Ohne Konflikte geht es nicht

Büchern und Filmen geben sie das gewisse Etwas, im Leben sind Konflikte eher die Episoden, die man nur zu gerne übersehen möchte: Zu oft gab es kein Happy End, endete ein Lebensabschnitt in einem Desaster und aus einem harmlosen Missverständnis mit der früheren Kollegin wurden Jahre ohne jeglichen Kontakt. Unvergessen der „schlechte Film“, in dem man mit dem ehemaligen Arbeitgeber vor Gericht landete, und traurig der Streit mit dem Geschäftspartner, der in einen monatelangen Machtkampf ausartete und dazu führte, dass das gemeinsame Projekt den Bach runterging.

Es wundert daher nur wenig, dass Konflikte nicht besonders beliebt sind. Sie kosten Energie, Ressourcen, Zeit und besonders Nerven. Konflikte sind unangenehme Situationen und mit Anstrengungen verbunden, die man sich gerne ersparen möchte. „Reibung erzeugt Wärme“ scheint ein schöner Satz zu sein, doch unter der entstandenen Hitze leiden beide Parteien eher.

Bei einem etwas genaueren und anderen Blick auf Konflikte dauert es meistens jedoch nicht lange, bis man erkennt, dass das Problem unter gewissen Bedingungen oft nur halb so schlimm ist und die Eskalation vermieden werden kann. Und bevor man sich das nächste Mal über den Kollegen beschwert, der sich wieder einmal schwertut zu sagen, was er wirklich meint, kann man vielleicht an der eigenen Kommunikation arbeiten.

Genau hier fängt es für einige Menschen an, spannend zu werden, während die anderen weiterhin nach Tricks und Manipulationsmöglichkeiten suchen. Letzteres werden Sie auf den folgenden Seiten nicht finden. Für einen guten Streit braucht es keine Taktik, keine Spiele, keine Intrigen und keine Drohungen. Guter Streit ist ein Weg, um unterschiedliche Interessen auf eine gemeinsame Basis zu bringen, gemeinsame Ziele trotz verschiedener Herangehensweisen zu realisieren und eigene Ideen mit denen der Kollegen zu verbinden.

Ein guter Streit ist wie ein Reifenwechsel: lästig und sinnvoll

Es gibt nur wenige Situationen, in denen man zeigen und leben kann, welche Werte und Ziele man hat und wofür man einsteht – ein guter Streit ist eine dieser Situationen. „Ein Konflikt ist eine Chance“ ist eben keine Floskel, sondern die andere Seite der Medaille. Es sind Momente, in denen wir oft unser „wahres Gesicht“ zeigen, ungefiltert, ohne Rücksicht, in denen wir verständlich machen können, was uns wichtig ist, welche Grenzen überschritten wurden, wofür wir einstehen. Es sind perfekte Möglichkeiten, um Position für eine Sache zu beziehen, Werte mitzuteilen und über Motive zu reden. Doch all diese positiven Aspekte kommen nur wenigen Menschen in den Sinn, wenn sie an Streit oder Konflikte denken. Ganz abgesehen davon, dass man während eines guten Streits plötzlich versteht, wie der Kollege über die gemeinsame Arbeit denkt oder warum der Vorgesetzte ständig die Arbeit seiner Mitarbeiter kontrolliert. Im besten Fall findet man in einem guten Streit verbindende Parallelen in Form von Verständnis für den Arbeitskollegen oder eine gemeinsame Basis mit dem Vorgesetzten, um weiterhin miteinander zu arbeiten.

Streit kann lästig und sinnvoll sein. Lästig, weil man vielleicht der Kollegin dreißigmal erklären muss, warum die Akten an einem bestimmten Ort zu stehen haben. Sinnvoll, weil man auf einmal versteht, dass die Kollegin mehrere Abteilungen betreut und mit den unterschiedlichen Ablagesystemen durcheinanderkommt. Vielleicht ist jetzt der Zeitpunkt, sich innerhalb der Firma darauf zu einigen, ein anderes und übersichtlicheres System zu nutzen.

Selbstverständlich ist so eine Situation eher banal, aber genau so fangen die meisten Konflikte an: mit Nebensächlichkeiten, kleinen Missverständnissen, immer wieder denselben Fragen und den zum zwölften Mal gegebenen Antworten. Ein Kreislauf, der keinen Ausstieg zu haben scheint.

img

Richtig zu streiten ist keine Frage der Technik, sondern eine der eigenen Einstellung – und die kann man wählen.

