Verlag C.H.Beck
Benito Mussolini war ein ungewöhnlich gewalttätiger Mensch und ein extrem wandelbarer Politiker. Vom radikalen Sozialisten wurde er zum Schöpfer des Faschismus. Seine persönliche Diktatur errichtete er aus einer Mischung von Terror und Massenkonsens. Die Doppelherrschaft mit den gegensätzlichen Kräften des rechtsextremen Faschismus und der nationalkonservativen Eliten Italiens hielt er durch einen Führerkult zusammen, in dem er sich als «Duce» inszenierte. Wolfgang Schieder faßt die Summe dieses Lebens glänzend zusammen und richtet zugleich ein besonderes Augenmerk auf die Beziehung zu Adolf Hitler, dessen Vorbild Mussolini anfänglich war und dessen Niederlage auch Mussolinis Schicksal besiegelte.
Wolfgang Schieder ist Professor em. für Neuere und Neueste Geschichte an der Universität zu Köln und einer der besten Kenner der Geschichte des Faschismus. Bei C.H.Beck ist von ihm zuletzt erschienen: «Der italienische Faschismus 1919–1945» (2010).
I. Profil eines Diktators
II. Sozialistischer Revolutionär 1909–1914
III. Die Erfindung des Faschismus 1914–1919
IV. Machtübernahme: Der ‹Marsch auf Rom› vom 28.10.1922
V. Übergang in die faschistische Diktatur: Der Staatsstreich vom 3.1.1925
VI. Charismatischer Diktator 1929–1935
VII. Imperialistische Kriegspolitik 1935–1939
VIII. Die ‹Achse Rom-Berlin› vom 1.11.1936
IX. Radikalisierung des faschistischen Regimes 1935–1938
X. Zwischen ‹Nichtkriegsführung› und ‹Parallelkrieg› 1939–1943
XI. Politischer Sturz am 25.7.1943
XII. Vasall Hitlers 1943–1945
XIII. Mussolini in der italienischen Erinnerungskultur seit 1945
Zeittafel
Literaturverzeichnis
Personenregister
Der italienische Diktator Benito Mussolini gehört ohne Frage zu den am meisten biographisch portraitierten Politikern des 20. Jahrhunderts. Die von ihm ausgehende, weit über Italien hinausreichende Faszination ist jedoch nicht leicht zu erklären. ‹Historische Größe› wird man ihm kaum zubilligen können, es sei denn in negativer Hinsicht. Als Erfinder des Faschismus hat er zwar ein folgenreiches, aber düsteres Vermächtnis hinterlassen, seine über fast 23 Jahre andauernde Diktatur war für Italien eine ‹bleierne Zeit›. Allem Anschein nach rührt das enorme historische Interesse an Mussolini wohl besonders daher, daß sich seine Biographie nicht ohne weiteres in ein politisches Schema einordnen läßt. Mussolini vereinigte in seiner Person die erstaunlichsten politischen Gegensätze. Als Politiker ist er zunächst den Weg von der äußersten Linken zur äußersten Rechten gegangen. Als Gründer und unbestrittener Führer der rechtsrevolutionären Bewegung des Faschismus gelang es ihm sodann, in Italien die Unterstützung des politischen Establishments zu gewinnen und auf dieser widersprüchlichen Herrschaftsbasis eine persönliche Diktatur aufzubauen. Es war diese Diktatur der Widersprüche, die ihm in ganz Europa eine ungewöhnliche Aufmerksamkeit verschaffte. In einem ‹Zeitalter der Ideologien› vermittelte er die Hoffnung, durch bloßen Voluntarismus die Politik verändern und zwischen ‹links› und ‹rechts› eine Verbindung herstellen zu können. Er orientierte sich dafür an keinem elaborierten Programm, sondern entwickelte einen aktionistischen Politikstil, bei dem die Performanz seiner Auftritte eine größere Rolle spielte als inhaltliche Botschaften.
