Wolfgang Schmidbauer

Psychotherapie im Alter

Eine praktische Orientierungshilfe


Edel eBooks

1. »Dafür bin ich zu alt!«

In jedem Kleide werd ich wohl die Pein

des engen Erdenlebens fühlen.

Ich bin zu alt, um nur zu spielen,

zu jung, um ohne Wunsch zu sein.

Goethe, Faust I

In dem Auf und Ab ihrer Stimmungen, angesichts der Schwankungen ihres Selbstvertrauens, ihrer Kräfte und ihrer Zuversicht suchen Menschen Halt bei etwas, das sich messen und zählen lässt. Seit wir unser Geburtsdatum wissen, ist das kalendarische Alter ein solcher Halt. Es sagt uns, wann es »Zeit« ist für etwas – für die erste Liebe, für den Abschluss der Ausbildung, für eine Gehaltserhöhung, für die Rente.

Die Formulierung »dafür bin ich zu alt« mischt subjektive und objektive Gesichtspunkte. So kommt sie einem wichtigen Abwehrmechanismus gegen seelische Veränderungen entgegen: der Rationalisierung. Da kalendarisches Alter unzweifelhaft objektiviert werden kann, sind die mit diesen objektiven Daten verknüpften Aussagen ebenso unangreifbar, sollen es wenigstens sein.

Wenn »zu alt« über einen anderen gesagt wird, ist es in der Regel die Aufforderung zu unscharfem Denken. Bei einem älteren Mitarbeiter muss der Vorgesetzte nicht über eigene Führungsfehler nachdenken, bei einem älteren Schüler der Lehrer nicht über seine pädagogischen Fähigkeiten, der Arzt nicht über die Diagnostik von komplexen Beschwerdebildern – es liegt eben am Alter, wenn der Mitarbeiter Probleme bereitet, der Schüler nicht lernt, der Patient nicht gesund wird.

Junge Erwachsene beginnen eine Therapie oft in der Erwartung, dass diese ihnen hilft, ihr Leben erst einmal zu erfüllen, den Beruf oder die Beziehung zu finden, von dem oder von der sie bisher nur träumten. Sie wünschen sich eine Familie, Kinder, ein eigenes Haus und möchten in der Therapie ihre Möglichkeiten verbessern, solche Vorstellungen zu realisieren.

Bei älteren Menschen ändert sich das. Das geschieht schrittweise und langsam, entspricht keineswegs dem kalendarischen Alter und unterscheidet sich bei Männern und Frauen. Aber insgesamt bewegt sich das Leben auf festere Strukturen zu. Die Angst, etwas nicht zu gewinnen, wird durch Ängste ersetzt, zu verlieren, was man schon gewonnen hat.

Nicht selten sagen ältere Menschen angesichts der Möglichkeit einer Psychotherapie »Dafür bin ich zu alt!«. Manchmal ist der Widerstand in dieser Äußerung relativ leicht zu erkennen.

Eine 50-jährige Reiseleiterin, in ihrem Beruf voller Ideen und sehr beliebt, soll wegen ihrer Asthmaanfälle, hohen Blutdrucks und gelegentlicher Depressionen eine Psychotherapie beginnen. Sie erzählt in den ersten Sitzungen eine traumatische Vorgeschichte: Sie wurde während der Pubertät von einem Freund des Vaters sexuell missbraucht.

Seither hat sie in ihren Liebesbeziehungen viel Pech gehabt. Sie wurde ausgenutzt, ein Partner war Alkoholiker, ein anderer gebunden. Diese Partnerwahlen hängen nach dem ersten Eindruck des Therapeuten (männlich, 61 Jahre alt) mit ihren Selbstgefühlsproblemen zusammen. Seit sie ihre körperlichen Symptome hat, fühlt sie sich zu einer sexuellen Beziehung nicht in der Lage. Inzwischen ist sie für diese Dinge nach ihrem energischen Bekunden »viel zu alt«.

