonitor zuwendet, und geht hinüber in die winzige Küche. Um das Ministerium zu dieser Uhrzeit verlassen zu können, hat er sein Mittagessen in der Kantine geopfert, und ihm ist klar, dass er bis auf einen Kanten dunkel gefärbtes Brot, den er für das morgige Frühstück aufheben muss, nichts zu essen da hat. Er nimmt eine Flasche mit einer farblosen Flüssigkeit vom Regal, auf dem schlichten weißen Etikett steht VICTORY GIN. Der riecht widerlich ölig, wie chinesischer Reisschnaps. Winston gießt eine knappe Teetasse voll, wappnet sich für den Schock und kippt den Inhalt wie eine Dosis Medizin.

Aus irgendeinem Grund ist der Telemonitor in seinem Wohnzimmer an einer ungewöhnlichen Stelle montiert. Statt wie üblich auf einer schmaleren Endwand, von wo aus sich der ganze Raum überblicken lässt, steckt er in der längeren Wand, dem Fenster gegenüber. Auf der einen Seite gibt es die schmale Nische, wo Winston gerade sitzt und die beim Bau der Wohnungen wahrscheinlich für Bücherregale gedacht war. Wenn er sich nicht zu weit aus der Nische vorbeugt, ist Winston außerhalb der Reichweite des Telemonitors, zumindest visuell. Hören kann man ihn natürlich immer noch, aber nicht sehen, solange er in dieser Position bleibt. Auf das, was er jetzt vorhat, ist er zum Teil erst wegen dieses ungewöhnlichen Raumzuschnitts gekommen.

Aber auch durch das Buch, das er gerade aus der Schublade zieht. Ein ausnehmend schönes Buch. So ein weiches, cremiges Papier, von der Zeit leicht vergilbt, ist seit mindestens vierzig Jahren nicht mehr hergestellt worden. Höchstwahrscheinlich ist das Buch noch viel älter. Er hat es im Schaufenster eines muffigen kleinen Trödelladens in einem heruntergekommenen Teil der Stadt liegen sehen (in welchem genau, das weiß er schon gar nicht mehr), und auf der Stelle hat er es unbedingt besitzen wollen. Parteimitglieder sollten gewöhnliche Läden eigentlich nicht besuchen (»keine Geschäfte auf dem freien Markt tätigen«), aber diese Regel wird nicht streng gehandhabt, da man an

Und jetzt will er ein Tagebuch beginnen, das hat er vor. Illegal ist das nicht (nichts ist illegal, da es keine Gesetze mehr gibt), aber falls er auffliegt, kann er mit ziemlicher Sicherheit davon ausgehen, dass er mit dem Tod oder zumindest mit fünfundzwanzig Jahren Arbeitslager bestraft wird. Winston steckt eine Feder in den Federhalter und lutscht sie ab, um das Fett runterzukriegen. Schreibfedern sind ein archaisches Instrument und werden selbst zum Unterzeichnen nur noch selten benutzt, aber er hat sich heimlich und nicht ohne Aufwand eine besorgt, weil er einfach findet, das wunderschöne cremige Papier hat eine echte Schreibfeder statt einen krakeligen Tintenstift verdient. Eigentlich ist er es nicht gewohnt, mit der Hand zu schreiben. Abgesehen von ganz kurzen Notizen wird normalerweise alles in den Sprechschreib diktiert, was sich bei diesem Vorhaben natürlich verbietet. Er taucht die Feder in die Tinte, dann zaudert er kurz. Ein Zittern im Bauch. Das Papier zu beschreiben ist der entscheidende Schritt. Mit kleinen, ungelenken Buchstaben schreibt er:

4. April 1984

Er lehnt sich zurück. Völlige Hilflosigkeit packt ihn. Zunächst einmal weiß er gar nicht sicher, ob das Jahr tatsächlich 1984 ist. Ungefähr muss es hinkommen, denn er ist neununddreißig Jahre alt, und sein Geburtsjahr war 1944 oder 1945. Das glaubt er zumindest; allerdings lässt sich heutzutage kein Datum mehr auf ein oder zwei Jahre genau festlegen.