Diese Studie soll die Zahl der Biographien Mussolinis, schon aus Gründen des begrenzten Umfangs, nicht einfach um eine weitere vermehren. Schon gar nicht kann es darum gehen, ‹Leben und Werk› oder ‹Aufstieg und Fall› Mussolinis mit dem Anspruch auf Vollständigkeit darzustellen. Durch diese klassischen, unzählige Male verwendeten Narrative wird die biographische Perspektive nur verengt, ohne daß die beanspruchte Totalität jemals erreicht werden kann. Der Akzent soll vielmehr vor allem auf die Frage gelegt werden, ob es über die eklatanten Umbrüche im Leben Mussolinis hinweg eine biographische Kontinuität gegeben hat, die seinen politischen Lebensweg erklären kann. Besondere Aufmerksamkeit soll der außenpolitischen Wende gelten, die Mussolini Mitte der dreißiger Jahre durch seine Bindung an das nationalsozialistische Deutschland vollzogen hat, nachdem er nach Ausbruch des Ersten Weltkriegs leidenschaftlich für den italienischen Kriegseintritt gegen die Mittelmächte gekämpft und in der Zeit der Weimarer Republik wegen der Südtirolfrage in scharfem Gegensatz zu Deutschland gestanden hatte. Die Allianz mit Hitler soll nicht, wie weitgehend üblich, lediglich als ein politischer Fehler des ‹Duce› interpretiert werden, sondern vielmehr als eine Entscheidung, die sich nahezu zwangsläufig aus der fragilen Konstruktion seiner Diktatur ergab. Das soll selbstverständlich nicht heißen, daß Mussolinis gesamte politische Biographie nur mit Bezug auf Deutschland interpretiert werden kann. Wohl aber ist davon auszugehen, daß die von Mussolinis bekanntestem Biograph Renzo De Felice als «Jahre des Konsenses» (anni del consenso) verstandenen dreißiger Jahre, in denen Mussolini in der Bevölkerung die höchste Zustimmung fand, nicht ohne die Entstehung der politischen Allianz mit Hitler verstanden werden können.
Um diese Annahmen zu bestätigen, soll der politische Lebensweg Mussolinis in chronologischer Entwicklung nachgezeichnet werden. Dem wird ein kurzer Abriß vorangestellt, in dem nacheinander die Persönlichkeit Mussolinis, seine Wirksamkeit als Politiker und sein spezifisches Verhalten als Diktator beschrieben werden. Dieser systematische Entwurf liefert die Folie, vor der die darauf folgende Darstellung von Mussolinis politischem Werdegang entfaltet wird.
Benito Mussolini war seiner Herkunft nach im damaligen Italien eigentlich nicht dafür prädestiniert, Politiker zu werden. Weder entstammte er der schmalen gesellschaftlichen Oberschicht, welche das liberale Italien vor dem Ersten Weltkrieg politisch repräsentierte, noch war er in regionale klientelistische Netzwerke eingebunden, welche in Italien eine erfolgreiche politische Karriere garantierten. Mussolini hatte vielmehr seinen Aufstieg als Politiker in hohem Maße sich selbst zu verdanken, wozu auch gehörte, daß er stets zur rechten Zeit die richtigen Förderer und politischen Partner zu finden verstand. Um den ungewöhnlichen politischen Werdegang Mussolinis zu verstehen, ist es deshalb angebracht, zunächst seine Persönlichkeitsstruktur zu erörtern.
Am 29.7.1883 im Amtsbezirk der Gemeinde Predappio bei Forlí in der Romagna geboren, entstammte Mussolini einer Handwerkerfamilie. Sein Vater Alessandro Mussolini hatte jedoch den erlernten Beruf eines Schmiedes frühzeitig aufgegeben und ein kleines Café eröffnet, das ein Treffpunkt revolutionär gesinnter sozialistischer und anarchistischer Aktivisten war. Bezeichnenderweise gab er seinem Sohn in Erinnerung an den mexikanischen Freiheitskämpfer Juarez den in Italien gänzlich ungewöhnlichen Vornamen Benito. Der ‹Sohn eines Schmiedes›, wie die biographische Legende es darstellte, war Mussolini deshalb eigentlich nicht. Er hatte vielmehr einen politisch engagierten Vater, der dem jungen Benito frühzeitig den Geist rebellischer Auflehnung und der Ablehnung jeglicher Autorität vermittelte, der für ihn bestimmend bleiben sollte.