Später entwickelt diese Patientin eine heftige erotische Übertragung und wirft dem Therapeuten vor, er quäle eine alte Frau mit Gefühlen, die nicht in ihr Leben passten. Sie habe bisher gedacht, dass im Alter von 50 Jahren die Sexualität vorläufig, im Alter von 60 Jahren aber definitiv abgeschlossen sei. So habe sie immer für über 60-jährige Männer geschwärmt, weil eine Frau sicher sein könne, von diesen in Ruhe gelassen zu werden. Diese Überzeugung habe der Therapeut zerstört, sie traue jetzt keinem 60-Jährigen mehr über den Weg.

Die Aussage »dafür bin ich zu alt« muss genauer untersucht werden; sie kann einen Reifungsschritt so gut anzeigen wie Widerstände gegen eine Veränderung und depressive Resignation.

Der 45-jährige Angestellte hat bisher achtmal die Stelle gewechselt, weil er nicht in der Lage war, sich in eine Hierarchie einzufügen. Er beharrte beispielsweise darauf, dass seine Leistung jedes Mal eigens ausgewiesen wurde, wenn ein Vorgesetzter sie präsentierte. Da diese Rücksichtnahme in vielen Unternehmen nicht üblich ist, gelang es ihm zuletzt mit Mühe, einen neuen Arbeitsplatz zu finden; er hatte nur dank seiner ausgeprägten und genau in das Anforderungsprofil passenden Qualifikationen eine Chance. Inzwischen hatte er mit einer Psychotherapie begonnen. Als nun auch der neue Chef seine Fähigkeiten »ausnutzte«, ohne ausdrücklich auf ihn hinzuweisen, sagte er nachdenklich: »Ich habe mich diesmal nicht mehr so aufgeregt wie früher. Vielleicht bin ich zu alt dafür, solche Eitelkeiten derart wichtig zu nehmen.«

Die 38-Jährige leidet unter ihrer Einsamkeit. Sie berichtet davon in einer therapeutischen Gruppe. Die Mitglieder machen Vorschläge: Sie könne doch eine Anzeige aufgeben, im Internet suchen oder einfach ein schönes Kleid anziehen und sich an einem Sommertag in ein Straßencafé setzen!

»Dafür bin ich zu alt«, ist die Antwort. »Das kann man vielleicht mit zwanzig machen, aber doch nicht in meinem Alter, da denken doch alle, ›seht die, die hat keinen abgekriegt!‹ Das ertrage ich nicht!«

Im 19. Jahrhundert waren Schaubilder in den Fibeln beliebt, auf denen das menschliche Leben als Stufenpyramide dargestellt war. Auf der linken, aufsteigenden Seite Säugling, Kleinkind, Schulkind, Jungfrau und Jüngling. Braut und Bräutigam krönten das Ganze. Dann der Abstieg: Elternschaft, rüstiges Alter, Greisenalter und Tod.

Heute lösen sich solche Systeme auf. Die Bilder sind individualisiert. Durchtrainierte Pensionisten schlagen ungeübte junge Männer im Sport. Eine 60-Jährige in Hollywood sieht jünger aus als eine 30-Jährige in den Slums. Dennoch haben sich im Hintergrund viele Fantasien erhalten, welche ein dem eigenen Alter »angemessenes« Verhalten nahe legen.

Die gegenwärtige Mischung aus Gültigkeit und Ungültigkeit der Lebensalterrollen befreit die vom Glück Begünstigten und Privilegierten. Aber sie verwirrt auch viele Menschen, die durch keine festen Zuschreibungen mehr gehindert werden, sich lange Zeit »zu jung« zu fühlen, um dann irgendwann zu erkennen, dass sie »zu alt« geworden sind.

