Jean Ziegler

WIR LASSEN
SIE VERHUNGERN

Die Massenvernichtung
in der Dritten Welt

Aus dem Französischen übertragen
von Hainer Kober

C. Bertelsmann

Der Inhalt dieses E-Books ist urheberrechtlich geschützt und enthält technische Sicherungsmaßnahmen gegen unbefugte Nutzung. Die Entfernung dieser Sicherung sowie die Nutzung durch unbefugte Verarbeitung, Vervielfältigung, Verbreitung oder öffentliche Zugänglichmachung, insbesondere in elektronischer Form, ist untersagt und kann straf- und zivilrechtliche Sanktionen nach sich ziehen.

Sollte diese Publikation Links auf Webseiten Dritter enthalten, so übernehmen wir für deren Inhalte keine Haftung, da wir uns diese nicht zu eigen machen, sondern lediglich auf deren Stand zum Zeitpunkt der Erstveröffentlichung verweisen.

Die Originalausgabe ist 2011 unter dem Titel
»Destruction massive. Géopolitique de la faim«
bei Éditions du Seuil, Paris, erschienen.

© 2011 by Jean Ziegler

© der deutschsprachigen Ausgabe 2012
by C. Bertelsmann Verlag, München,

in der Verlagsgruppe Random House GmbH

Umschlaggestaltung: R·M·E Rosemarie Kreuzer und Carla Nagel

Satz: Uhl+Massopust, Aalen

ISBN 978-3-641-07957-4
V002

www.cbertelsmann.de

Gewidmet ist dieses Buch dem Andenken von

Facundo Cabral, ermordet in Guatemala-Stadt

Michel Riquet, S. J.

Didar Fawzy Rossano

Sebastiâo Hoyos

Isabelle Vichniac

Chico Mendes, ermordet in Xapuri, Brasilien

Edmond Kaiser

Resfel Pino Alvarez

Juliano Mer Khamis,

ermordet in Jenin, Palästina

»Und wer von uns verhungert ist,
der fiel in einer Schlacht.
Und wer von uns gestorben ist,
der wurde umgebracht.«