Für wen, fragt er sich plötzlich, schreibt er dieses Tagebuch

Eine Zeitlang stiert er dumm auf das Papier. Der Telemonitor hat zu scharfer Militärmusik gewechselt. Seltsam, dass ihm gerade offenbar nicht nur die Worte fehlen, er weiß gar nicht mehr, was er ursprünglich sagen wollte. Seit Wochen bereitet er sich innerlich auf diesen Moment vor und ist nie darauf gekommen, dass es dafür lediglich Mut braucht. Das eigentliche Schreiben geht leicht. Er muss nur den endlosen, ruhelosen Monolog zu Papier bringen, der ihm buchstäblich seit Jahren durch den Kopf geht. Doch in diesem Augenblick ist sogar der versiegt. Außerdem juckt sein Krampfadergeschwür unerträglich. Er wagt nicht daran zu kratzen, denn dann entzündet es sich immer. Die Sekunden vergehen, eine nach der anderen. Er registriert nichts außer der leeren Seite vor ihm, dem Jucken über seinem Knöchel, der schmetternden Musik und einem leichten Schwips vom Gin.

Plötzlich kritzelt er in heller Panik los, und was er genau niederschreibt, ist ihm nur unvollständig bewusst. Seine kleine, kindliche Handschrift wandert über die Seite, entledigt sich zuerst der Großbuchstaben und schließlich auch der Zeichensetzung:

4. April 1984. Gestern Abend Kino. Alles Kriegsfilme. Ein sehr guter mit einem Schiff voller Flüchtlinge, das irgendwo im Mittelmeer bombardiert wird. Publikum hochamüsiert über Szenen mit einem dicken fetten Mann, der von einem Hubschrauber verfolgt wird und wegzuschwimmen versucht, erst sieht man ihn wie einen Schweinswal durchs Wasser

Winston hört auf zu schreiben, er hat einen Krampf in der Hand. Er weiß nicht, warum er diesen Schwall Blödsinn von sich gegeben hat. Aber komischerweise hat währenddessen in seinem Kopf eine völlig andere Erinnerung Gestalt angenommen, er fühlt sich fast schon in der Lage, sie aufzuschreiben. Und jetzt wird ihm auch klar, dass sein fester Entschluss, nach Hause zu fahren und mit dem Tagebuch anzufangen, noch mit einem anderen Vorfall zu tun hat.

Es geschah am selben Morgen im Ministerium, falls man bei etwas so Nebulösem überhaupt von ›geschehen‹ sprechen kann:

Kurz vor elfhundert. In der Abteilung Archiv, wo Winston

Die andere Person ist ein Mann namens O’Brien, Mitglied der Inneren Parteiriege und Träger eines so wichtigen und hohen Amtes, dass Winston nur eine vage Vorstellung davon hat, was das überhaupt sein könnte. Kurz wird es still in der Gruppe bei den Stühlen, als sich der schwarze Overall eines Mitglieds

Und schon bricht ein grässliches, knirschendes Kreischen aus dem großen Telemonitor am Ende des Raums – als würde irgendeine monströse Maschine ohne Öl laufen. Dieses Geräusch geht einem durch und durch, die Nackenhaare stellen sich auf. Der Hass beginnt.

Wie üblich wird das Gesicht von Emmanuel Goldstein, dem

Winstons Zwerchfell zieht sich zusammen. Der Anblick von Goldsteins Gesicht löst bei Winston jedes Mal schmerzhaft gemischte Gefühle aus. Es ist ein schmales, jüdisch aussehendes Gesicht mit einem großen Kranz struppiger weißer Haare und einem kleinen Ziegenbärtchen – ein listiges Gesicht, zugleich von Natur aus verachtenswert, und die lange, dünne Nase, auf deren Ende eine Brille sitzt, hat etwas Seniles, Albernes. Es erinnert an ein Schaf, wie auch die Stimme. Goldstein reitet seine übliche giftige Attacke gegen die Parteidoktrin – eine so übertriebene, verdrehte Attacke, dass ein Kind sie durchschauen würde, aber gerade noch plausibel genug, dass andere, weniger besonnene Menschen womöglich drauf reinfallen könnten. Er beschimpft den Großen Bruder, prangert die Parteidiktatur an, verlangt sofortigen Frieden mit Eurasien, verficht freie Meinungsäußerung, Pressefreiheit, Versammlungsfreiheit, Gedankenfreiheit, er jammert hysterisch, die Revolution sei verraten worden – und all das in einer schnellen, vielsilbigen Redeweise, fast einer Parodie des üblichen Parteiredenstils, auch Neusprech-Wörter kommen vor:

Nicht einmal dreißig Sekunden Hass sind vergangen, da kommt es bei mindestens der Hälfte der Zuschauer zu ungezügelten Wutausbrüchen. Das selbstgefällige Schafsgesicht auf dem Monitor und die furchterregende Macht der eurasischen Armee dahinter sind einfach nicht zu ertragen: Im Übrigen ruft der Anblick, ja schon der Gedanke an Goldstein automatisch Angst und Wut wach. Als Hassobjekt ist er eine Konstante, mehr als Eurasien oder Ostasien, denn wenn Ozeanien mit einer dieser Mächte im Krieg liegt, herrscht für gewöhnlich Frieden mit der anderen. Doch seltsam, obwohl jeder Goldstein hasst und verachtet, obwohl seine Theorien täglich tausendfach auf Bahnsteigen, auf dem Telemonitor, in Zeitungen und Büchern widerlegt, zerschmettert, lächerlich gemacht und dem Auge der Allgemeinheit als der klägliche Quatsch vorgehalten werden, der sie sind, obwohl all das passiert, scheint sein Einfluss nie abzunehmen. Es gibt immer neue Narren, die nur darauf warten, sich von ihm verführen zu lassen. Kein Tag vergeht, ohne dass nicht wieder Spione und Saboteure in seinen Diensten von der Denkpol entlarvt werden. Er kommandiert eine riesige Schattenarmee, ein Untergrundnetzwerk von Verschwörern, die einen Staatsstreich planen. Angeblich heißt sie die Bruderschaft. Man munkelt auch von einem furchtbaren Buch, einem Handbuch aller Irrlehren aus seiner Feder, das im Geheimen zirkuliert. Es trägt keinen Titel, und wer davon spricht, nennt es einfach nur das Buch. Aber von solchen Dingen erfährt man nur durch vage Gerüchte. Kein

In der zweiten Minute steigert sich der Hass zur Raserei. Die Leute springen an ihren Plätzen auf und nieder und brüllen aus vollem Hals, um die entnervende Blökstimme vom Monitor zu übertönen. Das Gesicht der kleinen Rotblonden ist leuchtendrosa angelaufen, ihr Mund klappt auf und zu wie bei einem gestrandeten Fisch. Selbst O’Briens massiges Gesicht ist rot geworden. Er sitzt kerzengerade auf seinem Stuhl, die muskulöse Brust geschwellt und bebend, als müsste er der Attacke einer anbrandenden Welle standhalten. Die Dunkelhaarige hinter Winston schreit in einem fort »Schwein! Schwein! Schwein!«, und plötzlich schleudert sie ein schweres Neusprech-Wörterbuch gegen den Monitor. Es trifft Goldstein an der Nase und prallt ab, die Stimme macht erbarmungslos weiter. In einem lichten Moment merkt Winston, dass er brüllt wie alle anderen und mit den Fersen immer wieder gegen die Sprosse seines Stuhls tritt. Das Schreckliche an den Zwei Minuten Hass ist nicht, dass man mitmachen muss, sondern dass es unmöglich ist, nicht mitzumachen. Nach dreißig Sekunden braucht man nichts mehr vorzuspielen. Eine schaurige Ekstase aus Angst und Rachgier, eine Lust zu töten, zu foltern, Gesichter mit Vorschlaghämmern zu zerschmettern, durchzuckt die gesamte Ansammlung wie elektrischer Strom und verwandelt jeden, auch gegen seinen Willen, in einen grimassierenden, kreischenden Irren. Dabei ist die Wut, die man empfindet, eine abstrakte, ungerichtete Emotion, die sich von einem Objekt auf ein anderes umlenken ließe wie die Flamme einer Lötlampe. Winstons Hass richtet sich irgendwann gar nicht mehr gegen Goldstein, sondern gegen den Großen Bruder, die Partei und die Denkpol; in solchen Momenten ist er im Herzen bei dem einsamen, verlachten Ketzer auf dem Monitor, dem einzigen Hüter von Wahrheit und Vernunft in einer Welt der Lügen. Und doch ist er im nächsten Augenblick schon mit allen anderen im Raum eins und glaubt alles, was über Goldstein gesagt wird. Dann schlägt sein heimlicher Abscheu gegen den