Seine Ungebärdigkeit trat schon zutage, als er mit neun Jahren in ein Internat des Ordens der Salesianer in Faenza geschickt wurde. Er lehnte sich gegen den brutalen Erziehungsstil der Patres auf und wurde deshalb von der Schule verwiesen. Auch in einer staatlichen Lehranstalt in Forlimpopoli wurde er mehrfach wegen seines widersetzlichen Verhaltens nach Hause geschickt, konnte diese Schule jedoch bis 1901 zu Ende besuchen. Das war die Voraussetzung dafür, daß er an Elementarschulen unterrichten und 1907 eine Prüfung bestehen konnte, die ihm die Lehrerlaubnis für Französisch einbrachte. Seine Tätigkeit als Lehrer an drei verschiedenen Schulen endete jedoch jeweils vorzeitig, da er aufgrund seines ausschweifenden Lebenswandels und der von ihm vertretenen politischen Ansichten Schüler und Eltern gegen sich aufbrachte. Als Lehrer ist Mussolini mithin gescheitert.
Was bei dem jugendlichen Mussolini zutage trat, sollte sich in seinem späteren Leben verfestigen. Er war ein ausgesprochen gewalttätiger Mensch, der sein Temperament nur schwer zügeln konnte. Treffend hat man von seiner «angeborenen Brutalität» (Pierre Milza) gesprochen. Nicht zufällig war er bis in den Ersten Weltkrieg hinein in zahlreiche Duelle verwickelt, aus denen er zwar durchweg unverletzt hervorging, in denen er seinen Gegnern jedoch häufig schwere Wunden zufügte. Die gewalttätigen Methoden der von ihm 1919 gegründeten faschistischen Bewegung wurden zwar nicht von ihm erfunden, als oberster Führer legitimierte er sie jedoch jeweils ausdrücklich als reguläre Mittel der Politik. Sein bedenkenloser Umgang mit exzessiver politischer Gewalt zeigte sich schließlich auch nach seiner Machtübernahme bei den faschistischen Attentaten gegen prominente Oppositionsführer. Er ordnete diese aller Wahrscheinlichkeit nach weder selbst an noch nahm er persönlich daran teil, er nahm sie aber zumindest billigend in Kauf.
Obwohl er weder ein Gymnasium besucht noch an einer Universität regulär studiert hat, wird man Mussolini, verglichen mit anderen Diktatoren seiner Zeit, ein deutlich höheres Bildungsniveau zubilligen können. Seine Gesprächspartner überraschte er immer wieder mit detaillierten historischen und literarischen Kenntnissen. Mit dem Deutschen und vor allem dem Französischen beherrschte er immerhin zwei Fremdsprachen so gut, daß er sich ohne weiteres darin verständigen konnte. Gleichwohl sollte man seinen kulturellen Horizont nicht überschätzen. Mussolini war im Grunde ein Autodidakt, der sich den Anschein zu geben vermochte, über ein großes Wissen zu verfügen.
Im Geiste Nietzsches, auf den er sich immer wieder berief, ohne ihn wohl je wirklich gelesen zu haben, lebte Mussolini bewußt gefährlich. 1919 nahm er Flugunterricht und nutzte seitdem bis in den Zweiten Weltkrieg hinein jede Gelegenheit, den Steuerknüppel eines Flugzeuges in die Hand zu nehmen. Auch ein Flugunfall konnte ihn nicht bremsen. Zum Schrecken seiner Leibwächter setzte er sich seit seiner Machtübernahme auch immer wieder spontan aufs Motorrad, um ziellos in der Gegend herumzurasen.