Bertolt Brecht

INHALT

Die Kinder von Saga

ERSTER TEIL

Das Massaker

1. Geographie des Hungers

2. Der unsichtbare Hunger

3. Dauerkrisen

Nachtrag 1: Das Getto von Gaza

Nachtrag 2: Die Hungerflüchtlinge aus Nordkorea

4. Der Weg zum Himmel

5. Gott ist kein Bauer

6. »In der Schweiz hungert doch niemand«

7. Die Noma-Tragödie

ZWEITER TEIL

DAS ERWACHEN DES BEWUSSTSEINS

1. Der Hunger als Schicksal
Malthus und die natürliche Auslese

2. Josué de Castro, Epoche eins

3. Hitlers »Hungerplan«

4. Ein Licht in der Nacht: die Vereinten Nationen

5. Josué de Castro, Epoche zwei: Ein sehr lästiger Sarg

DRITTER TEIL

DAS RECHT AUF NAHRUNG UND SEINE FEINDE

1. Die Kreuzritter des Neoliberalismus

2. Die apokalyptischen Reiter

3. Wenn der Freihandel tötet

4. Savonarola am Ufer des Genfer Sees

VIERTER TEIL

DER RUIN DES WFP UND DIE OHNMACHT DER FAO

1. Das Entsetzen eines Milliardärs

2. Der große Sieg des Raubgesindels

3. Die neue Selektion

4. Jalil Jilani und ihre Kinder

5. Dioufs Niederlage

Nachtrag: Der Mord an den irakischen Kindern

FÜNFTER TEIL

DIE GEIER DES »GRÜNEN GOLDES«

1. Die Lüge

2. Die Obsession des Barack Obama

3. Der Fluch des Zuckerrohrs

Nachtrag: Die Hölle von Gujarat

4. Rekolonisierung

SECHSTER TEIL

DIE SPEKULANTEN

1. Die »Tigerhaie«

2. Genf, Welthauptstadt der »Tigerhaie«

3. Raub des Bodens, Widerstand der Verdammten

4. Die westlichen Staaten als Komplizen

Die Hoffnung

Danksagung

Personenregister

Sachregister

Die Kinder von Saga

Ich erinnere mich an einen klaren Tagesanbruch während der Trockenzeit in dem kleinen Dorf Saga, etwa 100 Kilometer südlich von Niamey, im Niger. Die ganze Region ist notleidend. Dabei wirken mehrere Faktoren zusammen: eine Hitze, wie es sie seit Menschengedenken nicht gegeben hat, bis zu 47,5 Grad im Schatten, eine seit zwei Jahren herrschende Dürre, eine schlechte Hirseernte, zur Neige gehende Futtervorräte für das Vieh, eine Überbrückungszeit1 von mehr als vier Monaten und sogar eine Heuschreckenplage. Die Mauern der Hütten aus Banco2, die Strohdächer, die Böden sind glühend heiß. Die Kinder werden von der Malaria, von Fieberanfällen und Schüttelfrost gepeinigt. Menschen und Tiere leiden unter Hunger und Durst.

Ich warte vor dem Ambulatorium der Schwestern der Mutter Teresa. Den Termin hat der Vertreter des UN-Welternährungsprogramms (WFP) in Niamey verabredet.

Drei weiße Gebäude mit Wellblechdächern. Ein Hof mit einem riesigen Affenbrotbaum in der Mitte. Eine Kapelle, Lagerschuppen und rund herum eine Betonmauer mit einem Eisentor.

Ich warte vor dem Tor, inmitten der Menge, von Müttern umgeben.

Der Himmel ist rot. Die große, purpurfarbene Sonnenscheibe schiebt sich langsam über den Horizont.

Vor dem grauen Eisentor drängen sich die Frauen, Angst ist ihnen ins Gesicht geschrieben. Einige mit hektischen Bewegungen, andere dagegen mit leeren Augen und unendlicher Mutlosigkeit. Alle halten sie ein Kind im Arm, manchmal zwei, mit Lumpen bedeckt. Diese Stoffbündel heben sich im Rhythmus des Atmens. Viele Frauen sind die ganze Nacht gegangen, manche sogar mehrere Tage. Sie kommen aus Dörfern, über die die Heuschrecken hergefallen sind, 30 bis 50 Kilometer entfernt. Offensichtlich sind sie erschöpft. Vor dem hartnäckig verschlossenen Tor können sie sich kaum aufrecht halten. Die kleinen, zum Skelett abgemagerten Geschöpfe, die sie in ihren Armen halten, scheinen ihnen eine unverhältnismäßige Last zu sein. Fliegen umschwirren die Lumpen. Trotz der frühen Stunde ist die Hitze drückend. Ein Hund läuft vorbei und wirbelt eine Staubwolke auf. Schweißgeruch hängt in der Luft.

Dutzende Frauen haben eine oder mehrere Nächte in Löchern verbracht, die sie mit bloßen Händen in den harten Savannenboden gegraben haben. Am Vortag oder am Tag davor zurückgewiesen, versuchen sie an diesem Morgen ihr Glück mit unendlicher Geduld von neuem.

Endlich höre ich Schritte im Hof. Ein Schlüssel dreht sich im Schloss.

Eine Schwester europäischer Herkunft mit schönen, ernsten Augen erscheint und öffnet das Tor einen Spalt weit. Die Menschentraube gerät in Bewegung, vibriert, drängt nach vorn, klebt am Tor.

Die Schwester nimmt einen Stofffetzen hoch, dann noch einen und noch einen. Mit einem raschen Blick versucht sie, die Kinder herauszufinden, die noch eine Überlebenschance haben.

Leise, in perfektem Hausa, spricht sie zu den verängstigten Müttern. Schließlich werden etwa fünfzehn Kinder und ihre Mütter hereingelassen. Die deutsche Ordensschwester hat Tränen in den Augen. Die etwa hundert Frauen, die an diesem Tag abgewiesen werden, bleiben stumm, würdevoll, aber völlig verzweifelt zurück.