Eine 52-Jährige, die mit großem Elan aus ärmsten Verhältnissen in eine akademische Karriere gefunden hat, vereinbart schockiert mit ihrem früheren Therapeuten einen Krisentermin. Sie hat erfahren, dass der Mann, mit dem sie vor sieben Jahren zusammen war, jetzt geheiratet hat, weil ein Kind unterwegs ist.

Damals hat sie auch daran gedacht, schwanger zu werden, war aber nicht überzeugt genug von der Beziehung und wollte noch warten. Sie hat es sogar ein paar Mal darauf ankommen lassen, als sie mit ihm schlief. »Ich habe immer gedacht, es ist noch nicht soweit, es ist irgendwie zu früh, ich bin zu jung. Aber ich habe nie gedacht, dass es irgendwann wirklich zu spät ist!«

Das Thema Wettlauf mit der Zeit ist zu allgemein, um als Oberbegriff für eine Psychotherapie im Alter zu stehen. Wer sich auf einen solchen Kampf einlässt, wird leichter entmutigt als nötig. Was immer möglich ist und gefördert werden sollte, ist das Eintauchen in Zustände der Zeitlosigkeit, die der Emotion und dem Unbewussten immer eigen sind – Angst und Trauer, Wut und Lust fühlen sich nach sechzig Jahren noch an wie eh und je; nur die Strukturen haben sich verändert, in denen sie sich entfalten.

Das Alter der Symptome

Nur in einem Punkt ist das Alter für die Psychotherapie wirklich bedeutsam: als Alter der Probleme, der Symptome, über die jemand berichtet. Für die Erfolgsaussichten einer Behandlung gilt in Medizin und Psychologie ein ähnliches Gesetz: Das Alter der Symptome ist wichtiger als das Alter der Kranken. Wenn ein 25-Jähriger, der seit seinem 14. Lebensjahr Drogen konsumiert, eine Therapie beginnen möchte, ist die Aufgabe für den Therapeuten erheblich schwieriger, sind die Aussichten auf Erfolg düsterer als angesichts eines 66-Jährigen, der seit einem Jahr an Angstzuständen erkrankt ist.

Gegenwärtig haben Frauen und Männer an der Pensionsgrenze noch rund dreißig Jahre vor sich. Diese Spanne wird sich in Zukunft eher verlängern als verkürzen. Die emotionalen Probleme, die sich in diesen Jahren entfalten können, sind vielleicht stürmischer als die der Dekaden vorher; Psychotherapie im Alter weist Parallelen zur Therapie von Heranwachsenden auf. Es geht um neue Strukturen, die gefunden werden müssen, und um den Abschied von Bestätigungen, die in der bisherigen Form nicht mehr funktionieren. Daher ist es auch gar nicht selten, dass in dieser Lebensphase gänzlich neue Symptome auftreten – Ängste, Depressionen, Hypochondrie.

Wiederholung und Neubeginn

Wenn sich das subjektive Zeiterleben im Alter beschleunigt, liegt das nicht zuletzt daran, dass wir Wiederholungen weniger Aufmerksamkeit schenken und sie als Routine in einem Zustand verminderter Aufmerksamkeit erledigen. So erinnern wir uns an eine dreiwöchige Fernreise ausführlicher und intensiver als an zehn Jahre gleichmäßiger Arbeit im Büro.

Angeblich ist die Mitte der erlebten Zeit bereits im Alter von zwanzig Jahren erreicht. Obwohl solche Objektivierungen in einem so subjektiven Erlebnisfeld nicht sonderlich aussagekräftig sind, kennt doch jeder Ältere aus eigenem Erleben, dass Tage und Wochen viel schneller vorbeiziehen.

Was sich in der Kindheit schier unübersehbar dehnte, ist überschaubar; die Sonne steigt zum Frühlings- und Sommerpunkt, dann sinkt sie wieder; die Wege in der Heimatstadt, im vertrauten Urlaubsort sind dieselben. Erinnerungen haben es schwer, sich mit Jahreszahlen zu verbinden. Nur große, einschneidende Ereignisse, ein Todesfall, ein Hauskauf, die Geburt eines Kindes oder eines Enkels ragen aus dem Einerlei.