Manchmal ist es sogar möglich, den eigenen Hass willentlich umzulenken. Plötzlich gelingt es Winston, mit einer ebenso heftigen Anstrengung, wie wenn man seinen Kopf in einem Albtraum vom Kissen wegreißt, seinen Hass von dem Gesicht auf dem Monitor auf die dunkelhaarige Frau hinter ihm zu lenken. Lebhafte, wunderschöne Halluzinationen blitzen durch seinen Kopf. Er wird sie mit einem Gummiknüppel zu Tode prügeln. Er wird sie nackt an einen Pfahl fesseln und mit Pfeilen durchbohren wie den heiligen Sebastian. Er wird sie schänden und ihr beim Höhepunkt die Kehle durchschneiden. Außerdem begreift er jetzt besser als zuvor, warum er sie so hasst. Er hasst sie, weil sie jung und hübsch und frigide ist, weil er mit ihr schlafen will und das niemals tun wird, weil rund um ihre köstliche, geschmeidige Taille, die einen einlädt, sie zu umarmen, nur das aggressive Keuschheitssymbol liegt, die widerliche scharlachrote Schärpe.

Der Hass erreicht seinen Höhepunkt. Goldsteins Stimme ist zu einem echten Schafblöken geworden, auch sein Gesicht verwandelt sich kurz in das eines Schafes. Dann wird das Schafgesicht in die Gestalt eines eurasischen Soldaten überblendet, der riesig und furchterregend mit donnernder Maschinenpistole vorrückt, ja einem schon fast aus der Monitoroberfläche entgegenspringt; einige Leute in der ersten Reihe zucken tatsächlich auf ihren Sitzen zurück. Doch im selben Augenblick wird die feindliche Gestalt überblendet in das Gesicht des Großen Bruders mit seinen schwarzen Haaren und seinem schwarzen Schnurrbart, voll Kraft und mysteriöser Ruhe und so groß, dass es fast den ganzen Monitor ausfüllt. Alle stoßen einen Seufzer

KRIEG IST FRIEDEN

FREIHEIT IST SKLAVEREI

UNWISSEN IST STÄRKE

Doch das Gesicht des Großen Bruders scheint noch einige Minuten lang auf dem Monitor zu verbleiben, als wäre seine Einwirkung auf die Netzhaut aller Anwesenden zu stark gewesen, um so schnell zu verfliegen. Die kleine Rotblonde hat sich über die vordere Stuhllehne fallen lassen und streckt mit einem bebenden Murmeln, das sich nach »Mein Retter!« anhört, die Arme Richtung Monitor. Dann schlägt sie die Hände vors Gesicht. Offenkundig spricht sie ein Gebet.

In diesem Augenblick bricht die versammelte Menschengruppe in einen tiefen, langsamen, rhythmischen Singsang aus: »G-B! … G-B! … G-B!«, immer wieder, sehr langsam, mit einer langen Pause zwischen dem G und dem B – ein tiefes Murmeln, merkwürdig wild, man glaubt, dahinter das Stampfen nackter Füße und vibrierende Trommeln zu vernehmen. Ungefähr dreißig Sekunden lang bleiben sie dabei. Diesen Refrain hört man oft, wenn die Gefühle überkochen. Zum Teil ist das eine Lobeshymne auf die Weisheit und Erhabenheit des Großen Bruders, aber er dient noch weitaus mehr zur Selbsthypnose, ertränkt absichtlich das Bewusstsein in lautstarkem Rhythmus. Winston wird es eisig in den Eingeweiden. Während der Zwei Minuten Hass hat er ins allgemeine Delirium eingestimmt, es geht gar nicht anders, aber dieser untermenschliche Singsang, dieses »G-B! … G-B! … G-B!«, erfüllt ihn jedes Mal mit Entsetzen.