In der Stille bildet sich eine Kolonne. Diese Mütter geben den Kampf auf. Sie gehen wieder in die Savanne. Sie kehren in ihr Dorf zurück, in dem es noch immer keine Nahrung gibt.

Eine kleine Gruppe beschließt, sich nicht von der Stelle zu rühren, in diesen mit ein paar Zweigen oder einem Stück Plastik gegen die Sonne geschützten Löchern auszuharren.

Die nächste Morgendämmerung wird kommen. Ein neuer Tag wird beginnen. Das Tor wird sich wieder einen Spalt und einen Augenblick lang öffnen. Und sie werden abermals ihr Glück versuchen.

Bei den Schwestern der Mutter Teresa in Saga braucht ein Kind, das unter schwerer Unter- und Mangelernährung leidet, höchstens zwölf Tage für seine Genesung. Auf einer Matte liegend, wird es in regelmäßigen Abständen intravenös mit einer Nährlösung versorgt. Unermüdlich verjagt seine fürsorgliche Mutter, im Schneidersitz an seiner Seite, die großen glänzenden Fliegen, die in den Baracken umherschwirren.

Die Schwestern sind freundlich, sanft und rücksichtsvoll. Sie tragen einen Sari und das weiße, mit drei blauen Streifen geschmückte Kopftuch, das durch Mutter Teresa, die in Kalkutta wirkende Gründerin des Ordens der Missionarinnen der Nächstenliebe, bekannt wurde.

Das Alter der Kinder liegt zwischen sechs Monaten und zehn Jahren. Die meisten sind zu Skeletten abgemagert. Unter der Haut zeichnen sich die Knochen ab, und bei einigen sieht man das rötlich-bräunliche Haar und den aufgeblähten Bauch des Kwashiorkor – neben Noma eine der schlimmsten durch Unterernährung hervorgerufenen Krankheiten.

Einige haben die Kraft zu lächeln. Andere liegen zusammengekrümmt und stoßen ein leises, kaum hörbares Röcheln aus.

Über jedem hängt ein Plastikbeutel mit der Infusionslösung, die tropfenweise über einen dünnen Schlauch zur Kanüle in dem kleinen Arm gelangt.

Auf den Matten der drei Baracken sind rund sechzig Kinder in Dauerbehandlung.

»Sie werden fast alle gesund«, informiert mich voller Stolz eine junge Schwester aus Sri Lanka, die die Kinder auf der in der Mitte der Hauptbaracke hängenden Waage täglich wiegt.

Sie bemerkt meinen ungläubigen Blick.

Auf der anderen Seite des Hofs, am Fuß der kleinen weißen Kapelle, sind zahlreiche Gräber zu sehen.

Trotzdem beharrt sie: »In diesem Monat haben wir nur zwölf verloren, im letzten Monat acht.«

Als ich später im Süden durch Maradi komme, wo die Ärzte ohne Grenzen (MSF) gegen die Geißel der schweren Unter- und Mangelernährung im Kindesalter kämpfen, erfahre ich, dass die Sterblichkeitsziffer bei den Schwestern von Saga im Vergleich zum Landesdurchschnitt tatsächlich sehr niedrig ist.

Die Ordensschwestern arbeiten Tag und Nacht. Es ist deutlich zu erkennen, dass sich einige am Rande vollkommener Erschöpfung befinden.

Sie kennen keine Hierarchie. Jede geht ihrer Aufgabe nach. Keine übt irgendeine Befehlsgewalt aus. Es gibt weder Äbtissin noch Priorin.

Drückende Schwüle herrscht in der Baracke. Das Stromaggregat und die wenigen Ventilatoren, die es betreibt, sind ausgefallen.

Ich gehe in den Hof hinaus. Die Luft flirrt vor Hitze.

Aus der Küche unter freiem Himmel weht der Geruch des Hirsebreis herüber, den eine junge Schwester für das Mittagessen bereitet. Die Mütter der Kinder und die Schwestern sitzen auf den Matten der Mittelbaracke und essen gemeinsam.

Mich blendet das weiße Licht des Sahelmittags.