Das hat für die psychotherapeutische Arbeit mit Alten zwei Folgen. Auf der einen Seite ist es schwerer, sie für eine Behandlung zu motivieren, denn diese bedeutet einen Bruch mit der Routine und konfrontiert mit der eigenen Erstarrung, mit dem Unwillen, sich noch auf neue Situationen einzulassen. Auf der anderen Seite ist es auch schwerer, eine Therapie zu beenden, die als Teil des eigenen Lebens erlebt wird und ein Stück Sicherheit und Lebensqualität bietet.

Nur die kritisch diskutierbare Erfahrung bereichert eine Beziehung. Erfahrung, die sich autoritär verabsolutiert, drückt Selbstgefühlsprobleme aus und kann keinen Beitrag zu ihrer Lösung leisten. Dann wird »Erfahrung« zu Abwehr von Erfahrung, die beispielsweise der ältere Psychotherapiepatient gegen einen jüngeren Therapeuten richtet. »Haben Sie erst einmal meine Lebenserfahrung ...« Erfahrung als reine Wiederholung stumpft ab; sie macht buchstäblich dumm. Erfahrung als Verarbeitung von Konflikten, als Schatz von Lösungen, die sich schon einmal bewährt haben, ist von unersetzlichem Wert.

Wer eine Lösung anzubieten hat, wem ein origineller Einfall zufliegt, der wird es nicht für nötig halten, als Quelle seine Erfahrung ins Feld zu fuhren. Wer hingegen von seiner vieljährigen Erfahrung spricht, als ob er damit Gewicht für seine Aussage gewänne, sagt mehr über seine narzisstische Bedürftigkeit als über sein Thema. Ich erinnere mich an einen Kollegen, der einer Diskussionsbemerkung auf einem Therapeutenkongress die Aussage vorausschickte, er habe in dreißig Jahren klinischer Praxis Erfahrungen mit zehntausend Patienten gesammelt. Dann sagte er einige Banalitäten und setzte sich wieder. Ich dachte im stillen an den Sponti-Spruch: »Esst Scheiße! Millionen Fliegen können sich nicht irren!«

Menschliche Kreativität ist so flüchtig wie erotische Spannung – daher fruchtet es überall wenig, ein Leporello-Verzeichnis über eigene Eroberungen anzulegen. Das Geheimnis bleibt im Dunkeln, das Zählbare wird gezählt. Wenn ein älterer Therapeut auf seine große Erfahrung angesprochen wird, muss er darin ein Ablenkungsmanöver erkennen. Durch die Schmeichelei soll seine Bereitschaft gesteigert werden, ein Abwehrmanöver des Patienten nicht anzutasten.

Wenn ein älterer Patient sich gegenüber einem jüngeren Therapeuten auf seine Erfahrung beruft, signalisiert das einen verborgenen, schambesetzten Mangel im Selbstgefühl. Anscheinend fällt es dem Betroffenen schwer, sich von der Überlegenheit zu verabschieden, die zu Beginn unseres Lebens durch Altersklassen geprägt wird und nie ganz verschwindet.

Natürlich finden wir uns damit ab, dass Jüngere Auszeichnungen erhalten, die uns vorenthalten bleiben. Aber je stärker wir den Eindruck haben, übersehen zu werden, desto ausgeprägter wächst das Empfinden, dass das so nicht in Ordnung sein kann. Wenn ein Älterer den Orden erhält, den ich erwarte, kann ich noch hoffen, ihn in seinem Alter auch zu bekommen. Wird aber ein Jüngerer ausgezeichnet, bin ich zu spät dran und fühle mich entwertet oder bestraft.