Ganz gleich, was man bisher im Leben in Konfliktsituationen erfahren hat und welche Glaubenssätze einen seitdem verfolgen. Gerade diese Glaubenssätze machen es einem oft unnötig schwer: Das sind Sätze, die man nach Streiterfahrungen immer wieder denkt und selten hinterfragt, wie zum Beispiel:

  1. „Kaum sage ich offen meine Meinung, erfahre ich Ablehnung.“
  2. „Wenn ich Kritik an meinem Kollegen äußere, wird die Zusammenarbeit noch anstrengender.“
  3. „Wenn ich mich mit meinem Vorgesetzten streite, ziehe ich immer den Kürzeren.“
  4. „Andere sagen über mich, ich kann nicht richtig streiten.“
  5. Eigentlich ist mir das Thema gar nicht wichtig.“
  6. „Streiten ist doch sinnlos, es führt nie zu einem Ergebnis.“
  7. „Vieles ist mir gar nicht so wichtig.“

Ein Konflikt verliert oft schnell die mit ihm verbundenen – meist ausschließlich negativen – Eigenschaften und seine negative Macht und wandelt sich in eine Situation, die spannend und herausfordernd sein kann, wenn man sich diesem Thema ehrlich nähert. Nicht auf technischem oder manipulativem Wege, sondern auf dem einzigen Weg, den jeder selbst ändern und beeinflussen kann: den Weg zu sich selbst.

Die eigene Kommunikation, das eigene Denken und Handeln sind in Konflikten die Seiten, von denen viele glauben, sie bereits zu kennen und zu beherrschen. Doch in zahlreichen Situationen überrascht oder wundert man sich über das eigene Verhalten – nicht nur im positiven Sinne. Manche ziehen sich zurück, intrigieren, bilden Allianzen mit Kollegen und verbünden sich gegen die eine oder andere Abteilung. Was andere machen, kann man selbst natürlich auch und hat oft jedoch die besseren Gründe für das eigene Verhalten, so glauben viele zumindest. Am Ende wundert es dann nicht, wenn Ausrufe wie „Das ist doch wirklich ein Kindergarten hier!“ oder „Was für ein Zickenkrieg!“ im Büro fast täglich durch die Gänge hallen, „Opfer“ und „Täter“ schon längst nicht mehr nur mit Kriminalfilmen in Verbindung gebracht werden und „Katz und Maus“ ein beliebtes Spiel unter Kollegen zu sein scheint.

Aber es sind doch meistens die anderen, die nicht richtig reden oder handeln, man selbst reagiert vielleicht nicht immer angemessen, aber wie denn auch, wenn die anderen nicht richtig reden? Die anderen sind die Auslöser, die Miesmacher, die jedes Wort auf die Goldwaage legen, die überreagieren, gar nicht handeln, wirres, unverständliches Zeug reden und sich in einer Diskussion nicht klar positionieren.

Mag sein, dass das so ist, doch anderen nun auch noch die Macht über das eigene Konfliktverhalten zu geben, ist leicht, aber lediglich sinnvoll, wenn es um ein kurzes Abreagieren geht. Langfristig gibt es nur eine Chance, um Konflikten nicht nur etwas Positives abzugewinnen, sondern sie auch konstruktiv zu nutzen: das eigene Verhalten in schwierigen Situationen zu prüfen, zu hinterfragen und zu ändern.

img

Dieser Weg bedeutet nicht, dass es in Zukunft nur noch optimale Streitsituationen gibt, denn zu denen gehören bekanntlich meistens mehr als eine Person – dieser Weg bedeutet aber, dass eine gute Basis gelegt wird, damit das Potenzial, das dieser herausfordernde Zustand namens „Konflikt“ birgt, genutzt werden kann.

Für die Basis ist jeder Mensch selbst verantwortlich, jeden Tag, in jeder schwierigen Situation und besonders wenn der Kollege mal wieder etwas nicht verstanden und die Geschäftspartnerin erneut die Unterlagen bei einem Termin vergessen hat.

Andere Menschen kann man nicht ändern, mit den richtigen Worten schafft man es jedoch immer öfter,

  1. um Verständnis für die eigenen Werte, Ziele und Visionen zu werben,
  2. sich Gehör zu verschaffen, ohne Drohungen aussprechen zu müssen, und
  3. verständlich zu machen, welche Bedürfnisse man hat.