Unter dem Affenbrotbaum steht eine Bank. Erschöpft sitzt dort die deutsche Schwester, die ich am Morgen gesehen habe. Sie spricht in ihrer Muttersprache mit mir. Die anderen Schwestern sollen sie nicht verstehen. Sie befürchtet, sie zu entmutigen.

»Haben Sie gesehen?« fragt sie mich mit müder Stimme

»Habe ich.«

Sie schweigt, die Arme um ihre Knie geschlungen. Ich frage:

»Ich habe in jeder Baracke leere Matten gesehen … warum haben Sie heute Morgen nicht mehr Mütter und Kinder hereingelassen?«

»Die Infusionsbeutel sind teuer«, sagt sie. »Niamey ist weit. Und dann die schlechten Straßen. Die Lastwagenfahrer verlangen horrende Transportgebühren … Unsere Mittel sind begrenzt.«

Der jährliche Hungertod von mehreren zehn Millionen Männern, Frauen und Kindern ist der Skandal unseres Jahrhunderts.

Alle fünf Sekunden verhungert ein Kind unter zehn Jahren. Und das auf einem Planeten, der grenzenlosen Überfluss produziert …

In ihrem augenblicklichen Zustand könnte die Weltlandwirtschaft problemlos zwölf Milliarden Menschen ernähren, was gegenwärtig fast der doppelten Weltbevölkerung entspräche.

Insofern ist die Situation alles andere als unabwendbar.

Ein Kind, das am Hunger stirbt, wird ermordet.

Dieser Massenvernichtung begegnet die öffentliche Meinung des Westens mit eisiger Gleichgültigkeit. Allenfalls reagiert sie mit zerstreuter Aufmerksamkeit, wenn die Katastrophen besonders »sichtbar« werden – wie die Hungersnot, die seit dem Sommer 2011 für mehr als zwölf Millionen Menschen in fünf Ländern am Horn von Afrika eine tödliche Bedrohung darstellt.

Gestützt auf zahlreiche Statistiken, Diagramme, Berichte, Resolutionen und andere sorgfältige Studien der Vereinten Nationen, der UN-Sonderorganisationen, anderer Forschungsinstitute, aber auch etlicher Nichtregierungsorganisationen (NGOs), widme ich mich im ersten Teil des Buchs der Aufgabe, die Katastrophe zu beschreiben, das Ausmaß der Massenvernichtung zu bestimmen.

Fast ein Drittel der 56 Millionen zivilen und militärischen Toten während des Zweiten Weltkriegs gehen auf das Konto des Hungers und seiner unmittelbaren Folgen.

1942/43 ist fast die Hälfte der weißrussischen Bevölkerung an der von den Nazis organisierten Hungersnot zugrunde gegangen.3 In ganz Europa starben Millionen Kinder, Männer und Frauen an Unterernährung, Tuberkulose und Anämie. In den Kirchen von Amsterdam, Rotterdam, Den Haag stapelten sich im Winter 1944/45 die Särge der Hungertoten.4 In Polen und Norwegen aßen die Menschen Ratten und Baumrinde,5 um zu überleben. Viele starben.

Wie die biblische Heuschreckenplage sind die Nazi-Plünderer über die besetzten Länder hergefallen und haben Lebensmittelvorräte, Ernten, Vieh beschlagnahmt.

Für die KZ-Häftlinge hatte Adolf Hitler, noch bevor er mit der systematischen Vernichtung der Juden und Zigeuner begann, einen Hungerplan entwickelt, der den Zweck hatte, durch vorsätzlichen und andauernden Nahrungsentzug eine möglichst große Zahl von Häftlingen zu vernichten.

Doch die kollektive Leidenserfahrung der hungernden europäischen Völker hatte in der unmittelbaren Nachkriegszeit auch positive Folgen. Plötzlich erlebten bedeutende Forscher – geduldige Propheten, auf die zuvor niemand oder fast niemand gehört hatte –, dass ihre Bücher zu Hunderttausenden verkauft und in viele Sprachen übersetzt wurden.