Ganz kurz hat er Blickkontakt mit O’Brien. Der ist aufgestanden. Er hat seine Brille abgesetzt und ist gerade dabei, sie mit der typischen Handbewegung wieder auf die Nase zu schieben. Doch dann treffen sich ihre Blicke für einen Sekundenbruchteil, und in dieser kleinen Zeitspanne weiß Winston – ja, er weiß es! –, dass O’Brien genauso denkt wie er. Eine unmissverständliche Botschaft wurde ausgetauscht. Als hätte sich bei ihnen beiden der Geist aufgetan, und die Gedanken wären über die Augen hin- und hergeflossen. »Es geht mir wie dir«, scheint O’Brien zu sagen. »Ich weiß haargenau, wie du dich fühlst. Ich weiß alles über deine Verachtung, deinen Hass, deinen Abscheu. Aber keine Sorge, ich bin auf deiner Seite!« Dann ist das Aufblitzen von Intelligenz wieder weg, und O’Brien schaut so unergründlich drein wie jeder andere.

Das ist alles, und Winston ist sich bereits unsicher, ob es überhaupt geschehen ist. Solche Vorfälle haben nie irgendwelche Folgen. Sie schaffen es aber, den Glauben und die Hoffnung in ihm wachzuhalten, dass er nicht der einzige Feind der Partei ist. Vielleicht stimmen die Gerüchte von der weitgespannten Untergrundverschwörung ja – vielleicht existiert die Bruderschaft wirklich! Trotz all der Verhaftungen und Geständnisse und Exekutionen muss man auch in Erwägung ziehen, dass die Bruderschaft nur eine Legende ist. Manchmal glaubt er daran, manchmal nicht. Es gibt keine Beweise, nur flüchtige Eindrücke, die etwas bedeuten können oder auch nicht: aufgeschnappte Gesprächsfetzen, verblasste Kritzeleien auf Toilettenwänden – einmal, bei der Begegnung zweier Fremder, sogar eine kleine Handbewegung, die nach einem Erkennungszeichen aussah.

Winston reißt sich aus seinen Gedanken, richtet sich auf. Und rülpst. Der Gin steigt aus dem Magen hoch.

Er konzentriert den Blick wieder auf die Tagebuchseite und merkt, dass er während seiner hilflosen Grübelei automatisch weitergeschrieben hat. Die Handschrift ist gar nicht mehr so verkrampft und ungelenk. Die Feder ist genüsslich über das weiche Papier geglitten und hat in ausgreifenden, säuberlichen Großbuchstaben geschrieben:

NIEDER MIT DEM GROSSEN BRUDER

NIEDER MIT DEM GROSSEN BRUDER

NIEDER MIT DEM GROSSEN BRUDER

NIEDER MIT DEM GROSSEN BRUDER

NIEDER MIT DEM GROSSEN BRUDER

– immer wieder, eine halbe Seite voll.

Der Anflug von Panik ist unvermeidlich, wenn auch absurd, denn das Hinschreiben dieser Worte ist nicht gefährlicher als die eigentliche Tat, das Tagebuch aufzuschlagen; aber kurz ist er versucht, die besudelten Seiten herauszureißen und das ganze Unterfangen bleiben zu lassen.

Das tut er aber nicht, denn er weiß, es hat sowieso keinen Zweck. Ob er hinschreibt NIEDER MIT DEM GROSSEN BRUDER oder ob er es sich verbietet, macht keinen Unterschied. Ob er weiter Tagebuch schreibt oder nicht, macht keinen Unterschied. Die Denkpol wird ihn so oder so kriegen. Er hat

Und immer nachts – Verhaftungen finden ausnahmslos nachts statt. Man wird plötzlich aus dem Schlaf gerissen, ein grobes Schütteln an der Schulter, blendendes Licht, harte Gesichter rund um das Bett. In den allermeisten Fällen gibt es keinen Prozess, über die Verhaftung wird nicht berichtet. Die Menschen verschwinden einfach, wortwörtlich über Nacht. Die Namen werden aus den Registern entfernt, nichts, was man je getan hat, ist mehr in den Akten zu finden, erst wird das Leben, das man nur einmal hat, verleugnet und dann vergessen. Man wird eliminiert, ausgelöscht: »verdampft« ist das gebräuchliche Wort.