Alles, was ein Patient mitbringt, sollte zunächst einmal als Ressource für die Therapie angesehen werden. Freud war das selbstverständlich, es gehörte für ihn zur ärztlichen Haltung, die ein analytisches Vorgehen fundiert. Aber manche übereifrigen Therapeuten sind sehr schnell bereit, einen Widerstand, ein Nicht-Ernstnehmen der Therapie beim ersten Verdacht zu bekämpfen und dadurch womöglich die Gefahren heraufzubeschwören, die sie jetzt schon voreilig zu erkennen meinen.

Wenn der ältere Patient fürchtet, in seinen Erfahrungen, seinem Wissen nicht angenommen und berücksichtigt zu werden, ist es wichtig, diese Angst zu lindern, so gut es geht, ihm Respekt zu bekunden, ihn erzählen zu lassen, sich über die therapeutische Arbeit mit ihm zu beraten und Eskalationen zu vermeiden, wenn er versucht, sich durch Entwertung des »zu jungen« oder »unerfahrenen« Therapeuten aufzuwerten. Ebenso verbreitet sind aber Entwertungen älterer Patienten durch junge Therapeuten, die in einer intensiven Begegnung ihre eigene Verdrängung des Alterns gefährdet sehen.

Je weniger das Rollenmuster in einer Therapie von dem sozial üblichen Vorbild in Erziehung, Belehrung und Führung abweicht, desto weniger wird auch das professionelle Bewusstsein geschärft. Ein Therapeut, der immer nur Personen behandelt, die jünger und weniger qualifiziert sind als er selbst, hat viel weniger Möglichkeiten, in Krisen und Verunsicherungen die eigene professionelle Aufgabe zu entwickeln. Er übt seine Fertigkeiten nicht mehr als ein Steuermann, der nur bei schönem Wetter in Sichtweite der Küste segelt. Erst angesichts älterer Menschen, die einen höheren sozialen Rang haben und mehr wissen als der Therapeut, kann dieser seine Professionalität finden und behaupten. Er kann sich und dem Klienten klar machen, dass es nicht darauf ankommt, Überlegenheit zu beweisen, sondern in unterschiedlichen Rollen zusammenzuarbeiten, dass Rivalität nicht ausagiert, sondern benannt und auf ihre Sinnhaftigkeit geprüft wird.

Eine einerseits bürokratisch kontrollierte, andererseits von einer rasanten technischen Entwicklung geprägte Kultur wie die gegenwärtige Konsumgesellschaft ist in Gefahr, ihre eigenen Wurzeln zu verlieren. Sie idolisiert Fitness und schnelle Anpassung, körperliche Glätte, eine ästhetisierte Erotik und kreiert einen Jugendkult. Damit treten die Möglichkeiten zurück, das Zerrbild des rein biologischen und damit defizitären Alterns im öffentlichen Erleben durch Hochschätzung von Erfahrungsreichtum, Besonnenheit und Weisheit zu ergänzen. Die außerordentliche Langlebigkeit des Menschen hat aber genau diesen Sinn: Es dient der Kultur, wenn es Personen gibt, die im Lebensrückblick viele Moden vergleichen und relativieren können, die selten auftretende Ereignisse bereits kennen und ideologischen Überschwang mäßigen.

Der französische Präsident Aristide Briand antwortete auf die Frage, warum er so viele 80-Jährige in Regierungsämter genommen habe: »Weil es nicht mehr genug 90-Jährige gibt!« (Bibring 1969, S. 278)

2. Der Verlust der Berufstätigkeit

Mephistopheles:

Ich suchte nach verborgen-goldnem Schatze

Und schauerliche Kohlen trug ich fort.

Baccalaureus:

Gesteht nur, Euer Schädel, Eure Glatze

Ist nicht mehr wert als jene hohlen dort?

Mephistopheles (gemütlich):

Du weißt wohl nicht, mein Freund, wie grob du bist?

Baccalaureus:

Im Deutschen lügt man, wenn man höflich ist.