Einer der bekanntesten Vertreter dieser Bewegung ist Josué Apolônio de Castro, ein Arzt europäisch-indianischer Herkunft aus dem verarmten Nordosten Brasiliens, dessen Buch Geopolitik des Hungers aus dem Jahr 1951 (deutsch 1973) in der ganzen Welt gelesen wurde. Später haben auch andere – Angehörige einer jüngeren Generation und verschiedener Nationen – das Kollektivbewusstsein des Westens nachhaltig beeinflusst: Tibor Mende, René Dumont, Abbé Pierre und andere.

Die im Juni 1945 geschaffene Organisation der Vereinten Nationen (UNO) gründete schon bald die Food and Agricultural Organization (FAO, Ernährungs- und Landwirtschaftsorganisation der Vereinten Nationen) und, etwas später, das World Food Programme (WFP, Welternährungsprogramm).

1946 begann die UNO ihren ersten weltweiten Feldzug gegen den Hunger.

Am 10. Dezember 1948 verabschiedete die Generalversammlung der Vereinten Nationen im Pariser Palais de Chaillot die Allgemeine Erklärung der Menschenrechte, die in Artikel 25 das Recht auf Nahrung feststellt.

Im zweiten Teil des vorliegenden Buchs geht es um die Bedeutung dieses bemerkenswerten Augenblicks – das Erwachen des westlichen Gewissens.

Doch leider war es nur ein sehr kurzer Augenblick. Innerhalb des Systems der Vereinten Nationen, aber auch innerhalb zahlreicher Mitgliedstaaten gab es (und gibt es) mächtige Feinde des Rechts auf Nahrung.

Der dritte Teil des Buchs entlarvt sie.

Ohne ausreichende Mittel für den Kampf gegen den Hunger fristen FAO und WFP unter schwierigsten Bedingungen ihr Dasein. Während es dem WPF heute mehr schlecht als recht gelingt, einen Teil der Nahrungshilfe zu leisten, deren die notleidenden Bevölkerungen dringend bedürfen, ist die FAO beinahe am Ende. Der vierte Teil des Buchs legt die Gründe für diesen Niedergang dar.

Seit kurzem werden die hungernden Völker der südlichen Hemisphäre von neuen Geißeln heimgesucht: Landraub durch Biotreibstoff-Trusts und Börsenspekulationen auf Grundnahrungsmittel.

Die erdumspannende Macht der transkontinentalen Agrokonzerne und der Hedgefonds – der Fonds, die auf Nahrungsmittelpreise spekulieren – übersteigt die der Nationalstaaten und aller zwischenstaatlichen Organisationen. In den Führungsetagen dieser Unternehmen wird über Leben und Tod der Bewohner unseres Planeten entschieden.

Der fünfte und sechste Teil des Buchs widmet sich der Frage, warum und wie es kommt, dass sich heute die Profitwut, die Geldgier, die grenzenlose Habsucht der räuberischen Oligarchien des globalisierten Finanzkapitals in der öffentlichen Meinung und den Bewertungen der Regierungen gegen alle anderen Erwägungen durchsetzen und damit die weltweite Mobilisierung des Widerstands behindern.

Ich war der erste UN-Sonderberichterstatter für das Recht auf Nahrung. Mit Hilfe meiner Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen, junger Männer und Frauen von außergewöhnlicher Kompetenz und Hingabe, habe ich dieses Mandat acht Jahre lang wahrgenommen. Ohne diese jungen Akademiker wäre das nicht möglich gewesen.6 Das vorliegende Buch lebt von diesen acht Jahren gemeinsamer Erfahrungen und Kämpfe.

Häufig beziehe ich mich auf Dienstreisen in die Hungergebiete der Welt – Indien, Niger, Bangladesch, Mongolei, Guatemala und so fort. Unsere Berichte von damals zeigen mit aller Deutlichkeit, welche Verheerungen der Hunger unter den Bevölkerungen dieser besonders betroffenen Gebiete anrichtet. Sie enthüllen auch, wer für diese Massenvernichtung verantwortlich ist.