Kurz packt ihn Hysterie. Er kritzelt los, hektisch, unordentlich:

die werden mich erschießen mir egal eine kugel in den nacken mir egal nieder mit dem großen bruder die schießen immer eine kugel in den nacken mir egal nieder mit dem großen bruder

Etwas beschämt lehnt er sich zurück und legt die Feder hin. Im nächsten Augenblick zuckt er heftig zusammen. Es klopft.

Jetzt schon! Er sitzt mucksmäuschenstill da, in der sinnlosen Hoffnung, die Person – wer immer es ist – würde nach einem einzigen Versuch wieder gehen. Aber nein, es klopft von neuem. Am schlimmsten ist das Hinauszögern. Sein Herz hämmert wie eine Pauke, sein Gesicht aber zeigt, dank der langen Übung, vermutlich keinen Ausdruck. Er steht auf und schleppt sich zur Tür.

Als Winston nach dem Türknauf greift, bemerkt er, dass das Tagebuch offen auf dem Tisch liegt. NIEDER MIT DEM GROSSEN BRUDER steht da viele Male in Großbuchstaben, fast groß genug, um es von der Tür aus zu entziffern. Wie unvorstellbar dumm. Aber trotz aller Panik hat er das cremefarbene Papier nicht verschmieren wollen, das wird ihm klar, drum hat er das Buch nicht über der feuchten Tinte zugeklappt.

Er holt tief Luft und macht auf. Sofort durchströmt ihn eine warme Welle der Erleichterung. Da steht eine farblose, bedrückte Frau mit flusigen Haaren und runzligem Gesicht.

»Ach, Genosse«, sagt sie in schleppendem, klagendem Ton, »mir war doch, als hätte ich dich gehört. Ob du wohl mal rüberkommen und unseren Abfluss in der Küche anschauen könntest. Der ist verstopft und …«

Das ist Mrs. Parsons, eine Nachbarsfrau von derselben Etage. (Die Anrede »Mrs.« wird von der Partei eher missbilligt – man soll alle Leute »Genossen« nennen –, aber bei manchen Frauen benutzt man das Wort instinktiv doch.) Sie ist um die dreißig, sieht aber viel älter aus. Als läge Staub in den Runzeln ihres Gesichts. Winston folgt ihr über den Korridor. Derlei Amateurreparaturen sind ein fast tägliches Ärgernis. Die Wohnungen der Victory Mansions sind alt, um 1930 erbaut, und gehen langsam aus dem Leim. Ständig schuppt Gips von den Decken und Wänden, bei jedem harten Frost gibt es Wasserrohrbrüche, das Dach erweist sich bei Schneefall als undicht, die Heizungsanlage läuft meist nur mit halber Kraft, wenn sie nicht aus wirtschaftlichen Gründen komplett abgeschaltet ist. Reparaturen, abgesehen von dem, was man allein hinkriegt, müssen von fernen Komitees bewilligt werden, was dafür sorgt, dass selbst eine kaputte Fensterscheibe zwei Jahre lang nicht ersetzt wird.

Die Wohnung der Parsons ist größer als Winstons und in anderer Hinsicht trist. Alles wirkt angeschlagen und irgendwie zertrampelt, als wäre gerade ein großes gewalttätiges Tier hier durchgestapft. Auf dem Boden liegt überall Sportausrüstung herum – Hockeyschläger, Boxhandschuhe, ein zerschlissener Fußball, verschwitzte Shorts auf links –, auf dem Tisch türmen sich schmutziges Geschirr und eselsohrige Schulhefte. An den Wänden hängen scharlachrote Spruchbänder von der Jugendliga und den Spitzeln und ein Plakat des Großen Bruders in Originalgröße. Den typischen Geruch des gesamten Gebäudes, nach gekochtem Kohl, durchzieht hier ein noch beißenderer Schweißgestank, und schwer zu sagen warum, aber man weiß gleich beim ersten Schnüffeln, dass er zu einer derzeit abwesenden Person gehört. In einem anderen Zimmer versucht jemand, mit einem Kamm und einem Blatt Klopapier die Militärmusik zu begleiten, die immer noch aus dem Telemonitor kommt.