Mussolini neigte schon früh dazu, seine Persönlichkeit hinter einer Fassade zu verbergen. Diese Mimikry wurde ihm allmählich so zur zweiten Natur, daß nur noch schwer zwischen seiner ‹eigentlichen› Person und deren Inszenierung zu unterscheiden war. Eine von eilfertigen politischen Höflingen betriebene «Fabbrica del Duce» (Dino Biondi) sorgte sogar dafür, daß der Mensch ‹Mussolini› hinter der politischen Kunstfigur des ‹Duce› verschwand. Seine Gebrechen und persönlichen Ängste durften der Öffentlichkeit nicht bekannt werden, er inszenierte sich als ewig junger Superman, der in den verschiedensten Rollen auftreten konnte. Bei seinen zahlreichen öffentlichen Auftritten, auf andere Weise aber auch bei seinen fast täglichen Privataudienzen entwickelte er eine bis dahin unbekannte Körpersprache, durch die seine verbalen Äußerungen nicht nur unterstrichen, sondern häufig geradezu ersetzt wurden. Seine körperliche Performanz kann daher geradezu als sein politisches Markenzeichen angesehen werden. In der Öffentlichkeit trat er zu diesem Zweck meist in Uniformen der faschistischen Partei oder der Miliz auf, im privaten Audienzgespräch gab er sich leger und zivil. Der Kontrast zwischen seinen martialischen öffentlichen Auftritten und der scheinbaren Lässigkeit im privat inszenierten Gespräch war gewollt: die ihm erwartungsvoll zujubelnden Massen sollten durch seine kriegerische Attitüde beeindruckt und eingeschüchtert werden, seine ausgewählten Partner im Gespräch unter vier Augen wollte er mit seiner scheinbar ungezwungenen Liebenswürdigkeit für sich einnehmen.
Die Kehrseite seiner Selbstinszenierung bestand darin, daß Mussolini diesen Habitus nicht durchhalten konnte, als er mit fortschreitendem Alter deutlich an Gewicht zunahm und allmählich seine Haare verlor. Er griff deshalb zu einem extremen Mittel und rasierte sich vollständig die Kopfhaare ab. In einer Gesellschaft, in der die meisten Männer Bärte trugen, um ihre schwindende Haarpracht zu kaschieren, war das ein äußerst radikaler Schritt, mit dem er bewußt provozieren wollte, um seine Andersartigkeit als ‹Duce› auch körperlich zu demonstrieren.
Schon in seiner Schulzeit hatte sich auch ein weiterer Charakterzug gezeigt: Mussolini war ein Einzelgänger, er hatte keine engeren Freunde, und wollte, wie er dem deutschen Journalisten Emil Ludwig bekannte, auch keine haben. Sein einziger wirklicher Vertrauter war bis zu dessen frühem Tod 1931 sein Bruder Arnaldo. So lange dieser mit ihm politisch harmonierte, hatte er später auch noch ein Vertrauensverhältnis zu seinem Schwiegersohn Galeazzo Ciano, was ihn jedoch 1944 nicht daran hindern sollte, diesen wegen seines angeblichen ‹Verrates› hinrichten zu lassen. Ursache dieser elementaren Kontaktschwäche war, nicht anders als bei anderen modernen Diktatoren, die ständige Angst, politisch hintergangen oder gar entmachtet zu werden.
Als er politisch an der Macht war und seine persönliche Diktatur hatte durchsetzen können, zeigte sich seine Phobie vor anderen Menschen daran, daß er kaum einen seiner engsten Vertrauten für längere Zeit auf seinem Posten beließ. Minister und Parteiführer unterlagen mit wenigen Ausnahmen einer ständigen, von Mussolini beschönigend als «Wachwechsel» (cambio di guardia) bezeichneten Ämterrotation. Zentrale Ministerien wie das Außenministerium und vor allem das Innenministerium verwaltete er seit 1922 als Ministerpräsident jahrelang in Personalunion mit. Das Heeres- und das Marineministerium, deren Besetzung er ursprünglich König Viktor Emanuel III. zugestehen mußte, riß er 1933 an sich. Auffällig ist schließlich, daß fast die gesamte engere Gefolgschaft Mussolinis aus ‹Alten Kämpfern› (fascisti della prima ora) bestand, die ihm schon aus der Bewegungszeit des Faschismus vor 1922 bekannt waren. Sein Versuch, sich 1941 durch die Ernennung des siebenundzwanzigjährigen Aldo Vidussoni zum Generalsekretär aus der Bindung an die alte Garde zu befreien, schlug aufgrund von dessen totaler Inkompetenz vollständig fehl, so daß er mit Carlo Scorza wieder auf einen Parteiveteranen zurückgreifen mußte.