Aber man hat uns das Leben nicht immer leicht gemacht.

Mary Robinson ist ehemalige Staatspräsidentin der Republik Irland und ehemalige Hochkommissarin für Menschenrechte der Vereinten Nationen. Dieser eleganten und hochintelligenten Frau mit den schönen grünen Augen können nur wenige UN-Bürokraten den ihr eigenen, grimmigen Humor verzeihen.

2009 haben im Genfer Palais de Nations, dem Hauptsitz der Vereinten Nationen in Europa, 9923 internationale Konferenzen, Expertentreffen, Sitzungen multilateraler Verhandlungen stattgefunden.7 2010 und 2011 war die Zahl noch größer. Bei vielen dieser Zusammenkünfte ging es um die Menschenrechte, vor allem um das Recht auf Nahrung.

Während ihres Mandats hatte Mary Robinson für die meisten dieser Zusammenkünfte wenig übrig. Allzu häufig, meinte sie, ähnelten sie dem Choral Singing. Der Begriff ist fast unübersetzbar: Er bezeichnet den alten irischen Brauch dörflicher Chöre, die am Ersten Weihnachtstag von Haus zu Haus ziehen und die immer gleichen eintönigen und naiven Liedchen singen.

Es gibt nämlich Hunderte von Bestimmungen des internationalen Rechts, von zwischenstaatlichen Institutionen, Nichtregierungsorganisationen, deren Daseinszweck die Eindämmung von Hunger und Mangelernährung ist.

Tatsächlich betätigen sich auf allen Kontinenten Tausende von Diplomaten das ganze Jahr hindurch als Choral Singer in Sachen Menschenrechte, ohne dass sich jemals das Geringste im Leben der Opfer verändert. Warum ist das so?

Ich vermag nicht zu sagen, wie oft ich in Diskussionen im Anschluss an meine Vorträge in Frankreich, Deutschland, Italien, Spanien Einwände hörte wie etwa: »Würden die Afrikaner nicht so hemmungslos Kinder in die Welt setzen, hätten sie auch weniger Hunger!«

Die Ideen von Thomas Malthus sterben eben nicht aus.

Und was ist von den Verantwortlichen zu halten? Den Herren der Nahrungsmittelkonzerne, den gewichtigen Führern der Welthandelsorganisation (WTO), des Internationalen Währungsfonds (IWF), den westlichen Diplomaten, den Spekulationshaien und den Geiern des »grünen Goldes«, die behaupten, der Hunger sei ein natürliches Phänomen, das nur von einem total liberalisierten und privatisierten Weltmarkt besiegt werden könne? Der schaffe zwangsläufig Reichtümer, in deren Genuss dann ganz von alleine auch die vielen Millionen Hungernden kämen …

In Shakespeares gleichnamigem Stück äußert König Lear eine pessimistische Weltsicht. Zum Grafen von Gloucester sagt er, sich auf den elenden Zustand der Welt (wretched world) beziehend: »Kann man doch sehn, wie es in der Welt hergeht ohne Augen« (a man may see how this world goes with no eyes).8 König Lear irrt. Alles Bewusstsein ist vermittelt. Die Welt ist nicht »selbstevident«, sie gibt dem Auge nicht unmittelbar preis, wie sie wirklich ist – selbst dem gesunden Auge nicht.

Die Ideologien verschleiern die Wirklichkeit. Und das Verbrechen breitet sich im Schutz dieser Tarnung aus.

Die deutschen Marxisten der Frankfurter Schule – Max Horkheimer, Theodor W. Adorno, Herbert Marcuse, Walter Benjamin –, aber auch Ernst Bloch haben viel nachgedacht über die vermittelte Wahrnehmung der Wirklichkeit durch den Einzelnen und die Prozesse, kraft derer das subjektive Bewusstsein durch die Doxa eines sich immer aggressiver und autoritärer gebärdenden Kapitalismus entfremdet wird. Sie haben beschrieben, wie sich die herrschende kapitalistische Ideologie auswirkt, das heißt, wie sie den Menschen von Kindheit an dazu bringt, sein Leben freiwillig ihm weit entrückten Zwecken – insbesondere der Warenproduktion – unterzuordnen, und ihm auf diese Weise die Möglichkeit persönlicher Autonomie nimmt, durch die sich Freiheit manifestiert.