Goethe, Faust II

Freud hat einmal bemerkt (Das Unbehagen in der Kultur, S. 31), dass die Arbeit das beste Mittel ist, um den menschlichen Realitätsbezug zu festigen und uns damit vor Neurosen zu schützen. Ironisch setzte er hinzu, die Beliebtheit der Arbeit entspreche ihren Vorzügen keineswegs.

Diese Dynamik lässt sich in einer psychotherapeutischen Praxis fast jeden Tag bestätigen. Die meisten Menschen erfassen die volle Bedeutung der Arbeit für ihr Selbstgefühl und für ihren Schutz vor Depressionen erst, wenn sie eine Arbeitsmöglichkeit verloren und noch keine neue gefunden haben. Allerdings sollten wir solche Betrachtungsweisen nicht vorschnell verallgemeinern. Befragungen haben gezeigt, dass sich die im mittleren Lebensalter vorherrschende vage Hochschätzung der Pensionierung kurz vor dem tatsächlichen Ereignis erheblich verschlechtert. Kurz nach der Berentung kommt es bei vielen Personen zu einer kurzfristigen Erholung; anschließend aber dominiert eher die Enttäuschung, bis die Einstellung auf die neue Realität vollzogen ist.

Umfrageergebnisse zeigen, dass eine Mehrheit der deutschen Bevölkerung ihre Pensionierung positiv beurteilt. Interessant ist hier ein Unterschied zwischen Männern und Frauen: 76 Prozent der verheirateten Männer, aber nur 45,5 Prozent der Frauen, die mit einem Mann zusammenleben, empfanden die Pensionierung sechs Monate später als Erweiterung ihrer Lebensmöglichkeiten (Niederfranke 1991).

Depressive Krisen im Zusammenhang mit Pensionierung oder Berentung hängen nicht selten damit zusammen, dass die Berufsarbeit zwiespältig erlebt wurde. Der Patient hat schon früher den Bezug seiner Tätigkeit zu seiner Psyche verloren. Er hat nicht nur nach außen behauptet, seine Arbeit sei lästig, und über die Plackerei mit miesen Kollegen, unfähigen Vorgesetzten, unmotivierten Mitarbeitern geklagt. Er hat das auch tatsächlich so erlebt. Was ihn an der Arbeit hielt, war in seinem Erleben die Pflicht, für sich oder seine Familie zu sorgen.

Unzufriedenheit in der Arbeit wird sehr häufig mit der Mühe verknüpft, welche die Arbeit macht. Dann richten sich Aggressionen gegen jene, die sich nicht so viel Mühe machen müssen. In Wahrheit ist es jedoch nicht die Arbeit, die zu anstrengend oder zu wenig sinnhaft ist, sondern es geht um einen Mangel an Anerkennung.

Ein charakteristisches Konfliktfeld ist hier der Haushalt. Ein Mensch, der die beruhigende und das Selbstgefühl stützende Qualität eines geordneten Hauswesens erkannt hat, gewinnt einen seelischen Halt, der Personen in verwahrloster Umgebung fehlt. Während aber der von mir für mich geführte Haushalt eine beruhigende Stabilität entfaltet, wird der gemeinsame Haushalt eine Quelle von Konflikten, in denen die auf angenehme Weise von Stress und Ängsten ablenkende Hausarbeit zum Opfer wird, das ich einem Partner bringe und für das ich Anspruch auf Gegenleistungen habe.

In dieser Situation kommt es zum Streit. Die Partner fühlen sich ausgebeutet und versuchen, diese Situation durch Anklage oder Streik zu verändern. Dadurch wird ihr seelisches Leid jedoch nicht behoben, es verschlimmert sich, weil beispielsweise bei den Streikenden die entlastende Ablenkung durch die Arbeit wegfällt, ohne dass etwas an ihrer Stelle gewonnen wird.