Wem er unter den faschistischen Führern persönliche Ambitionen oder gar oppositionelle Einstellungen unterstellte, wurde, wie z.B. der Außenminister Dino Grandi, der erste Korporationsminister Giuseppe Bottai oder der faschistische Gewerkschaftsführer Edmondo Rossoni, zeitweise in den politischen Wartestand versetzt, ehe er wieder ein führendes politisches Amt erhielt. Der aus dem Nationalismus kommende Luigi Federzoni, mit dessen Hilfe als Innenminister der ‹Duce› seinen innerparteilichen Gegenspieler Roberto Farinacci in Schach gehalten hatte, fiel 1928 in Ungnade und mußte sich seitdem mit repräsentativen, politisch einflußlosen Posten begnügen. Italo Balbo, dessen militärischem Sachverstand Mussolini den Aufbau der Luftwaffe zu verdanken hatte, wurde 1934 mit dem eigens für ihn geschaffenen Titel eines «Luftmarschalls» (maresciallo dell’aria) abgefunden und als Generalgouverneur nach Libyen abgeschoben.
Besonders schlecht erging es den drei erfolgreichen Generalsekretären des Partito Nazionale Fascista (PNF), die für den ‹Duce› die Partei politisch diszipliniert hatten. Roberto Farinacci, der 1925/26 das faschistische Regime zu einer Parteidiktatur umwandeln wollte, erhielt bis 1943 keine zweite Chance, stand seitdem sogar unter geheimpolizeilicher Beobachtung. Augusto Turati, seit 1926 Nachfolger Farinaccis, wurde 1932 aus der Partei ausgestoßen und mit der Verbannung (confino) bestraft. Achille Starace, seit 1932 als Generalsekretär der wohl bedingungsloseste Erfüllungsgehilfe des Diktators, wurde schließlich 1939 als Opfer einer innerparteilichen Intrige von Mussolini in die Wüste geschickt.
Seine engsten Gefolgsleute wurden außerdem in einem ausgeklügelten Audienzsystem fast täglich einzeln zum Rapport bestellt. Sie konnten sich auf diese Weise untereinander nicht zu einem gemeinsamen Auftritt beim ‹Duce› absprechen, während er sie bei Bedarf gegenseitig ausspielen konnte. Daß seine Albträume am Ende wahr werden sollten und er am 25.7.1943 in einer konzertierten Aktion von König und faschistischer Partei abgesetzt wurde, kann daher nur als historische Ironie bezeichnet werden.
Besonders rücksichtslos verhielt sich Mussolini gegenüber Frauen. Bis zu einem gewissen Grade entsprach das den damals noch geradezu archaischen Geschlechterverhältnissen in Italien. Es schien das Ansehen von Männern bei Frauen zu steigern, wenn sie ihre virile Dominanz ausspielten. Mussolinis Rücksichtslosigkeit ging aber eindeutig über das alltägliche Machogebaren italienischer Männer hinaus. Schon in der Schule, bei seinen ersten Berufsstationen als Lehrer und in der vorübergehenden Emigration in der Schweiz und in Österreich hatte er häufig Affären mit mehreren Frauen gleichzeitig. Das galt auch noch, als er 1910 damit begann, mit Rachele Guidi zusammenzuleben, die er 1915 heiraten und mit der er schließlich fünf Kinder haben sollte. Als Familienvater inszenierte er sich nur wenig, Rachele zeigte sich nur ganz selten in der Öffentlichkeit. Es gab eigentlich nur ein offiziöses, dafür immer wieder gezeigtes Foto, auf dem er mit seiner Frau und seinen Kindern zu sehen war. Die Hochzeit seiner ältesten und ihm am nächsten stehenden Tochter Edda mit Galeazzo Ciano ließ er zwar geradezu als Staatsakt aufziehen, in der Hauptsache aber nur, um ihr einen persönlichen Gefallen zu tun. Nur peinlich war es daher, als er für den im August 1941 bei einem Flugzeugunfall ums Leben gekommenen Sohn Bruno ein Buch mit dem Titel «Ich rede mit Bruno» (Parlo con Bruno) schrieb, in dem er sentimentale Familienerinnerungen mit faschistischem Kriegsheroismus verband.