Einige dieser Philosophen sprechen von einer »doppelten Geschichte«: auf der einen Seite die sichtbare, alltägliche Ereignisgeschichte und auf der anderen die unsichtbare Geschichte des Bewusstseins. Wie sie zeigen, wird das Bewusstsein von der Hoffnung auf die Geschichte, den Geist der Utopie, den aktiven Glauben an die Freiheit beeinflusst. Diese Hoffnung besitzt eine weltlich-eschatologische Dimension. Sie speist eine Untergrundgeschichte, die der real existierenden Gerechtigkeit eine einklagbare Gerechtigkeit entgegensetzt.

Horkheimer schreibt, »dass nicht nur der unvermittelte Zwang diese Ordnung jeweils aufrechterhalten hat, sondern dass die Menschen selbst sie bejahen lernten.«9 Um die Wirklichkeit zu verändern, die Freiheit im Menschen zu befreien, müssen wir wieder an dieses »antizipierende Bewusstsein« anknüpfen,10 diese historische Kraft, die Utopie heißt, Revolution.

Das eschatologische Bewusstsein macht Fortschritte. Vor allem in den weltbeherrschenden Gesellschaften des Westens werden immer mehr Frauen und Männer zu Aufständischen, die gegen die neoliberale Doxa von der Unausweichlichkeit des Massensterbens kämpfen. Dabei zeigt sich eines immer deutlicher: Der Hunger ist das Werk von Menschen und kann von Menschen besiegt werden.

Bleibt die Frage: Wie erschlagen wir das Ungeheuer?

Vorsätzlich totgeschwiegen von der öffentlichen Meinung des Westens, erwachen in der ländlichen Bevölkerung der südlichen Hemisphäre vor aller Augen revolutionäre Kräfte. Transnationale Bauerngewerkschaften, Zusammenschlüsse von Landwirten und Viehzüchtern, kämpfen gegen die Geier des »grünen Goldes« und die Spekulanten, die ihnen ihr Land stehlen wollen. Zugleich verweigern immer mehr Menschen im Herzen der Herrschaftsgesellschaften den neoliberalen Wahnideen ihre Gefolgschaft und stellen sich der kannibalischen Weltordnung entgegen.

Im Epilog komme ich zurück auf diese Kämpfe und die Hoffnung, die sie nähren. Und auf unsere Pflicht, sie zu unterstützen.

1 Als Überbrückungszeit bezeichnet man die Periode, die zwischen dem Aufbrauchen der letzten Ernte und der neuen Ernte liegt – ein Zeitraum, in dem die Bauern Lebensmittel auf dem Markt kaufen müssen.

2 Ziegelsteine aus einer Mischung von Lehm, sandigem Laterit und Kuhfladen.

3 Timothy Snyder, Bloodland, New York, Basic Books, 2010.

4 Max Nord, Amsterdam timjens den Hongerwinter, Amsterdam, 1947.

5 Else Margrete Roed, »The food situation in Norway«, Journal of American Dietetic Association, New York, Dezember 1943.

6 Unter anderen Sally-Anne Way, Claire Mahon, Ioana Cismas und Christophe Golay. Unsere Website: www.rightfood.org. Vgl. auch Jean Ziegler, Christophe Golay, Claire Mahon, Sally-Anne Way, The Fight for the Right to Food. Lessons Learned, London, Éditions Polgrave, Mac Millan, 2011.

7 Blaise Lempen, Laboratoire du XXIe siècle, Genf, Éditions Georg, 2010.

8 König Lear, 4. Aufzug, 6. Szene.

9 Max Horkheimer, Traditionelle und kritische Theorie, Frankfurt am Main, S. Fischer 1992, S. 145.

10 Diesem widmet sich Ernst Bloch im zweiten Teil seines Buches Das Prinzip Hoffnung.

ERSTER TEIL

Das Massaker