»Kinder eben«, sagt Mrs. Parsons mit einem halb bangen Blick zur Tür. »Sie sind heute noch nicht draußen gewesen. Und natürlich …«

Sie hat die Angewohnheit, ihre Sätze nach der Hälfte abzubrechen. Die Küchenspüle steht fast randvoll mit grünlichem Abwaschwasser, das schlimmer denn je nach Kohl stinkt. Winston geht in die Hocke und untersucht das Knie des Abflussrohrs. Er hasst es, die Hände zu benutzen, und er hasst es, sich zu bücken, weil er dann immer husten muss. Mrs. Parsons schaut hilflos zu.

»Wenn Tom zu Hause wäre, hätte er es natürlich im Nu repariert«, sagt sie. »So was macht er furchtbar gern. Er ist ja so geschickt mit den Händen, mein Tom.«

Parsons ist Winstons Kollege im Wahrheitsministerium, ein dicklicher, aber rühriger Mann von lähmender Dummheit, ein einziger Batzen schwachsinniger Begeisterung – einer jener treu ergebenen, blind gehorsamen Sklaven, von denen, mehr noch als von der Denkpol, die Stabilität der Partei abhängt. Vor kurzem

»Hast du eine Rohrzange?«, fragt Winston, während er versucht, die Mutter am Rohrknie zu lösen.

»Eine Rohrzange«, sagt Mrs. Parsons, schlagartig rückgratlos. »Das weiß ich nun wirklich nicht. Vielleicht die Kinder …«

Begleitet von Stiefelgetrampel und einer weiteren Runde Blasen auf dem Kamm stürmen die Kinder das Wohnzimmer. Mrs. Parsons bringt die Rohrzange. Winston lässt das Wasser ab und entfernt angeekelt den Propf aus Menschenhaar, der das Rohr verstopft. Dann reinigt er seine Finger, so gut es mit kaltem Wasser geht, und kehrt ins andere Zimmer zurück.

»Los, Hände hoch!«, schreit eine wilde Stimme.

Ein hübscher, robust aussehender Junge von neun Jahren ist hinter dem Tisch aufgetaucht und bedroht ihn mit einer Spielzeug-MP, und seine kleine, etwa zwei Jahre jüngere Schwester tut es ihm nach, mit einem Stück Holz. Beide tragen die blauen Shorts, grauen Hemden und roten Halstücher, aus denen die Uniform der Spitzel besteht. Winston hebt die Hände über den Kopf, aber mit einem unbehaglichen Gefühl; das Benehmen des Jungen ist so voller Bosheit, dass es sich nicht mehr nach einem Spiel anfühlt.

»Du bist ein Verräter!«, kreischt der Junge. »Du machst

Auf einmal springen sie beide um ihn herum, brüllen »Verräter!« und »Denkkrim!«, wobei das kleine Mädchen jede Bewegung ihres Bruders nachahmt. Das ist schon ziemlich angsteinflößend, diese zwei herumtollenden Tigerjungen, die bald zu Menschenfressern heranwachsen werden. Im Blick des Jungen liegt berechnende Grausamkeit, das schwer zu übersehende Bedürfnis, Winston zu schlagen oder zu treten, und das Bewusstsein, schon fast groß genug dafür zu sein. Ein Glück, denkt Winston, dass die Pistole da nicht echt ist.

Mrs. Parsons’ Blick zuckt nervös zwischen Winston und den Kindern hin und her. In dem helleren Licht des Wohnzimmers bemerkt er interessiert, dass tatsächlich Staub in den Falten ihres Gesichts liegt.