Folgenreich war vor allem die Beziehung zu Ida Dalser, mit der er in Trient eine Affäre hatte. Die Beziehung führte etwa zur gleichen Zeit, in der Rachele ihr zweites Kind gebar, zur Geburt eines Sohnes. Mussolini erkannte zwar seine Vaterschaft an, ließ Dalser jedoch später in eine psychiatrische Anstalt einweisen, als sie weitere Ansprüche stellte. Seit 1936 hatte Mussolini dann mit Clara Petacci eine heimliche Dauergeliebte, die mit ihm am 28.4.1945 auch freiwillig in den Tod gehen sollte. Er zwang sie, sich außerhalb Italiens scheiden zu lassen, um sie sich ohne Skrupel als Mätresse halten zu können. Im Palazzo Venezia hatte diese italienische Eva Braun ihm zur Verfügung zu stehen, wann immer er für sie Zeit hatte.
Allerdings gab es auch Frauen, die Mussolini als ebenbürtig anerkannte, weil sie zu seiner kulturellen Sozialisation beitrugen. Das galt zunächst schon für seine Mutter Rosa Maltoni, die als Primarschullehrerin nicht nur weitgehend die Familie ernährte, sondern zumindest ihren beiden Söhnen, so gut es ging, bürgerliche Werte zu vermitteln suchte. Ihr hatte es Mussolini zu verdanken, daß er überhaupt die Schule zu Ende bringen konnte. Eine engagierte Mentorin fand Mussolini dann im Schweizer Exil in der russischen Sozialistin Angelica Balabanoff, die sich später wegen seiner politischen Häutung enttäuscht von ihm abwenden sollte. Sie war es, die ihm die sozialistischen Klassiker nahebrachte, ihm überhaupt ein rudimentäres Verständnis für philosophisches Denken vermittelte. Durch sie entdeckte er auch seine Befähigung zum politischen Journalismus. Er eignete sich, von ihr gefördert, während seines mehrfachen Exils einen pointiert polemischen, häufig sarkastischen Schreibstil an, der ihn von anderen Journalisten seiner Zeit deutlich unterschied. Durch Balabanoff hat er so nach seiner verunglückten Tätigkeit als Lehrer im Journalismus den Beruf gefunden, der ihn schließlich in die Politik führen sollte.
Über den politischen Journalismus ergab sich auch die Beziehung zu Margherita Sarfatti, die bei seinem Einstieg in die sozialistische Parteizeitung «Avanti» schon für Kunst und Kultur zuständig war. Sie ging mit Mussolini über die faschistische Parteizeitung «Popolo d’Italia» den Weg vom Sozialismus zum Faschismus mit und trug dazu bei, ihm als ‹Duce› ein politisches Profil als seriösem Staatsmann zu verschaffen. 1922 hatte sie zusammen mit Mussolini die intellektuell anspruchsvolle faschistische Monatszeitschrift «Gerarchia» begründet, als deren Chefredakteurin sie bis 1933 tätig war. Mussolini ließ sie gleichwohl schon fallen, noch bevor sie aufgrund ihrer jüdischen Herkunft 1938 ein Opfer der antisemitischen Gesetzgebung des Faschismus wurde und schließlich in die USA emigrierte.
Über diese bekannten Frauen hinaus muß an dieser Stelle auch die bisher unbekannt gebliebene Beziehung Mussolinis zu der deutschen Journalistin Louise Diel erwähnt werden, die er zwischen 1934 und 1939 21 Mal in Audienz empfing, weit mehr als alle seine übrigen ausländischen Besucher. Diel gewann sein Vertrauen, weil sie sich bedingungslos der Propaganda für Mussolinis faschistische Diktatur verschrieb und in Deutschland intensiv publizistisch für diese warb. In enger Abstimmung mit dem von ihr verehrten ‹Duce› schrieb sie nicht weniger als fünf Bücher über den italienischen Faschismus, darunter auch eines über das kaum befriedete Abessinien, das sie 1937 als erste Frau bereist hatte. Als Vertraute des ‹Duce› genoß sie bei ihren Besuchen in Rom und bei ihren zahlreichen Reisen in Italien Privilegien, mit denen sonst nur Führungskader des Faschismus rechnen konnten. Ihre Begegnungen mit Mussolini wurden erst beendet, als sich die NS-Führung bei Kriegsbeginn einschaltete und ihre Sonderbeziehung zum ‹Duce› unterband. Sie blieb gleichwohl mit diesem in lockeren Kontakt. Noch im Februar 1944 schrieb ihr der ‹Duce› einen sentimentalen Abschiedsbrief, in dem er sich bei der «sehr geehrten Signora und Freundin» (gentile signora e amica) für ihre Zuneigung bedankte.