All dies ist in Konfliktsituationen enorm wichtig und kann helfen, eine Klärung herbeizuführen. Entscheidend ist oft die eigene Einstellung: zum Thema Konflikt allgemein und zum Streit mit Kollegen oder Vorgesetzten im Besonderen:

  1. Was macht einen Konflikt so schwierig?
  2. Warum will man sich nicht streiten?

Dialoge sind nicht immer leicht, in Konfliktsituationen oft schwer, lästig – aber sehr sinnvoll. In diesem Buch erhalten Sie Tipps, Anregungen und bewährte Regeln, wie Sie sich zukünftig in Konfliktsituationen verhalten können. Vielleicht ganz anders als bisher und ungewohnt dazu. Sehen Sie es als Angebot, das Ihnen serviert wird und entscheiden Sie selbst, was Ihnen liegt und was Sie gerne ausprobieren möchten.

Machen Sie sich auf eine Reise, auf der Sie nie wirklich ankommen werden: Alle Konfliktsituationen sind speziell, mit Menschen, die nicht immer so reagieren, wie man sich das wünscht, mit Kollegen, die gerade nicht besser agieren können, mit den eigenen Fallen, die man sich trotz allen Wissens immer wieder stellt. Die Reise kann jedoch gut vorbereitet werden, sodass man zumindest die großen Gefahren umschiffen, die Lage bestimmen und das Ziel unter Umständen neu definieren kann.

Bevor die Reise angetreten werden kann, gibt es viel zu überdenken, den Start macht die eigene Einstellung zum Thema Konflikte. Um eine positivere Sicht auf Konflikte entwickeln zu können, macht es Sinn, sich die – bisher negative – Konfliktmedaille von der anderen Seite anzusehen und mit einer Definition anzufangen:

Wie definiert man einen Konflikt?

Die Definition ist schwieriger, als einige Konflikte es je sein können. Das Wort selbst stammt von lat. conflictus ab und bedeutet so viel wie „das Aneinanderschlagen, der Zusammenstoß“.

Umgangssprachlich bedeutet „Konflikt“, wenn es zwischen mindestens zwei Beteiligten zu zunächst nicht zu klärenden Problemen kommt.

Konflikte gibt es immer wieder. Man kann nicht mit allen Menschen grundsätzlich einer Meinung sein, dieselben Werte teilen und gemeinsame Zielvorstellungen haben. Konflikte gehören zum Leben und daher ist es gut, sich mit ihnen zu beschäftigen, das eigene Verhalten zu hinterfragen und in kleinen Schritten zu verbessern. Es ist fast unerheblich, wie ein Konflikt definiert wird, solange eine der betroffenen Personen glaubt, einen Konflikt zu haben.

Im Berufsalltag scheinen mindestens ein bis zwei der folgenden Komponenten aufeinanderzutreffen, oft auch mehrere:

  1. Zwei oder mehr Personen haben kein gemeinsames Ziel bzw. es wurde nicht definiert.
  2. Die Herangehensweise der Beteiligten an ein Problem, ein Projekt oder eine Aufgabe ist unterschiedlich und findet bei einem anderen keine Akzeptanz.
  3. Die Personen stehen in einer gewissen Abhängigkeit zueinander.
  4. Den Beteiligten bleibt nicht genügend Zeit, um den Konflikt zu lösen.
  5. Es kommen Gefühle, wie z. B. Wut und Hass, aber auch negative Glaubenssätze ins Spiel.
  6. Unterschiedliche Werte und Erfahrungen der Beteiligten blockieren einander.

Eine konstruktive Konfliktlösung zeichnet sich u. a. dadurch aus, dass

  1. es nicht zum Zerwürfnis kommen muss,
  2. sehr wohl aber vielleicht die eine oder andere Trennung notwendig wird und
  3. unfaire Mittel gar nicht erst eingesetzt werden, weil man dies nicht will.

Kommunikationsregeln für Streitsituationen bieten die Möglichkeit der Orientierung, sie umzusetzen ist nicht immer leicht. Dafür gibt es unterschiedliche Gründe:

  1. Menschen in Konfliktsituationen neigen zu Emotionalität, was besonders im Berufsleben nicht nur von Vorteil ist, aber:
img

Ein Konflikt ist immer mit Emotionen verbunden.

  1. Konflikt und Emotionen gehören zusammen, lediglich der Umgang mit ihnen entscheidet darüber, ob sie dem Streitweg nutzen oder schaden. Konflikt und Emotionen sind ein nicht zu trennendes Paar – das kann gar nicht genug betont werden (mehr dazu in einem der nächsten Kapitel).
  2. Eine Partei ist der Meinung, ausreichend zur Konfliktlösung beigetragen zu haben und dass nun die Gegenseite mit Vorschlägen oder Taten am Zug ist.
  3. Die eine Partei vertraut der anderen nicht. Deshalb will sie sich nicht angreifbar machen oder hat Angst vor unangenehmen Folgen des Konflikts.
  4. Man nutzt Regeln als Technik und hat verstanden, dass dies nicht zum Erfolg führt.