So gibt es Ehen, in denen der Mann die Großeinkäufe macht, die Fahrräder repariert, die Heizung wartet und den Rasen mäht, während die Frau kocht, putzt und wäscht. Beide sind damit zufrieden und fühlen sich wohl. Und es gibt Ehen, in denen sich bei gleicher Arbeitsverteilung die Frau ausgenutzt fühlt und dem Mann vorwirft, er tue nichts für den Haushalt, während der Mann über einen unselbstständigen Putzteufel jammert, der keinen Rasenmäher bedienen und nicht Auto fahren kann.

Nicht die objektive Belastung durch die Arbeit führt hier zum Streit, sondern das Empfinden, ausgenutzt zu werden. Es geht um Haltungen: Einmal ist der Bezug zur Arbeit selbststabilisierend; die Betroffenen genießen die Funktionslust, sie freuen sich, dass sie arbeiten können. Im anderen Fall wird die Arbeitshaltung von außen stabilisiert. Die Betroffenen erwarten Anerkennung und rechnen mit Lob oder anderen Gratifikationen.

Da sich die meisten Menschen nicht genug anerkannt fühlen, ergibt sich eine gefährliche Situation. Wenn Anstrengung ein Maß dafür ist, wie viel ich geleistet habe, bedeutet mehr Anstrengung auch mehr Leistung und mehr Anerkennung. So wird Arbeit subjektiv anstrengend gemacht, wird als Mühe und Qual erlebt, um in der Folge mehr Lohn zu erhalten. Sie muss ungeliebt bleiben, denn nur so wird ein Liebesanspruch erworben – wer seine Arbeit gerne tut, müsste eben darum schon zufrieden sein. »Ich plage mich hier mit dem Haushalt, während du deinen Job im Büro genießt!« – »Ich maloche den ganzen Tag, und du jammerst, weil du mit den Kindern zum Spielplatz gehen musst!«

Im Alter kann das zu einer bedrohlichen Situation führen, die nicht zuletzt deshalb so tückisch ist, weil wir ihre Folgen oft erst dann erkennen, wenn es zu spät ist. Wer unbewusst seine Arbeit tut, weil er sich Anerkennung erhofft, wer davon träumt, mehr Mühe sichere ihm auch mehr Anspruch auf Lob, der wird in seinem Arbeitsleben resignieren, sobald er einen stabilen Zustand erreicht hat und keine Beförderung, kein Mehr an Anerkennung mehr zu erwarten ist. Daher wird er versuchen, sich der Arbeit so früh wie möglich zu entledigen, und über seiner Fantasie einer grandiosen Entlastung und Befreiung übersehen, was er verliert.

Zur Vorbeugung einer Depression

Für die Depression gilt, was Macchiavelli für die Politik zitiert hat: Solange ein Leiden gut heilbar ist, ist es schwer zu erkennen; lässt es sich aber nicht mehr übersehen, ist die Heilung oft nicht mehr möglich. Wenn jemand seine Ehe oder seine Karriere zerstört, weil sie seine hohen Ansprüche nicht befriedigten, ist es nachher nicht leicht, ihn für eine Zukunft als Trümmersortierer zu gewinnen.

In ihrem Buch »Karrierestrategien für Frauen – Lust auf Erfolg« hat sich Dorothee Echter auch mit dem Ausstieg aus dem Beruf befasst (das ist gewiss ein weiblicher Gedanke in einer Darstellung über Karrierestrategien; ich kann mir ein solches Kapitel im Text eines männlichen Autors nicht recht vorstellen). Sie vergleicht diese Phase mit dem Einstieg in den Beruf. Wie es schon während des Studiums sinnvoll ist, Kontakt zu Unternehmen, zum Arbeitsleben aufzubauen, so ist es jetzt wichtig, Kontakt zur neuen Lebensphase anzuknüpfen, Visionen, Träume und Ziele für sie zu entwickeln, den Ausstieg zu erproben, etwa durch lange Urlaube, und ihn so weit wie möglich selbst zu bestimmen.