Mehr als in der Regel bei anderen Politikern lassen sich aus der Persönlichkeitsstruktur und dem Sozialverhalten Mussolinis bestimmte Rückschlüsse auf seine Aktivitäten als Politiker ziehen. Mussolini war im System des liberalen Italiens ein Außenseiter. Sein fulminanter politischer Aufstieg ist ihm nur gelungen, weil er im Umgang mit anderen eine beispiellose Rücksichtslosigkeit mit einem ausgeprägten taktischen Geschick verband. Jedoch würde man zu kurz greifen, wenn man seinen politischen Erfolg allein auf diese Eigenschaften zurückführte. Es waren besondere, vor allem durch den epochalen Umbruch des Ersten Weltkriegs hervorgerufene historische Umstände, welche seinen Aufstieg zum führenden Politiker Italiens begünstigten. Daß er seine Chancen entschlossen zu nutzen wußte, zeigte freilich seine besondere politische Durchsetzungsfähigkeit an.
In der historischen Forschung ist es umstritten, ob Mussolini in seiner Politik einem mehr oder weniger festgelegten ‹Programm› gefolgt ist oder im wesentlichen spontan aus der jeweiligen Situation heraus gehandelt hat. Es ist jedoch die Frage, ob man den Politiker Mussolini, in welcher Richtung auch immer, so eindimensional interpretieren kann. Der ‹Duce› war weder ein starrer Ideologe noch ein wendiger Opportunist, der nur auf sich ergebende Situationen reagierte. Er handelte zweifelsohne nach keinem politischen Masterplan, ließ sich aber auch nicht einfach politisch treiben. Als Maßstab seines politischen Handelns muß man vielmehr seinen persönlichen Machtinstinkt ansehen, von dem er sich immer bedenkenlos leiten ließ. So gut wie alle seiner überraschenden politischen Volten, aber auch seine häufig krassen Fehlentscheidungen und die zahlreichen politischen Verbrechen, derer er sich als faschistischer Diktator schuldig gemacht hat, sind letztlich weder auf spontane Eingebungen noch auf ideologische Vorgaben, sondern auf sein persönliches Machtstreben zurückzuführen. Mussolini handelte als Politiker so selbstbezogen, daß er alles nur seinem persönlichen Nutzen unterordnete.
Man darf deshalb Mussolinis Selbstaussagen auf der Suche nach einer historischen Einschätzung seiner Politik nicht allzu viel Glauben schenken, sie waren in der Regel taktisch bedingt. Es bedeutete ihm ebenso wenig, sich als Antiprogrammatiker auszugeben wie sich zu bestimmten programmatischen Prinzipien zu bekennen. Solange er seinen Aufstieg in der Sozialistischen Partei Italiens betrieb, gab er sich als revolutionärer Sozialist, um diese ideologische Ausrichtung dann 1915 in kürzester Zeit zu vergessen. Als es für ihn nach der Gründung der faschistischen Bewegung darum ging, sich vom Dogmatismus seiner alten Partei abzusetzen und möglichst viele Anhänger aus allen politischen Lagern zu gewinnen, betonte er, auf keinerlei politische Programme festgelegt zu sein. Die ideologische Unbestimmtheit wurde damit zu seinem politischen Markenzeichen, sie hat sein politisches Handeln jedoch nicht dauerhaft bestimmt. Nach seiner Machtübernahme verzichtete er auf diese antiideologische Attitüde, legte sich aber zunächst nicht eindeutig auf ein klar erkennbares faschistisches Programm fest. Nach seinem Staatsstreich von 1925 suchte er jedoch nach ideologischen Rechtfertigungen für seine sich entwickelnde persönliche Diktatur. Man kann deshalb auch von einer nachgelagerten Ideologie sprechen.