Oft lernen wir bereits in frühen Jahren, uns nicht zu streiten. Streit nervt das Umfeld, früher die Eltern, heute harmoniesüchtige Kollegen oder Vorgesetzte, die keine andere Meinung gelten lassen und es vermutlich selbst nie gelernt haben, mit Konflikten konstruktiv umzugehen.

Die persönliche Definition eines Konflikts ist wichtig, um sich selbst und das eigene Verhalten besser zu verstehen. Streit verbinden viele Menschen mit Mangel an Professionalität oder sozialer Kompetenz – und so wird unbewusst oft alles getan, um nicht zu streiten: Die Beteiligten unterdrücken den Konflikt, versuchen, ihn zu ignorieren, gehen Menschen aus dem Weg – was im Büroalltag nicht nur Energie kostet, sondern zu noch größeren Schwierigkeiten im Miteinander führen kann.

Der Konflikt zeigt sich von all diesen Mechanismen unbeeindruckt und bricht in Momenten hervor, in denen man ihn nicht erwartet hat. Einem Konflikt kann man auf Dauer nicht ausweichen, man hat aber die Wahl, wann und wie man ihn nutzt.

Übung: „Konflikt“ definieren

Halten Sie kurz inne und überlegen: Was bedeutet für Sie „Konflikt“? Woran erkennen Sie, dass er vorhanden ist?

Die persönliche Definition eines Konflikts ist die erste von mehreren Leitplanken, die Sie sich im Laufe der nächsten Kapitel erarbeiten können, um so sicherer auf dem Konfliktpfad zu gehen, der zu den herausforderndsten Kommunikationswegen zählt.

Dabei ist es im ersten Schritt unwichtig, wie Sie „Konflikt“ definieren. Hauptsache, Sie werden sich klar darüber, was ein Konflikt für Sie persönlich konkret bedeutet. Richtig oder falsch gibt es hier nicht – ob Ihre Definition mit der des Duden übereinstimmt, ist ebenso unerheblich. Es sind Ihre ganz eigenen Erfahrungen, Ihre persönliche Sicht der Dinge, Ihre Glaubenssätze, mit denen Sie den Weg der Konflikte gehen. Hier werden Sie vermutlich viel mit Ängsten und nicht erfüllten Bedürfnissen, Sorgen und Befürchtungen konfrontiert, die alle dafür verantwortlich sind, dass geschimpft und interpretiert, vermutet und erpresst wird.

Hinter einem Streit liegt oft auch

  1. ein unerfüllter Wunsch,
  2. ein Wert, der nicht gelebt werden kann,
  3. ein Traum, der gerade zerstört wird, oder
  4. eine klar geäußerte Erwartung, die nicht erfüllt wird.

Zu allem Überfluss besteht nicht selten bei allen Personen, die an diesem Konflikt beteiligt sind, ein anderer Hintergrund, was nicht gerade dazu führt, dass die Situation übersichtlicher wird.

Es gilt daher im ersten Schritt immer, das Hauptaugenmerk auf sich selbst zu richten, denn:

img

Wir können nur uns selbst, nicht aber unsere Mitmenschen verändern.

Im zweiten Schritt sorgt die gewonnene Klarheit über das eigene Verhalten und die eigenen Gefühle dafür, dass wir unserem Gegenüber konzentrierte Aufmerksamkeit und Gehör schenken können, was eine wichtige Voraussetzung für gute Konfliktdialoge ist.

Ein Streit hat viele Facetten, einige sind hässlich, die schönen muss man sich manchmal erarbeiten. Die beiden Fragen, die Sie unten finden, können eine hilfreiche Übung sein, um herauszufinden, wie Sie selbst zum Thema Konflikt und Streit stehen.

Am besten notieren Sie sich die Antworten – nicht nur, um sie später nachlesen zu können, sondern auch um zu sehen, wie sich Ihr Verhalten und Ihre Einstellung ändern. Im besten Fall wird es Ihnen Spaß machen, wenn Sie demnächst schreiben:

„Heute aktiv auf Herrn Meyer zugegangen. Anfangs hatte ich den Eindruck, dass er mich nicht versteht. Am Ende fanden wir zwar noch keine Lösung, aber er bedankte sich bei mir für das tolle Gespräch.“

1. Wie streite ich?