»Sie werden halt doch recht laut«, sagt sie. »Sie sind enttäuscht, weil sie nicht zur Hinrichtung können, deswegen. Ich habe zu viel zu tun, um sie mitzunehmen, und Tom kommt nicht rechtzeitig von der Arbeit zurück.«

»Warum können wir nicht hingehen? Ich will das Hängen sehen!«, brüllt der Junge mit seiner kräftigen Stimme.

»Will das Hängen sehen! Will das Hängen sehen!«, skandiert das Mädchen, immer noch herumhüpfend.

Einige eurasische Gefangene sollen an diesem Abend als Kriegsverbrecher im Park aufgehängt werden, fällt Winston wieder ein. Das geschieht etwa einmal im Monat und ist ein beliebtes Spektakel. Kinder quengeln immer, weil sie unbedingt hinwollen. Er verabschiedet sich von Mrs. Parsons und geht zur Tür. Nach nicht mal sechs Schritten im Korridor trifft ihn etwas mit einem qualvoll schmerzhaften Schlag im Nacken. Es fühlt sich an, als wäre er mit einem rotglühenden Draht gestochen worden. Er fährt herum und sieht gerade noch, wie Mrs. Parsons ihren Sohn, der eine Schleuder einsteckt, wieder in die Wohnung zerrt.

»Goldstein!«, bellt der Junge, dann fällt die Tür zu. Am

In seiner Wohnung geht er rasch am Telemonitor vorbei und setzt sich, immer noch den Nacken reibend, wieder an den Tisch. Aus dem Monitor kommt keine Musik mehr, sondern eine abgehackte militärische Stimme verliest mit genüsslicher Brutalität, mit welcher Waffenausstattung die neue Schwimmende Festung gerade zwischen Island und den Färöern vor Anker geht.

Bei solchen Kindern, denkt er, muss die arme Frau ein elendes Leben in Angst und Schrecken führen. Noch ein, zwei Jahre, und sie werden sie Tag und Nacht im Auge behalten, auf der Suche nach irgendwelchen Abweichlersymptomen. Heutzutage sind fast alle Kinder grässlich. Organisationen wie die Spitzel machen sie systematisch zu unkontrollierbaren kleinen Wilden, aber deswegen werden sie noch lange nicht rebellisch gegen die Parteidisziplin – das ist das Schlimmste. Im Gegenteil, sie beten die Partei und alles, was mit ihr zusammenhängt, förmlich an. Die Lieder, die Märsche, die Spruchbänder, die Wanderungen, der Drill mit Gewehrattrappen, das Brüllen der Slogans, die Verehrung des Großen Bruders – all das ist ein herrliches Spiel für sie. Alles Wilde kehren sie nach außen, gegen Staatsfeinde, gegen Ausländer, Verräter, Saboteure, gegen Denkkrim. Es ist fast normal, wenn Menschen über dreißig vor ihren eigenen Kindern Angst haben. Und mit gutem Grund, denn fast jede Woche bringt die Times eine Meldung, dass irgendein lauschender kleiner Schnüffler – »Kindheld« werden sie im Allgemeinen genannt – eine kompromittierende Bemerkung aufgeschnappt und seine Eltern bei der Denkpol denunziert hat.

Der stechende Schmerz von dem Geschoss der Schleuder lässt nach. Halbherzig greift er zur Feder. Was soll er noch in sein Tagebuch schreiben? Da fällt ihm O’Brien wieder ein.

Vor Jahren – wie lange ist das her? Sieben Jahre bestimmt – hat er geträumt, dass er einen stockdunklen Raum durchquert. Und im Vorbeigehen hört er jemanden, der auf der Seite sitzt, zu ihm

Winston hat nie mit absoluter Sicherheit herausgefunden – und auch nach dem blitzartigen Blickwechsel heute Morgen bleibt das unmöglich –, ob O’Brien Freund oder Feind ist. Irgendwie kommt es darauf auch gar nicht an. Zwischen ihnen herrscht ein Einverständnis, und diese Verbindung ist wichtiger als Zuneigung oder Lagerdenken. »Wir treffen uns an dem Ort, wo kein Dunkel herrscht«, hat er gesagt. Winston weiß nicht, was das bedeutet, nur dass es eintreffen wird, so oder so.